Möglichkeiten der Umsetzung der KMK- Förderstrategie aus pädagogischpsychologischer

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1 Möglichkeiten der Umsetzung der KMK- Förderstrategie aus pädagogischpsychologischer Perspektive Wolfgang Schneider Institut für Psychologie Universität Würzburg

2 Ausgangsproblem: Zunehmende Heterogenität innerhalb der Schulformen Traditionell ist in Grundschulen großes Leistungsspektrum vorhanden, das sich in nächster Zeit wohl weiter verbreitern wird (Inklusion). Die Heterogenität schulischer Leistungen hat in den letzten Jahrzehnten auch in der Sekundarstufe deutlich zugenommen. Differenzierungsmaßnahmen scheinen nicht nur im Hinblick auf leistungsschwache, sondern gerade auch im Hinblick auf die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler unumgänglich.

3 Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler finden sich nicht nur in der Grundschule und auf dem Gymnasium, sondern durchaus auch in anderen Schulformen Individuelle Fördermaßnahmen sollten nicht nur auf die Gymnasien beschränkt sein, sondern auch andere Schulformen miteinschließen (leistungsstarke Schülerinnen und Schüler finden sich auch in Realschulen oder Haupt-/Mittelschulen). Vielfach werden late bloomers etwa in Realschulen oder Haupt-/Mittelschulen beobachtet, die beachtliches Entwicklungspotenzial haben und individuell gefördert werden sollten, um später auf weiterführende Schulformen wechseln zu können. Wie die beiden nächsten Folien dokumentieren, ist die Lernausgangslage in Kernfächern bei einer größeren Gruppe von Realschülern und einem kleineren Anteil der Hauptschüler zu Beginn der Sekundarstufe I dafür durchaus günstig.

4 Ausgangsleistungen 5. Klasse der Bamberg-Würzburger EWIKO-Studie Mathematik 30 Lesen Häufigkeit (%) ,5-3 -2,5-2 -1,5-1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 Leseverstehensleistung 1-3,5-3 -2,5-2 -1,5-1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 Gymnasium Mathematikleistung Realschule 1 Hauptschule Prof. Dr. Wolfgang Schneider Vorlesung: Pädagogische Psychologie Gymnasium Realschule Hauptschule

5 Vergleich Entwicklungsveränderung Mathematik von Klasse 5 bis Klasse 9 30 Mathematik 5. Kl. Mathematik 9. Kl Häufigkeit (%) ,5-3 -2,5-2 Gymnasium -1,5-1 -0,5 0 Realschule 0,5 1 1,5 2 Hauptschule 2,5 3 Mathematikleistung 1 0-3,5-3 -2,5-2 -1,5-1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 Prof. Dr. Wolfgang Schneider Vorlesung: Pädagogische Psychologie Mathematikleistung 5 Gymnasium Realschule Hauptschule

6 Diagnostische Kompetenzen und Diagnose- Probleme bei Lehrkräften Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler ( Hochleister ) sind für Lehrkräfte auch dann meist gut zu erkennen, wenn sie nicht unbedingt hochbegabt sind. In der Tat scheint die Mehrzahl der Hochleister das Hochbegabungs-Kriterium nicht zu erfüllen. Beleg: der Durchschnitts-IQ der hochleistenden Jugendlichen (Neuntklässler) im Marburger Hochbegabten-Projekt von Prof. Detlef Rost lag bei 116, also etwa eine Standardabweichung unterhalb der konventionellen Hochbegabten-Definition (IQ = 130). Nicht alle Hochbegabten sind leistungsstark. Lehrkräfte haben generell Schwierigkeiten damit, hochbegabte Underachiever zu identifizieren. Generell gilt ein Geschlechts- Bias : Mädchen werden von Lehrkräften nicht so häufig als hochbegabt identifiziert wie Jungen. Problem bei der Diagnose von Hochleistern : Obwohl diese von Lehrkräften in ihrer Klasse zwar relativ zuverlässig als solche diagnostiziert werden, fehlt meist die Möglichkeit, das Ausmaß der Leistungsstärke (etwa in Relation zur Gesamtheit leistungsstarker Schüler der entsprechenden Klassenstufe) präziser zu bestimmen. Hier können Informationen aus Vergleichsarbeiten oder deutschlandweit normierte Schultests helfen.

