Kritische Analyse des Börsensegments Neuer Markt

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1 Institut für Wirtschaftswissenschaft WS 2001/02 Hauptseminar Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Leitung: Prof. Dr. Dr. habil. Horst-Tilo Beyer Moderation: Mathias Burgsmüller Kritische Analyse des Börsensegments Neuer 1. Gliederung der Börsenmärkte in Börsensegmente Börsenmärkte Kassahandel Erfüllung sofort Terminhandel Erfüllung später Amtlicher Handel Geregelter Neuer Freiverkehr Optionshandel Financial Futures Einheitskurs Variabler Handel Erleichterte Zulassung Kleine u. mittlere Wachstumsunternehmen Nichtamtlicher Börsenhandel Handel an der Eurex Deutschland Xetra Computerhandel Gliederungskriterien: Art / Zeitpunkt der Erfüllung: Art des Handels: Kursfeststellungsform: Abwicklungsform: Abb.1: Gliederung der Börsenmärkte in Börsensegmente Kassahandel, Terminhandel Amtl. Handel, Geregelter, Freiverkehr, Neuer Einheitskurs, Variabler Handel Präsenzhandel, Computerhandel (vgl. Müller, Barbara: Börse, Börsenhandel und Kapitalerhöhung, HS WS 1999/2000) 2. Der Neue 2.1 Grundlagen - kleine und mittlere innovative Wachstumsunternehmen; Unternehmen in traditionellen Bereichen mit Produkt-, Prozess- und Dienstleistungsinnovationen - Start: März 1997; Vorbild: US- High-Tech-Börse Nasdaq - Ziel: Erleichterung der Kapitalbeschaffung zur Wachstumsfinanzierung 1

2 - Indices: NEMAX All Share (alle Werte); NEMAX 50 (Blue Chips mit ca. 80% Umsatzanteil); 10 Branchenindices 2.2 Branchen Biotechnologie Entwicklung/Herstellung von Medikamenten; Untersuchung der Funktionsweise von Genen und Patentierung von Genen; Entwicklung von Gentherapien; Katalogisierung von Antikörpern; Zulieferer (Laborausrüstungen, Reinigungssubstanzen) - Problem: lange Entwicklungs- und Zulassungsverfahren, Gesetzgebung vgl. Ball, Kerstin: Stand der Biotechnologie und Gentechnik - mögliche ökonomische Konsequenzen für Wirtschaft und Unternehmen, HS WS 2000/2001 IT-Services (Informationstechnologie-Dienstleister) Business Process Engineering (Automatisierung der Prozesse innerhalb eines Unternehmens) Computerhard- und software; Kommunikations- und Datenübertragungsequipment Internet Internet-Infrastruktur: Hardware-Hersteller, Software-Lieferanten, Sicherung des Internet- Datenverkehrs bedeutend: wireless Internet über Handys => Mobile-Commerce Internet-Services: Anwender-, Business-, Consumer-Online-, Infotainment-Services E-Commerce: Business-to-Customer, Business-to-Business (vgl. Friedrich, Claudia: Electronic-Commerce, HS WS 1998/1999, Kern, Sebastian: E-Business, HS WS 1999/2000, Thierer, Stefan: Die Internet-Revolution, HS WS 1998/1999) Medienbranche Filmproduktion, Musikproduktion, Dienstleistungen (Vertonung, Übersetzung), Radio, Print, Werbung - Konkurrenz: Internet (MP3-Files) Software PC-Software: Betriebssysteme, Anwendungen, PC-Spiele Unternehmenssoftware: Betriebssysteme, Datenbanksysteme, Warenwirtschaftssysteme - eintrittsbarrieren: Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, Installation von Basisprogrammen kosten- und zeitaufwendig (Bedeutung von Standards) Telekommunikation Ausbau bestehender Telefonnetzwerke, Verbesserung der Übertragungsleistungen, Weiterentwicklung der schnurlosen Sprach- und Datenübertragung, Versorgung mit Festnetz- sowie Mobilfunkanschlüssen, - rasche technische Entwicklung; Wettbewerbsverstärkung durch Aufhebung des Telefonmonopols; extreme Kostenbelastung durch die Vergabe der Lizenzen für den künftigen Standard im Mobilfunk (vgl. v. Rochow, Pia: Neuere Entwicklung in Telekommunikation und Medienwirtschaft und ihre Konsequenzen für Klein- und Mittelbetriebe - dargestellt an Praxisbeispielen, HS WS 1999/2000) Hardware 2

3 Herstellung elektronischer Bausteine und Endgeräte Wachstumsbereiche: Server, RISC-Chips (in Kleingeräten), MP3-Chips, Handys, Smartcards (neue Magnetkarten) - Problem: massiver Preisverfall Spezialmaschinenbau Entwicklung und Herstellung von Produktionsanlagen für elektronische Bausteine und optischen Speichermedien (CDs, DVDs) Financial Services 5% Biotechnology 7% IT-Services 7% Telecommunication 11% Media & Entertainment 11% MedTech & Health- Care 2% Software 13% Industrials & Industrial Services 2% Internet 26% Technology (Hardware u. Spez.masch.bau) 16% (Abb.2: Branchenindizes für den Neuen und ihre Gewichtung nach kapitalisierung; Quelle: Commerzbank, Stand: April 2000) 2.3 Bewertung der Unternehmen am Neuen Fundamentale Entscheidungskennzahlen - Vergleich nur innerhalb der jeweiligen Branchen sinnvoll Multiplikatormodelle Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) Price-Earnings To Growth Ratio (PEG) = KGV/durchschnittliches künftiges Gewinnwachstum Kurs-Cash-Flow-Verhältnis (KCV) (vgl. Dollinger, Volker: Der Cash Flow als Indikator für Unternehmenserfolg und Finanzkraft einer Unternehmung?, HS WS 1997/1998) EBITDA -Ratio = Enterprise Value / EBITDA Enterprise Value = kapitalisierung + (Schulden - Bankguthaben) EBITDA = Gewinne vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) Barwertmodelle Ertragswertverfahren Abzinsung des künftigen Gewinns je Aktie auf die Gegenwart Discounted-Cash-Flow- (DCF) - Methode Abzinsung des Free Cash-Flow je Aktie Real-Options-Modell - Bewertung von Optionen des Unternehmens 3

