HAB ICH NICHT RECHT? SEINE SACHE!

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1 Concha Romero HAB ICH NICHT RECHT? (Orginaltitel: Tengo razón o no?) SEINE SACHE! (Orginaltitel: Alla El) Zwei Monologe Aus dem Spanischen von Andrej Jendrusch 1

2 henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH 1995 Als unverkäufliches Manuskript vervielfältigt. Alle Rechte am Text, auch einzelner Abschnitte, vorbehalten, insbesondere die der Aufführung durch Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Buchpublikation und Übersetzung, der Übertragung, Verfilmung oder Aufzeichnung durch Rundfunk, Fernsehen oder andere audiovisuelle Medien. Das Vervielfältigen, Ausschreiben der Rollen sowie die Weitergabe der Bücher ist untersagt. Eine Verletzung dieser Verpflichtungen verstößt gegen das Urheberrecht und zieht zivil- und strafrechtliche Folgen nach sich. Die Werknutzungsrechte können vertraglich erworben werden von: henschel SCHAUSPIEL Marienburger Straße Berlin Wird das Stück nicht zur Aufführung oder Sendung angenommen, so ist dieses Ansichtsexemplar unverzüglich an den Verlag zurückzusenden. F1 2

3 HAB ICH NICHT RECHT? (Orginaltitel: Tengo razón o no?) Das Kleine Wohnzimmer eines bescheidenen Appartements. Ein Telefon und ein Tischchen mit Hausbar. Zwei Türen, zur Rechten und zur Linken, führen nach draußen und in die Wohnung. Es brennt Licht. Man hört eine unsichtbare Uhr zweimal schlagen. Carlos, ein Mann um die vierzig, tritt ein. Er hat einen Regenmantel an und trägt einen Koffer in der Linken. Carlos Maria!..., Maria...! (Da er keine Antwort erhält, geht er durch die rechte Tür und ruft weiter nach Maria.) (Off.) Maria..., Maria...! (Kommt zurück auf die Bühne.) Und dafür habe ich mich nun abgehetzt! Wenn ich geahnt hätte, daß sie nicht da ist...! (Legt den Regenmantel ab.) Wohin mag sie gegangen sein! Sicher plagt eine der Tanten wieder irgendein Zipperlein. Sie hätte vermutlich kaum so viele Tanten, wenn sie sich nicht immer so um sie sorgen würde. Na ja, schließlich hat jeder seine Hobbys, und das ist noch von geringerem Übel. (Carlos schenkt sich ein.) Ich sollte mich also nicht daran stoßen, aber es stört mich nun mal, ich weiß selbst nicht warum. Mysterien des Lebens. Dabei stört mich weniger, daß sie sich um ihre Tante kümmert, als daß sie nicht zu Hause ist, wenn ich komme. Noch dazu, wenn ich mich beeilt habe, damit sie nicht sauer wird. Hab ich nicht recht? Soll ich mich nun hinlegen oder auf sie warten? Ich bin nicht müde. Am besten, ich trinke noch was. (Er gießt sein Glas voll und stellt das Radio an. Er trinkt einen Schluck. Er wählt eine Telefonnummer.) Habe ich dich geweckt?... Warst du im Bett?... Nein, ich bin allein... Ja, zu Hause... Maria ist ausgegangen... Ha, ha, ha. Und das, wo wir gerade so heiß aufeinander waren! Heute hatte ich wirklich keine Lust zu gehen. Es war hundekalt auf der Straße... Drei Grad unter Null. Hat Mühe gemacht, das Eis vom Wagen zu kratzen... Ja, das Wetter ist schon merkwürdig... Das denke ich auch, ich hätte ruhig ein wenig länger bleiben sollen, aber du kennst ja meine Frau. Wenn ich nicht rechtzeitig zum Abendessen komme, regt sie sich auf. Und wenn es zwölf wird und ich immer noch nicht da bin, kriegt sie Schreikrämpfe... Abendbrot, Abendbrot! was ist Abendessen anderes als ein spätes Frühstück?... Ins Kino? Ins Kino können wir um vier oder um sieben gehen. Das ist besser, dann sind weniger Leute da... Ich weiß nicht, worüber du dich beklagst, ich verbringe mehr Zeit mit dir als mit ihr... Was soll das heißen, ob ich dich liebe? Du kannst Fragen stellen! Zweifelst du daran? Sie verlassen, um mit dir zusammenzuleben?... Ja, natürlich überrascht 3

