Megan McCafferty. Dritte Wege. Aus dem Englischen von Ingo Herzke CARLSEN

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1 a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a Megan McCafferty Aus dem Englischen von Ingo Herzke CARLSEN

2 jugendbuch i Die Tücken des Erwachsenwerdens mit viel Herz und Hirn! Im dritten Band von Jessica Darlings schonungslos ehrlichen Tagebüchern geht sie endlich zum Studium nach New York! Einziger Wermutstropfen: Markus geht nach Kalifornien. Wie soll sie es bloß ein halbes Jahr ohne ihn aushalten? Zu allem Überfluss hat Jessica für die Ferien einen Praktikumsplatz bei einer ziemlich coolen Zeitschrift ergattert am liebsten würde sie ihn wieder absagen, um nicht noch einen Monat von Markus getrennt zu sein. Aber so ein klammeriges Mädchen ohne eigene Ziele wollte sie nie werden, also nichts wie los nach Brooklyn in die Zeitschriftenredaktion!» Dritte Male ist voller Leben, origineller Stimmen und unvergesslicher Charaktere.«Harvard Crimson

3 megan mccafferty An: Von: Gesendet: 31. März 2003 Betreff: Poetry Spam Nr. 21 frenetisch flatternd erwacht Kolibris Seele Hallo Hallo Herz --- Weitergeleitete Nachricht --- Von: Joe Mailbiz Gesendet: 30. Mai 2003 An: Betreff: Hallo objektivieren Wohnblock sieden Checkliste Fahrbahn Klumpen Matte freudianisch schalkhaft Kutsche Seele administrativ kuscheln Kretin Flatulenz möblieren Quantität frenetisch siebzigste kontrollierte Trick unermüdlich Stereoskopie Kolibri Mittag Meuterei vierte Dialyse Rückschlag einräumen triumphal Hahnenkamm ablehnen Helikopter erwähnt Prozent Einkommen Begründung Spitzen inkorporieren erwacht Querverbindung Bleiche apollonisch Schädeldecke aufhängen betrügen Ethel vertagen Hemmung Herz bedenken übel Stolz komponieren hegen Droge unverletzt flatternd besänftigen Schock Wal eigenhändig Sägezahn niedergehen sonnig Konnotation austrocknen prüde Hallo

4 jugendbuch erster Immer wieder lese ich Markus neustes Haiku, das ich mir zu genau dem Zweck ausgedruckt habe. Wie ist er bloß auf diese Spam-Lyrik gekommen? Woher kam die Idee, seine Junkmails zu Gedichten zu recyceln? Ich bewundere seine Fähigkeit, die versteckte Schönheit in gewöhnlichen Dingen zu entdecken. Ich vermisse ihn, und ich weiß, er vermisst mich auch. Im Busbahnhof Port Authority darf man nirgendwo sitzen, wenn man nichts verzehrt. Bei Au Bon Pain hat man mich rausgeschmissen, weil ich mein Schnapsglas Orangensaft für vier Dollar dummerweise auf einen Zug ausgetrunken habe. Der Müllwärter mit den Adleraugen teilte mir mit, ich dürfe nun nicht länger an den beschirmten Tischen sitzen. Verzweifelt und vertrocknet verließ ich den Laden. Jetzt sitze ich bei Timothy s World Coffee, wo sie keine Unglück verheißenden Schirme aufgespannt haben. Ich sitze auf einem Barhocker, schreibe die ersten Zeilen in mein neues Tagebuch und versuche, nur winzig kleine Schlucke von meinem überteuerten Poland-Spring-Wasser zu nehmen, um mein Recht auf den Sitzplatz nicht zu verwirken. Ich bin pleite und es gibt nirgendwo Wasserspender, um mein Glas mit Keimen nachzufüllen. Und das ist schlimm, weil ich nämlich literweise saufen könnte. Accutane saugt mir jeden Tropfen Flüssigkeit aus dem Körper. Ich bin ein einziger vertrockneter Hautschuppen. Meine Mundwinkel sind aufgeplatzt und blutig,

