7. Hos 11,1-11: Der abtrünnige Sohn. 7.1 Einleitung

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1 7. Hos 11,1-11: Der abtrünnige Sohn 7.1 Einleitung Wir kommen jetzt zu der zweiten und letzten Perikope meiner Studie. 11,1-11 verwendet die Metapher des Vater-Sohn-Verhältnisses, um die Beziehung zwischen Jahwe und Israel zu beschreiben. In dieser Perikope findet man Hoseas tiefste theologische Einblicke in dieses Thema 1. Jahwe nennt Efraim/Israel seinen Sohn und erzählt, wie er es als Sohn behandelt hat. In 11,1-4 wird von den Heilstaten Jahwes um seines Sohnes - Israel/Efraim - willen gesprochen. Jedoch beklagt sich Jahwe darüber, daß sein Sohn angesichts seiner liebevollen Vaterschaft undankbar gewesen ist. Nach allem, was Jahwe für ihn getan hatte, ließ Israel/Efraim seine Treulosigkeit dadurch erkennen, daß es anderen Göttern nachlief und seinen richtigen Vater nicht anerkannte (11,2-4). Wegen dieser Undankbarkeit und Treulosigkeit wird es als Sohn Jahwes verstoßen (11,5-7). Ich werde zeigen, daß es hier auch um die Autorität Jahwes über Israel und nicht um eine gegenseitige Beziehung mit Rechten und Pflichten geht. 11,1-11 ist vielleicht der Text im Hoseabuch, der am schwierigsten zu interpretieren ist. Der hebräische Text bereitet literarische Schwierigkeiten, die viele Exegeten dazu geführt haben, zahlreiche Korrekturen vorzuschlagen, die jedoch eher als Mutmaßungen denn als gesicherte Ergebnisse zu bezeichnen sind. Auf der inhaltlichen Ebene hat der Tonwechsel zwischen 11,1-7 und 11,8-11 viele Interpretationen hervorgerufen. Während die einen die hoseanische Authentizität von 11,8-11 vermuten, betonen andere ihren redaktionellen Charakter. Ich behaupte, daß 11,8-11 eine exilisch-nachexilische Hinzufügung ist, die die Vorstellung der Hoffnung auf die Rückkehr ins Land zum Ausdruck bringt. In diesem Kapitel werde ich die Metapher des Vater-Sohn-Verhältnisses untersuchen. Zunächst werde ich die Perikope 11,1-11 abgrenzen und zeigen, daß sie ein selbständiges Stück ist, das sich von den vorhergehenden und den darauf 1 Wiebe, J. M., Deuteronomy,

2 folgenden Perikopen unterscheidet. Danach werde ich jedes Element der Perikope im Detail untersuchen und analysieren und dort, wo es nötig ist, eine eigene Übersetzung sowie Lösungen für die textuellen Probleme vorschlagen. 7.2 Die Perikope Es wird allgemein vorgeschlagen, daß Kap. 11 als Schluß der Sammlung der hoseanischen Orakel, die in 4,1 angefangen haben, angesehen werden sollte. 2 Tatsächlich enthält Kap. 11 wichtige Indizien, die vermuten lassen, daß es sich um den Schlußteil von Kap handelt. Der redaktionelle Anzeiger in 11,11 markiert die Grenzen der zweiten großen Einheit (Kap. 4-11). 3 D. Wyrtzen betrachtet 4,1-11,11 als den vierten großen Komplex im Hoseabuch nach 1,2-2,3; 2,4-25 und 3,1-5 und vor der letzten Einheit 12,1-14,9. Diese Einheiten beginnen mit einem Urteilswort und enden mit einer Heilsankündigung enden. 4 Buss hat festegestellt, daß es innerhalb der Sammlung von 4,1-11,11 kleinere Orakelsammlungen, die sich um ein bestimmtes zentrales Thema drehen. Der aus den Einheiten 9,10-17; 10, und 11,1-11 bestehende Kern Aussagen beinhalte einen geschichtlichen Überblick ( historical review ). 5 Wiebe stellte fest, 6 daß Kap. 11, wie redaktionelle Formeln zeigen, mit 11,1 beginnt und mit 11,11 endet. Der Schluß werde durch den redaktionellen Anzeiger in 11,11b 7 und durch die Tatsache, daß 12,1 ein neues Thema 2 Vgl. Buss, M. J., The Prophetic Word, 31-33; Willi-Plein, I., Vorformen, 206; Wolff, H. W., Dodekapropheton, 245f, ; Mays, J. L., Hosea, 15f; Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 314, 331f, 576; Wyrtzen, D., The Theological Center, Vgl. Wiebe, J. M., Deuteronomy, Darauf haben mehrere Exegeten aufmerksam gemacht. Vgl. Wolff, H. W., Dodekapropheton, 254; Willi-Plein, I., Vorformen, 206; Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 314, 576; Yee, G. A., Composition and Tradition, 144; Buss, M. J., The Prophetic Word, 32f; Rudolph, W., Hosea, 219; Jacob, E., Osée, 80. Für die Verwendung dieser redaktionellen Formel vgl. Rendtorff, R., Gebrauch, 27-37; Baumgärtel, F., Die Formel, Wyrtzen, D., The Theological Center, Buss, M. J., The Prophetic Word, 31f. 6 Wiebe, J. M., Deuteronomy, 99f. 7 Vgl. Jacob, E., Osée, 80; Rudolph, W., Hosea, 219; Buss, M. J., The Prophetic Word, 32f; Willi-Plein, I., Vorformen, 206; Wolff, H. W., Dodekapropheton, 254; Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 314, 576; Yee, G. A., Composition and Tradition, 144. Für die Verwendung dieser Formel vgl. Westermann, C., Basic Forms, 188f; Rendtorff, R., Gebrauch, 27-37; Baumgärtel, F., Die Formel,

