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1 Leben schenken Er hat ein grosses Herz für kleine Patienten. 20 Jahre ist Dr. Beat Richner schon in Kambodscha, er hat Hunderttausende Kinder gerettet und geheilt. Auch die kleine Kheng kann wieder lachen: Bald gehts nach Hause! Neugierig Die sechsjährige Kheng erkundet das Ganglabyrinth des Kantha-Bopha-Spitals in Siem Reap. Beat Richner, 64, den «Swiss Doctor», findet sie besonders spannend. 26 schweizer illustrierte

2 Der Chirurg Dr. Keo Sokha hat Kheng operiert und ihren Ellbogen wieder zusammengeflickt. Stärkung Grossmutter Chheun Seth bringt Kheng täglich Reis und getrockneten Fisch. Ungeduldig Seit fast einer Woche harrt Kheng im Spitalbett in Siem Reap aus. Der gebrochene Ellbogen heilt gut. Jetzt will sie endlich wieder herumspringen. Wieder daheim! Grosseltern, Tante und Nachbarn freuen sich über Khengs Rückkehr. «Kheng ist mein Kind. Ihre Eltern sind tot oder so was Ähnliches wie tot» Chheun Seth, GroSS mutter Text Nina Siegrist Fotos Monika Flückiger Kheng mag nicht länger liegen. Der Arm tue auch gar nicht mehr weh, sagt die Sechsjährige zur Grossmutter, die neben dem Spitalbett sitzt. Das Mädchen kreuzt die Beinchen, steht, ohne sich abzustützen, auf, den linken Arm in der Schlinge. «Da», sagt sie und zeigt mit dem unverletzten Arm ans andere Ende der Krankenstation, «da hinten ist der weisse Doktor.» Beim Betrachten ihrer neugierigen Enkelin entfaltet sich auf dem sorgenvollen Gesicht von Grossmutter Chheun Seth ein schüchternes Lächeln. Sie zupft den viel zu grossen Rock der Kleinen zurecht, der ihr trotzdem gleich wieder unter die Hüfte rutscht. Ja, Kheng sei ihr Kind, erklärt sie Dr. Beat Richner, der auf seiner täglichen Visite nun beim Mädchen mit dem Ellbogenbruch angelangt ist. Die Eltern der Kleinen seien tot «oder so was Ähnliches wie tot», vor fünf Jahren nach Thailand gereist und seither verschollen, keine Nachricht, kein Lebenszeichen, nichts. Nun kümmern sich die Grosseltern um Kheng, Geld haben sie keines, aber ein Reisfeld hinter dem Haus, ein auf Stelzen gebautes Hüttchen, etwa 120 Kilometer entfernt von hier. Beim Wäscheaufhängen ist Kheng von der Hütte runtergefallen. Ihr Arm hatte einen Knick. Eine Tante empfiehlt, nach Siem Reap zu fahren, da gebe es ein Kinderspital, das allen helfe auch Leuten wie ihnen, die nicht mal Schuhe besitzen. Über drei Stunden dauert die holprige Fahrt mit dem klapprigen Motorrad eines Nachbarn. Dann heisst es anstehen mehrere Hundert Eltern warten vor dem Spital. Am folgenden Tag wird Khengs Ellbogen operiert. Eine Infusion päppelt das geschwächte Mädchen auf. Und Grossmutter Chheun Seth bekommt sogar etwas Geld, um der Enkelin Reis und Fisch zu kaufen. Bald, ganz bald geht es zurück nach Hause viel zu packen gibt es nicht. Warten auf die Neuankömmlinge. Beat Richner empfängt beim Spitaleingang für einmal keine Patienten, sondern Gäste aus der Schweiz: Hundert u 28 schweizer illustrierte schweizer illustrierte 29

