Das europäische Mehrsprachigkeitskonzept: Bildungspolitische Konzeptionen und Überlegungen zu dessen praktischer Umsetzung

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1 Das europäische Mehrsprachigkeitskonzept: Bildungspolitische Konzeptionen und Überlegungen zu dessen praktischer Umsetzung Bettina Deutsch Mail: Freie Universität Berlin, Didaktik der romanischen Sprachen und Literaturen

2 Gliederung Einleitung/Vorläufer Entwicklung des Begriffs Mehrsprachigkeit in ausgewählten Dokumenten des Europarates und der Europäischen Kommission Mehrsprachigkeit aus fremdsprachendidaktischer Sicht Überlegungen zur praktischen Umsetzung: Frühbeginn und CLIL (Diskussion) 2

3 Einleitung/Vorläufer Vielsprachigkeit = Koexistenz verschiedener Sprachen in einer bestimmten Gesellschaft (gesellschaftliche Mehrsprachigkeit) Mehrsprachigkeit = Kenntnis einer Anzahl von Sprachen der in der Gesellschaft lebenden Individuen (individuelle Mehrsprachigkeit) (Europarat 2001: 17) 3

4 Einleitung/Vorläufer 1954 Beschlüsse des Europarates, der Europäischen Gemeinschaft, der Ständigen Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE): Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller Sprachgruppen 1975 Schlussakte der KSZE: Ziel = weitere Entwicklung und Verbesserung des Fremdsprachenunterrichts 1982 Mitteilung des Europarates: Zusätzlich zur jeweiligen Muttersprache ist mindestens eine weitere europäische Sprache zu lehren. 4

5 Mehrsprachigkeit in europäischen Dokumenten 1995 Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung. Allgemeines Ziel Nr. 4: Jeder sollte drei Gemeinschaftsprachen beherrschen. (unabhängig vom Bildungs- oder Ausbildungsweg) Mehrsprachigkeit = Muttersprache plus zwei Fremdsprachen und die Fähigkeit zur Anpassung an von unterschiedlichen Kulturen geprägte Arbeits- und Lebensverhältnisse (vgl. Weißbuch 1995: 62) 5

6 Mehrsprachigkeit in europäischen Dokumenten 1998 Charta der Regional- und Minderheitensprachen 2000 (Juli) Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates über das Europäische Jahr der Sprachen (2001) Ziel: Förderung des Fremdsprachenlernens und Anerkennung des Grundsatzes, dass alle Sprachen den gleichen kulturellen Wert und die gleiche Würde haben alle Sprachen werden in den Blick genommen 6

7 Mehrsprachigkeit im GeR (2001) Mehrsprachigkeit jedoch betont die Tatsache, dass sich die Spracherfahrung eines Menschen in seinen kulturellen Kontexten erweitert, von der Sprache im Elternhaus über die Sprache der Gesellschaft bis zu den Sprachen anderer Völker (die er entweder in der Schule oder auf der Universität lernt oder durch direkte Erfahrung erwirbt). Diese Sprachen und Kulturen werden aber nicht in strikten voneinander getrennten mentalen Bereichen gespeichert, sondern bilden vielmehr gemeinsam eine kommunikative Kompetenz, zu der alle Sprachkenntnisse und Spracherfahrungen beitragen und in der die Sprachen miteinander in Beziehung stehen und interagieren. (Europarat 2001: 17) 7

8 Mehrsprachigkeit im EPS Zielsetzungen: autonomes Lernen und Erwerb von Kompetenzen in mehreren Sprachen EPS = wichtiges Instrument zur Förderung der individuellen Mehrsprachigkeit (lebensweltliche Mehrsprachigkeit findet offiziell Beachtung) 8

9 2002: die europäischen Staats- und Regierungschefs der EU fordern in Barcelona den Unterricht von mindestens zwei Fremdsprachen ab der frühen Kindheit = Barcelona-Ziel 9

10 Mehrsprachigkeit in europäischen Dokumenten 2005 Aufnahme von Mehrsprachigkeit in den Aufgabenbereich von Kommissar Figel, Kommissar für allgemeine und berufliche Bildung und Kultur ( ) 2005 Erste Rahmenstrategie für Mehrsprachigkeit (Europäische Kommission): Mehrsprachigkeit = Sammelbegriff für individuelle und gesellschaftliche Mehrsprachigkeit und für eine politische Strategie 10

11 Mehrsprachigkeit in europäischen Dokumenten 2007 Mehrsprachigkeit wird zu einem eigenen Ressort und Leonard Orban erster Kommissar für Mehrsprachigkeit 2007 Abschlussbericht der Hochrangigen Gruppe für Mehrsprachigkeit : Forderung nach Unterricht von mindestens zwei weiteren Sprachen, Erweiterung um eine interkulturelle und identitätsstiftende Dimension 11

12 Mehrsprachigkeit in europäischen Dokumenten 2008 Zweite Rahmenstrategie für Mehrsprachigkeit (Europäische Kommission): Grundvoraussetzung für Mehrsprachigkeit = Erwerb von zwei modernen Fremdsprachen, zusätzlich: Bewusstsein für Sprachenvielfalt stärken und interkulturelle Dimension berücksichtigen 12

13 Mehrsprachigkeit in europäischen Dokumenten 2008 Intellektuellengruppe legt Bericht und ihre Vorschläge zum Thema Mehrsprachigkeit vor: Konzept der persönlichen Adoptivsprache Voraussetzung = breites Sprachenangebot an den Schulen Ziel: herrschende Rivalität zwischen dem Englischen und den anderen Sprachen überwinden 13

