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1 Unternehmen Online MEDIEN SOCIAL LIF VERKEHR JETZT MEIT LOS 1 MARC Die digitale Revolution entfaltet ihre volle Wirkung erst jetzt. Medien, Gesundheitswesen, Finanzen, Verkehr und Handel werden sich in Zukunft noch dramatischer verändern als bisher. HOWALS. TEXT dem noch Lähm, Wir haben doch alle ein in Gemeindezentrum ist ein eher ungewöhnlicher Ort, um eine Revolution auszurufen. Aber genau das soll in San Francisco passieren, im Yerba Buena Center for the Arts (600 Sitzplätze im Theatersaal, im Kino noch mal 94) am 9. März ab 19 Uhr Schweizer Zeit. Dann wird Apple, nach Börsenkapitalisierung das mit Abstand grösste Unternehmen der Welt, die Details der lang erwarteten iwatch der Öffentlichkeit vorstellen - just am Tag vor der Eröffnung der weltgrössten Uhrenmesse Baselworld. Gut möglich, dass Apple mit der Smartwatch die Branche revolutionieren wird wie zuvor die Musikwelt mit dem ipod, die Handybranche mit dem iphone und die Computerindustrie mit dem ipad. «Nach einem Jahr wird Apple der grösste Uhrenhersteller der Welt sein», erwartet Scott Galloway, Professor für Digital Marketing an der NYU Stern School of Business. Apple würde dann 50 Prozent mehr Umsatz erzielen als der bisherige Marktführer Swatch Group. «Das wird der etablierten Uhrenindustrie sehr weh tun - aber das will sie nicht wahrhaben», sagt Galloway. «Wir sind nicht nervös», erwidert Nick

2 Hayek, Chef der Swatch Group: «Auf unsere Planungen hat das überhaupt keine Auswirkungen.» Trotzdem haben viele Hersteller, von TAG Heuer bis Montblanc, nun eigene Computeruhren angekündigt. Auch Hayeks Swatch Group. Die grösste Branche der Welt. Die knapp 300 Jahre alte Uhrenindustrie wird nun mit voller Wucht von der Digitalisierung erfasst. Die letzten Jahrzehnte haben PC, Internet und Smartphone eine Branche nach der anderen umgepflügt. Zunächst die Tourismusindustrie und die Medien. Dann Shopping und Aktienhandel. Jetzt erwischt es auch das Banking, das Gesundheitswesen, die Transportindustrie (siehe Boxen ab Seite 29). «Die Digitalwirtschaft ist schon heute die grösste Branche der Welt, und man kann mit einigem Recht behaupten, dass sie bald die einzige sein wird. Denn es gibt keine Branche, die nicht wenigstens zum Teil in die digitale Welt konvertieren wird», sagt Christoph Keese, Autor des Buches «Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt». Neu ist die Entwicklung nicht. Schon immer, seitdem 1958 zum erstenmal mit einem Modem Daten übertragen wurden, seitdem 1981 der erste PC Computerpower erschwinglich machte, seitdem 1991 die erste Website online ging, seitdem 1995 der erste Browser das Internet zum Massenphänomen machte, profitierte auch die Wirtschaft vom digitalen Fortschritt. Doch ebenso wie die Dampfmaschine nach ihrer Erfindung 1712 über mehrere Generationen weiterentwickelt werden musste, bis sie die industrielle Revolution auslöste, brauchte die IT bis in dieses Jahrtausend, um ihre Wirkung so richtig zu entfalten. «Die Entwicklung verläuft langsam, dann gibt es auf einmal eine Explosion. Wir stehen jetzt kurz davor», sagt Klaus Schwab, der als Chef des World Economic Forums besseren Einblick in die weltweiten Chefetagen hat als vermutlich jeder andere. Heute ist die technologische Entwicklung so rasant wie nie zuvor. «Aber wir haben erst den Anfang gesehen», sagt MIT- Professor Andrew McAfee, Co-Autor des Buches «The Second Machine Age: Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird». Er ist sich sicher: «Die Veränderungen, Innovationen, Turbulenzen werden nicht weniger werden. Sie werden massiv zunehmen!» Das Schachbrett-Gesetz. Der Grund dahinter ist das mooresche Gesetz, jene 1965 von Intel-Gründer Gordon Moore formulierte und noch immer gültige Erkenntnis, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise bei gleichen Kosten alle 18 Monate verdoppelt - und damit die Rechenkapazität. Was so harmlos klingt, hat dramatische Auswirkungen. Den Effekt der ständigen Verdoppelung illustriert die Legende von der Erfindung des Schachspiels. Als der Mathematiker Sissa im 4. Jahrhundert

3 Die Veränderungen, Innovation Turbulenzen werden nicht weni Sie werden massiv zunehmen. dem König von Indien sein Werk zeigte, soll dieser so beeindruckt gewesen sein, dass er dem Erfinder einen Wunsch gewährte. Sissa verlangte nur etwas Reis, um seine Familie zu ernähren: ein Korn auf das erste Feld, zwei auf das zweite, vier auf das dritte und jeweils die doppelte Anzahl auf jedes folgende Feld. Der auf den ersten Blick so bescheidene Wunsch entpuppte sich als unerfüllbar: Bis zum 64. Feld wären über 18 Trillionen Reiskörner nötig gewesen, mehr, als es auf der ganzen Welt gab. Dabei hätten bis zum 32. Schachfeld rund vier Milliarden Körner gereicht, was etwa dem Ertrag einer grösseren Reisterrasse entspricht. Erst in der zweiten Hälfte des Schachbrettes werden die Zahlen unfassbar gross. Gleiches gilt in der IT. «Wählt man 1958 als Startpunkt der Informationstechnologie, dann haben wir die zweite Hälfte des Schachbretts 2006 betreten», sagt McAfee. Damals bot eine Spielkonsole, die Sony PlayStation 3 für 599 Dollar, die gleiche Rechenleistung wie zehn Jahre zuvor der mächtigste Computer der Welt für 55 Millionen Dollar, mit dem die US-Regierung Atombombenexplosionen simuliert hatte. Oder das Beispiel selbstfahrender Autos: 2004 gelang es bei einem Wettbewerb keinem autonomen Fahrzeug, eine 150 Kilometer lange Strecke durch die amerikanische Mojave-Wüste zurückzulegen. Doch seit 2010 steuern Googles Roboterfahrzeuge durch den Verkehr; inzwischen stehen sie kurz vor der Massentauglichkeit. Und heute hat eine elektrische Zahnbürste mehr Rechenpower als das Apollo-12-Programm der zweiten Mondlandung. Alle 18 Monate wird ein Fortschritt erzielt, so gross wie alle vorhergehenden Runden zusammen, alle 18 Monate verdoppelt sich dabei auch der kumulative Effekt der Innovationen. Immer mehr, immer günstiger. Im gleichen Mass, wie die Rechenpower steigt, sinken die Speicherkosten. Auch hier gilt das mooresche Gesetz, auch hier sind wir in der zweiten Hälfte des Schachbretts angekommen. Ob Bücher, Fotos, Musik, Filme,

