Residenz-Rundschau. 97. Ausgabe Juli/August 2009 Münster

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1 Residenz-Rundschau 97. Ausgabe Juli/August 2009 Münster

2 Inhaltsverzeichnis Über den Tag hinaus Betrachtung zum Titelbild Wir sind der Natur auf der Spur...03 Aber bitte mit Sahne!...05 Veränderung in der Residenzberatung...06 Die Geschichte der DDR war ihre eigene!...06 Frühling in Dresden Wie kommt man von Essen nach Münster? Weltklassik am Klavier! nun auch im Tibus Benimm ist Glücksache Mein Engagement für Attac Was ist Bärenfang? Wie geht s uns heute?...20 Buchtipp Rätsel Rätselauflösung Nachrufe...22 Personalien...24 Impressum Herausgeber: Druck: DKV-Residenz am Tibusplatz ggmbh Tibusplatz Münster Telefon / Druckerei Stelljes, Münster Titelbild: Juwelier J. C. Osthues, Prinzipalmarkt in Münster (anno 1906) Redaktion: Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband Prof. Dr. Viola Gräfin von Bethusy-Huc, Ursula Heil, Gerda Lerch, Anne Matenaar (v. i. S. d. P.), Ingeborg Nowak, Anneliese Rhode, Gisela Seidenfus, Josef Spitz, Käte Weichert, Dr. Margarete Wempe, Mieke Wulff-Ullner, Ulrike Wünnemann

3 Über den Tag hinaus Ein grünes Blatt Ein Blatt aus sommerlichen Tagen, Ich nahm es so im Wandern mit, Auf dass es einst mir möge sagen, Wie laut die Nachtigall geschlagen, Wie grün der Wald, den ich durchschritt. Theodor Storm ( ) Betrachtung zum Titelbild Münsteraner Familienunternehmen der geschäftswelt Der Juwelier J.C. Osthues In jeder Ausgabe unserer Residenz-Rundschau wollten wir dieses Jahr über ein altes, familiengeführtes Geschäft in Münster berichten. Da hatten wir noch keine Ahnung, dass wir in unserer Stadt das älteste deutsche Goldschmied- und Juweliergeschäft haben, gegründet 1756 und in diesem Jahr auch unter dem Namen Hermann Heinrich Osthues in das Gildebuch der Goldschmiede zu Münster eingetragen. Über die Jahrhunderte hinweg ging das Geschäft vom Vater auf den Sohn über - heute ist Nico Osthues der Inhaber. Der erste Wohnsitz der Familie war in der Jüdefelderstraße, danach wurde oft innerhalb der Altstadt umgezogen, bis Johann Franz Osthues 1884 in der Ludgeristraße ein Haus mit fünf Fensterachsen kaufte, das er für seine Bedürfnisse umbauen ließ. Zeitweilig arbeiteten 36 Gold- und Silberschmiede in seiner Werkstatt. Eine Fülle schönsten Silbergerätes entstand in der ersten Werkstatt von Hermann Heinrich Osthues, der auch ein Gesellenbuch führte, eine Art Tagebuch über Lehrlinge und Gesellen, aber auch über die Preise von Edelmetallen, Wechselkurse, Reisen 1

4 von Augsburg bis Amsterdam wurde er zum Hofgoldschmied ernannt. Um diese Zeit entstand kostbares Tafelsilber, das vom Adel und bei Hofe gebraucht wurde. Auch für viele Kirchen in und um Münster entstanden Leuchter und Messgeräte, alles typische Beispiele des dekorativen und verspielten Rokoko. Der 7-jährige Krieg setzte Münster sehr zu und auch die Säkularisation beraubte die Kirche vieler Schätze. Erst 1815 nach dem Einzug der Preußen kehrten wieder normale Zeiten ein. Es gab wieder Aufträge für die Kirche und das wohlhabende Bürgertum in klassizistischen und biedermeierlichen Formen. Schmuck hatte bis dahin für die Firma J.C. Osthues keine große Rolle gespielt. Der prunkliebende Hof von Napoleon beeinflusste die Mode ganz allgemein und ließ Adel und Reiche geradezu in Perlen und Diamanten schwelgen. Nahezu der gesamte Adel des Münsterlandes kaufte Preziosen bei J.C.Osthues. Ende des 19.Jhdts arbeitete die Werkstatt soviel Geräte für die katholische Kirche in ganz Deutschland, dass sich Joseph Osthues päpstlicher Hofgoldschmied nennen durfte. Der Nachfolger Bernhard war vierfacher Meister des Goldschmiedens, Silberschmiedens, Treibens und lierens. Der erste Weltkrieg und die schwere Zeit danach waren eine Zäsur in der Schmuckherstellung. Halbedelsteine im Stil des Art deco waren besonders beliebt, bis sich im Dritten Reich die Tendenzen wieder änderten. Zeitloses Handwerksgut wurde auf der Weltausstellung 1936 gelobt, aber auch große Juwelen wie Brillantbänder und Colliers wurden wieder getragen übernahm Klaus Osthues das Geschäft und baute 1952 das völlig zerstörte Geschäft wieder auf. Es wurde wohl Silbergerät für das Rathaus hergestellt, aber der Schwerpunkt lag jetzt auf der Anfertigung von individuellem Schmuck, der die Persönlichkeit der Trägerin unterstreicht. Neben zurückhaltenden Stücken darf es auch einmal ein opulentes, großes, mit Edelsteinen besetztes Einzelstück sein, eben Haute Joaillerie. Ein guter Schmuckentwerfer muss auch über die Modetrends der kommenden Saison Bescheid wissen. Jedes Jahr im März ist in Basel die große Schmuckmesse für Fachleute. Herr Nico Osthues zeigte mir einige wunderschöne Steine. 2 Dann ging es in den 3.Stock zur Werkstatt oh, diese Treppen

