5. Gütersteuern 5.1 Einführung - die Insel

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2 5.1 Einführung - die Insel Bislang wird auf der Insel nur Einkommen besteuert, Arbeitseinkommen, Kapitaleinkommen und Gewinneinkommen. Vorschlag: Besteuerung von Gütern. Argumente: Einige Güter sollten stärker als andere besteuert werden, da sie negative externe Effekt aufweisen. Zwar ist eine (einheitliche) Güterbesteuerung äquivalent zu einer Besteuerung von Arbeiteinkommen, aber nur, wenn das Arbeiteinkommen wirklich besteuert wird. Konsumsteuern belasten Schwarzarbeit und Einkommen, das vor der Einführung des Steuersystems erzielt wurde. 125

3 5.2 Tariflehre Gütersteuern haben i.d.r. konstante Steuersätze. Unterscheidung: allgemeine Gütersteuern (z.b. Mehrwertsteuern), spezielle Gütersteuern (Ökosteuern, Kaffeesteuern). Gütersteuern können auf zweifache Weise erhoben werden: beim Verkauf an den Endverbraucher (wie die amerikanische Retail Sales Tax) oder auf jeder Stufe des Produktionsprozesses (wie die deutsche Mehrwertsteuer). 126

4 5.2 Tariflehre Einphasen-Umsatzsteuer (Retail Sales Tax): Unternehmen kauft Vorprodukte (V ) zum Preis von pv n, mit n: netto, verkauft Endprodukt (E ) zum Preis von p E = pe n (1 + t), zahlt effektive Steuer von tpe n. Staat erhält vom Vorproduktehersteller 0, vom Endproduktehersteller tp n E, also insgesamt tp n E. 127

5 5.2 Tariflehre Allphasen-Umsatzsteuer mit Vorsteuerabzug (Mehrwertsteuer): Unternehmen kauft Vorprodukte (V ) zum Preis von p V = pv n (1 + t), verkauft Endprodukt (E ) zum Preis von p E = pe n (1 + t), erhält Steuererstattung von tpv n, zahlt effektive Steuer von t ( pe n ) pn V. Staat erhält vom Vorproduktehersteller tp n V, vom Endproduktehersteller t ( p n E pn V ), also insgesamt tp n E. 128

6 5.3 Institutionelle Grundlagen, Deutschland Wichtigste Gütersteuer ist die Umsatzsteuer, genauer: Netto-Allphasen-Umsatzsteuer mit Vorsteuerabzug. Spezielle Gütersteuern: Versicherungsteuer: 19% der Versicherungsprämie. Tabaksteuer: Steueranteil pro Schachtel Zigaretten ca. 84% des Kaufpreises. Kaffeesteuer: 2, 19 pro kg Röstkaffee und 4, 78 pro kg löslichen Kaffee. Energiesteuer (vorher Mineralölsteuer): verschiedene Mengensteuern auf Energiearten fossiler Herkunft, z.b l Benzin 669,80. Grunderwerbsteuer: 3,5%-5% des Kaufpreises eines Grundstücks. 129

7 5.3 Institutionelle Grundlagen, Deutschland Steueraufkommen in Mio. (Quelle: Stat. BA): Steuerart Steueraufkommen 2011 in% Steuereinnahmen insgesamt % Gütersteuern % Einkommensteuern % 130

8 5.3 Institutionelle Grundlagen, Deutschland Steueraufkommen in Mio. (Quelle: Stat. BA): Gütersteuerart Steueraufkommen 2011 in% Umsatzsteuer ,4% Einfuhrumsatzsteuer ,0% Energiesteuer ,4% Tabaksteuer ,81% Grundsteuer B ,77% Versicherungsteuer ,59% Kraftfahrzeugsteuer ,81% Stromsteuer ,42% Grunderwerbsteuer ,12% Zölle ,53% Branntweinsteuer ,717% Rennwett und Lotteriesteuer ,474% Kaffeesteuer ,343% Biersteuer 702 0,234% Schaumweinsteuer 454 0,152% Grundsteuer A 368 0,123% Feuerschutzsteuer 365 0,122% Zwischenerzeugnissteuer 16 0,005% Alcopopsteuer 2 0,001% 131