5 megan mccafferty weshalb ich immerzu mit dem Fettstift rund um den Mund fahren muss und aussehe, als hätte ich den ganzen Morgen an einem Stück Butter gelutscht. Ich hoffe, wenn ich Markus unter die Augen trete, sind meine Lippen nicht mehr so rissig/fettig. Wüstenhaut und -lippen sind nur zwei der zahlreichen Nebenwirkungen von Accutane. Laut Beipackzettel kann ich außerdem mit Folgendem rechnen: Durchfall, rektale Blutungen Schwere Kopfschmerzen Übelkeit, Erbrechen Stimmungsschwankungen Na, wenn einem bei Durchfall, rektalen Blutungen, schweren Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen nicht die Stimmung schwankt, dann weiß ich auch nicht. Meine Laune wogt auch so schon genug auf und ab, deshalb habe ich mit Accutane nur angefangen, weil meine Mutter darauf bestand. Sie begrüßt begeistert jeden Fortschritt der Kosmetikforschung und ist der Ansicht, es kommt einer Kindesmisshandlung gleich, seine Nachkommen nicht mit makelloser Haut auszustatten. Accutane hat Len Levy geheilt, dessen Gesicht in der Highschool von zornig dunkelroten Pusteln übersät war, also sollte es bei mir auch helfen. Meine Akne ist bei weitem nicht so schlimm wie seine war, aber ich muss meiner Mutter Recht geben, dass meine Haut nie ganz rein ist. Irgendwo im Gesicht schwillt mir anscheinend immer ein Pickel, und wenn er verschwindet, nimmt ein anderer seinen Platz ein. Einer nach dem anderen. Meine tägliche Ration Accutane entspricht der empfohlenen Dosis für einen doppelt so schweren Menschen. Drei

6 jugendbuch schaumig weiche gelbe Tabletten. Ich nehme sie jetzt zum dritten Mal bei den ersten beiden Versuchen zeigte das Medikament keine Wirkung und war seltsam stolz, als mein Hautarzt sagte, dass ihm in fünfundzwanzig Jahren dermatologischer Praxis noch nie so hartnäckige Pickel begegnet sind. Ich bin ein medizinischer Ausnahmefall. Ich stelle mir gern vor, dass Markus mich»einzigartig«nennen würde. Dr. Rosen sagt außerdem, der Zustand meiner Haut sei stressbedingt. Ach was. Vor zwei Wochen habe ich vier Hausarbeiten geschrieben und im Lauf von fünf Abschlussklausuren fünf blaue Hefter vollgeschrieben. Während der Prüfungen habe ich mir aus einem plötzlichen Impuls (und aus Idiotie) den Pferdeschwanz abgeschnitten, weil mir von der Haarspannung ständig die Kopfhaut schmerzte. Der folgende Reparaturhaarschnitt sollte so eine Art intellektuellraffinierter Bob mit kurzem Pony werden, wie bei der Figur Jordan in Real Genius, einem meiner liebsten Teenagerfilme aus den Achtzigern. Weil meine Haare aber immer unbändig in die Gegend stehen, sehe ich eher aus wie Mitch, das verrückte Genie aus dem Film. Einziger Pluspunkt dieser haarsträubenden Fehlentscheidung war, dass ich mich ohne Kopfhautschmerz voll auf die Prüfungen konzentrieren konnte und einen phantastischen Notenschnitt von 3,85 für das Semester schaffte, was meine Eltern freuen wird, jedenfalls vorübergehend. Meine hervorragenden Noten bessern zwar meine finanziellen Aussichten nach der Uni, doch meine derzeitigen Geldsorgen lindern sie nicht. Meine Eltern geben mir nur die allernötigste Unterstützung, denn ich habe ja so ihre Worte selbst beschlossen, mich in Schulden

