Regionalmarken: Instrumente nachhaltiger Regionalentwicklung auf dem Prüfstand

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1 Ernst- Moritz- Arndt- Universität Greifswald Institut für Geographie und Geologie Regionalmarken: Instrumente nachhaltiger Regionalentwicklung auf dem Prüfstand Bachelorarbeit vorgelegt von: Christian Drache Studiengang: Geographie B.Sc. Semester: 8 Matr. Nr.: Heinrich- Lietz- Str Stralsund Abgabedatum: Gutachter: 1. Frau Prof. Dr. Stoll- Kleemann Universität Greifswald, Lehrstuhl für Nachhaltigkeitswissenschaft und Angewandte Geographie 2. Frau Dr. de la Vega- Leinert Universität Greifswald, Lehrstuhl für Nachhaltigkeitswissenschaft und Angewandte Geographie

2 Inhaltsverzeichnis Abbildungs- und Tabellenverzeichnis... iii Abkürzungsverzeichnis.....iv 1 Einleitung Nachhaltigkeit Allgemeines Historische Entwicklung Nachhaltige Regionalentwicklung Regionale Ebene und Nachhaltigkeit Biosphärenreservate Allgemeines Konzept der Biosphärenreservate Nachhaltiges Wirtschaften in Biosphärenreservaten Regionalvermarktung in Biosphärenreservaten Methodik Regionalmarken in Biosphärenreservaten Für Leib und Seele : Regionalmarke des Biosphärenreservats Schaalsee Prüfzeichen Biosphärenreservat Schorfheide- Chorin regionale Dachmarke Spreewald Erfolgsfaktoren für Regionalmarken in Biosphärenreservaten Erfolgreiche Vernetzung Regionalprodukt Regionalität Besondere Produktionsrichtlinien Transparente Strukturen Förderung durch das Biosphärenreservat regionale Wertschöpfungsketten Umsetzung der Erfolgsfaktoren durch die Regionalmarken: Auswertung der Interviews und Diskussion der Ergebnisse Erfolgreiche Vernetzung Ausstattung Moderator Treffen i

3 Inhaltsverzeichnis Beteiligung der Markennutzer Beteiligung der Bevölkerung Leitbild Regionalprodukt Regionalität Produktionsrichtlinien Transparente Strukturen Öffentlichkeitsarbeit Förderung durch das Biosphärenreservat Teilnahme an Förderprogrammen Wertschöpfungsketten Zusammenfassung Literaturverzeichnis Anhang ii

4 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis Abbildung 1: Zonierung eines Biosphärenreservates Abbildung 2: Netzwerke in den Biosphärenreservatsregionen nach Themenfeldern in % aller genannter Netzwerke/ Initiativen.. 13 Abbildung 3: Art der Aktivitäten der BR- Verwaltungen zur Unterstützung der Regionalvermarktung15 Abbildung 4 Regionalmarke des Biosphärenreservates Schaalsee Abbildung 5: Nutzer der Regionalmarke Biosphärenreservat Schaalsee- Für Leib und Seele" Abbildung 6: Logo der Regionalmarke des Biosphärenreservates Schorfheide- Chorin Abbildung 7: Organisationsstruktur des Prüfzeichens Schorfheide- Chorin Abbildung 8: Prüfzeichen des Biosphärenreservates Schorfheide- Chorin Abbildung 9: Nutzer des Prüfzeichens Schorfheide- Chorin Abbildung 10: Quantitative Entwicklung der Prüfzeichennutzer Abbildung 11: Dachmarke Spreewald Abbildung 12: Entwicklung der Gurkenproduktion und Beschäftigtenzahl Abbildung 13: Wertschöpfungskette des Prüfzeichens Schorfheide- Chorin Tabelle 1: Aufgaben der regionalen Partnerschaft & des Biosphärenreservates Schorfheide- Chorin.26 Tabelle 2: Bewertungssystem der regionalen Dachmarke Spreewald Tabelle 3: Vorteile der Wertschöpfungskette für die regionale Partnerschaft und regionale Unternehmen iii

5 Abkürzungsverzeichnis AfBRSC Amt für das Biosphärenreservat Schorfheide- Chorin AfBRSCH Amt für das Biosphärenreservat Schaalsee ANUGA Allgemeine Nahrungs- und Genussmittel- Ausstellung BfN Bundesamt für Naturschutz BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung BR Biosphärenreservat BSE Bovine spongiforme Enzephalopathie B.U.N.D. Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. BW Bayerischer Wald bzw. beziehungsweise ca. circa DBU Deutsche Bundesstiftung für Umwelt DEHOGA Deutscher Hotel- und Gaststättenverband DLG Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft e.v. d.h. das heißt etc. et cetera EU Europäische Union EUREPGAP Euro- Retailer-Produce-Working Group (EUREP) Good agricultural Practice (GAP) FSC Forest Stewardship Council g.g.a. geographisch geschützte Angabe ggf. gegebenenfalls IFS International Food Standard LAG LEADER Aktionsgruppe LEADER Liaison entre actions de développement de l'économie rurale LEH Lebensmitteleinzelhandel MAB Man and the Biosphere MAP Madrid Action Plan MKS Maul- und Klauenseuche MVS Schaalsee- Mecklenburg- Vorpommern o.g. oben genannt PW Pfälzer Wald QS Qualitätssicherungssystem REK Regionales Entwicklungskonzept SC (S-C) Schorfheide- Chorin s.o. siehe oben SW Spreewald u.a. unter anderem VT Vessertal WNBR Weltnetz der Biosphärenreservate z.b. zum Beispiel z.t. zum Teil iv

6 1 Einleitung Nachhaltig produzierte Lebensmittel erfreuen sich bundesweit großer Beliebtheit. Auf der ANUGA 2007 in Köln wurden drei Trends im Verbraucherverhalten festgehalten: 1. Nachhaltigkeit- in allen Produktionsprozessen, 2. Regionalität- vor allem Frische, 3. Bio- mit lückenloser Transparenz über die gesamte Wertschöpfungskette. (LEHMANN 2009: 326) Regionalmarken, ob Bio- oder nicht, bedienen das Angebot für die bestehende Nachfrage regional nachhaltig erzeugter Produkte. Sie berücksichtigen neben ökologischen Qualitätsanforderungen auch regionale, sodass ein möglichst großer Teil ihrer Wertschöpfung in der Erzeugerregion verbleibt. Ihre gestiegene Nachfrage ist auf Veränderungen im Konsumverhalten der Menschen zurückzuführen, die neben dem Preis auch andere Faktoren berücksichtigen. Verbraucher werden immer kritischer und hinterfragen die Aussagen von Handel und Industrie. Sie wollen nicht nur gesunde Produkte essen, sondern auch wissen, wie die Tiere gehalten und Lebensmittel verarbeitet werden, unter welchen Bedingungen die Menschen arbeiten, die in Lebensmittelproduktion und -handel tätig sind und welche Konsequenzen die Produktionskette auf die Umwelt hat. Somit sind keine Imagekampagnen, sondern ein echtes Umdenken und vor allem die konkrete Umsetzung von Nachhaltigkeit gefragt [ ]. (DR. SYLVIA PFAFF, In der Vergangenheit konnte bereits der Trend bei Bioprodukten beobachtet werden, die sich mittlerweile fest in unserer Gesellschaft etabliert haben. Ihr Aufstieg wurde durch Skandale bei der Produktion konventioneller Lebensmittel unterstützt, wie Schädlingsbekämpfungsmittelrückstände in ihnen oder Skandale wie BSE oder MKS in der Tierhaltung. Die Konsumenten waren daraufhin bei ihren Kaufentscheidungen verunsichert und für Themen wie artgerechte Tierhaltung und Qualitätskriterien sensibilisiert. Das Image der seriellen Produkte war beschädigt und das Vertrauen vieler Verbraucher verspielt. Bio- und Regionalprodukte geben den Konsumenten das Gefühl, mit ihrem Kauf etwas Gutes zu tun. Einerseits durch ihre strengeren Qualitätsauflagen für die Gesundheit der Konsumenten und zum Anderen für ihr Gewissen, durch ihre naturverträglichere Erzeugung und Verarbeitung als bei herkömmlichen Produkten. Stichworte dafür wären u.a. die Freilandhaltung von Tieren oder die eingeschränkte Nutzung von Dünge- und Pestizidmitteln. Eine Entwicklung, von der sowohl Bio- als auch Regionalmarken profitieren, ist die zunehmende Globalisierung und Entfremdung. Bedingt durch neue Medien wie das Internet, multinationale Kooperationen und die Öffnung der Märkte, können viele Barrieren überwunden werden. Gleichzeitig wird das Gefühl nach der eigenen Heimat und den eigenen Wurzeln in einer rasch veränderlichen Welt zunehmend stärker. Insbesondere Regionalmarken wecken diese Gefühle bei den Kunden, in dem sie die Lebens- oder Heimatregion der Menschen mit ihren Stärken und Besonderheiten bewerben und sie damit ansprechen. Die Verbraucher sind durch die Informationsflut in den Medien bei ihren Kaufentscheidungen verunsichert. Regionalmarken geben den Verbrauchern die gewünschte Sicherheit im Lebensmitteleinkauf zurück (PRUMMER 1996: 7). Grundlage für das Vertrauen sowohl für Bio- als auch für Regionalprodukte, ist die leichte Nachvollziehbarkeit der ausgelobten Versprechungen. Transparente Strukturen und regelmäßige Kontrollen zeichnen diese aus: Regional erzeugte Lebensmittel, insbesondere direkt vermarktete Lebensmittel, genießen ein großes Vertrauen und haben ein positives Image (VON DER LÜHE 1996: 50). -1-

