Grüne Vorreiter. Energieoptimierung im Rechenzentrum mit GreenICT

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1 Technology Karsten Prey, Marco Chiesa Grüne Vorreiter Energieoptimierung im Rechenzentrum mit GreenICT Klimawandel, nachhaltige Ressourcennutzung und energiesparende ICT sind in aller Munde. Den CIO eines Unternehmens und seine RZ- Leiter interessieren aber ebenso die Kostensenkungspotenziale eines grünen Rechenzentrumsansatzes. Aus dieser Sicht stellen wir Energieeinsparungspotenziale dar, berichten aus umgesetzten Projekten und zeigen auf, was sich ICT aus der Telekommunikationsbranche abschauen kann. 68 Detecon Management Report 1 / 2010

2 Grüne Vorreiter A uf Rechenzentren der Enterprise- und Carrier-Klasse kommen seit mehreren Jahren diverse neue Anforderungen zu, die durch das IT-Management umgesetzt werden müssen: Neben den klassischen Erweiterungen des Anwendungsbetriebs, getrieben von Geschäftsprozessen oder Prozessoptimierungen im Sinne des IT Service Managements, spielen insbesondere Kostenreduktionen eine große Rolle. Kostenoptimierungspotenziale und wenig Nachhaltigkeit bestimmen die Ausgangslage Dabei verschieben sich die Handlungsbedürfnisse. Während in der Vergangenheit Kostenoptimierungen durch Prozessstandardisierungen und fallende IT-Infrastrukturkosten im Vordergrund standen, rücken nun die Umsetzung von GreenICT und Energieeinsparungen in den Mittelpunkt vieler Projekte. Auch hier geht es natürlich primär um die Senkung der Kosten, da die Position Energie in den letzten Jahren mit bis zu 50 Prozent Anteil an den Betriebskosten eines durchschnittlichen LargeIT-Rechenzentrum deutlich angewachsen ist. Gleichzeitig ist trotz der Diskussion in der Politik zu konstatieren, dass die Umgebungstemperaturen von Rechenzentren kon- tinuierlich steigen. Damit nehmen selbst bei gleichbleibender technischer Ausstattung die Anforderungen an die Außengeräte der Klimasysteme zu, welche die Wärme an die Umgebung abgeben. Hinzu kommt, dass genau diese technische Ausstattung nicht konstant bleibt, sondern immer höhere Packungsdichten der IT-Infrastruktur, zum Beispiel durch Blade-Server, die benötigte Kühlleistung um ein Vielfaches erhöht. Die Projekterfahrung zeigt, dass sich die Klimatisierungsbedürfnisse in einer ähnlichen Steigerungsrate zu der jeweiligen Steigerung der Außentemperatur verhalten. Dementsprechend nehmen die Klimatisierungskosten insgesamt, besonders RLT-Anlagen/ HVAC 1, weiter zu. Die vor fünf bis zehn Jahren prognostizierte Idee von schrumpfenden Rechenzentren hat sich rückblickend nicht bewahrheitet ganz im Gegenteil zeigt die Beobachtung, dass weltweit immer größere Rechenzentren höherer Verfügbarkeitsklassen errichtet werden. Eine genauere Analyse des Stromverbrauchs untersuchter Rechenzentren in mehreren Detecon-Projekten ergab, dass nur zirka 30 Prozent der Energie für IT-Infrastruktur (Server, Speicher und Netzwerke) verbraucht wird. Über 55 Prozent werden 1 RLT: RaumLuftTechnik / Klimaanlagen, HVAC: Heating, Ventilation, Air Conditioning 69 Detecon Management Report 1 / 2010