4 II Landkarten oder Messergebnisse von Sensoren: Alles lässt sich speichern, kopieren, verschicken - fast kostenlos und in beliebiger Menge. In zwei Minuten werden heute mehr Fotos aufgenommen als im ganzen 19. Jahrhundert. Kostete es vor zehn Jahren noch acht Dollar, ein Megabyte Daten drahtlos zu versenden, sind es heute nur noch ein paar Cent. Die Folge: Das weltweit verschickte Datenvolumen steigt jedes Jahr um 20 Prozent. Leistungsfähige Mobilfunknetze verbinden jedes Smartphone mit potenten Grossrechnern. So hat jeder Handynutzer heute quasi einen Supercomputer in der Tasche. Damit sind Dienste möglich wie Apples Spracherkennungs-Software Siri, die man bis anhin nur aus Sciencefiction-Filmen kannte. Zudem profitiert die Onlinewirtschaft vom Netzwerkeffekt. Je grösser die Teilnehmerzahl, desto grössei der Nutzen des Internetgeräte für alle Lebenslagen Vom Smartphone bis zum Smart TV - schon heute gibt es mehr als zwei Internetgeräte pro Erdbewohner. Das Internet der Dinge verpasst der Netzökonomie gerade den nächsten grossen Schub. 20 Milliarden Geräte in Betrieb 16 Wearables Smartphones Personal Computers und Notebooks Smart TVs Internet der Dinge Tablets : Schätzung. Quelle: Gartner, IOC, Strategy Analytics, Machina Research. Research, Company Filings,1311Estimates Netzwerkes: desto mehr bieten auf ebay ihre Produkte an, desto mehr streiten sich in Diskussionsforen, desto mehr programmieren Websites. Und desto mehr wird die bestehende Wirtschaftsordnung umgekrempelt, denn neue Geschäftsideen lassen sich so schnell und günstig wie noch nie rund um den Globus ausrollen. Letztes Jahr waren erstmals drei Milliarden Menschen online, knapp die Hälfte der Weltbevölkerung. Nun

5 wetteifern Google und Facebook darum, das Internet mittels Satelliten, Drohnen und Ballonen auch in den hintersten Winkel der Erde zu bringen. Heute sind per Smartphone zwei Milliarden Menschen miteinander verbunden, am Ende des Jahrzehntes werden es doppelt so viele sein. Möglich machen das auch hier Moore's Law und der damit einhergehende Preisverfall: Bereits sind die Verkaufspreise für einfache Geräte auf unter 40 Dollar gesunken. Doch die nächste Internetrevolution findet sogar ohne menschliche Nutzer statt: Das Internet der Dinge verpasst der Netzökonomie gerade den nächsten grossen Schub. Waren bisher hauptsächlich Computer, Smartphones, Tablets online, sind es nun immer mehr Maschinen, Geräte, Sensoren. Indem sie selbständig Daten austauschen, automatisieren sie grosse Bereiche unseres Alltagslebens - von der Waschmaschine, die sich meldet, bevor sie kaputtgeht, bis zur intelligenten Heizung, die sich selber herunterregelt, wenn der Bewegungsmelder eine leere Wohnung registriert. In fünf Jahren werden 30 Milliarden Geräte am Netz sein, erwarten die Marktforscher der Gartner Group. Die so generierte globale Wertschöpfung soll bei 3000 Milliarden Dollar liegen. «Computer werden praktisch verschwinden und mit der realen Welt verschmelzen», sagt Stefan Denig, Chef des Kompetenzzentrums Cities bei Siemens. Die Hockeyschläger-Entwicklung. Egal ob man die Anzahl der heruntergeladenen Apps anschaut, die Menge der verkauften Fitnesstracker oder die Umsatzprognosen vernetzter Verkehrsdienste: Fast alle Charts haben derzeit die Form eines Hockeyschlägers - ein kurzer flacher Ansatz, dann lange steil aufwärts. Kein Wunder, wurde letztes Jahr so viel Risikokapital in IT investiert wie seit dem Dotcom-Crash nicht mehr. Viele Geschäftsmodelle sind heute erfolgreich, die zur Jahrtausendwende noch spektakulär gescheitert waren: etwa der Onlineverkauf von Lebensmitteln (damals Webvan.com) oder Spielsachen (Etoys.com) oder das Streamen von Musik und Bildern via Breitband (The Fantastic Corporation). Einmal mehr zeigt sich: Häufig werden die wirtschaftlichen Effekte grundlegender Innovationen kurzfristig überschätzt und produzieren Hypes, langfristig aber werden sie unterschätzt. Und bereits nähern sich ganz neue, bahnbrechende Technologien am Horizont: Roboter, die im Haushalt helfen und wesentlich mehr können als staubsaugen und Fenster putzen; Drohnen als schnelles und günstiges Zustellmittel von Einkäufen, Medikamenten und Ersatzteilen; Virtual Reality zum vollständigen Eintauchen in computergenerierte Welten. Arbeitnehmer zahlen den Preis. Für die Konsumenten bringt die Digitalisierung fast nur Vorteile: Die Auswahl und Qualität von digitalen Gütern steigt, ihre Kosten sinken gegen oder sogar auf

