Entwurf und Umsetzung einer Business-Intelligence-Lösung für ein Fakultätscontrolling

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1 Entwurf und Umsetzung einer Business-Intelligence-Lösung für ein Fakultätscontrolling Matthias Goeken, Lars Burmester Institut für Wirtschaftsinformatik Philipps-Universität Marburg Universitätsstr Marburg Abstract: Der vorliegende Beitrag stellt die Entwicklung und Implementierung einer Business-Intelligence-Lösung für ein Fakultätscontrolling vor. Der fachliche Entwurf des Systems erfolgt unter Berücksichtigung relevanter Rahmenbedingungen sowie identifizierter Hochschulprozesse und wird durch eine Informationsbedarfsanalyse in Kombination mit vertikalem Prototyping unterstützt. Das gewählte Vorgehen ist insofern evolutionär, als dass jeder Prototyp ein lauffähiges System darstellt. Die Ergebnisse des konzeptionellen Entwurfs werden mit Dimensional Fact Models (DFM) dargestellt. 1 Einführung 1.1 Ausgangslage und Zielsetzung Der Umgang mit knappen Ressourcen gewinnt, angesichts der Mittelknappheit des öffentlichen Sektors, auch im Bereich des Hochschulwesens zunehmend an Bedeutung. Eine neue Hochschulgesetzgebung räumt den Führungsorganisationen der Universitäten und dazugehörigen Fakultäten größere Handlungsspielräume ein, um in einen Wettbewerb um Personal- und Sachmittel zu treten. Die Wahrnehmung dieser Handlungs- und Entscheidungsspielräume erfordert jedoch eine informatorische Grundlage, welche in einer Mehrzahl der Universitäten nicht vorhanden ist. Das den folgenden Betrachtungen zu Grunde liegende Projekt wurde mit dem Ziel der Entwicklung eines Informations- und Steuerungssystems für Fakultäten initiiert. Neben der Erstellung eines Konzepts für ein Fakultätscontrolling sollte die technische Umsetzung mit moderner Informationstechnologie und somit die Machbarkeit im Sinne eines Proof of Concept aufgezeigt werden. In: Chamoni, P. et al. (Hrsg.): Multikonferenz Wirtschaftsinformatik (MKWI) Universität Duisburg-Essen März 2004 Band 2. S

2 1.2 Überblick und Vorgehen Das hier vorgestellte Projekt profitiert bei der Erstellung des Controllingkonzepts von Erfahrungen anderer Universitäten und von den Ergebnissen, die dort in ähnlichen Projekten erzielt wurden. Zu nennen sind hier insbesondere das CEUS-Projekt (Computerbasiertes Entscheidungsunterstützungssystem für Bayerische Hochschulen) [Si01, SBE99] sowie das MIS-Projekt an der Universität Osnabrück (Entwicklung und Einführung eines MIS zur Verbesserung der Leitungs- und Entscheidungsgrundlagen) [Ri01; Ri99, ov00]. In beiden Projekten wurden umfassende konzeptionelle Vorarbeiten geleistet [Po00; Nu02; Tr02; KZ97], die wichtige Anregungen für das hier beschriebene Vorhaben darstellen. Es zeigte sich jedoch, dass z.t. erhebliche Anpassungen notwendig sind, sowohl aufgrund landesspezifischer Besonderheiten als auch um dem subjektiven Informationsbedarf der Entscheidungsträger der Fakultät und Adressaten des Informationssystems Rechnung zu tragen. Die technische Umsetzung erfolgte in den genannten Projekten mittels eines Data Warehouse, das nach moderner Auffassung grundlegender Bestandteil von Führungsinformationssystemen ist [SH02, S. 336]. Daher wurde auch hier bereits früh mit der Entwicklung eines Data-Warehouse-Systems begonnen. Bevor eine konkrete Betrachtung der Entwicklungsaktivitäten stattfindet, soll an dieser Stelle die gewählte Vorgehensweise erläutert werden. Nach Erteilung des Projektauftrages erfolgten erste konzeptionelle Vorüberlegungen, welche aus Umwelt- und Prozessanalysen sowie organisatorischer und fachlicher Konzeption eines Fakultätscontrollings bestanden. Im Anschluss daran wurde mit dem eigentlichen Entwicklungsprozess begonnen. Der erste Teil des Entwicklungsprozesses enthielt die Entwicklung eines Prototypen, bestehend aus der Modellierung fachkonzeptioneller Strukturen und deren Implementierung. Weiterhin musste in diesem Schritt einmalig die Infrastruktur geschaffen sowie eine Basisarchitektur gewählt werden. Der nächste Abschnitt des Entwicklungsprozesses wurde durch die Durchführung einer Informationsbedarfsanalyse unter Einbindung des Prototypen eingeleitet. Auf Grundlage der Ergebnisse der Befragungen und Diskussionen wurde der erste Prototyp inkrementell weiterentwickelt sowie weitere Bereiche in die Entwicklung mit einbezogen. Den Abschluss des Entwicklungsprozesses bildete die erneute Evaluation und Inbetriebnahme des Prototypen (Vgl. Abbildung 1). Evolutionäre Data-Warehouse-Entwicklung Prototyp III Evolutionäre Data-Warehouse-Entwicklung Prototyp II Vorbereitung Evolutionäre Data-Warehouse-Entwicklung Projektdefinition Konzeptionelle Vorüberlegungen Prototyp I Informationsbedarfsanalyse Evaluation & Produktivsetzung Überprüfung & Verbesserung Abbildung 1: Vorgehen bei der Entwicklung des Fakultäts-Informationssystems (Vgl [KMW01])

