Schutz und Unterstützung für geflüchtete junge Menschen Ist das Thema schon durch? Prof. Dr. Jörg M. Fegert Berlin,

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1 Schutz und Unterstützung für geflüchtete junge Menschen Ist das Thema schon durch? Prof. Dr. Jörg M. Fegert Berlin,

2 Gliederung Besonderer Schutzbedarf: Aktuelle rechtliche Situation Schutzkonzepte in Einrichtungen Sustainable Development Goals Flucht und Trauma Was brauchen Fachkräfte? Fort- und Weiterbildung mittels E-Learning PORTA MEIN WEG MEHIRA Zusammenfassung und Fazit

3 Besonderer Schutzbedarf: Aktuelle rechtliche Situation

4 Geflüchtete Kinder und Jugendliche eine vulnerable Population mit besonderem Schutzbedarf Übergriffe auf Kinder und Frauen durch andere in der gleichen Einrichtung untergebrachte Personen und durch Wachpersonal Fälle von Missbrauch durch ehrenamtliche Flüchtlingshelfer Entführungsfälle / Tötungsdelikte Vorschlag für eine Schutznorm im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens für das KJSG Adressaten der Norm: Bundesländer Ziel: Gewährleistung des Schutzes von Frauen und schutzbedürftigen Personen bei der Unterbringung Asylbegehrender : 44 Asyl der AsylG

5 Soll-Regelung in 44 Asylgesetz - 44 (2a): Die Länder sollen geeignete Maßnahmen treffen, um bei der Unterbringung Asylbegehrender nach Absatz 1 den Schutz von Frauen und schutzbedürftigen Personen zu gewährleisten. Keine explizite Erwähnung von Kindern und Jugendlichen Einführung dieser Regelung im Rahmen des Geordnete- Rückkehr-Gesetzes (in Kraft getreten am )

6 Geordnete Rückkehr: Klima gegenüber Geflüchteten in der öffentlichen Debatte Zunächst überwiegend Willkommenskultur Stimmung kippte nach den Ereignissen auf der Domplatte in Köln (Jahreswechsel 2015/2016) Es wird meist über unbegleitete männliche minderjährige Geflüchtete berichtet: Themen wie sexuelle Übergriffe, Grenzsicherung, Abschiebung dominieren die öffentliche Debatte Verändertes Klima wirkt sich sowohl auf die Geflüchteten als auch auf die professionellen und ehrenamtlichen Helfer*innen aus Das Geordnete-Rückkehr-Gesetz markiert einen weiteren Endpunkt in der Entwicklung von der Willkommenskultur zur Austerität

7 Willkommenskultur versus Abwehr

8 Methode Repräsentative, deutschlandweite Stichprobe (n=2.524, 14-96a, 01-03/2016) Orientierung an Fragen der Demoskopie Allensbach Demographische Daten Fragebogen zum Rechtsextremismus-Leipziger Form: FR-LF 18 Items, 6 Subskalen Zustimmung zu Diktatur Chauvinismus Fremdenfeindlichkeit Anitsemitismus Sozialdarwinismus Verharmlosung des Nationalsozialismus Fragen zu Islamophobie und Ablehnung von Asylbewerbern Plener et al., 2017; Decker et al., 2013; 2016; Kiess et al., 2016

9 Einstellungen zu unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten KANN D MEHR UMF AUFNEHMEN? ja nein unentschieden/ keine Antwort 31% 23% 46% Plener et al. 2017

10 Einstellungen zu unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten Regressionsanalyse: Alter, Geschlecht, Einkommen, politische Einstellung, eigener Migrationshintergrund, Schulabschluss, Rechtsextremismus, Islamophobie, Ablehnung von Asybewerbern 44,3% der Varianz erklärt durch 3 Variablen Wald OR (95% CI) Mehr UMF aufnehmen? Gründe für Ablehnung Rechtsextremismus 67.96*** 1.05 ( ) Islamophobie 65.48*** 2.14 ( ) Ablehnung von Asylbewerbern 41.37*** 2.14 ( ) Plener et al. 2017