7 megan mccafferty zu stürzen, weil ich unbedingt an die Columbia wollte und nicht mit einem Vollstipendium ans Piedmont College. Ich stehe zu meiner Entscheidung, aber nicht mehr ganz so leidenschaftlich, seit ich eine klare Vorstellung davon habe, wie lange ich dazu brauchen werde, die Dollar Studiendarlehen abzuzahlen, die ich bis zum BA sammle. Ganz zu schweigen vom folgenden MA und der Promotion, die ich natürlich dringend brauche, damit mein BA in Psychologie überhaupt irgendwas wert ist. Das Erbe meiner Großmutter reicht noch ungefähr für ein halbes Semester, und in den Sommerferien werde ich keinen Cent dazuverdienen, denn kein anständig zahlender Arbeitgeber wird mich einstellen, anlernen und dann für den ganzen Juli wieder gehen lassen, damit ich mein unfassbar tolles, aber total unbezahltes Praktikum bei der Zeitschrift True antreten kann. Während dieser glorreichen Sklaverei wohne ich in New York bei meiner Schwester Bethany (mit der ich außer dem Erbgut nichts gemeinsam habe), ihrem Mann G-Money (der sich seinen Spitznamen verdient hat, indem er Millionen an der Börse gewonnen und wieder verloren und trotzdem noch genug übrig hat, sich in eine hiesige Eispudding- und Donut-Kette einzukaufen, die er landesweit etablieren will) und meiner Nichte Marin (die zwar sehr süß ist, aber dazu neigt, alles vollzukacken) und erleide weitere Wochen der Trennung von meinem Freund, den ich seit sechs Monaten nicht gesehen oder gar angefasst habe und auf dessen Flur im Wohnheim eine Nudistin und Buddhistin namens»butterfly«wohnt, die Kleidung als Fesseln, betrachtet und gar nicht verstehen kann, wieso Nacktheit immer sexuell aufgefasst wird... Also: Stress? Keine Spur!

8 jugendbuch In der Nische vor mir sitzt ein süßes junges Pärchen, noch in der Flitterwochenphase ihrer Beziehung, oder vielleicht sehen sie sich gerade nach langer Trennung wieder. Sie gehen allen auf die Nerven außer sich selbst und tauschen, seit sie sich hingesetzt haben, ständig kleine Küsschen aus. Hin und her und hin und her, quer über den Tisch, Küsschen, Küsschen, Küsschen. Mir sind saftige Zungenküsse lieber als diese leidenschaftslosen Bussis, so trocken wie meine sehnenden Lippen. Gerade habe ich versucht, Markus per Handy anzurufen. Topher, einer seiner»hüttengenossen«, teilte mir mit, er sei ausgegangen,»sich reinigen«. Er erklärte, das sei ungefähr das Gleiche, als würde ein Zimmergenosse an einer anderen Uni sagen, jemand sei ausgegangen, um sich volllaufen zu lassen. Markus Welt ist mir so fremd, dass ich das Gefühl nicht loswerde, auch ihr Bewohner sei ein Fremder. Ich freue mich immer, wenn ich Markus am Telefon erwische und im Hintergrund die Musik hören kann, die er gerade laufen hat. Diese Musik ist der Klang seiner Welt ohne mich. Damit umgibt er sich, wenn ich nicht bei ihm bin, also fast immer. Und so wird es noch drei Jahre bleiben. siebter Ich sitze in dem Raum, der die ersten achtzehn Jahre meines Lebens mein Zimmer war. Er wird immer noch mein Zimmer genannt, ist es aber nicht mehr, trotz aller gegenteiligen Hinweise. Die Poster von John-Hughes-Filmen rollen sich zwar an den Ecken auf, hängen aber größtenteils noch an

9 megan mccafferty den hämatomfarbenen Wänden. Die Plaketten und Pokale, auf denen in feierlichen Lettern mein Name prangt, türmen sich immer noch auf den Regalbrettern. Und das gerahmte Mosaik, das Hope und mich zeigt von der Künstlerin selbst gefertigt und am Tag vor ihrer Abreise an mich überreicht, achtzehn Tage vor meinem sechzehnten Geburtstag hängt immer noch auf seinem Ehrenplatz über dem Bett. Als ich meine Taschen fürs College packte, habe ich diese Sachen absichtlich zurückgelassen, damit ich an einen Ort zurückkehren konnte, der sich wie ein Zuhause anfühlt. Aber nach neun Monaten Studium sehe ich dieses Zimmer und seinen Inhalt wie durch einen Staubschleier, mag der nun psychologisch bedingt sein oder echt. Als würde ich die Funde einer archäologischen Ausgrabungsstätte studieren: den CD-Spieler, auf dem Jessica Darling einst Morrissey hörte; den Schreibtisch, an dem sie ihre Bewerbungsschreiben an Universitäten verfasste. Den Teppich, auf dem sie sich einst vergeblich in unmögliche Stellungen zu verrenken suchte, als sie sich kurzzeitig für Yoga begeisterte; das schmale Bett, auf dem sie sich einst erfolgreich mit ihrem Freund in die geräuschlosesten Stellungen verrenkte, während ihre Eltern unten an den äußersten Enden der Wildleder-Couch saßen und einen Tom-Hanks-Film anschauten. Doch mein Wohnheim-Zimmer, ganz ähnlich ausstaffiert, ist ebenso wenig mein Zuhause. Ich suche Asyl, bin auf der Flucht vor der ersten Geburtstagsparty meiner Nichte Marin. Besser gesagt, ihrer zweiten ersten Geburtstagsparty. Meine Eltern bestanden darauf, eine Feier für»marins New- Jersey-Freunde«zu organisieren. Bethany und G-Money

