Gesund in die Zukunft

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1 Gesund in die Zukunft Arbeitsbewältigungsindex, Arbeitsbewältigungs-Coaching und das Haus der Arbeitsfähigkeit als Konzepte im Betrieblichen Gesundheitsmanagement Projektskizze für Einrichtungen des Sozial-/Gesundheitswesens Ausgangssituation: Gesund bleiben, körperlich wie geistig und seelisch ist eines der bestimmenden Themen der Zukunft in der Arbeitswelt. Wir alle müssen länger arbeiten (Rente mit 67!) und Altersstrukturanalysen zeigen, dass Belegschaften in vielen Einrichtungen zu überaltern drohen. Der demografische Wandel hinterlässt Spuren. Aber nicht nur ältere Mitarbeitende haben mit altersbedingten Problemen zu kämpfen; Angehörige aller Altersgruppen müssen sich verändernden Arbeitsbedingungen ( immer schneller, höher, weiter ) stellen und mit zunehmendem Stresserleben umgehen. Das wirkt sich auf die Krankenstatistiken aus. Laut Bundesarbeitsministerium sind beispielsweise die Arbeitsunfähigkeitstage wegen seelischer Erkrankungen in den vergangenen 15 Jahren um mehr als 80% gestiegen (Peters, 2013, 78). So gilt es, neue Wege zu gehen, die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten zu erhalten, zu unterstützen, zu verbessern oder gfls. auch wiederherzustellen. Hier bietet sich das Konzept des Work Ability-Index mit dem Haus der Arbeitsfähigkeit und dem Arbeitsbewältigungs-Coaching an. Das Konzept des Work-Ability-Index (WAI/ABI) und das Haus der Arbeitsfähigkeit (HdAF): In der finnischen Arbeitswissenschaft 1 wurde ein Modell entwickelt, mit dem sich die so genannte Arbeitsfähigkeit und zwar individuell für den Arbeitnehmer als auch durchschnittlich für den Betrieb bzw. Betriebsteile mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens messen lässt ( Work-Ability-Index, WAI, bzw. auf Deutsch: Arbeits-Bewältigungs-Index, ABI). 1 Finnish Institute of Occupational Health (FIOH) (Tuomi/Ilmarinen et al. 1998) 1/7

2 Das Ergebnis ist jeweils eine Zahl zwischen 7 (sehr schlechte Arbeitsfähigkeit) und 49 (sehr gute Arbeitsfähigkeit). 2 Arbeitsbewältigungsfähigkeit ist dann gegeben, wenn ein Gleichgewicht zwischen den Arbeitsanforderungen des Betriebes auf der einen Seite und der Fähigkeit, diese zu erfüllen auf der anderen Seite besteht. Die Arbeitsbewältigungsfähigkeit bezieht sich dabei auf alle funktionellen Kapazitäten, die der Beschäftigte mitbringt, verstanden als die Gesamtheit aus physischer, mentaler, psychischer und sozialer Leistungsfähigkeit. Nach Juhani Ilmarinen, einem der Begründer dieses Konzepts, wird Arbeitsfähigkeit dabei ganzheitlich beschrieben, nicht allein beschränkt auf die Gesundheit und Fitness. Sie setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Arbeitsfähigkeit ist wie ein Haus mit vier Stockwerken, die aufeinander aufbauen, das so genannte Haus der Arbeitsfähigkeit. Das unterste Stockwerk, die Grundlage für alle weiteren, ist die physische und psychische Gesundheit. Im zweiten Stockwerk sind die Kompetenzen, das Wissen und Können des Arbeitnehmers zu Hause. Im dritten Stockwerk finden wir die Werte. Das Konzept sagt, dass eine Voraussetzung für gute Arbeitsfähigkeit ist, dass Mitarbeitende sich mit Ihren persönlichen Einstellungen und Motiven im Einklang mit dem Erleben der eigenen Arbeit sehen können. Ilmarinen spricht in diesem Zusammenhang von der Seele der Arbeitsfähigkeit (Ilmarinen, 2011, 27), die im dritten Stockwerk zu Hause sei. Der vierte Stock steht symbolisch für die Arbeit selbst. Es ist das schwerste Stockwerk, drückt von Oben auf die unteren drei. Im Stockwerk Arbeit finden sich all die unterschiedlichen Faktoren, die den eigenen Arbeitsplatz zu dem machen, was er ist: Die Arbeitsaufgabe und die daraus entstehenden Anforderungen, das soziale Umfeld mit Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten, die Struktur der Organisation, in der man arbeitet, und die Arbeitsumgebung in Form von z.b. Räumen, Lichtverhältnissen, Mobiliar (Ilmarinen, 2011, 23). Gute Arbeitsfähigkeit wirkt sich für Mitarbeitende und Betriebe aus und ist verbunden mit persönlichem Wohlbefinden und erlebter Lebensqualität besserer Qualität und Produktivität niedrigerem Krankenstand und Arbeitsunfähigkeitsrisiken niedrigeren Personalkosten (Ilmarinen, 2011, 28). 2 Die Begriffe Arbeitsfähigkeit und Arbeitsbewältigungsfähigkeit werden in der Literatur synonym gebraucht. 2/7