11 Bleiberecht bei in Deutschland abgeschlossener Schule/ Ausbildung Gleiches Recht auf Zugang zu Schule/ Ausbildungsplatz M 28,0 39,9 21,0 11,1 W 33,4 39,6 19,9 7,1 Gesamt 31,0 39,7 20,4 8,9 M 31,1 39,9 18,7 10,3 W 40,4 35,8 17,3 6,5 Gesamt 36,2 37,7 17,9 8, Angabe in Prozent Stimme voll zu Stimme etwas zu Bin etwas dagegen Bin stark dagegen

12 Klima gegenüber Geflüchteten Neue Verbündete im Bereich der Wirtschaft? => Fachkräftemangel Bildet der Eindruck zur Flüchtlingsdebatte in den Medien die Realität der Menschen ab? Aktuelle Studie aus NRW: In Nordrhein-Westfalen stehen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte im Freundes- und Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft in sehr häufigem bis häufigem und deutlich positivem Kontakt zueinander. Aber: NRW klassisches Einwanderungsbundesland, deshalb hier vermutlich bessere Ergebnisse

13 Bedürfnisse der Geflüchteten finden kaum Beachtung Bedürfnisse von mit der Familie geflüchteten Kindern Schutzbedürfnisse, Bildungsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse nach UN- Kinderrechtskonvention Bedürfnisse im Gesundheitsbereich auf Grund von Traumatisierung und Belastung

14 Artikel 22, Abs. 2 Kinderrechtskonventionen der Vereinten Nationen Zu diesem Zweck wirken die Vertragsstaaten in der ihnen angemessen erscheinenden Weise bei allen Bemühungen mit, welche die Vereinten Nationen und andere zuständige zwischenstaatliche oder nichtstaatliche Organisationen, die mit den Vereinten Nationen zusammenarbeiten, unternehmen, um ein solches Kind zu schützen, um ihm zu helfen und um die Eltern oder andere Familienangehörige eines Flüchtlingskindes ausfindig zu machen mit dem Ziel, die für eine Familienzusammenführung notwendigen Informationen zu erlangen

15 Artikel 22, Abs. 2 Kinderrechtskonventionen der Vereinten Nationen die Eltern oder andere Familienangehörige nicht ausfindig gemacht werden, so ist dem Kind im Einklang mit den in diesem Übereinkommen enthaltenen Grundsätzen derselbe Schutz zu gewähren wie jedem anderen Kind, das aus irgendeinem Grund dauernd oder vorübergehend aus seiner familiären Umgebung herausgelöst ist.

16 Schutzkonzepte in Einrichtungen

17 Schutz in Einrichtungen

18 Problematik Schutzkonzepte und Mindeststandards Alle Studien zu sexuellem Missbrauch in Institutionen zeigen, dass überall wo Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, Missbrauchstaten vorkommen Geflüchtete Menschen sind in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnisse, vergleichbar z. B. zur Situation in der Entwicklungshilfe oder bei Blauhelmeinsätzen Gefahr der Standardaufweichung: Standards zum Schutz werden in diesem Bereich automatisch als Mindeststandards verstanden Mindeststandards werden noch nicht einmal konkretisiert bzw. in der Begründung der Norm erwähnt Förderale Vielfalt bei Unterbringungsstandards (z. B. Ankerzentren in Bayern) und Schutzstandards

19 Was ist ein Schutzkonzept? Ein Schutzkonzept ist ein System von spezifischen Maßnahmen, die für den besseren Schutz von Mädchen und Jungen (vor sexuellem Missbrauch und Gewalt) in einer Institution sorgen ist ein Zusammenspiel aus Analyse, strukturellen Veränderungen, Vereinbarungen und Absprachen sowie Haltung und Kultur einer Organisation

20 Teilbereiche von Schutzkonzepten Analyse Aufarbeitung Schutzkonzepte als Prozesse vor Ort Prävention Intervention Abbildung in Anlehnung an Rörig,2013

