Schon als Tier hat der Mensch Sprache.

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1 Schon als Tier hat der Mensch Sprache. Herder und seine Abhandlung über den Ursprung der Sprache

2 2 Ebenen der Sprachursprungsfrage 1. Ontogenetischer Sprachursprung: Sprachentstehung im Individuum (Spracherwerb des Kindes) 2. Phylogenetischer Sprachursprung (Glottogonie): Sprachentstehung in der Menschheitsgeschichte

3 3 Dimensionen der Sprachursprungsfrage 1. zeitliche Genesis des Sprachursprungs: Es wird versucht, die Entstehung der Sprache kausal aus bestimmten historischen Bedingungen abzuleiten. 2. Es wird versucht, einen geistigen Prozess zu beschreiben, der bei der Sprachentstehung sinnvolle Zeichen entstehen lässt.

4 4 Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott. (Johannes 1,1) Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. (Genesis 2, 19)

5 5 Warum wurde die Frage nach dem Sprachursprung gerade in der Zeit der Aufklärung (wieder) gestellt?

6 6 Das Interesse an der Sprachursprungsfrage zu Zeiten der Aufklärung [ ] ist darin begründet, daß die Antwort [ ] unmittelbare Konsequenzen für die Beurteilung der intellektuellen Möglichkeiten des Individuums und der Gesellschaft mit sich bringt. Denn je stärker der göttliche Ursprung der Sprache betont wird, je geringer der menschliche Anteil an ihrer Gestaltung ist, desto weniger kann Sprache bloßes Werkzeug des Menschen sein, sich mit ihrer Hilfe die Welt intellektuell anzueignen. (Gardt 1999: 219)

7 7 Abhandlung über den Ursprung der Sprache, welche den von der königl. Academie der Wissenschaften für das Jahr 1770 gesetzten Preis erhalten hat.

8 8 Einige Daten zu Herders Abhandlung : Vortrag von Pierre Louis Moreau de Maupertuis zum Sprachursprung und : zweiteiliger Vortrag von Johann Peter Süßmilch als direkte Reaktion auf Maupertuis Thesen 1766: Veröffentlichung des Textes von Süßmilch unter dem Titel Versuch eines Beweises, daß die erste Sprache ihren Ursprung nicht vom Menschen, sondern allein vom Schöpfer erhalten habe 1769: Die Akademie stellt ihre Preisfrage für das Jahr : Aus den 31 Einsendungen wird Herders Text zum Sieger gekürt 1772: Veröffentlichung der Abhanddlung Herders im Auftrag der Akademie

9 Die Sprache ist das Mittel zum Gebrauch der Vernunft zu gelangen, ohne Sprache oder andere gleichgültige Zeichen ist keine Vernunft. Wer also die Werke des Verstandes will hervor bringen, der muß sich im Gebrauch der Sprache befinden. [ ] Die Sprache, oder der Gebrauch der lautbaren Zeichen ist ein Werk des Verstandes. [ ] Folglich hat derjenige, welcher die Sprache gebildet hat, sich schon im Gebrauch der Vernunft befinden müssen. Könnte der Mensch für den Erfinder angenommen werden, so müßte er sich schon vor der Erfindung der Sprache in dem Gebrauch einer Sprache befunden haben [ ] welches doch als unmöglich erwiesen ist. (Süßmilch 1766; zitiert nach Keller 1994: 42f.) 9

10 10 Preisfrage der Berliner Akademie der Wissenschaften (zitiert nach Gardt 1999: 226): Haben die Menschen, ihrer Naturfähigkeit überlassen, sich selbst Sprache erfinden können? Und auf welchem Wege wären sie am füglichsten dazu gelangt?

11 11 Provokanter Satz als Ausgangspunkt: Schon als Tier hat der Mensch Sprache. Doch ist dies nur eine scheinbare Parallele zu Condillac. Ausführliche Besprechung der Unterscheidung zwischen den Tönen der Natur und der spezifisch menschlichen Sprache. Sprache wird aus der Instinktfreiheit des Menschen begründet; so ergibt sich für Herder die Sonderposition des Menschen in der Natur.

12 12 Menschliche Weltwahrnehmung ist nicht von Instinkten geleitet. Daher kann der Mensch aus dem Strom der Empfindungen einzelne Merkmale (das Blöken) absondern und sie als Kennzeichen eines Tieres/Gegenstandes (das Blökende) wahrnehmen und erinnern. Diese Merkwörter sind laut Herder nicht nur Keime der Wörter, sondern bereits Sprache. Die Fähigkeit, solche Merkmale reflektiert zu erkennen, nennt Herder Besonnenheit und genau diese erzeugt seiner Ansicht nach Sprache.

13 In Artikel II ihrer Satzung legte die 1865 gegründete Societé de Linguistique de Paris fest, dass sie keine Arbeiten annehmen würde, die den Sprachursprung zum Gegenstand haben. (Vgl. Keller 1994: 37) 13 Und auch Ferdinand de Saussure schrieb noch 1916 in seinem berühmten Cours de linguistique générale: [ ] [D]ie Frage nach dem Ursprung der Sprache [ist] nicht so wichtig, wie man im allgemeinen annimmt. Diese Frage sollte man überhaupt gar nicht stellen; das einzig wahre Objekt der Sprachwissenschaft ist das normale und regelmäßige Leben eines schon vorhandenen Idioms. (Saussure 1916/2001: 84)

14 14 Einen direkten, empirischen Zugang zum Anfang der Sprache gibt es nicht. Daher wird die Frage nach dem Sprachursprung heutzutage etwa wie folgt formuliert: Wir können nicht auf Grund der Überlieferung eine historische Schilderung von den Anfängen der Sprache entwerfen. Die Frage, die sich beantworten läßt, ist überhaupt nur: wie war die Entstehung der Sprache möglich? (Paul 1960; zitiert nach Gauger 1995: 25)

15 Literatur 15 Gardt, Andreas (1999): Geschichte der Sprachwissenschaft in Deutschland. Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter. Gauger, Hans-Martin (1995): Die Unmöglichkeit, was Sprache ist, eigentlich zu verstehen. In: Ders.: Über Sprache und Stil. München: Beck, S Herder, Johann Gottfried (2001): Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Stuttgart: Reclam. Keller, Rudi (1994): Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache. Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen, Basel: Francke. Saussure, Ferdinand de (2001): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. 3. Auflage. Berlin, New York: de Gruyter. weiterführende Literatur Gaier, Ulrich (1996): Johann Gottfried Herder ( ). In: Borsche, Tilman [Hrsg.]: Klassiker der Sprachphilosophie. Von Platon bis Noam Chomsky. München: Beck, S Kilian, Jörg (2009): Wie der Mensch seine Sprache (er)findet: Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache. In: Deutschunterricht extra 4, S.4-7. Kirschner, Sebastian (2007): Wie kam das Wort zum Menschen? In: GEO WISSEN 40, S Stetter, Christian (1989): Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache. In: Siepmann, Helmut/Hausmann, Frank-Rutger [Hrsg.]: Von Augustinus bis Heinrich Mann. Meisterwerke der Weltliteratur Bd. III. Bonn: Romanistischer Verlag, S Traufetter, Gerald (2002): Stimmen aus der Steinzeit. In: DER SPIEGEL 43, S

16 Kontakt 16 Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen Eilfschornsteinstr. 15 (Raum 108) Aachen Tel.: 0241/ Fax: 0241/ Internet:

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