3 «Sreynath hat seit Tagen nicht mehr geschla fen, nur noch gehustet, dann erbrochen» Mao Ya, Mutter u Medizinstudenten wollen von Richner lernen, wie man in Ländern wie Kambodscha Spitäler aufbaut und führt (siehe Box S. 34). Finanziert hat den einwöchigen Postgraduate-Kurs ein Spender. Dr. Richner sitzt im überdachten Eingangsbereich auf einem Klappstuhl, pafft einen Zigarillo. Er habe den Draht zur jungen Generation verloren, sagt er. «Aber ich habe Hoffnung. Hoffnung, dass diese Generation nicht so dem Geld hinterherrennt wie meine.» Hier, auf diesem Klappstuhl, sitzt er oft. Kritzelt Ideen auf Notizzettel, plant Kurse, Neubauten, Spendenanlässe und regt sich auf. Über eine der medizinischen Fakultäten, die seinen Kurs nicht unterstütze. Über Grossbanken, die lieber die Formel 1 sponsern als seine Spitäler. Und über die Arroganz sogenannter Experten, die immer noch fordern, dass Richners Patienten ihre Behandlung bezahlen müssten, obwohl von den Hunderttausenden bis heute geretteten Kindern kaum eines dies vermocht hätte. Richner rattert Zahlen herunter, wird lauter. Nur um dann, wie so oft, nach einem weiteren Zigarillo, ein paar Frigor-Schöggeli und einem Anruf bei Peter Studer, dem Aargauer Kinderarzt, der ihn seit Jahren unterstützt und beschwichtigt, aufzustehen und weiterzumachen. «Andere arbeiten, ich rege mich auf», scherzt er und stellt sein Stühlchen zur Seite. Die Gäste sind da, sogar der Schweizer Botschafter ist zur Eröffnung des Postgraduate-Kurses angereist. «Der erste Botschafter, der mich voll unterstützt», sagt Richner. Und eilt Christoph Burgener entgegen. Sreynath bekommt keine Luft mehr. In der Notaufnahme hustet und schreit die Zweijährige abwechslungsweise, ihre kleinen Finger krampfen sich um ein rosarotes Stofftier. Mutter Mao Ya versucht, ihr die Brust zu geben, doch Sreynath lässt sich durch nichts beruhigen. Für den stellvertretenden Klinikleiter Khun Leang Chhun ist klar: Das Mädchen muss hospitalisiert werden. Auf einer Bahre gehts durch das Gang- u Alles wird gut Die Medikamente gegen Lungenentzündung und Tuberkulose haben angeschlagen: Sreynath, 2, geht es besser. Auch Mutter Mao Ya findet endlich wieder Ruhe. Kritischer Moment Bei ihrer Einlieferung kann Sreynath kaum noch atmen. Auf der Intensivstation erhält sie eine Infusion und Sauerstoff. Gesund zurück Grosi Lorn Son, 62 (l.), Lieblingsschwester Sreytoch, 12 (vorne), Papa Sourm, 42, und die Schwestern Socaea, 14 (l.), und Yat, 9, freuen sich über die Rückkehr von Sreynath und ihrer Mama Mao Ya, schweizer illustrierte schweizer illustrierte 31

4 «Mir geht es um Gerechtigkeit. Um eine kor rekte Medizin für alle» Dr. Beat Richner u labyrinth, erst zum Röntgen, dann in eine der Intensivstationen. Still ist es hier, nur die Deckenventilatoren surren. Viele der kleinen Patienten sind nicht bei Bewusstsein. Sreynath bekommt Bett 307, eine Infusion, eine Sauerstoffflasche, die dreimal so gross ist wie sie. Und ihre Schreie werden noch lauter einen Schlauch in die Nase. Seit Tagen habe sie nicht mehr geschlafen, nur noch gehustet, erbrochen, sagt die Mutter, eine Bäuerin. Ein älteres ihrer Kinder war vor Jahren ebenfalls hier im Spital, mit ähnlichen Symptomen. Das Mädchen hatte Tuberkulose. Dr. Khun Leang Chhun kommt mit den Untersuchungsergebnissen zurück. Sie sind eindeutig: Die Lungenentzündung von Sreynath ist eine Folge der Tuberkulose. Mit den richtigen Medikamenten sei sie schnell wieder auf den Beinen, versichert der Arzt. Dr. Beat Richner sagt, er sei hier der «Hüttenwart». Auch wenn Studenten da seien und alles etwas drunter und drüber gehe, müsse einer in den 2000-Betten-Spitälern nach dem Rechten sehen. Nach links und rechts blickend läuft er in der Mittagspause