INTEGRIERTES ENTWICKLUNGSKONZEPT FÜR DIE ALTSTADT VON LVIV

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1 INTEGRIERTES ENTWICKLUNGSKONZEPT FÜR DIE ALTSTADT VON LVIV

2 VORWORT Liebe Bürgerinnen und Bürger von Lviv, Unsere Stadt mit ihrer mehr als 750-jährigen Geschichte ist das kulturelle und geistige Zentrum der Ukraine. Unsere Altstadt ist ein herausragendes Beispiel für die Baukunst vergangener Zeitepochen und ist weit über die Grenzen unseres Landes bekannt. Zu Recht wurde Ihr von der UNESCO der Status eines Weltkulturerbes verliehen. Die Einzigartigkeit unserer Altstadt liegt in ihrer Schönheit und Lebendigkeit. Seit Jahrhunderten wird hier gewohnt, studiert, Handel getrieben und gearbeitet. Daneben entdecken immer mehr Touristen den außergewöhnlichen Liebreiz unserer Altstadt. In einer Zeit der stetigen Veränderung ist es besonders wichtig, komfortable Lebensbedingungen für die Bewohner unserer Altstadt zu schaffen und gleichzeitig das geschichtliche Erbe und die Vielfalt unserer Altstadt zu bewahren, um so unseren Kindern und den nachfolgenden Generationen ein Stück Identität zu sichern. Viele europäische Städte standen vor ähnlichen Herausforderungen und konnten diese mit dem Ansatz der integrierten Stadtentwicklung bewerkstelligen. Auch wir schlagen diesen erfolgreichen Weg ein, bei dem es wichtig ist, dass Politik, Stadtverwaltung, Wirtschaft und Bewohner eng zusammenarbeiten und dass alle Bereiche des täglichen Lebens gleichwertig behandelt werden. Vor uns liegt eine Vielzahl von Aufgaben, die wir in den Bereichen Wohnen, Soziales, Bildung, Wirtschaft, Kultur, Denkmalschutz, Verkehr, öffentlicher Raum, Infrastruktur und Tourismus bewerkstelligen müssen und die alle zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Bewahrung der Einzigartigkeit unserer Altstadt beitragen. Der Weg dorthin wird anspruchsvoll und zeitintensiv sein. Ich bin mir aber sicher, dass wir gemeinsam unser Ziel erreichen werden und somit den Erhalt unserer Altstadt langfristig sichern und die Lebens- und Arbeitsbedingungen nachhaltig verbessern. Andriy Sadovyy 2

3 INHALTSVERZEICHNIS Vorwort Abkürzungsverzeichnis Einleitung Funktion des Integrierten Entwicklungskonzeptes für die Altstadt von Lviv (IKA) Vorbereitung des IKA und Beteiligungsprozess Geschichtliche und städtebauliche Entwicklung der Altstadt von Lviv Demografische Entwicklung Jetzige Situation des Altstadtgebietes von Lviv Kulturerbe und Wohnen Öffentlicher Raum Verkehr und technische Infrastruktur Tourismus und Kultur Wirtschaft und Einzelhandel Soziales und Bildung Umsetzung der Stadterneuerung der Altstadt von Lviv Erhalt des Kulturerbes und Sicherung der Wohnfunktion Verbesserung des öffentlichen Raums Verbesserung der Verkehrssituation und der technischen Infrastruktur Förderung der touristischen und kulturellen Angebote Stärkung des Einzelhandels und Förderung von Kleingewerbe und Dienstleistungen Verbesserung der sozialen Situation und der Bildung Unterstützung der Verwaltungsmodernisierung Monitoring Fazit Quellenverzeichnis Impressum

4 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS EURO Fußball-Europameisterschaft EW Einwohner GIZ Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH GPS Global Positioning System (globales Satellitennavigationssystem) GV Gütterverkehr IKA Integriertes Entwicklungskonzept für die Altstadt von Lviv KfW Kreditanstalt für Wiederaufbau KMU Kleine und mittlere Unternehmen LKP Lviver Kommunalbetrieb MIV Motorisierter Individualverkehr ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr UAH Ukrainischer Hrywnja UEFA - Union of European Football Associations USP Unique Selling Point (touristische Alleinstellungsmerkmale) USSR Union of Soviet Socialist Republics WB Weltbank WHOC World Health Organisation 4

5 1 EINLEITUNG 2 FUNKTION DES INTEGRIERTEN ENTWICKLUNGSKONZEPTES FÜR DIE ALTSTADT VON LVIV (IKA) 3 VORBEREITUNG DES IKA UND DER BETEILIGUNGSPROZESS 4 GESCHICHTLICHE UND STÄDTEBAULICHE ENTWICKLUNG DER ALTSTADT VON LVIV 5 DEMOGRAFISCHE ENTWICKLUNG