3 Das Haus der Arbeitsfähigkeit bietet eine solide Basis, um ein besseres und längeres Arbeitsleben zu realisieren. Das Ziel der Förderungsmaßnahmen sind eine gute Gesundheit, gute Kompetenz, gute Einstellungen gegenüber der Arbeit und eine gute, altersfreundliche Arbeitsgestaltung (Ilmarinen, 2011, 28f.). Und dabei gilt: die Leistung, die ich erbringe, und die Emotionen, die dabei geweckt werden, sind die zwei Seiten der Arbeit. Arbeit, die Freude macht, Sinn gibt und ausführbar ist, hält länger (Ilmarinen, 2011, 27). Gesundheit und Arbeitsfähigkeit: Das Prinzip der doppelten Verantwortung: Für die Gesunderhaltung und somit auch für die Erhaltung bzw. Wiederherstellung von Arbeitsfähigkeit als der Passung von Anforderungen und persönlichen Kapazitäten ist sowohl jeder Beschäftigte als auch das Unternehmen verantwortlich (z.b. veranlasst durch gesetzgeberische Vorgaben, etwa zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement BEM). 3 Maßnahmen zur Erhaltung, Unterstützung, Verbesserung, oder Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit sind sowohl auf der Ebene des Individuums als auch auf der betrieblichen Ebene zu suchen. Projekt-Ziele Gesund in die Zukunft : Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens wollen den WAI/ABI für sich als neue Kennzahl nutzen, die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden mit einem klaren Konzept aktiv unterstützen, eine förderliche Betriebskultur initiieren ihre Arbeitgeberattraktivität auf dem Markt der Pflege steigern. Maßnahmen und Konzepte einsetzen, die deutlich über einzelne Gesunde Wochen im Jahr, den regelmäßigen Obstkorb für die Pause etc. hinausreichen. 3 Bekanntlich wird aktuell darüber nachgedacht, das Betriebliche Gesundheitsmanagement auch gesetzlich zukünftig vermehrt auf den Bereich der psychischen Belastungen auszudehnen (Peters, 2013, 78). 3/7

4 Vorgehen: Persönliches und betriebliches Arbeits-Bewältigungs- Coaching: Das Projekt ist zweistufig aufgebaut (s.o.: doppelte Verantwortung). Es besteht aus zwei Kernbausteinen. Kernbaustein A: Persönlich-vertrauliches Arbeitsbewältigungs-Coaching Mitarbeitenden aus der Einrichtung, die mitmachen wollen ( Serviceangebot - hier gilt das Freiwilligkeitsprinzip!) wird in einem ersten Schritt ein individuellpersönliches Arbeitsbewältigungs-Coaching von etwa 60 Minuten angeboten. Hier wird mittels eines Fragebogens die momentane Arbeitsfähigkeit ermittelt. Im Anschluss werden Maßnahmen überlegt, die der einzelne Mitarbeiter für sich tun will, um seine Arbeitsfähigkeit dauerhaft zu stärken. Ziel ist hier, dass der Mitarbeiter zu einem Kontrakt mit sich selbst kommt und darüber hinaus Maßnahmen und Anregungen überlegt, die im Rahmen einer anonymen Rückmeldung an das Unternehmen gegeben werden können, um auch aus betrieblicher Sicht die Arbeitsfähigkeit zu unterstützen. In diesem individuellen Coaching werden alle Aspekte der vier Stockwerke des Hauses der Arbeitsfähigkeit (s.o.) eingebunden: Gesundheitsvorsorge und förderung Personalentwicklung und Berufsplanung Führungs- und Unternehmenskultur Arbeitsgestaltung. Kernbaustein B: Betriebliches Arbeitsbewältigungs-Coaching mit Arbeitsbewältigungs-Workshop, Arbeitsbewältigungs-Bericht und Mitarbeiter(innen)-Rückmeldung Für den zweiten Schritt, dem betrieblichen Arbeitsbewältigungs-Coaching, erstellt der AB-C-Berater einen zusammenfassenden Bericht für das Unternehmen. Der Bericht weist den aktuellen durchschnittlichen Arbeitsbewältigungsindex aus, referiert die Maßnahmen, die sich die Mitarbeiter persönlich vorgenommen haben (natürlich anonymisiert!) und gibt einen Überblick über die Maßnahmen, die sich in den Einzelgesprächen als Anregungen an den Betrieb herauskristallisiert haben. In diesem Workshop (ein halber bis ein ganzer Tag), besetzt durch Mitglieder der Einrichtungsleitung, der Mitarbeiter und der Mitarbeitervertretung/des 4/7