6 null. Zudem werden die Algorithmen immer schlauer und die Datenpunkte immer dichter. Mit vertieften Analysen der Datenberge (Big Data) lassen sich die Bedürfnisse der einzelnen Benutzer schneller und genauer erkennen und die Angebote entsprechend massschneidern. Ist die Gesellschaft,dank der Digitalisierung also auf dem Weg ins Paradies? Leider nein. Mehr und mehr setzt sich die Einsicht durch, dass die Arbeitnehmer den Preis für die ständig steigende Produktivität zahlen. So erledigen die 17 Mitarbeiter von Instagram heute einen grossen Teil der Wertschöpfung, für die Kodak einst Angestellte brauchte. «Das Internet zerstört alte Berufe, ohne dass es neue schafft», warnt Buchautor Keese: «Seriösen Schätzungen zufolge wird die Hälfte aller Jobs in Banken verschwinden. Strittig ist nur noch, ob das zehn oder fünfzehn Jahre dauert.» Auch Andrew Keen, mit seinem Buch «Das digitale Debakel» einer der prononciertesten Internetkritiker, fürchtet: «Die Gesellschaft wird bald aussehen wie ein Donut - mit einem Loch in der Mitte.» Die Mittelschichten, so warnt er, werden verschwinden. MIT-Professor Andrew McAfee fordert daher mehr Unternehmertum (siehe Interview «Keine Wahl» auf Seite 37). Heute sind wir seiner Theorie zufolge auf Feld 39 des Schachbrettes. Zwar wird seit Jahrzehnten vorhergesagt, das mooresche Gesetz werde an seine Grenzen stossen, die Gesetze der Physik liessen sich nicht aushebeln, der Fortschritt bei der Computertechnik werde zu einem Halt kommen. Doch ebenso lange gelingt es dem menschlichen Erfindergeist, die Grenzen zu verschieben. Ein Ende ist nicht in Sicht. 2029, so schätzt der Futurologe und Erfinder Ray Kurzweil, werden Computer intelligenter sein als Menschen. Sie werden aus Erfahrungen lernen, sie werden Geschichten erzählen können, Witze machen und womöglich sogar flirten. Bis dahin werden noch viele weitere Branchen von der Digitalisierung revolutioniert werden. Manche früher, wie Versicherungen, Verwaltung oder Bildung, andere etwas später, wie Gastronomie oder Bauwesen. «Man kann sich kaum eine Branche vorstellen, die unberührt bleibt», sagt Ulrich Schulze von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Als Nächstes erwischt es die 130 Jahre alte Automobilindustrie: Apple soll mit einer 1000 Mann starken Projektgruppe am icar arbeiten.

7 Die Gesellschaft wird bald aussehen wie ein Donut - mit einem Loch in der Mitte. Unser Einkaufsverhalten wird sich in naher Zukunft grundlegend ändern. Digitale Vermessung, schnellere Lieferzeiten und das Smartphone als mobiler Assistent gehören bald zum Standard. um 12 Uhr online bestellt, um 17 Uhr zugestellt. Fiktion? Ja, aber nicht mehr lange. Amazon tüftelt derzeit daran, einfache Produkte mit einem 3-D-Drucker direkt im Lieferwagen zu produzieren. Oder auf dem Luftweg per Drohne zu liefern. Es ist die Gretchenfrage im Onlinehandel: Wie kann die Zeit von der Bestellung bis zur Auslieferung verkürzt werden? Instant URBAN RESEARCH Scannen und kaufen statt anprobieren. Delivering wurde nicht nur die Zahl der Bestellungen erhohen, sondern auch die Lagerkosten senken Und wie reduziert man die Retouren im Textilbereich? Indem man sich digital vermessen lasst und die personlichen Daten in der Wolke gespeichert werden. Das funktioniert teilweise bereits über die Spielkonsole Xbox und wird vielleicht bald auch flächendeckend im Shop möglich sein: in die Kabine hinein, scannen, speichern, fertig. Digital im Laden. Der stationäre Handel verschmilzt zusehends mit dem digitalen. Samstagnachmittag in einer Schweizer Innenstadt. Sandra schlendert durch die Eingangstür in ein Shoppingcenter. Ihr Smartphone vibriert. «Hallo Sandra. Herzlich willkommen. Heute bieten wir Top-Laufschuhe - SHOPPING Detailhandel fast ganz 1 ohne Läden Steil nach oben Online- und Versandhandel machen 6,5 Prozent des Detailhandels aus. 7 Milliarden Franken ,25* 25' *Ohne Lieferungen an Abholstationen im benachbarten Ausland von 200 Mio. Fr. Quelle: GfK 2014 zum Sonderpreis.» So werden Sie dereinst auch in der Schweiz shoppen - in Teilen der USA und seit kurzem auch in Deutschland ist es bereits Realität. Shopkick, Shopnow oder Yoints heissen die Apps auf Ihrem Smartphone, die genau wissen, wo Sie sich befinden, was Sie interessiert, und daraus errechnen, was Sie an diesem Samstag einkaufen