10 jugendbuch konnten keinen Großstädter überreden, hinaus zu unserem»landhaus«zu fahren, einem Einfamilienhaus in einer Wohnsiedlung aus den Siebzigern, dem meine Mutter ihren Immobilienmaklerkollegen gegenüber als»einen gewissen Retro-Charme, aber alle modernen Annehmlichkeiten«attestiert. Will sagen, die abstoßende Architektur wird nur durch eine neue Holzfassade, umfassende landschaftsgärtnerische Maßnahmen und eine modernisierte Küche sowie Badezimmer ausgeglichen. Aber New Jersey ist eben New Jersey, und nichts konnte die Hipster aus Bs & Gs New Yorker Freundeskreis herlocken, nicht mal das Angebot, einen Luxusbus zu chartern, mit Fernsehschirm vor jedem Sitz, alle auf den Kindersender»Nick Jr.«eingestellt. (Solche Extravaganzen könnten sie sich inzwischen leisten, da sie wieder unübersehbar reich sind schon fünf Drive-In-Filialen von Papa D s Donuts / Wally D s Sweet Treat Shoppe schreiben schwarze Zahlen. Nicht, dass sie je arm waren, nicht mal nach dem New-Economy- Crash.) Letztlich mussten sie also letztes Wochenende schon eine Party für Marins»New Yorker Freunde«schmeißen ein Dutzend Benetton-Babys aus Brooklyns angesagtesten kinderfreundlichen Gegenden, die alle Miniatur-Ausgaben der Outfits ihrer Eltern anhatten. Die Mädchen: Sommerkleidchen von Lilly Pulitzer. Die Jungen:»Ironisch«getragene Seersucker-Anzüge mit kleinem Che-Guevara-T-Shirt darunter. Irgendwie hat Marin in ihrem ersten Lebensjahr mehr Freunde gefunden als ich in neunzehn Jahren. Nicht weniger verstörend war Marins unbedingter Wunsch, ihre liebste Fernsehfigur Pinky den Pudel zum Motto ihrer New-Jersey-Party zu erwählen. Diese sonnenblonde

11 megan mccafferty Einjährige mit tiefen Grübchen zieht nicht nur ein Zeichentricktier allen anderen vor, sondern kann ihre Vorliebe auch deutlich ausdrücken, indem sie»pipi puh pipi puh«schreit. Wie das ach-so-perfekte Mädchen seiner Mama mit diesem anscheinend unanständigen Ausruf die Schamröte ins Gesicht treibt, lindert meine Trübsal darüber, dass ich das intellektuelle Los meiner Nichte so wenig verbessern kann. Passend zum Motto heuerten ihre Großeltern (meine Eltern) ein älteres Kind aus der Nachbarschaft an, um sich als rosa Pudel zu verkleiden, der nur Schuhe und Shopping im Kopf hat. Das Kostüm lässt sich am besten als zwanzig Kilo schwerer Fellball beschreiben. Draußen herrschen fünfunddreißig Grad, die Luft steht vor Feuchtigkeit wer kann es dem Kind verdenken, dass es vor dieser Demütigung kneift? Und einmal dürft ihr raten, wer als Einzige in die rosa Flauschzwangsjacke passt? Ich sage nur so viel: Pinkys Markenzeichen, der Stepptanz zu ihrem Erkennungslied (»Der schönste Vierbeiner bin ich!«), hatte weniger Elan als sonst. Sosehr ich mich auch mühte, ich kriegte meine schweren Pfoten einfach nicht hoch genug.»na los, Jessie ich meine, Pinky: Hoch die Beine!«, rief meine Mutter von hinten.»eins, zwei, drei!buuuuuuuuuuuuuuuh!«, jaulten die kleinen Wadenbeißer und bewarfen mich mit Gummibärchen.»Nein, nein, nein!«, tadelte Bethany die Krabbelgören mit erhobenem Zeigefinger.»Wir sind lieb zu Tieren!«Oh, danke, Bethany. Vielen Dank. Dann wandte sie sich zu mir.»na los, Pinky! Jetzt schüttel mal dein Schwänzchen!«Sie wackelte mit ihrem saftigen Pfirsichhintern, der in seinem Jeans-Minirock geradezu ob-