6 1 EINLEITUNG Lviv (polnisch Lwów, deutsch Lemberg), die Stadt der Löwen, ist die größte Stadt in der westlichen Ukraine und liegt 80 km von der Grenze zu Polen entfernt. Mit seinen fast Einwohnern ist Lviv das wichtigste wirtschaftliche, kulturelle und touristische Zentrum der Westukraine. Auch als Hochschulstandort nimmt Lviv mit seinen etwa Studenten eine bedeutende Stellung innerhalb der Ukraine ein. Während der Fußball-Europameisterschaft Euro 2012 wird Lviv einer von vier ukrainischen Austragungsorten sein. Die Ursprünge der Stadt am Fluss Poltwa gehen auf eine Burg zurück, die um 1250 errichtet wurde. Im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit entwickelte sich Lviv zu einem wichtigen Handelsplatz. Neben polnischen und ruthenischen (ukrainischen) Bewohnern prägten bis ins 20. Jahrhundert vor allem Deutsche, Österreicher, Juden und Armenier das frühe Bild der Stadt. Heute leben in der Stadt überwiegend Ukrainer, Russen und Polen; Juden und Armenier nur noch in Minderheiten. Die von zahlreichen Bauwerken aus verschiedenen historischen Epochen geprägte Altstadt ist zu großen Teilen erhalten und gehört seit 1998 zum UNESCO Weltkulturerbe. Etwa 11% aller historischen Architekturdenkmale der Ukraine stehen in Lviv. Neben den wichtigen positiven Entwicklungen besteht noch immer eine Vielzahl von Problemlagen, die sich in den folgenden Kernaussagen widerspiegeln: Das Stadtzentrum von Lviv mit mehr als historischen Gebäuden, die das Stadtbild maßgeblich prägen, befindet sich aufgrund eines jahrzehntelangen Sanierungsstaus in einem teilweise schlechten Zustand. Der Erhalt der historischen Bausubstanz ist an vielen Stellen gefährdet, unter anderem auch aufgrund unsachgemäßer Reparaturen und der Verwendung nicht denkmalgerechter Baumaterialien in den vergangenen Jahren. Fehlende Instandsetzungsarbeiten und ausgebliebene Investitionen haben dazu geführt, dass die technische Infrastruktur in weiten Teilen modernisierungsbedürftig ist. Insbesondere das Trink- und Abwassernetz ist von hohen Leitungsverlusten gekennzeichnet. Durch zunehmende Spekulationen, auch ausländischer Investoren, lastet ein hoher Druck auf dem innerstädtischen Boden- und Immobilienmarkt. So werden immer wieder sanierte Wohnungen zu überhöhten Preisen an zahlungskräftige Geschäftsleute vermietet oder verkauft. Geringe Haushaltseinkommen bei steigenden Lebenshaltungskosten führen in einigen Bereichen des historischen Zentrums bereits zur sozialen Unausgewogenheit. Durch die Zunahme des motorisierten Individualverkehrs sowie eines erhöhten Durchgangsverkehrs hat sich die Verkehrs- und Parkplatzsituation vor allem am Rande der historischen Innenstadt und den angrenzenden Wohngebieten deutlich verschärft und schränkt die Aufenthaltsqualität sowie die Qualität der öffentlichen Räume zum Teil erheblich ein. Die Errichtung großer Einkaufszentren am Rande der Stadt und der damit verbundenen Verlagerung von Kaufkraft und Kapital bedroht zunehmend den kleinteiligen Branchenmix entlang der bisherigen Geschäftsstraßen. Die quartiersnahe Versorgung der in der Altstadt wohnenden Bevölkerung wird hierdurch stark gefährdet. Viele der in der Altstadt liegenden Bildungs- und Kultureinrichtungen sind in einem schlechten baulichen Zustand und müssen dringend instand gesetzt bzw. modernisiert werden. 6

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8 2 FUNKTION DES IKA Das Integrierte Entwicklungskonzept für die Altstadt von Lviv (IKA) konkretisiert die allgemeinen Ziele der Stadtentwicklung, insbesondere die Nachhaltige Entwicklungsstrategie der Stadt Lviv und den Strategischen Plan der Erhaltung der historischen Innenstadt in Lviv auf der Grundlage des Generalplans. Das Integrierte Entwicklungskonzept beschreibt alle wichtigen Maßnahmen und Projekte zur Entwicklung der historischen Altstadt von Lviv für die nächsten 10 Jahre. Es unterscheidet dabei zwischen bereits laufenden Vorhaben, kurz-, mittel- und langfristig geplanten Maßnahmen sowie Projektideen, deren Umsetzung anschließend in Abhängigkeit verfügbarer Finanzmittel und Förderprogramme durch die Stadtverwaltung, andere öffentliche Institutionen und lokale Akteure erfolgt. Das Integrierte Entwicklungskonzept benennt Maßnahmen und Projekte für die Themenbereiche Kulturerbe und Wohnen, Öffentlicher Raum, Verkehr und technische Infrastruktur, Tourismus und Kultur, Wirtschaft und Einzelhandel sowie Soziales und Bildung. Der Aspekt der Energieeffizienz und Nachhaltigkeit ist dabei in allen Themenbereichen vertreten. Zwischen den einzelnen Sektoren bestehen enge Beziehungen und Wechselwirkungen. Die Förderung und die Nutzung möglicher Synergieeffekte ist ein wichtiger Bestandteil des strategischen Ansatzes der zukünftigen Stadtentwicklung. Funktionen des IKA Das Integrierte Entwicklungskonzept für die historische Altstadt von Lviv erfüllt gleich mehrere Funktionen. Es ist für die Verwaltungsspitze eine Entscheidungshilfe für die effiziente Planung und den Einsatz öffentlicher Finanzmittel und wird bei der jährlichen kommunalen Haushaltsplanung berücksichtigt, dient der Stadtverwaltung als Steuerungs- und Monitoringinstrument, um Verwaltungshandeln zu optimieren, macht für die Bürger der Stadt Lviv kommunale und private Planungen und Projekte verständlich und transparent, bildet eine wichtige Grundlage für die Einwerbung von nationalen und internationalen Finanzierungs- und Fördermitteln, stellt die langfristig beabsichtigte Entwicklung für den Innenstadtbereich des UNESCO-Gebietes dar. Geltungsbereich des IKA Der Geltungsbereich des Integrierte Entwicklungskonzeptes für die Altstadt von Lviv hat eine Größe von ca. 1,9 km². Das Konzeptgebiet orientiert sich im Wesentlichen an der Gebietsabgrenzung des UNESCO-Schutzgebietes, wobei eine deutliche Erweiterung in südwestlicher Richtung erfolgte, um die dortige sanierungsbedürftige Altbausubstanz mit einzuschließen. Der Großteil des Gebiets liegt auf dem Territorium des Halyzjkyj Bezirkes; weniger als 10% befinden sich im Lytschakivsjkyj Bezirk. Die räumliche Abgrenzung gestaltet sich dem Uhrzeigersinn folgend. Im Norden grenzt das Gebiet an den Schevtschenkivskyj Bezirk und die Eisenbahntrasse und verläuft entlang der Pid-Dubom- und der Tatarska Straße. Im Nordosten bilden die Zamkowa Straße und der Park des Hohen Schlosses die Gebietsgrenze. Im Osten und Südosten verläuft die Gebietsgrenze entlang folgender Straßen: Kryvonosa, Hutsulska, Lysenko und Korolenka, Akademika Filatova und Konyskoho Straße. Die Levytskoho, Hertsena, Martovycha und Stefanyka Straße begrenzen das Gebiet im Süden. Im Südwesten und Westen verläuft die Abgrenzung entlang der Slowazkoho und der Universytetska Straße (zwischen dem Hauptgebäude der Nationalen Franko- Universität und dem gleichnamigen Park) sowie der Lystopadowogo Tschynu, Ohijenka und der Horodotska Straße. Den nordwestlichen Abschluss bildet die Dzherelna Straße (Krakivskyj Markt) bis hin zur Kreuzung mit der Pid-Dubom-Straße. Diese räumliche Konzentration geplanter öffentlicher und privater Investitionen ist erforderlich, um kurzfristig eine wahrnehmbare Wirkung innerhalb des städtischen Erneuerungsprozesses erzielen zu können. Dies ist notwendig, da die vorhandene Finanzkraft der Stadt nicht ausreicht, um alle anstehenden 8