5 in alten Giebelhäusern! Im Zuge des Neubaus der Münster-Arkaden war J.C. Osthues zum Prinzipalmarkt gezogen. Dort oben traf ich einen richtigen Handwerksbetrieb an. Die Meisterin, seit 21 Jahren in der Firma, zeigte mir die Goldschmelze, die Poliermaschine und alles Werkzeug für die Grundtechniken, nämlich Biegen, Feilen, Sägen und Schmieden, was man seit jeher braucht. Die Anfertigung einzelner, individueller Schmuckstücke hat dem Geschäft auch internationale Auszeichnungen gebracht. Getreu dem Motto Nicht für Gold zu erkaufen, nur durch Tüchtigkeit zu verdienen ist Aufstieg und Stellung und Rang (von Corfey) kann man getrost in die Zukunft blicken. Gisela Seidenfus Wir sind der Natur auf der Spur Die Landschaftsbilder in der IV. Etage unseres Hauses Alle Bilder kommen aus dem grünen Bereich des Stadtgebietes. Natur pur soweit das Auge reicht. Kein Mensch oder doch? Ich entdecke in drei Leuchtpaneelen Menschen, Fußgänger und Radfahrer. Wo gibt es in Münster keine Radfahrer?! Sie sind abgestiegen. Wir beginnen unseren Rundgang wie immer und kommen aus den Aufzügen A und B und gehen links in Richtung Haus 2. Auf fast allen Bildern sehen wir ausführlich den Botanischen Garten mit seinem mit Seerosen bedecktem Teich. überrascht uns ein Relikt aus der Skulpturenausstellung von Ein steinernes Schiff mit Gras bewachsen und zwei mittlerweile hochgeschossenen Bäumen steht mitten in der Aa, bevor diese weiter in den Aasee fließt. Der Künstler Ludger Gerdes wollte mit dieser Skulptur symbolisch die Wasserburgen des Münsterlandes darstellen. Es gibt auf diesem Flur noch ein Bild von einem dieser sogenannten Kunstwerke. Wir bewegen uns hier fast auf einer kleinen bescheidenen Kunstmeile. Eine von Geht man aus den Aufzügen rechts, werfen wir einen Blick in den Schlossgarten mit seinen alten Bäumen und einer langgezogenen Eiben- oder Ligusterhecke, die den Botanischen Garten vom Schlossgarten trennt. Weiter geht s an der Leuchtpaneele vorbei mit den pausierenden Radfahrern nach Haus 5. Auf diesem Weg 3

6 den drei Billardkugeln auf den Aaseeterrassen von dem Amerikaner Claes Oldenburg ist in der nächsten Leuchtpaneele abgebildet. Claes Oldenburg ist der letzte Vertreter der Pop-Art nach dem Tod von Andy Warhol und Roy Lichtenstein. Er wurde im vergangenen Jahr 80 Jahre alt. Die spektakulären Billardkugeln, es sind Halbbetonkugeln aus der Skulpturenausstellung des Jahres 1977, erregten in der Stadt seinerzeit viel Aufsehen und sorgten für Gesprächsstoff. Leider waren sie oft die Zielscheibe von vermeintlichen Graffitikünstlern mit deren Sprühdose. Man hat ihr Riesenspielzeug schon in den schlimmsten Farben gesehen. In den letzten Jahren ist es ruhiger um sie geworden. Auf unserem Rundgang sehen wir viele Bäume allein stehend als Solitär oder auch Baumalleen, es sind meistens Laubbäume weniger Nadelhölzer. Eine allein stehende hochgewachsene alte Kiefer steht fast wie ein Naturdenkmal. In einem Leuchtpaneel in Haus 4 können wir überdeutlich die Struktur einer Baumkrone erkennen. Zwischendurch werfen wir einen Blick in den Südpark mit seinen gepflegten Spazierwegen. Bäume sind unsere Freunde, sie liefern einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für unser Wetter, das Klima, die Sauberkeit und die Qualität unserer Atemluft. Ein dichtes Blätterdach ist auch ein natürlicher Lärmschutz. Wie wir wissen, schwinden ständig mehr Wälder auf unserer Erde. Gott sei Dank redet der Waldschadensbericht von 2008 nicht mehr vom Waldsterben sondern von Waldschäden. Sorgenkind Nummer eins ist in Nordrhein-Westfalen immer noch die Eiche. Das beliebteste Erholungsgebiet in der Stadt ist den Münsteranern der Aasee mit seinen verschiedenen Freizeitmöglichkeiten. Das konnte man in diesem Jahr wieder am 1. Mai mit seinem fabelhaften Wetter beobachten. Jung und Alt war unterwegs. Mit dem Ausbau des Aasees begann man Mitte der Zwanziger Jahre im Rahmen einer großen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Er ist heute 2 Kilometer lang und 400 m breit. Die schönsten Bilder vom Aasee, der größten Pfütze der Stadt, sind bei uns in Haus 6 in der IV. Etage. Wenn sie aus dem Aufzug kommen, schwenken sie nicht gleich rechts in die Weinstube, sondern gehen geradeaus, das letzte Bild ist das Schönste. Und damit ist die Berichterstattung über die Renovierung der Flure unseres Hauses beendet. Anneliese Rhode 4

