Das europäische Bankensystem: Bestandsaufnahme und Herausforderungen

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1 Das europäische Bankensystem: Bestandsaufnahme und Herausforderungen Prof. Dr. Isabel Schnabel Johannes Gutenberg-Universität Mainz Konferenz Europa: Eindämmung der Krise, und dann? Wirtschaftsdienst / ZEW Mannheim Berlin, 25. November /22

2 Einleitung Bestandsaufnahme Herausforderungen Niedrigzinsphase Strukturelle Probleme Risikoverbund zwischen Banken und Staaten Fragmentierung Fazit 2/22

3 Einleitung Akute Krise ist (hoffentlich) vorüber Aufräumarbeiten und Vorsorgemaßnahmen gegen zukünftige Krisen sind noch lange nicht abgeschlossen Große Fortschritte beim Aufbau einer neuen europäischen Aufsichtsarchitektur (Bankenunion) Aber: Diese hilft kaum bei der Lösung bereits bestehender Probleme Krisenmaßnahmen haben die Situation erfolgreich stabilisiert, aber aus ihnen erwachsen neue Risiken Hinzu kommen strukturelle Probleme, die nicht gelöst wurden 3/22

4 Einleitung Bestandsaufnahme Herausforderungen Niedrigzinsphase Strukturelle Probleme Risikoverbund zwischen Banken und Staaten Fragmentierung Fazit 4/22

5 Bestandsaufnahme: Kapitalisierung Deutliche Verbesserung der Kapitalisierung der europäischen Banken Regulatorische Eigenkapitalquoten liegen im Schnitt bereits jetzt oberhalb der Basel-III-Anforderungen Auch ungewichtete Eigenkapitalquoten sind gestiegen, allerdings nicht in gleichem Maße Teilweise regulatorische Arbitrage, z. B. durch Umschichtung in Staatsanleihen 5/22

6 Bestandsaufnahme: Ertragslage Profitabilität der europäischen Banken ist gering, sehr kleine Margen im Bankgeschäft Aufbau von Eigenkapital durch einbehaltene Gewinne kaum möglich Nur zum Teil Folge der Krise, auch strukturelles Problem Dies gilt in besonderem Maße für Deutschland (fallende Margen seit 30 Jahren) Geringe Margen deuten auf Überkapazitäten im Bankensystem hin 6/22

7 Bestandsaufnahme: Qualität der Aktiva Dramatischer Anstieg notleidender Kredite in Krisenländern (nicht jedoch in Deutschland) NPL Außerdem nach wie vor erhebliche Risiken aus Investitionen in Krisenländern (auch in Deutschland) Große Unsicherheit über die tatsächliche Qualität der Aktiva Bilanzen enthalten mit großer Wahrscheinlichkeit versteckte Verluste (auch in Deutschland, z. B. Schiffskredite) Marktwerte europäischer Banken liegen deutlich unterhalb der Buchwerte Kurs-Buchwert Dies erschwert eine Finanzierung über den Markt 7/22

8 Bestandsaufnahme: Notleidende Kredite (SVR 2013) Schaubild 54 Inländischer Kreditbestand und notleidende Forderungen von Banken ausgewählter Mitgliedstaaten der Europäischen Union Deutschland Portugal Frankreich Spanien Griechenland Schweden Irland Italien Vereinigtes Königreich % Bestand an inländischen Krediten in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt NotleidendeForderungen 1)2) 2001= ) Die Definitionen notleidender Forderungen unterscheiden sich zwischen den Mitgliedstaaten. Daher sind Angaben zwischen den Ländern weniger gut vergleichbar als der Verlauf innerhalb eines Landes über die Zeit. Aus diesem Grund sind die Daten in Form eines Index dargestellt. Irland ab 2011 dauerhaft über 1 000(Wert im Jahr 2012: 2 170), zur besseren Lesbarkeit werden die Werte für diesen Zeitraum nicht dargestellt. 2) Jahresendwerte, Stand für das Jahr 2013: für Griechenland und Portugal: 1. Quartal 2013, für Schweden: 2. Quartal Quellen: IWF, Weltbank Sachverständigenrat 8/22

9 Bestandsaufnahme: Kurs-Buchwert-Verhältnis (SVR 2013) Schaubild 57 Kurs-Buchwert-Verhältnis von Kreditinstituten ausgewählter Länder gleitender 30-Tagesdurchschnitt 3,5 3,5 3,0 Irland Portugal 3,0 2,5 2,5 2,0 2,0 Italien 1,5 1,5 1,0 Frankreich Spanien Vereinigte Staaten 1,0 Deutschland 0,5 0, Sachverständigenrat Quelle: Thomson Financial Datastream 9/22

10 Bestandsaufnahme: Verbund zwischen Banken und Staaten Erheblicher Anstieg der Investitionen in inländische Staatsanleihen in einigen Ländern, insb. Italien und Spanien Staatsanleihen Teilweise unmittelbarer Zusammenhang mit Langfristtendern der EZB Verstärkung der Verbindung zwischen Banken und Staaten 10/22

11 Bestandsaufnahme: Investitionen in inländische Staatsanleihen (SVR 2013) Schaubild 53 Von Banken gehaltene Wertpapiere öffentlicher Haushalte ausgewählter Mitgliedstaaten des Euro-Raums in Relation zur Bilanzsumme der Banken % % Griechenland Italien Deutschland Portugal Spanien Irland Frankreich 2 0 J F M A M J J A S O N D J F M A M J J A S O N D J F M A M J J A S Quelle: EZB 0 Sachverständigenrat 11/22