7 Einleitung Allein durch die Nähe zwischen Produktions- und Verkaufsort kann eine potenzielle Überprüfung der Wahrheit der Produktversprechen erfolgen (LEHMANN 2009: 326). Regionalmarken existieren heute in vielfältigen Formen. Auch die Wissenschaft setzt sich mit ihnen auseinander. Die Regionalplanung diskutiert sie als Instrumente nachhaltiger Regionalentwicklung. In vielen Biosphärenreservaten sind Regionalmarken seit mehreren Jahren etabliert und gelten als erfolgreiche Projekte zur Umsetzung nachhaltiger Regionalentwicklung in diesen Modellregionen. In meiner Arbeit beschäftige ich mich daher mit der Fragestellung, welche Erfolgsfaktoren es für Regionalmarken in Biosphärenreservaten aus der Sicht von Nachhaltigkeit und nachhaltiger Regionalentwicklung gibt und wie diese durch sie umgesetzt werden. Mein Ziel ist es die Entwicklungen der Regionalmarken vorzustellen und dabei besonderen Fokus auf die Umsetzung der Erfolgsfaktoren für Nachhaltigkeit und nachhaltige Regionalentwicklung zu legen. Die Betrachtung der Regionalmarken beschränke ich auf den Lebensmittelbereich, um im Rahmen dieser Arbeit drei Regionalmarken ausführlich untersuchen zu können. Eine umfangreiche Entwicklung und Analyse von Erfolgsfaktoren für Regionalmarken wurde bereits von Armin Kullmann vorgenommen. Diese Erfolgsfaktoren sind bereits umfangreich erprobt und weiterentwickelt worden. Meine Arbeit beabsichtigt nicht eine derartige allumfassende Betrachtung. Mir geht es um die Umsetzung von Nachhaltigkeit und Nachhaltiger Regionalentwicklung durch die Marken im Auftrag der MAB- Kriterien der UNESCO an die Biosphärenreservate, wobei diese Kernbegriffe die Grundlagen für meine Kriterien bilden. Bevor ich diese jedoch aus der Theorie ableite, werde ich einleitend die Begriffe Nachhaltigkeit, nachhaltige Regionalentwicklung und Biosphärenreservate als Modellräume nachhaltiger Entwicklung näher erläutern. Anschließend werde ich untersuchen, inwieweit die Faktoren von Regionalmarken umgesetzt werden. Die Untersuchungen beziehen sich auf die Biosphärenreservate Schaalsee, Schorfheide- Chorin und Spreewald. Hintergrund ist, dass diesen Großschutzgebieten neben einer Naturschutzfunktion auch eine Entwicklungsfunktion zukommt. Sie sind Modellregion nachhaltiger Entwicklung und sollen dafür nachhaltige Wirtschaftsweisen der Menschen in ihnen fördern. Die sonst konträr betrachteten Bereiche Naturschutz und Wirtschaft verbinden sie dafür u.a. mit Hilfe von Regionalmarken und schaffen so eine nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raumes, was eine nähere Betrachtung dieser lohnenswert erscheinen lässt. Im Anschluss an die Vorstellung der drei Regionalmarken stelle ich die Umsetzung der Faktoren vor (Kapitel 7). Die dafür benötigten Informationen entnehme ich zum einen aus frei zugänglichen Quellen und zum anderen aus selbst geführten Interviews mit Vertretern der Regionalmarken. Abschließend werde ich die Umsetzung der Erfolgsfaktoren bewerten. -2-

8 2 Nachhaltigkeit Im Folgenden möchte ich den Begriff Nachhaltigkeit in Bezug auf mein Thema näher erläutern. Nach allgemeinen Ausführungen zur Nachhaltigkeit (Kapitel 2.1) folgen einige Schritte von der Entstehung des Begriffs, bis zum heutigen globalen Leitbild (Kapitel 2.2). Im Anschluss daran hebe ich in Kapitel 2.3 hervor, warum gerade die nachhaltige Regionalentwicklung zur Umsetzung von Nachhaltigkeit geeignet ist und welche Vorteile die regionale Ebene zur Umsetzung dessen bietet (Kapitel 2.4). 2.1 Allgemeines Nachhaltigkeit ist in der heutigen Zeit ein fast schon inflationär benutzter Begriff. Zum einen besteht keine Einigkeit über die Formulierung, andererseits ist sie dadurch nicht auf bestimmte Bereiche beschränkt und somit gesellschaftlich breit anschlussfähig. Nachhaltigkeit ist ein gesellschaftliches Leitbild, dass eine neue Handlungsethik verlangt (siehe Anhang: Vernetzung als eigentliches Sustainability Konzept). Mit der Verbreitung des Begriffes Nachhaltigkeit ging nicht gleichermaßen eine Auseinandersetzung über ihren Aussagegehalt einher. Sie ist zu einem Trendwort geworden, das ohne seinen genauen Sinnzusammenhang zu hinterfragen, einer hohlen Phrase gleich kommt. Nachhaltigkeit ist eine regulative Idee im Kant schen Sinne, wie Schönheit, Freiheit, Gerechtigkeit. Thierstein und Walser stellen Ähnlichkeiten zwischen dem Konzept der Nachhaltigkeit und den Forderungen der französischen Revolution fest. Beide Ideen besitzen eine allumfassende Gültigkeit, sind aus einem akuten strukturellen Problemdruck heraus entstanden und auf soziale Fragestellungen ausgerichtet (THIERSTEIN & WALSER, 2000, S. 13). Nachhaltige Entwicklung, oder Sustainable Development ist ein anthropozentrisches Konzept, der Mensch steht im Mittelpunkt. Auf ihn werden die Bereiche Natur, Wirtschafts- und Sozialsystem ausgerichtet. Die Unbestimmtheit ihrer Ziele ist zugleich größte Schwäche und Stärke des Konzeptes. Schwäche insofern, dass jeder Nachhaltigkeit nach seinen Bedürfnissen definieren kann und Stärke, weil niemand eine allgemeinverbindliche Interpretation für sich in Anspruch nehmen kann. Zur Verwirklichung des Konzeptes müssen zwei Strategien verfolgt werden. Einerseits bedarf es eines gesetzlichen Rahmens, der das Sicherheitsbedürfnis der Menschen befriedigt (Schutz vor Kriegen, Armut und ökologischen Bedrohungen). Während die zweite Strategie gestaltend ist: Hier müssen Menschen ihre Bedürfnisse und Lebensstile auf einander abstimmen (THIERSTEIN & WALSER 2000: 13F). Nachhaltigkeit ist ein normatives Konzept auf der obersten Regelungsebene. Es stellt die Gerechtigkeit zwischen Menschen, Regionen und Generationen in den Mittelpunkt des Handelns. Ein solches Konzept kann keine objektiven im Sinn von mess- und beweisbaren Antworten auf wichtige Fragen und brennende Probleme geben. Ein normatives Konzept lässt sich nicht mit Hilfe von Indikatoren umsetzen, diese können höchstens nützliche Begründungen liefern (THIERSTEIN & WALSER 2000: 26). Um das Nachhaltigkeitskonzept dennoch operabel zu machen, benötigt es einen räumlichen Bezug und Handlungsempfehlungen. Letztere sind keineswegs absolut, da sie sich an den Bedürfnissen und Lebensstilen der Menschen orientieren, die sich in einer stetigen Entwicklung befinden. Anhaltspunkte für einen solchen Lebensstil bietet der sustainable Lifestyle. Da Nachhaltigkeit unterschiedlich wahrgenommen und ausgelegt wird, müssen die Menschen ihre eigenen Vorstellungen und Werte in die Diskussion um Nachhaltigkeit einbringen. Nachhaltige Entwicklung muss das Resultat eines gesellschaftlichen Werteabgleiches und Konsenses sein. Nur dann fühlen sich die Menschen den Vorgaben gegenüber auch verpflichtet. Da die Bedürfnisse vor allem das persönliche Lebensumfeld betreffen, sollte dem Nachhaltigkeitskonzept ein überschaubarer Rahmen zugeordnet werden (THIERSTEIN & WALSER 2000: 14). -3-

