Der alte Mann Pivo Deinert

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1 Der alte Mann Pivo Deinert He... Du... Lach doch mal! Nein, sagte der alte Mann ernst. Nur ein ganz kleines bisschen. Nein. Ich hab keine Lust. Steffi verstand den alten Mann nicht, der grimmig auf der alten hölzernen Bank vor einem Bauernhaus saß. Neben ihm lag ein Schäferhund, der es sich auf dem Fleckchen Schatten, den ein Tisch spendete, gemütlich gemacht hatte. Auf dem Tisch standen eine Vase mit roten und gelben Rosen und ein halb volles Glas Bier. Heute ist so ein schöner Tag, da muss man doch nicht so grimmig sein, sagte Steffi, um den alten Mann aufzumuntern. Ich find den Tag blöd., murrte der und verzog keine Miene. Der Tag ist schön. Die Sonne scheint, die Luft ist klar und es duftet herrlich nach Frühling, sagte Steffi trotzig. Papalapapp. Es ist ein Tag wie jeder andere. Blöd. Blöd. Blöd. Der Ton des alten Mannes wurde schärfer: Warum lässt Du mich nicht in Ruhe? Es ist immer das Gleiche mit ihm, rief eine freundliche Stimme. Steffi hatte die Frau gar nicht gesehen, die hinter dem Haus Wäsche aufhängte. Sei nicht traurig, so ist er immer zu Fremden. Ja, wieso denn? Steffi fand die Frau sofort sympathisch und freute sich, dass sich nun doch jemand mit ihr unterhielt. Ach weißt Du, seufzte die Frau, ihm gefällt es hier nicht. 1

2 Der alte Mann knurrte und sein Schäferhund hob kurz den Kopf. Er schaute etwas orientierungslos umher und legte seine Schnauze wieder auf die kalten Steine. Aber das ist doch ein herrliches Haus mit einer tollen Aussicht und Die Aussicht ist blöd, unterbrach der alte Mann. Hey. Lass das Mädchen doch ausreden, sagte plötzlich ein freundlicher junger Mann, der im ersten Stock auf dem Balkon stand und Blumen goss. Er lächelte Steffi an. Ich hab Dich hier noch nie gesehen. Machst Du Urlaub? Steffi lächelte zurück. Ja. Mit meinen Eltern. Wir wohnen in einem Hotel. Bist du ganz allein hierher gekommen? Ich kann Deine Eltern nirgendwo sehen. Die kommen gleich. Ich habe von weitem dieses Haus gesehen und durfte schon vorlaufen. Urlauber, brummte der alte Mann. Steffi, war zehn Jahre alt und hatte lange blonde Haare. Heute, für den Ausflug, hatte sie ihr Lieblingskleid angezogen. Es war ein ärmelloses, blaues Kleid, dass ihr bis zu den Schuhen reichte. So recht konnte sie das alles nicht verstehen. Alle schienen zufrieden und glücklich, der alte Mann auf seiner Bank aber war der unfreundlichste Mann, den Steffi je kennen gelernt hatte. Alles begann mit dem Umzug, sagte die Frau, die immer noch Wäsche aufhängte. Früher war er ganz anders, da saß er vor dem Haus und war freundlich zu jedem, der vorüber kam. Eines Tages rückten die Leute vom Umzugsdienst an und wir mussten fortziehen. Seitdem wohnen wir hier. 2

3 Wir haben uns inzwischen alle an unser neues zuhause gewöhnt, sagte der junge Mann auf dem Balkon nur Vater nicht. Früher war alles besser, knurrte der alte Mann, da hatte ich eine tolle Aussicht. Hier ist es nur blöd. Nicht mal das Bier schmeckt. Steffi schaute sich um. Hinter dem Haus lag eine Wiese, auf der Kühe und Schafe standen. Wenig weiter fing der Wald an. Mach doch mal einen Spaziergang, riet sie dem alten Mann, das wird dich auf andere Gedanken bringen. Ich habe keine Lust. Lass mich endlich in Ruhe! Dem alten Mann war nicht zu helfen. Wenn das Haus nicht so schön gewesen wäre und der junge Mann nicht so nett, wäre Steffi sicher schon längst weitergegangen. Wie haltet Ihr das nur aus?, fragte sie den jungen Mann auf dem Balkon. Was sollen wir denn tun? Wir haben alles probiert ihn aufzuheitern. Ich glaube, die einzige Möglichkeit wäre wieder umzuziehen. Doch das ist nicht so einfach. Mmh, Steffi kratzte sich am Kopf, ich hätte da vielleicht eine Idee. Steffi? Was machst Du denn hier so lange? Steffis Vater stand plötzlich neben ihr. Schau mal, Papa, der alte Mann, sagte sie und zeigte auf den Alten. Steffis Vater fragte: Wieso kuckt der denn so grimmig? Ihm gefällt es hier nicht, antwortete sie und schaute hoch zu ihrem Vater, der die Stirn runzelte. So ein Blödsinn. Das kann doch wohl nicht sein! Doch. Er hat es mir gesagt. 3