9 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Von differenzierter Konsumbesteuerung erhofft sich die Inselgemeinschaft, dass sie den Konsum bestimmter Produkte zurückdrängen kann. Der Inselökonom wird um eine Analyse gebeten. 132

10 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Benötigt wird ein Modell des Haushaltsverhaltens, das angibt 1 welche Entscheidung der Haushalt trifft: zwischen Konsum des Gutes x und des Gutes y. 2 welche seine tatsächlichen Wahlmöglichkeiten sind (Budgetrestriktion): z = p x (1 + t x ) x + p y (1 + t y ) y z: Einkommen, p x, p y : Preise von x und y, t x, t y : (Wert-)Steuern auf x und y. 3 welche seine Präferenzen sind: mit u x, u y > 0, u xx, u yy < 0. u = u (x, y) 133

11 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Substitution: Wenn der Konsum von x steigt um wieviel muss der Konsum von y sinken, damit der Haushalt den gleichen Nutzen hat? Nutzen wird auf ū fixiert: u = u (x, y) = ū Totales Differential nach x und y: Vorgabe: dx > 0: u x dx + u y dy = 0 dy = u x u y dx Also: Wenn x um eine Einheit steigt, dann muss y um u x u y sinken, um den Haushalt indifferent sein zu lassen. Dementsprechend ist die Steigung der Indifferenzkurve dy dx = u x u y. 134

12 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Nutzenmaximierung ergibt max x,y L = u (x, y) + λ [p x (1 + t x ) x + p y (1 + t y ) y z] u x = p x (1 + t x ) u y p y (1 + t y ) Wenn t x = t y, dann ist die Grenzrate der Substitution die gleiche wie im Fall ohne Steuern. 135

13 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Nutzenfunktion: u (x, y). Budgetrestriktion: z = p x (1 + t x ) x + p y (1 + t y ) y mit t x = 0 und t y = t. z/p y y z/(1+t)p y y 0* y 1* x 0* x 1* z/p x x 136

14 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Die Einführung einer Gütersteuer auf ein Produkt hat einen Substitutionseffekt: Änderung des relativen Preises. Einkommenseffekt: Verringerung der Konsummöglichkeiten insgesamt. Die Einführung einer Gütersteuer auf beide Produkte hingegen hat nur einen Einkommenseffekt; der relative Preis wird nicht verzerrt: p x (1 + t) p y (1 + t) = p x p y 137

15 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Betrachtet sei ein Markt für Gut x. Angebot x A (p) sei vollkommen elastisch bei einem Preis von p, d.h. { 0 für p < p x A (p) = für p p Nachfrage x N ( p b ) mit p b : Bruttopreis sei gegeben durch x N ( p b) = 1 p b impliziert die (Brutto-)Preis-Absatz-Funktion p b (x) = 1 x. 138

16 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Marktgleichgewicht ohne Steuern bei p b (x) = p d.h. bei einer Gleichgewichtsmenge von x 0 = 1 p Marktgleichgewicht mit Steuern bei p b (x) = (1 + t) p d.h. bei einer Gleichgewichtsmenge von x 1 = 1 (1 + t) p 139

17 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Veränderung des Preises: (1 + t) p p = t p. Veränderung der Menge: 1 p (1 (1 + t) p) = t p. Preis p ( 1 + t ) p Steueraufkommen Zusatzlast der Besteuerung p b (x) x1* x0* Menge Die Zusatzlast steigt quadratisch im Steuersatz: Z = 1 2 t2 p

