Hinübergehen Was beim Sterben geschieht Chancen und Schwierigkeiten in der Sterbebegleitung

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1 Hinübergehen Was beim Sterben geschieht Chancen und Schwierigkeiten in der Sterbebegleitung Sales Meier Seite 1

2 Inhalte: 1. These von M. Renz Leiterin Psychoonkologie, St. Gallen 2. 5 Phasen der seelischen Entwicklung Schwerkranker 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten 4. Sterbeprozess als ein Bewusstseinsveränderung 5. Indikationsorientierte Sterbebegleitung 2

3 1. Hinübergehen These: Im Zugehen auf den Tod lässt sich bei vielen Sterbenden ein sog. Übergang beobachten, der wesentlich in einer Wandlung ihrer Wahrnehmungsweise besteht. Alles Ich hafte: was ICH wollte, dachte, fühlte, alle auf das Ich bezogene Wahrnehmung und alle Bedürfnisse im Ich treten in den Hintergrund. Eine andere Welt, ein anderer Bewusstseinszustand, andere Sinneserfahrungen und dementsprechend eine andere Erlebnisweise rücken näher all dies unabhängig von Weltanschauung und Glaube. Sterben ist ein Prozess. Dr. phil., Dr. theol. Monika Renz Leiterin der Psychoonkologie Kantonsspital St. Gallen. Folie 3

4 2. Fünf Phasen der seelischen Entwicklung Kübler-Ross beschreibt 5. Phasen der seelischen Entwicklung schwerkranker Menschen: 1. Nichtwahrhabenwollen 2. Zorn 3. Verhandeln 4. Depression 5. Zustimmung Folie 4

5 Trauer Die Trauer ist ein natürlicher Weg des Menschen einen Verlust zu verarbeiten und damit umgehen zu lernen. Ist nach rückwärtsgerichtet Hängt einer Illusion an Hängt Altem nach Festhalten von... Sehnsucht nach Schliesst Freudfähigkeit nicht aus 5

6 Depression Zustand der es nicht zulässt...an meine Gefühle heranzukommen...meine Gefühle zu lesen Verlust der Gefühle 6

7 Diagnose der Depression Freudlosigkeit (Anhedonie) Hoffnungslosigkeit Hilflosigkeit Wertlosigkeit Schuldgefühle Suizidgedanken/Todessehnsucht Sozialer Rückzug Traurigkeit, depressive Stimmung, Dysphorie,( banale Alltagsverstimmungen ) Weinerlichkeit, Interesselosigkeit, Denk- und Konzentrationsstörung 7

8 Unterschiede: Trauer: Kann Freude zeigen Bleibt am Verlust hängen Sorge Sehnsucht Bleibt im Reifeprozess stehen Depression: Freudlosigkeit Fühlt sich hilflos Hoffnungslosigkeit Wertlosigkeit Festhalten an suizidalen Gedanken Folie 8

9 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Sterbeprozess als Wandlung systematisiert in dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten: Davor (vor einer inneren Bewusstseinsschwelle) Hindurch (über diese Schwelle) Danach (nach dieser Schwelle) Folie 9

10 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Davor (vor einer inneren Bewusstseinsschwelle) Folie 10

11 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Merkmale im Zustand Davor : Gestalten von Abschieden, Regeln von Testamenten, Depression, Angst «Davor» ist eine Zeit der Entäusserungen. (dem Ich wird alles genommen) Ohnmacht, abnehmende Mobilität, wiederkehrende Schmerzen, Juckreiz, Durst, Übelkeit etc. Bilder und Symbole: Bsp. «man steht vor dem Meer und stürzt hinein» Folie 11

12 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Welche Begleitung ist hier hilfreich? Gute Palliativpflege mit sorgfältiger Medikation. Gespräche mit Patienten, dass die schwer zu ertragenden Zustände Durchgangsrealitäten sind. Stichwort in der Begleitung: Kapitulation Prozess der Wandlung geht vom Ich zum Sein, von der Eigenmacht zum Angeschlossen-Sein. Folie 12

13 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Hindurch (über die Schwelle) Folie 13