9 Nachhaltigkeit 2.2 Historische Entwicklung Der Begriff Nachhaltigkeit hat seinen Ursprung vermutlich in der Forstwirtschaft im 18. Jahrhundert. Hans Carl von Carlowitz formulierte ihn erstmals im Jahr Als Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg (Sachsen) stellte er fest, dass die Nachfrage nach Holz das Angebot in den Wäldern deutlich überstieg. Er sprach sich dafür aus, nur so viel Holz aus dem Wald zu entnehmen, wie auch wieder nachwachsen würde. Die Menschen sollten also hauptsächlich von den Zinsen (den nachwachsenden Bäumen), als vom Kapital selbst leben (dem Wald) (Nach: Den Einzug in die Politik erhielt der Begriff erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bis dahin war er Gegenstand von wissenschaftlichen Diskussionen, ohne dabei eine breite öffentliche Debatte auszulösen. Ein wichtiger Schritt dahin war die Arbeit des Club of Rome mit ihrem Bericht Limit of Growth aus dem Jahre 1972, der viel Aufmerksamkeit erregte. Er bewies, dass die Annahme des unbegrenzten Wachstums als Entwicklungsmodell für die Zukunft nicht anstrebenswert ist, insbesondere vor dem Hintergrund der Vorbildwirkung der Industrie- gegenüber den Entwicklungsländern. Der Club of Rome forderte ein Umdenken, wenn in Zukunft allen Menschen ein angemessener Lebensstandard ermöglicht werden sollte. Damit war die Grundlage für ein neues, globales Leitbild geschaffen. Nachhaltigkeit wurde erstmals 1987 in der internationalen Politik definiert. Die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter der Leitung von Gro Harlem Brundtland sprach Nachhaltigkeit eine Entwicklung zu, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen (HTTP://WWW.NACHHALTIGKEIT.INFO/ARTIKEL/BRUNDTLAND_REPORT_1987_728.HTM). Der Brundtlandbericht zog die Industriestaaten mehr zur Verantwortung, da diese die zum Großteil neu auftretende globale Probleme, verursachten. Damit gemeint war ihr Anteil an der globalen Emission von Treibhausgasen, die Förderung von Rohstoffen sowie die Rodung von Wäldern oder ihr Konsumverhalten. Den Durchbruch schaffte Nachhaltigkeit 1992 auf der UN- Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, wo Politiker, Ökonomen und Umweltexperten gemeinsam nach neuen Lösungswegen für globale umweltpolitische- und Entwicklungsprobleme suchten. Dort verständigte man sich auf eine globale Nachhaltigkeitsstrategie, die Agenda 21. Ihr liegt ein Ansatz zugrunde, der die Integration der drei Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales zum Ziel hat. Konkretisiert wurden die Anforderungen an eine nachhaltige Entwicklung im 40. Kapitel der Agenda, wo die Entwicklung und Anwendung von Messgrößen oder Beurteilungskriterien gefordert wird, mit deren Hilfe national und international Entwicklungsprozesse daraufhin überprüft werden sollen, ob sie dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung gerecht werden. Zur Umsetzung der nachhaltigen Politiken ernannte die UN ein Komitee, das Committee on sustainable development, welches im Jahre 2001 Indikatoren für nachhaltige Entwicklung veröffentlichte und diese auf freiwilliger Basis in unterschiedlichen Ländern (darunter auch Deutschland) testete. 2.3 Nachhaltige Regionalentwicklung Ausgangspunkt für das Konzept nachhaltiger Regionalentwicklung ist die Einsicht, dass bisherige Trends den Nachhaltigkeitsansprüchen nicht genügen. Beispiele dafür wären der Rückzug der Landwirtschaft aus der Fläche, wachsendes Verkehrsaufkommen und zunehmende Zersiedelung. Die ökologischen Grundsätze wie: Erhaltung der natürlichen Dynamik, Wahrung der ökologischen Stabi- -4-

10 Nachhaltigkeit lität, Respektierung von Belastbarkeitsgrenzen, Sicherung der ökosystemaren Funktionen für den Menschen und Erhaltung der Funktionsfähigkeit der einzelnen Umweltmedien sind nur dann durch die Raumentwicklung umsetzbar, wenn gleichzeitig die Lebensqualität der Menschen erhöht wird (WEBER 1999: 21). Nachhaltige Regionalentwicklung ist eine regionale Entwicklung, die die sozialen und wirtschaftlichen Ansprüche an den Raum mit seinen ökologischen Funktionen in Einklang bringt. Grundlage dafür ist das Leitbild der Nachhaltigkeit mit ihrer intergenerativen Gerechtigkeit. Sie soll die Lebensqualität unter Beachtung der Wirkungen und Wirtschaftsweisen der Region auf Nachbarregionen dauerhaft sichern. Dazu schließt sie die Arbeit vieler Akteure wie Verwaltungen, Betriebe, Vereine und die Bewohner einer Region ein. Für Strategien nachhaltiger Entwicklung können strategische Prinzipien unterschieden werden, mit denen die o.g. (konstitutiven) Elemente der Nachhaltigkeit konkretisiert werden können. Grundlegende Anforderungen sind hier die Elemente der Integration, Verteilungsgerechtigkeit, Komplexität, Partizipation und Dauerhaftigkeit. Strategischen Prinzipien wie Vernetzung, Vielfalt, Konsistenz, Effizienz, Suffizienz, Risikovorsorge, intergenerative Gerechtigkeit, Kooperation und Transparenz sollten bei der Aufstellung von Strategien zu einer nachhaltigen Entwicklung berücksichtigt werden. Viele dieser Elemente lassen sich auf Regionalmarken anwenden und bestimmen ihren Erfolg (siehe Kapitel 6: Erfolgsfaktoren) (BEHRENS 1999: 75-77). Die Ebene der Regionalplanung ist als Entscheidungsebene in Deutschland mit dem höchsten Konkretisierungsgrad oberhalb der kommunalen Planungsebene aufgrund ihrer integrativen Herangehensweise und ihres horizontalen und vertikalen Koordinierungsauftrages gegenüber der landes- und bundespolitischen Ebene und gegenüber den einseitig sektoral orientierten sowie zu sehr ausdifferenzierten Fachplanungen eine geeignete Handlungsebene zur Entwicklung, Installierung und Erprobung von Instrumenten zur Operationalisierung und Umsetzung nachhaltiger Entwicklung in großräumigen Einheiten (KAETHER 1999: 93F). Die kommunale Ebene ist zu kleinteilig und zu wenig auf die Organisation räumlicher Ausgleiche angelegt (KAETHER 1999: 93). Biosphärenreservate eignen sich im besonderen Maße zur Umsetzung nachhaltiger Regionalentwicklung. Im Gegensatz zu anderen Instrumenten der Regionalentwicklung, wie zum Beispiel der Erarbeitung Integrierter ländlicher Entwicklungskonzepte (ILEK) oder der Durchführung von LEADER Prozessen, sind Biosphärenreservate auf Dauer angelegt und damit besonders geeignet, Regionalentwicklungsprozesse zu verstetigen (SAHLER 2007: 8). Nach Revermann und Petermann 2003 in: KÄSTNER (2004: 10) können 7 Aspekte nachhaltiger Regionalentwicklung ausgemacht werden, die sich auf Regionalmarken anwenden lassen: 1. Besinnung und Rückgriff auf eigene Fähigkeiten und Ressourcen, Wiederbelebung regionaler Wirtschaftskreisläufe (Binnennachfrage nach regionalen Produkten). 2. Aufbau einer ressorcenschonenden zirkulären Ökonomie, Einbeziehung aller Produktions- und Konsumptionsprozesse, sodass Input und Output reduziert werden. 3. Verknüpfung verschiedener Wirtschaftsbereiche zu regionalen Produktionsketten und - netzen 4. Herausstellung von Produktbesonderheiten zur Entwicklung einer regionsübergreifenden Position Regionalmarken setzen dies durch die Schaffung bzw. Schließung regionaler Wertschöpfungsketten um: Vom Anbau landwirtschaftlicher Produkte, über ihre Verarbeitung bis hin zum Vertrieb und Konsum: Alles aus der Region für die Region. Dadurch können unnötige Transportwege und letztlich die -5-