9 Modernisierungs- und Erneuerungsmaßnahmen im gesamten Stadtgebiet zeitgleich durchführen zu können. Durch die eingeschränkte finanzielle Belastbarkeit vieler Bewohner ergeben sich kaum weitere Spielräume für zusätzliche kommunale Einnahmen wie z.b. Gebührenerhöhungen. Eine weitere Herausforderung stellt die Mobilisierung privater Investitionen zum Erhalt des baukulturellen Erbes dar, weil auch hier in den meisten Fällen die vorhandenen Finanzmittel nicht ausreichen, um die erforderlichen Modernisierungen durchführen zu können. Durch die konzentrierte Aufwertung öffentlicher Räume und der damit verbundenen Verbesserung der Lebens- und Wohnqualität kann die öffentliche Hand jedoch verfügbare private Investitionen gezielter auf ausgewählte Erneuerungsgebiete lenken. Bei öffentlichen Investitionen dieser Art ist davon auszugehen, dass ihnen private Investitionen folgen. Dies gilt beispielsweise für Wohnlagen an aufgewerteten öffentlichen Grünanlagen. Vor diesem Hintergrund birgt die Festlegung von Gebietsgrenzen für die Umsetzung des Integrierten Entwicklungskonzeptes folgende strategische und finanzielle Vorteile: Festlegung von Fördergebietsgrenzen als Grundlage zur Vergabe bereits vorhandener Fördermittel sowie Einwerbung nationaler und internationaler Finanzmittel innerhalb des Stadterneuerungsprozesses, Konzentration der städtischen Stadterneuerungsstrategie auf den Bereich, von dem größte positive Wirkung zu erwarten ist, Grundlage für die Verabschiedung von Regelungen und Satzungen, um innerhalb des Geltungsbereiches z.b. Art der Sanierung/Modernisierung bzw. Miet- und Bodenpreise zu kontrollieren, Spekulationen vorzubeugen und das Gesamterscheinungsbild zu steuern, Anregung privater Investitionen, z.b. durch Förderprogramme oder Investitionszuschüsse. Rote Linie = Geltungsbereich IKA Grüne Linie = UNESCO Gebiet Abb. 1: Darstellung des Geltungsbereiches des Integrierten Entwicklungskonzeptes für die Altstadt von Lviv [1] 9

10 3 VORBEREITUNG DES IKA UND BETEILI- GUNGSPROZESS VORBEREITUNG DES IKA Die Stadt Lviv steht den veränderten Rahmenbedingungen progressiv gegenüber und hat bereits grundlegende Voraussetzungen für einen nachhaltigen Stadterneuerungsprozess geschaffen, was im Integrierten Entwicklungskonzept für die Altstadt von Lviv weiter konkretisiert wird. Bis 2010 wurden in Lviv über 115 Strategien, Konzepte und Programme ausgearbeitet, die sich auf die strategische Entwicklung der Stadt insgesamt und sektorale Themen beziehen. Aus der Vielzahl der bereits existierenden Strategien und Programme werden einzelne aufgeführt, welche für die weitere Entwicklung der Altstadt von Lviv von großer Bedeutung sind: Strategie der Entwicklung der Region (Oblast) Lviv bis 2015 (Verfasser: Staatliche Administration des Gebiets Lviv, Institut für Regionalforschung des Ministeriums für internationale Entwicklung von Großbritannien), Strategie der Entwicklung Lviv bis 2027 (Zentrum für kommunale und regionale Entwicklung 2007), Generalplan zur Entwicklung von Lviv bis 2025 (Mistoprojekt 2008), Strategie zur Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft Lvivs (Monitor Group), Verkehrsstrategie bis 2030 (Konsortium PTV AG-VCDB GMBH und DREBERIS, finanziert durch die KfW), Städtisches Zielprogramm zur Vorbereitung und Durchführung der Euro 2012 (Abteilung für Verwaltung, Bau und Entwicklung der Infrastruktur 2009), Strategie der kulturellen Entwicklung Lvivs (Center of Cultural Management Lviv gemeinsam mit European Cultural Foundation, Amsterdam 2008), Strategischer Plan der Erhaltung der historischen Bebauung in Lviv für (Ukrainisches regionales Restaurierungsinstitut), Ukrainisch-deutsches Kooperationsprojekt zur Kommunalentwicklung und Altstadtsanierung in Lviv (Stadtverwaltung Lviv, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ seit 2009), Plan zur Entwicklung des öffentlichen Raumes Lviv verfügt damit über beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung als attraktiver Wirtschaftsstandort und touristisches Reiseziel sowie für den Erhalt seines baukulturellen Erbes und für die Modernisierung der verschiedenen Infrastrukturnetze. Die meisten Strategien beschreiben bzw. definieren jedoch kaum oder gar keine konkreten Maßnahmen zur Umsetzung. Ausnahmen hiervon bilden die Strategie für die Fußball-Europameisterschaft Euro 2012 sowie die Strategie der Entwicklung der Region (Oblast) Lviv bis Strategischer Plan zur Erhaltung der historischen Innenstadt in Lviv als UNESCO- Weltkulturerbe Diese noch nicht verabschiedete, aber bereits dem Exekutivkomitee der Stadtverwaltung zur Prüfung vorgelegte Strategie dient dem Erhalt und der Weiterentwicklung der Innenstadt und somit des UNESCO-Weltkulturerbes von Lviv. Mit ihr sollen die Authentizität dieses Gebietes bewahrt bleiben und neue Projekte in die bestehende Substanz hochwertig integriert werden. Die Strategie wurde als Bestandteil des Master-Plans der Stadt Lvivs entwickelt und soll sich in diesen einfügen. Die Strategie ist mit der Vision überschrieben, den Bewohnern und Gästen Lvivs eine sehr gut erhaltene, modern organisierte, und menschenfreundliche Stadt zu bieten. Maßgeblich verantwortlich für die Erstellung dieser Strategie, welche für den Zeitrahmen konzipiert wurde, ist das Staatsunternehmen Ukrzachidproektrestawratsija (Ukr-West-Projekt-Restaurierung). 10