7 Aber bitte mit Sahne! Ein sonniger Nachmittag für unsere Interessenten und Bewohner rund um die süße, rote Frucht der Erdbeere Wochenende für zwei Personen in der Residenz mit Stadtführung und Weltklassik am Klavier, regte natürlich zur Lösung der Fragen an. Mit flotter Musik und kulinarischen Köstlichkeiten der Erdbeere haben wir nicht nur die Sonne, sondern auch Interessenten in unsere Residenz gelockt. An liebevoll von Christine Wietzorke und Brigitte Austermann, dem Erdbeermotto folgend dekorierten Ständen, gab es verlockende Leckereien: Erdbeeren auf Biskuitboden, als Marmelade, im Prosecco, als Likör und natürlich auch als aromatische, pure Frucht mit Sahne. Musikalisch untermalt wurde das bunte Treiben von Mathias Böyer und Stefan Untiet. Und Herr Levo empfing die Gäste mit einer kleinen Geschmacksprobe und stimmte die Besucher auf den sommerlichen Nachmittag in unserem Hause ein. Interessierte Gäste sind unserer Einladung gefolgt und haben sich mit großer Aufmerksamkeit den Führungen angeschlossen, um die Atmosphäre des Hauses zu schnuppern. Wir freuen uns schon auf unseren Interessentag im Herbst und sind gespannt, was uns erwartet?! Sabine Schneider, Residenzberatung Das Erdbeerquiz stellte alle Besucher und auch unsere Bewohner vor große Aufgaben. Der attraktive Hauptpreis, ein 5

8 Veränderung in der Residenzberatung Zur Monatsmitte Juli verlässt unsere langjährige Residenzberaterin, Frau Heide Ludwig, aus persönlichen Gründen das Unternehmen. Frau Ludwig war mit Unterbrechung über 15 Jahre für das Vermietungsgeschäft am Tibusplatz verantwortlich. Bei Mitarbeitern, Bewohnern und Interessenten war Frau Ludwig stets als kompetente Ansprechpartnerin bekannt. Wir wünschen ihr auf diesem Weg alles Gute für ihre weitere berufliche Laufbahn. Ursprünglich als Verstärkung in der Residenzberatung geplant, ist seit Mitte März Frau Schneider in unserem Haus tätig. Nach dem Ausscheiden von Frau Ludwig liegt nunmehr die alleinige Verantwortung für das Vermietungsgeschäft in ihren Händen. Frau Ludwig hat Frau Schneider umfassend eingearbeitet, so dass ein hohes Mass an Kontinuität sichergestellt ist. Wir gehen davon aus, dass Frau Schneider die weitere Entwicklung unseres Hauses tatkräftig begleiten wird und bitten darum, ihr das dafür erforderliche Vertrauen und die Unterstützung zukommen zu lassen. Geschäftsleitung der DKV-Residenz Die Geschichte der DDR war ihre eigene! Mitarbeiter der DKV-Residenz am Tibusplatz erzählen - Teil 2 Wir wollen die Lebensgeschichte derjenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorstellen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Nachdem wir in der letzten Ausgabe unserer Rundschau über ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen berichtet haben, erfahren Sie in dieser Ausgabe von ihrem damaligen DDR-Alltag mit seiner Warenknappheit, seinen Reiseeinschränkungen und seiner Einstellung zur Kirche. Von Mangelware, Bückware und Westpaketen Das Warenangebot der DDR war teilweise sehr begrenzt. Durch die Planwirtschaft waren etliche Güter in nicht ausreichender Menge vorhanden. Zum Angebot in 6 den Obst- und Gemüseläden der Republik gehörten meist nur Kohl, Möhren, Kartoffeln oder Äpfel. Bohnen, Erdbeeren oder Kirschen waren oft nur erhältlich, wenn

9 die Besitzer eines Gartens ihre Produkte gegen ein kleines Entgelt in den Läden ablieferten. An Südfrüchte wie Apfelsinen und Bananen war nur selten zu denken. Wenn sich in einer Kaufhalle (so hießen die Supermärkte bei uns) oder vor dem Obst- und Gemüseladen eine lange Menschenschlange bildete, stellten wir uns meist auf Verdacht an und fragten, was es denn zu kaufen gäbe. Man wusste nie, was es gab. Im Konsum, in den HO s (Handelsorganisationen) und in den Kaufhallen erwarben wir die Nahrungsmittel des täglichen Bedarfs, die meist aus einheimischen Produktionen stammten und sehr preiswert waren, da sie subventioniert wurden. In den Delikatläden wurden hochwertige Waren angeboten, die zum Teil aus dem westlichen Ausland eingeführt wurden, z.b. Ananas in Dosen. Diese waren sehr teuer und selten ausreichend vorhanden erklärt Sven Heidrich. Der Mangel bestimmte unseren Alltag. Es gab immer wieder Engpässe in der Versorgung, weil die sozialistische Produktion nicht nachkam, da alles nach Plan produziert wurde und die Verteilung nicht klappte. Wochenlanges Warten war normal. Wenn wir irgendwo eine so genannte Mangelware entdeckten, alarmierten wir Verwandte, Freunde und Nachbarn und im Nu entstand eine Schlange vor dem Geschäft. Weil es an so viel fehlte, waren Beziehungen wichtig. Alle wussten, wir waren aufeinander angewiesen. Und wir halfen einander. Da wir gute Beziehungen aus der Nachbarschaft hatten, die im Einzelhandel d.h. in Handels-genossenschaften gearbeitet haben und uns Lebensmittel mitgebracht oder zurückgelegt haben, hatten wir immer genug zu essen. Der Vater von Anja Krüskemper war Pförtner in einer großen Fabrik: Durch meinen Papa bekamen wir häufig begehrte Ware, nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere! Er drückte öfter s mal ein Auge zu, wenn Kollegen an der Pforte etwas vorbeischleusten. Daraufhin bekam er dann schon mal Tipps, wo es Langspielplatten oder Bücher zu holen gab. Ware wie diese, 7