3 Technology für die Klimatisierung unterschiedlicher Komponenten benötigt. Gerade dieser Faktor lässt sich durch Einsparungsmaßnahmen deutlich um bis zu 45 Prozent reduzieren. Die Maßnahmen sind teilweise einfach in existierenden Umgebungen anwendbar, einige lassen sich zukünftig und langfristig in neuen Architekturen umsetzen. Auch jetzt schon lässt sich viel tun! Die im Folgenden beschriebenen Maßnahmen beruhen auf technischen und ingenieurmäßigen Grundfähigkeiten, die schon lange in der Strom- und Klimatechnik umgesetzt werden, im Rahmen der Optimierung von Rechenzentren jedoch das beschrieben hohe Potenzial bieten. Grundlage aller Veränderungen sind Ergänzungen zum Messen, Steuern und Regeln im Rechenzentrum. Hier sind zwar einige Ergänzungen und Investitionen notwendig, die aber auch sukzessive umgesetzt werden können und damit das Budget nur eingeschränkt belasten. Ziel dieser Maßnahmen sollte sein, Energieverbrauch und klimatische Kälte- und Luft strömungen so detailliert wie möglich zu messen, um eine klare Basis für alle Entscheidungen zu haben. Es gilt also, alle Stromanbindungen wie HSHV, NSHV 2, Stromschienen, Racks und Bladecenter sowie einzelne Server mit Messpunkten und (Aus-) Schaltungspunkten zu in einer baumartigen Struktur zu versehen. Dies lässt sich teilweise kurzfristig und nachträglich für kritische Komponenten realisieren, kann aber situations-anhängig auch nur im Rahmen eines Neubaus oder der Neukonzipierung des Rechenzentrums möglich sein. Weiterhin ist eine Integration mit einem Out-Of-Band Management System möglich, zum Beispiel Ein-/Ausschalter, was die Steuerung der Stromnutzung neben den generellen System-Steuerungsfunktionen stark vereinfacht. Es ist generell zu empfehlen, hierbei in den folgenden sechs Schritten vorzugehen: 1. Festlegung einer Mess-Strategie: Was soll in welchen Zeitabständen wie genau gemessen, gesteuert und geregelt werden? 2. Festlegung von KPIs 3 zur Messung der Erfolge in der Optimierung (siehe auch Kasten). 3. Erarbeitung einer technischen Architektur-Plattform für die Messungen. 4. Auswahl der geeigneten Messgeräte beziehungsweise der (des) Hersteller(s). 5. Integration in die gesamten Monitoring- Prozeduren des Unternehmens inklusive des Out-Of-Band-Managements. 6. Implementierung eines Reporting und Berichtswesens. Eine einfache Aufstellung der Racks und Systeme in einem Warmluftgang/Kaltluftgang-Konzept sollte eigentlich heutzutage eine Selbstverständlichkeit sein. Historisch gewachsene, insbesondere kleine Rechenzentren sind aber oftmals noch nicht nach diesem Prinzip aufgebaut. Auch nachträgliche Veränderungen, welche ursprünglich als reine Provisorien geplant waren, wirken sich oft störend auf die Raumluftzirklulation aus. Natürlich ist das Messen der Strömungsverhältnisse und Klimabedingungen in einem Raum und die anschließende 3D-Strömungssimulation (CFD-Simulation Computational Fluid Dynamics) eine sehr aufwändige Aufgabe, verlangen eine hohe Einmalinvestition und stellen nur ein Momentabbild dar. Dementsprechend lohnt dieser Aufwand auch nur nach einer Vorabanalyse und Rechenzentrumsbegehung (Stichwort: Seltsames Luftströmungsverhalten in den Gängen ) durch einen Spezialisten, der kritische Punkte und Fragen aufgeworfen hat. Übliche Temperaturmessfühler können ebenfalls schon Aufschlüsse für den Bedarf einer solchen sehr teuren Strömungsanalyse ergeben. Die Frage der direkten Wasserkühlung am Rack beziehungsweise System- versus Raum-Luft-Klimatisierung lässt sich im Moment auf zwei wesentliche Entscheidungskriterien reduzieren: Ab zirka acht bis zehn kw Kühlbedarf