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1 LESEPROBE

2 Seite 1 LESEPROBE In einem alten Barockschloss spukt der Geist einer unglücklichen Prinzessin. Amalia kämpft zu Beginn des 18. Jahrhunderts verzweifelt darum, ihr größtes Talent auszuleben: Sie hat eine wunderbare Stimme und möchte Sängerin werden. Doch ihr Vater verbietet ihr den Gesang und will sie gegen ihren Willen verheiraten. Lara besucht das Schloss mit ihrer Schulklasse. Sie hört ein Schluchzen und spürt, dass es eine geheimnisvolle Verbindung zwischen ihr und dieser Frau gibt. Kann sie ihr helfen auch über die Jahrhunderte hinweg?

3 Ich weiß nicht mehr, wie lange ich fassungslos in den Spiegel starrte. Vielleicht nur einen Augenblick, aber es kam mir endlos vor. Das kann nicht sein!, dachte ich immer wieder. Das kann doch nicht sein! Aus dem Spiegel blickte mir eine junge Frau entgegen. Sie trug ein helles, mit Spitzen besetztes Kleid. Ihr Haar war in einer kunstvollen Frisur aufgesteckt, aus der sich einige Strähnen gelöst hatten. Das Haar war sehr hell, jedoch nicht strahlend blond, sondern von einem glanzlosen Weiß. Irgendwie sah es... verstaubt aus. Die Wangen waren bleich. Ihr Gesicht schien seit Monaten von keinem Sonnenstrahl berührt worden zu sein. Das einzige, was an ihm lebendig wirkte, waren ihre Augen: Sie waren dunkel, fast schwarz, und schauten so suchend, so verzweifelt, als könnte nicht nur ich sie sehen, sondern auch sie mich.»wer bist du?«, fragte ich unwillkürlich.»was was ist nur mit dir?«aus den dunklen Augen strömten Tränen, doch ehe sie über die Wangen liefen, begann das Bild langsam zu verblassen. Ich trat zurück. Solange ich die junge Frau angestarrt hatte, war das einzige Geräusch in diesem Raum meine Stimme gewesen. Nun aber durchdrang das Schluchzen erneut die Stille von der anderen Seite des Raums. Da! Nicht weit von mir hing noch ein Spiegel. Auch er hatte einen kostbaren Rahmen. Ich stürzte darauf zu. Er hing ziemlich hoch, und ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um hineinschauen zu können. Ich hielt den Atem an und stieß auf den gleichen Anblick wie Seite 2

4 Seite 3 eben erst: auf das verweinte Gesicht der jungen Frau. Aber irgendetwas war diesmal anders. Wenn ich mir nicht ohnehin alles einbildete, sah sie jetzt noch verzweifelter aus. Sie hatte noch immer dasselbe Kleid an, aber es hatten sich weitere Strähnen aus ihrer Frisur gelöst. Allmählich erholte ich mich von meinem Schreck. Warum war sie nur so traurig? Ich schluckte. Ich würde ihr so gerne helfen. Wieder verblasste das Bild im Spiegel und ich hastete von einem Raum in den anderen. Überall, wo ich auf Spiegel traf, war die junge Frau auch. Ihr Schluchzen wurde heftiger und nur noch von winzigen Atempausen unterbrochen. Der bleiche, dünne Leib der jungen Frau bebte vor Verzweiflung. Als ich in den letzten Spiegel blickte, weinte sie nicht mehr. Während sie mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrten, formten ihre Lippen einige Worte. Ich ahnte, dass sie zu mir sprach und dass sie meine Hilfe brauchte. Ja, es sah so aus, als würde sie mit letzter Kraft einige Worte flüstern:»hilf mir! So hilf mir doch, bitte!«

5 »Wie denn?«, fragte ich in den Spiegel, doch schon verblasste das Bild erneut. Ich fand keine weiteren Spiegel mehr, und als ich durch eine kleine Tür ging, stand ich plötzlich im Freien. Der Wind, der mir entgegenblies, wehte schärfer und kälter als vorhin, als wir angekommen waren. Da hatte sich zwar auch schon die ein oder andere graue Wolke vor die Sonne geschoben, doch wuchsen jetzt die Wolken zu hohen Türmen. Wahrscheinlich würde bald ein schlimmes Unwetter aufziehen. Ein kleiner Weg, der mit Kieselsteinen bedeckt war, führte in den Garten des Schlosses. Komisch, dachte ich und sah mich unsicher um. Alles war so merkwürdig farblos geworden. Die Hecken, die Blumen, die Sträucher: alles grau, als hätte sich Asche über ihre Äste und Blätter gelegt. Nachdem ich den Hauptweg verlassen hatte, entpuppten sich die absolut ebenmäßig geschnittenen Hecken immer mehr als Labyrinth. Sie waren so hoch, dass ich nicht mehr darüber schauen konnte. Alle paar Schritte zweigte ein neuer Pfad ab und ich war mir nicht sicher, ob ich nicht schon längst im Kreis lief. Seite 4