10 die sozusagen unter dem Ladentisch angeboten wurde, nannte man Bückware, da wir uns, symbolisch gesehen, bücken mussten, um sie entgegen zu nehmen. Gute Beziehungen zum Verkaufspersonal waren absolut entscheidend für einen etwas gehobeneren Lebensstandard. Gute Verdienste dagegen waren nicht wirklich ausschlaggebend, da es ja nur spärlich Waren zu kaufen gab. Wer ein Haus bauen wollte, konnte eigentlich nur durch Beziehungen ausreichend Zement und Steine bekommen. Da wurden Dachrinnen gegen Strümpfe getauscht, Obst gegen Zeitungen aus der BRD. Egal wie alt etc.. Es wurde viel gebastelt, selbst gebaut und improvisiert. Zeitgemäße Einrichtungsgegenstände sowie Fernseher, Autos, modische Kleidung in der richtigen Größe, Jeans und Schuhe waren praktisch immer Mangelware. Papiertaschentücher gab es gar nicht. 8 Wir bekamen die begehrte Westware regelmäßig von der Verwandtschaft aus der BRD in den beliebten Westpaketen geschickt. Meist waren das Kaffee, Schokolade, Kakaopulver, Gummibärchen, Strumpfhosen und andere Kleidungsstücke, aber auch Filzstifte, Barbies und einmal gab es auch ein Poster von der Popgruppe Modern Talking. Einen Winter, das weiß ich noch, da gab es bei uns keine Winterschuhe zu kaufen. Also haben wir unsere Füße mit genauer Größe aufgemalt, die Zeichnung zu Verwandten in den Westen geschickt und einige Zeit später im Westpaket die begehrten bzw. dringend benötigten Schuhe erhalten. Die meisten Päckchen kamen an, aber manchmal fehlte Ware. Einmal wurden am Zoll Handarbeitshefte, die in einem für uns bestimmten Westpaket waren, entfernt, weil der Zöllner diese wohl selber wollte. Das durfte man nicht reklamieren, sonst hätte es große Probleme gegeben und man wäre womöglich ins Gefängnis gekommen. Denn, wenn man den Zoll angegriffen hätte, hätte man das ganze System angegriffen. Vom Einfluss der Kirche Ich war eines der wenigen Mädchen in meiner Klasse, das in der Kirche aktiv war, so Stephanie Schmidt von micura Pflegedienste. Meine Eltern waren streng religiös und haben mich entsprechend erzogen. Die Kirche aber durfte in der DDR offiziell keine Rolle spielen. Der Staat führte 1955 die Jugendweihe ein, die anstelle eines religiösen ein weltliches und sozialistisches Gelöbnis beinhaltete. Die SED wollte eine Feier, die Jugendliche auf den SED-Staat verpflichtete und wollte allein bestimmen, welche Stellung die Kirche im Sozialismus hatte. Ich bin ganz bewusst nicht zur Jugendweihe gegangen, weil ich aufgrund meiner christlichen Erziehung die sozialistische Ideologie nicht vertreten konnte und wollte; diese Missachtung der Menschenrechte, diese Un-

11 gleichbehandlung und Verfälschung der christlichen Werte. Die christliche Religion wurde durch kommunistische Ideologie ersetzt. Himmelfahrt, Fronleichnam, Ostermontag wurden abgeschafft. Und außerdem wurde kirchliches Engagement nicht gern gesehen. So kam es, dass viele Menschen im Osten atheistisch waren; von 36 Schülern in unserer Klasse waren vier katholisch und der überwiegende Teil war nicht gläubig. Weil ich gute Noten hatte, wollte ich das Abitur machen, durfte das aber nicht, da ich kirchlich so engagiert war. Meine Eltern haben sogar an Walter Ulbricht einen Brief geschrieben, um für mich die angestrebte schulische Laufbahn zu erkämpfen. Antwort: Ich müsste erst meine innere Einstellung zum sozialistischen Staat ändern. Da ich das nicht tat und weiterhin regelmäßig Gottesdienste und Kirchenchor besuchte und Mitglied der katholischen Jugend war, bekam ich nicht die Erlaubnis, die Schule weiter zu besuchen und wurde deswegen sogar überwacht. Auch später wurde mir noch der zweite Bildungsweg verwehrt. Während meiner Tätigkeit als Krankenpflegerin wurde ich z.b. immer in Spätdienste eingeteilt. So wurde mir die Möglichkeit genommen abends eine Schule zu besuchen. Das war Absicht. Da bin ich Krankenschwester geblieben, obwohl ich so gerne Medizin studiert hätte und auch alle Voraussetzungen dafür hatte. Von Reiseeinschränkungen und Westkontakten Die Menschen in der DDR durften ihr Land nicht Richtung Westen verlassen. Bereits seit 1946 war die innerdeutsche Grenze bewacht, um illegalen Personen- und Warenverkehr zu verhindern. Die Alliierten führten einen Interzonenpass ein, den man benötigte, um in eine andere Besatzungszone zu gelangen. Diese Pässe mussten beantragt werden und wurden nur für dringende familiäre oder geschäftliche Angelegenheiten ausgestellt. Durch die vollständige Abriegelung der Grenze mit dem Mauerbau wurden Familien und Freunde getrennt und man konnte nur noch unter großer Gefahr flüchten. Ab 1964 konnten Rentner der DDR eine Reiseerlaubnis beantragen, um Verwandte im Westteil zu besuchen. Eine Besuchserlaubnis erteilte man auch wegen dringender Familienangelegenheiten, wie Todesfällen, Hochzeiten und runder Geburtstage. Ansonsten wurden Familienzusammenführungen verhindert. Anja Krüskemper erzählt: Mein Vater hat seine Arbeit zu DDR-Zeiten verloren, weil er unerlaubte Westkontakte hatte. Deshalb wurde er vom Strafgefangenenaufseher zum Pförtner degradiert. Wenn er in die BRD reisen wollte um Verwandte zu besuchen, dann wurden vorher seine Arbeitskollegen und Nachbarn befragt, wie seine Ehe und sein soziales Umfeld wären. So wurde vom Staat geprüft, wie hoch das Risiko einer Flucht war. Wenn man sich also mit Nachbarn nicht gut verstanden 9