4 4 mich das. Ist schließlich das erste Mal, daß du davon sprichst... Ich nahm immer an, daß du eine fanatische Einzelgängerin wärst. Weil du so gegen die Ehe gewettert hast!... Du hast recht, ich bin da auch nicht besser, aber ich weiß immerhin, wovon ich rede, während du nur allein gelebt hast... Na gut, einige Vorteile gibt es schon, aber selbst die sind mit Unannehmlichkeiten verbunden... Welchen? Also ich weiß nicht... du fühlst dich überwacht, wie ein kleines Kind, mußt ständig Rechenschaft darüber ablegen, wohin du gehst und woher du kommst... aber, schau, mit ein wenig Phantasie und ein paar zurechtgelegten Ausreden, ist das Ganze halb so schlimm, und du machst am Ende doch, was du willst. Frauen schlucken das ganz gut. Es ist wirklich einfach... Aber nein, mein Liebling! Dich würde ich niemals anlügen...! Wieso bist du nur plötzlich so scharf darauf zu heiraten? Jag mir keinen Schrecken ein! Warum nur? Kommen wir nicht prächtig miteinander aus...? (Während er sich die lange Entgegnung der Frau anhört, macht Carlos abwehrende Gesten. Es ist offensichtlich, daß er keine Probleme wünscht.) Entschuldige bitte, ich habe eben den Fahrstuhl gehört. Das wird Maria sein. Ich lege auf. Bis morgen. (Carlos legt erleichtert auf.) Da platzt einem doch der Kragen! Noch eine, die heiraten will! Ich weiß nur zu gut, wohin das führt. Aus Erfahrung. Ich will keine Probleme mehr. Hab weiß Gott schon genug davon. So ein süßes Ding... Adios, auf Nimmerwiedersehen. Auf ein Neues, mein Bester. (Leert das Glas.) Ich frage mich ehrlich, was ich an mir habe, daß die Frauen derart auf mich fliegen. Verstehen sie das? Ich auch nicht. Aber so ist das halt, was soll man machen? Die sind ganz verrückt nach mir. Dabei bin ich weder Banker, noch Politiker oder Künstler. Obgleich, eine Kunst gibt es schon, in der ich groß bin, da brauchen sie nur zu fragen, ha, ha, ha... Susi hatte gesagt, das ich zart wäre, und Maruchi meinte, ich sei hart. Encarnita nannte mich Engel und Celia einen Teufel. Kenne sich einer in den Frauen aus! Wie sagte mein Vater: Laß sich der mit ihnen ein, der sie versteht. Ha, ha, ha. Casilda hatte das gewisse Etwas. Sie war sich ihrer Bedeutung wohl bewußt und spielte die Überlegene. Wißt ihr, was sie sagte, wenn wir uns geliebt hatten? Carlos, mein Macho, du machst deine Sache gut, wirklich hervorragend. Dann sprang sie mit einem Satz aus dem Bett. Jetzt hast du es dir verdient, mein Großer. Ich hol dir was zu trinken. Was solls sein? Das Übliche? Als ich nicht mehr kam, gings mit ihr bergab. Sie litt an Depressionen und ließ den Kopf hängen. Verstehen Sie das? Na, ich auch nicht. Noch so ein Mysterium des Lebens. Und Amalia? Was ist aus Amalia geworden? (Schlägt sich an die Stirn.) Ach, Carlos, du Esel! Wie konntest Du nur ver-

5 gessen, daß sie sich umgebracht hat? Erinnerst du dich nicht mehr an den Brief, den sie dir schrieb, bevor sie zwei Schachteln Valium schluckte? Ich kann ohne dich nicht leben. Die Ärmste! Es klingt mir jetzt noch in den Ohren. Makaber! Und ich habe den Brief mit einem Monat Verspätung bekommen. Wie pietätlos, aber so ist die Post! Und das, obwohl sie nur drei Häuserblocks entfernt wohnt. Warum hat sie das nur getan, die Idiotin? Es war so schön mit ihr. Wirklich, ich begreife die Frauen nicht. Warum müssen sie immer so leiden? Warum nehmen sie sich gleich alles so zu Herzen? Wie sollte ich also nicht zu dem Schluß kommen, daß ich einzigartig bin, unersetzlich, ein Schwerenöter, kurz ein Supermann, ein Hans Dampf, ein Frauenheld, der geborene Verführer, ein Don Juan. Ach, was Don Juan. Don Juan würde sich neben mir ausnehmen wie ein Pennäler. Immer sieht man mir an, daß ich hinter einem Rock her bin. Die Frauen lachen mich an. Alle wollen mich erobern. Sie blicken mir tief in die Augen, kommen näher, lächeln, sprechen mich an und schon ist es geschehen: sie haben mich eingewickelt. Und wenn ich erst mal schwach geworden bin, wie, bitteschön, soll ich mich dann noch wehren? Sie verschlingen mich mit Haut und Haar! Ich bin es, der hier vernascht wird!... Kurzum, so sind die Frauen: ein Mann allein genügt ihnen nicht. Das Schlimme ist, daß ich manchmal mit meiner Holden schlafen muß und jeden Tag weniger Lust dazu habe. Sie sieht ganz schön verbraucht aus. Ist in kürzester Zeit alt geworden. Hat sich eine Lungenentzündung geholt und ist nie wieder richtig auf die Beine gekommen. Sicher, sie ist über vierzig und an einer Frau gehen die Jahre halt nicht spurlos vorüber. Nehmen sie mich dagegen. Ich sehe aus wie dreißig. Jeden Tag fühle ich mich besser und die grauen Schläfen machen mich noch interessant. Eines kann ich mir nicht erklären. Vor meiner Ehe hat sich keine um mich geschert, da gab es keine Affäre, nicht die Spur. Doch kaum war ich verheiratet weiß der Himmel warum, als wär Zauberei im Spiel habe ich sie allesamt am Hals und sie sind hinter mir her wie die Fliegen! Begreifen Sie das? Ich auch nicht. Noch so ein Mysterium. Als wäre meine Frau ein Amulett, ha, ha, ha. Wäre doch wirklich lustig, wenn ich meinen Sex-Appeal ihr zu verdanken hätte! Und wie sie mir wegen der Wohnung zugesetzt hat! So mir nichts, dir nichts, kam ihr in den Sinn, eine Wohnung zu kaufen. In Madrid! Bei den Preisen! Ich kaufe doch keine Wohnung, wer bin ich denn! Ein Leben lang mit ner Hypothek am Hals! Wer kann sich heutzutage schon eine Wohnung leisten? Ein Normalbürger gewiß nicht. Wirklich nett, was?... Im Wagen habe ich kürzlich Radio gehört... da wurde ein Banker interviewt, ich glaube er hieß Alberto, und dieser Typ sagte doch wahrhaftig, daß die Wohnungen bis zum Jahr Zweitausend weiter im Preis steigen 5