11 Nachhaltigkeit Emission von Treibhausgasen vermieden werden. Die Allokation eingesetzter Ressourcen würde durch sie verbessert und negative Auswirkungen auf empfindliche Ökosysteme gemildert werden (NABU - NATURSCHUTZBUND DEUTSCHLAND E.V. 2002: 3). Wertschöpfungsketten sind unternehmensübergreifende virtuelle Netzwerke, die als Leistungssysteme spezifische Wirtschaftsgüter (hier regionale bzw. lokale Produkte) für einen definierten Zielmarkt (z.b. Region) hervorbringen (FRANKE 2006B: 35). Bei Lebensmitteln geht es um die Verarbeitungsschritte von agrarischen Rohstoffen über die verschiedenen Verarbeitungsstufen (in autonomen Unternehmen) bis zum Verbraucher, in denen jeweils eine Wertschöpfung erzielt wird. Wertschöpfungsketten bieten aufgrund ihrer marktadäquaten Struktur und ihrer überlegenden Koordination autonom gesteuerter Aktivitäten Wettbewerbsvorteile. Die an ihr beteiligten Unternehmen (Kettenglieder) müssen dafür ausgemacht und zusammengeführt werden. Motive für die Teilnahme an ihr sind für Unternehmen gemeinsame Interessen und Win- Win- Möglichkeiten (in den Bereichen Verarbeitung, Vermarktung, Logistik u.a.), die sich ergeben. (FRANKE 2006B: 35) 5. Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips und Förderung der regionalen Verantwortung 6. Ausbau des ökologischen Landbaus, Diversifizierung landwirtschaftlicher Aktivitäten 7. Stärkung der Mitwirkungsmöglichkeiten der regionalen Bevölkerung an den Ziel- und Maßnahmenplanungen Zum einen ermöglicht die Regionalmarke als Akteursnetzwerk die eigenständige Bearbeitung von regionalen Angelegenheit wie: Nahrungsmittelversorgung, Naturschutz oder die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen. Insbesondere im ländlichen Raum kommt dies durch den Bedeutungsverlust der Landwirtschaft große Wertschätzung zu. Dadurch erfolgt die Stärkung strukturschwacher ländlicher Räume. Gegenüber dem Tourismus mit z.t. starken jahreszeitlichen Fluktuationen, unterliegt die Stärkung der Branchen, die die Regionalmarken betreffen, einer größeren Kontinuität. Arbeitsplätze können dauerhaft geschaffen oder gesichert werden. Zum anderen bietet die Regionalmarke partizipative Möglichkeiten. Die Bevölkerung kann durch ihre aktive Teilnahme an ihr Einfluss auf regionale Themen nehmen. Diese Bottom- Top Ansätze fördern die Akzeptanz der Planungsentscheidungen und geben so effektiv eine Antwort auf gemeinsame Problemfragen. Durch die Beteiligung an der Arbeit der Regionalmarke wird die Identifikation der Bevölkerung mit ihrer Region gestärkt. Angesichts des Empfindens eines Zusammengehörigkeitsgefühls mit ihrer Region und eines gemeinsam empfundenen regionalen Problemdrucks, sind die Menschen in ihr leichter zu kollektivem Handeln zu bewegen. Durch die stärkere Bindung der Einwohner an ihre Region, ließe sich dann vielleicht auch die Abwanderung reduzieren. 2.4 Regionale Ebene und Nachhaltigkeit Die Region als Handlungsebene bietet viele Vorteile zur Verwirklichung von Nachhaltigkeitszielen und zum Aufbau von Regionalvermarktungsstrukturen. Im folgenden Kapitel will ich aufzeigen, wo die Vorteile der Region gegenüber anderen Planungsebenen im Einzelnen liegen, wie sie begründet werden und warum Regionalisierung in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Die Leistungsfähigkeit der regionalen Ebene wird durch mehrere Interaktions- und Kommunikationsvorteile begründet, die durch regionale Kooperationen entstehen. Die geringen räumlichen Ausmaße und damit verbundenen Lebens- und Wirtschaftszusammenhänge ermöglichen eine enge emotionale Bindung der Bürger an ihre Region. Dies schafft eine gemeinschaftliche Basis für die Lösung gemeinsamer Probleme. Die Aktivierung engagierter Bürger ist leichter als in größeren Verwaltungseinheiten -6-

12 Nachhaltigkeit (Länder u.a.). In überschaubaren Räumen sind die Menschen fähig und willens, Verantwortung für andere und die Umwelt zu tragen, da die Ergebnisse des eigenen Handelns unmittelbar erfahrbar sind (SPEHL 2005: 680). Die regionale Ebene bietet aufgrund ihrer geringen Institutionalisierung und schwach ausgebildeten politisch- administrative Grenzen gute Voraussetzungen für die Bildung von Netzwerken. Des Weiteren entwickeln Regionen soziale Bindungen aus denen Sozialkapital gebildet werden kann, eine wichtige Grundlage für die Funktionsweise von Netzwerken hinsichtlich Informationsaustausch und Vertrauen (FÜRST 2003B: 20F). Leistungsvorteile für die Region bieten sich überall dort, wo: Kooperationen über gesellschaftliche Teilbereiche hinweg erfolgen, aber das Steuerungsobjekt regional gebunden ist. Flexible Handlungsstrukturen erforderlich sind, in denen die Transaktionskosten gering und Ausstiegsoptionen gegeben sind. über Kommunikationsprozesse Synergieeffekte induziert werden, die Akteure Gemeinschaftsaufgaben erkennen und ihre Interessen gemeinwohlorientiert und nicht egoistisch verfolgen. (FÜRST 2003B: 22F) Auf der regionalen Ebene sind die Ursache- Wirkungszusammenhänge sehr eng aneinander gekoppelt. Dies ist eine gute Voraussetzung für eine hohe Identifikation mit regionalen Umwelt- und Naturschutzzielen. Im unmittelbaren Lebensumfeld lassen sich Umweltbeeinträchtigungen und der Verlust von Naturgütern direkt erleben und aufgrund der Verbundenheit der Bürger mit ihrer Region sowie ihrer Überschaubarkeit, Potenziale für Verhaltensänderungen der in ihr lebenden Menschen induzieren (BÖCHER 2009: 127). Zur Umsetzung der Konzepte und Strategien nachhaltiger Entwicklung ist die Ebene der Region darüber hinaus von großer Bedeutung, weil ihr ein Gegengewicht zur Globalisierung und weiterer Zentralisierung raumrelevanter Entscheidungen beigemessen werden kann * + (KAETHER 1999: 93). Regionen sind nicht wie die Landes- Gemeinde- oder Bundesebene an Sektoren oder Ressorts gebunden. Sie können regionale Probleme querschnittorientiert lösen. In den letzten Jahren konnte ein Bedeutungsgewinn der regionalen Ebene beobachtet werden (FÜRST 2003B: 17). Die Nachfrage nach Regionalisierung lässt sich mit dem Wandel des Staates erklären. Gemeint sind zum einen die Abgabe von Kompetenzen des Staates, die Konzentration auf seine Kernkompetenzen und der Wandel zum kooperativen Staat, welcher die Bürger an der Steuerung direkt teilhaben lässt. Auch die EU nimmt Einfluss auf die regionale Ebene. Sie fördert unter der Landesebene insbesondere jene Räume, die eine Mindestgröße an Bevölkerungs- und Wirtschaftspotenzial und handlungsfähigen Organisationsstrukturen aufweisen (FÜRST 2003B: 21). Ein Instrument ist die Strategie der eigenständigen Regionalentwicklung der EU- Strukturfonds. Sie führte dazu, dass sich Regionen verstärkt unter Druck gesetzt sahen, sich zu organisieren. Nicht zuletzt, da gute Vorbilder durch die EU ausgezeichnet wurden und andere Regionen sich dadurch verpflichtet fühlten, ähnliche Zusammenschlüsse zu bilden (FÜRST 2003). Ein Beispiel dafür ist das LEADER- Programm der EU, zur Stärkung strukturschwacher Regionen. Mit der Ausweisung von LEADER- Regionen und der Bildung von LEADER- Akteursgruppen (LAG s) unterstützt die EU Bottom- Up- Prozesse, in denen die betroffenen Bürger selbst an der Lösung ihrer Probleme mitwirken können. Das LEADER- Programm ist im Rahmen des ELER (Fond für Entwicklung ländlicher Räume) die vierte Achse und horizontal ausgerichtet. Es soll die Achsen eins bis drei umsetzen. Insbesondere die dritte Achse Verbesserung der Qualität des ländlichen Raumes und Diversifizierung der ländlichen Wirtschaftsstruktur lässt sich auf die Regionalvermarktung anwenden. So kann in der Organisationsstruktur vieler Regionalmarken die Zusam- -7-