12 ne Mutter abgelehnt und somit durfte sie nicht an der Beerdigung ihres Vaters teilnehmen. hatte, dann bestand die Gefahr, dass sie Schlechtes über einen gesagt haben und man erhielt daraufhin keine Ausreiseerlaubnis. Auch Stephanie Schmidt hatte einen Teil ihrer Familie in der BRD. Durch den Krieg waren ihre Großeltern in den Westen gekommen. Meine Mutter sollte auch mit, wollte aber ihren Verlobten im Osten nicht verlassen. So ist meine Familie auseinander gerissen worden. Ich habe meinen Großvater leider nie kennen gelernt. Als er gestorben ist, wollte meine Mutter natürlich zu seiner Beerdigung. Sie hat aber keine Erlaubnis erhalten - warum auch immer. Daraufhin ist sie zur Polizei gegangen, um irgendwie doch noch eine Ausreisegenehmigung zu bekommen. Erst wurde sie hingehalten und dann wurde ihre Ausreisegenehmigung an einen Spionageauftrag gekoppelt. Sie dürfe nur zur Beerdigung, wenn sie einen bestimmten Auftrag erfüllen würde. Dies hat mei- 10 Auch meine Oma hatte ein schreckliches Erlebnis. Bei einer Reise in die DDR hatte sie Geld für uns in ihrem BH versteckt. Bei der Grenzkontrolle wurde das von einem DDR-Beamten aufgedeckt, da dieser aus unerklärlichen Gründen veranlasst hatte, sie müsse sich im Grenzhäuschen entkleiden. Da stand diese alte Frau, zu Tode erschrocken, völlig nackt in einem Zollraum an der innerdeutschen Grenze Dieser Vorfall hat meine Oma so sehr verstört und traumatisiert, dass sie nie wieder zu uns in die DDR reisen konnte und somit auch ihre Tochter erst nach dem Mauerfall wieder hat sehen können. Dies sind Dinge, die mich auch heute noch nach so vielen Jahren sehr beschäftigen. Das Sich nicht sehen dürfen, das hat mich immer sehr viel mehr belastet, als die eingeschränkte Lebensmittelsituation. Ulrike Wünnemann Der Bruder von Gudrun Dopslaf, Mitarbeiterin im Service, war Funktionär bei der Stasi und beeinflusste ihren Alltag enorm. Auch Petra Fleiter aus dem Service stand unter strenger Beobachtung. In der nächsten Residenz-Rundschau erfahren Sie mehr von persönlichen Erlebnissen mit der Staatssicherheit.

13 Frühling in Dresden Eine Reise mit der DKV-Residenz am Tibusplatz in die sächsische Hauptstadt Nicht nur die Dresden-Neulinge, auch die erfahrenen Dresden-Kenner unter den 18 Teilnehmern waren begeistert von der hervorragend organisierten und dann rundum gelungenen 5-Tage-Fahrt: - Das Wetter hätte nicht besser sein können. - Die zentrale 5*****- Unterkunft und die immer in der Nähe der Besuchsziele gelegenen Gaststätten sparten Zeit und schonten Kräfte. - Und schließlich ließ das Programm kaum Wünsche übrig. Frau Wünnemann, der verantwortlichen DKV-Begleiterin und Organisatorin, ein dickes Lob! Aber auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dürfen sich auf die Schulter klopfen. Die Chemie in der Gruppe -wie man so schön sagt- stimmte. Vielleicht war dafür hilfreich, dass man Dresden nicht direkt erreichen kann, sondern nur mit Umsteigen in Hamm und Berlin, mit Aussteigen und Einsteigen in die Züge, was die Gruppe immer wieder aufmischte, was bisweilen Hilfe erforderte, die dann aber auch gern und von allen gegeben und angenommen wurde. Nach der 7stündigen Zugfahrt und der kurzen Rekreation in den Hotelzimmern traf man sich entspannt und erwartungsfroh zu Füßen des Königs Salomo gleich gegenüber dem Hotel im Freiberger Schankhaus zum gemeinsamen Abendessen und anschließend bei einem kurzen Sektempfang mit Ausgabe der Tageslosung für den kommenden Tag in der Hotelbar. Dieser begann wie auch die folgendenmit einem reichhaltigen Frühstück - optional ab 6.3o Uhr- im Dachgeschoß des QF-Hotels (Quartier an der Frauenkirche). Der Panoramablick aus dem Oberstübchen des Hotels auf die Kuppel der Frauenkirche, auf den blauen Himmel und die Dächer und Türme der Stadt stimmte ein und machte neugierig auf das Programm, - und das war täglich prall gefüllt! Der Montag begann gleich mit einem fast 11

14 Augusts des Starken und seines Sohnes besichtigen konnten. Aber es war noch nicht genug für den ersten Tag. Nach dem Abendessen im Italienischen Dörfchen ging es hinüber in die Semper-Oper zur großartigen Vorstellung von Puccinis La Bohème dreistündigen (!) Rundgang durch die historische Altstadt. Gottlob hatte die uns führende kundige Dresdenerin neben ihren historischen Kenntnissen auch das für unsere Gruppe nötige Wissen über schattige Plätze und Sitzmöglichkeiten, so dass niemand entkräftet aufgeben musste. Wir starteten am Luther-Denkmal, das den Feuersturm vom Februar 1945 relativ unbeschadet überstanden hat, und bewunderten die aus Ruinen wieder neu erstandene Frauenkirche. Weiter führte uns die Dame, die die Schreckensjahre des Krieges noch als Kind erlebt hatte, vorbei am Gottfried -Semper- Denkmal auf die Brühlsche Terrasse, den Balkon Europas, mit dem Blick über die Elbe, auf die rechtselbische Seite mit Staatskanzlei und Neustädter Turm sowie auf Hofkirche, Semperoper, Augustusbrücke und Residenzschloss. Nach einem Halt vor dem Fürstenzug, dem Bildfries mit den Meissener Kacheln an der Nordwand des Schlosses über die Herrscher des Hauses Wettin, ging es zum Zwinger, dem Meisterwerk des höfischen Barocks. Am Dienstag fuhren wir bei herrlichem Sommerwetter mit dem Schaufeldampfer die Elbe aufwärts zur ehemaligen Sommerresidenz der sächsischen Regenten, zum Schloß Pillnitz, - vorbei an den Elbschlössern, an den sächsischen Weinbergen, an der Loschwitzer Brücke ( Blaues Wunder ) und an der alten Schifferkirche Maria am Wasser. Leider waren die Blüten der mehr als 200jährigen, 10 Meter hohen Kamelie verblüht, aber das wunderschöne Exemplar mit seinem beweglichen Glashaus beeindruckte uns ebenso wie die vielen anderen dendrologischen Seltenheiten. Nach der Rückkehr gegen 17 Uhr folgte dann nach kurzer Erholungspause und einem stilvollen Abendessen im historischen Gewandhaus-Hotel eine zweistündige Stadtrundfahrt bis 23 Uhr (!)) mit einem waschechten Sachsen, der vom Steuer seines Oldtimer-Busses (Marke Ei- Das Mittagessen im Restaurant Brunetti und die Mittagsruhe bis 15 Uhr sorgten für neue Energien, so dass wir am Nachmittag das Historische Grüne Gewölbe mit den Juwelen 12

