Gnade um Gnade. Überlegungen zu Johannes 1,16: Und aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade um Gnade HEBRÄISCH

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1 1 Überlegungen zu Johannes 1,16: Und aus seiner Fülle haben wir alle empfangen N#$' N#$' {shen tachat shen} Zahn um Zahn (aus 2. Mo. 21,24, Westminster-Leningrad-Codex 1983) HEBRÄISCH Nx' Nx' {chen tachat chen} (Übersetzung aus Joh. 1,16, wie in Luther, Schlachter, Textus Receptus/Aland/Wesscott-Hort ins Hebräische) Auf fällt die ähnliche Aussprache von shen (sh wie naschen) und chen (ch wie lachen, nicht wie Tschaikovsky). Es ist doch anzunehmen, dass der Vers bis zu seiner Niederschrift (allerfrühestens 8 Jahre nach Jesu Erhöhung, wohl aber erst Jahre danach) mündlich überliefert wurde, und zwar nicht nur in Griechisch, sondern auch in Aramäisch oder liturgisch gesprochen Hebräisch? GRIECHISCH ojdonta; anti; odontovß {odonta anti odontos} Zahn um Zahn (Aus 2. Mo. 21,24 in der Septuaginta) cavrin anti; cavritoß {charin anti charitos} (Aus Joh. 1,16, Textus Receptus/Aland/Wesscott-Hort)

2 2 A um A {tachat} = unter, unterhalb, unten, im Sinne von unter seinen eigenen Füßen: anstelle von, an Seiner Stelle. PONS Kompaktwörterbuch Althebräisch, Dr. Frank Matheus, Stuttgart 2006; um... willen (for sake) (Strong's Exhaustive Concordance by James Strong, S.T.D., LL.D., 1890) antiv {anti + Genitiv} = gegenüber, angesichts; hinter; statt, anstelle von; gleich (ebenso gut, ebenso viel) wie; (als Belohnung bzw. Vergeltung) für, gegen; um... willen. Langenscheidt Taschenwörterbuch Altgriechisch, Nach Dr. Hermann Menge, 13. Aufl. Berlin/München 2006 Gnade über Gnade? Ist in Joh. 1,16 denn nur im Sinne von Gnade und noch mehr Gnade zu verstehen? Zeitgemäße Übertragungen legen den Sinn von jedenfalls derart fest: Aus seinem unendlichen Reichtum hat er uns mit aller erdenklichen Gnade überschüttet. (Neue Evangelistische Übersetzung (!)) Aus seinem göttlichen Reichtum hat er uns immer wieder mit seiner grenzenlosen Liebe beschenkt. (Hoffnung für Alle) Aus seinem Reichtum hat er uns beschenkt, uns alle mit grenzenloser Liebe überschüttet. (Gute Nachricht Bibel, 1997) Aus seinem Reichtum hat er uns beschenkt; er hat uns alle mit Güte überschüttet. (Gute Nachricht Bibel, 1982) Aus seiner Fülle haben wir alle Gnade über Gnade erhalten. (Bibel in gerechter Sprache) Wir haben genommen, haben empfangen, erhalten. In den Übertragungen ist aber ER der handelnde dieses Satzes. Gnade über Gnade übersetzen aber auch Hermann Menge (Derselbe wie Autor des Langenscheidt-Wörterbuchs?) und die Einheitsübersetzung, und auch der Kommentar William McDonalds (Kommentar zum Neuen Testament. 3. Aufl. CLV, Bielefeld, 2001; S.346) liest sich in diesem Sinne: überströmende Gnade; gerade diese Bedeutung fehlt aber dem ajntiv!

3 3 Gnade, Liebe, Güte? Gnade, Liebe und Güte sind zwar alles korrekte Übersetzungen des griechischen carivß. Dass Gnade gemeint ist, legt aber der folgende Vers 17 nahe: Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Gnade und Wahrheit sind es nämlich erst, die dem Gesetz die Eigenschaft einer tödlichen Waffe nehmen: der Wahrheit verpflichtet und, um die Unkenntnis der ganzen Wahrheit wissend, gnädig angewandt. Nicht-Konkordante Ansätze: A um B? Nach dem Sinn A um B willen, könnte man die zwei Vorkommen von carivß etwa übersetzen mit Gnade um der Liebe willen oder Güte aus Gnade. Von diesem Vorgehen ist aber abzuraten, da Johannes an jeder anderen Stelle ajgavph für Liebe verwendet: im Evangelium, in den Briefen und in der Offenbarung. Es ist nicht erforderlich, ein und dasselbe Wort carivß mit zweierlei Bedeutung zu übersetzen. Gnade um der Gnade willen: Gnade aus Gnade? Wie bereits erwähnt, sind wir alle in dem griechischen Satz die Handelnden, die etwas tun: nämlich nehmen, empfangen. Sagt uns der Vers nicht auch, dass wir dennoch nur um der Gnade Gottes willen, allein aus Gnade also, überhaupt befähigt sind, Seine Gnade anzunehmen, dass es nicht unser Verdienst sein kann? Gnade gegen Gnade: Gottes Gnade um unserer Gnade willen? Eine andere Vorstellung ist die, dass Gott um unserer Gnade Willen selbst Gnade walten lässt. Wir sollen ja auch so beten Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der uns etwas schuldig ist! (Lukas 11,4). Doch erstens ist es so weit mit unserer Gnade auch nicht her, und zweitens wäre das auch wieder eine Rechtfertigung aus den Werken: unser gnädiges Tun als Grund für Gottes Gnade.