durch die Gänge. Kein ungeputzter Boden entgeht ihm, keine unaufgeräumte Station, kein Kind, das zu lange auf eine Operation warten muss. Ganz hinten, da, wo es noch nach frischer Farbe riecht, ist sein neuer Stolz: eine Abteilung für Herzoperationen, inklusive Herzkathetertisch. Am 22. November wurde hier die erste Operation durchgeführt, am 29. November ist der Schweizer Herzchirurg René Prêtre für eine Woche da gewesen, um die lokalen Ärzte anzuleiten. Eine Ärztin übt gerade mit dem neuen Ultraschallgerät fürs Herz- Echo, «Madame Soft voice», stellt Richner sie vor. Eigentlich heisst die Kardiologin Sok Kunthea, doch das ist ihm egal: «Madame Soft voice» könne eben mit unglaublich weicher Stimme über die schlimmsten Krankheiten sprechen, das sei schon faszinierend, sagt er, lacht leise vor sich hin und macht sich auf den Weg zurück zu den Studenten. Endlich nach Hause! Ein Pickup des Spitals bringt erst Sreynath, dann u Weggefährte Als der Aargauer Kinderarzt Peter Studer 1991 in der Zeitung liest, dass ein gewisser Beat Richner in Kambodscha ein Kinderspital aufbauen will, denkt er: «Ein Spinner. Aber einen Versuch ists wert.» Studer kennt das Land und dessen korruptes Regime, er war 1981 als Rotkreuzarzt vor Ort. Er bietet Richner seine Hilfe an. 58-mal ist er seither in Kambodscha gewesen, berät und unterstützt «Beatocello» fast täglich am Telefon oder wie hier in dessen Stammlokal in Siem Reap. Vermittler Laborleiter Denis Laurent ist neben Dr. Richner der einzige Ausländer in dessen Spitälern. Er kam 1994 dazu, zog ursprünglich der Liebe wegen nach Kambodscha. Seine Frau ist Einheimische, er spricht fliessend Khmer, ist Richners direkter Draht zu Behörden und Bevölkerung. Die Schere zwischen Arm und Reich, sagt Laurent, werde in Kambodscha immer grösser. Umso wichtiger werden die Kantha-Bopha-Spitäler «sie sind eine Insel der Gerechtigkeit». Warten auf Hilfe In der Eingangshalle des Spitals in Siem Reap herrscht Grossandrang. Beatocello sorgt bei Eltern und Kindern für Ablenkung. Botschafter Christoph Burgener schenkt Kantha Bopha nicht nur regelmässig sein Blut, sondern Dr. Beat Richner seit zwei Jahren auch volle diplomatische Unterstützung: «Eigentlich ist Beat Richner in Kambodscha der bessere Botschafter für die Schweiz als ich.» 32 schweizer illustrierte schweizer illustrierte 33

5 u Kheng zurück zu ihren Familien. Das Auto stoppt in einem kleinen Dorf. Mit Brettern und Palmblättern haben die Bewohner einfache Hütten gebaut nur 500 Meter weiter beginnt eine andere Welt: der Flughafen von Siem Reap, mit täglich Tausenden von ankommenden Touristen, die Angkor Wat sehen wollen. Sreynaths zwölfjährige Schwester Sreytoch ist ex tra früher aus der Schule gekommen, hüpft und rennt ihrer Mutter entgegen und nimmt ihr die Zweijährige vom Arm. «Sie ist die Ersatzmutter», erklärt die Grossmutter, «wenn die Eltern auf dem Reisfeld sind, passt Sreytoch auf die zwei jüngeren Schwestern auf.» Dann nimmt auch sie ihre zurückgekehrte Enkelin auf den Schoss, lächelt glücklich: Über 30 Enkel habe sie noch keiner sei gestorben, «alle, ja alle sind am Leben!». Dr. Beat Richner hat inzwischen seine Studenten verabschiedet. «Wir werden Kantha Bopha nicht vergessen», hat eine der angehenden Medizinerinnen in ihrer Abschlussrede versichert. Jetzt sitzt Richner im Eingang auf seinem Klappstuhl, einen