21 Ebenen und Elemente von Schutzkonzepten Ebenen Elemente Analyse Gefährdungs- und Potentialanalyse Prävention Präventionsangebote für die Kinder und Jugendlichen Leitbild Verhaltensleitlinien/ Verhaltenskodex Vorgaben zur Gestaltung der Organisationskultur Arbeitsvertragliche Regelungen, z.b. Einholung des Erweiterten Führungszeugnisses, Selbstverpflichtungserklärung Berücksichtigung von Kriterien des Kinderschutzes in der Personalauswahl Regelmäßige Qualifizierung der Mitarbeitenden Partizipationsformen für Kinder und Jugendliche, Eltern und Mitarbeitende Konzept zum Management von Beschwerden und Anregungen Pädagogisches, sexualpädagogisches und medienpädagogisches Konzept

22 Ebenen und Elemente von Schutzkonzepten Ebenen von Schutzkonzepten Elemente von Schutzkonzepten Intervention Konzept zum Umgang mit Fehlverhalten von Mitarbeitenden Leitlinien/Regelungen zum Umgang mit Verdachtsfällen von sexueller Gewalt Aufarbeitung Handlungsempfehlungen zum Umgang mit der Aufarbeitung aufgetretener Fälle Konzept zur Rehabilitation nach Falschbeschuldigung

23 Gefährdungsanalyse Fragestellungen Gibt es Situationen in der Institution, in denen die Rechte von Klienten nicht geachtet werden oder außer Acht geraten könnten? Gibt es spezifische Gelegenheiten im Alltag der Institution, in denen es in Interaktionen zu Nähe-Distanz-Problemen kommen kann? Gibt es in der Institution Gefahrenmomente für Machtmissbrauch, Übergriffe oder grenzverletzende Verhaltensweisen? Wichtig: Gefährdungen, Unsicherheiten und Risiken müssen gemeinsam erkannt und bewertet werden, das heißt Diskussion darüber mit allen Akteuren in einer Institution. Auch für die schwachen Signale sensibel sein.

24 Herausforderungen in Einrichtungen für geflüchtete Familien oder unbegleitete geflüchtete junge Menschen Herausforderung bei der Umsetzung von Schutzkonzepten überall dieselben Monitoring des UBSKM zeigt, dass es schon im etablierten Sektor extrem schwierig ist Schutzkonzepte zu implementieren Monitoring auch in diesem Bereich erforderlich Relativierung von Standards d.h. Relativierung von Schutz in diesem Bereich auf ein Minimum ist inakzeptabel 30 Jahre UN-Kinderrechtskonventionen im Jahr 2019 und Nachhaltigkeitsziel SDG 16

25 Sustainable Development Goals

26 Entwicklungsziele der UN The Road to Dignity by 2030 Ending Poverty, Transforming All Lives and Protecting the Planet

27 Entwicklungsziele der UN 16.2 End abuse, exploitation, trafficking and all forms of violence and torture against children Sexuelle Gewalt gegen geflüchtete Kinder ist auch sexuelle Gewalt gegen Kinder Sexuelle Ausbeutung in Form von Menschenhandel und Kinderprostitution muss in Deutschland von der Politik stärker in den Blick genommen werden

28 Sustainable Development Goal (SDG) 16.2 und Indikatoren Ziel 16.2 End abuse, exploitation, trafficking and all forms of violence against and torture of children Deutsche Übersetzung 16.2 Beendigung von Missbrauch, Misshandlung, Ausbeutung, Menschenhandel und aller Formen von Gewalt gegen Kinder und Folter von Kindern Indikatoren Proportion of children aged 1-17 years who experienced any physical punishment and/or psychological aggression by caregivers in the past month Number of victims of human trafficking per 100,000 population, by sex, age and form of exploitation Proportion of young women and men aged years who experienced sexual violence by age Anteil an Kindern zwischen einem und 17 Jahren, die körperliche Bestrafung und/oder psychische Aggression durch Bezugspersonen im letzten Monat erfahren Anzahl an Opfern von Menschenhandel pro Einwohnern, aufgeteilt in Geschlecht, Alter und Form der Ausbeutung Anteil an jungen Frauen und Männern zwischen 18 und 29 Jahren, die sexuelle Gewalt vor dem 18. Lebensjahr erfahren haben