15 genbau) ohne Ossi-Komplexe frech und frei den Wessis DDR- und Wende- und Nachwendegeschichten erzählte und das erleuchtete Dresden bei Nacht erklärte. Der Mittwoch bot weitere Sternstunden. Zunächst führte uns eine Kunsthistorikerin durch die im Zwinger gelegene Gemäldegalerie Alte Meister. Es war beeindruckend, wie die Expertin anhand ausgewählter Beispiele einfühlsam Werke und Künstler vorstellte. Der Nachmittag stand zur freien Verfügung, und manche nutzten die Gelegenheit, bislang nur aus der Ferne gesehene Objekte wie die Hofkirche oder die Kreuzkirche oder den Altmarkt nun aus der Nähe in Augenschein zu nehmen. Und dann folgte am Abend - nach dem Essen im Kurfürstenhotel gleich neben der Frauenkirche- das Eröffnungskonzert der Dresdener Musikfestspiele in der Frauenkirche mit der Star-Sopranistin Dawn Upshaw und dem amerikanische Orchester The Knights mit dem Dirigenten Eric Jacobsen und Werken von Bach, Schubert, Gershwin, Beethoven u.a. Leider waren keine Aufzüge verfügbar, um auf die Empore zu kommen; aber der Musikgenuss ließ die Mühen des Treppensteigens vergessen. Und dann gab es am Abend in der Hotelbar bei dem abschließenden Beisammensein auch noch die Möglichkeit, der Reiseleiterin Wünnemann unseren Dank auszusprechen. Sie hatte die Frühjahrsfahrt der Tibus-Residenz schon seit dem November des vorigen Jahres bestens vorbereitet und begleitet. Bei der Rückfahrt, die wiederum ein 8-Stunden-Programm war, gab es nur zufriedene Gesichter, muntere Gespräche und bisweilen auch einmal ein Nickerchen. Alles in allem: Dresden im Frühling war eine schöne, erlebnisreiche Fahrt, die bei allen, die daran teilnehmen durften, auch bei den Nicht-Bewohnern, wie ich es bin, in bester Erinnerung bleiben wird. Rudolf Stratmann 13

16 Wie kommt man von Essen nach Münster? Einer meiner Söhne wohnt mit seiner Familie seit über 30 Jahren in der schönen Stadt Münster. Bei unseren häufigen Besuchen konnten wir in der ersten Zeit mit dem Auto nach dort fahren, was für meine Frau und mich bequem zu schaffen war. Seit einiger Zeit fuhr ich aber mit dem Schöner Tag Ticket NRW Single, zunächst mit der U 17 bis Essen HBF, weiter mit der RE 2 bis Münster HBF und mit den Bussen der Linie 15 oder 16 bis zur Kreuzschanze. Von dort sind es 300 Meter bis zur Wohnung meines Sohnes. Am Abend ging es zurück ins traute Heim nach Essen. Was aber veranlasst einen Menschen, seine Wohnung in einem der schönsten Stadtteile Essens, der Margarethenhöhe aufzugeben? Diese unter Denkmalschutz stehende Gartenvorstadt, die seit über 100 Jahren besteht, (schöne und preiswerte Wohnungen mit schönen Gärten und Anlagen bietet) und deren Entstehung in der letzten Ausgabe der Residenz Rundschau genauer beschrieben wurde. Sicher hat der eine oder andere vor einiger Zeit den Film über die Familie Krupp gesehen oder diese schöne Siedlung besichtigt. Es wäre daher fast zwangsläufig, einen Tagesausflug dorthin zu organisieren. 14 Die schöne Wohnung dort aufzugeben, ist ein schwerer Entschluss. 52 Jahre hat man dort gelebt, die Kinder sind dort aufgewachsen und erinnern sich noch gerne an diese Zeiten. Was ist der Grund für diesen Wohnungswechsel? Ist es Krankheit, Einsamkeit, Verlust von Verwandten und Bekannten? In erster Linie ist es der enge Kontakt innerhalb der Familie, die zu jeder Zeit im Mittelpunkt stehen sollte. Das empfindet man besonders stark, wenn der geliebte Ehepartner nach 56 glücklichen Ehejahren diese Welt verlassen hat. Es braucht seine Zeit, über diesen Verlust hinweg zu kommen. Nicht die körperliche Trennung, die innere Verbundenheit ist es, die in vielen stillen Stunden Erinnerungen wach werden lässt. Ob es die vielen schönen gemeinsamen Reisen, Feiern im Familienkreis oder andere Erlebnisse waren, es kommen Tage, die die vergangenen Zeiten immer wieder hervorrufen. Wenn Krankheiten dazu kommen, wird es immer mehr bewusst, dass die Familie fehlt, die manches Problem leichter lösen kann. In dieser Situation befand ich mich etwa vor einem Jahr, als ich mir eine Erkrankung zugezogen hatte, die mir große Schwierigkeiten bereitete. Neben einem normalen Haushalt in einer großen Wohnung, den ich mit Hil-