11 Verkehr Sozialwirtschaft Tourismus Energieeinsparung Ausbildung EURO 2012 Allgemeine Kultur Gesundheitsschutz Wohnungswirtschaft und Infrastruktur Abb. 2: Prozentuales Verhältnis Strategien, Konzepte, Programme nach Tätigkeitsbereichen (Denkmalschutz ist im Bereich der Kultur und des Generalplans in allgemeine Strategien eingeschlossen) [2] Folgende strategischen Ziele sind im Konzept festgeschrieben: Erhaltung des historischen Stadtbilds Lvivs für die kommenden Generationen, Harmonische Entwicklung der historischen Stadtteile und menschenfreundliche Gestaltung des innerstädtischen Lebensraumes für Einwohner und Gäste, Erhöhung des Identifikationsgrades der Einwohner mit ihrem historischen Weltkulturerbe, Verantwortungsbewusste Zusammenarbeit von internationalen, nationalen und lokalen Strukturen bzw. Akteuren bei dem Erhalt des Weltkulturerbes und der nachhaltigen Entwicklung einer modernen Altstadt. Diese Ziele sollen u.a. durch die Umsetzung folgender Maßnahmen erreicht werden, welche in der Strategie die höchste Priorität besitzen: Renovierung und Restaurierung von Baudenkmälern und Architekturensembles, Aufstellung von städtischen Restaurierungs- und Konservierungsprogrammen, welche passgenau für einzelne Elemente von Baudenkmälern sowie besonders wertvolle Baudenkmäler sind und in Summe konstant mind. 1% des Stadtbudgets (Jahresetat) umfassen, Aufstellen eines staatlichen Programms zur Förderung der Revitalisierung und Restaurierung der historischen Innenstadt von Lviv, was mit einem konstant angemessenen Budget ausgestattet ist, Straßensanierung gekoppelt mit dem Austausch und der Renovierung der Leitungsnetze, Festlegung klarer Verantwortlichkeiten für den Denkmalschutz in der Ukraine und Umstrukturierung der Denkmalschutzbehörden, Erarbeitung und Abstimmung von Regeln zu Bauprojekten innerhalb des UNESCO-Gebietes und seiner Pufferzone. Die Aufgabe, die Umsetzung dieser Strategie zu kontrollieren und zu begleiten, soll eine noch zu gründende Arbeitsgruppe übernehmen. Über die Zusammensetzung und die Kompetenzen dieser Arbeitsgruppe soll das Exekutivkomitee des Stadtrates Lviv befinden. Über den Grad der Erfüllung dieser Strategie wird die Öffentlichkeit von der Arbeitsgruppe in regelmäßigen Abständen informiert werden. 11