8 könnten. Dazu sind Sensoren in den Geschäf ten installiert, die sich mit den Apps auf Ihrem Smartphone kurzschliessen. Via Bluetooth und Beacon-Technologie empfangen die Apps Ihre GPS-Daten, oder sie senden Ihnen Shoppingtipps und andere Nachrichten. Werden die Apps zusätzlich zu den Standortdaten mit persönlichen Informationen und dem Einkaufsverhalten gefüttert, so entsteht ein digitaler Konsum-Klon, den der Händler zielgerecht ansprechen kann. Nichts ist unmöglich. Forschung und Technik seien heute so weit fortgeschritten, dass wir alles bauen können, was wir wollen, und nur durch unsere Vorstellungskraft beschränkt seien, sagt Justin Rattner, Ex-Technik-Chef von Intel. Es fehle uns einfach die Fantasie, um die vielfältigen Möglichkeiten zu erfassen, welche die digitale Revolution eröffne, sagt Karin Frick, Leiterin Research und Mitglied des Gottlieb Duttweiler Institute. Zwar hinkt die Schweiz der internationalen Entwicklung hinterher, doch die Zahlen zeigen nach oben belief sich das Marktvolumen des Online- und Versandhandels auf 6,25 Milliarden, fast 10 Prozent mehr als im Vorjahr und 6,5 Prozent des ganzen Detailhandels von 97 Milliarden Franken. Fantasie haben die Entwickler von Axon Vibe. Die Luzerner um Stefan Muff, der 2006 seinen Kartendienst an Google verkaufte, wollen bis Ende Jahr einen Smartphone- Butler lancieren, eine neue Art persönlichen Assistenten. Die Devise: das richtige Angebot im richtigen Moment. Das System soll das Verhalten des Users und des Geräts lernen. Wo ist die Person, was ist für Wetter, mit wem ist die Person zusammen? Die Verschmelzung von Shopping und Smartphone wird das digitale Shopping boosten, der stationäre Handel wird nicht verschwinden, sich aber zusehends in Flagship Stores verwandeln. «Unstoring of Retail» nennt GDI-Forscherin Frick den Trend. Produkte im Flagship Store anschauen und online bestellen. Selbst die grossen digitalen Player wie Amazon oder Google werden früher oder später auch stationär präsent sein müssen. Ein grosser Trend werde der Silent oder Ambiance Commerce, sagt Frick. «Wir werden nicht mehr aktiv einkaufen. Die Versorgung geschieht innerhalb von Budgets.» Stichwort: Internet der Dinge. Zum Beispiel der Mülleimer, der alle Abfälle scannt und weiss, was er nachbestellen soll. Am längsten wird der Lebensmittelhandel stationär bleiben. Im Gegensatz zu Nonfood-Produkten spiele die sinnliche Erfahrung hier eine wichtige Rolle, so Frick. Ueli Kneubühler Freies Budget -2C , 0.00 Der intelligente Kontoauszug - direkt auf das Smartphone. Die etablierte Finanzindustrie hat die Digitalisierung lange verschlafen. Nun holen die grossen Player rasant auf - herausgefordert von einer Schwemme neuer Fintech- Start-ups. s ist, als wäre ein kollektiver Weckruf durch die Branche gegangen - mit einem Mal steht die Digitalisierung ganz oben auf der Agenda der Finanzkonzerne: «Die Old Economy ist over», liess sich UBS-Chef Sergio Ermotti jüngst zitieren, «wir haben neue Gegner.» Oder wie es Bill Gates bereits vor Jahren ausdrückte:

9 «Banking ist unverzichtbar. Banken sind es nicht.» Denn von einer Flut von Start-ups erwächst ihnen zunehmend Konkurrenz. Gründerfieber. Laut dem Beratungsunternehmen Bain sind weltweit über 3500 Startups aus dem Finanzbereich aktiv, sogenannte Fintech-Unternehmen. Das investierte Risikokapital hat sich in diesem Bereich seit 2010 fast verzwanzigfacht. Gründerfieber auch in der Schweiz: Im Netzwerk Swiss Finance Startups (SFS) haben sich rund zwei Dutzend Jungfirmen zusammengeschlossen. Dem Kunden eröffnet sich ein ganzes Spektrum von neuen Dienstleistungen, vom digitalen, häufig auf Bitcoin-Technologie basierenden Bezahlservice (Klimpr.com) bis hin zur Investitionsplattform (Dealmarket.com). Sogar in althergebrachten Bereichen wie der FINANZEN Höchste strategische Relevanz Hypothekarfinanzierung hat das Internet zu spannenden Neuerungen geführt: etwa bei der Glarner Kantonalbank mit ihrem «Hypomat», wo man seine Hypothek per Mausklick abschliessen kann. Selbst die traditionelle Funktion der Bank als Kreditgeberin wird Innovationsschub Gesamtinvestitionen in Fintech-Start-ups Millionen Dollar Mio. $ Quelle: Break-through.ch, Crunchbase.com. Crunchbase.com, Handelszeitung durch private Online-Plattformen wie Lendingclub.com zunehmend erodiert. Auch Firmen nutzen neue Online-Wege. So hat sich in den letzten Jahren das Crowdfunding, also die Schwarmfinanzierung übers Internet, als Alternative zur Bank etabliert. Dies zeigt der Erfolg des Schweizer Marktführers Wemakeit, der sich im letzten Herbst mit der Swisscom zusammengetan hat, um gemeinsam für Finanzinstitute eigene Crowdfunding-Marktplätze zu erschliessen. Eine Flut von Neuerungen kommt auf den Kunden auch im Bereich Vermögensverwaltung zu, dem Kernstück des Swiss Bankings. Der Kundenberater muss umdenken, denn gemäss einer gerade veröffentlichten Umfrage kann jeder dritte Millennial komplett auf Banken verzichten: «Fakt ist, dass wir die 30-jährigen Google-Millionäre oder die Generation Y generell nicht richtig ansprechen. Das traditionelle Wine and Dine funktioniert immer weniger in diesem Segment», sagt Holger Spielberg, Head of Innovation der Digital Private Bank der CS. Der Kunde brauche viel mehr Unterstützung dabei, wie man generell mit Geld umgehen solle. Auch hier sind neue Ideen aus den USA in die Schweiz herübergeschwappt: Die US-Plattform Mint.com etwa bietet webbasierte Finanzverwaltungs-Tools an, die es dem Kunden erlauben, die verschiedenen Konten zu aggregieren. Contovista (www.contovista.com) bietet ein erweitertes Konzept für die Schweiz an, ebenso das Winterthurer Start-up Centralway mit seiner App Numbrs. Facebook für Reiche. Die Grossen wollen nicht hintanstehen: «Wir haben das Thema als höchste strategische Relevanz erkannt», sagt Dirk Klee, Wealth Management der UBS. Bereits seit 2013 bietet die Bank eine digitale Beratungslösung namens UBS Advice an, die stetig verbessert wird. Dank gigantischer Rechenkapazität kann UBS Advice über Nacht mehr als Portfolios digital prüfen und nach Marktveränderungen Abweichungen von den Anlagezielen ermitteln. Für April hat die UBS einen neuen Service namens WM Online angekündigt, der per SMS oder über Portfolioabweichungen informiert und erlaubt, den Portfolio Health Check und Anlageideen zur Behebung der Abweichung direkt im E-Banking einzusehen. Auch die CS ist in Sachen Digitalisierung sehr aktiv, gepusht durch Präsident Urs Rohner, der seine Bank als eine Art «Facebook für Reiche» positionieren will. Dabei setzt die Grossbank auch auf das Peer-to-Peer-Prinzip: Kunden mit den gleichen Interessen sollen sich austauschen und Investmentideen lancieren können. Erik Nolmans