3 einleite, 8 markiert. Der Anfang der Perikope wird mit der Partikel in 11,1 eingeleitet. Obwohl einige Versionen des Alten Testaments 11,1 mit den vorhergehenden Versen sinngemäß verbinden, indem sie die Partikel in kausalem Sinne wiedergeben, 9 weist Wolff mit Recht darauf hin, daß kein einziges Stichwort 11,1-11 mit 10,9-15 verbindet und daß 11,1 ein neues Thema einführt. Hinzufügen kann man auch, daß Israel in 10,9-15 unmittelbar angesprochen wird, während in 11,1-4 von Efraim/Israel in der dritten Person die Rede ist. 10 Wie Wiebe schrieb, sollte man den alten Versionen nicht zuviel Wert beimessen, denn sie tendieren dazu, schwierige Stellen in der hebräischen Vorlage durch eine Harmonisierung der Texte zu vereinfachen. Die Partikel in 11,1 war für die alten Versionen vielleicht schwierig zu übersetzen, weil im biblischen Hebräisch bei einem mit eingeleiteten Temporalsatz immer vor einem Verb kommt. 11 Andererseits ist die inhaltliche Einheit von Kap. 11 selbst ein umstrittenes Thema. Wegen des Tonwechsels zwischen Drohung und Heil innerhalb vom Kap. Haben einige Kommentatoren den zusammengesetzten Charakter des Textes betont. 12 Andere sprechen dagegen von der Einheit des ganzen Kapitels. 13 H. Donner interpretiert 11,1-6 als ein prophetisches Kompendium zum Exodus aus Ägypten: Exodus aus Ägypten (11,1), der erste Fall des Volkes in Baal Peor 8 Vgl. Reines, C., Hosea XII, 156f; Wolff, H. W., Dodekapropheton, 268ff; Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 576; Beeby, H., Hosea, 141; Murphy, R./McCarthy, D., Hosea, ; Davies, G. I., Hosea, Vgl. G:. Vgl. auch Ziegler, J., Duodecim Prophetae, 171f. Auch die Vulgata übersetzt als eine kausale Partikel mit dem Satz: Quia puer Israel, und verbindet 10,15 mit 11,1. 10 Wolff, H. W., Dodekapropheton, 249. Vgl. auch Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, S. Wiebe, J. M., Deuteronomy, 100. In Fn 100 verweist Wiebe auf die Werke von Gesenius, F. H., Hebräische Grammatik, 164d; Kedar-Kopfstein, B., Textual Gleanings, 73-97; Kedar-Kopfstein, B., Hebrew Readings, ; Freedman, D., Problems, 55-76; Neef, H., Der Septuaginta-Text, ; Cooper, C., Hebrew Psalter, Vgl. McKenzie, J. L., Knowledge, 172; Zenger, E., Durch Menschen, 197f. 13 Vosloo, W., Hosea 11, , argumentiert, daß der wiederholte Gebrauch der Exodustradition, die Wurzel und das Bild des abtrünnigen Sohnes als strukturelle Hinweise auf die Einheit von 11,1-11 dienen; vgl. auch Wiebe, J. M., Deuteronomy, Für die Einheit von 11,1-9 vgl. Wolff, H. W., Dodekapropheton, 250f; Emmerson, G. I., Hosea, 40; Schüngel-Straumann, H., Gott als Mother, ; Yee, G. A., Composition and Tradition, 227; Daniels, D., Hosea,

4 (11,2), die Wanderung durch die Wüste (11,3-4), die Wachtel- und Mannawunder (11,4). 14 Im allgemeinen wurde die hoseanische Authentizität von Kap. 11 bis auf 11,10 15 wenig bestritten. Die endgültige Zusammenstellung der hoseanischen Einzelworte wird normalerweise einem Schüler oder der Schule des Propheten zugeschrieben. 16 Jedoch wurde diese alte Datierung erneut von Yee in Frage gestellt, die das ganze Kapitel 11 dem exilisch-nachexilischen Endredaktor (R 2), der für die endgültige Redaktion des Hoseabuches verantwortlich ist, zuschreibt. Mit den Kap. 3 und 14 strukturiere R 2 das ganze Hoseabuch nach einer dreiteiligen Anordnung. 17 Yee nimmt eine dreidimensionale Geschichte an, die auf die Lage der judäischen Gemeinde im Exil bezogen ist: Exodus aus Ägypten (11,1-4), babylonisches Exil (11,5-7), Rückkehr aus Ägypten als vorbildhafte Darstellung der Rückkehr Judas aus Babylon (11,10-11). 18 E. Zenger vertritt die Ansicht, daß ein hoseanischer Kern in 11,1-7 (11,1.3a.4b.5a.6a) einer redaktionellen Erweiterung durch die Schüler des Propheten unterzogen wurde (11,2.3b.4a.5b.6b.7). Sein Hauptargument liegt im Personenwechsel zwischen diesen Versen. Der hoseanische Kern erwähne Israel/Efraim in der dritten Person Singular, während die redaktionelle Bearbeitung einen unbestimmten Plural eingeführt habe Donner, H., Israel, 87f. Vgl. auch Neef, H. D., Der Septuaginta-Text, 95; Vollmer, J., Geschichtliche Rückblicke, 64; Daniels, D., Hosea, ; Jacob, E., Osée, ,10 wurde von der Mehrheit der Kommentatoren als sekundär betrachtet: vgl. Marti, K., Das Dodekapropheton, 91; Duhm, B., Anmerkungen, 36; Buss, M. J., The Prophetic Word, 23; Willi-Plein, I., Vorformen, 203f; Bjornard, R. B., Hosea 11,8-9, 16; Nissinen, M., Prophetie, ; Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 591; Jeremias, J., Der Prophet Hosea, 147. Zitiert in Gangloff, F., La figure, Wolff, H. W., Dodekapropheton, 254; Jeremias, J., Der Prophet Hosea, 140; Rudolph, W., Hosea, Yee, G. A., Composition and Tradition, Yee, G. A., Composition and Tradition, 227. Man beachte, daß sie dieses Schema auf die Makrostruktur der Kap anwendet. 19 Zenger, E., Durch Menschen,

5 Die Studien von Yee und Zenger haben zur Untersuchung von Kap. 11 gegensätzliche Beiträge geleistet. Während Zenger aufgrund der diachronischen Methode eine frühe Datierung vorschlägt, kommt Yee auf eine späte Datierung, indem sie die synchronische Methode anwendet. 20 Nach Nissinen ist Kap. 11 das Ergebnis einer noch komplizierteren redaktionellen Arbeit. Er stellt drei redaktionelle Phasen fest: 1) Neu-interpretation der israelitischen Hofprophetie im Zusammenhang mit dem Ende des Nordreichs (gegen 700 v. Chr.). Zu dieser Phase gehören 11,1-3 (bis auf ), 11,4 (bis auf ), 11,5 (bis auf ), 11,6 und die letzten Worte von 11,11 (). 2) Eine von den Verfasser des Deuteronomium beeinflußte Theologie, die kurz nach dem Exil 11,2.7 und,, hinzugefügt hat. 3) Eine nachexilische Heilseschatologie, die für 11, (bis auf ) verantwortlich ist. 21 Man kann diese Beiträge als gute Ansatzpunkte nehmen, um die Redaktion von Kap. 11 zu bestimmen und die Entwicklung der Metapher des Vater-Sohn-Verhältnisses zu verfolgen. Aus thematischen Gründen habe ich Kap. 11,1-11 wie folgt gegliedert: Beschreibung der väterlichen Liebe Jahwes und der undankbaren Antwort Israels (11,1-4), die Urteilsankündigung (11,5-6), die Klage des Volkes (11,7), Rückkehr ins Land (11,8-11). 7.3 Textanalyse und Auslegung von Hos 1, Hos 11,1-4: Jahwes väterliche Liebe, Israels undankbare Haltung 1) Als Israel jung war, hatte ich es lieb, aus Ägypten rief ich meinen Sohn!" 20 Gangloff, F., La figure, Nissinen, M., Prophetie, 338f. Zitiert in Gangloff, F., La figure,

