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3 Liebe Leserinnen und Leser! Seit einiger Zeit widmet sich der Berufsretter in jeder Ausgabe verstärkt einem Generalthema, das Eindrücke und aktuelles Wissen vermitteln, aber auch zur Diskussion anregen soll. Das Generalthema dieser Ausgabe soll einen Einblick in einen ganz speziellen, allerdings viel zu oft stiefmütterlich behandelten Bereich geben der Behandlung von Patientinnen und Patienten in der letzten Phase ihres Lebens. Nicht wenige sterbenskranke Menschen entscheiden sich dafür, die letzten Tage, Wochen und Monate ihres Lebens zu Hause, im Kreis ihrer Familie, zu verbringen. Die aktuellen Entwicklungen in der Palliative Care beziehen immer mehr auch das Rettungswesen mit ein, sodass es Zeit ist, darüber zu reden bzw. zu schreiben, dass sterbenskranke Menschen völlig andere Bedürfnisse haben als z.b. akut erkrankte Notfallpatientinnen und -patienten nach einem Unfall. Aus den USA kommt die Erkenntnis, dass die vor allem im englischsprachigen Raum gängigen SOP (Standard Operating Procedures) im Rettungswesen auf sterbenskranke Menschen nicht oder nur eingeschränkt anwendbar sind. Es bedarf manchmal sogar eines bewussten Umdenkens. Dr. Marianne Feiler schildert in ihrem Resümee eines Workshops über Palliative Care einen solchen Fall, der uns allen zeigt, dass unser Wissen in diesem Bereich nicht sehr ausgeprägt ist. Als Gastautorin konnte ao. Univ.-Prof. Dr. Katharina Heimerl von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt gewonnen werden, die das Projekt Palliative Care im Wiener Rettungsdienst leitete und uns hier ihre Ergebnisse präsentiert. Seit 15. November 2010 hat die Wiener Rettung mit Mag. Dr. Jochen Haidvogel, MBA, erstmalig einen Rettungsdienstleiter, der das operative Geschehen der Wiener Rettung leitet. Es ist daher eine Selbstverständlichkeit, dass wir den neuen Rettungsdienstleiter zum Interview gebeten haben. OÄ Dr. Ingrid Melzer-Wilhelm widmet sich in einem Artikel dem Vormarsch von Frauen im Rettungsdienst und Michael Girsa, der neue leitende Flugrettungssanitäter der Wiener Rettung, stellt uns neben dem Rettungsdienst St. Gallen in der Schweiz auch das AMLS Advanced-Medical-Life-Support-Programm vor. Fritz Lausch berichtet vom EURONAVIGATOR 2010 und wir können mit Stolz unseren Dispatcher of the Year 2010 Helmut Michalek präsentieren. Martin Thalhammer und Dr. Kurt Schafellner waren für die Wiener Rettung bei der A1-Friedensflotte Mirno More dabei und auch ein kleiner Jahresrückblick darf natürlich nicht fehlen. Sie sehen, jede Menge interessante Artikel, auch abseits unseres Generalthemas. In dieser Ausgabe erwartet Sie: Interview 6 Fragen an Mag. Dr. Jochen Haidvogel Fritz Lausch Internationaler Notfallkongress in Innsbruck Ein Bericht über EURONAVIGATOR Lisa Ulsperger Helmut Michalek: Dispatcher of the Year 2010 Bester Leitstellenmitarbeiter im deutschsprachigen Raum Ingrid Melzer Sanitäterinnen bei der Wiener Rettung seit 1999 Ein arbeitsmedizinischer Erfahrungsbericht Michael Girsa AMLS Advanced Medical Life Support Ein Kursprogramm auf dem Vormarsch nach Österreich und Deutschland GASTKOMMENTAR Katharina Heimerl Gut, dass die Problematik Palliative Care aufgegriffen wird! Eine Befragung von Wiener Rettungsärzten und -ärztinnen im Rahmen des Projektes Palliative Care im Wiener Rettungsdienst THEMA Marianne Feiler Patient gehört abgesaugt Workshop zum Thema Notfälle in Palliative Care am 12. Februar WEITERE THEMEN Michael Girsa Der Rettungsdienst in der Schweiz Ein Praktikumsbericht über den Rettungsdienst St. Gallen Martin Thalhammer Die A1-Friedensflotte MIRNO MORE Das größte sozialpädagogische Segelprojekt Europas RÜCKBLICK: WAS WAR LOS? Dr. Lisa Ulsperger & Mag. Thomas Klvana, MBA Präsentation Siegerprojekt für die neue Rettungsstation in Simmering Sicherheitsfest 2010 am Rathausplatz Motto: Mit Sicherheit für Sie da! Titelfoto: Michael Fritsch Namentlich gekennzeichnete Artikel spiegeln die Meinung der jeweiligen Verfasserin bzw. des Verfassers wider, die nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen muss. Führungskräfteausbildung 2010/2011 der Wiener Rettungsakademie Die Berufsretter 17/2010 3

4 Interview 6 Fragen an Mag. Dr. Jochen Haidvogel Zur Person: (Steckbrief) Mein Name: Jochen Haidvogel Geburtsort: Krems an der Donau Familienstand: verheiratet 2 Kinder: Niklas und Kora Athena Hobbies: Tauchen, lesen Sternzeichen: Stier Lieblingsmusik: Klassik Wiener Rettungsdienstleiter seit 15. November Sie sind nun seit Mitte November in der Magistratsabteilung 70 tätig. Wie ist Ihr erster Eindruck? Der positive Ruf der Wiener Rettung, welcher mich bereits vor meinem Amtsantritt ereilte, hat sich bestätigt. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind engagiert und erbringen hervorragende medizinische und rettungstechnische Leistungen für die Wiener Bevölkerung. Die Patientinnen und Patienten und deren kompetente Behandlung sowie Betreuung, durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im interdisziplinären Team, stehen im Mittelpunkt aller Tätigkeiten der Wiener Berufsrettung. Die korrekte Abfolge aller Prozessschritte hat internationalen Standard und gewährt dadurch eine ideale Versorgung der Wiener Bevölkerung. 2. Viele haben Sie, nachdem bekannt wurde, dass Sie der Wiener Rettungsdienstleiter werden, im Internet gegoogelt. Gibt es noch etwas, dass Sie sagen möchten, was man im Internet nicht erfahren hat? Google ist ein guter Weg, um sich einen ersten Eindruck von Personen machen zu können. Wirklich kennenlernen kann man einen Menschen aber nur durch persönliche Begegnung. Meine ersten Begegnungen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Magistratsabteilung 70 waren sehr gewinnend und ich wurde freundlich aufgenommen. Ich freue mich auf konstruktive, enge Zusammenarbeit. Dann lernen Sie mich auch ganz persönlich kennen. 3. Was ist Ihr Lebensmotto? Wirklich innovativ ist nur der, wer an Orte geht, wo die anderen noch nicht waren. 4. Was für ein Buch haben Sie zuletzt gelesen? Jedes Kind kann Regeln lernen. 5. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ein Neubau einer Rettungsstation und einige Altlasten sind zu bewältigen. Wie werden Sie an diese Herausforderungen herangehen? Meine bisherigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Kolleginnen und Kollegen haben mich immer als sehr strategisch und organisiert bezeichnet. Ich hoffe, dass auch Sie das in Zukunft von mir behaupten können. Um meinen Auftrag im Interesse der Magistratsabteilung zu erfüllen, ist der erste Schritt, mir einen Überblick zu schaffen. Um weiterhin internationalen Standard zu halten, werden wir gezwungen sein in vielen Bereichen weit in die Zukunft zu planen. Organisationsentwicklung und Strategieplanung sind dabei strapazierte Begriffe. Mein Interesse ist, die großen Zusammenhänge korrekt zu deuten und gemeinsam, mit meinen Kollegen die dazu notwendigen operativen Umsetzungen zu entwickeln. Als Gesundheitsökonom versuche ich Ressourcen optimal zu nutzen. 6. Was wollen Sie in der Wiener Rettung bewirken? Mein Ziel ist es, möglichst viele Menschen für ein modernes Rettungsdienstmanagement zu gewinnen und nachhaltig wirksame Spuren zu hinterlassen. Eine optimale Führungsstruktur sowie effektive Personalplanung sind ein Muss im modernen Rettungsdienst - management. Zum Erfolg, den wir nicht nur an den Kennzahlen, sondern auch an der PatientInnen- und MitarbeiterInnenzufriedenheit zu messen haben, tragen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei, egal ob sie patientennahe oder patientenfern tätig sind. Die Verantwortlichkeit jedes Einzel - nen ist dabei innerhalb der Vor - gaben wahrzunehmen dann gehört jedem Einzelnen auch ein Anteil am Erfolg. 4 Die Berufsretter 17/2010