12 jugendbuch szön perfekt aussah. Bethany wird oft für Marins Au-pair gehalten und ist das Paradebeispiel für die Pornokategorie»Geile Mütter«. Wäre ich dazu in der Lage gewesen, hätte ich das Bein gehoben und sie angepinkelt. Der Einzige, der sich um meine Gesundheit zu sorgen schien, war mein Vater.»Treibt sie nicht so an«, sagte er.»jessie ist nicht mehr so in Spitzenform wie früher, als sie noch ernsthaft Sport trieb.«mein Gott. Vor zwei Jahren habe ich aufgehört, Mittelstreckenrennen zu laufen, und er kann immer noch keine Gelegenheit auslassen, alle auf meine schwindende Muskelmasse hinzuweisen. Er selbst steckte natürlich noch schwitzend in Radlershorts, da er gerade neunzig Minuten durch die Gegend gestrampelt war, denn gesundheitsgefährdendes Wetter hat ihn noch nie von der Jagd aufs Gelbe Trikot abgehalten. In mein Zimmer (das mir nicht mehr wie mein Zimmer vorkommt) trieben mich also nicht das allgemeine Gespött oder ein Hitzschlag oder gar ein anaphylaktischer Schock wegen allergischer Reaktion auf synthetisches Pudelfell. Ich sitze hier, weil ich vergessen hatte, wie sehr ich diese Menschen auch genannt meine Familie gleichzeitig liebe und hasse. Während des Semester habe ich sie irgendwie vermisst. Nicht so sehr die Menschen selbst, sondern ihre beruhigende Vorhersehbarkeit. Mein Vater fragt dauernd, ob ich meine Zeit immer noch mit Psychologie verschwende und ob es mich nicht langweilt, den Kilometer auf der Mini-Hallenbahn der Columbia University über vier Minuten zu schleichen. Meine Mutter fragt dauernd, ob sich alle Mädchen an der Uni wie Lesben anziehen. Bethany fragt dauernd, ob ich in irgendeinem todschicken Club war, in den man bloß

13 megan mccafferty mit Einladung reinkommt. G-Money ignoriert mich, weil er völlig damit beschäftigt ist, neue kreative Wege zu ersinnen, den krisensicheren Markt amerikanischer Verfettung anzuzapfen. An diese und ähnliche Nervereien habe ich mich so sehr gewöhnt, dass ich gar nicht wüsste, wie ich reagieren sollte, wenn meine Familienmitglieder ihre Rollen nicht spielen würden wie vorgesehen. Außerdem kann ich ihre Fehler leichter verzeihen, solange mich die bequeme Hygiene und Nahrungsversorgung noch gnädig stimmen. Hier habe ich nicht bloß ständigen Zugang zu Waschmaschine und Trockner, sondern sogar eine bereitwillige Waschfrau, die dunkle und helle Farben trennt und alles nach dem Waschen ordentlich zusammenlegt. Hier sind die Vorratsschränke voll mit echtem Cap n Crunch nicht der Billigversion»Colonel Crunchies«, die ich tonnenweise beim Discounter kaufe. Hier quillt der Kühlschrank von Coke Classic über. Aber da ich nun ein paar Tage Aprilfrische und regelmäßige Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen genossen habe, lassen sich die Spannungen, die das umstrittenste Thema hier im Haushalt erzeugt, nicht mehr so leicht ignorieren. Ein echtes Tabuthema, so verboten, dass niemand es je anschneidet, wie im Hause Darling üblich. Erst als die liebende Großmutter Marin auf den Arm genommen und ans andere Ende des Gartens geschleppt hatte, brach Bethany das Schweigen.»Was ich dich schon die ganze Zeit fragen wollte«, sagte sie, warf ihr goldenes Haar zurück, schürzte die glänzenden Lippen zum Kussmund und weitete sie wieder zum Lächeln. Manchmal frage ich mich, ob sie eigentlich merkt, dass sie