3 2 Konzeptionelle Vorüberlegungen 2.1 Umwelt- und Prozessanalyse Vor Beginn des eigentlichen Entwicklungsprozesses fand eine Umwelt- und Prozessanalyse statt, in welcher die externen und internen Rahmenbedingungen der Systementwicklung sowie deren Einfluss auf das Fachkonzept ermittelt wurden. Aus dem Bereich der Umweltanalyse sollen im Rahmen dieses Artikels lediglich die Auswirkungen der rechtlichen Rahmenbedingungen thematisiert werden. Ausgangspunkt der Betrachtung war die Novellierung der Hochschulgesetzgebung des Landes Hessen, welche Auswirkungen auf die Organisations- und Entscheidungsstrukturen sowie den Bereich der Hochschulfinanzierung hatte. Das Dekanat einer Fakultät erfährt dabei eine deutliche Stärkung der Stellung, einschließlich der Zuständigkeit für die Mittelverteilung im Rahmen des Strukturplans [Hö02]. Im Bereich der Hochschulfinanzierung wurde Ende 2002 mit dem System der leistungsorientierten Mittelzuweisung zu einer outputorientierten, an Zielen und Ergebnissen ausgerichteten Globalsteuerung übergegangen. Grundgedanke dieses Systems ist eine formelgesteuerte Budgetierung, wobei bestimmte außenwirksame Leistungen, z.b. die Anzahl der Studierenden in der Regelstudienzeit oder die Anzahl der Absolventen, über preisähnliche Festbeträge abgegolten werden [Wü00]. Ein Fakultätscontrolling, welches die Fakultätsleitung bei der Bewältigung der neu hinzu gekommenen Aufgaben unterstützt, sollte sich daher am System der leistungsorientierten Mittelzuweisung orientieren. Eine Analyse der Hochschulprozesse ergab drei Prozesscluster, welche sich in Hauptund Serviceprozesse unterscheiden lassen. Die Prozesse Studium und Lehre sowie Forschung gelten als Hauptprozesse einer Universität, da durch sie Leistungen erstellt und an Nachfrager in der Umwelt übergeben werden. Die Leistungserstellung wird durch Serviceprozesse unterstützt (z.b. Personal- und Mittelwirtschaft) [KZ97; SBE99; Si01]. 2.2 Organisatorische Einbettung eines Fakultätscontrollings Nachdem mit Forschung und Lehre primäre Leistungsprozesse identifiziert wurden, stellt sich die Frage, wie ein Controlling dieser Prozesse in der universitären Gesamtorganisation einzubetten ist. Zur Klärung dieser Fragestellung sollen in Anlehnung an MINTZBERG [Ki99] die Rollen der organisatorischen Einheiten mit ihren Aufgabenschwerpunkten und Kompetenzen erläutert werden (Vgl. dazu auch [Po00, S. 37]). Die primären Prozesse finden bei Anwendung des Konzeptes im operativen Kern statt. Legt man die Aufbauorganisation einer Universität zu Grunde, so besteht dieser aus den einzelnen Fakultäten sowie deren untergeordneten Einheiten (Abteilungen, Institute, Forschungsstellen). Die Middle Line wird durch die Dekane und Selbstverwaltungsgremien der Fakultäten gebildet, wobei das Aufgabenspektrum von Fragen der Mittelverteilung und der Koordination bis hin zur Zusammenstellung eines bedarfs- und wettbewerbsadäquaten Lehrportfolios reicht.

