Die NRW-Hochschulen: Öffentliches Bildungssystem und internationaler Wettbewerb

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1 Die NRW-Hochschulen: Öffentliches Bildungssystem und internationaler Wettbewerb Rede von Hannelore Kraft MdL, Ministerin für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, beim Außerordentlichen Landesparteitag der NRW-SPD am 14. Juni 2003 in Bochum Es gilt das gesprochene Wort! I. [Hochschulen im Gesamtsystem Bildung] Hochschule ist ein zentrales Element des Gesamtsystems Bildung. Heute studiert rund ein Drittel jedes Jahrgangs. Das ist zu wenig. Die demographische Entwicklung, aber auch die wirtschaftlichen Veränderungen, zeigen deutlich: Die Arbeitswelt von morgen braucht mindestens 40 Prozent akademische Arbeitskräfte. 40 Prozent, das heißt auch: Wir müssen und wollen alle mitnehmen, und wir dürfen keine Intelligenzressourcen verschenken. Als führende Wirtschaftsregion muss NRW mehr denn je auf die Ressource Mensch setzen. Nur gut ausgebildete Bürger und Bürgerinnen können in der Wissensgesellschaft von heute und morgen neue Dienstleistungen und Produkte entwickeln, erforschen und bearbeiten. Aber: Wir brauchen nicht nur mehr sondern auch deutlich bessere Hochschulbildung, sowohl in der Breite als auch in der Spitze. II. [Hochschulen: Unsere Zielsetzung] Was wollen wir mit unserer Wissenschaftspolitik erreichen, wo wollen wir hin? Ich nenne drei Hauptziele: 1. Wir müssen mehr junge Frauen und Männer zum Studium ermuntern und dafür sorgen, dass deutlich weniger von ihnen das Studium abbrechen als bisher. 2. Wir müssen für eine bessere Qualität des Hochschulstudiums und somit für eine bessere Ausbildung der Studierenden sorgen.

2 Wir müssen unsere Hochschulen für den internationalen Wettbewerb fit machen, damit sie mit Spitzenuniversitäten wie Harvard, Yale oder Cambridge mithalten können. Wie stelle ich mir die Verwirklichung dieser Ziele vor? III. [Der Weg dahin] Zunächst möchte ich betonen: Wir haben auf allen genannten Ebenen Reformen auf den Weg gebracht. Aber ich sage auch: Unser bisheriges Reformtempo ist zu langsam. Wir sind in zu vielen Bereichen von der Schnelligkeit der Veränderungen überholt worden. Das heißt: Statt langsam zu traben müssen wir zum Reform-Spurt ü- bergehen. Bezogen auf NRW bedeutet dies, einen großen Tanker wendiger zu machen: Wir haben in unserem Land 57 Hochschulen. Wir reden über eine halbe Million Studierender. NRW bildet mehr als ein Viertel der akademischen Arbeitskräfte für ganz Deutschland aus. Was ist also konkret zu tun? Ich gebe darauf drei Antworten: 1. Wir müssen das System und seine Strukturen verbessern. 2. Wir müssen an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Wirtschaft für besseren Transfer sorgen. 3. Wir müssen an der Schnittstelle zwischen Schule und Hochschule für mehr Information und Transparenz sorgen. Zu 1. Ich werde die Modernisierung der inneren Strukturen unserer Hochschulen energisch voran treiben und dabei auch die NRW-Hochschulen in ein stärker zusammenhängendes System bringen. Unsere Hochschulen haben bereits den wichtigen Prozess der Profilbildung begonnen. Sie konzentrieren ihre Kräfte auf Felder, auf denen sie stark sind und bauen Schwächen ab. Allmählich, aber noch zu langsam, modernisieren sie Ihre Managementstrukturen. Gerade bei diesem Punkt werde ich hart dran bleiben. Ich habe mit den Hochschulen verabredet, dass die Erfüllung der Zielvereinbarungen, die wir gemeinsam abgeschlossen haben, kritisch geprüft wird.

3 - 3 - Das Instrument der Zielvereinbarung muss und wird weiterentwickelt werden. Grundlage dazu wird eine Landeshochschulplanung sein, die sich auf systematische Planungsdaten stützt. Ich sage auch ganz deutlich: Planung und Steuerung geht nicht allein von oben - und soll es auch nicht. Wir werden das wir mit den Hochschulen gemeinsam machen. Ich bin mir sicher, sie werden mitziehen. Nicht minder wichtig ist es, die Studienreform mit aller Kraft voran zu bringen. Konkret geht es darum, Strukturen zu überprüfen, Studiengänge zu entrümpeln und neu auszurichten. Die Studiengänge müssen sich viel stärker an den Anforderungen der Praxis orientieren. Das Studium muss auf konkrete Berufe vorbereiten. Und es muss Schlüsselqualifikationen vermitteln. Also: Nicht allein das reine Fachwissen, sondern auch soziale Kompetenzen, Fremdsprachenkenntnisse, Techniken der Kommunikation, Umgang mit dem Internet, und so weiter. Das Studium muss auch deutlich kürzer werden. Drei Jahre bis zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss sind schon längst internationaler Standard. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum das bei uns länger dauern soll. Und ganz wichtig: Die hohen Abbrecherquoten müssen runter. Dazu müssen auch die Studienbedingungen an den Hochschulen verbessert werden. Das geht nur über gezielte Information, Betreuung und Begleitung. All das führt nur dann zum Ziel, wenn die Studienreform ernsthaft betrieben wird. Wenn die Hochschulen lediglich alten Wein in neue Schläuche füllen wird sich nichts verbessern. Die Studienreform ist im Übrigen auch ein Beitrag zur Internationalisierung - und somit eine Voraussetzung dafür, dass unsere Hochschulen in der Weltspitze mitmischen können. Deshalb spielt NRW schon jetzt den Vorreiter im sogenannten Bologna-Prozess. Konkret bedeutet dies: Die Umstellung der Studienangebote auf eine konsekutive Struktur und die Einführung der internationalen Abschlüsse Bachelor und Master. Unsere NRW-Hochschulen haben seit 1999 schon über 20 Prozent ihrer Studiengänge umgestellt. Damit sind wir in der Bundesrepublik ganz vorn. Die neuen Studiengänge haben klare Vorteile. Dies zeigt das Beispiel des Bachelor- Studiengangs Sozialwissenschaften an der Uni Düsseldorf. Bis vor drei Jahren war das ein Diplomstudiengang. Die durchschnittliche Studienzeit betrug Semester, die Abbrecherquote lag über 70 Prozent. Inzwischen hat der erste Jahrgang den