12 Strategie des Staatlichen und Städtischen Programmes zur Vorbereitung und Durchführung der EURO 2012 Auf Basis eines Ministerkabinettsentschlusses wurde in der Ukraine ein Programm zur Unterstützung der Vorbereitung und Durchführung der EURO 2012 aufgestellt. Aufbauend auf diesem Programm stellte der Stadtrat von Lviv ein auf die Europameisterschaft ausgerichtetes städtisches Programm auf, für welches der Leiter des EURO 2012 Departments zuständig ist. Die ordnungsgemäße Programmumsetzung wird vom 1. Vize- Bürgermeister kontrolliert. Das Hauptziel der Programmstrategie besteht in der Schaffung der notwendigen rechtlichen, sozialen, ökonomischen und logistischen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Durchführung der EURO 2012 in Lviv. Dafür sind folgende Unterziele zu erreichen: Angebot einer für die Durchführung der EURO 2012 erforderlichen Infrastruktur entsprechend der Standards der UEFA, Bereitstellung eines für dieses internationale Großereignis ausreichend geschulten Personals, Realisierung einer Festival-Atmosphäre während der EURO 2012 in der gesamten Stadt. Diese Ziele sollen durch die Umsetzung folgender Maßnahmen erreicht werden: Bau eines neuen Fußballstadions und Anpassung der vorhandenen Sportinfrastruktur, welche Bestandteil der EURO 2012 sein wird, an UEFA-Standards, Anpassung der im Kontext der EURO 2012 notwendigen medizinischen Versorgung an die Maßstäbe der UEFA, Gewährleistung der für die Durchführung erforderlichen Sicherheit und gesetzlichen Rahmenbedingungen, Ausbau der für eine reibungslose Realisierung der EURO 2012 notwendigen Verkehrsinfrastruktur, Sicherstellung einer für dieses Großevent angemessenen touristischen Infrastruktur, was ausreichend nachfrageorientierte Beherbergungs- und Unterhaltungsangebote für Gäste und Teilnehmer an der EURO 2012 sowie attraktive gastronomische Angebote einschließt, Ausbau und Vorbereitung der vorhandenen Informationsinfrastruktur auf die Ansprüche der EURO In dem Programm ist zudem die Sanierung wichtiger Kulturdenkmäler der Altstadt von Lviv vorgesehen, welche als Einzelmaßnahmen in das Entwicklungskonzept der Stadt Lviv integriert wurden. Folgende Finanzmittel sollen über den Zeitraum von für die Umsetzung dieser Maßnahmen zum Einsatz kommen: staatl. Mittel städt. Mittel Lviv weitere Quellen ,21 48,64 59, ,48 149,29 508, ,31 362, , , , , ,08 77,68 59,50 Gesamt 5475, ,3 4248,95 Tab. 1: Mittelverteilung in Mio. UAH des Programms EURO 2012 der Stadt Lviv BETEILIGUNGSPROZESS Das Integrierte Entwicklungskonzept für die Altstadt von Lviv (IKA) wurde in einem partizipativen Verfahren unter Einbeziehung lokaler Akteure, der verschiedenen Fachämter der Stadtverwaltung, der kommunalen Eigenbetriebe und wichtiger öffentlicher Institutionen erstellt. Organisationsstrukturen und Arbeitsweise Zur Steuerung des Gesamtprozesses wurde durch Festlegung des Bürgermeisters im Dezember 2009 eine ämterübergreifende, interdisziplinäre Arbeitsgruppe gebildet, die mindestens einmal im Monat tagte. Die Arbeitsgruppe, unter Vorsitz des 1. Vize-Bürgermeisters, setzte sich neben dem Vize-Bürgermeister für Humanitäre Fragen, der Leiterin der Halyzjka-Bezirksadministration und des Vize-Leiters der Lytschakivsjka-Bezirksadministration aus Vertretern folgender städtischen Ämter oder Abteilungen zusammen: Denkmalschutzamt Architekturabteilung, Department für Städtebau Stadtinstitut Wohnliegenschaftsamt Wirtschaftsamt Sektor für Unterstützung der Munizipalprojekte Abteilung für Verwaltung, Bau und Infrastrukturentwicklung, Department Euro 2012 Mistoprojekt sowie Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Die Arbeitsgruppe definierte zunächst die Ziele und Aufgaben des IKA sowie die Arbeitsschritte zur Erstellung des IKA. Seit Februar 2010 koordinierte die Arbeitsgruppe den Prozess der Konzepterarbeitung. Zukünftig soll die Arbeitsgruppe die Umsetzung des Integrierten Entwicklungskonzeptes überwachen. 12

13 Abb. 3: Übersichtsdiagramm zu Organisationsstrukturen und Arbeitsweisen im Prozess des IKA Lviv [1] Die Erarbeitung des vorliegenden Integrierten Entwicklungskonzeptes von Lviv (IKA) erfolgte in mehreren Schritten: 1. Schritt: Inventarisierung Beteiligung der Verwaltung (März April 2010) Alle relevanten Projekte und Projektideen wurden durch die Arbeitsgruppe innerhalb der Stadtverwaltung und der städtischen Eigenbetriebe inventarisiert. Hierzu wurde ein standardisierter Steckbrief zur Erhebung der Projektvorschläge entwickelt und durch Abfrage aller kommunalen Institutionen und Abteilungen eine erste Projektsammlung erreicht. Daneben wurde ebenfalls unter Beteiligung o.g. Akteure mit der Erhebung, Sichtung und Auswertung wichtiger Bestandsdaten begonnen. 2. Schritt: Beteiligung der lokalen Akteure (April 2010) Wichtige lokale Akteure, Initiativen und Institutionen wurden identifiziert und nachfolgend aufgefordert, ihre geplanten Projekte bzw. Projektideen einzureichen, die zur Entwicklung der Altstadt von Lviv einen bedeutenden Beitrag leisten sollen. 3. Schritt: Expertenrunden (Mai 2010) Nach Zusammenfassung und Erstbewertung aller eingegangenen Projektvorschläge wurden insgesamt fünf thematische Expertenrunden durchgeführt (Kulturelles Erbe & Wohnen; Öffentlicher Raum, Infrastruktur & Verkehr; Wirtschaft, Handel & Tourismus; Bildung & Soziales; Kultur). Diese dienten einerseits dazu, den bisherigen Projektstand und den Zustand der Altstadt zu diskutieren und andererseits, weitere notwendige Projekte zu definieren. Die Expertenrunden setzten sich aus Schlüsselpersonen bzw. Wissensträgern des öffentlichen Lebens und der Zivilgesellschaft zusammen. 4. Schritt: Beteiligung der Bewohner (Juni 2010) In einem groß angelegten Bürgerforum wurden den interessierten Bewohnern und Gewerbetreibenden der Altstadt die bisher identifizierten Stärken und Schwächen des Gebietes sowie die Projektvorschläge vermittelt und mit ihnen diskutiert. Im Anschluss konnten die Teilnehmer des Forums die Projekte bewerten, Anmerkungen zu den bereits gesammelten Projekten tätigen und eigene neue Projektvorschläge einbringen. 5. Schritt Konzepterarbeitung und Bewertung (Juli-Dezember 2010) Nach räumlicher und sektoraler Zusammenführung der Projekte wurden diese nach Wichtigkeit, ihren Chancen auf kurzfristige Realisierung sowie auf ihre zu erwartende Wirkung bewertet. Daneben wurden die allgemeinen Ziele der Entwicklung für die Altstadt von Lviv konkretisiert und die wichtigsten Leitlinien für die künftige Entwicklung des historischen Zentrums definiert. 6. Schritt Beschlussfassung (April 2011) Das Entwicklungskonzept wurde den städtischen Gremien zur Prüfung vorgelegt und am durch den Stadtrat mit dem Beschluss xxx formell bestätigt. Das IKA dient seither der umfassenden Bürgerinformation, der besseren Abstimmung kommunalen Handelns und der Priorisierung der vordringlichsten Aufgaben der Stadterneuerung. 7. Schritt Umsetzung (ab Mai 2011) Seit Beschluss des Stadtrats vom bildet das Integrierte Entwicklungskonzept eine wichtige Grundlage für die jährliche Haushaltsplanung sowie die Einwerbung nationaler und internationaler Fördermittel. Die Arbeitsgruppe trägt dafür 13

