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1 Angewandte Probleme der Volkswirtschaftslehre: l h Entwicklungsökonomik ik Dr. Andreas Schäfer WS 10/11

2 Dr. Andreas Schäfer Angewandte Probleme der Volkswirtschaftslehre: l h Entwicklungsökonomik 1. Einleitung 2. Armut, Ungleichheit und wirtschaftliche Entwicklung 3. Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklung 4. Humankapital: Ausbildung und Gesundheit 5. Umwelt und wirtschaftliche Entwicklung 6. Klassische Handelstheorie und Handelspolitik 7. Zahlungsbilanz und Verschuldung von Entwicklungsländern 8. Ausländische Finanzierung, Investitionen und Entwicklungshilfe 9. Finanzierung und Fiskalpolitiken für wirtschaftliche Entwicklung

3 Die Zahlungsbilanz Wir erweitern die Betrachtung des reinen Güterhandels um internationale Kapitalströme. Damit sind wir in der Lage die Zahlungsbilanzsituation von Entwicklungsländern zu analysieren. Die Zahlungsbilanz eines Landes erfasst alle Transaktionen (Handels- und Finanzströme) eines Landes mit dem Rest der Welt. Die Zahlungsbilanz ist unterteilt in 1. Leistungsbilanz 2. Kapitalbilanz 3. Devisenbilanz Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 3

4 Die Zahlungsbilanz: Leistungsbilanz Handelbilanz = Exporte-Importe (A-B) Saldo der Erwerbs und Vermögenseinkommen (C+E) Schuldendienstzahlungen (D) Saldo der Leistungsbilanz (A-B+C+E-D) Ist der Saldo positiv spricht man von einem Überschuss, andernfalls von einem Defizit Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 4

5 Die Zahlungsbilanz: Leistungsbilanz Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 5

6 Die Zahlungsbilanz: Kapitalbilanz Saldo der Direktinvestitionen (G) Wertpapiertransaktionen und Kredite : Ausländische Kredite (H) Anstieg ausl. Wertpapiere des heim. Bankensystems (I) Kapitalabfluss (J) Saldo der Kapitalbilanz (G+H-I-J) Ist der Saldo positiv, so spricht man von einem Überschuss andernfalls von einem Defizit Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 6

7 Die Zahlungsbilanz: Kapitalbilanz Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 7

8 Die Zahlungsbilanz: Devisenbilanz und statistische ti ti Diskrepanz Devisenbilanz order Währungsreserven (L) Durch Erfassungsfehler ergibt sich der Posten M, der sich aus der Diskrepanz zwischen dem Bestand der Währungsreserven, dem Kapitalbilanzsaldo und dem Handelsbilanzsaldo enrgibt, also M=L-F-K. Volkswirtschaften erhalten Währungsreserven durch: 1. Güterhandel im Falle eines Exportüberschusses 2. Gold (entweder auf dem Goldmarkt erworben oder selbst abgebaut) 3. Einlagen beim IMF (Sonderziehungsrechte) Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 8

9 Die Zahlungsbilanz: Devisenbilanz und statistische ti ti Diskrepanz Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 9

10 Die Zahlungsbilanz Positive und negative Effekte auf die Zahlungsbilanz Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 10

11 Die Zahlungsbilanz: ein illustratives ti Beispiel i Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 11

12 Die Zahlungsbilanz: ein illustratives ti Beispiel i In obiger Abbildung soll eine hypothetische Zahlungsbilanzsituation eines Entwicklungslandes illustriert werden. Die Handelsbilanz weist ein Defizit von 10 aus, welches sich aus der Differenz von Exporten in Höhe von 35 (davon über 70% Primärgüterexporte) zu Importen in Höhe von 45 (hauptsächlich Industriegüter) ergibt. Zu diesem Handelsbilanzsaldo werden 5 an Dienstleistungsimporten addiert. Ferner ergeben sich Kapitaleinkommen durch ausländische Anlagen in Höhen von 1 Zusätzlich mussten Zinszahlungen für den Schuldendienst di ans Ausland in Höhe von 15 getätigt t werden. Außerdem überwiesen Inländer aus dem Ausland einen Betrag von 2. Insgesamt ergibt sich hiermit ein Leistungsbilanzdefizit von 27 Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 12