17 fe einer Zugehfrau recht gut bewältigen konnte, fielen mir die üblichen Pflichten eines Hausmannes wie Einkaufen, Essen kochen, große und kleine Wäsche, Bügeln usw. immer schwerer. Das beschloss ich zu ändern. Schon vor einigen Jahren hatten meine Frau und ich überlegt, den Lebensabend in der Nähe der Kinder zu verbringen. Bei einem Besuch in Münster wurden wir durch eine Bekannte meines Sohnes über die DKV-Residenz am Tibusplatz informiert. Nach der Besichtigung einiger Wohnungen waren wir von diesem Haus sehr angetan. Leider haben wir entsprechende Pläne eines Umzugs nicht verwirklichen können. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nach dem Tod meiner Frau im Jahre 2005 habe ich mit dem Gedanken gespielt, nach Münster überzusiedeln, aber die Zeit war dafür noch nicht reif. Im Herbst des vergangenen Jahres verschlechterte sich mein Gesundheitszustand, so dass ich kaum noch in der Lage war, meinen täglichen Pflichten nachzukommen. Nun hieß es handeln. In vielen Tagen und Stunden manchmal auch des Nachts habe ich hin- und her überlegt, wie diese Situation zu bewältigen ist. Bei einem solchen Schritt eines Umzugs nach Münster heißt es Abschied nehmen von vielen Gewohnheiten und Menschen: Von den beiden lebenden Schwestern ( Jahre alt), von Schwägerinnen, Nichten und Neffen. Von den Sportkameraden, mit denen man nach den Übungsstunden in trauter Runde zusammen saß und über Gott und die Welt redete. Von den Schwimmerinnen und Schwimmern, mit denen man nach der Wassergymnastik schöne Stunden verlebte. Von den vielen Feiern im Kreise vieler netter Menschen. Alls wird mir immer in dankbarer Erinnerung bleiben. Dann stand der Entschluss fest, mich um eine Wohnung oder ein Appartement in der DKV-Residenz am Tibusplatz zu bemühen. Das klappte überraschend schnell, und ich hatte ein passendes Appartement gefunden. Der Umzug wurde vorbereitet, alle notwendigen Dinge eingehend besprochen und eingeleitet. Durch die Mithilfe meiner Söhne konnte der Umzug zügig durchgeführt werden, wobei auch Schwiegertochter und Enkelkinder kräftig mithalfen. So bezog ich am mein Appartement am Tibusplatz 6 und bin Mitbürger der schönen Stadt Münster geworden. Nun lebe ich schon einige Wochen in meinem neuen Domizil und wie meine ersten Wochen im Tibus verlaufen sind, erfahren Sie in der nächsten Ausgabe der Residenz Rundschau. Josef Spitz 15

18 Weltklassik am Klavier! nun auch im Tibus Als Fackelträgerin der klassischen Musik ist sie einmal bezeichnet worden, als Frau, die mit originellen Ideen versucht Menschen, besonders auch Kinder, für klassische Klaviermusik zu begeistern. Gemeint ist Kathrin Haarstick, die Organisatorin von Weltklassik am Klavier!. Nur drei Dinge benötigt sie, um Konzertbesucher zu verzaubern: einen beeindruckenden Raum, ein Klavier und einen künftigen Weltpianisten. Und genau das hat sie gefunden. Im Veranstaltungssaal am Tibusplatz, auf hauseigenem Flügel, präsentierten die Pianistinnen Laura Pauna und Cara Hesse am Pfingstwochenende in Münster ein Konzerterlebnis der Extraklasse. Ihr atemberaubendes Talent, die ungeheure Geschwindigkeit, mit der ihre Finger über die Tasten schwebten, die angebliche Leichtigkeit all das hielt die Zuhörer von Beginn an in Bann. Chr. Schulte im Walde, Kulturredakteur der Westfälischen Nachrichten formulierte es so: Wer da jetzt im Tibusstift am Tibusplatz nicht die Ohren vom ersten Takt an spitzte... Für dieses eineinhalbstündige Konzert probten die Pianistinnen zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, drei Monate lang - natürlich basierend auf einer langjährigen Ausbildung. Haarstick arbeitet eng mit der Hochschule für Musik in Hannover zusammen, die zu den besten Klavier- Hochschulen der Welt gehört. Von dort kommen sie, die herausragenden Pianisten, die gleich für 16 Konzerte quer durch Deutschland gebucht werden, denn Weltklassik am Klavier! ist inzwischen an genau so vielen Standorten vertreten. Von Rysum aus organisiert Haarstick diese Konzerte deutschlandweit, so auch seit Mai die in Münster im Tibus. Und damit sie nicht immer persönlich bei jedem Konzert vor Ort dabei sein muss, hat sie für Münster Annette Passlick-Wabner gewinnen können, sozusagen als Patin vor Ort. Kathrin Haarstick engagiert sich mit Herzblut dafür, dass nicht etwas verloren geht, was allerhöchste Qualität hat die klassische Musik. Und wir in Münster dürfen davon profitieren. Ulrike Wünnemann Gäste sind herzlich willkommen. Der Eintritt beträgt 15,- Euro. Reservierungen unter Telefon , für Bewohner des Hauses auch an der Rezeption. Weltklassik am Klavier! findet regelmäßig jeden letzten Sonntag im Monat um 17:00 Uhr in der DKV-Residenz am Tibusplatz statt. Weitere Informationen unter 16