4 Der Präsident, der Hochschulrat und die Gremien der Selbstverwaltung repräsentieren die strategische Spitze (Strategic Apex) der Universität. In diesem organisatorischen Teilbereich werden strategische Entscheidungen, wie z.b. die Errichtung eines synergetischen Forschungs- und Lehrportfolios, getroffen. Zudem werden Aufgaben der internen Mittelverteilung sowie der Kommunikation mit externen Institutionen (z.b. dem Wissenschaftsministerium) wahrgenommen. Eine unterstützende Aufgabe im Sinne der identifizierten sekundären Prozesse nimmt der Support Staff ein, welcher zentrale Dienstleistungen sowie administrative Tätigkeiten übernimmt (Vgl. Abbildung 2). Die Informations- und Steuerungsmechanismen eines zu etablierenden Controllings orientieren sich an den primären Prozessen Forschung und Lehre, deren Abbildung und Messung Vorraussetzung für Transparenz und Vergleichbarkeit sowie Kalkulation und Wirtschaftlichkeitsrechnungen sind. Die Feststellung der Einzelleistungen einer Einheit soll am Ort der Leistungserbringung den einzelnen Fakultäten erfolgen. Die Adressaten der Controllinglösung hingegen sind die Mitglieder der Middle Line und des Strategic Apex, was eine alleinige organisatorische Einbettung auf Ebene der Fakultäten als zu kurz gegriffen erscheinen lässt. Vielmehr ist eine umfassende Technostructure notwendig, welche Informations-, Planungs- und Kontrollsysteme auf der mittleren und obersten Führungsebene bildet. Die Kopplung der Controllingsysteme der verschiedenen Ebenen erfolgt dabei durch einen Austausch von Daten bzgl. des Personal- und Mitteleinsatzes (Top-Down) sowie Leistungsdaten der Fakultäten (Bottom-Up). Abbildung 2: Organisatorische Einbettung eines Fakultätscontrollings

5 2.3 Entwicklung eines Kennzahlensystems Das Instrumentarium eines Fakultätscontrollings stellt ein Kennzahlensystem dar, welches zugleich das Fachkonzept des entwickelten Fakultäts-Informationssystems repräsentiert (Vgl. zu Kennzahlen des Hochschulcontrolling [Tr02; KZ97]). Das Kennzahlensystem soll den Adressaten einen schnellen, prägnanten Überblick über deren Aufgabengebiet ermöglichen, wobei sowohl absolute als auch relative Größen zur Darstellung herangezogen werden. Während monetäre Größen direkt aus den Abrechnungssystemen übernommen werden können, mussten zur Abbildung der nicht direkt messbaren Konstrukte Forschung und Lehre geeignete Indikatoren herangezogen werden. Um eine isolierte Beobachtung der Kennzahlen zu vermeiden, wurden bereits frühzeitig Vergleichsmaßstäbe in Form durchschnittlicher Bewertungen (z.b. Fakultätsdurchschnitt, Universitätsdurchschnitt) in die Darstellung mit einbezogen. Basisgrößen für das Kennzahlensystem sind Auszahlungen für Personal- und Sachmittel sowie Erlöse aus der leistungsorientierten Mittelzuweisung, mengenmäßige nichtfinanzielle Leistungsgrößen und Evaluations- und Befragungsergebnisse. Die Systematisierung der Einzelkennzahlen erfolgt vor dem Hintergrund von Rechnungszwecken und Entscheidungszielen. Der erste Teilbereich des Kennzahlensystems gibt Auskunft über die finanziellen Mittel bzw. die Budgets einer Fakultät und ihrer Untereinheiten. Die Systematisierung der Zahlungsströme erfolgt anhand der Mittelherkunft (Grundbudget, Erfolgsbudget) sowie den Einzelbeiträgen der leistungserbringenden Einheiten. Die der leistungsorientierten Mittelzuweisung zu Grunde liegenden Mengenparameter werden, neben ihrer Verwendung zur Kalkulation der Budgets, in einem separaten Modul der Erfolgsrechung betrachtet. Hier werden Informationen über die Art (z.b. Absolventen und Prüfungen im Bereich Lehre; Promotionen, Habilitationen, Drittmittel, wichtige Projekte, Publikationen im Bereich Forschung) und den Umfang im Sinne der Menge bereitgestellt. Vor dem Hintergrund knapper finanzieller und sachlicher Ressourcen kommt einer Wirtschaftlichkeitsrechnung, im Sinne einer Input/Output-Betrachtung, im Kennzahlensystem eine besondere Bedeutung zu. Die relativen Kennzahlen bestehen sowohl aus Gegenüberstellungen von Finanz- bzw. Erfolgskennzahlen und dem Ressourceneinsatz, als auch aus Vergleichen rein monetärer Input- und Outputgrößen, welche dann den Charakter eines Deckungsbeitrags annehmen. 3 Entwicklung eines ersten Prototypen Die Umsetzung der fachlichen Vorüberlegungen erfolgte anhand eines Prototypen, welcher sich vorerst auf die Realisierung der Bereiche Erfolgs- und Wirtschaftlichkeitsrechnung beschränkte (Vgl. Abbildung 3). Die Wahl des vertikalen Prototyping erfolgte u.a. aus dem Grund, dass der Bereich der Wirtschaftlichkeitsrechnung bereits frühzeitig als Bestandteil eines Fakultäts-Informationssystems identifiziert werden konnte. Mögliche weitere Module eines Systems waren aufgrund der fehlenden Spezifikation der Anforderungen in Art und Umfang nicht vollständig erfassbar. Weiterhin sollte der Prototyp als Diskussionsgrundlage bzw. Stimulus während der Informationsbedarfsanalyse eingesetzt und auf Basis der Ergebnisse weiterentwickelt werden. Die Realisation des Gesamtsystems erfolgt durch Reihung aller vollendeten vertikalen Bestandteile [BTM99].