18 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Wenn es (technologische) Externalitäten gibt, dann ist das Marktgleichgewicht eventuell ineffi zient. Positive Externalitäten: zu wenig Konsum, erfordert Subvention. Negative Externalitäten: zu viel Konsum, erfordert (Pigou-)Steuer. Externalitäten führen zu einer Konsumverzerrung, die durch eine weitere Verzerrung (die Steuer) wieder ausgeglichen werden kann. 141

19 5.4 Mikroökonomisches Modell der Konsumnachfrage Annahme: Jede Einheit x verursacht γ Einheiten externe Kosten. Die Steuer t = γ internalisiert die externen Effekte (Pigou-Steuer). Preis p + t p p( x) γ p( x) x** x* Menge 142

20 5.5 Optimalbesteuerung Gleichbesteuerungsregel: Wenn alle Wahlalternativen besteuert werden können, sollten alle Steuersätze gleich sein. Gleichbesteuerung lässt die relativen Preise unverzerrt. 143

21 5.5 Optimalbesteuerung Inverse-Elastizitäten-Regel: Wenn die Kreuzpreiselastizitäten vernachlässigbar sind (also Steuern auf ein Gut vor allem den Konsum dieses Gutes reduzieren), dann sollten sehr preisreagible Güter geringer und preisunreagible Güter höher besteuert werden. Problem der Gleichbesteuerungsregel: Freizeit kann nicht besteuert werden. Second-best-Besteuerung: Optimale Besteuerung mit unvollständigen Steuerinstrumenten. 144

22 5.5 Optimalbesteuerung Freizeit-Komplementaritäts-Regel: Freizeitkomplementäre Güter sollten hoch, freizeitsubstituierende Güter niedrig besteuert werden. Idee: Freizeit kann indirekt besteuert werden. Hohe Steuern auf Güter die freizeitkomplementär sind (Tennisschläger, Urlaubsreisen, Gastronomie, Fernseher etc.). Niedrige Steuern auf Freizeitsubstitute (Büromaterialien, -kleidung etc.). 145

23 5.6 Inzidenzanalyse Eine kleine Studentenkneipe verkauft Bier für 1,50. Das Bier kostet im Einkauf 1. Eines Tages mahnt das Finanzamt an, dass der Wirt mehrwertsteuerpflichtig (19%) ist. Wie sollte er auf die Steuer reagieren? Den Preis erhöhen? Wenn ja, um wieviel? 146

24 5.6 Inzidenzanalyse Definition Die Inzidenz einer Steuer gibt an, welcher Marktakteur die Last einer Steuer zu tragen hat. Die Traglast einer Steuer kann vollständig unabhängig von ihrer Zahllast sein. Beispiel 1: Volle Überwälzung der Steuer. 1, 00 + (0, 50 1, 19) = 1, 60 Beispiel 2: Keine Überwälzung der Steuer: 1 + (p n 1 ) 1, 19 = 1, 50 p n = 1,

25 5.6 Inzidenzanalyse Theorem Irrelevanz der Zahllast: Wenn es keine (Unterschiede in den) Transaktionskosten gibt, ist es für das Gleichgewicht irrelevant, welche Marktseite die Zahllast der Steuer hat. Tatsächlich spielen jedoch (Unterschiede in den) Transaktionskosten eine große Rolle. Beispiele: Fast 80% aller Steuereinnahmen werden von Unternehmen ans Finanzamt überwiesen (Mehrwertsteuern, Lohnsteuern etc.). Mehrwertsteuern von Haushalten zu erheben ist vermutlich prohibitiv teuer. 148

26 5.6 Inzidenzanalyse Die steuerliche Zahllast wird durch gesetzliche Vorschrift geregelt. Wer oder was bestimmt die Traglast? Antwort: die Marktbedingungen. Nachfrage- und Angebotselastizitäten. Wettbewerbsbedingungen. 149

