Sucht als Folge chronifizierten Stresserlebens

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1 Sucht als Folge chronifizierten Stresserlebens Psychische Ermüdung, herabgesetzte Vigilanz oder Stress sind Folgen von ungünstigen Arbeitsbedingungen. Demnach darf nicht verkannt werden, dass die Umgebungsfaktoren am Arbeitsplatz einen sehr großen Einfluss auf das individuelle Wohlbefinden ausüben. Wenn negative Bedingungen wie Zeitdruck, Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten zu groß werden, kann damit eine gesundheitsgefährdende Problembewältigung ausgelöst werden, die unter Umständen die Entstehung von Süchten begünstigen kann. Beispiele mögen Frusttrinken oder ein vermehrter Zigarettenkonsum sein. Drogen und Suchtmittel verursachen in Deutschland erhebliche gesundheitliche, soziale und volkswirtschaftliche Probleme: Nach repräsentativen Studien rauchen 16 Millionen Menschen, 1,3 Millionen Menschen sind alkoholabhängig und Schätzungen legen nahe, dass 1,4 Millionen Menschen von Medikamenten abhängig sind Menschen weisen einen problematischen Cannabiskonsum auf, der problematische Konsum von anderen illegalen Drogen liegt bei Menschen vor und bis zu Menschen gelten als glücksspielsüchtig. Es ist davon auszugehen, dass eine zunehmende Zahl von Internetnutzern onlineabhängig ist. (vgl. Bundesministerium für Gesundheit, 2012) (a) Definition: Sucht, Abhängigkeit und Missbrauch Sucht wird häufig mit Abhängigkeit oder Missbrauch gleichgesetzt. Die Begriffe Missbrauch und Abhängigkeit werden von der WHO und klinischen Manualen (DSM-IV und ICD 10) verwendet. Betrachtet man den Begriff Missbrauch wörtlich, kann der falsche Gebrauch herausgelesen werden. Es ist ein fehlangepasstes Muster von Substanzgebrauch, welches sich in wiederholten und deutlich nachteiligen Konsequenzen infolge des wiederholten Substanzgebrauchs manifestiert. In Verbindung mit Alkohol bedeutet Missbrauch also, dass 1

2 es unter Verletzung geschriebener und ungeschriebener Normen des Zusammenlebens konsumiert wird, nämlich am falschen Ort und zur falschen Zeit. Ein unangepasstes Muster von Substanzgebrauch führt in klinisch bedeutsamer Weise zu Beeinträchtigungen oder Leiden, wobei sich mindestens eines der folgenden Kriterien innerhalb desselben 12-Monats-Zeitraums manifestiert (American Psychiatric Association, 2000): 1) wiederholter Substanzgebrauch, der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder Zuhause führt 2) wiederholter Substanzgebrauch in Situationen, in denen es aufgrund des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann 3) wiederkehrende Probleme mit dem Gesetz in Zusammenhang mit dem Substanzgebrauch 4) fortgesetzter Substanzgebrauch trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme, die durch die Auswirkungen der psychotropen Substanz verursacht oder verstärkt werden Die Symptome haben niemals die Kriterien für Substanzabhängigkeit erfüllt. Bei einer Abhängigkeit präferiert die betroffene Person den Konsum einer Substanz gegenüber anderen Verhaltensweisen, die von ihr früher bevorzugt wurden. Diagnosekriterien des Abhängigkeitssyndroms nach ICD-10 sind (vgl. ICD-10-GM Version, 2012): 1) ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, die Substanz zu konsumieren (sogenanntes craving ) 2) verminderte Kontrolle über den Substanzgebrauch (was oft erst dann bewusst wird, wenn versucht wird, den Konsum zu kontrollieren; die Substanz wird häufiger, länger oder in größeren Mengen eingenommen) 3) ein körperliches Entzugssyndrom 2