6 Finanzen Erfolge Wirtschaftlichkeit... Sonstiges Präsentation OLAP - Schicht Data Warehouse ETL - Prozesse Abbildung 3: Vertikales Prototyping bei der Entwicklung eines Fakultäts-Informationssystems 3.1 Infrastruktur und Architektur des Prototypen Zur Umsetzung der fachlichen Überlegungen bedurfte es zuvor der Bereitstellung einer geeigneten Infrastruktur in Form eines Data Warehouse. Der entwickelte Prototyp eines Fakultäts-Informationssystems orientiert sich dabei an einer idealtypischen mehrschichtigen Architektur für Führungsinformationssysteme [Si01; SBE99]. Auf Ebene der operativen Datenquellen standen zu Beginn des Projekts die Daten des Prüfungsamtes sowie Stammdaten der Studierenden zur Verfügung, welche extrahiert, bei Bedarf transformiert und in ein zentrales Data Warehouse geladen werden. Die Aufbereitung der relationalen Daten erfolgt auf der Ebene des OLAP-Servers, wobei zur logischen Datenmodellierung in der Regel Star-Schemata verwendet wurden. Die Informationsversorgung der Endbenutzer soll unter Verwendung gängiger Reporting- und Analyseprogramme realisiert werden, wobei aktuell verschiedene Werkzeuge getestet und evaluiert werden (Zur Architektur vgl. Abbildung 4). 3.2 Konzeptionelle Modellierung Die Modellierung des Fachkonzepts konnte aufgrund der vorgesehenen Multidimensionalität nicht in den gängigen operativen Modellierungstechniken erfolgen, weshalb auf das für multidimensionale Zwecke entwickelte Dimensional Fact Modeling (DFM) zurückgegriffen wurde [GMR98]. Die konzeptionellen Modelle des Systems dienen dabei nicht ausschließlich der Systemdokumentation. Vielmehr sollten sie im Rahmen der Diskussion mit den späteren Nutzern eingesetzt werden, um die Anforderungsspezifikation zu unterstützen. Zudem gewährleistet die Unabhängigkeit der Modellierungssprache eine Portierbarkeit auf andere Systeme, was vor dem Hintergrund der zu diesem Zeitpunkt stattgefundenen Evaluation diverser Basissysteme erforderlich erschien [GG98].

