Auferstehung mitten im Leben

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1 ST. ANNA-GEMEINDE ZÜRICH Auferstehung mitten im Leben Predigt von Pfarrer Daniel von Orelli gehalten am 24. Mai 2015 Schriftlesung & Predigttext: Johannes 2,1-11 Und am dritten Tag war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war dort. Aber auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, sagt die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Und Jesus sagt zu ihr: Was hat das mit dir und mir zu tun, Frau? Meine Stunde ist noch nicht da. Seine Mutter sagt zu den Dienern: Was immer er euch sagt, das tut. Es standen dort aber sechs steinerne Wasserkrüge, wie es die Reinigungsvorschriften der Juden verlangen, die fassten je zwei bis drei Mass. Jesus sagt zu ihnen: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis oben. Und er sagt zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt dem Speisemeister davon. Und sie brachten es. Als aber der Speisemeister das Wasser kostete, das zu Wein geworden war, und nicht wusste, woher es war die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es, da ruft der Speisemeister den Bräutigam und sagt zu ihm: Jedermann setzt zuerst den guten Wein vor, und wenn sie betrunken sind, den schlechteren. Du hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten. Das tat Jesus als Anfang der Zeichen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er nach Kafarnaum hinab, er und seine Mutter und seine Brüder und seine Jünger. Und sie blieben dort einige Tage.

2 2 Liebe Gemeinde Über euch ist der Himmel offen, das ist die Botschaft Jesu. Nein, nicht nur seine Botschaft: Es ist das, was Jesus uns bringt mit allem, was er sagt und was er ist! Ich denke an Jakob, der auf der Flucht ist, weil er seinen Vater und seinen Bruder Esau betrogen hat. Da träumt er von der Himmelsleiter: der Himmel ist offen über ihm. Und Gott sagt zu ihm: Ich verlasse dich nicht, bis ich getan, was ich dir gesagt habe Genesis 28,15. Über diesem sehr gewöhnlichen Menschen ist der Himmel offen, an einem sehr trüben Tag, den er sich ganz selber eingebrockt hat. Und so ist der Himmel auch über uns offen durch Jesus Christus an jedem Tag. Hochzeit Ich denke, das schönste, das zarteste und wunderbarste der Geschöpfe ist die Ehe. An einer Hochzeit wird Ehe gefeiert: Liebe, Freude, Hoffnung, Gemeinschaft. Schon darum ist es nicht erstaunlich, dass Jesus sein erstes Wunder an einer Hochzeit tut. Viele Menschen waren damals in Kana beieinander. Gewiss zweihundert, die da während einiger Tage kamen und gingen und mitfeierten und natürlich auch kräftig dem Weine zusprachen. Jesus ist auch da, Maria, seine Mutter auch; denkbar, dass sie mit dem Brautpaar verwandt sind. Sie sieht, dass dem Fest der Wein ausgeht. Und sie spürt, ja weiss: Über Jesus ist der Himmel offen. Er könnte jetzt diese Brautleute und ihre Eltern vor einer Blamage retten. Du, Jesus, sie haben keinen Wein Frau, was haben wir gemeinsam? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Was meint er mit dieser reichlich harten Antwort? Er sagt ihr damit: Mutter, du willst mich für deine Zwecke brauchen. Was du jetzt im Sinn hast, und was mein Auftrag ist, das ist total verschieden: Du willst diese Leute vor einer Blamage retten. Schön! Aber du merkst nicht: Mein Leben läuft ganz anders. Wenn denen

3 3 an dieser Hochzeit das Lachen vergeht, wohlan! Aber allen, der ganzen Welt vergeht das Lachen. Alle laufen in die Nacht und den Tod. Meine Stunde: Er ahnt seinen Tod, seinen Erlösungs- Auftrag. Siehe das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, hat ihn kurz vorher Johannes der Täufer genannt. Es geht ums Ganze, um das Ganze dieser Welt, doch nicht um ein paar Liter Wein! Maria hört ihn und akzeptiert seine Worte. Sie versucht ihn nicht zu manipulieren und doch weiss sie, dass über ihm der Himmel offen ist. Er wird das Richtige tun. Was er euch sagt, das tut!, sagt sie zu den Dienern. Und er: Wohl geht es nicht um diese Hochzeit. Aber er schämt sich nicht, auf eine Frau zu hören (vielleicht gerade, weil sie ihn nicht manipulieren will!). Ja, das gehörte ja zu Jesus, dass er, ganz entgegen allen anderen Männern seiner Zeit, Frauen ernst nahm in dem, was sie sagten. Ich sagte: Ehe, das wunderbarste, zarteste der Geschöpfe, aber auch das verletzlichste. Darum gehört nach damaligem jüdischem Brauch zur Hochzeit eine ganze Reihe Reinigungsrituale, um sich von allen möglichen unreinen, bösen, schädlichen Einflüssen reinzuwaschen. Alles soll getan werden, um dieser Ehe Bestand und Leben zu ermöglichen. Und jetzt muss ich eben sagen: Für mich besteht nach wie vor kein Grund anzunehmen, dass diese Geschichte nicht so passiert ist. Und trotzdem ist sie genau gleich tief symbolisch zu verstehen. Der Wein ist aus. Die Freude ist erloschen, das Lachen ist ihnen vergangen. Sie haben doch alles gemacht, was man machen konnte: Sechshundert Liter Wasser sind verbraucht worden, und man hat alles nach altem Brauch gemacht, hat bestimmt an alles gedacht. Und doch geht mitten am Fest die Freude aus. Was ist denn da passiert? Vielleicht müsste man sagen: Das ist einfach so: Weil