14 Standardisierte Erfassung der Projekte und Projektideen (Projektsteckbrief) Die Sammlung aller Projektvorschläge und -ideen erfolgte mit Hilfe eines standardisierten Projektsteckbriefes (Abb. 4). Dieser beinhaltet alle notwendigen Daten einer zusammenfassenden Projektbeschreibung und ermöglicht eine bessere thematische Zuordnung sowie Vergleichbarkeit der einzelnen Vorhaben. potenzielle Finanzierungsquelle existent: Für die Finanzierung des Projektes können konkret potentielle Mittelgeber der öffentlichen Hand (z.b. kommunale oder staatliche Budgets) und der Privatwirtschaft benannt werden, deren finanzielle Projektbeteiligung wahrscheinlich ist. Benennung von Verantwortlichen: Für die Projektumsetzung können Verantwortliche benannt werden, die sich u.a. für die Finanzierung des Projektes einsetzen. Sorge, dass den im IKA dargestellten Maßnahmen mit großem Umsetzungsdruck eine hohe Priorität bei der Vergabe öffentlicher Mittel beigemessen wird. Die Arbeitsgruppe bemüht sich, externe Förderprogramme für die Umsetzung der Maßnahmen zu erschließen. Der Prozess der Umsetzung der einzelnen Maßnahmen wird von den jeweilig verantwortlichen Institutionen und Abteilungen der Stadtverwaltung federführend gesteuert und von der Arbeitsgruppe überwacht (Controlling). 8. Schritt Monitoring (ab 2012) Es ist beabsichtigt, das Konzept nach einem angemessenen Zeitraum zu evaluieren und aktualisieren. Hierbei wird u.a. ermittelt, in welcher Qualität und Quantität die Maßnahmen des Konzeptes zur Erreichung der gemeinsam formulierten Ziele beigetragen haben. Bewertung der Projekte In der Regel übersteigt die Anzahl vorliegender Projektideen und Maßnahmen die verfügbaren Finanzressourcen, so dass Kriterien benötigt werden, die eine inhaltliche Bewertung und Rangfolge aller Projekte erlauben. Die Indikatoren lassen sich grundsätzlich in zwei Kategorien unterteilen: allgemeine Ausschlusskriterien und differenzierte Bewertungskriterien. Die allgemeinen Ausschlusskriterien orientieren sich insbesondere an den Leitlinien der Stadterneuerung und berücksichtigen folgende Aspekte: Die Projektvorschläge müssen sich innerhalb der definierten Gebietsgrenzen befinden, Die Projektvorschläge müssen im öffentlichen Interesse stehen und den Leitlinien der Stadterneuerung entsprechen. Alle im IKA erwähnten Projekte haben diese Vorgaben erfüllt und werden durch differenzierte Bewertungskriterien in eine inhaltliche Zuordnung und Rangfolge gebracht. In Hinblick auf den Handlungsschwerpunkt nachhaltige Stadtentwicklung werden besonders die Aspekte mögliche Finanzierung, Projektcharakter und Beitrag zu ausgewählten übergeordneten Zielen des IKA durch die Bewertungskriterien berücksichtigt und nach Bedeutung gewichtet: Finanzierung Finanzierung sichergestellt: Öffentliche oder private Mittel (z.b. Kreditlinien) sind für die Projektrealisierung verlässlich zugesagt. Projektcharakter Lückenschluss: Mit dem Projekt wird erstmalig ein räumliches oder thematisches Handlungsfeld in der Gebietskulisse sehr fokussiert betrachtet. Modellprojekt/Demonstrationsprojekt: Die Lösung für ein Problem innerhalb der Gebietskulisse soll an Hand eines Modellvorhabens beispielhaft entwickelt und daran anschließend multipliziert werden. Das Projekt dient u.a. dazu, die Anwendung neuer Methoden und Verfahren zu demonstrieren. Beitrag zu ausgewählten übergeordneten Zielen des IKA: Erhalt des baulichen Kulturerbes/Steuerung der Wohnfunktion der Innenstadt, Verbesserung des öffentlichen Raums, Verbesserung der Technischen Infrastruktur und der Verkehrssituation, Stabilisierung und Erweiterung der touristischen und kulturellen Angebote, Angemessene Stärkung des Einzelhandels, Förderung von Handwerk, Kleingewerbe, Handel und Dienstleistungen, Verbesserung der sozialen Situation und der Sicherheit, Energieeffizienz, Verwaltungsmodernisierung. 14