7 Präsentationsebene (Frontendclient / Webclient) ProClarity Crystal Decisions Microsoft Excel Pivot Microstrategy Web Microstrategy Agent Datenbereitstellungsebene (OLAP-Server) Microsoft Analysis Services Microstrategy 7 i Datenhaltungsebene (Data Warehouse) Metadaten Microsoft SQL Server Datenerfassungsebene (ETL Prozesse) Data Transformation Services Ebene der operativen Systeme SAP Lotus Notes Access Informix Textdateien Abbildung 4: Architektur des Prototypen Das Fachkonzept sieht vor, die unterschiedlichen, an einer Fakultät erbrachten Leistungen nach Dimensionen analysierbar zu machen. Die kleinste erbrachte Leistungseinheit im Prozess Studium/Lehre ist z.b. die Prüfung bzw. eine (Teil-)Klausur. Mithilfe des Data Warehouse soll es möglich sein, den jeweiligen Leistungserbringern (Prüfer) die von ihnen erbrachten Leistungen in verschiedenen Semestern zuzuordnen. Darüber hinaus soll weiter auch nach Merkmalen der Leistungsempfänger (Prüfling) differenziert werden können (Vgl. Abbildung 5). Die dabei zum Einsatz kommenden Dimensionen und die darin enthaltenen Hierarchien wurden derart gestaltet, dass die Möglichkeit zur erneuten Verwendung in anderen Bereichen bzw. Modulen des Systems besteht.

8 Abbildung 5: DFM des Bereichs Prüfungsauslastung 3.3 Deckungsbeitragsrechnung Mit Einführung der leistungsorientierten Mittelzuweisung wurde Anfang 2003 in Hessen zu einer formelgesteuerten Budgetierung der Hochschulen übergegangen. Dabei werden bestimmte Leistungen bzw. Tatbestände, sog. Formelparameter, über preisähnliche Festbeträge abgegolten, so dass das zur Verfügung stehende Budget Erlöscharakter hat. Der weitaus größte Anteil des Budgets ergibt sich nach dem Parameter 'Studierende in der Regelstudienzeit'. Darüber hinaus finden weitere Parameter wie Absolventen, Promotionen, Habilitationen, Drittmittel etc. Anwendung (Vgl. ausführlich dazu [Wü00]). Als Grundlage für die fakultätsinterne Mittelzuweisung durch das Dekanat können z.b. die Anzahl der abgenommenen Prüfungen bei Studierenden in der Regelstudienzeit als Indikator für den Leistungsbeitrag der einzelnen Abteilungen herangezogen werden. Auf Grundlage des zur Verfügung stehenden Budgets können 'Preise' für Einzelprüfungen errechnet werden, was die Errechnung von Erlösbeiträgen der einzelnen Abteilungen erlaubt. Werden diesen Erlösbeiträgen die direkt zurechenbaren Kosten (Personal, Sachmittel, Raumkosten) gegenübergestellt, so lassen sich stufenweise Deckungsbeiträge errechnen. Diese können für Analysen und Vergleich herangezogen werden sowie für weitere Entscheidungen, z.b. einer kostengerechten Anpassung des Lehrportfolios, als Grundlage dienen (Vgl. Abbildung 6 für ein Beispiel mit fiktiven Zahlen).

9 Abbildung 6: Stufenweise Deckungsbeitragsrechnung 4 Informationsbedarfsanalyse Der Adressatenkreis eines zu entwickelnden Führungsinformationssystems konnte aus den Organigrammen der Universität bzw. der jeweiligen Fakultäten abgeleitet werden. So wurden in der durchgeführten Informationsbedarfsanalyse sowohl das aktuelle Dekanat (Dekan, Prodekan, Studiendekan, Wirtschaftsverwaltung) als auch frühere Amtsinhaber befragt. Aufgrund der periodisch wechselnden Besetzung des Dekansamts wurden weiterhin die relevanten Gremien in die Erhebung und Diskussion mit einbezogen, um die Anforderungen zukünftiger Nutzer des Systems zu berücksichtigen. Im Sinne einer effizienten Systementwicklung erschien es erforderlich, verschiedene Erhebungsverfahren im Rahmen einer Informationsbedarfsanalyse sinnvoll miteinander zu kombinieren. Vor dem Hintergrund der späteren Akzeptanz eines zu entwickelnden Führungsinformationssystems, wurde besonderer Wert auf die persönliche Interaktion mit den zukünftigen Nutzern einer solchen Lösung gelegt. Weiterhin konnten durch die direkte Gesprächssituation eventuelle Missverständnisse umgehend geklärt werden, was den Aufwand für zusätzliche Befragungen gering hielt. Die Ergebnisse der Erhebungen dienten in einem weiteren Schritt als Grundlage einer Gruppendiskussion, welche die letzte Phase der Informationsbedarfsanalyse bildete. Aufgrund des hohen Abstraktionsgrades von Modellierungssprachen, wie z.b. dem verwendeten DFM oder anderer Sprachen (APA, ADAPT etc.), erscheinen diese als ungeeignetes Mittel zur Ermittlung und Diskussion der Benutzeranforderungen. Selbst wenn Adressaten eines zu entwickelnden Systems umfassend in der Verwendung einer Modellierungssprache geschult werden, würde diese 'Art des Sprechens' wahrscheinlich zu einer kognitiven Belastung des Anwenders und somit zu erheblichen Schwierigkeiten bei der Erhebung der tatsächlichen Bedarfe führen. Aufgrund der geringer Zeit- und Mittelbudgets dürften Schulungen dieser Art nicht durchzuführen sein.