3 4) Toleranzentwicklung gegenüber den Substanzeffekten 5) eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit der Substanz 6) anhaltender Substanzgebrauch trotz eindeutiger und dem Betreffenden bekannter schädlicher Folgen Anzeichen für eine Abhängigkeitsstörung bei Medikamenten sind beispielsweise: Steigerungen der Dosis gleichzeitiger Konsum mehrerer Präparate Konsum mit dem Ziel der Verminderung von Entzugssymptomen wechselnde Einnahmegründe (z. B. Einnahme in Erwartung von Belastungssituationen; Unfähigkeit, ohne Medikamente leben zu können) Substanzbeschaffung über Verwandte, mehrere Ärzte oder auf dem Schwarzmarkt Der Begriff Sucht ist ein eher umgangssprachlicher Begriff für das Abhängigkeitssyndrom, wobei er noch von der Weltgesundheitsorganisation bis 1969 und von der American Psychiatric Association bis 1987 für das Abhängigkeitssyndrom verwendet wurde. Neben der Sucht nach einer Substanz (Alkohol, Nikotin etc.) können neben dieser Abhängigkeit auch (Fehl-) Verhaltensweisen verstanden werden, wie Spielsucht (F63.0) oder pathologisches Stehlen (F63.2, gemäß ICD-10). Nach dem allgemeinen Verständnis ist eine Person dann süchtig, wenn ein übermächtiges, immer wiederkehrendes Bedürfnis nach einer Substanz, einem Objekt, einem Gefühl, einer Handlung, einer Umgebung oder einer personellen Interaktion besteht. Im Folgenden werden die häufig mit großen Stresserleben möglicher Weise in Verbindung stehenden Süchte dargestellt: (b) Alkohol Das Bundesministerium für Gesundheit (2012) geht davon aus, dass etwa 1,3 Mio. Menschen in Deutschland als alkoholabhängig gelten. Wiederum konsumieren fast 10% der deutschen Bevölkerung Alkohol in gesundheitlich riskanter Form (9,5 Mio.), wobei der Anteil der 3

4 Dunkelziffern wahrscheinlich noch erheblich höher ist. Jedes Jahr sterben in Deutschland mindestens Menschen an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. In geringer Menge wirkt Alkohol stimmungssteigernd, anregend, hilft Ängste und Hemmungen abzubauen, fördert die Kommunikations- und Kontaktbereitschaft und wird häufig aus diesen Gründen wenn auch als falsche Bewältigungsstrategie bei Problemen verwendet. Als problematische Folgen können genannt werden, dass die Konzentrationsund Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt, die Wahrnehmung und Urteilskraft negativ beeinflusst und das Unfallrisiko erhöht werden. Bei längerfristigem Konsum kommt es in den meisten Körpergeweben und -organen sowie dem Nervensystem zu Zellschädigungen. Häufige Erkrankungen sind Leberzirrhose und Polyneuropathie, bei der Nerven außerhalb vom Rückenmark und Gehirn geschädigt werden. Außerdem besteht bei Alkoholmissbrauch ein erhöhtes Krebsrisiko (Mund-, Rachen- und Speiseröhrenkrebs, bei Frauen Brustkrebs) und begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Alkoholabhängigkeit kann auf physischer und psychischer Ebene bestehen. Sie ist eine chronische Krankheit, die rezidivierend ist, was bedeutet, dass sie immer wieder auftreten und niemals als überwunden betrachtet werden kann. Hier gilt besondere Achtsamkeit bei betroffenen Personen am Arbeitsplatz. (c) Nikotin Gleich neben dem Alkoholkonsum liegt, in Bezug auf den Verbreitungsgrad innerhalb der deutschen Bevölkerung, der Tabakkonsum an der Spitze. Zwar sank der tägliche Konsum von Zigaretten von 391 Mio. Stück im Jahr 2001 auf nur noch 229 Mio. Stück im Jahr 2012, aber der tägliche Konsum von Zigarren und Zigarillos nahm von 7 auf 11 Mio. Stück zu. Auch hier ist der tatsächliche Verbrauch viel höher, da in den Angaben unversteuerte Tabakwaren nicht enthalten sind (Statistische Bundesamt, 2012). Mit gewohntem Tabakkonsum kommt es zu psychischen Wirkungen wie u. a. gesteigerter Aufmerksamkeit, erhöhter Stresstoleranz, abnehmender Aggression und Erregung. Diese positiven Effekte klingen jedoch infolge der Toleranzentwicklung in immer kürzer werdenden Abständen ab. Dennoch können eigenmäßig Verknüpfungen mit positiven Situationen 4

5 hergestellt werden wie die Zigarette nach dem Essen. Durch sogenannte klassische Konditionierungsprozesse wird der Genuss von Tabakwaren als Belohnung erlebt. Nichtsdestotrotz erzeugt Nikotin eine körperliche und psychische Abhängigkeit. Entzugssymptome sind erhöhte Aggressivität, Ärger, Angst, Konzentrationsstörungen, Unruhe, Schlafstörungen und Appetitsteigerungen. Mit dem Konsum von Tabakprodukten wird eine Reihe von Erkrankungen in Zusammenhang gebracht. Im Jahr 2009 starben in Deutschland Personen an Lungen- und Bronchialkrebs. Damit war der Lungen- und Bronchialkrebs mit einem Anteil von 19,5 % an allen Krebstoten die häufigste Krebserkrankung mit Todesfolge Menschen starben an Kehlkopf- sowie dem Luftröhrenkrebs. Insgesamt waren 5,1 % aller Sterbefälle im Jahr 2009 auf eine für Raucher symptomatische Krebserkrankung zurückzuführen. Bei vielen anderen Todesfällen, insbesondere den Herz- Kreislauf-Erkrankungen sowie der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) wird jedoch auch davon ausgegangen, dass das Rauchen ebenfalls zum Tod beigetragen hat. Das durchschnittliche Sterbealter eines an Lungen- und Bronchialkrebs Erkrankten lag 2009 bei 70,1 Jahren und damit um sieben Jahre unter dem mittleren Sterbealter von 77,1 Jahren. Frauen starben durchschnittlich mit dieser Erkrankung sogar um zehn Jahre früher, Männer um drei Jahre. Im Jahr 2009 wurden bundesweit an Lungen- und Bronchialkrebs erkrankte Patienten im Krankenhaus behandelt und entlassen. Die durchschnittliche Verweildauer dieser Patienten im Krankenhaus betrug 8,1 Tage (Statistisches Bundesamt, 2012). 5