19 Benimm ist Glücksache Seit ein paar Jahren werden in verschiedenen Städten Kurse für gute gesellschaftliche Umgangsformen bei Restaurantbesuchen und damit verbundenen Tischsitten angeboten. Selbst Kinder werden dort schon in Tischmanieren geschult natürlich gegen Bezahlung weil scheinbar viele Eltern nicht in der Lage sind, ihrem Nachwuchs zu Hause die Grundregeln appetitlichen Essens kostenlos beizubringen. Nun weiß man natürlich, dass die Essgewohnheiten in verschiedenen Ländern unterschiedlich sind. Aber als neulich im Fernsehen der Vertreter eines solchen Benimmkurses verkündete, dass man z. B. in Brasilien während des Essens bei Tisch nicht die Nase putzen darf, geriet ich ins Grübeln. Jeden Mittag, wenn ich die warme Suppe löffeln möchte, beginnt meine Nase automatisch zu laufen. Natürlich hängt das mit meinem biblischen Alter zusammen, also zücke ich mein Tempotuch, benutze es möglichst diskret vom Tisch abgewandt, leise und nicht etwa trompetend. Wie verhält man sich notfalls in Brasilien? Auch in Japan ist schnäuzen verpönt. Bei einer beruflich bedingten Teezeremonie trippelte sogleich die Geisha herbei und hielt meinem Mann einen Fächer vor s Gesicht, als er sein Taschentuch zückte. Sollte man es vielleicht mit pneumati- scher Methode, d. h. hochziehen versuchen, die Nase in den Griff zu kriegen? Beim Essen in Japan selbstverständlich mit Stäbchen sollte man selbige nicht im Reis stecken lassen, weil das nur bei Begräbnissen üblich ist. In Österreich darf man die Knödel nicht zerschneiden, sondern sollte sie nur sanft zerreißen, da man sonst der Köchin ins Herz schneidet, lehrte mich meine österreichische Schwiegermutter vor über 70 Jahren. Bei uns wird es wiederum nicht gerne gesehen, wenn die Kartoffel auf dem Teller vorab radikal mit dem Messer zerschnibbelt wird und man sollte das Messer nicht in Bleistifthaltung benutzen. Ganz anders verhält sich der Durchschnittsamerikaner beim Essen. Mit Messer und Gabel zerschneidet er das blutige Steak in mundgerechte kleine Happen, legt das Messer beiseite, spießt die Häppchen mit der Gabel auf und führt sie so zum Mund, während die freie Hand locker auf dem Schenkel liegt. Vermutlich würden wir Europäer heutzutage auch noch einigen rustikalen Sitten frönen, die ihren Ursprung im bäuerlichen Milieu hatten. Seit dem 18. Jahrhundert setzten sich allmählich als Vorbild die höfischen Umgangsformen durch und verbreiteten sich. Gerda Lerch 17

20 Mein Engagement für Attac Es gibt ein globalisierungskritisches Netzwerk Attac mit Sitz u. a. in Frankfurt am Main und Offenbach am Main, wo ich herkomme. Im hiesigen Telefonbuch konnte ich es nicht finden. Ich bin seit vielen Jahren Mitglied bei Attac. Attac übt laut und öffentlich Kritik z. B. am Weltwasserforum, das in Istanbul tagte und eine Lobbyveranstaltung der Wasser- und Energiewirtschaft ist, die von den Interessen der großen Konzerne bestimmt wird. Kritiker wurden ausgeschlossen, die Polizei ging gewalttätig gegen friedliche Demonstranten vor. So steht zu befürchten, dass die Wasserkonzerne und die türkische Regierung das Weltwasserforum dazu nutzen, die Privatisierung türkischer Gewässer in großem Stil einzuleiten um z. B. die Nutzungsrechte am Euphrat und Tigris zu verkaufen, während die Demonstranten das Motto vertraten: Wasser ist Menschenrecht und keine Ware, wie ein Attac-Mitglied von dort berichtet. Attac kritisiert die Privatisierung von Wasser weltweit. Ebenso heftig kritisiert Attac die Patentierung von Saatgut und Monsanto, den Konzern, der das betreibt. Die Kleinbauern in den armen Ländern würden infolge davon total verarmen, wie zum Teil jetzt schon infolge der Agrarsubventionen in den USA und auch in Deutschland. 18 Ein ganz düsteres Kapitel, wogegen Attac kämpft, ist die Umwelt- und Klimakrise, die wir reichen Länder produzieren durch unsere Autoabgase, Kohlekraftwerke, Umweltzerstörung. Deutschland steht auf Platz 6 der Weltrangliste der Hauptverursacher der Klimakrise. Die Hauptleidtragenden sind die armen Länder, die z. B. von Wassermangel bedroht sind infolge der Erderwärmung, die wir produzieren. Attac wendet sich vehement gegen den Wachstumswahn, der nur zerstörerisch wirkt. Es ließe sich noch vieles nennen, wogegen Attac aufsteht: Liberalisierung der Wirtschaft ohne genügende politische Kontrolle, Spekulationskrisen. Attac fordert eine demokratische Ökonomie, die am Wohl aller orientiert ist, die Mensch und Umwelt ins Zentrum stellt und nicht den Profit. Märkte und Kapital müssen demokratisch reguliert, begrenzt und kontrolliert werden. Die öffentlichen Güter müssen für alle zugänglich sein, ihre Kosten müssen solidarisch auf alle Schultern verteilt werden. Beschäftigte haben über wirtschaftliche Entscheidungen mitzureden. Das Wissen um die beste Lösung kommt nicht von sogenannten Wirtschaftsweisen, sondern aus dem demokratischen Ringen um Argumente und Alternativen sowie aus unserer Lebenspraxis. Das sind Forderungen von Attac, wofür wir jedes Jahr auf dem Ostermarsch von Offenbach nach Frankfurt auf den Römer gelaufen sind. Wenn ich könnte, ich würde heute noch mitlaufen. Wir haben einen reichhaltigen und schönen Veranstaltungskalender. Und doch vermisse ich solche Themen auf dem Programm, die ja auch uns Alte angehen, besonders im Hinblick auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Ursula Heil

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