10 Da Führungsinformationssysteme im Bereich des Hochschulwesens noch nicht weit verbreitet sind, war zu Beginn der Befragungen von einem niedrigen Erfahrungsniveau auf Seiten des Adressatenkreises auszugehen. Da dies unter Umständen zu Problemen bei der Artikulation des Informationsbedarfs geführt hätte, wurde bereits frühzeitig der Prototyp in die Erhebung mit eingebunden. Durch diese nonverbale Form der Stimulation konnten die zukünftigen Benutzer ihre Erwartungen an ein zu entwickelndes System besser formulieren. Die durchgeführte Informationsbedarfsanalyse zog einerseits die Bestätigung der Machbarkeit eines Fakultäts-Informationssystems nach sich (Proof of Concept). Das gewählte Vorgehen zur Festlegung fachinhaltlicher Strukturen durch Vorschlag, Diskussion und Definition führte zu einer Fixierung der bisher berücksichtigten Dimensionen und Hierarchien des Systems. Andererseits wurde ein Bedarf nach Erweiterungen des Systems um qualitative Komponenten geäußert. Der Bereich der Erfolgsrechung sollte um die Dokumentation des Primärprozesses Forschung sowie weiterer wichtiger Projekte ergänzt werden. Des Weiteren sollte das dem Fachkonzept zu Grunde liegende Kennzahlensystem um das Modul Leistungsrechnung erweitert werden, welches Informationen über das Leistungsprogramm und -potenziale bereitstellt. Hierbei sollten insbesondere die Evaluation der Lehre sowie Informationen über Art und Struktur des Lehrangebots aus internen Quellen eingebunden werden. Dieses Modul soll weiterhin die Einbindung externer Daten umfassen, vor deren Hintergrund unter anderem Aussagen über die Adäquanz des angebotenen Leistungsportfolios getroffen werden können. 5 Weiterentwicklung des Prototypen 5.1 Entwicklung eines Moduls Leistungsrechnung Ein Ergebnis der Informationsbedarfsanalyse war die Initiierung eines weiteren Entwicklungsprozesses an dessen Ende die Fertigstellung des Moduls Leistungsrechnung stehen sollte. Einen Beitrag zur Darstellung der Qualität des Leistungsprogramms konnten die Informationen leisten, die im Rahmen der Lehrevaluation regelmäßig ermittelt werden (Vgl. zur Methodik der Lehrevaluation und zu einer ähnlichen Lösung [Po00]). In einem ersten Entwicklungsschritt wurden die Daten dieses Bereichs in das Fakultäts- Informationssystem aufgenommen, wobei hier die kleinste multidimensional analysierbare Einheit die Benotung einer Lehrveranstaltung durch einen Studenten bzgl. eines Evaluations-Items ist. Dabei kamen die bereits definierten Hierarchien und Dimensionen zum Einsatz, was den Zeitraum der Entwicklung dieses Bereichs deutlich verkürzte. Es musste an dieser Stelle lediglich eine neue Dimension für die Abbildung der Kennzahlenhierarchie des Evaluationswesens konstruiert werden (Vgl. Abbildung 7).