pro Rack werden existierende Raum-Luft-Klimatisierungen ineffizient oder gar überfordert. Als Lösung lassen sich Kaltgangeinhausungen zurüsten, welche die abzuleitenden Wärmelasten auf bis zu 15 kw erhöhen. Darüber hinaus bleibt insbesondere für Systeme mit sehr hohen Abwärmeleistungen, zum Beispiel Blade- oder High-Density-Systeme größer 15 kw, nur eine direkte Wasserkühlung am oder im Rack. Die verschiedenen Hersteller von Rack-Systemen wie Rittal, Knürr, Schroff und Schäfer oder Emerson-Liebert bieten inzwischen flexible Einbau- und Erweiterungslösungen an, die auch nachträglich und unterbrechungsfrei in einem Rechenzentrum integriert werden können. 2 HSHV Hochspannungs-Hauptverteiler NSHV Niederspannungs-Hauptverteiler 3 KPI Key Performance Indicator 70 Detecon Management Report 1 / 2010

4 Grüne Vorreiter Trotz der Möglichkeit des nachträglichen Zurüstens von Direktkühlsystemen ist die Historie eines existierenden Rechenzentrums zu beachten. Zusätzliche Wasserkühlungssysteme benötigen unter Umständen Spezialanschlüsse, die manchmal nicht einfach zu realisieren sind oder Erweiterungen einer existierenden begrenzten Stromzuführung inklusive der Sicherungskomponenten wie USV 4 oder Generator. In diesen Fällen sollte die Integration einer Wasserkühlung, auch unter Sicherheitsaspekten und Überlegungen zu Wasserschäden, eher bis zu einem Neubau oder Umzug verschoben werden. Sourcing-Optionen externer Rechzentrum-Dienstleister beziehungsweise strategische Grundüberlegungen zum Rechenzentrum können hierbei natürlich auch eine Rolle spielen. In der Zwischenzeit kann der Ausbau der existierenden Raum-Luft- Klimatisierung auch bei sonstigen negativen Aspekten, zum Beispiel verschlechterte Luft-Strömungsverhältnisse im Serverraum, verbessert werden. Weitere herkömmliche Optimierungsmaßnahmen sind sinnvoll. Nach einer Strömungsanalyse können einfache Ergänzungen von Strömungsleitblechen oder Dämmmatten in den Racks die Strömungsverhältnisse so weit optimieren, dass deutliche Einsparungen in der Klimatisierung und damit im Stromverbrauch messbar werden. Neue Konzepte und RZ-Strategien ergänzen die kurzfristigen Maßnahmen In Zukunft werden Rechenzentren vermehrt energieoptimierende und kostensparende Versorgungslösungen umsetzen. In Regionen mit hoher oder mittlerer Sonneneinstrahlung können Rechenzentren durch Solarzellen-Anlagen gespeist werden. In küstennahen Bereichen und anderen windreichen Gegenden der Welt, zum Beispiel deutsche Nordseeküste, eignen sich Windkraftanlagen oder ganze Windparks als erneuerbare Energiequelle und Basis einer kostensparenden und nachhaltigen Stromzulieferung im Rechenzentrum. Mit Biogas betriebene Brennstoffzellen liefern zusätzliche Energie besonders als Ersatz für USV und Generatoren. Eine Brennstoffzelle ist wie ein elektrisches Sandwich aufgebaut. Sie erzeugt Strom und Wärme, wenn die elektrische Anode mit Wasserstoff und die Kathode mit Luftsauerstoff versorgt werden. Dazwischen befindet sich ein Elektrolyt aus Lithium- und Kaliumkarbonat. Wird der Brennstoffzelle Methan und Wasser zugeführt, so setzt sie Wasserstoff frei. Der Wasserstoff reagiert mit den Karbonat-Ionen des Elektrolyten zu Wasser und Kohlendioxid, wobei Elektronen frei werden. Das Kohlendioxid wird zusammen mit Luftsauerstoff der Kathode zugeführt. Beim Verbrauch der Elektronen