5 Betriebsrats erklärt sich auch die Geschäftsführung zu einzelnen betrieblichen Maßnahmen bereit und leistet somit ihren Beitrag zu den Zielen. Idealerweise sind hier Maßnahmen zu allen vier Stockwerken des Hauses der Arbeitsfähigkeit benannt. Ergebnisse des Berichts und vereinbarte Maßnahmen werden in die Gesamtbelegschaft kommuniziert. Letztlich entwickelt sich ein System, mit dem Vergleichbarkeiten in den Folgejahren möglich sind und damit eingeleitete Maßnahmen evaluiert werden können. Der WAI oder ABI wird zur zentralen Kennzahl im Bereich betrieblicher Gesundheit. Darüber hinaus wird ein Benchmarking mit Einrichtungen möglich, die ebenfalls nach diesem Modell arbeiten. Sinnvoll ist, mit einem Piloten in der Einrichtung zu starten, z.b. mit einer Abteilung oder einem (größeren) Team. Festhalten lässt sich: Arbeit allein erhält im Normalfall die Arbeitsfähigkeit nicht! Ohne gezielte Maßnahmen (= wenn keiner etwas tut) sinkt die Arbeitsbewältigungsfähigkeit im Laufe des Erwerbslebens kontinuierlich (ca. 0,4 Punkte im Mittel pro Jahr). Die so genannte Reservekapazität, die wir zu Beginn des Arbeitslebens mitbringen, wo nämlich unsere Arbeitsbewältigungsfähigkeit höher liegt als die Anforderungen der Arbeitsstelle sie an uns stellt, wird Schritt für Schritt aufgebraucht. Wenn keine Maßnahmen (weder vom einzelnen Mitarbeiter noch vom Betrieb) eingeleitet werden, sinkt der WAI unter die Anforderungen des Betriebs. Wenn individuelle Einzelmaßnahmen der Gesundheitsförderung erfolgen (= wenn einer etwas tut), wird die (individuelle) Arbeitsfähigkeit rasch verbessert, deswegen gilt die Faustregel: Es ist nie zu spät, damit anzufangen. Dafür gibt es vielfältige Angebote und betriebliche Möglichkeiten (Tempel/Ilmarinen, 2013, 202). Wenn der einzelne Mitarbeiter individuelle Maßnahmen ergreift und diese mit kollektiven/betrieblichen Maßnahmen kombiniert werden (= wenn beide etwas tun), erreicht man persönlich und als Betrieb die besten Ergebnisse die Arbeitsbewältigungsfähigkeit bleibt gut erhalten bzw. verbessert sich wieder. Dabei ist es nicht entscheidend, in welchem Stockwerk man beginnt, sondern dass alle Stockwerke abgearbeitet werden. Die sinnvolle Kombination von Maßnahmen der Verhaltensänderung mit Maßnahmen der Verhältnisänderung führt dann mittel- und langfristig zu den besten Ergebnissen (ebenda). 5/7

6 Der Einsatz des Betriebes: Einstündige vertrauliche Arbeitsbewältigungs-Coachings mit den mitmachenden Personen (6-8 Coachings/Tag) Erstellung des zusammenfassenden, anonymisierten Berichts an die Einrichtung (ca.1 Beratertag) Betrieblicher Workshop zur Rückspiegelung der Ergebnisse in die Einrichtung, zur Vereinbarung betrieblicher Maßnahmen (0,5-1 Beratertag) Darüber hinaus: Informationsveranstaltungen an die Mitarbeiterschaft Evtl. Begleitung von betrieblichen Veränderungsmaßnahmen Idealerweise Evaluation und zweite Durchführung nach spätestens zwei Jahren. ab-c -Beratung / inhaltliche Durchführung: Dr. Christian Lummer Syst. Organisationsberater, qualifiziert für das Beratungsinstrument ab-c (Arbeitsbewältigungs- Coaching ); Beratung & Training Am Glockenbusch 2b Paderborn Tel.: / Mobil: Mail: Web: Literatur: Gruber, B.; Frevel, Alexander: Arbeitsbewältigung in der ambulanten Pflege. PIZA Längsschnittstudie In: Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Soziale Dialoge zur Förderung der Arbeitsbewältigung in der ambulanten Pflege. Berichte aus der Pflege Nr. 14 August 2010, S Ilmarinen, J.: Arbeitsfähig in die Zukunft. In: Giesert., M. (Hrsg.): Arbeitsfähig in die Zukunft. Willkommen im Haus der Arbeitsfähigkeit. Hamburg Initiative Neue Qualität der Arbeit (Hrsg.): Arbeitsbewältigungs- Coaching. Neue Herausforderungen erfordern neue Beratungswerkzeuge. Fachliche Beratung: Brigitta Geißler-Gruber, Alexander Frevel. Bericht Nr. 38, Dortmund /7

7 Peters, N.: Wie geht s Dir, Kollege? Burnout nach dem Hype. In: ManagerSeminare, Heft 183, Juni 2013, S Tempel, J.; Ilmarinen, J.: Arbeitsleben Das Haus der Arbeitsfähigkeit im Unternehmen bauen. (Hrsg.: M Giesert). Hamburg 2013) Tuomi, K.; Ilmarinen, J.: Work Ability Index. Helsinki /7

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