11 Abbildung 7: DFM des Bereichs Lehrevaluation Die Implementierung des Bereichs Lehrevaluation ermöglicht eine Analyse der Güte der Lehre anhand von Kennzahlen. Erfährt ein Dozent für seine Veranstaltung in einer Evaluationskennzahl (z.b. Planung und Darstellung) eine unerwartet schlechte Bewertung, so kann der Ursache durch Drill-Down auf die zugrunde liegenden Evaluations-Items nachgegangen werden (Vgl. Abbildung 8). Weiterhin sind Betrachtungen der Bewertung im Zeitablauf, nach demografischen Merkmalen der Zuhörer (z.b. Geschlecht, Alter, Herkunft) oder im Vergleich zu anderen Vorlesungen möglich. Die zukünftigen Entwicklungen im Modul Leistungsrechnung werden in zwei wesentlichen Bereichen stattfinden. Einerseits sollen die Informationen über das Leistungsprogramm um die Bereiche 'Qualität des Lehrangebots' sowie 'Art und Struktur des Angebotes' erweitert werden. Andererseits soll ein weiterer Abschnitt geschaffen werden, welcher Informationen über die Entwicklung des Leistungspotenzials bereitstellt und aus den Bereichen 'Ausstattung', 'Know-how' und 'Nachwuchsförderung' bestehen soll.

12 Abbildung 8: Analyse der Daten der Lehrevaluation (ProClarity) 5.2 Erweiterung des Moduls Erfolgsrechnung Das Modul Erfolgsrechnung soll um den Bereich 'Forschung' erweitert werden, womit auch der zweite primäre Leistungsprozess in das Fakultäts-Informationssystem integriert wird. Im Gegensatz zum Bereich Studium und Lehre gestaltet sich die Outputmessung des Forschungsprozesses aufgrund mangelnder Quantifizierbarkeit als schwierig. Auch die Einbeziehung diverser Indikatoren, wie z.b. die Anzahl der Promotionen, Habilitationen und Publikationen sowie geworbener Drittmittel, lässt nur bedingte Aussagen über den Output der Forschung zu. Zur Leistungsdokumentation ist es daher erforderlich, die vorliegenden quantitativen Elemente um eine qualitative Komponente zu ergänzen. Diese qualitative Komponente wird unter Verwendung von Argumentationslisten realisiert, die Auskunft über wichtige Projekte und Aktivitäten der Lehrstühle geben sollen. Die Dokumentation der Forschungsprojekte wird von betroffenen Abteilungen selbst übernommen. Hierzu wurde eine webbasierte Eingabeschnittstelle konzipiert, welche die Eingabe und Pflege der Forschungsdaten ermöglicht. In diesem Rahmen ist auch die Einstufung der empfundenen Wichtigkeit der eingegebenen Projekte möglich, was neben einer Globalübersicht über alle Forschungsprojekte auch die Identifikation der Forschungsschwerpunkte erleichtert. In Analogie zu den bisher vorgestellten Beispielen stellt das einzelne Forschungsprojekt die kleinste analysierbare Einheit dar, wobei auch hier wieder verwendbare Dimensionen und Hierarchien zum Einsatz kommen.

13 Abbildung 9: DFM des Bereichs Forschung 6 Ausblick Nachdem in der vorliegenden Arbeit der Entwurf und die prototypische Umsetzung eines Fakultätscontrollings vorgestellt wurde, soll an dieser Stelle ein Ausblick auf die geplante Weiterentwicklung gegeben werden. Die zukünftigen Entwicklungsschritte sollen durch die vollständige Ausarbeitung des Fachkonzepts eingeleitet werden, wobei die Teilmodule um die skizzierten Bereiche erweitert werden sollen (Vgl. oben 5.1). Darauf aufbauend sollen in einem nächsten Schritt die einzelnen vertikalen Prototypen fertig gestellt und zu einem Gesamtsystem integriert werden. Um den Prototypen in ein Produktivsystem zu überführen sind einerseits Fragen des Datenschutzes zu klären sowie ein Benutzer- und Berechtigungskonzept zu erstellen. Andererseits soll das Data-Warehouse-System um eine redaktionelle Komponente ergänzt werden, die die Informationsverteilung organisiert. Diese soll sicherstellen, dass die Informationen für die verschiedenen Benutzer bedarfsgerecht aufbereitet und in einer adäquaten Form, bspw. als Standardbericht oder über eine Web-Schnittstelle, zur Verfügung gestellt werden. Sie betrifft zusätzlich die Anreicherung der Informationen mit Metadaten, bspw. über ein entsprechendes Glossar [Ri01]. Darüber hinaus sollen das Fachkonzept und das Data-Warehouse-System als Referenz für den Roll-out auf weitere Fakultäten der Marburger Philipps-Universität dienen. Simultan mit einer horizontalen Ausbreitung der Einzelsysteme soll deren vertikale Integration zu einem gesamtuniversitären Informationssystem stattfinden, welches dann die Grundlage für ein umfassendes Hochschulcontrolling bildet.

