Mehrsprachigkeit als Ressource fördern

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1 Mehrsprachigkeit als Ressource fördern In der ersten Juniwoche 2012 besuchte eine GEW-Delegation mit Erzieherinnen aus Wittlich verschiedene Kindergärten in Bozen und Brixen, die im Zuständigkeitsbereich des Deutschen Schulamts der Autonomen Provinz Bozen (Südtirol) liegen, mit dem Ziel, sich über die Mehrsprachlichkeit in der frühkindlichen Bildung in Südtirol zu informieren. Südtirol ist für seine Sprachenvielfalt bekannt: Die Gesellschaftssprachen sind Deutsch in verschiedenen Mundarten und Dialekten, Hochdeutsch, Italienisch und im östlichen Teil von Südtirol Ladinisch. Dazu kommen weitere Sprachen von Zuwanderungsfamilien, wie sie auch in anderen Einwanderungsländern vorkommen, sei es Portugiesisch, Serbisch oder Kroatisch, Spanisch, Arabisch oder auch Chinesisch. Alle Sprachen sollen in den

2 südtiroler Kindertagesstätten ihren Platz finden, meint die Landesregierung und strebt als Ziel in ihrem Sprachenkonzept für die deutschen Kindergärten und Schulen in Südtirol (November 2007) die funktionelle Mehrsprachigkeit mit Bezug auf den Referenzrahmen für Sprachen (Europarat 2001) an. Deshalb soll Mehrsprachigkeit als Ressource gefördert werden. Das ist ein Konzept, das bei der Entwicklung eines eigenen Sprachkonzeptes weiterhelfen könnte, meinten die Erzieherinnen der Kindertagesstätte Wittlich-Neuerburg in Rheinland- Pfalz. Die Kita Wittlich-Neuerburg nimmt im Rahmen des Bundesprojekts Frühe Chancen: Sprache & Integration an der Qualifizierungsoffensive Sprachliche Bildung und Förderung für Kinder unter Drei des Deutschen Jugendinstituts teil und wird fachlich und wissenschaftlich beraten. Anne Heck, Diplompsychologin und Multiplikatorin der DJI- Qualifizierungsoffensive hat zusammen mit Norbert Hocke - GEW-Hauptvorstand - die Fachexkursion für die sechzehn Erzieherinnen aus Wittlich vorbereitet und den Besuch in

3 acht deutschsprachigen Kindergärten in Bozen und Brixen in Kooperation mit dem Kindergarteninspektorat des Deutschen Schulamts in Bozen begleitet. In Bozen und Brixen können Familien selbst entscheiden, welche Sprache(n) ihr Kind im Kindergarten* sprechen bzw. lernen soll. Viele wollen, dass ihre Kinder zweisprachig aufwachsen. Die einen Familien sagen, wir sprechen mehr südtiroler Dialekt und Deutsch, also nutzen wir den italienischen Kindergarten, und die anderen sagen, wir sprechen eher Italienisch, also nutzen wir den deutschen Kindergarten. So wird die Mehrsprachigkeit erreicht, erklärt eine Kindergarten-Leiterin. In den deutschen Kindergärten fördern die Erzieherinnen den Spracherwerb, indem sie mit den Kindern ausschließlich Deutsch sprechen. Das Italienische nutzen sie als Hilfssprache, wenn ein Kind überhaupt kein Deutsch versteht. Für die meisten Erzieherinnen ist das kein Problem: Wer sich in Südtirol für ein Studium der frühkindlichen Bildung (an der Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Bozen, Standort Brixen) entscheidet, muss in zwei Sprachen Level A erreichen, d.h. in Wort und Schrift beide Sprachen gut können. Ankündigungen, Hinweise und Bücher sind in den deutschsprachigen Kindergärten auf Deutsch; nur vereinzelt tauchen Aushänge in den anderen Sprachen der Kinder auf, deren Erstsprache weder Italienisch noch Deutsch ist. Italien war in den vielen Jahren zuvor ein klassisches Auswanderungsland und muss sich erst in der jüngsten Zeit damit auseinandersetzen, wie es Menschen geht und was sie brauchen, die ins Land kommen auch nach Südtiol, wo die allermeisten im Gastgewerbe Arbeit finden. So besuchen zunehmend mehr Kinder mit einer familiären Migrationsgeschichte auch die deutschsprachigen Kindergärten: Viele Familien haben erkannt, dass die Bildungschancen ihrer Kinder größer sind, wenn sie gut Deutsch sprechen können. Natürlich kann man in Südtirol auch ein italienisches Abitur machen, es gibt das gesamte Paket - Kindergarten, Sekundarstufe und Studium - auf Italienisch. Aber es heißt, dass die Berufschancen in der deutschen Sektion einfach besser sind, meint eine unserer Gesprächspartnerinnen.

4 Für die Integration von Kindern mit Migrationsgeschichte haben die Südtiroler regionale Sprach- und Kompetenzzentren eingerichtet. Die Sprachzentren beraten Eltern, erheben den Sprachstand der Kinder und unterstützen Kindertagesstätten mit interkulturellen Mediatoren und Mediatorinnen. Diese bringen in der Regel selbst eine Migrationsgeschichte mit, haben neben den erforderlichen Sprachkenntnissen also auch kulturelles und religiöses Wissen, um auf Abruf Kinder begleiten zu können, deren Muttersprache weder Deutsch noch Italienisch ist. Die Sprach- und Kompetenzzentren koordinieren und beraten, stellen didaktisches Material für die Kindergärten zur Verfügung, entwickeln und evaluieren Sprachförderprojekte. Noch sind die von den Kompetenzzentren entwickelten und in den Kindergärten umgesetzten Sprachförderprojekte weniger innovativ: In der Regel werden Kinder, bei denen ein Sprachentwicklungsbedarf erkannt wird, in Kleingruppen mit speziell ausgearbeiteten Angeboten gefördert. Die aktive Sprachvermittlung findet dabei hauptsächlich über das Lesen von Büchern, Entdecken von Buchstaben und Erzählen von Geschichten statt. Alle sagen, dass die Kinder in der Alltagskommunikation mit ihren Freunden besonders viel lernen. Fragt man nach Konzepten für das Lernen in alltäglichen

5 Zusammenhängen, fällt den meisten dazu noch wenig ein, meint die Erzieherin Jenny Thörner, die in Wittlich als Sprachexpertin arbeitet. Laut Bildungsplan soll bis 2018 in allen deutschsprachigen Kindergärten Südtirols die Offene Arbeit als pädagogisches Handlungskonzept eingeführt werden. Die Wittlicher Kindertageseinrichtung ist in ihrem pädagogischen Alltag weiter und kann als Ideengeber wirken, sagt Anne Heck. Und weil dem so ist, hat Erni Schaaf-Peitz (Leiterin der Kita Wittlich-Neuerburg) die Mitarbeiterinnen der besuchten Kindergärten in die Eifel eingeladen: Eine erste Rückmeldung haben wir schon: Im Südtiroler Kindergarteninspektorat gibt es Überlegungen, im nächsten Jahr eine Reise nach Wittlich vorzubereiten. Im Text wird der Begriff Kindergarten gebraucht, weil die Südtiroler ihre Einrichtungen eher Kindergarten als Kindertagesstätte nennen.

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