Rede von Hans W. Reich. Die Mittelstandsfinanzierung und -förderung im Wandel

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1 Rede von Hans W. Reich Sprecher des Vorstandes der KfW-Bankengruppe Die Mittelstandsfinanzierung und -förderung im Wandel am 21. Oktober 2003 zum Tag des industriellen Mittelstandes in Berlin die Finanzierungskultur in Deutschland verändert sich dramatisch. Jahrzehntelang gültige Strukturprinzipien verlieren zunehmend an Bedeutung und insbesondere die klassische Mittelstandsfinanzierung ist dadurch stark unter Druck geraten. Durch Globalisierung, neue Informations- und Kommunikationstechniken sowie einheitliche Marktregularien entsteht ein transparenter und weltweit einheitlicher Finanzmarkt, auf dem die Kreditinstitute mehr denn je ihren nationalen und internationalen Anteilseignern Rechenschaft ablegen und eine angemessene Eigenkapitalrentabilität vorweisen müssen. Im Ergebnis führt dieser Strukturwandel zu einem drastisch erhöhten Wettbewerbs-, Kostenund Ertragsdruck im deutschen Finanzsektor. Zwar deuten die aktuellen Geschäftszahlen der Kreditinstitute erstmals seit Jahren wieder auf eine Besserung der Ertragslage hin, aber dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Finanzmarktwandel noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Veränderungen von Bankenlandschaft und Bankenverhalten haben unmittelbar spürbare Auswirkungen auf die Unternehmensfinanzierung! Mit unserer gemeinsam mit den Wirtschaftsverbänden jährlich durchgeführten Unternehmensbefragung können wir die Auswirkungen messen: Im vergangenen Jahr berichteten beispielsweise rund 45% der befragten Unternehmen, dass die Kreditaufnahme schwieriger geworden ist (Vorjahr 32%). Rund ein Drittel dieser Betriebe hat sogar Probleme, überhaupt noch einen Kredit zu erhalten. Diese Zahlen belegen: Vom Finanzmarktwandel sind nicht nur Randgruppen, sondern der Mittelstand in seiner ganzen Breite betroffen! Die wichtigsten Gründe für die Ablehnung von Kreditanträgen waren übrigens die niedrige Eigenkapitalquote, die veränderte Geschäftspolitik der Kreditinstitute und das Fehlen von Sicherheiten. 1

2 Alle 3 Faktoren lassen sich direkt mit dem Finanzmarktwandel erklären: Die durch die IT- Revolution ermöglichten Fortschritte im Bereich der Kreditrisikomessung versetzen die Banken heute in die Lage, individuelle Risikokosten für jedes Einzelgeschäft zu bestimmen. Risiko wird kalkulierbar und es reflektiert sich in den Konditionen. Gute Bonitäten erhalten günstigere Konditionen, als weniger gute Bonitäten. Zum gestiegenen Risikobewusstsein im Finanzsektor gehört auch, dass plötzlich die schon lange unterdurchschnittliche Eigenkapitalquote deutscher Unternehmen ins Visier kommt, denn Eigenkapital ist aus Sicht der Banken ein Unternehmensinterner Risikopuffer. Viel Eigenkapital bedeutet geringeres Kreditrisiko der Bank. Den gleichen Effekt haben Kreditsicherheiten, weshalb die Banken auch hierauf gesteigerten Wert legen. Schließlich ist auch die veränderte Geschäftspolitik der Banken häufig eine direkte Folge des neuen Risikodenkens: Die Entscheidung welche Geschäftsfelder forciert ausgebaut und welche gegebenenfalls zurückgefahren oder aufgegeben werden ist nicht mehr allein vom kalkulierten Ertrag, sondern auch vom Risikogehalt abhängig. Das Zauberwort heißt hier RAROC, Risk Adjusted Returns on Capital, also die risikobereinigte Rendite. Daran orientieren sich letztendlich heutzutage fast alle Kreditinstitute. Diese Entwicklungen entspringen einer ökonomischen Rationalität. Sie machen das Finanzsystem effizienter und davon profitieren dank des intensiven Wettbewerbs im deutschen Finanzsektor letztendlich auch die Kunden. Und dazu wird nach meiner festen Überzeugung auch weiterhin der mittelständische Kreditnehmer gehören. Es ist aber wichtig, dass man sich als Mittelständler der Veränderungen auf den Finanzmärkten bewusst wird und sein Verhalten darauf ausrichtet, um die sich ergebenden Chancen zu nutzen. Wer die Entwicklungen ignoriert, wird auf der Verliererseite stehen! der Finanzmarktwandel stellt nicht nur die Unternehmen vor neue, ungewohnte Herausforderungen. Wenn sich wesentliche Funktionsmechanismen und Rahmenbedingungen auf den Märkten ändern, müssen natürlich auch die Förderinstrumente auf den Prüfstand. Denn für die Mittelstandsförderung resultieren aus dem Wandel der Finanzmärkte Risiken - im Sinne stumpfer werdender Instrumente - und Chancen durch die Nutzung völlig neuer Förderinstrumente. Die KfW verfolgt daher eine Doppelstrategie: Sie umfasst die Weiterentwicklung der bewährten klassischen Förderinstrumente und die Erschließung neuer, innovativer Förderansätze. 2

