Bedeutung und Veränderung individuellen Handelns für einen nachhaltigen Energiekonsum"

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1 Interreg-Projekt Stromspar-Check Bodensee Bedeutung und Veränderung individuellen Handelns für einen nachhaltigen Energiekonsum" Ruth Kaufmann-Hayoz Universität Bern 3. Fachtagung: Ist Energieeffizienz für alle gleich? Solidarität für Energiearmut als Beitrag zur Armutsbekämpfung St. Gallen, 17. Februar 2014

2 Inhalt" 1. Was ist nachhaltiger Energiekonsum?: Strom ist das ganze Leben haben Menschen einen Anspruch darauf? Strom ist wertvoll wieviel soll er kosten? Sparsame Stromnutzung ist geboten wer ist dafür verantwortlich? 2. Was ist zu beachten, wenn Handeln verändert werden soll? Handlungen sind miteinander verflochten Gewohnheiten sind anders zu beeinflussen als bewusste Entscheidungen 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 2

3 Was meinen wir, wenn wir Stromkonsum sagen?" Niemand konsumiert Strom > Natürliche Ressourcen und Ressourcenleistungen werden nicht um ihrer selbst willen verbraucht, sondern sind Mittel zum Zweck der Befriedigung von Bedürfnissen und Wünschen Natürliche Ressourcen und Ressourcenleistungen werden genutzt Produkte, Dienstleistungen ('satisfiers') werden verwendet Objektive Bedürfnisse Subjektive Wünsche 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 3

4 Wie hängen Konsum und Nachhaltigkeit begrifflich zusammen? Konsum Individuen wählen, erwerben/stellen her, nutzen, entsorgen Konsumgüter Nachhaltigkeit Übergeordnetes Ziel gesellschaftlicher Entwicklung Befriedigung individueller Bedürfnisse? Befriedigung der Bedürfnisse und ein gutes Leben für alle 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz (vgl. Di Giulio et al. in Defila/Di Giulio/Kaufmann-Hayoz et al. 2011) 4

5 Kernfrage Nachhaltiger Entwicklung: Worin besteht ein gutes Leben? " Erste Überlegungen: > Objektiv zu einem guten menschlichen Leben gehören nicht nur körperliches Überleben und Gesundheit, sondern auch Güter wie Sicherheit, Entfaltung der Persönlichkeit, Freundschaft, Teilhabe, Musse u.ä. ( > objektive Bedürfnisse) > Gutes Leben ist nicht gleichbedeutend mit der Erfüllung aller individuell empfundenen Bedürfnisse ( > subjektive Wünsche). > Bei Nachhaltiger Entwicklung geht es nicht darum, einen bestimmten Lebensstil vorzuschreiben, sondern um das Schaffen der Bedingungen, damit alle Menschen ihre objektiven Bedürfnisse befriedigen können. 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 5

6 Strom ist das ganze Leben haben Menschen einen Anspruch darauf? " In modernen Gesellschaften gehört eine Grundversorgung mit Strom zu den Ressourcen, die für die Befriedigung objektiver Bedürfnisse notwendig sind. => Aus Sicht der Nachhaltigkeit für alle Menschen zu gewährleisten => Gehört zu Recht zum Existenzminimum wie viel, ist Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlung Natürliche Ressourcen und Ressourcenleistungen werden genutzt Produkte, Dienstleistungen ('satisfiers') werden verwendet Objektive Bedürfnisse Subjektive Wünsche 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 6

7 Strom ist wertvoll wie viel soll er kosten? " > Seit es Elektrizität gibt, ist es ein Ziel der Energiepolitik jedes Landes, günstige Strompreise zu haben. > Aus sozialer Sicht sollten Strompreise tief sein; es sollte nicht vorkommen, dass sich Haushalte den zur Deckung der objektiven Bedürfnisse nötigen Strom nicht leisten können. > Aus Sicht Umwelt/Ressourcennutzung sollten Strompreise nicht zu tief sein, da sonst kein Anreiz zur effizienten Nutzung und Stromsparen besteht. => typischer Zielkonflikt der Nachhaltigen Entwicklung 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 7

8 Sparsame Stromnutzung ist geboten wer ist dafür verantwortlich? " > Politik: Ziele, Rahmenbedingungen > Stromversorger: Produktion, Tarifgestaltung, Werbung > Anbieter von Geräten und haustechnischen Einrichtungen: Produktion, Preisgestaltung, Werbung > Haus-/Wohnungsbesitzende: Geräte, Haustechnik, Gebäudehülle > Individuen/private Haushalte: direkt durch Nutzung, indirekt durch Nachfrage (Kaufentscheid), politische Mitbestimmung 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 8

9 Wie relevant sind private Haushalte für den Stromverbrauch? " Schweiz (Energiestatistiken 2012, BFE 2013): > Stromverbrauch = 24% des Gesamtenergieverbrauchs > Haushalte verbrauchen 31% des Stroms > ist der Stromverbrauch der Haushalte um 14% gestiegen, besonders stark beim Waschen/Trocknen (+47%) und bei sonstigen Elektrogeräten (+77%) > Beträchtliche technische und verhaltensbedingte Einsparpotenziale wurden errechnet 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 9

10 Einsparpotenziale beim Stromverbrauch privater Haushalte " Götz et al. in Defila/Di Giulio/Kaufmann-Hayoz 2011, S Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 10