29 Ergebnisse ISPCAN-Expertise Literaturreview zu erlebter Gewalt von Kindern mit Fluchthintergrund Daten hierzu wären wichtig für Entscheidungsprozesse in der Politik und Hilfen, sind jedoch rar Das Feld ist unterbeforscht: nur wenige Studien beziehen sich auf Kinder, einheitliche Instrumente zur Erhebung fehlen Ergebnisse der Studie: Hohe Prävalenzen für Gewalterleben insbesondere bei unbegleiteten geflüchteten Kindern Hohe Prävalenz für Miterleben von Gewalt Häufigkeit sexueller Gewalt ist vergleichbar zu Bevölkerungsstudien

30 Flucht und Trauma

31 Belastungen von Geflüchteten Häufig traumatische Ereignisse im Heimatland und auf der Flucht Hohes Risiko für sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel insbesondere wenn finanzielle Ressourcen fehlen Risiko für Übergriffe in der Unterbringungssituation durch Mituntergebrachte und Personal der Einrichtung Kinder und Jugendliche sind eine besonders vulnerable Gruppe und benötigen deshalb auch besonderen Schutz und Unterstützung

32 Belastungen von Geflüchteten Ursprungsland Verlusterlebnisse Trennungen Sexuelle Ausbeutung für Schlepperdienste Traumatisierung Flucht Beziehungsabbrüche Verlust des biographischen Kontinuums Traumatisierung während der Flucht Gastland Fremde Kultur Wechsel des Aufenthaltsortes Gefahr von Übergriffen in der Unterbringung Beziehungsabbrüche Spracherwerb, Schule/Ausbildung Diskriminierung Unklarer Aufenthaltsstatus Sorge um Familie, materielle Sorgen Zukunft? Häufig multiple Traumata in der Vergangenheit Hohe Belastung in der Gegenwart und eine ungewisse Zukunft Multiple sequentielle Traumatisierung Bedeutung des second hit

33 Belastungen von Geflüchteten Alle minderjährigen Geflüchteten weisen ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen auf. Akut vor allem posttraumatische Stresssymptomatik Sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) sind besonders vulnerable Gruppe Wichtige Schutzfaktoren wie beispielsweise ein familiäres Umfeld, das Schutz und Unterstützung bietet, fehlen

34 Untersuchung bei UMF in Jugendhilfeeinrichtungen in Deutschland Stichprobe: 191 männliche UMF aus Jugendhilfeeinrichtungen Ergebnisse: Internalisierende Verhaltensauffälligkeiten (emotionale Probleme, Probleme mit Gleichaltrigen) deutlich häufiger als externalisierende Auffälligkeiten (Hyperaktivität, Verhaltensprobleme). Internalisierende Störungen signifikant häufiger als in der Normstichprobe Identifizierte Schutzfaktoren/Ressourcen: prosoziales Verhalten, Möglichkeit zum Familienkontakt, gute Sprachkenntnisse Verhaltensauffälligkeiten und Lebensqualität bei männlichen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Jugendhilfeeinrichtungen in Deutschland In: Kindheit und Entwicklung, 25 (2016), S Autoren: Birgit Möhrle, Claudia Dölitzsch, Jörg M. Fegert, Ferdinand Keller

35 Zeitlicher Verlauf Was brauchen Geflüchtete? Perspektive schaffen Screening psychiatr. Erkrankungen ggfls. Behandlungen Traumaspezifische Maßnahmen Alltagsstrukturen schaffen Sprachunterricht, Schule, Freizeitmöglichkeiten Kontaktaufnahme zu Verwandten Klärung rechtlicher Fragestellungen Ankommen Warmes Essen Unterkunft (Keine Einzelzimmer, wenn möglich nach ethnischen Gruppen)

36 Veränderung der Bedarfe nach Akutphase Zwei Gruppen sind zu unterscheiden: 1) Mit der Familie geflüchtete Kinder und Jugendliche, häufig im Vorschulund Grundschulalter Zentral hier: Integration in die Kita, frühestmöglicher Bildungszugang und Integration ins soziale Umfeld 2) Unbegleitete minderjährige Geflüchtete Zentral hier: Integration in die Sekundarstufe im deutschen Bildungssystem, Aufnahme von Lehre/beruflicher Ausbildung Für Alle: Behandlung von psychischen Störungen, traumaspezifische Interventionen, spezifische Versorgung bei Vorliegen von Behinderung