14 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Merkmale im Zustand Hindurch : Im Hindurch findet ein Loslassen in ein gänzliches Unbekanntes statt. Das Hindurch ist vergleichbar mit einer Geburt, es ist Durchgang und dauert meist Stunden, Minuten, aber nicht Tage. Bilder und Symbole: Bsp. das Meer tut sich auf, ein Schlund ist da. Körperreaktionen: Schaudern, Schwitzen, Frieren, Urangst. Das Ich ist zugleich überwältigt und willigt ein. Folie 14

15 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Welche Begleitung ist hier hilfreich? Geburtshilfe im weitesten Sinne. Symptombekämpfung, Medikamentengabe, in Einzelfällen bis hin zu vorübergehender Sedation. Hohe Achtsamkeit und Präsenz der Pflege und Angehörigen speziell dort wo Patienten kein Zeitgefühl mehr haben. Sterbebegleitung ist mehr als nur ein Dasein. Es braucht das Verstehen, was jetzt passiert. Folie 15

16 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Danach (nach der inneren Bewusstseinsschwelle) 16

17 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Merkmale im Zustand Danach : Sterbende treten in einen Zustand von Ruhe, Gelassenheit, Glückseeligkeit. Der Zustand ist geprägt von Qualitäten wie Friede, Würdigung, Freiheit. Patient ist frei von sich, frei von Angst, Gier, Zwang, frei von Prägung. Zeit in der alle Kämpfe durchgestanden sind. Bilder und Symbole: Bsp. «aus dem Meer ist eine wunderbare Wasserwelt oder eine Licht- und Farbwelt geworden.» Folie 17

18 3. Dreierlei Zustände oder Befindlichkeiten Welche Begleitung ist hier hilfreich? Wenn Sterbende friedlich daliegen oder schlafen wird für die Angehörigen einsichtig, dass der geliebte Mensch irgendwie aufgehoben ist. Schweigen als sinnvollste Art der Kommunikation Angehörige schenken dem Sterbenden viel, wenn sie ihn entlassen und ihrerseits loslassen können. In diesem friedlichen Zustand ist es vor allem wichtig, den Angehörigen zu erklären, was geheimnisvoll Wunderbares sich jetzt ereignet. Folie 18

19 4. Sterbeprozess als wandelnde Wahrnehmung Sterbeprozess als Bewusstseinsveränderung oder Ahnung von den letzten Dingen?: Aspekt von Zeitlichkeit: Vieles deutet auf ein Daseinsweise der Gleichzeitigkeit und Zeitlosigkeit. Aspekt von Räumlichkeit: Vieles verweist auf etwas Unbegrenztes, Ewiges. Die Gefühle für Körperlichkeit und Schwerkraft: nimmt ab, vieles deutet auf ein unbegrenztes Bezogen-Sein hin. (Teilhabe am Seienden, an Gott) Intensität, Sinnlichkeit: scheint eine Steigerung von Intensität zu geben, sinnen-jenseitig Ambivalenzen, auch Wertungen wie gut und Böse fallen weg. Entwicklung verläuft vom Partiellen zum Ganzen. 19

20 5. Indikationsorientierte Sterbebegleitung Indikationsorientierte Sterbebegleitung 20

21 5. Indikationsorientierte Sterbebegleitung Wenn ich als Seelsorger an einem Sterbebett stehe und zwar weiss, dass etwas stockt, aber nicht was, stelle ich mir folgende Fragen: Was will wohl in diesem Leben noch erledigt werden, äusserlich und innerlich? Was will noch losgelassen werden? Menschen, die Familie, der Hund? Aber auch die Daseinweise im Ich mit ihren Verlockungen. Was will durchgestanden werden an Angst, Verlassenheit und Läuterung? Was will noch eingebracht werden, etwa das darbende innere Kind? Oder braucht eine traumatisierte Seele noch Würdigung? Was will noch gefunden werden, etwa an Urvertrauen, an Angeschlossen- Sein, an religio (Rückbindung)? 21

22 Hinübergehen Ich habe nichts dagegen zu sterben. Ich will nur nicht dabei sein, wenn s passiert. Woody Allen 22

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