4 4 Gottes Gnade anstelle unserer Gnade Da wir Menschen von Natur aus gar nicht zur Gnade fähig sind und wie wir das Gesetz anwenden, führt uns das umso deutlicher vor Augen setzt Gott die Gnade Christi, des Menschensohnes Jesu, an die unerfüllte Statt unserer Gnade: ein Mensch ist zur Gnade fähig. Zahn um Zahn: Mein Zahn um deines Zahnes willen? In Exodus 21,20-27 lesen wir (Schlachter-Üersetzung, 2000; Hervorhebungen von mir): (20) Und wer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit einem Stock schlägt, so dass sie ihm unter der Hand sterben, der soll unbedingt bestraft werden; (21) stehen sie aber nach einem oder zwei Tagen wieder auf, so soll er nicht bestraft werden, weil es sein eigener Schaden ist. (22) Wenn Männer sich streiten und eine schwangere Frau stoßen, so dass eine Frühgeburt eintritt, aber sonst kein Schaden entsteht, so muss [dem Schuldigen] eine Geldstrafe auferlegt werden, wie sie der Ehemann der Frau festsetzt; und er soll sie auf richterliche Entscheidung hin geben. (23) Wenn aber ein Schaden entsteht, so sollst du geben: Leben um Leben, (24) Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, (25) Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Beule um Beule. (26) Wenn jemand seinem Knecht oder seiner Magd ein Auge ausschlägt, so soll er sie freilassen für das Auge. (27) Und wenn er dem Knecht oder der Magd einen Zahn ausschlägt, soll er sie auch freilassen für den Zahn. Ein und dasselbe wird in den Versen übersetzt mit um, in den Versen mit für das/den. Beiden Ausdrücken gemein ist der Ausdruck um des Auges, des Zahnes willen. Das Resultat der gebotenen Handlung an den Sklaven (Vs ) ist deren Freiheit. Ist dabei die Schädigung des Schädlings (Vs. 21!) alleinige Absicht, Vergeltung im Sinne von Rache also, so können wir auch Zahn für Zahn lesen. Ist hingegen das Wohl des Geschädigten die eigentliche Absicht, so müssen wir auch Zahn um Zahn anders lesen: Zahn anstelle von Zahn - Leben anstelle von Leben, Auge anstelle von Auge, Hand anstelle von Hand, Fuß anstelle von Fuß: das bedeutet, dass ich mein Leben für den Geschädigten einsetze, dass ich ihm da tatkräftige Hilfe werde, wo er das durch die Schädigung nicht mehr kann. Brandmahl anstelle von Brandmahl, Wunde anstelle von Wunde, Beule anstelle von Beule

5 5 bedeutet, dass ich mich in die Schmerzen des Geschädigten einfühle, dass ich Mitleid übe. Das mit ausschlägt übersetzte lypiya bedeutet eigentlich fallend macht und hat denselben Stamm - lpn wie die Fehlgeburt (Vs. 22!): lpen". Wenn der Sklave einen Zahn verliert, muss er freigelassen werden, so wie das verlorene Kind der Frau ausgelöst werden muss. Es geht in jedem Fall um das Wohl des Geschädigten, durch Wiedergutmachung oder Auslöse, und nicht um die Befriedigung von Rachebedürfnissen. Backe anstelle von Backe, Mantel anstelle von Hemd Jesus spricht: Ihr habt gehört, dass gesagt ist:»auge um Auge und Zahn um Zahn!«Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Hemd nehmen will, dem lass auch den Mantel (Matthäus 5,38-40). Das ist eine klare Aufforderung Gnade anstelle der fehlenden Gnade des Anderen walten zu lassen die Gnade Jesu nämlich. Indem es dem Anderen an Gnade fehlt, ist er geschädigt. Schädling und Wohltäter Diese Schädigung gewinnt dort Raum, wo wir ihm zum Anstoß werden, obgleich wir selbst es nicht sind, die ihn da schädigen. Ebensowenig ist es aber auch der Streithahn in Exodus 21,22-24: Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommts nicht daher, dass in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten? fragt Jakobus (Kapitel 4, Vers 1). Wie man sie überwindet, das zeigt auch, wer sie in unseren Gliedern erzeugt: So seid nun Gott untertan. Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch. (Jakobus 4,7). Der Teufel hat alle geschädigt, so dass wir andere schädigen. Unterwerfen wir uns Gott, halten wir also Jesu Wort (Joh. 14,23), so nehmen wir Seine Gnade an unserer eigenen mangelnden Gnade statt an: N#$' N#$' Nx' Nx' statt Zahn um Zahn Jürgen Zimmermann, anno domini 2007

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