12 Bestandsaufnahme: Fragmentierung des europäischen Finanzsystems Zunehmende Fragmentierung des europäischen Finanzsystems Deutlicher Rückgang der grenzüberschreitenden Kreditvergabe, insb. im Euroraum Fragmentierung Teilweise in Reaktion auf EU-Vorgaben (z. B. Landesbanken) Aber: Auslandsforderungen sind noch immer hoch (auch in Deutschland) 12/22

13 Bestandsaufnahme: Fragmentierung des europäischen Finanzsystems (IMF 2013) 60% Deleveraging by euro area banks: domestic and cross-border (Sept Sept 2012) (in percent) 40% 20% 0% -20% -40% -60% -80% Claims on MFIs Loans to non-mfis Securities other than shares (non- MFIs) Sources: ECB Consolidated Banking Statistics and IFS Note: Domestic claims on MFIs are adjusted to exclude claims on the eurosystem Shares and other equities Domestic Intra-EA Other EU ss and the associated decline in cross-border 13/22

14 Einleitung Bestandsaufnahme Herausforderungen Niedrigzinsphase Strukturelle Probleme Risikoverbund zwischen Banken und Staaten Fragmentierung Fazit 14/22

15 Herausforderungen: Niedrigzinsphase Gefahr des Aufbaus neuer Risiken bei der Suche nach Rendite Gefahr der Blasenbildung in bestimmten Marktsegmenten (Immobilien, Aktien) und eines Preisverfalls bei Zinsänderungen Wichtige Rolle der makroprudentiellen Aufsicht, z. B. loan-tovalue ratios, sektorspezifische Anhebung der Risikogewichte bei der Eigenkapitalregulierung Aber: Politische Einflussnahme gefährdet Wirksamkeit der makroprudentiellen Aufsicht Beispiel Deutschland: Dominanz des BMF im Ausschuss für Finanzstabilität (AFS) Wichtige Rolle der EZB in der makroprudentiellen Aufsicht im Rahmen des SSM 15/22

16 Herausforderungen: Niedrigzinsphase Zinsänderungsrisiken im Kreditgeschäft, insb. bei starker Fristentransformation Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch zurzeit unberücksichtigt in Säule 1 der Eigenkapitalregulierung Gerade Banken, die überwiegend im traditionellen Bankgeschäft tätig sind, (z. B. Sparkassen) sind verletztlich gegenüber Zinserhöhungen Beispiel: Krise der Savings and Loans in den USA 16/22

17 Herausforderung: Strukturelle Probleme Starker Wettbewerb im europäischen Bankensystem setzt Margen unter Druck und verhindert den Aufbau von Eigenkapital durch einbehaltene Gewinne Überkapazitäten im Bankensystem sollten abgebaut werden Hierzu müssen Marktaustritte zugelassen werden, statt nicht profitable Banken durch Staatshilfen am Leben zu erhalten 17/22

18 Herausforderung: Strukturelle Probleme Asset Quality Review zu Beginn des SSM sollte zur Marktbereinigung genutzt werden Bilanzwirksame Erfassung versteckter Verluste Schließung oder zwangweise Rekapitalisierung schwacher Banken Vorherige Vereinbarung der Lastenteilung bei grenzüberschreitend tätigen Banken Abfederung durch ESM unvermeidlich Beschränkung des SSM auf wenige große Banken problematisch 18/22

19 Herausforderungen: Risikoverbund zwischen Banken und Staaten Gefahr des Wiederauflebens der europäischen Schuldenkrise mit direkten Auswirkungen auf die Qualität der Bankaktiva Lösungen: Begrenzung der Investitionen von Banken in Staatsanleihen von Krisenländern Mittelfristig: Anpassungen der regulatorischen Risikogewichte von Staatsanleihen und Begrenzung von Konzentrationen Gemeinschaftliche Haftung in der Eurozone ist zu einem gewissen Grade unvermeidlich, wenn der Teufelskreis zwischen Banken und Staaten durchbrochen werden soll 19/22

20 Herausforderungen: Fragmentierung Fragmentierung des europäischen Finanzsystems hat volkswirtschaftliche Kosten und ist daher mittelfristig nicht wünschenswert Home bias teilweise politisch motiviert Gefahr einer Kreditklemme in Krisenländern Regulatorisch induzierte Fragmentierung sollte vermieden werden 20/22

21 Einleitung Bestandsaufnahme Herausforderungen Niedrigzinsphase Strukturelle Probleme Risikoverbund zwischen Banken und Staaten Fragmentierung Fazit 21/22

22 Fazit Banken sind nicht hinreichend stabil, um eine weitere Krise zu überstehen (konjunkturelle und strukturelle Gründe) Marktbereinigung notwendig: Umfassende Prüfung aller Banken, nachfolgende Rekapitalisierung oder Schließung Verlagerung aufsichtlicher Kompetenzen auf die supranationale Ebene wichtig, um politische Einflussnahme zu verringern (z. B. bei drohender Schließung nationaler Champions, aber auch bei makroprudentieller Aufsicht) Problem des Verbunds zwischen Banken und Staaten ist nach wie vor ungelöst 22/22

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