14 jugendbuch mit ihrer eigenen Schwester flirtet.»hast du das Geld gewonnen?«auf diesem Umweg erkundigt sie sich danach, ob ich immer noch mit Markus zusammen bin. Nur Bethany ist so kühn, die Frage zu stellen, die nicht gestellt werden darf. Und selbst sie wartet, bis Mom außer Hörweite ist, und kleidet ihre Neugier in eine Erkundigung nach dem Gewinn der Trennungs-Lotterie. Da ich diese (wie alle Ereignisse des letzten Jahres) nicht dokumentiert habe, werde ich die Regeln besagten Gewinnspiels nun erläutern. Ich war eines der wenigen glücklichen Erstsemester, die ein sonniges, geräumiges Einzelzimmer in der Furnald Hall absahnten, dem wohl schönsten und am besten gelegenen Wohnheim auf dem Campus gebaut und vor weniger als zehn Jahren renoviert, ist es sowohl traditionell (Granitfassade, riesig hohe Eingangshalle mit Kristalllüster) als auch modern (Klimaanlage!). Man schaut auf einer Seite aufs Campusleben, auf der anderen Seite auf den belebten Broadway. Furnald gilt außerdem als Party-Wohnheim, da es auf jeder Etage eine ausladende Lounge gibt, mit reichlich Nachmittagssonne, gemütlicher Möblierung und Kabelfernsehen gratis die selbst hartnäckige Gesellschaftsverächter aus ihren Zimmern lockt. Auf meinem Stock wohnten fünfzehn Erstsemester und zehn Drittsemester. Es stellte sich rasch heraus, dass die meisten Studienanfänger noch in Highschool-Beziehungen steckten. Es war auch nicht schwer, die zehn Betroffenen zu erkennen, weil sie (ja, gut, eigentlich müsste ich»wir«schreiben, aber ich gebe derartiges Verhalten nur äußerst ungern zu) ihre Sätze oft mit den Worten»Mein Freund/Mei-

15 megan mccafferty ne Freundin...«anfingen. Also zum Beispiel»Mein Freund steht auch auf Coldplay!«oder»Meine Freundin hat genau so einen Pullover!«oder»Mein Freund schläft und isst und verdaut auch!«. Da ältere Semester die Menschen, mit denen sie mehr oder weniger regelmäßig herummachen, nie und nimmer so bindend als»freund«oder»freundin«bezeichnen würden, konnte sich ein derartiges Treuebekenntnis nur auf eine junge Liebe beziehen, die bereits auf den Fluren der jeweiligen Highschool erblüht war. Die desillusionierten Drittsemester schauten voller Verachtung auf uns herab.»ihr haltet nicht mal bis zu den Herbstferien durch«, sagten sie.»und wenn doch, dann bloß, weil ihr es uns zeigen wollt.«wir Mitglieder im Highschool-Club der wahren Liebe waren natürlich empört.»wir sind anders!«, riefen wir alle.»wir sind nicht wie die anderen!«und so entstand die Trennungs-Lotterie. Megan McCafferty Aus dem Englischen von Ingo Herzke Umschlag: Kathrin Steigerwald Ca. 512 Seiten Ab 14 13,6 x 21,5 cm, Klappenbroschur ISBN Ca. 14,90 (D) / 15,40 (A) / sfr. 27,50 Erscheint im Oktober 2010

16 jugendbuch Die Jessica-Darling-Kultserie Megan McCafferty Erste Male ISBN ,90 (D) / 15,40 (A) / sfr. 27,50 Megan McCafferty Zweite Versuche ISBN ,90 (D) / 15,40 (A) / sfr. 27,50 Megan McCafferty ISBN ,90 (D) / 15,40 (A) / sfr. 27,50 Megan McCafferty Vierte Wahl ISBN Erscheint im April 2011

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