10 Einsteigen und das Ziel bekannt geben - fahren kann das Auto selber. Das Automobil wird wirklich automobil - es kommt auch ohne Chauffeur aus. Und im öffentlichen Verkehr wird es mit Sicherheit nur noch ein «BiBo»-Ticket geben - fragt sich nur noch, wann. Es begann mit Navigationsgeräten für das Auto, die via GPS-Satellitenverbindung Position und Fahrstrecke erkennen, später Staumeldungen verarbeiten und Ausweichrouten empfehlen: die Digitalisierung der Mobilität. Heute bieten Neuwagen Internetzugang und jede Menge Vernetzungsmöglichkeiten - meist um Sicherheit oder Reisekomfort zu steigern. Ein Volvo erkennt kreuzende Fussgänger und leitet wenn nötig eine Bremsung ein, General Motors entwickelt Kameras, die die Pupillen überwachen und bei Müdigkeit Alarm schlagen, Mercedes prüft, ob die Art und Weise, wie das Lenkrad eingeschlagen oder der Blinker gesetzt wird, auf Erschöpfung hindeutet. Schlaue Autos. E-Assistenten checken und korrigieren selbständig das Halten der Spur oder den Abstand zum Vordermann - sie schaffen Sicherheit und Komfort, indem sie den Fahrer entlasten. Dasselbe gilt für die Gestensteuerung, wie sie VW entwickelt: Kameras überwachen Hände und stellen etwa die Musik lauter, wenn Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine Drehbewegung im Uhrzeigersinn andeuten. Beim Schlagwort Smart Car geht es um die Verbindung des Autos mit dem Smartphone. Apple-, Google-, Android- und Windows-Handys haben einen Sympathie- Vorsprung gegenüber proprietären Autosystemen. Notgedrungen haben die grossen Autobauer Schnittstellen entwickelt, damit die Smartphones im Auto als Bedienoberfläche VERKEHR Für mehr Komfort und Sicherheit Total vernetzt In wenigen Jahren werden weltweit 220 Millionen Autos vernetzt sein. 250 Millionen Gebaute vernetzte Autos Aktive Nutzer II Schätzungen. Quelle: BI Intelligence fungieren können. Derzeit streiten Autobauer und IT-Konzerne noch, wer die Hoheit über die anfallenden Daten haben soll. Die Platzhirsche, Apple Car Play und Android Auto, setzen zudem auf Sprachsteuerung, wie sie schon ihre Handy-Betriebssysteme kennen. Digitaler Chauffeur. Noch unklar ist, welche digitalen Angebote der IT-Riese Apple in sein Projekt icar integrieren will. Killerapplikation für vernetzte Autos ist derzeit «autonomes Fahren». Dass das geht, haben Hersteller, vor allem Audi, bereits bewiesen. Bis Autofahrer die Füsse hochlegen können, wird es aber noch etwas dauern: Technische und vor allem rechtliche Fragen sind unge- 88

11 löst. Kommt es so weit, dann wird die Bordunterhaltung (Filme, Musik, Internet und Kommunikation) ganz neue Bedeutung erhalten. Auch deshalb sind Apple und Google längst dabei. Bei Zusatzdiensten tummeln sich auch kleinere Anbieter. Hilfreich ist etwa der Parkplatz-Suchdienst Parku, der Blitzkasten-Warner CamSam oder der «Toilet Finder». Car- Sharing-Firmen sorgen dafür, dass die Standorte der Autos jederzeit am Handy abgerufen werden können. Und Automatic gibt via Fahrzeug- und Fahrstildiagnose Tipps zum Fahren und Sparen. In der Schweiz ist das Start-up Fastree 3D erwähnenswert, das 3-D- Bildsensoren entwickelt, die Gefahren auf der Fahrbahn früh erkennen und die bordeigenen Sicherheitssysteme vorwarnen sollen. Im öffentlichen Verkehr kommt ab August 2015 die rote Plastikkarte namens «Swiss- Pass». In ihr ist ein RFID-Chip für drahtlose Datenübertragung integriert. Sie dient als Trägermedium für Halbtax- und Generalabonnements (und ersetzt die bisher blauen Karten), dazu können teilweise öv-tickets, Skipässe und Mobility-Autos aufgebucht werden. Die Industrie forscht derweil bereits am «BiBo-System» - Be in, Be out. Heisst: einsteigen, umsteigen, aussteigen, ohne Tickets lösen zu müssen. Sensoren registrieren jede Fahrt, ein Server im Hintergrund bucht automatisch den günstigsten Tarif. «Für uns stellt sich nicht die Frage, ob das BiBo-System kommt, sondern wann», sagt Heinz Hügle, verantwortlich bei Siemens Schweiz für E-Ticket-Technik. Was es bräuchte: Sensoren in jedem Bus, Bahnwaggon, Schiff und Tram des Landes, zudem zur Identifizierung des Reisenden eine Karte oder ein Smartphone - und die Kooperation von mehreren hundert öv-anbietern in der Schweiz. Dies vor allem ist Zukunftsmusik; technisch wäre es längst machbar. Dirk Ruschrizann Der medizinische Datenspeicher ist immer dabei - am Handgelenk. Diagnose durch Sensoren in der Kontaktlinse, Webcam- Untersuchungen, Datenauswertung in Indien - die medizinische Behandlung wird durch die digitale Revolution zur globalen Veranstaltung. peter Ohnemus ist begeistert: «2014 wurde weltweit zweieinhalb mal mehr Risikokapital ins Gesundheitswesen investiert als im Vorjahr», sagt er. «Das letzte Mal, als ich so eine Steigerung gesehen habe, war Und das Produkt war damals das Internet selber!» Ohnemus muss es wissen. Er ist seit den neunziger Jahren als Serienunternehmer im Netz aktiv, derzeit mit der Plattform Dacadoo.com. Sie ermittelt den persönlichen Gesundheitszustand, errechnet aus mindestens vier und maximal über hundert Einzelparametern, die man selber eingibt oder mittels Fitnessarmband automatisch erhebt. Nachzügler. Lange hat sich die Gesundheits-