15 Abb. 4: Mustersteckbrief [1] 15

16 4 GESCHICHTLICHE UND STÄDTEBAULICHE ENTWICKLUNG DER ALTSTADT VON LVIV Lviv wurde 1256 von König Danylo Halyzjkyj gegründet. Im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit entwickelte sich Lviv dank seiner Lage an großen Handelskreuzungen zu einem wichtigen Handelsplatz. Neben ukrainischen und polnischen Bewohnern prägten vor allem Deutsche, Juden und Armenier das frühe Bild der Stadt fiel Lviv an das Habsburgerreich, veränderte unter diesem Einfluss grundlegend sein Gesicht und erlebte einen neuen Aufschwung. Es wurde zur viertgrößten Stadt der habsburgischen Monarchie und zur Hauptstadt des neu geschaffenen Königreichs Galizien und Lodomerien. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel Lviv an Polen. Zu dieser Zeit hatte es Einwohner, wovon ein Drittel Juden waren. Mit der Eingliederung in die Sowjetukraine ( ) und der Besetzung des Gebietes durch die Truppen Hitler-Deutschlands ( ) gingen Deportationen und Verhaftungen und damit tiefe Einschnitte in das soziale Gefüge der Stadt einher. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Lviv wiederum unter sowjetische Herrschaft. Das einzigartige architektonische Ensemble der Stadt stammt aus der Zeit des 16. bis Anfang 20. Jahrhunderts und umfasst die Bauepochen Renaissance, Barock, Klassizismus und Jugendstil. Der älteste Stadtteil Pidzamtsche (unter dem Schloss) stammt aus dem Jh. Außer den Kirchen sind keine Gebäude aus dieser Zeit erhalten geblieben. Nach der Verlagerung des administrativen Zentrums auf den Marktplatz (Rynok-Platz) und dem Bau der Schutzmauern um die Innenstadt wurde dieser Stadtteil zur Vorstadt. Die Altstadt war bis in die 70er Jahre des 18. Jahrhunderts von der Stadtmauer umgeben, welche das städtische Wachstum stark geprägt hat. Innerhalb der Mauer entwickelten sich um den Marktplatz regelmäßig angeordnete, fast rechtwinklige Bebauungsblöcke. Diese bis heute klar erkennbare Struktur wird nur von einigen Kirchen durchbrochen (u.a. Dominikaner Kirche, Lateinische Kathedrale), in deren Umfeld auch einige, teilweise begrünte Freiflächen vorzufinden sind, die auf ehemaligen Friedhöfen entstanden. Weitere, meist temporäre Auflockerungen, sind auf die Demontage der während des Zweiten Weltkriegss zerstörten Gebäude zurückzuführen. In der Zeit der intensivsten Stadtentwicklung Ende des 19. Jahrhunderts entstanden im Norden der Altstadt große Industriegebiete, im Süden und Westen Wohngebiete mit qualitativ hochwertiger Bebauung. Hier befinden sich heute auch viele öffentliche und Administrationsgebäude. Zentraler Teil der Innenstadt ist der Rynok Platz mit einer für das Mittelalter typischen, klaren Planungsstruktur. Die Innenstadt ist heute von Grünanlagen und Plätzen umgeben, die auf der ehemaligen Stadtbefestigungslinie angelegt wurden. Einen wichtigen Schritt hin zur Erhaltung der historischen Altstadt bedeutete deren Aufnahme in die Liste der UNESCO- Weltkulturerbestätten im Jahre

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18 5 DEMOGRAFISCHE ENTWICKLUNG Die demografische Entwicklung der Altstadt von Lviv ist in den gesamtstädtischen und nationalen Kontext zu stellen und kann nicht isoliert betrachtet werden. Die demografische Situation der Ukraine stellt sich als Herausforderung dar in der Zeit von 1990 bis 2010 reduzierte sich die Bevölkerung der Ukraine von 51,5 Mio. auf 45,9 Mio., was einem Rückgang von über 10% entspricht. Ernstzunehmende Prognosen gehen von einer weiteren Bevölkerungsabnahme um weitere 4,9 Mio. Einwohner bis zum Jahr 2020 aus *. Lviv, Verwaltungszentrum des Gebiets (Oblast) Lviv, ist die siebtgrößte Stadt des Landes. Von den insgesamt Einwohnern (ortsansässig im Jahr 2010) leben knapp 5% im Altstadtgebiet. Die Bevölkerungsdichte der Gesamtstadt beträgt derzeit (2010) 42,53 EW/ha. Mehr als viermal so hoch ist hingegen die derzeitige Bevölkerungsdichte der historischen Altstadt von Lviv mit 189 EW/ha. Auch im europäischen Vergleich ist diese Bevölkerungsdichte als hoch einzuschätzen (vgl. Abb. 5). Ein Rückgang der Wohnbevölkerung ist jedoch sowohl für die Gesamtstadt als auch die Altstadt feststellbar (vgl. Abb. 6). Der Rückgang in der Altstadt verläuft dynamischer als in der Gesamtstadt, ist im ukrainischen Vergleich aber noch als moderat zu bezeichnen. In absoluten Zahlen verlor das Altstadtgebiet in den Jahren 2006 bis 2010 ca. 270 Einwohner. Diese demografische Entwicklung resultiert aus der natürlichen Bevölkerungsentwicklung (Verhältnis von Geburtenzahlen und Sterbefällen) und den Wanderungsbewegungen (Zu- und Wegzug von Einwohnern). Zum betrug die Geburtenrate (Zahl der Lebendgeburten pro Jahr je Einwohner) in Lviv 10,3%, die Sterberate (Zahl der Gestorbenen pro Jahr je 1.000) dagegen 11,7 %. Das bedeutet, dass mehr Einwohner in Lviv 2009 gestorben sind als geboren wurden und somit eine negative natürliche Bevölkerungsentwicklung vorliegt. Folgende Ursachen können hierfür benannt werden: Die Fertilitätsrate (Zahl der lebend geborenen Kinder je Frauen im gebärfähigen Alter) bewegt sich in der Ukraine auf einem niedrigen Niveau besaß die Ukraine mit dem Wert 1,1 eine der niedrigsten Fertilitätsraten der Welt **. Dies wurde von staatlicher Seite erkannt. Die Einführung hoher Geburtsprämien im Jahre 2005 sowie die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation führten dazu, dass die Fertilitätsrate im Jahr 2009 auf den Wert von 1,5 stieg. Weiterhin stellt die hohe Zahl der Todgeburten eine große Herausforderung für die Veränderung der Geburtenentwicklung dar. Die Sterberate Lvivs hebt sich positiv von der hohen Sterberate der Ukraine ab (2009: 15,81; die Lebenserwartung in der Ukraine ist lt. WHO um 13 Jahre niedriger als in den EU-Staaten). Um die Rate weiter zu senken, sind u.a. die medizinischen und hygienischen Bedingungen zu verbessern, Unfallrisiken (Stichwort: Verkehrs- und Berufsunfälle, Alkohol- und Tabakmissbrauch) zu senken ***. Nachdem Lviv in der Zeit von noch Zuwanderungen zu verzeichnen hatte, kehrt sich diese Entwicklung im Jahr 2009 um, was in ähnlicher Weise für die Altstadt gilt. Die Zuwanderung bewegt sich für die Gesamtstadt auf einem sehr niedrigen, fast stagnierenden Niveau. Die Abwanderungsrate des Altstadtgebietes ist dagegen höher. Diese Entwicklung sollte kritisch unter dem Aspekt verfolgt werden, ob hier einen Verdrängungsprozess der Wohnbevölkerung durch gewerbliche Nutzungen wie Büros erfolgt. * Vgl. Betlij, Oleksandra; Handrich, Lars [Sozialsystem der Ukraine] Osteuropa, 60.Jg.,/2-4/2010, S. 259 ** Kleiner waren die Werte einzig in Hongkong und Maco, gleich war der Wert nur in Georgien. *** Vgl. Libanova, Ė., Demographischen Entwicklung, 2010, S. 414 ff. 18