14 Fazit Erweiterung und Fokussierung des Begriffs Mehrsprachigkeit Beherrschung von 1+2 als Grundvoraussetzung zusätzlich politischen Strategie Fokus verschoben: von der Gesellschaft (Erhalt der Sprachenvielfalt) zum Individuum (Bewusstsein für den Wert der Sprachen und Ausbildung von individuellen Sprachenprofilen, um interkulturell handlungsfähig zu sein) Erweiterung des Sprachenbegriffs: alle Sprachen Mehrsprachigkeit = eine einzige integrative mehrsprachige und plurikulturelle Kompetenz (GeR) 14

15 Mehrsprachigkeit aus fachdidaktischer Sicht Als mehrsprachig darf schon der bezeichnet werden, der auf der Basis der Kenntnis seiner Muttersprache eingeschränkte Kenntnisse in wenigstens zwei weiteren Sprachen entweder in gleichen oder in unterschiedlichen Diskursbereichen hat [ ]. (Bertrand/Christ 1990) 15

16 Mehrsprachigkeit aus fachdidaktischer Sicht Lebensweltliche Mehrsprachigkeit betont also die Faktizität, die sprachliche Praxis im alltäglichen Leben sowie vor allem auch das subjektive Erleben der eigenen Sprachlichkeit. Lebensweltliche Mehrsprachigkeit ist außerdem der Mehrsprachigkeit innerhalb des direkten Kontextes schulischen Fremdsprachenunterrichts entgegengesetzt. (H.i.O.) (Hu 2003: 39) 16

17 Mehrsprachigkeit aus fachdidaktischer Sicht Lebensweltlich mehrsprachige Kontexte sind neben dem Fall unterschiedlicher Familien- und Umgebungssprachen im Zusammenhang mit Migration auch solche Kontexte, in denen Schülerinnen und Schüler im außerschulischen Umfeld eine zunächst institutionell erworbene Fremdsprache aus ihrer Sicht so regelmäßig und nicht schulbezogen verwenden, dass es von unmittelbarem und dauerhaften Einfluss auf ihr Selbstkonzept ist. (Abendroth-Timmer 2009: 37) 17

18 Mehrsprachigkeit aus fachdidaktischer Sicht Integratives Mehrsprachigkeitskonzept Sprachen werden aufeinander bezogen Ziel: lernerseitig individuelle dynamische Mehrsprachigkeitsprofile auszubilden Mehrsprachigkeit Schatz der Lernenden (Migranten- oder Minderheitensprachen) Bedarf der Lernenden (Weltsprachen) 18

19 Mehrsprachigkeit aus fachdidaktischer Sicht Wer dieser begrifflichen Unklarheit auf die Spur zu kommen versucht, merkt bald, dass jeweils von unterschiedlichen Sprachen die Rede ist. Während die einen auf die Sprachen verweisen, die durch Zuwanderung vor allem in der einzig wirklichen Gesamtschule, der Grundschule, zusammenkommen, haben die anderen Weltsprachen im Blick [ ]. (Decke-Cornill: 2001: 177) 19

20 Überlegungen zur Umsetzung Fremdsprachenfrühbeginn + CLIL = zwei wichtige Säulen, um Mehrsprachigkeit in Europa zu fördern (Europäische Kommission) 20

21 Überlegungen zur Umsetzung - Diskussion Wird im bilingualen Unterricht überhaupt eine integrative mehrsprachige und plurikulturelle Kompetenz bei den Schülerinnen und Schülern gefördert? Hat der bilinguale Unterricht überhaupt das Potential dafür? Inwieweit helfen bildungspolitische Vorgaben wie die Vorverlegung des Fremdsprachenunterrichts in Klasse 1 bzw. 3 oder die Einführung von bilingualem Unterricht bei der Förderung von Mehrsprachigkeit? 21

22 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 22

23 Zitierte Dokumente (Auswahl, chronologisch geordnet) Europäische Kommission (1995): Weißbuch Lehren und Lernen Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft. Luxemburg: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften. Europarat/Rat für kulturelle Zusammenarbeit (2001): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin, München u.a.: Langenscheidt. Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2002): Arbeitsdokument der Kommissionsdienststellen. Förderung des Sprachenlernens und der sprachlichen Vielfalt Konsultationen. Brüssel, , SEK (2002) Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2003): Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt: Aktionsplan Brüssel, KOM (2003) 449 endgültig. Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2005): Eine neue Rahmenstrategie für Mehrsprachigkeit. Brüssel. KOM (2005) 596 endgültig. Hochrangige Gruppe Mehrsprachigkeit (2007): Abschlussbericht. [letzter Zugriff: ] Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2007): Bericht über die Durchführung des Aktionsplans Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt. Brüssel: KOM (2007) 554 endgültig/2. Intellektuellengruppe für den interkulturellen Dialog (2008): Eine lohnende Herausforderung. Wie die Mehrsprachigkeit zur Konsolidierung Europas beitragen kann. EAC DE-TRA-00 (FR) Brüssel. Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2008): Mehrsprachigkeit: Trumpfkarte Europas, aber auch gemeinsame Verpflichtung. Brüssel: KOM (2008) 566 endgültig. Rat der Europäischen Union (2008): Schlussfolgerungen des Rates vom 22. Mai 2008 zur Mehrsprachigkeit. Amtsblatt der Europäischen Union (2008/C140/10). Meißner, Franz-Joseph/Schröder-Sura, Anna (2009): RePA. Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen. Deutsche Fassung. Europäisches Fremdsprachenzentrum Graz. 23

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