bilden sich ständig neue Karbonat-Ionen, wobei wiederum Wärme frei wird. Die Karbonat-Ionen wandern durch den Elektrolyten zur Anode und schließen somit den elektrischen Kreislauf. Neben den etablierten chemischen Speichern (USV-Akkus) haben die kinetischen Energiespeicher ihre Marktreife erlangt. Neue Werkstoffe wie Glas- und Kohlefaser- Verbundstoffe und die kostengünstigere Herstellung von Hochtemperatur-Supraleitern verhelfen den Schwungmasseenergiespeichern zu berührungslosen Lagern und zu neuen Leistungswerten. Damit lassen sich Energiespeicher mit hoher Kurzzeit-Wirklast als Erstversorgung im Stromausfall realisieren, die gleichzeitig eine Energiesparfunktion geschätzt 30 Prozent haben. Weiterhin können Rechenzentren über direkten Anschluss und die Einleitung von Grundwasser, Flüssen und Seen Kühlkapazitäten der Natur nutzen, um so den Energieverbrauch weiter zu minimieren. Server und Racks können direkt mit ihren Kühlungsfunktionen angeschlossen werden. Alternativ kann durch Einleitung der Flüssigkeit in die Klimageräte eine indirekte Einsparung erfolgen. Auch weitere passive Kühlfunktionen über sogenannte Wärmetauscher werden möglich, solange Außentemperaturen unter 20 Celsius bleiben. Damit wird eine fast energielose Kühlung mit einer Reduktion von bis zu 80 Prozent der Energiekosten, abhängig von der Umgebungstemperatur, möglich. Ergänzende Geräte für wärmere Jahreszeiten, auf die wir uns einstellen müssen, werden natürlich notwendig. Die Umwelt spielt eine immer größere Rolle bei der Standortwahl für ein neues Rechenzentrum. Das Rechenzentrum wird nur bis zu einer gewissen Außentemperatur mit freier Luft gekühlt. Die Kühlung durch eine oberflächennahe Erdwärme- Einleitung wird möglich, da in zehn Meter Tiefe zirka 10 Celsius Temperatur-Differenz gemessen werden. Diese negative Energiebilanz der Tiefe kann im Rechenzentrum zur Kühlung genutzt werden. Eine Modularisierung des Rechenzentrums sollte heutzutage als Selbstverständlichkeit gelten: Mehrere kleine Serverräume bie- 4 USV: Unterbrechungsfreie Stromversorgung (meist auf Basis von Akkus) 71 Detecon Management Report 1 / 2010

5 Technology 72 Detecon Management Report 1 / 2010

6 Grüne Vorreiter ten neben der Erhöhung der Sicherheit und des Brandschutzes für jede Anwendungs- und Systemklasse ein eigenes Klima. Sie lassen sich individuell anpassen und steuern. In diesen Spezial räumen können einige Serversysteme sogar mit deutlich höheren Temperaturen betrieben und so Klimatisierungskosten eingespart werden. Mit variablen Raumhöhen, verschiedenen Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten sowie neuen Chips, die weniger Energie verbrauchen, lässt sich der Energieverbrauch eines Rechenzentrums weiter reduzieren. Mit allen diesen Maßnahmen wird das Rechenzentrum gleichzeitig Energieerzeuger und Energieverbraucher. Es ist damit Teil eines Stromnetzes mit vielen Mitspielern, ein sogenanntes Electrical SmartGrid. Darüber hinaus kann es als Heizung genutzt werden. In einem Detecon-Projekt wurde ein nicht mehr genutzter Swimming-Pool eines Tagungshotels mit Hilfe eines eingebauten Doppelbodens und einer Kaltgangeinhausung ertüchtigt und dient so als partieller Energielieferant für das Hotel. Eine Wärmeabgabe in die Büros eines Rechenzentrums ist ebenfalls denkbar. Das Future Green Enterprise Data Center