37 Welche Interventionen sind aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht notwendig? Frühzeitig nach möglichen psychischen Belastungen und Störungen screenen Gezielte Intervention wenn notwendig Entwicklung neuer Therapieoptionen notwendig Resilienzfaktoren stärken Integration in Schule und Ausbildung Spracherwerb Anbindung an Familie/Peergroup Motivation und Bestärkung durch externe Personen Teilhabe fördern

38 Problematiken bei Erreichen der Volljährigkeit Alle verbindlichen Ansprüche auf Maßnahmen nach dem SGB VIII erlöschen. Es drohen Abschiebung, Unterbringung in einer Asylbewerberunterkunft, Abbruch der Ausbildung und Erlöschen einer unterstützenden Vormundschaft. Dies wirkt sich bei den betroffenen Jugendlichen häufig schon im Vorfeld belastend und retraumatisierend aus, gefährdet therapeutische Erfolge oder macht eine Traumatherapie aufgrund der subjektiv empfundenen Bedrohung unmöglich.

39 Problematiken bei Erreichen der Volljährigkeit Psychische Erkrankung und Behandlungsbedürftigkeit führen zu einer Duldung, können jedoch als Duldungsgrund entfallen, sobald es dem Jugendlichen bessergeht. Vormünder betreuen zu viele Jugendliche um deren komplexer Situation gerecht zu werden Im Rahmen gerichtlicher Verfahren zur Klärung eines Abschiebeverbots werden psychische Erkrankungen häufig bagatellisiert und der Therapiebedarf von Jugendlichen heruntergespielt.

40 Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirats in Familienfragen am BMFSFJ Januar 2016

41 Situation von begleiteten minderjährigen Geflüchteten Kinder die mit ihrer Familie nach Deutschland eingereist sind, sind eine zahlenmäßig größere Gruppe als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, werden aber in der öffentlichen Diskussion kaum beachtet Begleitete minderjährige Geflüchtete sind bezüglich der Gesundheitsversorgung schlechter gestellt als UMF => nur Grundversorgung solange keine Anerkennung Psychische Problematiken können sich verfestigen da sie nicht adäquat behandelt werden hten-gefluechtete-familien-data.pdf

42 Gutachten zur Versorgungssituation von geflüchteten Familien - Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen

43 Aktuelles Kurzgutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen Kurzgutachten Familien mit Fluchthintergrund: Aktuelle Fakten zu Familienstruktur, Arbeitsmarktbeteiligung und Wohlbefinden Gutachten derzeit in der Endredaktion Save-The-Date: , Hertie School of Governance Vorstellung und Diskussion des Gutachtens

44 Was brauchen Fachkräfte?

45 Was brauchen Fachkräfte? Rückmeldungen von Teilnehmenden der Online-Kurse des Verbundprojektes ECQAT: hoher Bedarf in der Praxis an Information zu den Thematiken Flucht und Trauma Notwendig sind Kenntnisse zu den Themen Flucht und Trauma, gesetzlichen Regelungen, Belastungseinschätzung bei Geflüchteten, therapeutischen Interventionen und Unterstützung im Alltag sowie der Umsetzung von Schutzkonzepten

46 Fort- und Weiterbildung mittels E-Learning

47 Schwerpunkt E-Learning an der KJPP Ulm An der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm gibt es seit etwa 10 Jahren einen Schwerpunkt der Entwicklung von E-Learning- Angeboten zu Themen des Kinderschutzes Arbeitsgruppe Wissenstransfer, Dissemination, E-Learning : 11 E-Learning- Projekte, davon zwei mit dem Schwerpunkt geflüchtete Minderjährige Verbundprojekt SHELTER (gefördert vom BMBF) Online-Kurs Interkulturelles Verständnis, Kultursensibilität und Psychoedukation im Umgang mit belasteten, traumatisierten und kranken Flüchtlingskindern (gefördert vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW)