6 heraus. 2) Sobald man sie ruft, 22 so wenden sie sich von mir 23 ab. Sie opfern den Baalen Und räuchern den Bildern. # #$%& '()*' &+*,%* 3) Ich aber lief für Efraim, und nahm sie an meine 24 Arme. Aber sie wußten nicht, daß ich sie heilte. #-.)/* (*0 1* 4) An menschlichen Seilen zog ich sie, an Stricken der Liebe. Ich behandelte sie wie die, die einen Säugling zu ihren Backen hochheben, ich neigte mich ihm ständig zu, um ihm zu essen zu geben. #' ' #2# # 3* Nach der überwiegenden Meinung endet die erste Einheit in der größeren Perikope 11,1-11 mit 11,4. 25 Trotz des schwierigen Textes stellt man durch 11,1-4 hindurch eine einheitliche Thematik fest, in der Jahwes Liebe und Efraims/Israels Treulosigkeit und Undankbarkeit einander gegenübergestellt werden. 26 Diese Thematik endet mit 11,5, der einen veränderten Stil aufnimmt, in dem Drohungen überwiegen. 22 Vgl. unten Vgl. unten Vgl. unten Harper, W. R., A Critical and Exegetical Commentary, 360; Anderson, B., The Book of Hosea, ; Weiser, A., Das Buch, 70; Jacob, E., Osée, 80f; Rudolph, W., Hosea, 212f; Brueggemann, W., Tradition for Crisis, 27f; Brueggemann, W., A Shape, ; Mays, J. L., Hosea, 151; Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 575; Jeremias, J., Der Prophet Hosea, 140f; Stuart, D., Hosea-Jonah, 175f; Yee, G. A., Composition and Tradition, 215f; Daniels, D., Hosea, 66; Wiebe, J. M., Deuteronomy, Vgl. Harper, W. R., A Critical and Exegetical Commentary, 360; Rudolph, W., Hosea, 212f; Brueggemann, W., Tradition for Crisis, 27f; Jeremias, J., Der Prophet Hosea, ; Neef, H. D., Heilstraditionen,

7 11,1-4 scheint ein einheitlicher Abschnitt zu sein, der hoseanische Bilder und hoseanische Sprache verwendet. 27 Andersen und Freedman haben schon darauf hingewiesen, daß Hosea hier Stichworten gebraucht, die dazu dienen, den ganzen Abschnitt 11,1-4 sprachlich zusammenzuhalten. 28 Für Buss und D. Stuart verbindet die Verwendung der Wurzel 11,1 und 11,2. 29 Nach Andersen und Freedman verbindet der Gebrauch der Pronomina der ersten Person 11,1 und 11,3 verbindet. 30 Mays und Stuart haben festgestellt, daß das Bild von Israel als Jahwes Sohn 11,1, 11,3 und 11,4 verbindet. 31 Wiebe fügte hinzu, daß auch die Wurzel 11,1 mit 11,4 verbindet. 32 Wie oben erwähnt, zielt 11,1-4 darauf hin, Jahwes heilsame Taten um Israels willen und Israels undankbare Haltung gegenüberzustellen. Wie diese Gegenüberstellung geschieht, werde ich anhand einer Analyse der in 11,1-4 gebrauchten Sprache und Bilder untersuchen Vers 1 11,1 leitet die ganze Perikope ein. Er ist verfaßt als von Wolff und anderen so bezeichnete Anklagerede 33. In ihr spricht Jahwe in der ersten Person. In diesem Vers wird ein Hinweis auf eine sehr bekannte efraimitische Tradition gegeben: 34 Es werden die Anfänge der Geschichte Israels beschrieben, als Jahwe es aus Ägypten herausführte Wiebe, J. M., Deuteronomy, Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 320, Buss, M. J., The Prophetic Word, 22f; Stuart, D., Hosea-Jonah, 176f. 30 Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 575f. 31 Mays, J. L., Hosea, 152; Stuart, D., Hosea-Jonah, 176f. 32 Wiebe, J. M., Deuteronomy, Vgl. Wolff, H. W., Dodekapropheton, 249; Buss, M. J., The Prophetic Word, 70; Wyrtzen, D., The Theological Center, 318f; Schüngel-Straumann, H., God als Mutter, 119ff. 34 Wiebe, J. M., Deuteronomy, Vgl. Wijngaards, J.,! and, ; Carroll, R., Psalm lxxvii, ; McKenzie, S., Exodus, ; Hoffmann, Y., Myth, ; Daniels, D., Hosea, 68; Humbert, P., Osée, ; Gese, H., Bemerkungen, ; Thiel, W., Verfehlte Geschichte, ; Kaiser, O., Die Bedeutung,

8 Dieser Vers beschreibt das Verhältnis Jahwes zu Israel mit der Verwendung des Verbs. Lohfink behauptete, daß die Wurzel oft verwendet wird, um eine positive Beziehung zwischen Bundes- oder Vertragspartnern sowohl im Alten Testament als auch im Alten Nahen Osten zu beschreiben. 36 Folglich sind einige Exegeten zu der Überzeugung gekommen, daß 11,1 auf den auf Sinai geschlossenen Bund anspielt. 37 In der Einleitung habe ich schon auf die Meinung Morans und McCarthys in bezug auf die Verwendung der Wurzel und des Bildes eines Vater-Sohn-Verhältnisses hingewiesen. 38 Ich fasse die von Moran und McCarthy festgestellten Besonderheiten von 11,1-4 zusammen: 1) im Unterschied zu der Verwendung der Liebe im Deuteronomium, die gefordert werden kann, ist die Liebe in 11,1-4 ein natürliches Gefühl des Hingezogenseins seitens des Vaters; 2) während die Mehrzahl der Texte von der Liebe Israels zu Jahwe sprechen, ist die Rede hier von der Liebe Jahwes zum Kind Israel; 3) in 11,1-4 kommt der Liebesbegriff in einem Kontext vor, der die Beziehung zwischen Jahwe und Israel als eine zärtliche Beziehung eines Vaters zu seinem Kind liebt, es gehen lehrt, es zu seinen Backen hochhebt und ihm zu essen gibt. Diese Besonderheiten schließen aus, daß der Liebesbegriff in 11,1-4 zum Bereich der Verträge gehört, wie manche Kommentatoren behaupteten. Moran und McCarthy kommen beide zu dem Schluß, daß die Verwendung des Bildes eines Vater-Sohn-Verhältnisses in diesem Kapitel eine hoseanische Erfindung ist. Worin diese Erfindung besteht, werde ich unten diskutieren. In seinen 1994 geschriebenen Artikel und Dissertation versucht Smith seine These aufgrund der Verwandtschaftsbeziehung, die seiner Meinung nach durch die Ausdrücke lieben und Sohn in 11,1 impliziert wird, zu begründen. Er behauptet, daß Verwandtschaft die Vorstellung von gegenseitigen Rechten und Pflichten mit sich bringe. So schlußfolgert er, daß Hoseas Verwendung des 36 Lohfink, N., Hate and Love, Vgl. Smith, D. A., Kinship, 42-44; Wiebe, J. M., Deuteronomy, 104; Fensham, F. C., Father and Son, 132f; Fensham, F. C., Covenant-Idea, 35-49; Feuillet, A., Universalisme, 27-35; Lohfink, N., Hate and Love, Vgl. oben