4 Steffis Vater schwieg einen Augenblick, dann kniete er sich neben seine Tochter, schaute sie an und sagte ganz ruhig: Steffi, das ist ein Bild. Dieser Mann kann nicht sprechen Kann er doch. Seine Frau und sein Sohn sagten, dass er früher viel freundlicher war. Erika? Kommst Du mal? Steffis Vater drehte sich zu der Frau, die langsam in den Raum schlenderte: Unsere Tochter behauptet, dass dieser alte Mann auf dem Bild so grimmig kuckt, weil es ihm hier nicht gefällt. Das kann ich gut verstehen, sagte Steffis Mutter, schau Dich doch mal um. Möchtest Du den ganzen Tag in so einem dunklen Raum hängen? Und dann noch dieses scheußliche Bild gegenüber! Steffis Vater war verwirrt. Das glaubt ihr doch nicht wirklich, oder? Papa? Steffi hatte jetzt eine ganz zarte Stimme. Ihr Vater kannte diesen Tonfall und mochte ihn gar nicht, denn er bedeutete, dass sie irgendetwas erschmeicheln wollte. Können wir das Bild kaufen? Bitte. Du willst doch diesen grimmigen alten Mann nicht etwa in Dein Zimmer hängen? Ich glaube nicht, dass er noch grimmig kuckt, wenn er bei mir hängt, auf dem schönen Platz gegenüber von meinem Fenster. Von da aus kann er auf die Berge schauen und im Sommer sogar Sonnenuntergänge sehen. Ich bin sicher, dass es ihm bei mir gefällt. Das ist der größte Unsinn, den ich je gehört habe, sagte Steffis Vater, Das ist ein Bild. Ein Bild ist von einem Maler gemalt und kann sich nicht selber verändern. 4

5 Ich finde dieses Bild äußerst interessant, fiel Steffis Mutter ein. Seht Euch doch nur die Farben und die Übergänge von Licht und Schatten an. Die Personen wirken ganz lebendig. Fast als wollten sie sagen: Nehmt uns mit. Wer ist dafür, dass wir es mitnehmen? Steffi und ihre Mutter streckten die Arme in die Höhe. Steffis Vater schlug die Hände über dem Kopf zusammen und ging verzweifelt an den Informationsstand. Ich möchte bitte das Bild mit dem grimmigen alten Mann kaufen. Die Frau schaute ihn skeptisch an: Sind sie sicher?. Ich nicht, aber die beiden Damen. Wissen sie, sagte die Frau bis jetzt stand niemand so lange vor dem Bild wie ihre Tochter. Es wurde von den Besuchern fast ignoriert. Kein Wunder, bei dem Gesicht des Alten. Ach, nehmen sie es mit, es wird gar nicht auffallen, wenn es fehlt. So bekam Steffi das Bild. Nach dem Urlaub hängte ihr Vater es in Steffis Zimmer an den Platz mit der wunderschönen Aussicht. Als Steffis Vater am ersten Abend von der Arbeit kam, ging er gleich in das Zimmer seiner Tochter. Im Bild sah er eine Frau, die hinter einem Bauernhaus Wäsche aufhängte, einen jungen Mann, der freundlich vom Balkon lächelte und Blumen goss und einen Hund, der zufrieden im Schatten unter dem Tisch lag. Auf dem Tisch stand eine Vase mit roten und gelben Rosen und ein leeres Glas Bier. Auf der Bank saß ein freundlicher alter Mann, der zufrieden die Aussicht genoss. 5

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