Zigarillo im Mund, neben ihm Frigor-Schöggeli-Papier. Hat er sich aufgeregt? Nein, versichert er, gefreut habe er sich. Die Studenten hätten es «gecheckt», verstanden, worum es ihm gehe. Um Gerechtigkeit. Um eine korrekte Medizin für alle. Diese neue Generation, die sei einfach intelligenter. Das merke er auch beim Bund, beim Deza: «Früher hab ich immer gesagt, das Deza finanziert die Löcher in unseren Backsteinmauern. Heute hat sich vieles gebessert.» Er zieht am Zigarillo. Trotzdem mache er sich oft Sorgen. «Auf uns alle kommen vermutlich finanziell schlechtere Zeiten zu.» Umso wichtiger sei es, dass er jetzt Geld für die nächsten zehn Jahre sammle. «Dann», sagt er und nimmt noch ein letztes Stückchen Schoggi, «dann könnte ich mich sukzessive zurückziehen.» Khengs Grossmutter soll dem Fahrer zeigen, wo sie wohnt. Doch sie verpasst die Abzweigung zu ihrem Dorf: So schnell, mit einem Auto, ist sie noch nie daran vorbeigekommen. Khengs andere Grossmutter, Tanten, Nachbarn, alle haben sich versammelt, um die Heimgekehrte zu begrüssen. Die legt sich als Erstes in ihre Hängematte, schaukelt sanft hin und her. Sie freue sich, wieder in die Schule zu gehen, sagt Kheng. Sie sei auch Klassenbeste, erklärt ihre Tante. Und der Grossvater zur Feier des Tages hat er sein einziges T-Shirt übergestreift, der hat nun endgültig entschieden, was seine Enkelin werden soll: Ärztin im Spital von Dr. Richner, dem weissen Doktor mit dem grossen Herz. Grossväterliche Gefühle Gleich fünf Teilnehmer seines Postgraduate-Kurses waren früher Patienten in Beat Richners Zürcher Praxis: «Und siehe da, aus ihnen ist was geworden!» Von links: Fabian Ludwig, Sarah Schwabe, Christof Buhl, Beat Richner, Christoph Solzuy und Julia Blass. Schweizer Medizinstudenten in Kambodscha «Unglaublich, was Rich ner leistet!» Neues Wissen Dr. Khun Leang Chhun zeigt den Berner Studentinnen Helen Manser und Patrizia Rölli (r.) das Kantha-Bopha-Spital in Siem Reap. ubei diesen Zahlen geraten die Teilnehmer von Beat Richners Postgraduate-Kurs ganz schön ins Staunen: Heute, an ihrem ersten Kurstag in Siem Reap, wurden in den Kantha-Bopha-Spitälern 48 Kinder geboren, mehr als 60 Operationen durchgeführt und über 300 neue Patienten aufgenommen. «So ein Pensum bewältigt kein Spital in der Schweiz», sind sich die beiden Berner Studentinnen Helen Manser und Patrizia Rölli einig. Während in der Schweiz bereits bei einer Hirnhautentzündung Aufregung herrsche, würden hier 27 an einem einzigen Tag behandelt «und die Eltern sind extrem dankbar und genügsam». Beeindruckt habe sie die Sauberkeit und die perfekte Organisation, sagt Helen Manser nach der Spitalführung sie habe in Afrika schon ganz anderes gesehen. Auch Richners minimaler administrativer Apparat fällt vielen Studenten auf in der Schweiz nehme die «Büroarbeit» von Ärzten ja stetig zu. Und Patrizia Rölli meint nach dem einwöchigen Kurs nachdenklich: «Eigentlich erstaunlich, dass die Welt nicht mehr interessiert, was hier passiert.» «Wir retten Kinder und geben Kambodscha eine Zukunft. Helfen Sie uns dabei!» spenden: PC Bald wieder gesund Kheng ist eines von täglich über 300 Kindern, die in Dr. Beat Richners Spitälern aufgenommen werden. 240 von ihnen hätten ohne ihn keine Überlebenschance. 34 schweizer illustrierte schweizer illustrierte 35

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