11 Was ist zu beachten, wenn individuelles Handeln verändert werden soll? "1. Stromverbrauchende Handlungen sind Teil der Alltagsorganisation von Menschen was heisst das und was folgt daraus? 2. Bewusst entschiedene Handlungen sind anders anzugehen als Veränderungen von Gewohnheiten. 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 11

12 Handlungen sind miteinander verflochten und von äusseren Bedingungen mitbestimmt "> Menschen gestalten ihren Alltag eigenständig und aktiv, geben ihm Struktur und Sinn. > Menschen sind im Haushalt produktiv tätig. > Die praktische Alltagsgestaltung ist äusserst vielfältig, weil das Alltagshandeln in ein Geflecht von äusseren Bedingungen eigebettet ist. > Aus den vielen Elementen basteln sich die Menschen ihren Lebensstil, woraus sich die Logiken ihres Alltags und eingespielte Handlungsweisen ergeben. > Es gibt Umbrüche im Leben, die ein neues Ausbalancieren des Mobiles erfordern. 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 12

13 Weshalb Stromspartipps nicht genügen" > Ziel: Gesellschaftliche Nachhaltigkeitsziele (z.b. Reduktion des Stromverbrauchs) müssen zu einem selbstverständlich mitbedachten Faktor im Mobile des Alltags werden, wie Budget-Überlegungen oder einen Freundeskreis zu pflegen. > Veränderungen einer einzelnen Handlung hat vielleicht Auswirkungen, die einem nicht klar sind, bevor man sie ausprobiert. > Nachhaltigen Stromkonsum muss man sich vorstellen und ausprobieren können, damit erfahrbar wird, wie es sich auf die Balance der Alltagsorganisation auswirkt. > Was wirtschaftlich rational erscheint, ist vielleicht nicht immer rational im Sinne der Alltagslogik. 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 13

14 Bewusste Entscheidungen vs. Gewohnheiten" Beispiele überlegter Handlungen/ bewusster Entscheidungen: > Anschaffung bzw. Auswechseln von Geräten (Kühlschrank, Waschmaschine, TV; Steckdosenleisten, Lampen) > Ein- und Ausschalten der Heizung > Überdenken von Gewohnheiten, Prüfen von Geräte- Einstellungen Beispiele gewohnheitsmässiger Handlungen: > Wäsche waschen/pflegen, Geschirrspülen, Baden/Duschen > Beleuchtung, Computer, Radio/TV benutzen > Kochen, Lebensmittel aufbewahren > Lüften, Putzen 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 14

15 Unterstützung bei überlegten Handlungen / bewussten Entscheidungen" Darauf hinwirken, dass... > Stromverbrauch mitbedacht wird als ein Faktor, der in die Kosten-Nutzen-Abwägungen eingeht > Werte, Einstellungen, persönliche und soziale Normen > Energieetiketten u.a. Informationen beachtet und verstanden werden > nicht nur Anschaffungs- sondern auch längerfristige Betriebskosten richtig gerechnet werden > Umsetzungshindernisse überwunden werden > Aushandlung im familiären Umfeld, finanzielle Unterstützung, Bezugsquellen, Zusammenarbeit mit Andern, Zeitfenster nutzen 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 15

16 Einkommensschwache Haushalte profitieren am meisten von energieeffizienten Geräten" 9% Anteil der Ersparnis an den jährlichen Stromkosten 8% 7% 6% 5% 4% 3% 2% 1% 0% Kühlschrank Kühl-Gefrier-Kombination Gef riergerät Unteres Ende der Einkommensklasse (in pro Monat) Schleich/Mill in Defila/Di Giulio/Kaufmann-Hayoz 2011, S Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 16

17 Unterstützung bei der Veränderung von Gewohnheiten" Darauf hinwirken, dass... > die Relevanz der Gewohnheit für den Stromverbrauch überhaupt erkannt wird > alternative Handlungsweisen klar und konkret sind > die Bereitschaft entsteht, eine Alternative auszuprobieren > im richtigen Moment daran gedacht wird > die Erfahrungen mit der Alternative bewusst evaluiert und evtl. negative Effekte (z.b. Reaktionen Anderer) aufgefangen/ gemildert werden > die neue Verhaltensweise gefestigt wird 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 17

18 Zum Weiterlesen" > Defila, R., Di Giulio, A., Kaufmann-Hayoz, R. (Hrsg.) (2011): Wesen und Wege nachhaltigen Konsums. Ergebnisse aus dem Themenschwerpunkt "Vom Wissen zum Handeln - Neue Wege zum Nachhaltigen Konsum. München: oekom verlag, > Blättel-Mink B., Brohmann B., Defila R., Di Giulio A., Fischer D., Fuchs D., Gölz S., Götz K., Homburg A., Kaufmann-Hayoz R., Matthies E., Michelsen G., Schäfer M., Tews K., Wassermann S., Zundel S. (Syntheseteam des Themenschwerpunkts "Vom Wissen zum Handeln Neue Wege zum nachhaltigen Konsum") (2013): Konsum-Botschaften. Was Forschende für die gesellschaftliche Gestaltung nachhaltigen Konsums empfehlen. Stuttgart: S. Hirzel Verlag. 3. Fachtagung Stromspar-Check Bodensee, /Kaufmann-Hayoz 18

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