9 Verwandtschaftsbildes in Kap. 11 darauf hindeute, daß er eigentlich eine entwickelte Vorstellung von einem Bund zwischen Jahwe und Israel habe. 39 Gegen den Vorschlag Smiths sprechen einige Bemerkungen: 1) Bringt jede Verwandtschaftsbeziehung die Vorstellung von Bund mit sich? Auf diese Frage kann man antworten, daß in den meisten Fällen die Angehörigen einander helfen und unterstützen, weil sie sich miteinander moralisch und emotional verbunden fühlen. 2) Warum verwendet Hosea ausgerechnet das Bild eines Vater-Sohn-Verhältnisses? Unter Verwandten gleichen Ranges kann man verstehen, daß es gegenseitige Rechte und Pflichten gibt (Leviratsehe, Aufgabe des Goels ). Das gilt aber weniger für ein Vater-Sohn-Verhältnis, das im Rahmen soziologischer Regeln betrachtet werden muß, die den Vater als die Autoritätsperson in der Familie betrachten, der alle Mitglieder der Familie Gehorsam und Respekt entgegenbringen sollen. 40 Ich bin der Überzeugung, daß dieses Bild in Kap. 11 auf dem soziologischen Hintergrund der israelitischen Gesellschaft des 8. Jahrhunderts v. Chr. interpretiert werden soll. Kap. 11 beinhaltet Angaben, die eine solche Interpretation erfordern. Ich werde im folgenden diese Angaben bestimmen. Zuerst möchte ich die Frage beantworten, in welchem Sinne Hosea das Bild eines Vater-Sohn-Verhältnisses verwendet. Überblickt man die Belege dieses Bildes im Alten Testament, so fällt auf, daß es selten begegnet und daß es verschiedene Bedeutungen hat. 41 Im Familienbereich wird Jahwe als Vater Israels und Efraim als der Erstgeborene Jahwes bezeichnet (vgl. Jer 31,9). 42 Zum Bereich der Tätigkeit Jahwes als Schöpfers Israels könnte der folgende Vers gehören: Ist er nicht dein Vater, der dich geschaffen hat? (Dtn 32,6; vgl. auch Jes 64,7). Eine rechtliche Bedeutung hat das Bild, wenn es auf Jahwe als Vater des Waisen und 39 Smith, D. A., Kinship, 41; Smith, D. A., Kinship and Covenant. 40 Vgl. oben Vgl. Quell, G., AB, Dieses Beispiel ähnelt der Aussage von 11,1. Es ist durchaus möglich, daß Jeremia dieses Bild von Hosea übernommen hat. Zur Beziehung zwischen Jeremia und Hosea vgl. Goss, G., Verwandtschaft; Goss, G., Hoseas Einfluß, , ; Skinner, J., Prophecy and Religion, 21; Thompson, J. A., Jeremiah,

10 der Witwe bezogen ist (vgl. Ps 68,6). 43 Eine ganz besondere Verwendung des Vater-Sohn-Verhältnisses im Alten Testament ist auf das Verhältnis Jahwes zum König bezogen (vgl. 2 Sam 7,14; Ps 2,7; 89,27). Diese Beispiele des Bildes bringen die Vollmacht und Verantwortlichkeit des Königs als Sohn Gottes zum Ausdruck. Inhaltlich läßt sich einfach feststellen, daß bei Hosea das Bild des Vater-Sohn-Verhältnisses verwendet wird, um die Fürsorge des Vaters für das noch unselbständige kleine Kind zum Ausdruck zu bringen. Es geht um eine Zuneigung vom Vater zu seinem Kind, die durch die Verwendung des Liebesbegriffes deutlich wird. 44 Diese Zuneigung zeigt sich daran, daß der Vater für sein Kind läuft. Er hält es an seine Backen und gibt ihm zu essen. Die Verwendung dieses Bildes erlaubt Hosea die Situation Israels, die er kritisiert, klar darzustellen: Jahwe hat Israel alles gegeben. Er hat es so behandelt wie ein Vater sein kleines Kind. Anstatt aber Jahwe zu danken, wendet sich Israel von ihm ab und läuft anderen Göttern hinterher. Israel erweist sich dadurch als undankbar. Es hat die Autorität Jahwes in seinem Leben nicht erkannt. Jahwe wird ihm aber zeigen, daß das, was es getan hat, eine ernstzunehmende Verfehlung ist; er wird es nicht mehr wie ein Vater behandeln, was eigentlich völlige Zerstörung für Israel bedeutet. Das werde ich im folgenden zu zeigen versuchen. Nach dem ersten Teil von 11,1 gilt die Liebe Jahwes Israel, als es noch war. 45 Auf die Sachebene übertragen, könnte dieser Ausdruck auf eine frühe Phase der Existenz Israels hindeuten. Dies wird durch die Parallelstelle im zweiten Kolon von 11,1 erhärtet, in dem auf den Exodus aus Ägypten angespielt wird. 46 Jahwe bezeichnet Israel als meinen Sohn, den er aus Ägypten herausführte Vgl. Fensham, F. C., Widow, 129ff. 44 So auch Jeremias, J., Der Prophet Hosea, 140f. 45 Einige vertreten die Ansicht, daß der Ausdruck, wenn er mit & parallel steht, mit Knecht übersetzt werden sollte. Wiebe, J. M., Deuteronomy, 104, Fn 22, kritisiert aber zu Recht diese auf nur einem Beispiel aus den ugaritischen Texten basierende Meinung und lehnt sie ab. Die Wurzel werd in der efraimitischen Wüstentradition als Euphemismus gebraucht, der sich auf die früheren Tage Israels als Nation beziehe (vgl. Hos 2,17; Jer 2,2; Hes 16,43). Darüber hinaus passe die Wiedergabe Knecht nicht zum Kontext von 11,1. 46 Szabó, A., Textual Problems, , schlägt vor, daß! mit seit der Zeit in Ägypten übersetzt werden sollte. Der Grund dafür sei, daß der Kontext sich auf die Wüstenwanderung 184