6 6 würden. Gerissen! Damit die Leute darauf reinfallen, wie die Blöden kaufen und dann, hast du nicht gesehen, gehen die Preise in den Keller... Ärgerlich hab ich den Sender gewechselt und eine Wahrsagerin gehört, die genau das Gegenteil sagte, nämlich daß die Wohnungen ab Juli rapide im Preis fallen werden. Ehrlich gesagt, vor die Wahl zwischen den Banker und die Wahrsagerin gestellt, halte ich es doch lieber mit der Wahrsagerin, und, wenn das alle tun, fallen die Wohnungen tatsächlich im Preis ich jedenfalls glaube fest daran. Wie dem auch sei, im Augenblick gibt es keine Wohnung. Und sie hat sich gefälligst damit abzufinden. Dumme Kuh! Immerfort zetert sie herum: Du hilfst mir nicht im Haushalt... läßt die Socken unterm Bett liegen. Ich bin nicht dein Dienstmädchen. Ach, scher dich doch! Sie sollte vor Freude in die Luft springen, daß das Schicksal ihr einen solchen Mann beschert hat. Habe ich je eine Nacht außer Haus verbracht? Wie oft bin ich nach Mitternacht gekommen? An den Fingern einer Hand kann man es abzählen! Und es wird auch gewiß nicht wieder vorkommen, weil sie sonst eine Riesenshow abzieht. Worüber beklagt sie sich nur? Ich habe ja schon einen Aschenputtelkomplex. Kaum schlägt es zwölf, renne ich los und bin gar nicht mehr zu halten... der Angstschweiß bricht mir aus allen Poren. Was kann sie als Tochter ihrer Mutter mehr verlangen? Das läßt sich gar nicht besser ausdrücken: als Tochter ihrer Mutter. Genauso ist sie, genau wie meine vermaledeite Schwiegermutter. Wenn die sich was in den Kopf setzt, gibt sie erst Ruhe, wenn sie es erreicht hat. Eine echte Nervensäge. Die Wohnung wird nicht gekauft, Punktum. Komme was wolle. Ich weiß selbst nicht, wie ich das solange aushalten konnte. Warum ich nicht längst meine Koffer gepackt habe, Lust dazu hatte ich weiß Gott, und oft hat auch wirklich nicht mehr viel gefehlt. (Carlos blickt auf die Uhr.) Eins. Eins und noch immer kein Lebenszeichen. Freilich, sie kann kommen und gehen, ohne ein Wort zu sagen, weil sie eine Heilige ist, immerfort Wohltaten erweist...! Und wehe es fiele mir ein, mißtrauisch zu sein, Madre mia! Einmal habe ich, halb im Spaß, so eine Andeutung gemacht da wurde sie fast nicht mehr! Das ist einfach nicht gerecht! Das kann doch nicht angehen, daß ich immer vor zwölf zu Hause sein muß, und mir den Kopf zerbreche, um Ausreden zu erfinden, während sie auf Familientrip geht, und es ihr nicht im Traum einfiele, so was vorher anzukündigen! Aber Carlos, wenn meine Tante Angelica mit Hexenschuß im Bett liegt... Bin ich denn schuld, daß man dich nie findet, weil du ständig unterwegs bist?... Bin ich denn schuld! Bin ich denn schuld! Wenn hier einer keine Schuld hat, dann ich! Glaubst du, mir macht es Spaß, den lieben langen Tag kreuz und quer durch die Gegend zu rennen? Denkst du, mir gefällt es, die

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