Ein zukünftiges, dynamisches und adaptives Green Enterprise Data Center (GEDC) passt sich in allen Bereichen der IT und besonders auch der Energienutzung an die jeweiligen Bedürfnisse und Gegebenheiten des Geschäftes sowie der Anwendungs- und Systemlandschaft an. Für den Aufbau eines solchen GEDC gibt es aus unserer Sicht sieben Haupterfolgsfaktoren und Basistechnologien (siehe Abbildung nächste Seite): 1. Eine weitestgehende Virtualisierung der IT-Infrastruktur, das heißt aller Server, Speicher- und Netzwerk-Komponenten. Dies kann insbesondere beim Einsatz hochkompakter Blade- Systeme punktuell erhöhtem Energieverbrauch führen, welcher aber potentiell durch die Reduktion von Bestandsgeräten ausgeglichen wird. Intelligent verwaltete Virtualisierungslandschaften, wie zum Beispiel vmware Enterprise Management Konsole oder IBM s Tivoli Dynamic Infrastructure Management Environment, erlauben es den Administratoren so, die Gesamtumgebung so zu optimieren, dass deutliche Einsparungen in Höhe von 20 Prozent möglich sind. 2. Dies setzt die entsprechenden Werkzeuge für eine Ende-zu- Ende Automatisierung voraus, damit von der Anwendungsebene über Middleware, Infrastruktur und Systeme ein sollständiges Monitoring und automatisierte Steuerung des GEDC möglich wird. Auch die Strom- und Klimatisierungskomponenten werden in diese Automatisierung miteinbezogen und gesteuert. 3. IT Service-Management Prozesse auf Basis des ITIL-Standards versetzen die Mannschaft des Rechenzentrums dazu in die Lage, Service-Prozesse so weit zu optimieren, dass auch hiermit Energieeinsparungen möglich und mit Hilfe automatisierter Komponenten umgesetzt werden können. 4. Kompakte IT- und Informationsstrukturen bilden einen weiteren Baustein für das GEDC. Dies beinhaltet sowohl kompakte Server, Speicher- und Netzwerksysteme als auch Software- Komponeten für beispielsweise Datenbanken. 5. Umfängliche Sicherheitskomponenten für ein Rechenzentrum, zum Beispiel moderne Verfahren zur Sauerstoff-Reduktion der Raumluft und damit Brandvermeidung oder ganzheitliche Leitstands-Sicherheits-Systeme, ergänzen das GEDC. 6. Außerdem muss das GEDC in eine ganzheitliche Strategie und Business Continuity eingebunden werden, um so Katastrophen und Notfälle (gemäß BSI 100/4) und Verfügbarkeiten mit Hilfe von Redundanzen abzudecken. Hierbei spielt nicht nur das Einzelne eine Rolle, sondern gesamte Rechenzentrums-Verbünde müssen sich auch unter GreenICT-Ansätzen bewähren. 7. Somit wird die Energieeinsparung im Rechenzentrum ganzheitlich in einem GreenICT-Ansatz umgesetzt. Aus dieser Aufzählung wird aber auch deutlich, dass ein Future Green Enterprise Data Center nicht nur energiesparende Seiten 73 Detecon Management Report 1 / 2010

7 Technology hat, sondern auch insgesamt die Zukunft und Trends der Rechenzentrumswelt abdeckt. In der Praxis werden sich die Technologien und Lösungen, zum Beispiel ganzheitliche Automatisierung, für solch ein Rechenzentrum erst im Laufe der nächsten vier bis fünf Jahre entwickeln und stabilisieren. Damit können sie auch in einem konkreten Projekt erst schrittweise umgesetzt werden. Um hierbei einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess einzuleiten, empfiehlt sich die Definition von KPIs für die genannten sieben Faktoren. Nur so lässt sich über diesen Zeitraum messen, wie die Verbesserungen