13 Nachhaltigkeit menarbeit mit LAG s beobachtet werden. Die Idee, die schwach institutionalisierte regionale Ebene durch die Bildung von Netzwerken aufzuwerten ist theoretisch sehr begrüßenswert. Doch ihre Zusammenarbeit mit bestehenden Steuerungsorganen gestaltet sich schwierig, da diese nicht freiwillig Kompetenzen und Einfluss auf regionale Entscheidungen abgeben. Insgesamt muss man feststellen, dass sich in Deutschland öffentliche Verwaltungen und politische Entscheidungsträger schwer damit tun, in der regionalen Governance die Verantwortung mit zivilgesellschaftlichen Gruppen zu teilen und hier in den Instrumenten und Entscheidungskompetenzen Gleichberechtigung herzustellen (SCHRÖDTER 2009: 91). Auch ein Wandel in der Fördermittelpolitik des Bundes mit der Verknüpfung von Fördermitteln an Wettbewerbe hat die Bildung starker Regionen gefördert. So ist die Entstehung des später noch vorgestellten Prüfzeichens des BR SC auf die Teilnahme der Planungsregion Uckermark- Barnim am Bundeswettbewerb Regionen Aktiv - Land gestaltet Zukunft zurückzuführen. 3 Biosphärenreservate Im Folgenden wird die Schutzgebietskategorie der Biosphärenreservate genauer vorgestellt. Nach einer begrifflichen Einordnung und inhaltlichen Abgrenzung (Kapitel 3.1) folgen Ausführungen zu ihrer Konzeption und ihrem Aufbau (Kapitel 3.2). Daran schließen sich weiterführend Angaben zu nachhaltigem Wirtschaften in ihnen an (Kapitel 3.3), wobei besondere Bedeutung der Regionalvermarktung (Kapitel 3.4) beigemessen wird. 3.1 Allgemeines Biosphärenreservate ( BR ) sind eine von drei Großschutzgebietskategorien in Deutschland. Bezogen auf die Einflussnahme der Menschen und der Stellung des Naturschutzes in ihnen, sind sie heute zwischen den National- und den Naturparken einzuordnen. In 25 des deutschen Bundesnaturschutzgesetzes werden BR als rechtsverbindlich festgesetzte, einheitlich zu schützende und zu entwickelnde Gebiete bezeichnet, die charakteristische Großlandschaften bzw. Landschaftstypen Deutschlands repräsentieren und die Voraussetzungen eines Naturschutzgebietes erfüllen. Sie dienen der Erhaltung, Entwicklung und Wiederherstellung einer durch vielfältige Nutzungen geprägten Landschaft und der in ihr gewachsenen Arten- und Biotopvielfalt, sowie der beispielhaften Entwicklung und Erprobung schonender Wirtschaftsweisen. Die Entwicklung von BR richtet sich nach ihrer Einteilung in Pflege- Entwicklungs- und Pufferzonen. Im Gegensatz zu Nationalparken sollen sie die Natur nicht konservieren und alle künstlichen Einflüsse ausschließen, sondern die in ihr lebende und wirtschaftende Bevölkerung einbeziehen. Biosphärenreservate sind in Deutschland Ländersache. Sie müssen sich um ihre rechtliche Absicherung, die Einrichtung einer Verwaltung und um die Umsetzung der Leitlinien für Schutz, Pflege und Entwicklung kümmern (MAYERL 2005: 30). 3.2 Konzept der Biosphärenreservate Biosphärenreservate können als Vorreiter der Umsetzung von Nachhaltigkeit angesehen werden. Lange bevor Nachhaltigkeit zur globalen Leitvorstellung wurde, setzten Biosphärenreservate Nachhaltigkeit inhaltlich um, indem sie die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellten. Sie waren die ersten, die in Modellräumen eine ausgeglichene Verbindung zwischen Naturschutz und der Nutzung natürlicher Ressourcen durch den Menschen untersuchten (GRAUMANN- KRUSE 2005: 42). -8-

14 Biosphärenreservate Die Gründung von Biosphärenreservaten geht auf die Arbeit des MAB- Programmes der UNESCO zurück. Dieses war anfangs innerhalb der UNESCO sehr umstritten und drohte gar nicht erst zustande zu kommen (DEUTSCHE UNESCO- KOMMISSION 2007: 14). Im Jahr 1974 konnte ihr Konzept durch die Sondergruppe des MAB schließlich verabschiedet werden. Sie sollten dem Schutz genetischer Ressourcen und Ökosysteme dienen, die als internationales Netz Fokus und Bezugspunkt für Forschung, Umweltbeobachtung, -bildung waren und mit der weltweiten Entwicklung verbunden sind (WALTER, FOLKERT, & PREYER 2005: 11). Dem Weltnetz der BR gehören derzeit 564 Vertreter an, davon 15 in Deutschland (HTTP://WWW.UNESCO.DE/BIOSPHAERENRESERVATE.HTML Einsicht: ). Das Konzept der BR wurde im Laufe seiner Zeit mehrfach überarbeitet. Während man sich zu Beginn vorwiegend auf den Naturschutz konzentrierte, Schutzgebiete auswies und die Menschen aus ihnen raushielt, passte man später ihre Struktur und ihr Management auf das Zusammenwirken von Naturschutz und den in ihnen wirtschaftenden Menschen an. Grundlage für diesen Wandel waren Forschungsergebnisse, die eine erfolgreiche Kombination beider bestätigten (MARTON-LEFÈVRE 2007: 10; DEUTSCHE UNESCO- KOMMISSION 2007: 15). Nach der UN- Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 verlagerte man den Schwerpunkt des Programmes in Richtung nachhaltige Entwicklung. Vorrangig zu behandelnde Themen sollten neben der Erhaltung der biologischen Vielfalt, die Entwicklung von Strategien nachhaltiger Nutzungen, die Förderung der Informationsvermittlung und der Umweltbildung, sowie die Einrichtung von Ausbildungsstrukturen und der Beitrag zu einem globalen Umweltbeobachtungssystem sein. (WALTER, FOLKERT & PREYER 2005: 11) Auf der Biosphärenreservatskonferenz 1995 in Sevilla wurde die Stärke der BR durch die Umsetzung nachhaltiger Entwicklung und der Agenda 21 deutlich (DEUTSCHE UNESCO- KOMMISSION 2007: 15). Eine neue wichtige Erkenntnis war, dass ein Schutz der menschlichen Lebensgrundlagen nicht unabhängig von ihrer Nutzung durch die auf diese Lebensgrundlagen angewiesenen Menschen gesehen werden darf (MAYERL 2005: 32). In der auf dem Kongress verabschiedeten Sevilla Strategie erhielten die BR ihre heutige konzeptionelle Ausrichtung. Sie übertrug die Anforderungen der Agenda 21 auf sie. Auf der Konferenz wurden internationale Leitlinien für die Mitgliedschaft im Weltnetz der Biosphärenreservate verabschiedet, die von der UNESCO entwickelt wurden. Jedes BR muss dazu die Untergliederung in die drei Zonen (Kern-, Puffer-, Entwicklungszone) nachweisen und jeweils mindestens eine Schutz-, Entwicklungs- und Logistikfunktion ausüben. Durch die Schutzfunktion sollen Tier- und Pflanzenarten, sowie Ökosysteme und Landschaften erhalten bleiben. Mit der Entwicklungsfunktion wird eine nachhaltige wirtschaftliche und menschliche Entwicklung gefördert. Die logistische Funktion umfasst Aufgaben der Umweltbildung, Ausbildung, sowie weltweite Angelegenheiten von Schutz und nachhaltiger Entwicklung zu unterstützen (UNESCO 1996: 3F). Darüber hinaus wurde ein Evaluierungssystem zur Erfüllung der Kriterien eingeführt, welchem sich alle dem Weltnetz angehörigen Biosphärenreservate in einem zehnjährigen Rhythmus unterziehen müssen. Mit der Sevilla Strategie erhielten die BR den neuen Schwerpunkt, sich in Zukunft auch wirtschaftlich selbst tragen zu müssen. Aufbau eines Biosphärenreservates Biosphärenreservate müssen zwischen und ha groß und in drei Zonen eingeteilt sein. Jede von ihnen nimmt Aufgaben und Funktionen wahr, die sich gemessen an ihrer Nutzungsintensität und am Eingriff in die Natur unterscheiden. Die Flächenanteile der Zonen können sich je nach BR z.t. stark unterscheiden. -9-