19 Auch für die Wanderungsbewegungen gilt, dass der negative Trend nur aufgefangen werden kann, wenn sich die Wirtschaft Lvivs stabilisiert und sich die Qualität des Wohnstandortes Lviv weiter erhöht. Gelingt letzteres nicht, ist davon auszugehen, dass die Vororte sich weiter zum bevorzugten Wohnstandort entwickeln, dort vermehrt Einfamilienhaussiedlungen entstehen und der Wohnungsleerstand in der Stadt dramatisch zunehmen wird. Der Blick auf die Wanderungsstruktur (Alter der zu- oder abwandernden Bevölkerung) zeigt (vgl. Abb. 8), dass besonders viele Menschen im Alter über 49 Jahre das Gebiet verlassen und derzeit noch mehr jüngere Menschen in das Gebiet ziehen, als abwandern. Beide Trends schwächen sich aber seit 2009 ab. Für den Vergleich der Stadtgebiete Lvivs stellt sich der Halyzjky Bezirk, der zu großen Teilen das Projektgebiet umfasst, als der am stärksten von Abwanderung betroffene Bezirk dar. Abb. 6: Vergleich der relativen Entwicklung der Wohnbevölkerung in der Gesamtstadt, im Altstadtgebiet und sämtlicher urbaner Bevölkerung in der Ukraine [4] Starke Wanderungsgewinne verzeichnen dagegen der Frankivski und Lychakivski Bezirk, bei denen eine rege Bautätigkeit im Mehrfamilien- und Einfamilienhausbau vorliegt (vgl. Abb. 10). Nicht nur die Anzahl der Bevölkerung ist von großer Bedeutung, ebenso spielen der Altersdurchschnitt und die Altersstruktur eine wichtige Rolle. Hiervon hängt in hohem Maße ab, wie die Renten- und Sozialsysteme beansprucht und Schulen und Kindergärten ausgelastet werden. Abb. 7: Absolute und relative (pro EW), Wanderungssalden der Gesamtstadt und des Altstadtgebietes im Vergleich [1] Leipziger Westen (1999) Warschau Innenstadt (2005) Paris Innenstadt (2005) Berlin Innenstadt (2005) London Innenstadt (2005) Projektgebiet des IKA (2010) Gesamtstadt Lviv Einwohnerdichte (Einwohner je ha) Abb. 5: Vergleich der Einwohnerdichte der Altstadt von Lviv mit [3] anderen europäischen Innenstädten Abb. 8: [1] Wanderungsstruktur (absolute Wanderungssalden) im Altstadtgebiet 19

20 Die meisten Einwohner in der Stadt Lviv und der Altstadt sind zwischen 40 und 65 Jahren, gefolgt von den jährigen. Der Vergleich der Alterskurven zeigt, dass der Anteil der jüngeren Bevölkerung in der Gesamtstadt größer ist als im Konzeptgebiet (vgl. Abb. 9). Deutlich höher liegt der Anteil der über 80-Jährigen im Altstadtgebiet. Zudem lässt sich in dem kurzen Zeitabschnitt zwischen 2006 und 2010 erkennen, dass die Bevölkerung der historischen Innenstadt sichtlich altert die Bevölkerungsgruppen der 6 15-jährigen und der jährigen nehmen stetig ab, die der über 80-jährigen dagegen zu. Generell nimmt mit der zunehmend älter werdenden Bevölkerung die Belastung für die Arbeitsfähigen zu, da deren Sozialabgaben steigen müssen, um hiermit die größere Zahl von Nichtarbeitsfähigen zu versorgen. Abb. 9: Gesamtstadt Konzeptgebiet und älter Vergleich der relativen Altersstruktur zwischen Gesamtstadt und Altstadt Stand 2010, Altersentwicklung in der Gesamtstadt und älter Abb. 10: Darstellung der Bevölkerungsbewegung in den Stadtteilen von Lviv 20

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