umgesetzt werden und sich auswirken. Rechenzentren entwickeln sich also weiter. Neben der Optimierung der Energieeffizienz, Virtualisierungsmaßnahmen, Verfügbarkeit, ITIL-Prozesse oder Automatisierung spielen Sourcingund Provider-Optionen eine immer größere Rolle. Generelle Strategien wie das Green Enterprise Data Center mit seinen dynamischen und adaptiven Strukturen werden das Aussehen von Rechenzentren und Serverräumen in den nächsten zehn Jahren bestimmen. Cloud Computing als neues Strukturierungs-, Geschäfts- und Marketing-Element wird ebenfalls eine große Rolle spielen. Für GreenICT- und Energieeffizienz-Ansätze werden auf nationaler (VDE/DKE), europäischer (CENELEC Code of Conduct) und internationaler Ebene (BICSI) Standards entwickelt, die in den nächsten Jahren aktiv werden. Dies führt zur Vereinfachung von Prozessen und zum Angleichen von Technologien und erst das macht Einsparungen allgemein umsetzbar. Was man von der Telekommunikationsbranche abschauen kann Eine ganz andere Welt zeigt die Telekommunikationsbranche: Die klassischen Network Operation Center der Festnetzanbieter oder die Mobile Switching Center der Mobilfunk-Anbieter sind wegen ihrer starken Herstellerstandardisierung in sich höchst effizient und energieoptimal ausgelegt. Vielleicht lässt sich von den Lösungen der Telekommunikations-Branche eine Scheibe abschneiden und Ideen und Konzepte übernehmen, um die GreenICT GEDCs noch weiter zu optimieren. Die Power & Air Solutions (PASM), eine 100% Tochter der Deutsche Telekom AG, betreibt zirka Anlagen zur Verfügbarkeitssicherung der ICT-Technik zirca RLT- Anlagen und GEV-Anlagen. Aufgabe der PASM ist Abbildung: Die sieben Haupterfolgsfaktoren und Basistechnologien Virtualisierung und dynamische Infrastruktur Ende-zu-Ende Automatisierung und Management GreenICT im Rechenzentrum/ Energieeffizienz ITIL-basiertes IT Service Management Business Continuity/K-Fall Vorsorge/Verfügbarkeit Umfängliche Sicherheit im Rechenzentrum Kompakte IT und Informations- Infrastruktur Quelle: Detecon 74 Detecon Management Report 1 / 2010

8 Grüne Vorreiter die Herstellung energiebasierter Produkte für die Telekom mit Spannung, Verfügbarkeit und Klimatisierung, aber auch die gesamte Strombeschaffung für den Konzern. Dazu kauft PASM circa 0,6 Prozent des deutschen Gesamtstromverbrauches am Großhandelmarkt und auch direkt an der EEX (European Energy Exchange) in Leipzig ein. Zur Optimierung des Energiebedarfes in den technischen Standorten wurde ein Projekt zur Identifizierung von Maßnahmen initiiert. Im Projekt ETS 300 wurden acht ausgewählte Technikstandorte auf folgende Energieoptimierungsmaßnahmen überprüft: automatische und variable Volumenstromregelung in der freien Kühlung nach Bedarf, Reduzierung der elektrischen Leistungsaufnahme durch Parallelbetrieb von Ventilatoren der Kompaktanlagen, China als Vorreiter im Green Enterprise Data Center? In China werden derzeit alle Aktivitäten für neue IT- und TK-Komponenten unter Green ICT-Gesichtspunkten aufgesetzt. Dies wird durch Vorgaben der Regierung gesteuert, Steigerungen der Produktivität und des Bruttosozialproduktes immer mit Einsparungen der Energie(kosten) einhergehen zu lassen. Die Vorgaben lauten beispielsweise pro zusätzlichem Prozent Steigerung im Bruttosozialprodukt drei Prozent Energie einzusparen. China verspricht