6 Seite 5 Tiefer und tiefer ging ich in das Labyrinth. Und dann ich hielt die Luft an - sah ich sie! Dort vorne öffneten sich endlich die Hecken und gaben den Blick auf einen silbrig glitzernden Schlossteich preis. Er war von einer niedrigen Mauer umgeben, und davor stand eine weiße Gestalt und starrte ins Wasser. Ich war mir sicher: Das war die junge Frau, die ich im Spiegel gesehen hatte! Sie hatte mir ihren Rücken zugewandt. Ihr Haar wirkte heller und das lange, weiße Kleid reichte bis zum Boden. Soeben stieg sie auf die Mauer, die den Teich vom Kiesweg trennte, und ich sah, dass der Stoff am Saum bereits nass wurde. Die junge Frau kümmerte sich nicht darum. Ihre Schultern bebten, und sie hielt die Hände vor ihr Gesicht geschlagen. Obwohl ich vorhin schon gefroren hatte, fühlte es sich plötzlich an, als wäre es noch ein paar Grad kühler geworden. Die Wolken am Himmel waren jetzt fast schwarz. Die junge Frau hob sich mit ihrem hellen Kleid deutlich davon ab. Ich stand wie erstarrt und wagte nicht, mich zu bewegen. Dann geschah etwas Seltsames: Genauso wie vorhin das Spiegelbild wurde die Frau immer blasser. Das helle Haar und das weiße Kleid wurden nach und nach von einem weißen Nebel überzogen. Eben noch konnte ich die bebenden Schultern sehen, doch dann lösten sich diese genauso wie die restliche Gestalt - langsam aber sicher in Luft auf, als wäre die junge Frau nichts weiter als ein Schatten, auf den Licht fiel. Ich rannte los, doch je näher ich kam, desto durchsichtiger wurde sie. Auch das Schluchzen verstummte. Und als ich endlich bei ihr angekommen war und meine Hand nach ihr ausstreckte, griff ich

7 in weißen Nebel. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter und während ich noch angestrengt darauf starrte, blieb von dem Nebel nichts weiter zurück als ein kalter Hauch. Ich drehte mich einmal rundherum, schaute in sämtliche Richtungen, suchte den Boden nach Spuren ab, die die Füße der jungen Frau hinterlassen haben mussten. Doch weit und breit nichts! Ich stand ganz allein am Schlossteich. Was war hier los? Gerade wollte ich zurück zum Schloss gehen, als mein Blick auf die Oberfläche des Teichs fiel. Der Himmel hatte sich zugezogen und das Wasser glitzerte nicht mehr silbrig, sondern stand im Becken wie eine graue Brühe. Nur an den Rändern kräuselte es sich leicht, ansonsten war es spiegelglatt und reflektierte mein Gesicht. Zunächst zumindest. Je länger ich forschend auf den Teich starrte, desto mehr verschwand mein Gesicht. Konturen einer Gestalt wurden sichtbar einer weißen Gestalt. Die junge Frau starrte mir entgegen, ganz so, als würde sie auf dem Grund des Teichs liegen. Sie weinte nicht mehr. Sie flehte mich auch nicht mehr um Hilfe an. Keine einzige Träne floss über ihre Wangen. Stattdessen waren ihre Augen weitaufgerissen, die Pupillen reglos. Nichts Lebendiges war mehr an ihr. Sie sah aus, als wäre sie seit langer Zeit tot. Wie gelähmt starrte ich auf die Wasseroberfläche, bis sie schließlich nichts mehr weiter war als genau das: eine Wasseroberfläche. Seite 6 Lara hat Amalias Geist gesehen. Sie reist gemeinsam mit Luisa, der Tochter des Museumswärters, in die Vergangenheit, um Amalias Schicksal zum Guten zu wenden... ISBN Seiten 9,95

8 Lust auf mehr? Dann möchten wir dir gerne Conni, Mia oder Carlotta vorstellen. Einfach mal beim nächsten Besuch in der Buchhandlung reinlesen. Oder schau doch mal unter vorbei. Hier findest du weitere tolle Titel. Carlotta Internat und plötzlich Freundinnen 224 Seiten 9,95 ISBN AB OKTOBER 2011 ERHÄLTLICH Mia und das Liebeskuddelmuddel 208 Seiten 9,95 ISBN Conni, Mandy und das große Wiedersehen 192 Seiten 9,90 ISBN

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