15 Biosphärenreservate Die Zone im Inneren (siehe Abb.1) ist die Kernzone. Sie muss mindestens drei Prozent der Gesamtfläche ausmachen und soll die Dynamik ökosystemarer Prozesse gewährleisten, wofür sie menschliche Eingriffe nahezu ausschließt. Einzig zu Forschungszwecken soll der Zugang zu ihr ermöglicht werden. Der Naturschutz in ihr hat oberste Priorität. An die Kernzone grenzt die Pflegezone, die eine Art Schutzzone für sie darstellt. Ihr Anteil an der Gesamtfläche muss mindestens 10 % betragen. In ihr werden die Struktur und die Funktion von Ökosystemen und des Naturhaushaltes untersucht und beobachtet. Sie dient der Erhaltung und Pflege von Ökosystemen, die durch den Menschen entstanden und geprägt sind. Sie soll eine möglichst große Vielzahl verschiedener naturraumtypischer Nutzungen enthalten, die bedrohte Tier-und Pflanzenarten einschließen. Nutzungen sind hier dem Schutzzweck dieser Zone ausgerichtet. Zusammen mit der Kernzone muss sie mindestens 20 % der Gesamtfläche des BR ausmachen. Die Entwicklungszone ist Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum der Bevölkerung. Hier sind Entwicklungen vorgesehen, die den Ansprüchen von Mensch und Natur in gleichem Maße gerecht werden. Zu ihnen gehört auch die Erzeugung und Vermarktung umweltfreundlicher Produkte. Die nachhaltigen Nutzungsformen prägen hier das Landschaftsbild. In der Entwicklungszone werden die Beziehungen zwischen Mensch und Natur erforscht. Im Hinblick auf die Aufgabe als Modellregion nachhaltiger Entwicklung, muss sie mindestens die Hälfte des Gesamtgebietes des BR betragen (MAYERL 2005: 32, 34). Aufbauend auf die Sevilla Strategie und ihre Instrumente einigte man sich auf dem dritten Weltkongress der Biosphärenreservate 2008 in Madrid auf eine Weiterentwicklung des MAB- Programms hinsichtlich Nachhaltiger Entwicklung. Der beschlossene Madrid Action Plan (MAP) passt dieses auf die neu entstandenen bzw. veränderten globalen Probleme und Abbildung 1: Zonierung eines Biosphärenreservates (Quelle: Fragen an. Er formuliert Maßnahmen, Ziele und Erfolgsindikatoren, Partnerschaften und Umsetzungsstrategien in Biosphärenreservaten für die Jahre (UNESCO 2008). Während die Strategie von Sevilla und der Statutory Framework von 1995 die Klärung und Vertiefung der Nische der Biosphärenreservate ermöglichten, sollen mit dem MAP die Rolle von Biosphärenreservaten als Lernstätten für lokale und regionale Praktiken zur nachhaltigen Entwicklung sowie die Bedeutung des MAB und des WNBR als regionale und globale Drehscheiben für den Austausch von Informationen, Ideen, Erfahrungen, Kenntnissen und vorbildlichen Verfahren in den Nachhaltigkeitswissenschaften demonstriert und hervorgehoben werden (UNESCO 2008: 6F). Im MAP sind 65 Aktionen und vier Hauptaktionsbereiche für die Weiterentwicklung des MAB- Programms definiert: 1. Kooperation, Management und Kommunikation, 2. Zonierung - Verknüpfung zwischen Funktionen und Flächen, 3. Wissenschafts- und Kompetenzausbau, -10-

16 Biosphärenreservate 4. Partnerschaften: Für die nachhaltige Entwicklung des BR sollten Partnerschaften in verschiedenen Bereichen eingegangen werden. Ihr Mehrwert besteht in einer gesteigerten Effektivität von Managementstrategien, einer veränderten Haltung der Stakeholder, einem verbesserten gegenseitigen Verständnis, fundierten Entscheidungen, höherer Sensibilität sowie einer fachlichen und finanziellen Unterstützung des Managements des BR (UNESCO 2008: 18). In zwei Zielen wird darin Bezug auf die Vermarktung BReigener Produkte bzw. ein BR eigenes Warenzeichen erwähnt. In Ziel 26 wird dafür die Verbesserte Erwirtschaftung von Gewinnen und Möglichkeiten zum Lebensunterhalt in Biosphärenreservaten durch nachhaltige Produktion, Erntetechnik, Verarbeitung und Produkten aus Biosphärenreservaten angestrebt (UNESCO 2008: 19). Als eine von drei Umsetzungsmaßnahmen wird die Weiterführung der Arbeiten der MAB- Task Force on Quality Economies angeführt, welche sich dem nachhaltigen Wirtschaften in Biosphärenreservaten widmet. Diese soll Partnerschaften mit Unternehmen schaffen und stärken, um Märkte und einen fairen Handel zu entwickeln und zu fördern, die das BR- Markenzeichen verwenden. Das 27. Ziel richtet sich auf die stärkere Beteiligung, Unterstützung und Akzeptanz durch die Privatwirtschaft. Für die Umsetzung sollen die Anreize für die Produktkennzeichnung in Biosphärenreservaten unterstützt werden. Der Erfolg dieser Maßnahme soll durch eine Studie vom MAB- Sekretariat und individuellen Biosphärenreservaten zu lokalen Produkten in ihnen bis 2012 gemessen werden. (UNESCO 2008: 19F) 3.3 Nachhaltiges Wirtschaften in Biosphärenreservaten Zur Entwicklungsfunktion der Biosphärenreservate gehört spätestens seit der Sevilla- Konferenz die Unterstützung einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung, die neben den ökologischen auch den soziokulturellen Ansprüchen von Nachhaltigkeit gerecht wird. Eigens dafür wurde 2002 die MAB- Arbeitsgruppe Nachhaltiges Wirtschaften einberufen. Für den Begriff hielt sie folgende inhaltliche Eckpunkte fest: 1. Kompatibilität mit der Sevilla Strategie, 2. Konsistenz mit dem ökosystemaren Ansatz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt, 3. hauptsächliche Nutzung regionaler natürlicher und humaner Ressourcen, 4. Berücksichtigung einer langfristigen Perspektive und ökonomische Stabilität, 5. Nutzen für die lokale Bevölkerung und ihren Kommunen, 6. schonender Umgang mit Mensch und Natur sowie Respekt traditioneller Kenntnisse & Kulturen. (PLACHTER, GRAUMANN- KRUSE & SCHULZ 2005: 22) Die Taskforce des MAB untersuchte den Entwicklungsstand der Projekte nachhaltigen Wirtschaftens und verschickte dazu Fragebögen an die BR. Durch die Auswertung dieser kam man zu dem Ergebnis, dass viele BR den Änderungen des MAB- Programms nicht ausreichend nachkommen und häufig den Naturschutz allein in den Vordergrund stellen. Die Untersuchung von Projekten zum Thema nachhaltiges Wirtschaften ergab, dass die positiven Umsetzungen vorrangig im primären und tertiären Sektor, also in der Landwirtschaft und im Tourismus lagen. Die gewerbliche Wirtschaft war so gut wie überhaupt nicht vertreten. (NATTERMANN 2007: 100) Zum Thema nachhaltiges Wirtschaften werden im Katalog für die Anerkennung und Bewertung der BR unter den Funktionalen Kriterien (Nr ) ebenfalls Empfehlungen dafür gemacht. Sie geben eine Orientierungshilfe, was in den drei Wirtschaftssektoren der BR- Region beachtet werden sollte. -11-