48 Verbundprojekt SHELTER

49 Verbundprojekt SHELTER Website: shelter.elearning-kinderschutz.de

50 Verbundprojekt SHELTER Projektleitung (Verbundkoordination) Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm Verbundpartner Prof. Dr. Frank Neuner, Universität Bielefeld Prof. Dr. Wolfgang Schröer, Universität Hildesheim Prof. Dr. Mechthild Wolff, Hochschule Landshut Prof. Dr. Paul L. Plener, Medizinische Universität Wien Prof. Dr. Michael Kölch, Universitätsmedizin Rostock

51 Verbundprojekt SHELTER Ziel des Projektes: Erstellung und Evaluierung von drei Online-Kursen zu Themen, die bei der Versorgung junger Geflüchteter wichtig sind Zielgruppen: Fachkräfte sowie Ehrenamtliche, die mit geflüchteten Minderjährigen arbeiten.

52 Online-Kurse im Projekt SHELTER Online-Kurs Traumafolgen und psychische Belastungen im Kontext von Flucht und Asyl Basisinformationen für Helfende und Unterstützende (Prof. Neuner, Universität Bielefeld) Dieser Kurs wird in zwei Versionen zur Verfügung gestellt: eine Version für approbierte, (trauma-) therapeutisch tätige Fachkräfte eine Version für nicht (trauma-)therapeutisch tätige Fachkräfte und Ehrenamtliche Webseite:

53 Online-Kurse im Projekt SHELTER Online-Kurs Umgang mit selbst- oder fremdgefährdendem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen (Prof. Paul L. Plener, Prof. Michael Kölch) Webseite: Online-Kurs Schutzkonzepte für Organisationen, die Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen betreuen (Prof. Mechthild Wolff, Prof. Wolfgang Schröer) Webseite:

54 Teilnehmende Projekt SHELTER Kurs Trauma im Kontext Flucht und Asyl - Traumatherapie mit Geflüchteten Trauma im Kontext Flucht und Asyl - Herausforderungen in nicht-therapeutischen Berufen Umgang mit selbst- oder fremdgefährdendem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen Schutzkonzepte für Organisationen, die Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen betreuen Anzahl Absolvent*innen Gesamt 1.405

55 Teilnehmende Projekt SHELTER Kurs Berufsgruppen Top 3 Trauma im Kontext Flucht und Asyl - Herausforderungen in nicht- therapeutischen Berufen Trauma im Kontext Flucht und Asyl - Traumatherapie mit Geflüchteten Umgang mit selbst- oder fremdgefährdendem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen Schutzkonzepte für Organisationen, die Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen betreuen 69,2% (Sozial-)Pädagogisches Berufsfeld 7,3% Psycholog*innen 4% Psychotherapeut*innen 77,7% Psychotherapeut*innen 16,3% Ärztinnen/Ärzte 47,9% (Sozial-)Pädagogisches Berufsfeld 16,8% Psychotherapeut*innen 14,6% Psycholog*innen 69,1 % (Sozial-)Pädagogisches Berufsfeld 6,9 % Psycholog*innen 5,1 % Psychotherapeut*innen

56 Lernmaterialien Reflexion Emotionale Kompetenzen Texte/ ebooks Wissen Transfer in die Praxis Expert*in neninterviews Handlungskompetenzen Übungen Fallbeispiele Arbeitsmaterialien

57 Beispiele zur Umsetzung der Lernmaterialien

58 Ergebnisse der Begleitforschung In allen Kursen Große Zufriedenheit mit dem Kursaufbau, den Inhalten und den angebotenen Lernmaterialien Zuwachs an Wissen und Handlungskompetenzen durch die Kursbearbeitung

59 Ergebnisse der Begleitforschung Min = 1 (stimmt nicht) ; Max = 6 (stimmt genau) Laien (n=292) Trauma Therapie (n=204) Schutzkonzepte (n=95) Selbst- und Fremdgefährdung (n=150) Items MW (SD) MW (SD) MW (SD) MW (SD) Mit den Lernmaterialien war ich zufrieden 5,04 (1,0) 5,36 (0,78) 5,05 (0,92) 5,24 (0,75) Mit der Nutzerbetreuung war ich zufrieden. 5,21 (0,95) 5,26 (0,82) 4,95 (0,99) 5,2 (0,76) E-Learning ist eine geeignete Form zur Weiterbildung zu diesem Thema 4,97 (1,0) 5,1 (0,91) 5,02 (1,2) 5,17 (0,87) Der Online-Kurs hat zu einer positiven Veränderung in meinem praktischen Arbeitsalltag beigetragen 4,15 (1,0) 4,67 (1,0) 4,53 (1,05) 4,34 (1,06)