5 Internationaler Notfallkongress in Innsbruck Bericht über EURONAVIGATOR 2010 Fritz Lausch Ein breites Themenspektrum erwartete die Kolleginnen und Kollegen bei der diesjährigen EURONAVIGATOR-Tagung. Die viertägige Tagung vom 15. September bis 18. September 2010 in Innsbruck bot allen in der Notfalldisposition tätigen Personen einen kompakten Überblick über den Leitstellen-Alltag in der Praxis, die laufenden Neuerungen und Veränderungen in integrierten Einsatzleitstellen, aber auch Möglichkeiten zum Networken. Für mich stellen vor allem die Ansprüche nach Interdisziplinarität und Praxisbezug jene Qualitätskriterien dar, die diese Veranstaltung zu Recht zur führenden Konferenz der Notfallkommunikation Europas gemacht haben. Vorgestellt wurden nicht nur die Neuerungen im MPDS in der Version und das ABC des Leitstellen-Managements, sondern auch Themen wie Stressverarbeitung und Stressmanagement bei Leitstellendisponenten, Sicherheit als Führungsaufgabe oder etwa Writing Feedbacks Das Gute, das Schlechte und das Abgestumpfte. Eine Vielzahl von Zertifizierungskursen, Workshops und Prä sentationen rundeten das Tagungsprogramm ab. Die MA 70, Wiener Rettung, war mit zwei Wienbezogenen Vorträgen präsent: Eduard Kompast gestaltete gemeinsam mit Univ.-Doz. Dr. Heinz Kuderna einen interessanten Vortrag zum Thema Bedeutung von Verletzungsmechanismen für die Rettungsleitstelle und Dr. Reinhard Malzer präsentierte gemeinsam mit Dr. Mathias Stöckl, Dr. Stefanie Wannack und mir die Ergebnisse zur Studie Herzkreislaufstillstand in Wien. Die Podiumsdiskussion am Freitagnachmittag warf einige interessante Diskussionspunkte auf. Insbesondere die Fragen um Datenschutz, das Erkennen und Umsetzen von Schwachpunkten, die Gestaltung entsprechender Schulungen, die maximale Objektivität und die Frage, woher der Qualitätsmanager sein Feedback bekommt, kristallisierten sich zu den Hauptpunkten der Diskussion heraus, dies waren Anliegen, die offensichtlich sämtliche Leitstellen betreffen, auf höchstes Interesse stieß und für die nächsten Kongresse zu Schwerpunktthemen werden. Für uns als Wiener Teilnehmer war sicherlich die Auszeichnung von Helmut Michalek zum Disponenten des Jahres Höhepunkt der EURONAVIGATOR-Tagung. Diese Auszeichnung war geschaffen worden, um Disponenten für deren individuelle besondere Leistungen öffentlich anzuerkennen, und wird jährlich an jenen zertifizierten Disponenten vergeben, der die Organisationsphilosophie und Werte der IAED-Akademie besonders erfolgreich vertritt. Zu den Nominierungsfaktoren gehören Protokollbefolgung, Teamwork, Anstrengungen zur Weiterbildung sowie die Fähigkeit in einem hohen Stressumfeld zu fungieren. Mein ganz besonderer Glückwunsch an Kollegen Helmut Michalek zum Dispatcher of the Year! Die Berufsretter 17/2010 5

6 Helmut Michalek: Dispatcher of the Year 2010 Bester Leitstellenmitarbeiter im deutschsprachigen Raum Lisa Ulsperger Im Rahmen der EuroNavigator-Konferenz, die sich mit der Versorgung von medizinischen Notfällen und Feuerwehrversorgung beschäftigt, wurde Helmut Michalek als Dispatcher of the Year 2010 als bester Leitstellenmitarbeiter im deutschsprachigen Raum - ausgezeichnet. Bei dieser jährlich stattfindenden Prämierung werden hervorragender Einsatz, Protokollbefolgung, Teamwork, die Fähigkeit in einem hohen Stressumfeld zu fungieren und die Qualität der Gesprächsführung des Leitstellenmitarbeiters bei einem lebensrettenden Notrufgespräch gewürdigt. Im vergangenen November bewies der 34-jährige Leitstellenmitarbeiter in einer Extremsituation die notwendige Erfahrung und Ruhe, um effiziente Anleitung zu einer lebensrettenden Reanimation zu geben. Per Telefon gelang es Helmut Michalek, den Ehemann einer bewusstlosen Patientin Schritt für Schritt bei lebensrettenden Maßnahmen bis zum Eintreffen der alarmier - ten Rettungskräfte zu unterstützen. Für diese optimale Notrufbearbeitung wurde Michalek von der internationalen Jury geehrt. Helmut Michalek ist seit 1999 im Rettungsdienst der Stadt Wien beschäftigt und seit 2005 als Disponent in der Einsatzleitstelle tätig. Die Einsatzleitstelle der Wiener Rettung gehört zu den mo - dernsten notfallmedizinischen Einsatzlogistikzentren Europas und ging 2008 in Betrieb. Rund um die Uhr sind 15 DisponentInnen für die Annahme und Weitergabe von Notrufen verantwortlich. Sämtliche MitarbeiterInnen sind ausgebildete SanitäterInnen mit langjähriger Berufserfahrung und haben für ihre Tätigkeit in der Einsatzleitstelle eine intensive Schulung mit abschließendem Zertifizierungstest zum Notfallmedizinischen Disponenten durchlaufen. Während des Notrufgesprächs stellt der Disponent kurze Fragen, um die Situation am Notfallort so rasch und genau wie möglich erfassen zu können. Bereits während des Gesprächs wird das geeignete Rettungsmittel ausgewählt und zum Einsatzort geschickt. 6 Die Berufsretter 17/2010

7 Sanitäterinnen bei der Wiener Rettung seit 1999 Ein arbeitsmedizinischer Erfahrungsbericht Ingrid Melzer Zu den klassischen Männerberufen zählt noch immer der Beruf des Sanitäters. Auch in der Wiener Rettung, wo Frauen mittlerweile seit Jahren als Sanitäterinnen tätig sind, dominieren überproportional die Männer. Mit 30. November 2010 stehen 537 Sanitätern insgesamt 16 Sanitäterinnen gegenüber. Die Tagung Arbeitsmedizinische Aspekte von Gender im Notfall- und Rettungswesen, die am 21. Mai 2010 gemeinsam von der Medizinischen Universität Wien Arbeitsmedizinische Ambulanzen und von der MA 70, Wiener Rettung veranstaltet wurde, gab mir Gelegenheit, über die berufliche Entwicklung der Sanitäterinnen in der Wiener Rettung zu reflektieren. Anlaufschwierigkeiten Als 1998 die Information aufkam, dass Frauen bei der MA 70 als Sanitäterinnen aufgenommen werden, gab es von meiner Seite zunächst schwerwiegende Bedenken auf Grund der zu erwartenden hohen körperlichen Beanspruchungen und Belastungen. Aus orthopädischer Sicht bestand die Gefahr vorzeitiger Folgeschäden am Stütz- und Bewegungsapparat durch das regelmäßige Tragen und Heben schwerer Lasten. Weiters gab es Warnungen von gynäkologischer Seite, dass hohe körperliche Beanspruchung zur Schwächung des Beckenbodenbereiches führen könnte und daher Frauen im gebärfähigen Alter gefährdet seien. Ein zusätzliches Problem für die Arbeitssituation der Sanitäterinnen stellten damals die fehlenden baulichen Voraussetzungen innerhalb der Rettungsstationen dar, es waren keine separaten Ruhe - räume und die Trennung der Sanitärbereiche in den Stationen vorhanden. Meine anfängliche Skepsis verschwand nach und nach: So wurden auf einigen der insgesamt 12 Standorte der Rettungsstationen die notwendigen baulichen Adaptierungsarbeiten vorgenommen und meine letzten Zweifel verschwanden mit dem seit 2006 in Verwendung genommenen Treppensteiger. Einstellungsuntersuchungen Von Anfang an mit der ersten Frau, die mit 1. Oktober 1999 ihren Dienst bei der MA 70 aufnahm gab es bei allen sich bewerbenden Frauen und Männern eine grundsätzliche Gleichbehandlung und Gleichstellung bei der Überprüfung der physischen und psychischen Qualifikation und Eignung für die beruflichen Anforderungen. Seit 2001 durchlaufen alle BewerberInnen eine arbeitsmedizinische Einstellungsuntersuchung zur Überprüfung der medizinischen Grundeignung und körperlichen Eignung (Anamnese, kompletter klinischer Status, Bodymaß index bis maximal 28, persönliches Gespräch, Alkoholund Drogentest, Ruhe-EKG, Belastungs- EKG nach 20 Liegestützen oder Kniebeugen, Tragetest). Danach ist ein schriftlicher Aufnahmetest mit kurzem Diktat, der Überprüfung der Kenntnisse der vier Grundrechnungsarten sowie der Ortsund Straßenkenntnisse zu absolvieren. Zu einer qualitativen Änderung der Eignungsprüfung kam es im Jahr 2007 mit der Einführung des TOPAS-Tests, eines standardisierten und objektiven Verfahrens zur Überprüfung der Basispersönlichkeit mit den Fähigkeiten zum Engagement, der sozialen Kompetenz, der Flexibilität und Teamfähigkeit, der Frustrationsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Denk- und Merkfähigkeit, sprach - liche und praktisch analytische Fähigkeiten. Seit 2007 werden auch die medizinischen Kenntnisse entsprechend der jeweiligen Ausbildung überprüft. Der Abschluss den Einstellungsuntersuchung stellt ein Gruppengespräch dar wurde bei der Überprüfung der körperlichen Eignung statt dem Belastungs-EKG die Ergometrie-Untersuchung (mit dem Erfordernis mehr als 90 Prozent des Sollwerts zu erreichen). Die Wiener Rettung aus der Berufsperspektive von Sanitäterinnen Derzeit arbeiten 13 Sanitäterinnen sowohl als Rettungshelferinnen, Notfall - sanitäterinnen, Stationsführerinnen wie auch als MPG-Beauftragte. Im Rahmen von langen, persönlich geführten Gesprächen nahmen acht Sanitäterinnen zur Arbeitssituation in der Wiener Rettung Stellung. Mein Ziel war es, ge nauere Einblicke in das Arbeitsumfeld der Frauen zu bekommen. Hier die Zusammenfassung: Fast einhellig wurde die Meinung vertreten, dass es ein abwechslungsreicher und sinnhafter Beruf ist, es nie eintönig bzw. langweilig ist, man immer wieder mit neuen Situationen und mit vielen Menschen aus den verschiedensten sozialen, religiösen und beruflichen Bereichen konfrontiert wird. Geschätzt werden Angebote von regelmäßigen Fortbildungen und der Chance auf persönliche Weiterentwicklung. Die Berufsretter 17/2010 7