7 Folgerungen für die Ausbildung und Fortbildung von Lehrkräften In der universitären Ausbildung von Lehrkräften aller Schularten sollte mehr Wert als bisher auf die Vermittlung von Wissen über die intellektuelle und Persönlichkeitsentwicklung begabter Kinder und Jugendlicher gelegt werden. Weiterhin sollte in diesem Zusammenhang basales Wissen über die angemessene Diagnose und Förderung bei besonderen Begabungen vermittelt, die Lehrerbildung in diesem Punkt also qualitativ weiterentwickelt werden. Fortbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte sollten diese Aspekte ebenfalls stärker betonen und didaktische Möglichkeiten im Umgang mit dieser besonderen Klientel aufzeigen. Wie schon bei der universitären Ausbildung sollten auch hier mögliche Förderansätze im Hinblick auf die Umsetzung im Unterricht konkret beschrieben werden. Die Befunde der PULSS-Studie haben etwa gezeigt, dass die Lehrkräfte selbst hier Nachholbedarf sehen und an solchen Maßnahmen interessiert sind. Spezifische Fortbildungsmaßnahmen (wie etwa gerade im Projekt Karg-Campus Bayern begonnen) bieten sich in diesem Rahmen an. Im Hinblick auf die angemessene Diagnose scheinen Maßnahmen zur Ermittlung der Lernausgangslage in Primar- und Sekundarstufe und die lernbegleitende Diagnose (etwa im Rahmen einer Lernverlaufs-Diagnostik ) besonders relevant, um individuelle Lernförderung optimieren zu können.

8 Möglichkeiten der Förderung Akzeleration vorzeitige Einschulung Flexible Eingangsstufe GS Überspringen von Klassen Gruppen-Springen D-Zug-Klassen Mischformen Altersgemischte Klassen Begabtenklassen Frühstudium für Schüler der Sekundarstufe Enrichment Erweiterung oder Vertiefung der Unterrichtsthemen Innere Differenzierung: - Individualisierung - Selbstständiges Arbeiten Ergänzende Maßnahmen: - Arbeitsgemeinschaften - Zusätzliche Leistungskurse (z.b. in MINT-Fächern und Sprachen) - Schülerwettbewerbe - Akademien/Ferienseminare

9 Relevanz der fairen Leistungsbewertung Interessanter Befund der PULSS-Studie: Die Notengebung in der Sekundarstufe I des Gymnasiums wird von Klasse 5 bis Klasse 7 zunehmend strenger, ohne dass dies mit tatsächlichen Leistungsverschlechterungen korrespondiert (die Testergebnisse zeigten eher in die andere Richtung). Insbesondere bei hochbegabten Schülern erscheint die Beurteilung sehr streng. Konsequenz: Insgesamt positivere Rückmeldungen und günstigere (leistungsangemessenere) Benotungen sollten dafür sorgen, dass sich das Fähigkeits-Selbstkonzept der Schüler in dieser Phase nicht weiter verschlechtert. Es scheint wichtig, dass die Motivation für und das Interesse an den betreffenden schulischen Inhalten gerade auch bei eher leistungsstarken Schülerinnen und Schülern nicht nur erhalten bleibt, sondern auch weiter gesteigert werden kann.

10 Notwendigkeit der Evaluation von Fördermaßnahmen Evaluation ist vielfach ein Stiefkind der Hochbegabten- Förderung (Hany, 1988) Grundsätzliches Problem: Bei vielen Fördermaßnahmen ist nicht gesichert, dass sie zu bedeutsamen Lernfortschritten bei der Zielgruppe führen. Leider kann also nicht ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass eine solide Planung alleine schon positive Befunde erzeugt. Systematische Evaluationen von Fördermaßnahmen sind wichtig von daher sollte für eine Bewertung des Ertrags der KMK-Förderstrategie von Anfang an wissenschaftliche Begleitforschung etabliert werden.

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