6 (d) Medikamente und Drogen Vor einem aufregenden Arbeitstag abends einen Beruhigungstee zu trinken, klingt harmlos. Ritalin einzunehmen, um leistungsfähiger, konzentrierter und vor allem länger an einer wichtigen Arbeit zu schreiben, klingt weniger harmlos. Untersuchungen zeigen, dass 1,7 % der Gesamtbevölkerung zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens medikamentenabhängig waren. Wichtigste Medikamentengruppen, die mit der Entwicklung von Abhängigkeitsstörungen in Verbindung stehen, sind: Schmerz- und Betäubungsmittel (u. a. Opiate/Opioide) Aufputschmittel (u. a. Amphetamine, Ecstasy) Beruhigungsmittel (v. a. Benzodiazepine) Letztere machen den größten Anteil der Medikamentenabhängigen aus. Von den Benzodiazepin-Patienten sind 11% als abhängig einzustufen. Bei anderen Hypnotika, bzw. Sedativa (Schlaf- und Beruhigungsmittel) besteht ein ähnlich hohes Risiko. Das Abhängigkeitsrisiko steigt nach dem 40. Lebensjahr deutlich an, wobei Frauen mindestens doppelt so häufig von einer Medikamentenabhängigkeit betroffen sind (Bundesverband Unfallkasse, 2005). Gerade die euphorisierende Wirkung von Aufputschmitteln und die entspannende Wirkung von Beruhigungsmitteln legen nahe, diese Medikamente bei psychischen Belastungen bei der Arbeit einzunehmen. Anspannungen könnten so ausgeglichen, sozusagen weggeschluckt werden. Aufputschmittel wirken euphorisierend und sind zudem mit ihrer halluzinogenen Wirkung für das Suchtpotenzial verantwortlich. Nach dem Abklingen der Wirkung kann es zu Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und depressiven Verstimmungen kommen. Längerer Missbrauch kann zum einen Vergiftungserscheinungen, zum anderen schwere hirnorganische Schäden hervorrufen, wie beispielsweise das Auftreten von akuten Psychosen, Wahnideen, verminderte Denkfähigkeit und bleibende Schädigungen der Nervenzellen. 6

7 Beruhigungsmittel wirken entspannend und aggressionsdämpfend. Sie werden nur langsam im Körper abgebaut und können somit zu Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der Wahrnehmung und der Reaktionsfähigkeit führen. Wird das Medikament abgesetzt, kommt es in der Regel zu Entzugserscheinungen und depressiven Verstimmungen, auch wenn diese zuvor nicht bestanden. Vorsicht: Eine regelmäßige Einnahme von Medikamenten ist noch nicht mit Missbrauch oder dem Beginn einer Abhängigkeit gleichzusetzen. Durchaus kann es sich dabei um einen medizinisch indizierten und angemessenen Medikamentengebrauch handeln. Wie die Beruhigungsmittel, wirkt auch Cannabis entspannend, sodass der Konsument sich ausgeglichen fühlt. Diese illegale Droge wird am häufigsten in Form von Haschisch oder Marihuana konsumiert. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit weisen Menschen einen problematischen Cannabiskonsum auf, allerdings wird von einer sehr großen Dunkelziffer ausgegangen. Cannabis kann zu einer psychischen Abhängigkeit und einer Herausbildung des sogenannten amotivationalen Syndroms führen, welches sich durch zunehmende Teilnahmslosigkeit und Aktivitätsverlust äußert. Autor: Ernest Schüle, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Quellen: American Psychiatric Association (2000). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM-IV-TR (4th edition, Text Revision). American Psychiatric Association, Washington, DC Verfügbar unter: Bundesministerium für Gesundheit (2012). Thema Alkohol. Online im Internet: Bundesverband der Unfallkassen (2005). Psychische Belastungen am Arbeits- und Ausbildungsplatz ein Handbuch Phänomene, Ursachen, Prävention. Ausgabe April 2005 Statistisches Bundesamt (2012). Ausmaß der Stressbelastung. Online im Internet: 7

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