8 Bewerbungen und tatsächliche Aufnahmen in den Jahren 2006 bis 2010 Männer und Frauen Männer Männer Frauen Frauen gesamt aufgenommen gesamt aufgenommen Für alle Befragten war der Berufsbeginn bei der Wiener Rettung rückblickend gesehen schwierig, und hart. Um in einem männerdominierten Arbeitsbereich als Frau beruflich anerkannt zu werden, sind ein dickes Fell, gute verbale Argumentationsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen sowie Ausdauer die notwendigen Voraussetzungen für die Akzeptanz durch die männlichen Kollegen. Im derzeitigen Arbeitsumfeld fühlen sich alle Interviewpartnerinnen auf ihrem Arbeitsplatz wohl. Positiv wurden die sich ergebenden Aufstiegschancen an - gesprochen, die wahrgenommen und auch genutzt werden. Keine der Sanitäterinnen hat Absichten, die MA 70 zu verlassen. Um Stress im Berufsalltag abzubauen, werden vor allem Gespräche mit Freundinnen aus medizinischen Bereichen, Familienangehörigen aber auch teilweise Gespräche mit männlichen Kollegen gesucht. Sportliche Betätigung in der Freizeit wird als weitere Strategie des Stressabbaus genannt. Interessant war für mich die Frage nach den Wünschen für die Zukunft, wo die Antworten doch einiges an Interpretationen zulassen: Die Sanitäterinnen wünschen sich völlige und sofortige Akzeptanz - von Seiten der männlichen Kollegen, ebenso wie von verschiedenen Patientengruppen und deren Angehörigen. Denn auch am Berufungsort sind Sanitäterinnen damit konfrontiert, dass sie stärker wahrgenommen und mitunter auch kritischer in ihrer Arbeit wahrgenommen werden. Ein weiterer Wunsch war nach mehr Sanitäterinnen in dieser männerdominierten Berufsgruppe : Sanitäterinnen sollen zur Normalität und nicht Exoten am Auto sein, lautete die spontane Aussage einer der Sanitäterinnen. Resümee Seit 1999 arbeiten Frauen als Sanitäterinnen bei der MA 70, Wiener Rettung. Am 11. Oktober 1999 begrüßte der damalige Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder persönlich Österreichs erste hauptamtliche Sanitäterin in der Zentrale der Wiener Rettung mit einem Blumenstrauß. Erika Reisenhofer stößt damit in eine bisherige Männerdomäne mit 356 hauptamtlichen Sanitätern bei der Wiener Rettung vor, so die Archivmeldung der Rathauskorrespondenz. Es sind immerhin 11 Jahre vergangen und noch immer ist die Wiener Rettung eine Männerdomäne. Noch immer bewerben sich zu wenige Frauen bei der Wiener Rettung und bilden eine große Ausnahme. Wenn es auch wenige Frauen in der Wiener Rettung gibt, Fakt ist, dass bei der Aufnahme und Überprüfung der Qualifikationen die selben Maßstäbe gelten wie bei den Männern. Alle Sanitäterinnen wie Sanitäter, die bei der Wiener Rettung arbeiten, müssen sich den selben Testungen stellen und ihre Fähigkeiten im realen Einsatzgeschehen beweisen. Die Anfangszeit und Eingewöhnung in die neue Arbeitssituation auf den Rettungsstationen zeigt jedoch gewisse Unterschiede auf: Die gewünschte Akzeptanz durch ihre männlichen Kollegen haben alle befragten Frauen mit Selbstvertrauen und Entschlossenheit erreicht, wenn auch das Erreichen der Akzeptanz und die Integration mitunter länger dauern konnten, als im Vergleich dazu bei neu hinzukommenden, männlichen Kollegen so die Einschätzung der Sanitäterinnen. Im Berufsalltag, bei den Einsätzen am Berufungsort, sind Sanitäterinnen und Sanitäter in gleichem Maß gefordert, auf allen Ebenen besteht der Anspruch eines gleichberechtigten Miteinanders. Anders ist jedoch die Wahrnehmung der Sanitäterinnen bei ihrer Arbeit von außen, wenn PatientInnen und Angehörige das Auftreten einer Sanitäterin registrieren und auch dementsprechend beurteilen. Die Beurteilungsskala reicht von kritisch, negativ bis positiv etwa, wenn die deeskalierende Wirkung von Frauen bei besonderen Einsatzsituationen erkannt wird. Für mich persönlich haben die Sanitäterinnen viel dazu beigetragen, dass ein positiveres kollegiales Umfeld, auch im Umgangston und in anderen Bereichen des Berufsalltags Eingang gefunden hat. Ich wünsche mir, dass in Zukunft mehr Frauen Interesse an diesem Beruf haben und dass irgendwann, in näherer Zukunft die vielzitierte Männerdomäne im Rettungsdienst der Vergangenheit angehört. 8 Die Berufsretter 17/2010