11 Somit bringt Hosea in 11,1 das wichtigste Thema des israelitischen Glaubens zum Ausdruck, nämlich den Exodus, das wichtigste Ereignis in der Geschichte Israels schlechthin. Smith behauptet, daß es sich in 11,1 um eine Adoption handelt, weil Jahwe Israel meinen Sohn nennt. 48 Diese Behauptung ist aber problematisch. S. M. Paul hat darauf hingewiesen, daß im Alten Nahen Osten the creation and dissolution of adoptive ties were accompanied by solemn declarations 49. Um die Adoption zu begründen, soll der Adoptivvater zu dem Adoptivkind mein Sohn/meine Tochter oder du bist mein Sohn/meine Tochter sagen. 50 In den alten babylonischen Ehe- und Adoptionstexten aus Sippar findet man rechtliche Formeln, die Verwandtschaftsrechte rechtsgültig solchen Personen zueignen, die nicht zum Bereich der Verwandtschaft gehören. Viele unserer Beweise stammen aus Texten, die die bei der Auflösung von Ehen und Adoptionen gebrauchten Worte beschreiben. Wenn im Scheidungstext aus Sippar der Mann zu seiner Frau sagt: Du bist nicht meine Frau, oder die Frau dem Mann sagt: Du bist nicht mein Mann, dann sind sie von diesem Moment an nicht mehr verheiratet. 51 Und wenn in vielen der Adoptionstexte das Kind zu einem der Eltern sagt: Du bist nicht mein Vater/meine Mutter, oder einer der Eltern dem adoptierten Kind sagt: Du bist nicht mein Sohn 52, dann wird dadurch die rechtlich entstandene Adoptionsbeziehung beendet. In 2 Sam 7,14 haben wir einen Adoptionstext, der die Beziehung zwischen Jahwe und dem Nachkommen Davids beschreibt und die bezieht, die nach dem Exodus folgte. Aber Wolff, H. W., Dodekapropheton, 247, hat überzeugend gezeigt, daß in Hosea die Präposition niemals in diesem Sinne verwendet wird, sondern immer im partitiven Sinne aus (vgl. 2,17; 12,10.14). 47 Zur einer ausführlichen Diskussion der Probleme, die mehrere Kommentatoren mit der masoretischen Lesart haben,vgl. Wiebe, J. M., Deuteronomy, 105f, Fn Smith, D. A., Kinship and Covenant, 218ff. 49 Paul, S. M., Formulae, Vgl. dazu auch Schorr, M., Urkunden; Greengus, S., Marriage Contract, ; Kalluveettil, P., Declaration. 51 Vgl. Schorr, M., Urkunden, 9f. 52 Vgl. Schorr, M., Urkunden, Greengus, S., Marriage Contract, 515, argumentiert, daß ein wesentlicher Teil vieler rechtlicher Pakte (z. B. Eheschließung, Adoption) das Zitieren von verba solemnia war: When the familiar words were solemnly uttered or when the familiar rites were performed in the presence of witnesses, all would recognize that some obligation had come into being or that a change in status had taken place. Auch für Greengus, S., Marriage Contract, 520, ist der Zweck dieser Formulae to pledge a mutual troth, a promise of mutual fidelity and regard, a wedding in the original sense of a pledging or contract. Paul, S., Formulae, 179, sagt: The Creation and dissolution of adoptive ties were accompanied by solemn declarations (as was also the case in the field of marital relations). 185

12 folgende Satzstruktur aufweist: & Ich werde ihm ein Vater sein, und er wird mir ein Sohn sein. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall in 11,1b, in dem die Aussage sich stark von diesen Rechtsformeln unterscheidet. Was wir vorliegen haben, ist keine öffentliche Adoptionserklärung, sondern die einfache Aussage, daß Jahwe seinen Sohn aus Ägypten herausführte. Hosea verwendet einfach das Bild eines Vater-Sohn-Verhältnisses, um zu zeigen, daß Jahwe Israel so behandelt hat wie ein Vater seinen Sohn; Israel war aber ein undankbares Kind, das seinen Vater nicht anerkennen wollte Vers 2 11,2 besteht aus zwei Bikola, die einen synonymen Parallelismus zeigen: &3 // (;,// ;//. Er beschreibt Israels/Efraims Antwort auf Jahwes väterliche Liebes- und Heilstat, auf die schon in 11,1 angespielt wurde. Die Antwort Israels/Efraims war, daß es anderen Göttern nachlief ( ) 53 und ihnen opferte. Obwohl Jahwe nach 11,1 durch seine väterliche Liebe Israel die Existenz gegeben hat, hat sich Israel als gottlos erwiesen, indem es anfing, anderen Göttern zu opfern und Götterbildern zu räuchern. Während 11,2b klar genug ist, bereitet 11,2a Probleme, weil er keine Beziehungsworte für die Pronomina nennt. Wer ruft wen? Wer wendet sich ab? Und von wem? Manchmal wird diese Schwierigkeit gelöst, indem es auf die Lesart von G als ich sie rief berufen wird. 54 So wäre Jahwe als Subjekt des Verbs und Israel als das Beziehungswort des 53 Der pluralische Ausdruck ist ein Gattungsname für die Gesamtheit der fremden Götter (vgl. Spieckermann, H., Juda, 207, 211; Jeremias, J., der Begriff Baal, 86ff). Im Kontext von 11,2 steht er parallel zu,, ein Ausdruck, der in der deuteronomischen Literatur die äußere Gestalt der Idole bezeichnet (Dtn 4, ; 5,8; 7,5.25; 12,13; 27,15). Für die Etymologie von, vgl. Schroer, S., In Israel gab es Bilder, Für eine Untersuchung von Hoseas Gebrauch dieses Ausdrucks vgl. Wolff, H. W., Dodekapropheton, 47f. 54 Ziegler, J., Duodecim Prophetae,