3 Beide Wege zielen darauf ab, den Förderkredit für Mittelständler noch günstiger und flexibler zu gestalten und die Finanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen auch für die Kreditinstitute wieder attraktiver zu machen. Auf die wichtigsten neuen Ansätze möchte ich im Folgenden kurz eingehen. Da gibt es zum einen unsere neuen Globaldarlehen zur günstigen Refinanzierung von Mittelstandskrediten. Banken und Sparkassen wandeln das KfW-Globaldarlehen in maßgeschneiderte Einzelkredite um und geben die günstigen Einstandskonditionen an die Kreditnehmer weiter. Dies gibt den Unternehmen neue flexible und kostengünstige Finanzierungsmöglichkeiten und vereinfacht bei den Kreditinstituten das Handling von Förderkrediten für den Mittelstand. Eine weitere Förderinnovation ist die Verbriefung von Kreditrisiken. Dabei kauft die KfW Mittelstandskreditrisiken von den Banken und platziert diese am Kapitalmarkt. Auf diese Weise wird bei den Kreditinstituten Eigenkapital frei, das zur Gewährung neuer Darlehen an kleine und mittlere Unternehmen genutzt werden kann. Die KfW-Verbriefungsplattformen haben viel dazu beigetragen den Verbriefungsmarkt in Deutschland "anzuschieben" und ein innovatives Kapitalmarktsegment für den deutschen Finanzsektor zu schaffen. Jetzt geht es darum, dieses Instrument weiter zu entwickeln und das Marktsegment auf eine breitere Basis zu stellen. Daher haben wir dieses Jahr zusammen mit allen Bankengruppen eine True Sale-Initiative gestartet. Im Unterschied zur bisher überwiegend praktizierten synthetischen Verbriefung, bei der lediglich das Risiko an den Kapitalmarkt transferiert wird - der Kredit also in der Bilanz der Bank verbleibt - geht es bei der True-Sale-Verbriefung um einen Verkauf der gesamten Forderung. Der Vorteil liegt darin, dass die Kreditinstitute bei solchen True sale - Transaktionen noch zusätzliche Liquidität erhalten, was ihnen die Vergabe zusätzlicher Mittelstandskredite weiter erleichtern wird. Neben Globaldarlehen und Verbriefungen ist die Fusion von KfW und DtA sicherlich die Dritte entscheidende Innovation im deutschen Fördersystem. Am 21. August wurde das Förderbankenneustrukturierungsgesetz im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Dieses Gesetz umfasst alle wichtigen Änderungen, die im Zuge der Verschmelzung der DtA auf die KfW nötig waren von der Auflösung der DtA und der Übertragung ihres Vermögens auf die KfW bis hin zur Konkretisierung und Erweiterung des Aufga- 3