4 - Berücksichtigung: Unsicherheit, Flexibilität unternehmerischer Tätigkeit; Risiko einer Firmenpleite, Verschärfung des Wettbewerbsumfelds - Kritik: Komplexität Unternehmensspezifische Entscheidungskriterien Betrachtung des Geschäftsmodells Nachhaltigkeit: Aus eigener Kraft schnell Profite realisieren und diese überdurchschnittlich steigern. Gesamte Branche: Stichwort Branchenattraktiviät - Entwicklung von Innovationen und Grundlagentechnologien - hohes erwartetes Umsatzvolumen und wachstum, hohe Gewinnspannen - wirksame eintrittsbarrieren Einzelnes Unternehmen: Stichwort führerschaft - strategische Positionierung (hoher aktueller bzw. prognostizierter anteil) - überlegene Produkte und Dienstleistungen, technologischer Vorsprung (Standards, Patente), First Mover Advantage, Brand (Markenname) - Innovationskraft,. hoher Anteil der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, - Profitabilität - Vertriebsnetz, Kundenbindung - Internationalisierungsstrategien, Partnerschaften mit führenden Unternehmen aus verwandten Branchen Managementqualität Wesentlich für Wachstumsunternehmen: - Aggressivität: Sicherung von anteilen und Vorsprung vor den Wettbewerbern, Abwerbung von Fachkräften - Konsequenz: Abstoßen unprofitabler Unternehmensbereiche/Produkte - vorausschauendes Handeln: frühzeitiges Erkennen von Trends klassische Qualitäten: - fundierte betriebswirtschaftliche und unternehmensspezifische Kenntnisse - gewinnorientierte Planung und Koordinierung der Geschäftsaktivitäten und strategien, Organisations- und Delegationstalent, realistische Gewinnprognosen - interne und externe Informations- und Kommunikationspolitik (Investor Relations), Beachtung des Shareholder-Value-Konzeptes vgl. Zeller, Stefan: Financial Public bzw. Investor Relations, HS WS 2000/ soziale Kompetenz, sinnvolle Mitarbeiteranwerbung und -motivation - klare Aufbauorganisation, personelle und konzeptionelle Beständigkeit der Führungsriege - eigenes finanzielles Engagement im Unternehmen Wachstumspotential Wachstum durch Übernahme: mögliche Vorteile: Gewinnen eines attraktiven Kunden- und Mitarbeiterstammes, sinnvolle Ausweitung der Produkt- bzw. Dienstleistungspalette Risiken: fehlende Harmonie der Produktionsverfahren und Produkte; Abwanderung der Mitarbeiter des übernommenen Unternehmens aus Unsicherheit internes, organisches Wachstum Resultat eines sehr guten Mitarbeiterstammes, überlegener Geschäftsideen und/oder fortschrittlicher Technologien 4

5 Bilanzierungsmethoden konservative, vorsichtige Bilanzierungsmethoden Beispiel: Aufwendungen sofort gewinnbelastend verbuchen und nicht über mehrere Jahre abschreiben Wesentliche Erfolgsfaktoren für Unternehmen am Neuen führerschaft, Technologievorsprung, Management-Know-how, steigende Nachfrage, Gewinn, Liquidität 2.4. Die Entwicklung des Neuen es und ihre Hintergründe März 1997 März 2000: Aufschwung: Start mit 2 Unternehmen; Mitte gelistete Gesellschaften New Economy als scheinbarer Garant für phantastische Renditen Vernachlässigung der Unternehmensbewertung März 2000: NEMAX 50 > Punkte NEMAX All Share > Punkte März 2000 September 2001: Absturz: - Anleger: massive Überbewertung (Spekulationsblase durch überschüssige Liquidität am ; verändertes, risikofreudiges Anlegerverhalten und euphorische Hoffnungen, Herdentrieb, Gier) - Unternehmen: fehlende Managementqualitäten, mangelhafte Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells - Banken: Vernachlässigung fundierter Analysen (Due Diligence), fehlende Börsenreife der Unternehmen, Überbewertungen - Medien: Überbewertung der Gesellschaften überfällige Kurskorrektur Zukunftsaussichten: - nach Kurskorrektur massive Unterbewertung vieler Unternehmen - Fazit: traditionelle Bewertungsgrundsätze gelten auch für die New Economy Literatur Beike, Rolf, Köttner, Andre, Schlütz, Johannes: Neuer und Nasdaq. Erfolgreich an den Wachstumsbörsen. Stuttgart 2000 Mühlhaus, Axel, Knop, Sönke: Schnellkurs Neuer. Erfolgreiches Stockpicking mit System. Regensburg

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