4 - 4 - Bachelorstudiengang abgeschlossen: 75 Prozent haben es in der Regelstudienzeit geschafft. In Worten: 75 Prozent! Die Abbrecherquote liegt bei nur 10 Prozent. Zu 2: Im Transfer zwischen Hochschule und Wirtschaft sehe ich ein zweites wichtiges Handlungsfeld. Es liegt auf der Hand, warum gerade für Nordrhein-Westfalen der enge und dauerhafte Kontakt zwischen Hochschule und Wirtschaft lebenswichtig ist. Wissenschaft und Forschung können gerade im Prozess des Strukturwandels wertvolle Hilfestellung bieten. Ob es um technische Fragen geht oder um betriebswirtschaftliche, ob es um Fragen der Organisation und Administration geht: Unternehmen aller Branchen brauchen ständig neue Ideen und Problemlösungen. Für all das sind Wissenschaft und Forschung natürliche Partner der Wirtschaft. Dies ist unbestritten. Um so bedenklicher ist, dass die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft noch immer unzureichend ist; dass es Kommunikationsprobleme zwischen Theorie und Praxis gibt. Das gilt mehr noch für den Mittelstand als für die Großunternehmen. Wir müssen also mehr dafür tun, dass die Unternehmen an den innovativen Impulsen aus Hochschule und Forschung teilhaben. Eine stärkere Vernetzung muss auch in der Weiterbildung erfolgen. Die Hochschulen entwickeln immer mehr attraktive Studienangebote zur wissenschaftlichen Weiterbildung. Es fehlt aber die Abstimmung der verschiedenen Weiterbildungsbereiche - also der akademischen und beruflichen. Da stecken wir noch in den Anfängen. Zu 3. Meinen dritten Schwerpunkt lege ich auf die Schnittstelle zwischen der Schule und der Hochschule. In konkrete Handlungsschritte übersetzt, heißt das: Wir müssen den Übergang von der Schule in die Hochschule besser begleiten. Denn ich betone noch einmal: Wir haben deutlich zu wenig Studienanfänger und deutlich zu viele Abbrecher. Dass die Studienbedingungen zum Teil hierfür verantwortlich sind, müssen wir abstellen.

5 - 5 - Darüber hinaus ist dringend geboten, dass wir falsche Studienwahlentscheidungen verhindern. Sind wir doch mal ehrlich: Wie oft spielt der Zufall eine Rolle bei der Entscheidung für ein Studium. Wie oft spielen Faktoren eine Rolle, die mit individueller Begabung und Neigung gar nichts zu tun haben. Ich meine: Wir müssen sehr viel mehr dafür tun, dass die Studienwahl bewusst und nicht zufällig geschieht. Und ich weiß, dass Ute Schäfer das genau so sieht. Gemeinsam werden wir dafür sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler frühe Kontakte mit Hochschulen bekommen. Das wird auch helfen, die immer noch zu großen Hemmschwellen vor einem Studium senken. Als Sozialdemokratin füge ich aus tiefer Überzeugung hinzu: Insbesondere die bildungsfernen Schichten werden wir nur dann zum Studium ermuntern können, wenn das Studium klare Strukturen, kurze Studienzeiten, feste Berufsziele, kalkulierbare Bedingungen und berechenbare Berufsaussichten hat. Denn nur unter diesen Voraussetzungen stellt das Studium einen Anreiz dar, nicht gleich auf den erstbesten Job anzunehmen, sondern sich für die besseren Lebenschancen zu entscheiden. Und das wird sich solange nicht durchsetzen, solange 16 Semester Sozialwissenschaften bei 70 % Studienabbrechern noch die unrühmliche Regel sind. IV. Ich komme zum Schluss. Vieles läuft schon in die richtige Richtung. Aber wir müssen den Reformprozess erheblich intensiveren und das Tempo erhöhen. Gestattet mir noch eine Bemerkung: Mittel für Bildung - und damit auch für Hochschulen - sind Investitionen in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. So steht es auch im Leitantrag. Unser Ehrgeiz sollte es sein, dieses Bekenntnis zur realen Politik zu machen.

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