13 Die Zahlungsbilanz: ein illustratives ti Beispiel i Zufluss privater Investitionen in Höhe von 7. Zufluss von Entwicklungshilfe in Höhe von 3 Der Brutto-Zufluss von Anleihen und Hilfen ist damit teilweise ausgeglichen worden durch den entgegen gerichteten Kapitalabfluss in Höhe von 6, welcher die Tilgung früherer Schulden anzeigt. In diesem Beispiel ist dem Kapitalzufluss ein Kapitalabfluss der Inländer entgegengerichtete, so dass der Kapitalbilanzsaldo ld nur noch schwach h positiv ist t(10-8=2). Damit ergibt sich ein Defizit aus Leistungs- und Kapitalbilanz in Höhe von 25. In der nächsten Tabelle zeigt sich, dass im Zuge der sogenannten Schuldenkrise sich etwas änderte: Der Kapitalabfluss aus den Entwicklungsländern überstieg den Kapitalzufluss bestehend aus Entwicklungshilfe und privaten Investitionen. So wurde ein Nettotransfer der entwickelten Länder in die Entwicklungsländer in Höhe von 35,9 Mrd. $ (1981) zu einem Nettotransfer in die umgekehrte Richtung. Eine wesentliche Ursache hierfür ist sog. Kapitalflucht aus Entwicklungsländern. Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 13

14 Leistungsbilanzsalden der Entwicklungsländer und Nettokapitaltransfers in Entwicklungsländer Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 14

15 In unsrem Beispiel muss das aggregierte Defizit der Leistungs- und Kapitalbilanz durch einen betragsgleichen gg Abbau der Währungsreserven finanziert werden. Internationale Reserven werden zur Begleichung von Rechnungen und Schulden benötigt. Ein Anstieg dieser Reserven zeigt einen Anstieg der Exporte heimischer Wahren und Dienstleistungen und Kapitalzuflüsse aus dem Ausland an. Zusätzlich können diese Reserven auch als Sicherheiten dienen. Da Defizite der beschriebenen Art durch einen Abbau der heimischen Währungsreserven begleitet werden und Währungsreserven in Entwicklungsländern vergleichsweise niedrig sind, können derartige Zahlungsbilanzungleichgewichte g g sich zu ernsten Problemen auswachsen, wenn notwendige Industrie- und Konsumgüter nicht mehr in entsprechendem Umfang importiert werden können. Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 15

16 Politikoptionen zur Reduzierung von Zahlungsbilanzdefiziten it Exportförderung und/oder Reduzierung der Importe. Im zweiten Fall würden Politiken der Importsubstitution durch direkte Förderung heimischer Sektoren und/oder Reduzierung der Importen durch Zölle und Importquoten. Wechselkurspolitiken in dem Sinne, dass die heimische Währung abgewertet wird, mit dem Zweck ausländische Güter für Inländer zu verteuern und Exportgüter für Ausländer im Preis zu reduzieren. Restriktive Fiskal- und Geldpolitik zur Reduzierung der heimischen Nachfrage (structural adjustment Weltbank; satbilization policies IMF). Darüberhinaus könnten Politiken sinnvoll sein, welche es für das Ausland attraktiver machen im Inland zu investieren. Gleichzeitig i i wird darüber diskutiert, i die sog. Sonderziehungsrechte h (SZR) zu erhöhen SZR wurden in den 70ern eingeführt, um den internationalen Zahlungsverkehr basierend auf Gold und US-Dollar vor dem Hintergrund steigender Handelsvolumina zu ergänzen. SZR werden auf Basis von vier Währungen bewertet (US-Dollar, Euro, Yen, Britt. Pfund) und stellen Forderungen gegenüber dem IMF dar. Gegenwärtig werden etwa 75% der SZR auf 25 Industrienationen verteilt Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 16