17 Biosphärenreservate Im primären Wirtschaftssektor sollen dauerhaft umweltgerechte Landnutzungen etabliert werden, die die Zonierung des BR berücksichtigen. Für land- und forstwirtschaftliche Nutzungen gilt es unabhängige Zertifizierungen (u.a. FSC, Bioland) zu etablieren und alte Sorten und Rassen zu erhalten. Der sekundäre Wirtschaftssektor (Handwerk und Industrie) soll sich bezogen auf den Rohstoffeinsatz und die Abfallwirtschaft am Leitbild nachhaltiger Entwicklung orientieren und regionale Wirtschaftskreisläufe schaffen. Im 24. Kriterium wird direkt auf die Regionalmarke verwiesen. In den Biosphärenreservaten soll die Förderung umweltschonender Produkte durch geeignete Maßnahmen wie regionale Gütesiegel oder gesetzlich geschützte Warenzeichen und die Entwicklung marktgerechter Vertriebsstrukturen erfolgen. Darüber hinaus soll im tertiären Sektor das touristische Kapital (Natur, Landschaft, Kultur) u.a. durch nachhaltige Tourismusangebote bewahrt werden (DEUTSCHES NATIONALKOMI- TEE FÜR DAS UNESCO PROGRAMM MAB : 21-24). Mit der Regionalmarke können die Biosphärenreservate auch ihrem Auftrag der Öffentlichkeitsarbeit nachkommen, welche durch das MAB- Programm im 38. Kriterium gefordert wird. Das BR soll dafür Partner aus allen Bereichen der Gesellschaft für die Umsetzung des MAB- Programms gewinnen DEUTSCHES NATIONALKOMITEE FÜR DAS UNESCO PROGRAMM MAB : 30). Im 39. Kriterium des MAB- Katalogs wird die Bildung regionaler Netzwerkstrukturen gefordert, die die Entscheidungsträger der Region, insbesondere Verbände, Nutzergruppen, Bürgerinitiativen, in die Entwicklung der Biosphärenreservatsregion einbeziehen. Die Mitgliederstruktur der Regionalmarke (siehe Erfolgsfaktor erfolgreiche Vernetzung) bietet dafür gute Voraussetzungen. Hammer (2001) lieferte konkrete Empfehlungen, wie nachhaltiges Wirtschaften auf Basis der Sevilla Strategie unter Einbezug der drei Nachhaltigkeitssäulen verbessert werden konnte. A. Bereich Regionalwirtschaft: - Förderung der lokal -regionalen Kreislaufwirtschaft - Unterstützung innovativer Milieus - Ausschöpfen endogener Potenziale B. Bereich Sozio-kulturelle Aspekte und Kulturlandschaft: - Bezug zu lokalen Werten, Normen und Produkten (bzw. deren Erneuerung und Weiterentwicklung) - Erhalt lokal- regionaler Nutzungsformen - Erhalt und sanfte Nutzung der Kulturlandschaft C. Bereich regionale Umwelt und Raumentwicklung: - Erhalt der Artenvielfalt und der Ökosysteme - Ökologisierung von Produktion und Nutzungsformen - Ausgewogene Raumentwicklung (GEHRLEIN, GRUNZKE & STEIMEL 2007: 7F) In dem Forschungs- und Entwicklungsvorhaben Strategien zur Förderung des nachhaltigen Wirtschaftens in Biosphärenreservaten im Auftrag des Bundes, wurde genauer untersucht, wie nachhaltiges Wirtschaften in Biosphärenreservaten gefördert werden kann. Viele, der von Hammer (2001) angeführten Bereiche können durch die Erzeugung und Vermarktung regionaler Produkte abgedeckt werden. In dem Bericht wurden Empfehlungen ausgesprochen, die über die MAB- Kriterien hinaus die Regionalvermarktung in Biosphärenreservaten betreffen: Die Stärkung der regionalen Wirtschaftsleistung in den Biosphärenreservatsgebieten kann durch die Nutzung der endogenen Potenziale erreicht werden. Zum einen kann dies durch die gezielte Ausbildung von regionalen Wirtschaftskreisläufen und Wertschöpfungsketten umgesetzt werden. Das Ziel ist die Verknüpfung einzelner regionaler Produktketten und Verarbeitungsstufen, bzw. nicht vorhan- -12-

18 Biosphärenreservate dene zu etablieren. Ein neues Tätigkeitsfeld stellen neben der regionalen Erzeugung und Verarbeitung von Produkten und Dienstleistungen regenerative Energiequellen dar, die Geldeinsparungen für Strom und Brennstoffe mit sich bringen, welche für die Entwicklung regionaler Kreisläufe eingesetzt werden können. Eine weitere Möglichkeit stellt die Entwicklung neuer regionsspezifischer Qualitätsprodukte dar. Ihren Mehrwert erhalten sie durch die Verknüpfung von regionaler Identifikation und ihrer nachvollziehbaren Qualität (GEHRLEIN, GRUNZKE & STEIMEL 2007: 94-96). Im Dienstleistungssektor sind dazu die Vermarktung umweltschonend erzeugter Produkte und Sortimente, sowie der Aufbau marktgerechter Vertriebsstrukturen eine Möglichkeit. Nachhaltiges Wirtschaften soll Biosphärenreservate u.a. mit Hilfe wissenschaftlicher Unterstützung, lokaler Initiativen, öffentlich- privaten Kooperationen und Netzwerken umsetzen. (GEHRLEIN, GRUNZKE & STEIMEL 2007: 6F) Im Bereich Landwirtschaft empfiehlt das Gutachten Entwicklungen zu unterstützen, die mit den Zielsetzungen der Biosphärenreservate einhergehen. Möglichkeiten dafür wären der Ausbau des ökologischen Landbaus und die Diversifizierung landwirtschaftlicher Einkommensquellen, wozu auch die Verarbeitung und die Vermarktung regionaler und naturschutzgerecht erzeugter landwirtschaftlicher Produkte gehört (GEHRLEIN, GRUNZKE & STEIMEL 2007: 97F). Eben dieser ist ein wichtiges Kriterium für die hohe Qualität von Regionalprodukten. In einer Studie zur Bestimmung nachhaltigen Wirtschaftens aus dem Jahre 2002 wurden Biosphärenreservate auf die Themenfelder und Anzahl ihrer Initiativen und Netzwerke untersucht (siehe Abb.2). Unterschieden wurden Arbeitsgruppen, die von der Biosphärenreservatsverwaltung initiiert wurden, Arbeitsgruppen, die zu LEADER+- Netzwerken gehören, Zusammenschlüsse an denen Landkreise, Städte und Unternehmen beteiligt sind, Kommunale Arbeitsgemeinschaften und schließlich reine Unternehmenszusammenschlüsse (GEHRLEIN, GRUNZKE & STEIMEL 2007: 80). Insgesamt konnten 148 festgestellt werden, wovon ein Großteil auf den Tourismusbereich entfällt (35 %). Der Anteil vergleichbarer Projekte im Bereich regionale Vermarktung ist mit 19 % fast um die Hälfte kleiner. Weitere wichtige Handlungsfelder sind die Bereiche Handwerk/ Gewerbe/ Industrie mit 15 % und regenerative Energien mit 14 %. Abbildung 2: Netzwerke in den Biosphärenreservatsregionen nach Themenfeldern in % aller genannter Netzwerke/ Initiativen Quelle: BfN Skript 202 S Regionalvermarktung in Biosphärenreservaten Regionalvermarktung ist eine an regionale Merkmale und regional definierte Qualitäten geknüpfte Angebotspolitik für Produkte wie z.b. landwirtschaftliche Erzeugnisse, Holz, Lebensmittel [ ] zu verstehen (GEHRLEIN & FICK 2007: 13). Die Regionalität wird insofern bestimmt, dass die Produkte in einer Erzeugerregion hergestellt und in einer oder mehreren Vermarktungsregionen abgesetzt werden. Die Erzeugerregion ist ein natürlich oder historisch gewachsener, zusammenhängender Raum (siehe Erfolgsfaktor Regionalität). -13-