13 pronominalen Objekts verstanden. Das hebräische Verb wird dann als ein Infinitiv mit dem Suffix der ersten Person Singular ( oder als ich [Jahwe] sie [Israel] rief) wiederhergestellt. 55 D. Daniels bewahrt zwar den masoretischen Text, wie er ist, nennt aber ein anderes Beziehungswort für das Pronomen sie in, und zwar die in 11,2b erwähnten Idole. Er übersetzt as they (the idols) called to them (Israel) 56. Der Vorschlag Daniels scheint zwar überzeugend, aber auch willkürlich, da der Ausdruck nicht vor dem Verb vorkommt. Andersen und Freedman haben eine Lösung vorgeschlagen, ohne den masoretischen Text zu ändern. Für sie erinnert die Sprache von 11,2 an die Baal-Peor-Tradition in Num 25,2, wo Israel von den Moabitern aufgefordert wird, andere Götter anzubeten. 57 In Num 25,2a liest man & (& sie luden das Volk zu den Opfern ihrer Götter. Man beachte den Plural des Verbs und die Wurzel ( in einem Satz, der 11,2 ganz ähnlich ist. 58 Das Ereignis von Baal Peor erwähnt Hosea noch an anderer Stelle, und zwar in einem Kontext, der 11,1-2 stark ähnelt. In 9,10b spricht Hosea von der in Baal Peor begangenen Idolatrie unmittelbar nach einem Hinweis auf die Zeit in der Wüste in 9,10a. Damit stellt der Prophet Jahwes Fürsorge und Israels Undankbarkeit einander gegenüber. 59 Es ist sehr wahrscheinlich, daß Hosea dasselbe in 11,1-2 tun wollte, indem er diese zwei Traditionen (der Exodus und das Baal Peor-Ereignis) zusammenbrachte. Ist der Gedankengang von Andersen und Freedman richtig, so kann man sagen, daß sich Hosea in diesem Vers auf das seinen Zuhörern geläufige Ereignis von Baal Peor bezieht. Dieses Ereignis war bekannt genug, so daß Hosea keine anderen Angaben machen mußte. Ohne den masoretischen Text 55 Vgl. Ziegler, J., Duodecim Prophetae, 172; Jeremias, J., Der Prophet Hosea, 138; Marti, K., Das Dodekapropheton, 86; Weiser, A., Das Buch, 69; Jacob, E., Osée, 79; Willi-Plein, I., Vorformen, 196, 276; Wolff, H. W., Dodekapropheton, 254f; Mays, J. L., Hosea, 150; Neef, H. D., Heilstraditionen, 85; Stuart, D., Hosea-Jonah, 174f; Buss, M. J., The Prophetic Word, Daniels, D., Hosea, 62f. 57 Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 572, 577f. Vgl. auch Yee, G. A., Composition and Tradition, 216; Szabó, A., Textual Problems, Wiebe, J. M., Deuteronomy, Spieckermann, H., Juda, 200, sieht auch in Hos 5,2 eine implizite Anspielung auf das Ereignis von Baal Peor. 187

14 zu ändern, 60 kann man diesen Satz auf folgende Weise übersetzen: Sie (die Moabiter) riefen sie (die Israeliten), bzw. frei sobald sie (von den Moabitern) gerufen werden/sobald man sie rief. Wiebe hat auf eine andere Schwierigkeit in 11,2a hingewiesen. Diese bereite das Suffix der dritten Person Plural in. Wenn das Subjekt von sie gingen die gottlosen Israeliten sind, so sollte man annehmen, daß sie sich von Jahwe abwenden. Stimmt das, so erwartet man den Ausdruck von mir nach. Mit vielen Kommentatoren vermute ich, daß die masoretische Lesart das Ergebnis einer falschen Zusammenstellung von und dem Personalpronomen sie ist, das ursprünglich als Subjekt des nachfolgenden Verses fungierte. Trennt man diese Worte, so wird der Text sinnvoller. am Anfang von 11,2b stünde dann im Gegensatz zu in 11,3. Die Übersetzung von 11,2 würde dann lauten: Sobald man sie rief, so wenden sie sich von mir ab. Sie (mit Betonung) opfern den Baalen und räuchern den Götterbildern Verse 3-4 Wegen der vielen literarischen Probleme ist 11,3-4 äußerst schwierig zu übersetzen. Diese zwei Verse zeigen mehrere Schiergkeiten. 62 Um diese Unklarheiten zu beheben, haben Andersen und Freedman eine neue Anordnung der Verse 3-4 vorgeschlagen. Sie vertreten die Ansicht, daß der Text von 11,3-4 deshalb so schwierig zu verstehen sei, weil seine poetische Struktur nicht richtig erkannt werde. Nach ihnen sollte man diese Verse nach dem split bicolon - (getrennten Bikolon) Verfahren lesen, bei dem zwei Hälften eines 60 Wiebe, J. M., Deuteronomy, 108, Anm 32, weist auf die Werke von Harper, W. R., A Critical and Exegetical Commentary, 362f, und Zenger, E., Durch Menschen, , die 11,2a anders interpretiert haben, ohne den masoretischen Text zu ändern. Für sie steht das Pronomen für die Propheten, die vergeblich die Israeliten zur Ruhe einladen. Die Schwierigkeit dieses Vorschlages, sagt Wiebe, liegt darin, daß im Kontext nichts über die Propheten sagt. 61 Vgl. dazu Wiebe, J. M., Deuteronomy, 109, auch Anm Wiebe, J. M., Deuteronomy, 110ff, hat diese Schiwerigkeiten augelistet und detailliert diskutiert mit Verweisen auf die Literatur. 188

15 Bikolons durch die Einfügung von anderem Material getrennt werden. 63 Ihrer Ansicht nach wurde der Text von 11,3-4 nach dem Schema von vier split bicola angeordnet. Nach diesem Schema sei die ursprüngliche Anordnung wie folgt zu betrachten: Bikolon 1: 4(11,3aα) Bikolon 2: (11,4aα) Bikolon 2:( (11,3aβ) Bikolon 4: (11,3b) Bikolon 4: (4aγ) Bikolon 3: (11,4aδ) Bikolon 3: (11,4aβ) Bikolon 1: 3 (11,4b) In 11,3-4 wurden alle vier Bikola nach Andersen und Freedman bewußt nach einem Modell vermischt, in dem jedes Bikolon durch die Einfügung eines Kolons von einem anderen Vers in zwei Kola getrennt wird. 64 In diesem neu angeordneten Text sei das Bikolon 1 in zwei Kola getrennt worden, die als Inklusion 65 für den ganzen Text dienen. Somit leite Bikolon 1 das Hauptthema der Einheit 11,3-4 (den Exodus) ein und beende den Abschnitt. Bikolon 4 sei auch in zwei Kola getrennt und zwischen Bikolon 2 und Bikolon 3 eingefügt worden, wodurch Bikolon 4 hervorgehoben und in den Kern der ganzen Einheit gestellt worden sei. Daß der ursprüngliche Text von 11,3-4 so angeordnet gewesen sei, könne durch folgende Punkte bewiesen werden: 1) Wenn der Text so angeordnet wird, entspricht jedes Kolon seinem Gegenstück, das den Gedanken des Kolons vervollständigt; 2) die sich auf Efraim beziehenden Pronomina werden durch 63 Zu dieser poetischen Technik vgl. Lundbom, J. R., Poetic Structure, Zu dieser Analyse vgl. Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 582f. 65 Vgl. Lundbom, J. R., Poetic Structure, , für weitere Beispiele über getrennte Bikola im Hoseabuch, die als Inklusion dienen. 189