14 Literaturverzeichnis [BTM99] Beynon-Davies, P.; Tudhope, D.; Mackay, H.: Information systems prototyping in pratice. In: Journal of Information Technology (1999) Nr. 14, S [GG98] Gabriel, R.; Gluchowski, P.: Grafische Notationen für die semantische Datenmodellierung multidimensionaler Datenstrukturen in Management Support Systemen. In: Wirtschaftsinformatik (1998) Nr. 40, S [GMR98] Golfarelli, M.; Maio, D.; Rizzi, S.: Conceptual Design of Data Ware-houses from E/R Schemes. In: Proceedings of the Hawaii International Conference On System Sciences, January 6 9, Kona, [Hö02] Höhmann, B.: Finanzierungs- und Steuerungsmodelle in Hessen. In: Beiträge zur Hochschulforschung (2002) Nr. 3, S [Ke01] Keppel, B.; Müllenbach, S.; Wölkhammer, M.: Vorgehensmodelle im Bereich Data Warehouse: Das Evolutionary Data Warehouse Engineering (EDE). In (Schütte, R.; Rotthowe, T., Holten, R. Hrsg.): Data Warehouse Management Handbuch, Berlin, [Ki99] Kieser, A.: Der Situative Ansatz. In (Kieser, A. Hrsg.): Organisationstheorien, 3. Auflage, Stuttgart, 1999, S [KZ97] Küpper, H.-U.; Zboril, N. A.: Rechnungszwecke und Struktur einer Kosten-, Leistungsund Kennzahlenrechnung für Fakultäten. In (Becker, W.; Weber, J. Hrsg.): Kostenrechnung. Stand und Entwicklungsperspektiven. Wiesbaden, 1997; S [Nu02] Nusselein, M.: Empirische Erkenntnisse einer Informationsbedarfsanalyse an bayerischen Hochschulen. In: Beiträge zur Hochschulforschung 2002; S [ov00] o.v.: Entwicklung und Einführung eines Management-Informations-Systems (MIS) zur Verbesserung der Leitungs- und Entscheidungsgrundlagen. Abschlussbericht, 10. Dezember [Po00] Postert, S.: Gestaltungspotenziale eines MSS-gestützten Hochschulmanagements am Beispiel der Universität Osnabrück. Osnabrück, Univ., Diss., Abruf am [Ri01] Rieger, B.: Data Warehouse-gestützte Management-Informations-Systeme. In (Knop, J. von; Haverkamp, W. Hrsg.): Innovative Anwendungen in Kommunikationsnetzen. 15. DFN-Arbeitstagung über Kommunikationsnetze, GI-Edition - Lecture Notes in Informatics (LNI). Bonner Köllen Verlag 2001; S [Ri99] Rieger, B.: Potentiale und kritische Erfolgsfaktoren der Informations- und Kommunikationstechnologie zur betriebswirtschaftlichen Evolution von Unternehmungen am Beispiel der Universität Osnabrück. Beitrag des FB Wirtschaftswissenschaften zur Festschrift der Universität Osnabrück zu ihrem 25-jährigen Bestehen. Abruf am [SBE99] Sinz, E. J.; Böhnlein, M.; Ulbrich-vom Ende, A.: Konzeption eines Data Warehouse- Systems für Hochschulen. In: Bamberger Beiträge zur Wirt-schaftsinformatik, Nr. 52, Bamberg, Juli Abruf am [SH02] Stahlknecht, P.; Hasenkamp, U.: Einführung in die Wirtschaftsinformatik. Heidelberg [Si01] Sinz, E. J.; Böhnlein, M.; Plaha, M.; Ulbrich vom Ende, A.: Architekturkonzept eines verteilten Data-Warehouse-Systems für das Hochschulwesen. In (Buhl, H.-U.; Huther, A.; Reitwiesner, B. Hrsg.): Information Age Economy, Heidelberg, [Tr02] Tropp, G.: Kennzahlensysteme des Hochschul-Controlling Fundierung, Systematisierung, Anwendung. München [Wü00] Wüstemann, G.; Weber, H.; Brixner, H. C.; Dämmrich, T.: Leistungsorientierte Mittelzuweisung an Hochschulen im Land Hessen. Diskussionspapier, 2. überarbeitete Auflage, 2000.

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