12 branche, mit 6500 Milliarden Dollar die grösste Industrie der Welt, den Segnungen des Internets entzogen, weil Ärzte und Spitäler nicht wollten, Konsumenten Angst um ihre Daten hatten, Geräte nicht benutzerfreundlich waren, Gesundheitsdossiers von Land zu Land anders erhoben und verarbeitet wurden. «Jetzt stehen wir vor einer signifikanten Digitalisierung des Gesundheitswesens», sagt Ulrich Schulze, Leiter Healthcare bei der Unter- GESUNDHEIT Gesünder, länger und besser leben nehmensberatung Boston Consulting Group. Auch wegen Obamacare in den USA und der digitalen Agenda Horizon 2020 in Europa. Für den Patienten bringt das Internet zunehmend Transparenz: Das Schweizer Startup CatchMyPain etwa hilft Schmerzpatienten bei der Diagnose und dem Austausch mit Leidensgenossen. In den USA ist die Plattform PatientsLikeMe zu einer bereits Personen grossen Selbsthilfegruppe geworden. Und Castlighthealth.com vergleicht die Der Arzt am Handgelenk 2020 werden 250 Millionen -Jagbare tragbare Kontrollgeräte verkauft - pro Jahr. 250 Millionen Stück pro Jahr Fitnessbander Fitnessbänder 100 und Ähnliches 50 übriges Übriges Schätzungen. Quelle: BI Intelligence Smartwatches Behandlungskosten verschiedener Arzte und rankt sie nach ihrer Qualität - ähnlich wie bei Reiseportalen. Auch die meisten Hardware- Anwendungen fanden sich bisher auf Konsumentenseite: intelligente Waagen, vernetzte Blutdruckmessgeräte, Fitnesstracker, Schlafüberwacher. Ihre Beliebtheit wird weiter zunehmen, wohl auch befeuert durch die demnächst lancierte Apple Watch. «Mehr und mehr aber werden wir jetzt eine Verlagerung zu medizinischen Anwendungen sehen - zu Prävention, Diagnose und Behandlung», sagt Laura Borel, Senior Product Manager beim Fitnesstracker-Hersteller Jawbone. Alarm von der Kontaktlinse. Das Internet der Dinge wird das Gesundheitswesen revolutionieren: etwa die intelligente Kontaktlinse von Google, die automatisch den Blutzuckerspiegel misst und Alarm schlägt, wenn er kritisch wird. Oder Pflaster und Implantate von Firmen wie Vital Connect, Metria oder MC10, die auf oder sogar unter der Haut getragen werden und die Messwerte - etwa Herzfrequenz oder Körpertemperatur - direkt an den Doktor senden. «Auch die Telemedizin hebt jetzt richtig ab», sagt Ohnemus. Bislang wollten die Doktoren nur selten ein Rezept verschreiben, ohne dem Patienten gegenübergesessen zu haben. Inzwischen schauen sie ihm auch via Webcam in den Hals. Amerikanische Ärzte lassen Radiologiescans immer öfter zuerst in Indien auswerten, bevor sie sich selber des Falles annehmen. Auch Big Data, das Verarbeiten grosser Datenmengen, wird zentral: Durch das Sequenzieren des menschlichen Erbgutes, wie es etwa 23andMe anbietet, sind genetisch bedingte Krankheitsrisiken frühzeitig erkennbar. «In zehn Jahren werden wir dank Genanalyse manche Krankheiten ganz anders und viel besser behandeln. Das sehen wir heute schon bei Krebs», sagt Andrew McAfee. «Durch die Digitalisierung der Gesundheitsindustrie leben wir am Ende des Tages alle gesünder, länger und in höherer Qualität», sagt Berater Schulze. Krankheiten würden früher erkannt und besser behandelt, Fehltherapien vermieden, die Kosten gesenkt. Aber auch die Krankenkassen profitieren: Sie werden über ihre Mitglieder mehr wissen als je zuvor - und können die Tarife entsprechend anpassen. Bereits gibt es sogenannte Lifestyle-Based Insurances wie Oscar in den USA und Lifenet in Japan - mit gewaltigen Wachstumsraten. Marc Kowalsky

13 Musik aus dem Netz Physische Tonträger sterben fast aus. 100 % 2' Anteil Streaming-Dienste am Gesamtmarkt * * Schätzung. Schatzung. Quelle: IFPI Schweiz Ganz ohne Bild- 9 direkt in d virtuellen Reafliä Fern sieht man, wenn man Lust dazu hat - und erst noch interaktiv. News, Musik, Filme kommen per Stream ins Haus. Texte schreiben die Redaktionscomputer. Und Garnes werden zur Realität. Sonntagabend ist «Tatort»-Zeit? Das war einmal. Heute schaut man «Tatort», wann man will - und nicht, wenn die Sendung ausgestrahlt wird. Verfügbar ist das zeitversetzte Fernsehen schon länger - genutzt wird es wenig. Laut dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) schauen noch immer 90 Prozent linear fern. Das wird sich ändern: «Eine sehr deutliche Zunahme der zeitversetzten Nutzung ist äusserst wahrscheinlich», sagt Bakel Walden, Leiter Programmstrategie beim SRF. Swisscom-Sprecher Olaf Schulze ergänzt: «Das Fernsehen wird immer mehr ergänzt durch die mobile Nutzung, sei es am Smartphone, Tablet oder Laptop.» Flatrate. Die Medienbranche wurde als eine der ersten von der Digitalisierung erfasst. Deshalb wird auch die Entwicklung der Unterhaltungstechnologie in den nächsten Jahren keine grossen Sprünge mehr machen. Ändern wird sich die Art und Weise, wie wir die Produkte anwenden. Etwa die Möglichkeit, online auf eine riesige Sammlung von Musik, Büchern oder Filmen zuzugreifen. Zum Pauschaltarif gibt es bei Spotify Musik, MEDIEN 1 Medien, 1 die Medien - machen bei Netflix Filme und bei Amazon E-Books. Alle Services sind hierzulande verfügbar - aber noch wenig etabliert. Doch das wird sich ändern, zum Beispiel in der Musikbranche: «Bereits 2020 wird Streaming am meisten Umsatz generieren», rechnet Lorenz Haas vom Branchenverband IFPI vor. Dass dem Flatrate-Konsum die Zukunft gehört, zeigt