60 Kursteilnahme Die Kursteilnahme ist derzeit nicht mehr möglich Interessierte Personen können sich auf den Kurswebseiten in eine Interessentenliste für eine Kursteilnahme eintragen Derzeitige Interessentenzahlen für Kursteilnahme: Notfall 356 Trauma 598 Schutzkonzepte 257 Wir suchen dringend eine Fördermöglichkeit für den Weiterbetrieb, noch besser wäre eine definitive Verstetigungslösung!

61 Online-Kurs Interkulturelles Verständnis, Kultursensibilität und Psychoedukation im Umgang mit belasteten, traumatisierten und kranken Flüchtlingskindern

62 Webseite: Gefördert vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW Dauer 15 Stunden, Zertifiziert mit 20 CME-Punkten Bisher haben 682 Fachkräfte den Kurs abgeschlossen (überwiegend pädagogische Berufsgruppe mit mehr als 60%)

63 Modulgrafik

64 Kursanmeldung Registrierung für Fachkräfte die im Bundesland NRW arbeiten fortlaufend noch möglich bis : Projekt endet in 12/2019 Auch für diesen Kurs fehlt eine Verstetigungsperspektive.

65 Problem Verstetigung Fördersumme SHELTER: etwas über 1 Million Euro Fördersumme NRW-Projekt: knapp Euro Die weitere Bereitstellung der Kurse würde pro Projekt nur etwa Euro/Jahr kosten, wobei ein Teil der Kosten durch Teilnahmegebühren wieder zurückfließen oder für die Überarbeitung der Kurse angespart werden könnte

66 Projekte der KJPP Ulm Fort- und Weiterbildung: spezifische Online-Kurse Belastungseinschätzung: Projekt PORTA Intervention: Projekt MEIN WEG, Verbundprojekt MEHIRA

67 PORTA

68 Überblick Providing Online Ressource and Trauma Assessment for Refugees (PORTA) - Ein internetbasiertes Tool zur Belastungseinschätzung bei minderjährigen Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung und deren Bezugspersonen Ziel: unkomplizierte, schnelle Erfassung einzelner Belastungsfaktoren, denen minderjährige Geflüchtet ausgesetzt waren und sind, sowie eine schnelle und angemessene Interventionsplanung Direkte Rückmeldung über Belastungsintensität und entsprechende Interventionen

69 Kooperationspartner Nordschwarzwald kbo- Kinderzentr um München KJP Calw SHG Kliniken Saarland Uniklinik Ulm Uniklinik Jena Flüchtlingsambulanz Klinikum Aachen KJP Ruppiner Kliniken Neuruppin

70 Überblick: Fragebögen im Selbst- und Fremdurteil Selbsturteil Ampelscreening CATS 7-17 SDQ RHS SITBI PHQ-9 Selbsturteil Bezugsperson Ampelscreening CATS 7-17 RHS PHQ-9 Fremdurteil Mitarbeiter*in (Betreuer*in, Lehrkraft etc.) Ampelscreening CATS 3-6 CATS 7-17 SDQ im Fremdurteil Fremdurteil Bezugsperson Ampelscreening CATS 3-6 CATS 7-17 SDQ im Fremdurteil Verfügbare Sprachen Deutsch Englisch Französisch Dari/Farsi Pashto Arabisch Tigrinya Somali Russisch

71 Ergebnisse PORTA ist ein einfach zu handhabendes Screening-Tool sowohl für Mitarbeitende in der Flüchtlingshilfe als auch für die Flüchtlinge selbst PORTA zeigt Belastungsfaktoren und Unterstützungsmöglichkeiten der Minderjährigen mit Fluchterfahrung Belastungsfaktoren bei den Geflüchteten deutlich vorhanden und in der Tendenz zunehmend Wichtig: Instrument dient nicht zur Diagnosestellung, sondern zur Einschätzung, ob weitere Maßnahmen notwendig sind.