9 AMLS Advanced Medical Life Support Ein Kursprogramm auf dem Vormarsch nach Österreich und Deutschland Michael Girsa Das Kursprogramm AMLS stammt, ebenso wie PHTLS (PreHospital Trauma Life Support), aus den USA. Die NAEMT (National Association of Emergency Medical Tech nicians) hat das erste und weltweit bisher einzige Kursprogramm und dessen Lehrinhalte zur Untersuchung und Behandlung von präklinischen medizinischen Notfallpatienten erstellt und definiert. Die NAEMT wird dabei von der US Nationalen Vereinigung der Rettungsdienstärzte, NAEMSP unterstützt. Mittlerweilen gilt das AMLS-Ausbildungskonzept in den USA als Standard in Aus- bzw. Weiterbildung für EMT s und Paramedics. Auch in Europa konnte dieses Ausbildungskonzept bereits Fuß fassen. Vor allem in den nördlichen Staaten wie Norwegen, Schweden, Dänemark und den Britischen Inseln, aber auch in der Schweiz und Italien gilt AMLS schon zur Standardaus- und Weiterbildung. Österreich und Deutschland haben diese Tendenzen und den Benefit für die Rettungsdienste erkannt und sich gemeinsam um die Lizenzierung und Einführung in unseren Ländern bemüht. Maßgeblich daran beteiligt sind die bundesweiten Berufsverbände der Sanitäter in beiden Ländern. Der Anwender-Kurs dauert zwei Tage, die Kursinhalte setzen sich aus Kenntnissen der Physiologie und Pathophysiologie sowie dem standardisierten Vorgehen bei medizinischen Notfallsituationen zusammen. Es werden Atemwegsmanagement, Versorgung von Patienten mit und nach cerebralem Ereignis, kardialen Problemen, respiratorischer Insuffizienz, Schockzeichen, Bauchschmerzen und Blutungen behandelt. Neben den Theorie-Lektionen gibt es zahlreiche praktische Stationen in denen diverse Szenarien nach AMLS- Richtlinien abgearbeitet werden. Voraussetzung sind die Kenntnisse des Begleitbuches AMLS, welche anhand eines schriftlichen Tests während des Kurses geprüft werden. Zielpublikum sind vor allem Notärzte und Notfallsanitäter die im Rettungsdienst tätig sind und in regelmäßigen Abständen mit medizinischen Notfällen konfrontiert werden. Der Kurs schult in rascher Erkennung und Behandlung von stabilen, instabilen und potenziell instabilen Patienten in prä - klinisch medizinischen Notfällen. Im Gegensatz zum Traumapatienten ist es beim medizinischen Notfallpatienten oft möglich, eine Verbesserung der Probleme durch gezieltes Abfragen und Fokussieren von Verdachtsdiagnosen herzustellen. Ziel des Kurses ist es von einer möglichen in die wahrscheinliche Verdachtsdiagnose wechseln zu können. Gefordert und gefördert werden der Blick über den Tellerrand und die Fähigkeit, kritisch differentialdiagnostisch denken zu können. Der Kurs ist 4 Jahre gültig, alle 4 Jahre muss ein Refresher-Kurs à 8 Stunden besucht werden. Der Benefit für Rettungsdienst-Mitarbeiter liegt im fokussierten Vorgehen in medizinischen Notfällen und im Erstellen von wahrscheinlichen Verdachtsdiagnosen und dessen Therapieansätze im präklinischen Bereich sowie im raschen Erkennen von medizinisch stabilen oder instabilen Notfallpatienten. AMLS schließt somit die Lücke zwischen Reanimationsguidelines des ERC und dem Trauma-Versorgungskonzept nach PHTLS. Der Einführungskurs (sog. Inauguralkurs) wurde von der Schweizer Fakultät für Österreich und Deutschland gemeinsam im Oktober 2010 in München veranstaltet. Die ersten österreichischen Instruktoren wurden ebenfalls im Rahmen dieser Kurse ausgebildet. Erste AMLS- Anwender-Kurse werden voraussichtlich 2011 in Österreich angeboten. Neben seiner Instruktor- und Kurskoordinatortätigkeit im Rahmen der PHTLS-Kurse konnte Michael Girsa den AMLS- Provider- und Instruktor-Kurs 2009 in den USA besuchen. Seine AMLS-Instruktoren-Ausbildung beendete er Anfang 2010 in der Schweiz. Er ist der erste AMLS- Instruktor der MA 70. Die Berufsretter 17/2010 9

10 Gut, dass die Problematik Palliative Care aufgegriffen wird! Eine Befragung von Wiener Rettungsärzten und -ärztinnen im Rahmen des Projektes Palliative Care im Wiener Rettungsdienst Katharina Heimerl ut, dass die Problematik Palliative Care aufgegriffen Gwird! Das ist eine von vielen Rückmeldungen im Rahmen einer Befragung von Notärzten und Notärztinnen der MA 70 Wiener Rettung und ihrer befreundeten Organisationen Rotes Kreuz, Malteser und Johanniter. Ziel der Befragung war es, zur optimalen Versorgung von unheilbar kranken PatientInnen in der letzten Lebensphase (bzw. geriatrischen PatientInnen) zu Hause, im Pflegeheim oder im Pensionistenheim durch Rettungsärzte und -ärztinnen beizutragen. Es sollte der Bedarf nach hilfreichen Maßnahmen und Schulungen in Bezug auf den Umgang mit PalliativpatientInnen erhoben werden. dort 57 Männer und 28 Frauen beschäftigt, das entspricht einem Prozentsatz von 67 % männlichen und 33 % weiblichen KollegInnen). 85,1 % gaben an, Vollzeit als Notarzt/-ärztin tätig zu sein, 14,9 % Teilzeit. Insgesamt zeigte sich, dass die Befragten über lange Jahre an Erfahrung verfügten, durchschnittlich waren die Ärzte und Ärztinnen seit 12,3 Jahren im Notarztdienst, der/die Dienstälteste seit 30 Jahren, der/die Jüngste seit einem Jahr. Der Fragebogen wurde von der Projektgruppe Palliative Care im Rettungsdienst erstellt (Dr. Marianne Feiler, Dr. Katharina Heimerl, Dr. Michaela Werni, Dr. Franz Zdrahal). Die Auswer - tung erfolgte an der IFF - Palliative Care und OrganisationsEthik durch Dr. Katharina Heimerl mit Unterstützung von Mag. Eva Eggenberger und Mag. Klaus Wegleitner. Anhand eines Fragebogens konnte Dr. Marianne Feiler im Herbst 2008 insgesamt 69 Interviews führen, teilweise persönlich, teilweise am Telefon, teilweise wurde der Fragebogen per ausgefüllt, wie die Abbildung 1 zeigt: Abbildung 2: Geschlecht der Befragten Die meisten Interviewten waren bei der Wiener Rettung beschäftigt, gefolgt von den befreundeten Organisationen Österreichisches Rotes Kreuz, Malteser und Johanniter. Beim Ar - beitersamariterbund konnte niemand befragt werden (siehe Abbildung 3). Abbildung 1: Methodik der Interviews Zu ihrer Person machten die Befragten folgende Angaben (siehe Abbildung 2): 65,2 % der Interviewten waren männlich, 34,8 % weiblich, das entspricht in etwa der Verteilung bei Notärzten und -ärztinnen der Wiener Rettung (Im Jahr 2008 waren Abbildung 3: Zugehörigkeit zum Träger 10 Die Berufsretter 17/2010

11 In Absolutzahlen konnten 60 Ärzte und Ärztinnen der Wiener Rettung befragt werden, wobei im Befragungszeitraum insgesamt 85 Ärzte und Ärztinnen dort beschäftigt waren, das heißt es konnten 71 % aller Ärzte und Ärztinnen der Wiener Rettung befragt werden. Als Nächstes haben wir die Kollegen und Kolleginnen gebeten, zu schätzen, wie oft sie mit PalliativpatientInnen zu tun haben, das Ergebnis ist überzeugend: Durchschnittlich gaben die Befragten an, fast 36 Mal (genau: 36,3 Mal) mit solchen Patientinnen zu tun, zu haben. Dies ergibt wohlgemerkt als Schätzung für die Gesamtheit der befragten Ärzte und Ärztinnen eine Absolutzahl von Einsätzen bei PalliativpatientInnen pro Jahr. Setzt man diese Schätzung von durchschnittlich 36 Berufungen zu PalliativpatientInnen in Relation zur Gesamtzahl von Einsätzen im Jahr 2008 bei der Wiener Rettung, so lässt sich daraus schließen, dass die Befragten zur Einschätzung kamen, dass durchschnittlich etwa 5 % ihrer Einsätze PalliativpatientInnen galten. Wobei die Schwankung zwischen den Angaben groß war. Ein Kollege/eine Kollegin berichtete, dass er/sie nur ein Mal im Jahr zu einer Palliativpatientin gerufen wurde, während die häufigs - te Angabe 600 Mal pro Jahr betrug (vgl. Abbildung 4). Dies lässt unsers Erachtens darauf schließen, das sehr unterschiedliche Verständnisse davon bestehen, was ein Palliativpatient ist. Wer ist ein Palliativpatient bzw. eine Palliativpatientin? PatientInnen in der unmittelbaren Sterbephase PatientInnen, die nicht mehr kurativ behandelt werden können oder wollen und die bereits palliativ betreut werden oder wurden (mobiles Palliativteam, Palliativstation, Hospiz) PatientInnen, die nicht mehr kurativ behandelt werden können oder wollen und von Hauskrankenpflege und oder Hausarzt betreut werden Hochbetagte Menschen am Lebensende Die Befragten haben danach geschätzt, wie viel Prozent der PalliativpatientInnen, zu denen sie berufen wurden, sie ins Krankenhaus eingewiesen haben. Durchschnittlich wurden hier 63,6 % angegeben, mit einem Minimum von 5 % und einem Maximum von 100 % (Abbildung 5). Dies lässt einerseits auf einen sehr individuellen Umgang der KollegInnen mit Spitalseinweisungen schließen, manche weisen so gut wie nie ein, andere immer. Vom Standpunkt der Organisationsethik könnte das auch so verstanden werden: Es gibt keine verbindlichen Regeln für die Frage der Krankenhauseinweisung von PalliativpatientInnen, die Ärzte und Ärztinnen sind im Einsatz vor Ort alleine mit der Entscheidung, eine Situation, die in den später durchgeführten Workshops als einigermaßen belastend beschreiben wurde. Wir wollen hier eine weitere (durch die Befragung begründete) Schätzung wagen: Wenn durchschnittlich 63 % von Palliativpatientinnen durch den berufenen Notarzt oder die Notärztin in ein Krankenhaus eingewiesen werden, so betrifft das also für die Gesamtheit der befragten KollegInnen und deren Einsätze etwa PalliativpatientInnen pro Jahr. Abbildung 4: Geschätzte Häufigkeit der Einsätze bei PalliativpatientInnen pro Jahr Wir haben uns im Projektteam daher für die Umsetzung der Ergebnisse der Befragung in Workshops für SanitäterInnen und NotärztInnen in Wien auf folgende Definition für Palliativ - patientinnen geeinigt, die ein sehr breites Verständnis von Palliative Care widerspiegelt: Abbildung 5: Geschätzte Häufigkeit der Krankenhauseinweisungen Wir gingen nun von der erfahrungsgestützten Hypothese aus, dass bei vielen Einweisungen kein Konsens zwischen den Beteiligten besteht, wobei wir als zentrale Akteure in der Entscheidung die PatienInnen selbst und die NotärztInnen gesehen haben. Die Berufsretter 17/