14 der rasante Anstieg bei den Einnahmen: 2014 setzte die Branche in der Schweiz damit 11,8 Millionen Franken um - fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Andere Länder sind weiter. In Schweden macht Streaming 95 Prozent vom Digitalumsatz aus - hierzulande 14. Smart TVs verändern die Weise, wie wir fernsehen. Dezeit stehen in 51 Prozent der Schweizer Haushalte Fernseher mit Internetzugang. Rund drei Viertel der Zuschauer gehen damit ans Netz: Die meisten schauen zeitversetzt fern oder sehen sich YouTube- Videos an. Doch in den Smart TVs steckt noch viel ungenutztes Potenzial: Dank immer mehr Apps wird der Fernseher zum digitalen Entertainment-Center - mit endlos viel Inhalt. Annet Aris, Mediaprofessorin am Insead, sieht den Smart TV als nächsten Game Changer: «Sobald das Ökosystem installiert ist, wird das sehr schnell abheben.» Interaktiv. Gleichzeitig sinken die Absatzzahlen von Printmedien kontinuierlich. «In zehn Jahren druckt niemand mehr Zeitungen», glaubt Gerd Leonhard, CEO von The Futures Agency. Die Branche müsse umdenken. Es brauche digitale Medien mit interaktivem Inhalt, sagt der Futurologe. Beispiele dafür sind Multimedia-Reportagen, wie sie die «NZZ» oder der «Spiegel» bereits realisiert haben. Mit Fotos, Videos und Tonaufnahmen. Umgekehrt geht auch: Mehrere Unternehmen entwickeln Programme, die Sportevents und Börsentrends analysieren und daraus Texte fabrizieren. Das klappt gut - selbst das Wirtschaftsmagazin «Forbes» lässt den Computer Texte schreiben. Der Journalist muss das Dokument dann nur überarbeiten. Einen neuen Weg geht Peter Hogenkamp in der Schweiz mit Niuws. Die Artikel in der Nachrichten-App werden nicht von eigenen Leuten geschrieben, sondern von Experten im Netz gesucht und über die App geteilt. Kuratieren nennt man das. «Wir nehmen dem Leser die Sucharbeit ab», erklärt Hogenkamp. Gestartet ist Niuws im Januar. «Kuratierung ist sicher ein kommender Trend - und wir surfen ganz vorne auf der Welle», schwärmt er. Auch die Gaming-Szene ist im Wandel: Im Herbst 2015 bringt Oculus Rift ihre erste VR- Brille auf den Markt. Facebook sieht darin einen Zukunftsmarkt und kaufte das Start-up für 2,3 Milliarden Dollar. Auch Samsung und Sony unternehmen erste Gehversuche in der virtuellen Realität. Damit sitzt der Spieler nicht vor einem Bildschirm, sondern befindet sich direkt in der Computerwelt - ganz abgeschottet vom realen Leben. Dagegen sind 3-D-Filme langweilig. Michael Bolzli Social Media: Millionen hören und 1 lesen mit. Social Media sind längst Teil unseres Alltags. Millionen Menschen nutzen Facebook, Instagram, Twitter. Jetzt erkennen auch die Unternehmen die Macht der sozialen Netzwerke. Die Anfänge der sozialen Netzwerke reichen bis ins Jahr 1994 zurück. Damals ging Geocities an den Start. Die Plattform ermöglichte es Nutzern, ihre eigene Homepage anzulegen und über Chats und Foren miteinander zu kommunizieren. Richtig breitenwirksam wurde das Internet 2.0 aber erst 2004, als Mark Zuckerberg jene Plattform gründete, die damals noch TheFacebook hiess. Quotenkönig Facebook. Das «Gesichtsbuch» ist bis heute Quotenkönig: 1,4 Milliarden Mitglieder sind registriert. Daneben haben sich unzählige weitere soziale Netzwerke etabliert. Linkedin oder Xing sind das

15 Facebook für Berufstätige; auf Instagram werden Fotos und Videos aufgeschaltet; das Videoportal YouTube wird speziell von Jungen bald öfters genutzt als Fernsehen; mit Tumblr lassen sich Texte und Bilder der Welt zugänglich machen; dank Tinder oder Willow finden Einsame einen Partner; über Twitter können online kurze Nachrichten verbreitet werden. Soziale Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Dennoch steht der wirtschaftliche Durchbruch erst bevor. Denn was bei privaten Nutzern gang und gäbe ist, hat sich bei Unternehmen noch nicht durchgesetzt. Eine Studie der Universität Zürich zeigt zwar, dass die Mehrzahl der Firmen au den gängigsten Social-Media-Kanälen präsent ist. Doch dies nur halbherzig und ohne Konzept. «Europas Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum sind bei der Um- SOCIAL LIFE Hilflos Big Data ausgeliefert setzung von Social-Media-Strategien gegenüber den USA klar im Hintertreffen», lautet Platzhirsch Facebook Mehr als eine Milliarde Menschen folgen dem Branchenleader. Facebook 1400 Millionen Instagram 305 Twitter Quelle: Bi Intelligence das Fazit von Bernadette Bisculm, Expertin für Social Media. Nicht nur an einer Strategie hapert es, sondern auch am Verständnis für die neuen Medien. Mancher Manager sucht sein Heil darin, für teures Geld Facebook-Likes zu kaufen. Nur ist die Jagd nach der Hand mit dem O.K.-Daumen meist sinnlos, lassen sich dadurch doch nur selten Gewinne erhöhen oder Kosten senken. Auch die über Social Media gesammelte Datenmenge stellt manche Firma vor Probleme. «Viele Unternehmen sind nicht in der Lage, die Datenberge so zu analysieren, dass sich das auch in klingender Münze niederschlägt», sagt Professor Rene Algesheimer von der Universität Zürich, ein renommierter Social-Network-Forscher. Nicht alle Schweizer Unternehmen erhalten für ihren Umgang mit sozialen Medien schlechte Noten. Ein Lob erteilt Bisculm der Migros. Auf deren Konsumentenplattform Migipedia tauschen sich über Nutzer aus und können mitbestimmen, welche Produkte neu in die Verkaufsregale kommen. Leichtfüssig im neuen Mediengebiet bewegen sich laut Bisculm auch Swiss, das Gastronomieunternehmen Hiltl, Tourismus Schweiz oder Medien wie «NZZ», «Watson» und «20 Minuten». Neue Wege zum Kunden. Wie es besser geht, zeigen amerikanische Konzerne. Aus den USA schwappt bereits der nächste Trend nach Europa über: die automatische Auswertung und Vernetzung von Nutzerinformationen aus den sozialen Medien. Dazu Marc Gasser, Experte für E-Business-Modelle: «Twitter, Facebook und Kundenbindungsprogramme von Händlern oder Fluggesellschaften verknüpfen die Daten, um dem Benutzer massgeschneiderte Angebote zu machen.» Die Vermarktung von Produkten, die Profilierung einer Firma oder die Pflege von Kundenbeziehungen - soziale Medien bieten neue Wege. Erst am Anfang steht Social Recruiting, die interaktive Rekrutierung neuer Mitarbeiter. Dabei geht es um mehr als um klassische Jobportale. Das Schweizer Startup Recomy beispielsweise verknüpft Unternehmen mit Facebook, Linkedln und Xing. Eine offene Stelle wird an 20 Leute aus derselben Branche weitergeleitet. Teilen diese Personen innert zweier Tage das Inserat auf ihrem Netzwerk, erhalten sie eine kleine Belohnung. Auf diese Weise lassen sich Jobangebote fast lawinenartig an qualifizierte Interessenten weiterleiten. Stefan Lüscher

