Interessenkonflikte bei Strom- und Gasnetzen

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1 Interessenkonflikte bei Strom- und Gasnetzen Betrieben werden die großen, leistungsstarken Strom- und Gasnetze in Deutschland privatwirtschaftlich von etwa 20 Übertragungsnetzbetreibern. Eigentlich sollte man meinen, dass der Betrieb der Netze aufgrund seiner Bedeutung eine hoheitliche staatliche Aufgabe ist. In vielen europäischen Ländern ist das auch der Fall. So gehören in Frankreich und den Niederlanden die Netze zumindest teilweise dem Staat. In Deutschland wurden bereits vor etlichen Jahrzehnten die Weichen gestellt, diese Aufgabe privatwirtschaftlich zu organisieren. Der Betrieb der Netze sowie notwendige Investitionen waren politisch abgesichert und relativ risikoarm. Im Gegenzug fühlten sich die Energieunternehmen für die Entwicklung der Versorgungsgebiete und die Sicherstellung der Versorgungssicherheit voll verantwortlich. Noch bis vor 10 Jahren waren diese Firmen als integrierte Unternehmen tätig, so dass sie sowohl die Erzeugung, den Handel und den Betrieb der Netze und die damit verbundene bedarfsgerechte Versorgung organisierten. Mit der Trennung von Handel und Transport Mitte des letzten Jahrzehnts wurde eine Kette schwerwiegender Folgen ausgelöst. Zunächst wurden separate Transportgesellschaften für Strom und Gas gegründet, die rechtlich von den Handelsfirmen abgetrennt wurden, jedoch in deren Eigentum verblieben. Die maximalen Gewinne, die diese Transportgesellschaften erzielen dürfen, sind begrenzt, und Investitionsmöglichkeiten für Netze werden regulatorisch eingeschränkt, da sie

2 genehmigungspflichtig sind. Das ist natürlich absolut kontraproduktiv für den notwendigen Netzausbau im Rahmen der Energiewende. In gewisser Weise kann man schon von einer Art Enteignung privatwirtschaftlichen Eigentums sprechen, da für die Transportgesellschaften kaum mehr Möglichkeiten bestehen, strategisch auf ihr eigenes Geschäft Einfluss zu nehmen. Hinzu kommt, dass bei den Muttergesellschaften der Transporteure mehr und mehr der finanzielle Schuh drückt, da sie zum Teil eine hohe Schuldenlast aufgetürmt haben, die großen Kraftwerke nur noch bedingt laufen und die Handelsmargen heute sehr gering sind. Aus diesen Gründen haben viele dieser Handelsgesellschaften in den vergangenen Jahren die Entscheidung getroffen, ihre Netze zu verkaufen. Die Grafiken zeigen, dass wesentliche Teile der Gas- und Strominfrastruktur in unserem Land gar nicht mehr in nationaler Hand sind und somit auch nicht mehr deutschen Interessen unterliegen. Ausländische Investment- und Rentenfonds, Staatsbetriebe und Versicherungen stehen bis heute Schlange, um die Transportgesellschaften zu kaufen. Sie haben zwar vom eigentlichen Geschäft des Energietransports nur sehr bedingt Ahnung oder keinerlei Kenntnisse, freuen sich aber über die von der Regulierungsbehörde garantierte Rendite von sechs bis acht Prozent, die ideal für ihr Geschäftsmodell ist.

3 So begann ein Ausverkauf, bei dem sich namhafte deutsche Firmen von ihren Netzen trennten. Dazu einige Beispiele aus der Gasversorgung: Gasunie Transport Thyssengas DÄNEMARK POLEN NIEDERLANDE zukünftig? Ontras BELGIEN zukünftig? Gascade TSCHECHISCHE REPUBLIK MEGAL ÖSTERREICH TENP SCHWEIZ Open Grid Europe FRANKREICH früher E.ON Open Grid Europe, Deutschland, ca km Leitungsnetz; heute Investmentkonsortium, Australien, Abu Dhabi, Großbritannien, Deutschland früher RWE Thyssengas, Deutschland, ca km Leitungsnetz; heute Macquarie, Australien früher BEB, Deutschland, ca km Leitungsnetz; heute Gasunie Deutschland Transport Services, niederländische Muttergesellschaft heute noch VNG ONTRAS, Deutschland, ca km Leitungsnetz; Verkauf erwartet für 2014, ausländische Fondsgesellschaften haben bereits Interesse bekundet heute noch Wingas Gascade, Deutschland und Russland, ca km Leitungsnetz; zukünftig ggf. nur Russland MEGAL, ca km Leitungsnetz, und TENP, ca km Leitungsnetz; zwei wichtige Haupterdgasleitungen, die bereits seit Jahren zu ca. 50 Prozent in ausländischer Hand sind.

4 Bei den Stromnetzen sieht es ähnlich aus: früher E.ON, Deutschland, ca km Leitungsnetz; heute TenneT, Niederlande früher RWE, Deutschland, ca km Leitungsnetz; heute Amprion, Konsortium Commerz Real, Deutschland und Schweiz früher Vattenfall, Schweden, ca km Leitungsnetz; heute 50hertz, Elia Group, Belgien und Industrie Fund Management, u.a. Australien Nur Transnet BW, ein Unternehmen der EnBW, ca km Leitungsnetz, wurde bisher nicht veräußert. Tennet DÄNEMARK 50hertz POLEN NIEDERLANDE BELGIEN TSCHECHISCHE REPUBLIK Transnet BW ÖSTERREICH SCHWEIZ Amprion FRANKREICH Abbildung 23: Besitzverhältnisse am deutschen Stromnetz

5 Die Frage ist, was die ausländischen Eigner zukünftig mit der Infrastruktur im Sinn haben und welches Interesse sie an der Verwirklichung der von Deutschland eingeleiteten Energiewende haben. Die Fondsgesellschaften verfolgen klare Renditeziele. Um mit dem Kauf eines Netzbetreibers hohe Gewinne zu erzielen, werden Sparmaßnahmen im Unternehmen umgesetzt. Große Kosteneinsparpotenziale finden sich üblicherweise beim Personal und der Instandhaltung der Infrastruktur. So wird das Personal gerne auf ein absolutes Minimum und die Wartung auf ein gesetzliches Mindestmaß reduziert. Nach fünf bis acht renditestarken Jahren erfolgt üblicherweise ein Weiterverkauf. Wie man sich leicht vorstellen kann, hält sich die Begeisterung für neue Investitionen in die deutsche Netzinfrastruktur bei den ausländischen Eigentümern in Grenzen. Die derzeit geplanten Ausbaumaßnahmen durch die Energiewende sind so teuer, dass sie für die neuen Investoren auch nicht ohne weiteres aus der Portokasse zu zahlen sind. Außerdem bestehen aufgrund der unberechenbaren deutschen Energiepolitik berechtigte Zweifel an der Investitionssicherheit. Unter diesen Umständen wird die Versorgungssicherheit in Zukunft zwangsläufig leiden. Mit verstärkten Lieferunterbrechungen der immer maroder werdenden Leitungsnetze ist zu rechnen. Wie lange dieses System störungs- und katastrophenfrei funktioniert, kann niemand sagen. Sehr wahrscheinlich werden die Netze aber irgendwann mit Steuergeldern wieder so aufgebaut werden müssen, dass ein Mindestmaß an Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann. Das ist dann der letzte Schritt von einer privatwirtschaftlich zu einer staatlich organisierten Energietransportinfrastruktur in Deutschland.

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