12 Tatsächlich gaben die Befragten an, dass durchschnittlich 15,9 % (Minimum 0 % und Maximum 100 %) der Einweisungen gegen den Willen der PatientInnen erfolgen. Auf Basis der oben angestellten Schätzungen entspricht das 249 PatientInnen pro Jahr. Anlässlich der Präsentation der Befragung von NotärztInnen der Wiener Rettung war ein wichtiger Diskussionspunkt die Frage, wie rein praktisch eine Einweisung gegen den Willen der PatientInnnen stattfinden kann. Gleichzeitig schätzten die Befragten, dass durchschnittlich 42,1 % der Eingewiesenen gegen die Überzeugung des Notarztes oder der Notärztin eingewiesen werden, wobei hier das Minimum wieder bei 0 % und das Maximum bei 100 % lag, was die sehr unterschiedliche Herangehensweise unter RettungsärztInnen wiedergibt (siehe Abbildungen 6 und 7). Wenn nun eine beträchtliche Anzahl der Einweisungen von PalliativpatientInnen gegen den Willen bzw. die Überzeugung der wichtigsten Akteure stattfindet, so stellt sich die Frage, was die Gründe dafür sein könnten. Diese haben wir zunächst geschlossen (das heißt mit bestimmten Antwortmöglichkeiten) abgefragt, wobei Mehrfachnennungen möglich waren (Abbildung 8). Am häufigsten wurde Wunsch der Angehörigen genannt, gefolgt von Wunsch des Pflegepersonals, Betreuung und Pflege nicht ausreichend gewährleistet, danach Vorsicht des Notarztes ( Absicherung ) und zuletzt Wunsch des Haus - arztes/der Hausärztin. Fast 16 % gaben andere Gründe an, dieser Frage sind wir leider nicht weiter nachgegangen. Abbildung 8: Gründe für die Spitalseinweisungen von Palliativpatienten und -patientinnen durch den Notarzt oder die Notärztin. Abbildung 6: Schätzung des Prozentsatzes an Einweisungen gegen den Willen des Patienten, der Patientin Wir haben nun die Interviewten gebeten, in ihren eigenen Worten zu formulieren, was sie als die größten Herausforderungen im Rahmen von Notarzteinsätzen bei PalliativpatientInnen sehen. Die Antworten waren vielfältig, wir haben sie zu Cluster zusammengefasst. Abbildung 7: Schätzung des Prozentsatzes an Einweisungen gegen die Überzeugung des Notarztes oder der Notärztin Was sind die größten Herausforderungen in der Versorgung von PalliativpatientInnen durch Notarzt oder -ärztin? Unklarer, komplexer Prozess der ethischen Entscheidung Juristische Aspekte Widersprüche zwischen Notfallmedizin und Palliative Care Perspektive der Betroffenen berücksichtigen Umgang mit Angehörigen Widersprüche zwischen Wünschen der Angehörigen und Patienten Fehlendes Know-how der Pflegenden Fehlendes Wissen des/der Notarztes, -ärztinnen über PatientIn Fehlendes fachliches Know-how des Notarztes, -ärztin Organisatorischer Mehraufwand, fehlende Zeitressourcen Fehlende Kooperationsstrukturen 12 Die Berufsretter 17/2010

13 Aus der Fülle an Antworten sollen hier einige wesentliche herausgegriffen werden: Der Umgang mit ethischen Entscheidungen wird vielfach als Herausforderung genannt, in einem Interview wird das so formuliert: Dass für solche [Anm: PalliativpatientInnen] oft eine entsprechende Klärung im Umfeld nicht stattfindet. Als Notarzt sehe ich nicht primär diese Entscheidung als unsere Aufgabe, da oft nicht ansprechende Info zur Verfügung steht. Erfassen der Umstände, ethisch korrektes Vorgehen, Gratwanderung von Absicherung und Menschlichkeit. Juristische Aspekte werden ebenso genannt ( fehlendes juristisches Backup, keine gesetzliche Deckung ), wie fachliche (unter anderem werden genannt: nicht speziell geschult für Versorgung, nicht-vertraute Gerätschaften; weitere fachgerechte Schmerztherapie etc., mangelndes Fachwissen über Schmerzpumpen-Management ). Insbesondere beziehen sich zahlreiche qualitative Antworten auf Probleme im Umgang mit Angehörigen und auf Schwierigkeiten, die Perspektive der betroffenen PatientInnen zu berücksichtigen, so wurde beispielsweise gesagt: Die Angehörigen zu überzeugen, dass das Zu-Hause-Bleiben des Patienten kein Fehler ist, dass keine Verantwortung zu übernehmen ist oder Dem Wunsch des Patienten zu entsprechen und ihn in Würde und nicht leidend gut versorgt zu wissen. Einige Rückmeldungen beziehen sich auch auf die Dilemmata, die entstehen, wenn Patienten und Angehörige einander widersprechen: Die Wünsche des Patienten sowie deren Angehörigen unter einen Hut zu bringen. 65,2 % der Befragten gaben zusätzlich andere Maßnahmen als hilfreich an, diese haben wir qualitativ ausgewertet. Die Vorschläge reichen von Mehr Information für NotärztInnen über strukturelle Maßnahmen insbesondere in Pflegeheimen ( Schulung der Schwestern in Pflegeheimen, In den Pensionisten- und Pflegeheimen 24 Std. ärztliche Betreuung ), aber auch in der Betreuung zu Hause ( Ordentliche Krankheitsdokumentation zuhause, ähnlich der Pflegedoku, man braucht eine Kurve wie im Spital ) bis zu zusätzlichen finanziellen Ressourcen ( Bessere Honorierung dieser zeitaufwändigen Leistung durch die Kassen ). Abschließend war es uns ein Anliegen, den Befragten die Möglichkeit zu geben, uns mitzuteilen, was ihnen sonst noch wichtig zu dem Thema erscheint. Manche nutzten dies, um mit der Interviewerin eine Fallgeschichte zu besprechen, andere betonten noch einmal ein für sie wichtiges Thema. Unser Dank geht an alle Notärzte und Notärztinnen, die ihre Zeit für die Befragung zur Verfügung gestellt haben und uns teilweise mit großem Engagement einen Einblick in die Thematik Palliative Care bei der Wiener Rettung ermöglicht haben. In den letzten Bemerkungen der Interviewten war auch viel Ermutigung für das Projektteam dabei, mit einer möchten wir hier schließen: Toll, dass das Thema am Tisch ist! Angaben zur Autorin: Dr. Katharina Heimerl Ao. Univ.-Prof., stv. Abteilungsleitung ; IFF-Palliative Care und OrganisationsEthik; Alpen-Adria Universität Klagenfurt Um zu verstehen, in welche Richtung wir als Projektgruppe in der Umsetzung der Ergebnisse der Befragung gehen sollen, haben wir erhoben, welche Maßnahmen die Interviewten als hilfreich ansehen (geschlossene Fragen, Mehrfachnennungen möglich). Für alle angegeben Maßnahmen sprach sich eine Mehrheit aus, wobei die Zusammenarbeit mit dem mobilen Palliativteam mit über 88 % der Befragten als die meiste willkommene Maßnahme bezeichnet wurde (Abbildung 9). Abbildung 9: Zustimmung zu vorgeschlagenen Maßnahmen Die Berufsretter 17/