19 Biosphärenreservate Die Vermarktung regionaler Produkte wird in Biosphärenreservaten unterschiedlich vorgenommen. Dass es dabei nicht nur einen, richtigen Weg gibt, zeigen die unterschiedlichen Vermarktungsformen (Regionalmarke, Dachmarke, Prüfzeichen, Zertifizierte Partnerbetriebe oder regionale Einzelprodukte etc.). Maßgeblichen Einfluss auf die Vermarktungsform hat die Struktur anwesender Erzeuger. Es stellt sich die Frage, welche Produkte vermarktet werden können und welche Erzeuger an einer regionalen Vermarktungsinitiative interessiert sind. Ist die Produktpalette groß genug, käme die Gründung einer Marke in Betracht, wie im BR SW, SC oder MVS. Bei wenigen ausdrucksstarken Produkten sollte eine Einzelvermarktung vorgenommen werden (u.a. Prignitzer Weiderind, Wörlitzer Apfeltraum, Rhönschaf). Die Biosphärenreservate nehmen dabei unterschiedliche Rollen ein. In den meisten Fällen stellen sie die Gebietskulisse für die Vermarktungsinitiativen. Sofern bereits starke Regionalvermarktungs- und Erzeugungsstrukturen vorhanden sind, übernehmen die BR- Verwaltungen die Rolle eines Moderators. In anderen Fällen übernehmen sie die Trägerschaft einer Regionalmarke bzw. sind an ihrer Entwicklung federführend beteiligt und führen verschiedene Akteure in einem Netzwerk zusammen (MVS, SC u.a.). Zu den wichtigsten Aufgaben eines BR zur Förderung der Regionalvermarktung gehören: die regelmäßige Information aller relevanten, insbesondere der wirtschaftlichen Akteure, über die Möglichkeiten der Regionalvermarktung, die Koordination der regionalen Akteure, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, ein unterstützendes Umfeldmanagement in Politik, Verwaltung, und Markt, die Initiierung und Begleitung, ggf. Steuerung von Projekten, die Akquirierung von Fördermitteln zur Projektförderung (KULLMANN 2007: 66). Den BR- Verwaltungen wird empfohlen, das operative Geschäft der Regionalmarke erfahrenen wirtschaftlichen Akteuren überlassen, die in diesem Bereich über größere Kompetenzen und Erfahrungen verfügen. Sie würden auch in schwierigen Zeiten die richtigen Entscheidungen für die Marke treffen. Des Weiteren gilt zu bedenken, dass im Falle eines Projektmisserfolges das BR zumindest nicht finanzielle belastet werden würde (KULLMANN 2007: 66). Neben dem Aufbau einer Regional,- oder Dachmarke ist die Schaffung von Märkten für den Absatz regionaler Produkte bedeutsam. Diese können im BR PW/Nordvogesen (deutsch/französische Bauernmärkte) und im BR MVS (Schaalsee-Markt) beobachtet werden. In der Biosphärenreservatsregion Mittelelbe wurde die Ladenkette Heide-Läden aufgebaut, die Produkte aus der Region verkauft. Weitere Vermarktungsnetzwerke sind das Regionalforum TGF in der Thüringischen Rhön und das Netzwerk Bio- Partner in der BR- Region Niedersächsische Elbtalaue. Als ein reiner Unternehmenszusammenschluss ist die Rhöner Hausmacherkooperation zu nennen, welche von Metzgern, Kleinbrennern und Landwirten getragen wird (GEHRLEIN, GRUNZKE & STEIMEL 2007: 81). Der Status der Vermarktung regionaler Produkte in Biosphärenreservaten wurde im Zeitraum April bis Juni 2002 im Rahmen einer Studie des BfN erfasst. Dafür wurden Experteninterviews mit den Verwaltungsstellen der Biosphärenreservate in den jeweiligen Bundesländern durchgeführt und bis dahin verfügbare Literatur ausgewertet. Die Mehrheit der 20 befragten Stellen sah in der Regionalvermarktung eine Aufgabe des Biosphärenreservates, jedoch stellte die aktive Beteiligung an der Marketingplanung nur für 11 der 19 befragen Verwaltungsstellen ein aktives Handlungsfeld dar (KULLMANN 2007: 63). Die Beteiligung an der Umsetzung der Regionalvermarktung ist unterschiedlich. Abb. 3 zeigt die Handlungsfelder, in denen die BR- Verwaltungen aktiv werden. Beliebteste Aktivi- -14-

20 Biosphärenreservate täten sind dabei Feste und Märkte, die von 15 Stellen vorgenommen werden, sowie die Initiierung von Projekten und die Projektbegleitung durch 14 Verwaltungen. 13 Verwaltungsstellen unterstützten eine zentrale Organisation, die sich um die Regionalvermarktung kümmert. In den Biosphärenreservaten MVS und SC sind die Schutzgebiete selbst Träger der Marken, während im Spreewald die Leitung der Dachmarke dem Spreewald Verein obliegt, der vom Biosphärenreservat unterstützt wird. Fünf der befragten Verwaltungsstellen unterstützten regionale Vermarktungsprojekte finanziell, bzw. stellen ihr Logo als Markenzeichen für die Regionalvermarktung zur Verfügung. Nur ein BR gab an, aktiv durch Produktion, Verarbeitung und Vertrieb beteiligt zu sein. Abbildung 3: Art der Aktivitäten der BR- Verwaltungen zur Unterstützung der Regionalvermarktung Quelle: BfN Skript 175 S.64 Die Studie schloss auch die Erfassung aller Vermarktungsaktivitäten in den Biosphären-reservaten ein. Dabei fiel auf, dass besonders die BR Rhön, SW, SC und PW die stärksten Aktivitäten im Bereich Regionalvermarktung verzeichneten. Im Untersuchungszeitraum 2001 bis 2002 konnten im BR- Gebiet Rhön fast 50 Projekte und Einzelakteure für den Bereich Regionalvermarktung ausgemacht werden, wovon sechs grenzübergreifend waren. Eine langfristige, intensive Zusammenarbeit mit mehreren Akteuren kann in größerem Umfang nur den Biosphärenreservaten MVS, SC, SW und Rhön attestiert werden (KULLMANN 2007: 69). Die Vermarktungsorganisationen sind in den BR unterschiedlich ausgeprägt. Während MVS, SC und Rhön Fördervereine als zentrale Organisationen mit der Koordination der Regionalvermarktung vertraut gemacht hatten, wurden im SW und im BW externe Organisationen mit dem Management der Regionalvermarktung beauftragt (KULLMANN 2007: 70). Die finanzielle Förderung der Regionalvermarktung ist in den einzelnen BR sehr unterschiedlich betrug sie im BR Schaalsee , wovon der Großteil zur Unterstützung des monatlichen Biosphären- Marktes eingesetzt wurde. In Schorfheide- Chorin konnte im Jahr 2000 ca für die Einrichtung eines Regionalladens eingesetzt werden. Das Geld stammte aus Lottomitteln. Das BR Elbe M-V ermöglichte eine Förderung von , zum Aufbau der Regionalvermarktung auf ABM- Basis. Das BR SW investierte in 8 Jahren ca in Konzepte und Gutachten und für diverse Qualifizierungen, Seminare und Praktika dritter Personen. Die drei Verwaltungsstellen des BR Rhön gaben an, keine finanzielle Unterstützung zu geben, dafür aber personelle, durch Mitarbeiter in den Verwaltungen. In Hessen und Thüringen sind dafür zwei volle Mitarbeiterstellen im Bereich Landnutzung/ Landwirtschaft eingerichtet worden, die sich langjährig mit Regionalvermarktung beschäftigen. Die Zahlen belegen, dass eine umfangreiche Förderung für den Aufbau von regionalen Vermarktungsstrukturen, insbesondere mit dem Ziel einer Regionalmarke und einer der sie tragenden Organisation, notwendig ist. Geschätzt sind für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren dafür aufzuwenden, bevor sich die geschaffenen Strukturen in Form eines Vereins oder einer GmbH, selbst tragen können (KULLMANN 2007: 80). Die 10 wichtigsten Produktgruppen der im Rahmen der BfN- Studie befragten 63 Akteure mit Sitz im BR waren: Rindfleisch, Wurst, Lamm und Spirituosen, Brot und Backwaren, Schwein, Käse, Mich, Wild -15-

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