16 ARBEITSPLATZVERLUSTE «Keine Wahl» Die Beschleunigung der Innovation ist eine Tatsache. Dieser müssen wir uns stellen - zum Beispiel mit Bildung. MIT-Professor Andrew McAfee, Co-Autor von «The Second Machine Age». BILANZ: Andrew McAfee, nach Ihrer Theorie verdoppeln sich die Innovationen alle 18 Monate - und damit verdoppelt sich auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert. Wie lange noch kann der Mensch mit dieser ständigen Beschleunigung umgehen? Andrew McAfee: Diese Frage stellen wir uns seit der industriellen Revolution. Damals hatten die Menschen 100 Jahre Zeit, um den Einfluss der Dampfmaschine zu verarbeiten. Bei der Elektrizität waren es noch Jahrzehnte. Jetzt kommen Netze, künstliche Intelligenz, Roboter. Diese Wellen kommen sehr schnell, und jede ist signifikant. Da mitzuhalten, wird eine immer grössere Herausforderung. Können wir es? Wir haben keine Wahl. Die Alternative wäre, den Fortschritt zu verbieten. Eine schreckliche Idee. Ist die Gesellschaft wirklich flexibel genug, um sich jedes Mal anzupassen? Diese Entscheidung treffen wir selbst. Als die Industrie vor einem Jahrhundert durch den Verbrennungsmotor und die Elektrizität transformiert wurde, haben Europa und Nordamerika die Schulpflicht eingeführt. Diese war anfangs sehr umstritten, erwies sich aber als ausserordentlich gute Idee. Müssen wir ähnlich Radikales wieder tun? Absolut! Können wir es auch? Wenn wir den Willen dazu aufbringen, ja. Gerade die skandinavischen und die deutschsprachigen Länder wie die Schweiz sind sehr gut darin, sich trotz starker Traditionen grundlegend zu verändern. In den USA ist der politische Kampf hingegen so den technischen Fortschritt. Das widerspricht allen historischen Erfahrungen. Da haben Sie recht. In den letzten 200 Jahren sind trotz der ständigen Produktivitätsfortschritte die Beschäftigung und die Löhne gestiegen. Das ist erstaunlich. Aber diesmal ist es

17 anders. Was bringt Sie zu dieser Annahme? In den USA hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren das Lohnwachstum abgeschwächt, seit der Jahrtausendwende liegt es bei null. Und man sieht rund um die Welt, dass die Lohnsumme einen immer kleineren Teil am Bruttoinlandprodukt ausmacht. Dafür sind die Kapitalrenditen, also die Unternehmensgewinne, auf einem Allzeithoch. Aber die Arbeitslosigkeit ist weiterhin niedrig. Das verdeckt die Tatsache, dass auch die Anzahl der Arbeitenden auf einem 30-Jahres-Tief ist. Nur das Angebot an Billigjobs wächst. Die Menschen verlieren ihre Mittelklassestelle und nehmen dafür einen schlecht bezahlten Job. Der Niedergang der Mittelschicht in Europa und den USA ist ziemlich offensichtlich. Was kann dagegen getan werden? Wir müssen das Unternehmertum fördern. Denn es wird nicht funktionieren, bestimmte Berufe oder bestimmte Einkommen zu schützen. Starrheit ist das falsche Rezept in Zeiten grosser Veränderung. Ich glaube an flexible Arbeitsmärkte. Und wenn diese nicht ausreichend hohe und steigende Einkommen für alle generieren, dann sollte die Politik jenen Leuten helfen, die zurückbleiben. Etwa durch eine negative Einkommenssteuer in den niedrigen Lohnklassen. Die Regierung belohnt dann die Arbeit zusätzlich. Es ist extrem wichtig, die Menschen zur Arbeit zu motivieren. Wie Voltaire feststellte: Arbeit bewahrt uns vor den drei grössten Übeln - Langeweile, Laster und Bedürftigkeit. Gibt es in Zukunft überhaupt noch sichere Jobs? Es wird auch weiterhin Topmanager geben und Unternehmer sowie kreative Menschen. Diesem obersten Prozent geht es von Jahr zu Jahr sogar noch besser - ein typischer Netzwerkeffekt. Paradoxerweise sind auch die sehr schlecht bezahlten Jobs kaum in Gefahr. Auch in zehn Jahren wird es einen Kellner brauchen, der im Restaurant die Tische putzt. Es ist unglaublich schwierig, dafür einen Roboter durch ein volles Lokal zu schicken, ohne dass der alle erschreckt und alles kaputtmacht. Marc Kowalsky Kaum in Gefahr sind die Jobs ganz oben - und paradoxerweise auch die sehr schlecht bezahlten.. 1 d 0

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