14 Patient gehört abgesaugt Workshop zum Thema Notfälle in Palliative Care am Marianne Feiler Ein Fallbeispiel: 60-jähriger Mann, Krankenbett im Wohnzimmer, gepflegt von der Gattin, Diagnose: Prostata-Ca im Endstadium, multiple Metastasierung. Seit Tagen zunehmend somnolent, keine nennenswerte Flüssigkeitsund Nahrungsaufnahme, seit einem Tag keinen Harn. RR 100/60, f = 80, SpO2 = 93%. Auffallend ist das laut hörbare, atem - abhängige Rasselgeräusch. Deswegen auch der Notarzt-Einsatz: Die Gattin ersucht, das Sekret abzusaugen. Der Notarzt betritt die Szene, was ist zu tun? Diese Frage wurde an den Beginn des Workshops Notfälle in Palliative Care gestellt. Unter reger Beteiligung der Anwesenden wurde folgende Vorgehensweise vorgeschlagen und auf das Flipchart des Seminarraumes geschrieben: Nach Ausschluss eines Lungenödems und Feststellung, dass das Geräusch von einer starken Verschleimung herrührt: 1. Absaugen (ev. mit Hilfe des Laryngoskops) 2. Sauerstoffgabe 3. Flüssigkeitsgabe iv 4. Erwägung einer Hospitalisierung Ohne weiteren Kommentar begann nun das Programm des Workshops. Drei namhafte Palliativmediziner, OA Dr. Michaela Werni, Vizepräsidentin der Österreichischen Palliativ- Gesellschaft und Leiterin des Palliativ-Konsiliardienstes im Wilhelminenspital, Dr. Franz Zdrahal, Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft, Anästhesist und ärztlicher Leiter der Caritas Wien sowie OA Dr. Dietmar Weixler, Anästhesist und Notarzt im Krankenhaus Horn, Lektor der Meduni Wien und Palliativmediziner, unterstützt von Prof. Dr. Katharina Heimerl, IFF-Palliative Care und Organisationsethik, Alpen- Adria Universität Klagenfurt, begannen, über das Thema Notfälle in Palliative Care zu sprechen. Nach einer Erörterung der Ergebnisse der Notärzte-Befragung bezüglich Palliative Care im Rettungsdienst durch Prof. Dr. Heimerl und einer Einführung in die Palliativmedizin durch OA Dr. Werni referierten Dr. Zdrahal und OA Dr. Weixler über Atemnot und andere Notfälle im palliativen Setting. Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden in Kleingruppen folgende Themen erarbeitet: Ethische Entscheidungen an der Schnittstelle von Palliative Care und Notfallmedizin Präklinische Versorgung von Notfällen in der Palliativmedizin Umgang mit Angehörigen und recht - liche Fragen Am Schluss der Veranstaltung wurde das eingangs erwähnte Fallbeispiel neu aufgerollt, mit überraschendem Ergebnis: Alle Anwesenden waren sich darüber einig, dass es sich bei diesem Patienten um einen sterbenden Patienten und beim Atemgeräusch um ein so genanntes Terminales Rasseln, auch Todesrasseln oder Death Rattle, gehandelt hat. Die Therapie dieses Symptoms, das üblicherweise bei Patienten auftritt, deren Tod in absehbarer Zeit zu erwarten ist, sieht folgendermaßen aus: 1.) Absaugung nur wenn sich ein Schleimsee im Rachen feststellen lässt, die Trachea wird nicht abgesaugt, weil dies den Patienten stark belastet und der Schleim sofort nachgebildet wird. 2.) Stattdessen s.c.-injektion eines Anticholinergikums zur Sekrethemmung, wünschenswert wäre das Glycopyrronium-Bromid Robinul. (Da dieses Medikament am NAW leider nicht verfügbar ist, müssen wir uns mit Atropin behelfen.) 3.) Bei Sterbenden keine O 2 -Gabe, da Sauerstoff die Schleimhäute austrocknet und es keine Beweise gibt, dass die Verabreichung für den Patienten eine Erleichterung bedeuten würde. 4.) Bei Sterbenden keine iv-flüssigkeitsgabe (auch dafür ist kein Benefit gesichert und kann das terminale Rasseln verstärken), dafür aber Befeuchtung der Mundschleimhaut oder tropfenweise Flüssigkeit zur Linderung des Durstgefühls. 5.) Lagerung mit erhöhtem Oberkörper 6.) in Absprache mit der Ehefrau vorerst keine Hospitalisierung, wenn es dem Wunsch des Patienten und seiner Frau entspricht, und sie gut mit der Situation zurechtkommt. 7.) Die Ehefrau wird über das Phänomen des terminalen Rasselns aufgeklärt. 8.) Sollte der Zeitpunkt kommen, an dem sie feststellt, dass sie doch Hilfe braucht, hat sie die Möglichkeit jederzeit wieder anzurufen. Es ist natürlich nicht möglich, in vier Stunden einen Schnellsiede-Palliativ- Kurs abzuhalten. Was wir aber mit diesem Workshop erreichen wollten, war 14 Die Berufsretter 17/2010

15 ren, von der Möglichkeit des Lagerns zu reden, dass das Sekret abfließen kann, im Kontakt zu dem Sterbenden, in seinen Handlungen eine liebevolle Zuwendung zu zeigen. Was die Flüssigkeit betrifft, ist es vielleicht noch komplexer. Wir haben im Grunde nur eine Studie zur Gabe von Flüssigkeit im Sterben (Bruera), natürlich jede Menge Expertenmeinungen und Bemerkungen von Ethikern. Interesse zu wecken, zu sensibilisieren, nachzudenken, die eigene Perspektive zu überdenken, anzuregen, Der eine oder andere nützliche Praxistipp war natürlich auch dabei. Ich möchte abschließend noch die Gedanken von Dietmar Weixler zum geschilderten Fall zitieren: OA Dietmar Weixler, Anästhesist und Notarzt im Krankenhaus Horn, Lektor der Meduni Wien und Palliativmediziner: Meine erste Annahme ist, dass wir davon ausgehen, dass der Mann stirbt. Wir erkennen, dass der Mann stirbt wir erkennen die Zeichen. Die zweite Annahme ist, dass auch der Notarzt die Zeichen erkennt und den Schluss ziehen kann: Der Mann stirbt, der Vorgang ist irreversibel. Gleich, was der Notarzt macht, es wird das Leben des Menschen nicht verlängern. Dennoch LEBT der Mann. Für Stunden noch? Für mehr als einen Tag? Wir unterstellen, dass es GUT für den Mann ist, dass er nicht transportiert wird (unsere Vorstellung von einem guten Sterben legt das nahe). Ideal wäre, wenn unsere Vorstellung vom Guten Sterben auch mit der Vorstellung der Ehefrau übereinstimmt und mit jener des Mannes. Und wir nehmen weiters an, dass die Ehefrau gut mit der Situation zurechtkommt, wenn sich dieses geräuschvolle Atmen verändert oder seine Bedeutung erklärt wird. Mit diesen Prämissen kann ich den nächs ten Denkschritt wagen. Das Sterben ist ein Übergang, von der Lebendigkeit zum Tod. Die Vitalparameter des Lebens, für die wir Normen definiert haben, verlieren ihre Wertigkeit. Jeder Sterbende hat abnorme Vitalparameter. Es gibt bisher keine Beweise, dass die Gabe von Sauerstoff Atemnot lindert, oder das Ansteigen der pulsoximetrisch gemessenen Sauerstoffsättigung Leiden lindert oder das Wohlbefinden im Sterben verbessert. Deswegen kein Sauerstoff. Außerdem trocknet Sauerstoff die Schleimhäute aus, die Bereitstellung von Sauerstoff bedeutet großen Logistikaufwand. Von erheblichem Nutzen ist es, die Rasselatmung den Angehörigen zu erklä- Es gibt auch, was das Sterben im engeren Sinne betrifft (Finalphase, letzte Lebensstunden), kaum Anhalt, dass die parenterale Flüssigkeitstherapie das Wohl - befinden in den letzten Lebensstunden verbessert. Es gibt jedoch Umstände, die selbst in dieser Phase dafür sprechen, dass Flüssigkeit gegeben wird, das würde hier zu weit führen. Ich habe mir dafür eine pro-/contra- Checklist erarbeitet und versuche im konkreten Fall abzuwägen, was FÜR und was GEGEN Flüssigkeit spricht. Die wichtigsten Gründe erörtere ich mit den Angehörigen. Auf diese Weise konnte ich immer einen Konsens erzielen. Aufgrund der ausgezeichneten Vorträge und Gruppen-Arbeiten wurde dieser Workshop, sowie auch der vorhergehende im Dezember 09, zum vollen Erfolg. Ein herzliches Dankeschön allen Vor - tragenden und allen, die sich die Zeit genommen haben, zum Wohle unserer Patienten dazuzulernen. OA Dr. Dietmar Weixler hat sich bereit erklärt, allfällige Anfragen zu beantworten bzw. die pro-/ contra-checklist für die Flüssigkeitstherapie zur Verfügung zu stellen. Die Berufsretter 17/