16 diese Anordnung in jedem Bikolon konsequent: In Bikola 1 und 2 hat man das Pronomen des Maskulin Singulars und in Bikola 3 und 4 den Maskulin Plural; 3) viele textliche Schwierigkeiten werden gelöst. 66 Erwähnenswert ist, daß Andersen und Freedman 11,3-4 nicht als eine redigierte Einheit betrachten. Sie vertreten die Ansicht, dies sei die ursprüngliche Anordnung der Bikola im Sinne des Autors des Textes. 67 Wiebe nimmt ebenfalls die Anordnung von Andersen und Freedman an. Jedoch hält er ihre These, daß die Anordnung nur im Sinne des Autors war, für nicht überzeugend. Nach Wiebe hätten die Zuhörer oder Leser Hoseas seine Botschaft nicht verstehen können, wenn jedes Bikola von Anfang an in zwei Kola getrennt worden wäre. Deswegen betrachtet er 11,3-4 als einen redigierten Text. Er nimmt zwar die von Andersen und Freedman vorgeschlagene Struktur an, lehnt aber ihre Analyse der Herkunft dieser Struktur ab. 68 Während Andersen und Freedman sagen, daß die von ihnen vorgeschlagene Struktur nie zu Papier gebracht worden ist, behauptet Wiebe, daß 11,3-4 ursprünglich so strukturiert war, wie Andersen und Freedman vorschlagen, aber später von Redaktoren in ihre heutige Form redigiert worden sei. Obwohl ich die These von Andersen und Freedman für interessant halte, finde ich keine überzeugenden Argumente, warum die von ihnen vorgeschlagene Struktur nicht von Anfang an niedergeschrieben wurde. Warum sollte sich der Autor erst eine Struktur zurechtlegen, an die er sich dann beim Abfassen seines Textes nicht hält? Auf diese Frage haben Andersen und Freedman keine Antwort gegeben. Das gilt auch für den Vorschlag von Wiebe. Wenn ursprünglich 11,3-4 so aussah, wie Andersen und Freedman behaupten, warum sollte ein Redaktor diese Struktur ändern und sie den Lesern unverständlich machen? Es ist m. E. möglich, 11,3-4 zu interpretieren, ohne die Anordnung des masoretischen Textes zu ändern und die Verse umzustellen. Mit Brueggemann 66 Vgl. Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 582f. 67 Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 582f. 68 Wiebe, J. M., Deuteronomy,

17 und Huffmon betrachte ich 11,1-4 als eine Klage, die eigentlich aus einer Darstellung der Taten Jahwes um Israels willen besteht. 11,1-4 ist eine Art historischer Rückblick, der mit Aussagen und Anklagen, die Efraims/Israels Antwort auf die väterlichen Taten Jahwes beschreiben, kombiniert ist. So ergibt sich ein Kontrast zwischen Jahwes väterlicher Liebe, die durch Heilstaten zum Ausdruck gebracht wurde, und Israels/Efraims Undankbarkeit. 69 Dieser Kontrast läßt sich auf folgende Weise schematisieren: 11,1a Bericht über die väterliche Liebe Jahwes zu Israel/Efraim 11,1b Bericht über den Exodus aus Ägypten 11,2 Israels/Efraims Undankbarkeit, Anklage wegen Baal Peor 11,3aα Führung durch die Wüste 11,3aβ Heilvolle Taten Gottes: Das Laufen für Efraim 11,3b Anklage über Efraims/Israels Unwissenheit 11,4 Liebevolle Taten Gottes: Jahwe zog sie an Stricken der Liebe, behandelte sie, wie Eltern ihre Säuglinge behandeln und gab ihnen zu essen. Diese Anordnung, in der das Thema der Apostasie in Verbindung mit Berichten über Jahwes Treue immer wiederkehrt, macht deutlich, daß in jedem Moment seiner Geschichte Israel auf die Heilstaten Jahwes damit geantwortet hat, daß es anderen Göttern nachlief und Jahwes Vaterschaft nicht anerkannte. Im folgenden werde ich versuchen, 11,3-4 in diesem Kontext zu interpretieren. In 11,3a findet man eine verbale Form, die im Hebräischen relativ selten vorkommt. Der Ausdruck 4 ist, wie Wiebe erwähnt, 70 von unklarer Bedeutung. Man vermutet, daß das Verb eine von der Wurzel 4 mit einem 69 Vgl. Brueggemann, W., A Shape, 411; Huffmon, H. B., Covenant Lawsuit, 294f. Vgl. auch Daniels, D., Hosea, 67; Zobel, H. J., Stammesspruch, 14-23; Stuart, D., Hosea-Jonah, 176; Buss, M. J., The Prophetic Word, 68; Wolff, H. W., Dodekapropheton, 248; Neef, H. D., Heilstraditionen, Vgl. Wiebe, J. M., Deuteronomy, 116. Vgl. auch Gangloff, F., La figure,

18 präformativen abgeleitete Form ist. 71 Die Wurzel 4 kommt im Hebräischen in den qal- und piel-formen als ein denominatives Verb vom Nomen 422 Fuß vor. Einige betrachten 4 als eine kausative tiphel-form und geben folglich dem Verb eine transitive Bedeutung: laufen lehren, gehen lehren. 72 Ich bin mit Wiebe 73 der Ansicht, daß die übliche Übersetzung laufen lehren, gehen lehren nicht stimmen kann; wenn das Verb kausativer bzw. transitiver Bedeutung ist, dann muß es ein Akkusativobjekt ohne die Präposition wie in haben. 74 In 11,3 gibt es jedoch kein Akkusativobjekt, weshalb eine andere Bedeutung für 4 gesucht werden muß. Im Hebräischen sowie im Arabischen 75 haben die Wurzel 4 und die davon abgeleiteten Formen etwas mit der Bewegung der Füße zu tun. Im Alten Testament kommt die piel-form von 4 14mal vor: Einmal in der Bedeutung verleumden (2 Sam 19,28) und 13mal in der Bedeutung auf Kundschaft gehen (zu Fuß) oder laufen (Gen 42,30; Num 21,32; Dtn 1,24; Jos 6,22.25; 7,2 (zweimal); 14,7; Ri 18, ; 2 Sam 10,3; 1 Chr 19,3). Diese Wurzel hat mit dem präformativen in anderen semitischen Sprachen eine passive oder reflexive Bedeutung (wie etwa sich selbst gehen lassen ). 76 In 11,3 scheint das ebenso der Fall zu sein. Eine Bedeutung wie etwa zu Fuß gehen würde das Verb 4 mit der Präposition sinnvoll machen. Der Vorschlag von Andersen und Freedman Führer sein entspricht dem Kontext nicht. 77 Denn im darauf folgenden Satz 71 Vgl. Gesenius, F. H., Hebräische Grammatik, 55h; Joüon, P., Grammaire, 128: J ai guidé les pas. Harper, W. R., A Critical and Exegetical Commentary, 365; Neef, H. D., Heilstraditionen, 91; Nissinen, M., Prophetie, 242; Willi-Plein, I., Vorformen, 196: Ta- als Präfix ist schwerlich denkbar. Nur drei Beispiele dieser Form wurden im biblischen Hebräischen anerkannt: das Partizip von der Wurzel in Jer 22,15, das Imperfekt von der Wurzel in Jer 12,5 und die hoseanische Form in 11,3. Boyle, M., Infix-T, 129, 133, 141f, hat gezeigt, daß im Hebräischen diese Form häufiger verwendet, im gesprochenen Dialekt aber ausgelassen wurde. 72 Vgl. Wiebe, J. M., Deuteronomy, Wiebe, J. M., Deuteronomy, Vgl. Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 579. Die anderen drei Belege dieser Form im Alten Testament (Jer 12,5; 22,5) sind offensichtlich intransitiv. 75 Im Arabischen werden von der Wurzel rgl (Fuß) zahlreiche Wörter und Verbformen abgeleitet: ragul Mann (ein Erwachsener, der alleine zu Fuß gehen kann), taraggala zu Fuß gehen, tamargala Fuß fassen, usw. 76 Lane, E., Arabic-English, 1043f; Smith, R., Thesaurus Syriacus, 3810; Biella, J., Old South Arabic, 479; Beeston, A., Dictionnaire, Vgl. Andersen, F. I./Freedman, D. N., Hosea, 574, 579; Yee, G. A., Composition and Tradition,