17 Trends in den Zahlungsbilanzen der Entwicklungsländer lä Etwa bis 1980 konnten in den Entwicklungsländern Importe weitgehend durch Exporte finanziert werden. Zur Finanzierung der entstandenen Defizite gab es neben bilateralen Entwicklungshilfeabkommen, privat induzierte Kapitalströme in die Entwicklungsländer. Wie schon gezeigt, wechselte die Richtung der Netto-Kapitalströme (beinhalten keine Direktinvestitionen). Leistungsbilanzsalden waren bis 2000 negativ, nur unterbrochen durch eine Phase hoher Exporterlöse der OPEC-Staaten. Ursachen für diese Entwicklung: 1. Sinkende Güterpreise (v.a. Öl) 2. Globale Rezessionen ( und ) Rückläufiger Welthandel 3. Steigender Protektionismus der Industrieländer gegenüber den Exporten der Entwicklungsländer 4. Überbewertete Währungen asiatischer Exportländer Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 17

18 Leistungsbilanzsalden der Entwicklungsländer ( ) in Mrd. US-Dollar Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 18

19 Die Schuldenkrise der 80er Über den Zeitraum stieg die Verschuldung der Entwicklungsländer um 3000%. Durchschnittliche Wachstumsrate der Entwicklungsländer zwischen 1967 und 1973 betrug ca. 6,6%. Wegen gestiegener Ölpreise fielen die durchschnittlichen Wachstumsraten in den Industrieländern von 5,2% ( ) 1974) auf 2,7% für den Rest des Jahrzehnts. Verschiedene Entwicklungsländer versuchten ihre Wachstumsraten durch erhöhte Auslandverschuldung aufrecht zu erhalten. Staatliche Entwicklungshilfe war hierfür nicht mehr hinreichend. Außerdem scheuten manche Entwicklungsländer Auflagen zur Anpassung ihrer Wirtschaftspolitiken etwa seitens des IMF. In dieser Situation hielten Geschäftsbanken Überschüsse, die sich aus den gestiegenen Erdölpreisen ergaben, sahen sich aber einen geringen Kapitalnachfrage aus den Industriestaaten gegenüber. Private Kredite sahen jetzt aber Zinszahlungen zum Marktzins und häufig zu einem variablen Zinssatz und kürzeren Laufzeiten vor. Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 19

20 Die Schuldenkrise der 80er Dimesion der Schuldenlast der Entwicklungsländer, Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 20

21 Die Schuldenkrise der 80er Petrodollar Recycling Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 21

22 Die Schuldenkrise der 80er Den Entwicklungsländern gelang es allerdings ihre Wachstumsraten über den Zeitraum auf einem Niveau von 5,2% aufrecht zu erhalten. Dies gelang vornehmlich aufgrund sinkender Ölpreise (Inflation) und sinkender Realzinsen.t Der zweite Ölpreisschock veränderte die ökonomischen Rahmenbedingungen Steigende Ölpreise erhöhten die Importwerte. Steigende Zinsen durch Stabilisierungspolitiken in den Industrieländern und sinkende Exporterlöse der Entwicklungsländer durch sinkende Wachstumsraten in den Industrieländern und einen Preisrückgang bei Primärgütern um 20%. Kapitalflucht aus den Entwicklungsländern umfasste in der Periode etwa 50% der Kreditaufnahmen. Zwei Politikoptionen seitens der Entwicklungsländer: 1. Restriktive Nachfragepolitiken um die Importnachfrage zu reduzieren, was im Zielkonflikt zu Wachstum und Entwicklung stehen kann. 2. Weitere Schuldenaufnahme Oftmals wurde 2. gewählt. In den 80ern konnten Nigeria, Argentinien, Peru und Ecuador ihre Zinszahlungen kaum noch aus ihren Exporterlösen zahlen. Der private Kapitalmarkt kam als Finanzierungsquelle zum Erliegen. Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 22

23 IMF-Stabilisierungsprogramm i Private Gläubiger waren/sind oftmals nur bereit mit ihren Schuldnern über die Kreditkonditionen zu verhandeln, wenn diese Auflagen des IMF akzeptieren, weil eine erfolgreiche Verhandlung mit dem IMF als glaubwürdiges Signal aufgefasst wird, dass das Land Anstrengungen unternimmt, die Leistungsbilanzdefizite abzubauen. Im wesentlichen umfasst das IMF-Stabilisierungsprogramm vier Komponenten 1. Freigabe der Wechselkurse und Abbau von Importkontrollen. t 2. Devaluation der offiziellen Wechselkurse. 3. Bekämpfung der Inflation. 4. Erleichterung von ausländischen Investionen. Wintersemester 10/11 Entwicklungsökonomik (B.Sc.) 23

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