16 Der Rettungsdienst in der Schweiz Ein Praktikumsbericht über den Rettungsdienst St. Gallen Michael Girsa Die Stadt und der Kanton St. Gallen liegen in der nordöstlichen Schweiz, nahe der Grenze zu Österreich. Der städtische Bereich von St. Gallen hat rund Einwohner und ist in drei Stadtteile unterteilt, dem nordöstlichen Rohrschach am Bodensee, dem Zen - trum St. Gallen-Stadt und dem westlich gelegenen Flawil. Der Rettungsdienst ist in der Schweiz in der Regel von den Spitälern aus geregelt und organisiert. Das Kantonspital St. Gallen ist das Klinikzentrum mit Notaufnahme, Schockräumen und Unfallchirurgie nach ATLS-Standards, Neurochirurgie, STROKE, Kinderklinik, Verbrennungszentrum uvm. Das Kantonspital St. Gallen (KSSG) betreibt den Rettungsdienst und stellt die Vorhaltung und Einsatzbereitschaft von Rettungsmittel und dessen Personal zur Verfügung. Die Flugrettung wird vom REGA Flugrettungsverein überregional organisiert und geleitet. Das Kantonspital St. Gallen stellt je einen RTW in den Stadtteilen Rohrschach und Flawil sowie zwei RTW, einen NEF und einen KTW in St. Gallen-Stadt. Das Rettungspersonal ist rund um die Uhr einsatzbereit, während der KTW einen täglichen 8-Stunden-Dienst leistet und zum größten Teil vorgeplante Verlegungs- und Intensivtransporte durchführt. Die RTW s und der KTW sind mit zwei diplomierten Rettungssanitätern HF (höhere Fachausbildung) besetzt, der NEF mit einem dem Spital zugehörigen Notarzt und ebenfalls mit einem dipl. RS HF, der im Einsatzfall die Einsatzleitung am Notfallort übernimmt. Gearbeitet wird im 24-Stunden-Wechseldienst, ähnlich wie bei uns, jedoch auf Basis einer 40-Stunden-Woche. Leiter Rettungsdienst St. Gallen Günter Bildstein (Girsa) Dienstablöse ist um 8 Uhr früh und beginnt mit einem offiziellen Rapport aller Bediensteten, der NEF RS übergibt die Schicht offiziell dem Team des nächsten Tages und bespricht etwaige Vorkommnisse und die Tagesplanung. Danach beginnt die Kontrolle der Fahrzeuge und der medizinischen Gerätschaften sowie das von der Dienstführung vorgegebene Tagesprogramm (Grundreinigung eines Fahrzeugs, Garage sauber halten etc..) Offizielle Dienst-, bzw. Arbeitszeit sind 12 Stunden, also bis 22 Uhr, danach beginnt die Bereitschaftszeit, in welcher der Bedienstete nur noch pauschale Bereitschaftsentlohnung erhält und jeder Einsatzfall gesondert dokumentiert werden muss. Gelenkt werden die Einsätze von einer zentral gelegenen, integrierten Leitstelle, dh. alle Notrufe werden hier entgegengenommen, und je nach Rufwahl bzw. nach Anliegen des Anrufers wird das Telefonat zu einem der Disponenten der Polizei, der Feuerwehr oder des Rettungsdienstes weitervermittelt. Leitstelle St. Gallen (Girsa) Für den Rettungsdienst stehen zwei Disponenten rund um die Uhr zur Verfügung, die einen 8-Stunden-Dienst versehen und sowohl Notrufe entgegennehmen, diese disponieren und die Rettungskräfte alarmieren. Das Einsatzaufkommen ist nicht sehr hoch, da hier ausschließlich medizinische Notfälle entgegengenommen werden. Diese werden eingeteilt in Dringlichkeitsstufen: 16 Die Berufsretter 17/2010

17 D1 Einsatz eines RTW s oder NEF s mit Sondersignale, D2 Einsatz eines RTW s ohne Sondersignale, D3 Einsatz eines RTW s oder KTW s ohne Sondersignale zwecks Verlegungs- oder Intensivtransports, meist mit Vorlaufzeit. Besteht nach Notruf keine Notfallindikation wird an den Hausarzt oder an diensthabende praktische Ärzte vermittelt oder der Anrufer bzw. Patient gebeten, sich selbst ins Spital zu begeben, soweit gewünscht. So ergeben sich für den Rettungsdienst in der Regel nur Notfalleinsätze, im Durchschnitt 4-6 Einsätze pro RTW in 24 Stunden, beim NEF sind es gar nur 2 Einsätze im Durchschnitt von 24 Stunden. Die Gründe dafür liegen in der Schweiz, so auch in St. Gallen, auf der Hand. Der Rettungsdienst ist rein professionell (keine freiwilligen Mitarbeiter oder Zivildiener), hoch kultiviert, gut strukturiert und bei der Bevölkerung hoch angesehen. Ein Rettungseinsatz kostet immerhin 650 SFR (rund 460, EUR) + 7 SFR (5, EUR) pro gefahrenen Kilometer. Die privaten Krankenversicherungen decken oft nur einen Prozentsatz der vollbrachten Leistungen, die Differenz bzw. zumindest einen Selbstbehalt muss der Versicherte selbst aus eigener Tasche bezahlen. In der Schweiz gibt es keine staatliche Pflicht-Krankenversicherung. Aus selbigem Grund gibt es auch keine Krankenbeförderung wie wir sie kennen, ein KTW übernimmt lediglich vorge - plante Verlegungs- und Intensiv- sowie Inkubatortransporte. Die diplomierten Rettungssanitäter HF (höhere Fachausbildung) verfügen über eine dreijährige Ausbildung und be - sitzen weitreichende Kompetenzen. So werden neben Standard-Kompetenzen wie die Defibrillation oder das Legen von intravenösen Zugängen weitgehende eigenverantwortliche Regelkompetenzen in der medikamentösen Therapieeinleitung eingeräumt. Die Gabe von z. B. Lasix beim Lungenödem oder Morphin (Vendal) zur Schmerzbekämpfung bei ACS oder Trauma sind nur einige der freigegebenen Arzneimittel für diplomierte RS. Ein Algorithmen-gestützter Katalog legt genaue Ablaufschemata und Arzneimittel mit dementsprechenden Dosierungen klar, auch Voranmeldungen in der zentralen Notaufnahme, Hospitalisierungen und grundlegende Entscheidungen betreffend der Therapieeinleitung und -zufuhr zur definitiven Behandlung von Notfallpatienten trifft der diplomierte RS im Grunde eigenverantwortlich. Lediglich zur Narkoseeinleitung und bei absehbar notwendigen bzw. akuten Atemwegsschwierigkeiten, Stichwort Polytrauma oder Reanimation, muss der Notarzt gerufen werden, den RS ist es erlaubt, einen Larynxtubus zu setzen, die Die Berufsretter 17/