sich hiervon eine geringere Abhängigkeit von Energieressourcen bei stark wachsender Gesamtproduktivität. Diese Vorgaben werden natürlich auf die einzelnen Unternehmen heruntergebrochen und umgesetzt mit der Konsequenz, dass Energieeinsparungsmaßnahmen eine hohe Priorität bei allen Unternehmensentscheidungen haben. In einem Detecon-Projekt bei einem großen Telekommunikations-Provider in China wurden auf der Basis einer GEDC-Strategie und der in diesem Artikel dargstellten Lösungen und Maßnahmen sowie der sieben Erfolgsfaktoren insgesamt 47 KPIs definiert. Diese dienen dem Kunden über die nächsten fünf bis sieben Jahre dazu, den Fortschritt der Entwicklung des GEDC-Ansatzes zu managen und zu steuern. Diese Entwicklung ist in drei Stufen geplant: 1. Enterprise Rechenzentrumsbetreiber mit Fokus auf Infrastruktur-Diensten für konzerninternen Kunden 2. Markt-Anbieter für Infrastruktur-Dienste (IaaS Infrastructure-as-a-Service) 3. Markt-Anbieter für Applikations-Dienste (ASP Application Service Provider) ausgewählter Anwendungen Gleichzeitig sollen die sieben Haupterfolgsfaktoren insbesondere GreenICT umgesetzt werden. automatische Ab- und Zuschaltung von RLT-Geräten in der freien Kühlung, kein Kältebetrieb bei maximaler Luftmenge in freier Kühlung, gleitender Volumenstrom im Kältebetrieb und gleitende Zulufttemperatur im Kältebetrieb. Im Ergebnis wurde eine selbstoptimierende Regelstrategie entworfen, die bei bis zu 18 Grad Celsius Außentemperatur den Volumenstrom bei konstanter Zulufttemperatur regelt. Im Bereich bis 21 Grad Celsius wird die Freie Kühlung in Verbindung mit gleitender Zulufttemperatur und variablem Volumenstrom genutzt. Des Weiteren werden die RLT-Geräte selbsregelnd zuund abgeschaltet. Die Energieeinsparung verdeutlicht ein Beispiel: Im optimierten Betrieb bei einer Raumtemperatur von 33 Grad Celsius und der Verwendung des optimierten Regelverfahrens konnte der Jahresenergieverbrauch an einem Standort von 40,5 auf 26,8 MWh/a reduziert werden. Dies entspricht einer Reduktion um 64 Prozent. Bei einem anderen Standort reduzierte sich der Verbrauch von 37 auf 20,7 MWh/a. Das entspricht einer Verringerung um 44 Prozent. Selbst bei Standorten, die bereits bei der Errichtung nach Gesichtspunkten der Energieeffizienz geplant wurden hier mit Verwendung von ausschließlich ETS 300/3.1 konformer Rechnerhardware sowie Auslegung mit freier Kühlung, ist eine Steigerung der Energieeffizienz um 40 bis 64 Prozent technisch möglich. Zwischenzeitlich wird diese innovative Regelstrategie bei über RLT-Geräten realisiert. Karsten Prey (M.S.) berät seit mehr als 18 Jahren Kunden im Bankenbereich in allen Fragen zu IT-Infrastruktur, Applikationen und Prozess-Optimierung. Seit kurzem leitet er das Team für LargeIT und Data Center Management mit Schwerpunkt in den Financial Services. Marco Chiesa ist Senior Consultant im Bereich IT Organisation mit vieljähriger Projekterfahrung in Telekommunikationsunternehmen. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt in der Verankerung von langfristigen Zielen wie Energieeffizienz und Nachhaltigkeit bei der Gestaltung von Globalen IT Organisationen bei Restrukturierungen. Besonderer Dank gilt Johann Kiendl von der PASM für die freundliche Unterstützung. 75 Detecon Management Report 1 / 2010

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