S Ü D W E S T R U N D F U N K F S - I N L A N D R E P O R T MAINZ S E N D U N G:

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1 Diese Kopie wird nur zur rein persönlichen Information überlassen. Jede Form der Vervielfältigung oder Verwertung bedarf der ausdrücklichen vorherigen Genehmigung des Urhebers by the author S Ü D W E S T R U N D F U N K F S - I N L A N D R E P O R T MAINZ S E N D U N G: Operieren bis zum Tode: Warum selbst sterbenskranke Menschen noch mit aufwändigen Operationen gequält werden Autoren: Kamera: Schnitt: Swantje Hirsch Heiner Hoffmann Gottlob Schober Sigurd Frank Harald Mellwig Marco Peschmann Alexander Jung Moderation Fritz Frey: Unnötige Eingriffe bei Todkranken machen Kliniken auf Kosten Sterbender Kasse? Angehörige klagen an: O-Ton:»Das hätte man einem für mich absehbar sterbenden Menschen, das hätte man ihm nicht antun dürfen.«guten Abend zu REPORT MAINZ. Es ist eine bedrückende Vorstellung: Schwerstkranke dem Tode näher als dem Leben werden mit großem Aufwand operiert, und wenig später sterben sie dann doch.

2 2 Zurück bleiben trauernde Angehörige und die Frage: Musste diese Tortur einer Operation wirklich noch sein oder ging es nur um schnell verdientes Geld am Operationstisch? Swantje Hirsch, Heiner Hoffmann und Gottlob Schober sind dieser Frage nachgegangen. Bericht: Es gibt noch keinen Grabstein. Vor wenigen Wochen ist der Bruder von Gudrun Schülke gestorben. Er war todkrank, Herz und Organe konnten nicht mehr. Sein Ende im Krankenhaus aber empfand seine Schwester als unwürdig.»nach meinem Eindruck hat man meinen Bruder nicht sterben lassen. Das Gesicht, das er hatte an seinem Todestag, das war für mein Empfinden gequält, und das war für mich, das war für mich fast unerträglich.«ihr Bruder sei sich darüber bewusst gewesen, dass er bald sterben würde. Dennoch, erzählt uns Gudrun Schülke anhand ihrer Aufzeichnungen, sei medizinisch das volle Programm erfolgt: Bypass-OP, immer wieder Reanimationen, Beatmung, künstliche Ernährung und einen Tag vor seinem Tod noch eine weitere aufwändige Operation am Herzen.»Das hätte man einem so schwer kranken und doch für mich absehbar sterbenden Menschen, das hätte man ihm nicht antun dürfen.«die Klinik bestätigt den sehr schlechten Herz- und Gefäßstatus des Patienten, beteuert aber: Kein Arzt würde und dürfte in solch einem Fall die Behandlung abbrechen. Gudrun Schülke dagegen erzählt uns, Ärzte hätten die Hoffnung für ihren Bruder längst aufgegeben. Den letzten Eingriff hätten sie trotzdem unbedingt machen wollen.»zumal mir der eine Arzt gesagt hat, es ist ja eigentlich gar nichts mehr zu machen. Diese OP ist, Zitat: eine Verzweiflungsaktion.«