19 heißt es, daß Jahwe sie auf seinen Armen trägt. Eine mögliche Lösung ergibt sich, wenn man der Präposition die Bedeutung eines dativus finalis verleiht: Laufen für jemanden. Infolgedessen läßt sich der Satz wie folgt übersetzen: ich lief für Efraim. Stimmt diese Übersetzung, so würde sich der Satz darauf beziehen, daß Jahwe nicht nur Israel aus Ägypten herausführte, sondern für Israel gelaufen ist, es auf seinen Armen tragend, wie der Mensch sein Kind trägt. Dieser Sinn wird in 11,3a deutlicher. Der Ausdruck ( in 11,3a ist auch schwierig und hat mehrere Korrekturvorschläge hervorgerufen. 78 Die Form kann entweder ein Imperativ oder ein infinitivus constructus von nehmen sein. Die erste Möglichkeit macht wenig Sinn in diesem Kontext. Bleibt die zweite Möglichkeit. Jedoch wird der infinitivus constructus von im Hebräischen wie in den anderen nordwestsemitischen Sprachen normalerweise mit einem archaischen sufformativen wie in geschrieben. Es gibt aber Nachweise, daß das nicht immer der Fall ist. W. Kuhnigk hat gezeigt, daß es im Ugaritischen eine Alternative für qht gibt, nämlich qh ohne ein finales. Es ist dann möglich, daß die Form neben als qal-infinitiv in der Konstruktform von der Wurzel verwendet wurde. 79 Das Subjekt dieses Infinitivs muß nach dem Kontext Jahwe sein. 80 Mit vielen Kommentatoren lasse ich das waw in ( als Dittographie aus und lese ich nahm sie auf meine Arme. 81 Damit wird das Bild von 11,3a klarer: Im Kontext der Beschreibung der väterlichen Taten Jahwes für Israel und die Undankbarkeit des Letzteren setzt 11,3a das Bild des Vater-Sohn-Verhältnisses fort und sagt, daß Jahwe derjenige war, der für das Kind Efraim lief, das noch nicht laufen konnte. Die Beschreibung 78 Vgl. dazu Gangloff, F., La figure, Kuhnigk, W., Nordwestsemitische Studien, 126, ; vgl. auch Whitaker, R., A Concordance, 402f. 80 So auch Wiebe, J. M., Deuteronomy, 120f. 81 Vgl. Smith, D. A., Kinship and Covenant,

20 des Israel/Efraim auf seine Arme nehmenden Jahwe entwickelt die Metaphorik der Fürsorge Jahwes für seinen Sohn: Genauso wie ein Vater sein Kind auf seinen Armen trägt, so verhält sich auch Jahwe Israel/Efraim gegenüber. Bis zu diesem Punkt wird Jahwe als ein liebender Vater dargestellt, der sich um den Wohlstand seines Sohnes kümmert. Aber dieses Bild ändert sich gleich, denn in 11,3b-4a wird das Volk angeklagt, seiner Sohnschaft zu Jahwe den größten Schaden zuzufügen: Es hat nicht anerkannt ( ), daß Jahwe derjenige war, der es geheilt hat. Das Motiv des Heilens in 11,3b scheint m. E. auf das Exodusereignis anzuspielen. 82 Das Kolon 11,3b wurde in die Mitte der Einheit gesetzt, um zu unterstreichen, was das eigentliche Problem Efraims war. Das Exodusereignis wird in 11,1 erwähnt, aber das Problem ist, daß Efraim nicht anerkannte, daß Jahwe dieses Ereignis zustande brachte. Der grundlegende Inhalt des Glaubens Israels, daß es nämlich Jahwe war, der sie aus Ägypten herausführte, wurde von Efraim/Israel vergessen. Dies unterstreicht die Gegenüberstellung dessen, was Jahwe für Israel getan hat, und der undankbaren Antwort Israels. Jahwe hat Israel/Efraim wie einen Sohn behandelt, aber Israel/Efraim hat das nicht gewürdigt, sondern vergessen, und damit einen Umbruch in der Beziehung zu Jahwe verursacht. Der Ausdruck in 11,4a wurde von einigen Exegeten als ein Hinweis auf die Behandlung von Vieh interpretiert. Für diese Exegeten bezieht sich der Hinweis auf die Seile in diesem Kontext auf das Bild eines Hirten, der sein Vieh freundlich behandelt. 83 Sie ließen sich dabei von der zoomorphen Metaphorik eines Tieres inspirieren. 84 Für sie bedeutet die Unterstreichung des Ausdrucks einen Übergang von der Metaphorik in 10,11 zur Vater-Sohn-Metaphorik. Dieselben Seile, die dazu dienen, das Tier während 82 Vgl. ein ähnliches Motiv in Jer 30, Vgl. Harper, W. R., A Critical and Exegetical Commentary, 364; Robinson, T. H., Die zwölf kleinen Propheten, 44; Nyberg, H. S., Studien, 86; Rudolph, W., Hosea, 215; Vollmer, J., Geschichtliche Rückblicke, 59; Jeremias, J., Der Prophet Hosea, 142; Neef, H. D., Heilstraditionen, 92f; Yee, G. A., Composition and Tradition, 220; Kuhnigk, W., Nordwestsemitische Studien, 133; Nissinen, M., Prophetie, 247; Barthélemy, D., Critique Textuelle, Vgl. dazu Gangloff, F., La figure, 238f. 194

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