4 benkataloges der neuen KfW. Damit sind KfW und DtA seit dem 22. August rückwirkend zum 1. Januar 2003 ein Haus unter dem Namen KfW. Dies ist ein ganz wesentlicher Schritt zur Erhöhung von Effizienz und Transparenz der Förderung. Gründer, Mittelständler und die durchleitenden Kreditinstitute haben in Zukunft nur noch einen Ansprechpartner. Die Verfahren werden vereinfacht und beschleunigt. Das Programmangebot wird überarbeitet, Überschneidungen werden beseitigt und es entsteht ein konsistentes und transparentes Förderangebot aus einer Hand. Effizienzgewinne kommen direkt wieder der Mittelstandsförderung zu Gute. Die Finanzierungs- und Beratungsangebote für Gründer und mittelständische Unternehmen werden unter der Marke KfW-Mittelstandsbank gebündelt. Das Konzept zum künftigen Produktangebot - das die Stärken beider Institute vereint - wurde bereits erarbeitet und wird nun Schritt für Schritt umgesetzt. Das Förderangebot der KfW Mittelstandsbank umfasst die Bausteine Kredit-, Mezzanine- und Beteiligungsfinanzierungen sowie Information und Beratung. Diese Bausteine können fast beliebig miteinander kombiniert werden und erlauben damit eine umfassende, flexible und bedarfsgerechte Deckung des Förderbedarfs. Lassen Sie mich einige zentrale Elemente des neuen Förderangebots besonders hervorheben: Mit dem Unternehmerkredit haben wir zum 1. September ein schlankes Basis- Kreditprogramm aufgelegt, das die wesentlichen Bestandteile des früheren KfW- Mittelstands- und DtA-Existenzgründungsprogramms (einschließlich Liquiditätshilfe und Betriebsmittelfinanzierung) zusammenführt und wesentlich zur Erhöhung der Fördertransparenz beiträgt. Immer wichtiger wird die Versorgung des Mittelstandes mit Eigenkapital. Um hier die Lücke zu schließen, planen wir Anfang nächsten Jahres die Einführung einer neuen Produktfamilie Unternehmerkapital. Diese wird ein breites Mezzanine-Finanzierungsangebot für unterschiedliche Unternehmenstypen, von Gründern bis zu gestandenen Mittelständlern, beinhalten. Auch die Beteiligungsmarktförderung kommt auf den Prüfstand und wird im Rahmen der KfW Mittelstandsbank im Verlauf des nächsten Jahres neu konzipiert. Besondere Schwerpunkte werden wir hier neben der Unterstützung des Start-up Sektors auf die Ent- 4

5 wicklung eines neuen Marktsegmentes für den breiten Mittelstand legen, der auf dem Beteiligungskapitalmarkt bisher weitgehend außen vor bleibt. Information und Beratung sind in einer Phase des Umbruchs besonders wichtig. Die KfW Mittelstandsbank wird daher ihr Angebot in diesem Bereich konsequent ausbauen. Ein erster Schritt in diese Richtung ist das KfW-Gründercoaching, das zunächst als Pilotmodell in den neuen Bundesländern gestartet ist. Angehende Unternehmer präsentieren hierbei ihr Vorhaben einem Expertenteam. Für besonders Erfolg versprechende Projekte vermittelt die KfW Mittelstandsbank Unternehmensberater aus ihrem Pool und übernimmt die Kosten. wie Sie sehen, reagiert auch die KfW als Förderbank auf die Veränderungen die der tiefe strukturelle Umbruch im Finanzsektor mit sich bringt. Nicht nur Unternehmen und Kreditinstitute sondern auch wir müssen unsere bisherigen Verhaltensweisen auf den Prüfstand stellen und gegebenenfalls neu justieren. Neben der Weiterentwicklung der klassischen Förderkreditprogramme müssen wir auch die sich im Rahmen des Finanzmarkwandels eröffnenden Chancen nutzen und gegebenenfalls völlig neue Wege zur Unterstützung von mittelständischen Unternehmen entwickeln. Diese Wege müssen bedarfsgerecht, flexibel, kostengünstig, risikobewusst und einfach sein! Wir glauben, dass wir mit der eingeschlagenen instrumentellen und institutionellen Neuausrichtung der Förderung hier auf dem richtigen Weg sind. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 5

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