3 3 Tatsächlich eine Verzweiflungsaktion? Heute hat sie einen schwerwiegenden Verdacht.»Wenn man so etwas macht, dann drängt es sich mir auf, dass dahinter ökonomische Gründe stehen.«ein schwerer Vorwurf und offenbar kein Einzelfall. Dorit Crummenauers Mutter erkrankte schwer am Darm. Die Ursache wurde aber viel zu spät erkannt. Obwohl es dann keine Hoffnung mehr gab, haben die Ärzte trotzdem noch operiert. Kurz danach starb sie. O-Ton, Dorit Crummenauer:»Das ist eigentlich ein Skandal, dass man jetzt todkranke Menschen noch eigentlich quält und auch die Angehörigen dazu.«wir treffen eine weitere Angehörige. Auch Illona Schöngrafs Mann war unheilbar erkrankt an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sie erzählt uns, dass er noch eine Lebenserwartung von rund sechs Monaten hatte. Durch die Folgen einer überflüssigen Operation starb er aber viel früher. O-Ton, Ilona Schöngraf:»Man hat Lebenszeit gestohlen oder ein halbes Jahr wenigstens.«illona Schöngraf zeigt uns ein Gutachten, das sie zusammen mit ihrem Anwalt erwirkt hat. Es gibt ihr Recht: Ihr Mann hätte nicht mehr operiert werden dürfen. O-Ton, Ilona Schöngraf:»Wir haben doch im Prinzip davon gar keine Ahnung, was passiert. Und man muss das sind, wie man so schön sagt, Götter in weiß, sind sie zwar nicht, aber trotzdem vertraut man ja den Leuten.«Unnötige Operationen bei Todkranken? Warum sind solche Eingriffe für Kliniken interessant? Jede Operation bringt Geld. Je mehr Behandlungen, so genannte Fälle, stattfinden, desto mehr kann abgerechnet werden. Da ältere Menschen meistens unter vielen Krankheiten leiden, lassen sich zusätzliche Behandlungen leichter rechtfertigen als bei Jüngeren.

4 4 Professor Michael Simon von der Fachhochschule Hannover hat Studien zum Fallpauschalensystem gemacht. Anonym haben ihm Chefärzte gestanden, dass sie Operationen auch bei schwerstkranken Patienten aus ökonomischen Motiven durchführen. O-Ton, Prof. Michael Simon, FH Hannover:»Es gab durchaus in diesen Interviews dann auch Aussagen, dass bestimmte Behandlungen diagnostisch, therapeutisch durchgeführt wurden, und Zweifel an der medizinischen Notwendigkeit bestanden. Dass dieses Phänomen in den Krankenhäusern seit einigen Jahren zu beobachten ist, dafür gibt es, finde ich, ausreichend Hinweise.«Für die betroffenen Angehörigen ist das ein Unding. O-Ton, Dorit Crummenauer:»Dass die Klinik dafür noch Geld bekommen hat, für eine Operation, die ja zu diesem Zeitpunkt vollkommen sinnlos war, finde ich einen Skandal.«Die Deutsche Krankenhausgesellschaft dementiert alle Vorwürfe. Krankenhäuser seien dem Leben und der Vermeidung von Leiden ethisch und moralisch verpflichtet. Zusätzliche oder gar unnötige Operationen würden durch das Fallpauschalensystem nicht generiert. O-Ton, Prof. Michael Simon, FH Hannover:»Man kann schon davon ausgehen, dass es ökonomische Anreize gibt, die gerade bei älteren mehrfach erkrankten Patienten im Endstadium der Erkrankung auch schon den ökonomischen Anreiz setzen, dass dann noch die eine oder andere Behandlung noch durchgeführt wird.«der Gesundheitsökonom, Gerd Glaeske, fordert deshalb eine schärfere Kontrolle bei todkranken Patienten, um unnötige Operationen zu verhindern.

5 5 O-Ton, Prof. Gerd Glaeske, Universität Bremen:»Die politische Forderung muss sein, dass bei solchen Fällen, insbesondere bei älteren Menschen, die auch kurz vor dem Tod stehen, nicht ein Arzt, nicht der Chirurg allein entscheidet, ob eine OP durchgeführt wird, sondern, dass es ein Mehraugenprinzip ist. Ich brauche eine Operations-Konferenz.«Frau Schülke hat inzwischen einen Protestbrief an das Krankenhaus geschrieben. Frau Crummenauer und Frau Schöngraf haben mit Hilfe ihres Anwalts Schadenersatz- und Schmerzensgeld bekommen.

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