27 5.6 Inzidenzanalyse Sei q der Produzentenpreis, p der Konsumentenpreis, t die Gütersteuer mit p = q + t, X A (q) die Angebotsfunktion und q (X A ) die Preis-Angebots-Funktion, X N (p) die Nachfragefunktion und p (X N ) die Preis-Absatz-Funktion. Im Ausgangszustand (0) sei t 0 = 0 und p 0 = q 0. Experiment: Steuererhöhung auf t 1, Preise: p 1 und q

28 5.6 Inzidenzanalyse Preis q(x A ) p 1 p 0=q 0 q 1 p(x N) x 1 * x 0 * Menge 151

29 5.6 Inzidenzanalyse Preis p(x N ) Preis q(x A ) q(x A ) p 1 p 0 =q 0 =p 1 p(x N ) p 0 =q 0 =q 1 q 1 x 1 * x 0 * Menge x 0 *= x 1 * Menge 152

30 5.6 Inzidenzanalyse Preis Preis q(x A ) p 1 p 0 =q 0 =q 1 q(x A) p 0 =q 0 =p 1 q 1 p(x N ) p(x N ) x 1* x 0* Menge x 0 *= x 1 * Menge 153

31 5.6 Inzidenzanalyse Für eine gegebene Preiselastizität des Angebots gilt: Je größer die Preiselastizität der Nachfrage, desto kleiner ist die Traglast der Konsumenten. Für eine gegebene Preiselastizität der Nachfrage gilt: Je größer die Preiselastizität des Angebots, desto höher die Traglast der Konsumenten. 154

32 5.6 Inzidenzanalyse Eine weitere wichtige Determinante der Steuerinzidenz ist der Wettbewerb auf einem bestimmten Markt. Haushalte: Nachfragefunktion X N = D bp. Unternehmen: Konstante Grenzkosten von c, keine Fixkosten. Gewinne: Vollkommene Konkurrenz: π = (q c) x q = c Dementsprechend gilt (siehe auch oben, Fall mit unendlich elastischem Angebot): q t = 0 und p t = 1 155

33 5.6 Inzidenzanalyse Preis p 1 p 0=q 0=q 1 q(x A)=c p(x N) x 1 * x 0 * Menge 156

34 Monopolgewinne: 5. Gütersteuern 5.6 Inzidenzanalyse π m = (p (x) t c) x Bedingung erster Ordnung für Gewinnmaximum: p (x) t c + p x = 0 Mit p (x) = D x b und p = 1 b : x m = D b (t + c) 2 und p m = D b + t + c 2 Dementsprechend gilt mit q m = D b t+c 2 : q m t = 1 2 und p m t =

35 5.6 Inzidenzanalyse Preis p 1 p 0 =q 0 q 1 c+t c p(x N ) x 1 * x 0 * Menge 158

36 5.7 Empirie Mehrwertsteuererhöhung 2007 (von 16% auf 19%). Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der FDP, Drucksache 16/3182: Zudem ist die Annahme der vollständigen Überwälzung auf die Endverbraucher unter Wettbewerbsbedingungen vor allem in wettbewerbsintensiven Bereichen wenig realistisch und war auch bei früheren Anhebungen des Steuersatzes so nicht beobachtbar. (S. 5, oben) 159

37 5.7 Empirie 4. Dezember 2009: CDU/CSU/FDP beschließen MwSt.-Senkung auf Hotels von 19% auf 7%. 1. Januar 2010: Gesetz tritt in Kraft. Frage: Wie werden sich die Übernachtungspreise entwickeln? Hotelgäste werden von niedrigeren Preisen profitieren. (CSU) Preise werden kaum sinken, der Gast wird aber nichtsdestotrotz profitieren. (DEHOGA) 160

38 3. Gütersteuern5. Gütersteuern Empirie: Mehrwertsteuersenkung Hotels Empirie stern.de: Hotelpreise steigen trotz Mehrwertsteuersenkung. otelpreise steigen trotz Mehrwertsteuersenkung

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