18 PHTLS und AMLS gehören zu den Standardausbildungen im Rettungsdienst St. Gallen (Girsa) Narkoseeinleitung und die endotracheale Intubation sind jedoch ganz klar die Regelkompetenzen des Notarztes, der in der Regel Anästhesist ist und neben seinem Notarztdienst im Spital im Rahmen von Schmerz-Therapien Visiten macht. Die Ausbildungskonzepte und Standards umfassen die Reanimations-Guidelines der AHA (American Heart Association), die Trauma-Versorgung nach PHTLS (PreHospital Trauma Life Support) und die Versorgung medizinischer Notfallpatienten nach AMLS (Advanced Medical Life Support). Diese Konzepte werden zu 100 % in der Praxis am Patienten umgesetzt und gelten als Qualifikationsgrundlage und -nachweis des Rettungsdienstes in St. Gallen und auch generell in der Schweiz. Praktikumsbericht , RTW KASPI 1 (KantonSPItal) Besatzung: Dipl.RS D. Mayer, RettAss D. Haeske, NFS-NKI/ RettAss M. Girsa Einsatz Nr.1, 09:15 Uhr D2-Einsatz ohne Sondersignale Altenheim, Betreuungsstation, Bluterbrechen männl. 82a hatte in der Nacht und am Morgen kaffeesatzartig erbrochen, wirkt nun schwach. Nach Erstbegut - achtung als nicht kritisch eingestuft, wird der Pat., nach Anlegen eines Monitors sowie eines ven. Zugangs und einer Ringerlösung in die zentrale Notauf - nahme gebracht. Die Anmeldung dort erfolgt direkt vom RTW aus, der Transport wird ohne Sondersignale durchgeführt. Einsatz Nr. 2, 11:00 Uhr D1-Einsatz mit Sondersignale Innenstadt St. Gallen, Wohnung im 6. Stock, Kollaps, kann Arm nicht mehr Bewegen männl. 90a brach in seiner Wohnung zusammen, seither apathisch und wesensverändert. Nach Erstuntersuchung wird Pat. als kritisch eingestuft, Cincinatti Stroke Index positiv, v.a. CVI mit Haemiparese rechts, Ataxie und facialisparese. Sauerstoffgabe, ven. Zugang, Ringerlösung und Monitoring. Nach Anmeldung in der Notaufnahme mit Zusatzinfo STROKE erreicht der Pat. das Spital unter Einsatz der Sondersignale nur knapp 40 Min. nach Notruf. Einsatz Nr. 3, 13:40 Uhr D2-Einsatz ohne Sondersignale Städtischer Bereich, Einfamilienhaus, Herzinsuffizienz, Adipositas männl. 75a, adipös, 160 kg, zu Hause mit Orthopnoe wird nach Erstuntersuchung als nicht kritisch eingestuft, v.a. Rechtsherzinsuffizienz mit Stauungszeichen und Beinödemen. Der Pat. bekommt Sauerstoff, ein EKG wird geschrieben, komplettes Monitoring, ven. Zugang, Morphin 5 mg, sowie Lasix 20 mg werden verabreicht. Der Abtransport wird mit Unterstützung der FW durchgeführt. Nach Anmeldung im behandelnden Spital wird der Pat. ohne Einsatz der Sondersignale transportiert. Einsatz Nr. 4, 19:45 Uhr D1-Einsatz mit Sondersignale Städtischer Bereich, Einkaufszentrum bei IKEA, Synkope weibl. 15a, im Kassenbereich zusammengebrochen, nachdem Sie sich die Hand angeschlagen hatte. IKEA-Mitarbeiter brachten die Pat. in einen Ruheraum (mit Defibrillator und Notfalltasche ausgestattet) und betreuten diese dort. Die Familie der Jugendlichen war anwesend. Nach Erstuntersuchung wurde die ansprechbare Patientin als nicht kritisch eingestuft, Zustand nach Kollaps. Nach eingehender Untersuchung und Rücksprache mit den Eltern wurde die Pat. in häuslicher Pflege belassen und durfte mit den Eltern nach Hause fahren , RTW KASPI 2 (KantonSPItal) Besatzung: Dipl.RS G. Bildstein, RettAss D. Haeske, NFS-NKI/ RettAss M. Girsa Einsatz Nr. 1, 11:13 Uhr D1-Einsatz mit Sondersignale Städtischer Bereich, vor Einfamilienhaus, Synkope, Taxilenker vor Ort weibl. 80a, im Eingangsbereich ihres Hauses zusammengebrochen, reglos. Nach Erstuntersuchung wurden keine Lebenszeichen festgestellt und unverzüglich mit den Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen. Noch vor Eintreffen des nachgeforderten Notarztes war ein ven. Zugang gelegt und nach Erst-EKG PEA wurde gemäß Algorithmus 1 mg L-Adrenalin verabreicht und 3 mg Atropin vorbereitet. Nach wenigen Minuten HDM und Beatmung konnte das Wiedererlangen eines Spontankreislaufes festgestellt werden (ROSC). Die Pat. musste in weiterer Folge notärztlich narkotisiert und intubiert werden und benötigte eine Katecholamintherapie zur Stabilisierung der kritischen Kreislaufsituation. Nach Herstellung der Transportfähigkeit wurde die Patientin ohne Einsatz der Sondersignale in die zentrale Notaufnahme gebracht, wo sie noch am selben Abend bei guten neurologischen Status extubiert werden konnte. 18 Die Berufsretter 17/2010

19 Einsatz Nr. 2, 14:43 Uhr D1-Einsatz mit Sondersignalen Altenheim, Wohnungsbereich, Sprach- und Gangschwierigkeiten weibl. 89a, sitzend in ihrer Wohnung im Altenheim, Ehemann und dipl. Pflegepersonal vor Ort. Nach erster Untersuchung wurde die Pat. als kritisch eingestuft, zeigte eine deutliche Ataxie und Haemiparese links. v.a. cerebraler Insult. Sauerstoffgabe, ven. Zugang, Ringer - lösung und Monitoring. Anmeldung und Transport erfolgte in die Notaufnahme mit Zusatzinfo STROKE. Einsatz Nr. 3, 21:05 Uhr D2-Einsatz ohne Sondersignale Städtischer Bereich, Einfamilienhaus, Kollaps weibl. 61a, liegend in ihrem Bett an - getroffen, berichtete von massiven Erbrechen und Durchfall tagsüber sowie starker Übelkeit. Nach Erstuntersuchung wurde die Pat. als nicht kritisch eingestuft, ein ven. Zugang gelegt sowie eine Volumen- und Antiemetische Therapie eingeleitet. Danach wurde die Pat. ohne Einsatz von Sondersignalen in die Notaufnahme gebracht. Einsatz Nr. 4, 23:56 Uhr D3-Einsatz ohne Sondersignal-Inkubatortransport Vom Kinderspital St. Gallen wurde ein neonatologischer Intensivmediziner sowie eine Kinder-Intensivkrankenschwester mitsamt Inkubator abgeholt, um ein 3 Monate altes Baby mit v.a. Sepsis von einem ca. 30-minütig entfernten Spital in Wil abzuholen und ins Kantonspital St. Gallen zu bringen, um es dort intensivmedizinisch behandeln zu können. Auch dieser Einsatz verlief ohne Einsatz der Sondersignale , KTW KASPI 7 Besatzung: dipl. RS Bussinger R., dipl. RS Schuck Th., NFS-NKI/ RettAss M. Girsa Einsatz Nr. 1, 10:16 Uhr D3-Einsatz ohne Sondersignal Rückverlegung weibl. 68a, wird nach einer CT-Unter - suchung in St. Gallen zurück in das behandelnde Spital Rohrschach gebracht. Einsatz Nr. 2-6, D3-Einsatz ohne Sondersignal Rückverlegung Intensiv Je 2 Mädchen, 1a und 2a, sowie zwei Buben, 3a bzw. 4a, werden nach MR unter Narkosebedingungen im noch somnolenten Zustand vom Kanton - spital ins Kinderspital St. Gallen rückverlegt. Die Transporte erfolgen allesamt unter vollständigen Monitoring und Sauerstoffgabe. Die Berufsretter 17/

20 Die A1-Friedensflotte MIRNO MORE Das größte sozialpädagogische Segelprojekt Europas Martin Thalhammer Die A1-Friedensflotte MIRNO MO- RE ist ein 1994 erstmals ins Leben gerufenes Segelprojekt und fand dieses Jahr vor der Küste Kroatiens im Zeitraum von 18. bis 25. September statt und wir waren dabei. Erstmalig war die MA 70 mit Dr. Kurt Schafellner und mir, Martin Thalhammer, Teil des größten sozialpädagogischen Segelprojekts Europas. Als Teil der 22- köpfigen Safety-Crew fungierten wir in diesem Jahr zur medizinischen Überwachung der Flotte sowie zur Funkkoordination, der technischen Betreuung, Logistik und teilweise der Einweisung der Schiffe. Das Safety-Team selbst besteht aus Angehörigen verschiedener Wiener Hilfs- und Einsatzorganisationen, MitarbeiterInnen der Wiener Rettung (Magistratsabteilung 70), des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV), der Magistratsabteilung 68 (Feuerwehr und Katastrophenschutz), des Feuerwehr Katastrophenhilfsdienstes Wien, des Arbeiter- Samariter-Bundes, des Roten Kreuzes, der Österreichischen Wasserrettung und der Wiener Polizei. Auch Ärzte aus Niederösterreich und dem Burgenland haben unser Team heuer verstärkt. Die ehrenamtliche Tätigkeit für die A1- Mirno-More-Friedensflotte ist eine der, wenn nicht DIE, faszinierendste und begeisterndste Beschäftigung meines Lebens. Die sichtbare und beinahe schon spürbare Teambildung und Freude der Teilnehmerinnen und Teilnehmer lohnt die investierte Freizeit allemal, fasst der Mitinitiator der A1-Friedensflotte Mirno More und Hauptverantwortlicher des Safety-Teams, Dipl.-Ing. Dr. Michael Fuchs, seine Begeisterung in Worte. MIRNO MORE steht für Toleranz, friedliche Konfliktlösung, Freundschaft Das Projekt MIRNO MORE wurde vor 16 Jahren ins Leben gerufen, um Kindern aus den damals vom Krieg erschütterten Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens die Möglichkeit zu geben, ihren oft tristen Alltag zu vergessen. Der Gründer der Initiative, Christian Winkler, formuliert die Intention des Projektes wie folgt: Wir wollen Kindern und Jugendlichen, egal welcher Herkunft oder Religionsangehörigkeit, die Möglichkeit bieten, im Zuge einer Segelwoche Hass und Vorurteile über Bord zu werfen, Toleranz sowie friedliche Konfliktlösung zu trainieren und Freundschaften über ethnische und soziale Grenzen hinweg zu schließen. Mit der Jahr um Jahr steigenden Anzahl der Teilnehmer wurde 2010 mit über 950 TeilnehmerInnen zum Rekordjahr. Die TeilnehmerInnen sind seelisch sowie körperlich behinderte Kinder und Jugendliche aus Kinderheimen und -dörfern, Sozialwohngemeinschaften, Therapieeinrichtungen sowie aus diversen Schulen. Diesjährig waren auf der A1- Friedensflotte insgesamt über 20 Nationalitäten vertreten und über 100 Schiffe im Einsatz, was eine professionelle 20 Die Berufsretter 17/2010

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