72 Mein Weg

73 Interventionsüberblick Mein Weg Wen? (Unbegleitete) junge Geflüchtete mit mildermoderater posttraumatischer Stress-Symptomatik Wo? In (stationären) Jugendhilfeeinrichtungen und Schulen Wer? Geschulte (Sozial-)Pädagogen mit intensiver Supervision durch erfahrene Kliniker (KJPP) Wie? In Gruppen Inhalte: Psychoedukation + Relaxation + Pädagogisch begleitetes Traumanarrativ + kognitive Umstrukturierung

74 Gemeinsames Miteinander Klinik und Pädagogik BETTER CARE 2-tägige Schulung Wöchentliche Supervision Manual und andere Materialien Pädagogische Einrichtungen Einrichtungsinterne Koordination Teilnehmer einladen Durchführung der Intervention Teilnahme an Schulung und Supervision Dokumentation

75 Pilotstudie Randomisiert kontrollierte Studie Dissemination und Implementation Januar - Juli 2016 September August 2017 Juli Juli 2018

76 CATS-S Pilotstudie: November 2015-Juli *** 20 0 Prä Post d = 0.97 Mein Weg Elisa Pfeiffer

77 Randomisiert kontrollierte Studie (RCT): September 2016-August 2017

78 CATS-Selbst Ergebnisse RCT-Studie: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) Prä Post 3-Monats Follow- Up Mein Weg Reguläre Betreuung Zeitlich stabile Interventionseffekte

79 PHQ-8 Ergebnisse RCT-Studie: Depression Prä Post 3-Monats Follow- Up Mein Weg Reguläre Betreuung Zeitlich stabile Interventionseffekte

80 Motivation der Teilnehmenden Sehr Hoch Sehr niedrig Sitzung 1 Sitzung 2 Sitzung 3 Sitzung 4 Sitzung 5 Sitzung 6

81 Schulung und Supervision Sehr Hoch 1 Veränderung des Fachwissens der Jugendhilfemitarbeiter*innen 2 2,51 2,35 3 3, Sehr niedrig

82 Dissemination und Implementation 334 gescreente Geflüchtete 17 Jugendhilfeeinrichtungen 133 Teilnehmer 232 Sitzungen 40 Gruppen

83 Verbundprojekt MEHIRA

84 Verbundprojekt MEHIRA - Mental Health in Refugees and Asylum Seekers Ziel des Projektes: Testung eines Modells zur gestuften Gesundheitsversorgung (stepped care) für traumatisierte Geflüchtete Bei Erfolg Übertragung in die Regelversorgung Zielgruppe der Studie sind weibliche und männliche geflüchtete Jugendliche im Alter zwischen 14 und 21 Jahren Beurteilung hinsichtlich des Vorliegens einer klinisch relevanten Symptomatik mittels Fragebögen Wenn Einschluss in Studie möglich Randomisierung in Kontroll- oder Experimentalgruppe

85 MEHIRA Kontrollgruppe Treatment-as-usual, das heißt weitere Diagnostik und therapeutische Routineversorgung Experimentalgruppe Gestuftes Versorgungsmodell Je nach Ausprägung und Schwere der gezeigten Symptome Maßnahmen wie Behandlung via Smartphone-App, Gruppentraining oder Einzelpsychotherapie

86 Zusammenfassung und Fazit

87 Zusammenfassung und Fazit Für die Politik scheint das Thema durch zu sein, für die Praxis aber nicht! Unterstützungsbedarfe haben sich geändert: für die Betroffenen Unterstützungsbedarfe im Kontext von Ausbildung und Arbeit Große Herausforderungen in der Integration jüngerer Kinder in Kita und Grundschule für die Helfenden Großer Bedarf an Fort- und Weiterbildung, Unterstützung bei Belastungseinschätzung und Intervention Rechtliche Regelungen müssen klar und verbindlich sein => Umsetzung von Schutzkonzepten in Einrichtungen?!

88 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!