4 4 es eben gewöhnliche, normale Menschen sind. Sünder, wie wir auch, da vergeht eben die Freude einmal. Und wie ist es denn bei uns? Ob Ehe, ob Freundschaft, ob Erziehung der Kinder, ein Arbeitsprojekt, ein Kurs, ein Einsatz in der Gemeinde, eine politische Aktion oder auch ein Friedensprozess zwischen politischen Kräften. Man hat sich unheimlich Mühe gegeben, wirklich alles gemacht, was man konnte: Sorgsame Planung, respektvolles Einbeziehen aller Beteiligten, perfekte Durchführung, saubere Nacharbeit. Und wie oft dann die Erfahrung: Es hat doch nicht das gebracht, was wir hofften. Irgendwie ist der Wein ausgegangen, die Freude weg, es ist nicht der Erfolg, den wir dachten. Oder auch nach einem Erfolg die Frage: Was bleibt eigentlich? Wo sind wir jetzt? Und wenn ich s noch grundsätzlicher anschaue: Zeiten im Leben, in einer Beziehung, in denen man den Eindruck hat: Jetzt ist die Freude am Verblassen. Irgendwie löscht alles ab. Was unternehmen wir nicht alles, dass unser Leben o.k. bleibt, dass ich meinen schlechten Gewohnheiten Meister mag, dass ich trotz Müdigkeit den Tag einigermassen überstehe (eher mit Kaffee als mit Wein!). Und es gibt ja eine Fülle von Angeboten, die körperliche aber auch seelisch-geistige Entschlackung und Erneuerung versprechen. Bemühungen, dass wir fit und froh im Alltag stehen können, und dass der Festwein des Lebens nicht allzu schnell verdünnt werden muss, bis es lötiges Wasser ist. Und oft bringt es auch etwas. Die Diener haben es irgendwie mitbekommen: Über Jesus ist der Himmel offen. Was wird nun sein Revitalisierungs-Programm sein? Was immer er euch sagt, das tut!, hat sie gesagt. Füllt die Krüge mit Wasser! Was?? Das ist doch ein Unsinn: Waschbecken füllen, wenn s keinen Wein mehr hat? Gut! Weil du es

5 5 sagst, Meister! Das erinnert an Petrus mit seinem Fischzug und andere Geschichten, wo Jesus sehr Unverständliches verlangte oder tat. Aber wenn du es sagst! Warum lässt Jesus jetzt gerade diese Wassergefässe füllen? Er könnte ja auch machen, dass die Weinkrüge einfach nicht leer werden oder so. Aber er zeigt etwas. Diese Krüge stehen ja für die Bemühungen um ein gesundes Leben, das möglichst frei ist von schlechten Einflüssen. Er nimmt das ganz ernst. Einfach so, ohne Veränderung und persönlichen Einsatz schaffen wir es nicht, den Anforderungen eines gelingenden Lebens zu genügen: Es muss etwas geschehen. Uns sind ja zwar diese Reinigungsvorschriften auch heutiger Juden eher etwas suspekt. Aber eben, wir haben unsere Reinigungs- und Aufbauprogramme, um uns körperlich und geistig fit zu halten. Jesus macht diese Anstrengungen nicht lächerlich. Aber er zeigt: Was du äusserlich abwaschen kannst, was du von aussen gestalten kannst, das ist ja gut. Und auch Bemühungen um innere Veränderungen sind wichtig, aber sie können nicht das Böse verhindern, können nicht das Chaos überwinden. Denn das Böse, das Chaos ist letztlich in dir. Bei allem Guten, was du tust, um dein Leben zu erhalten und zu pflegen, das Ganze läuft in den Tod. Dein ganzes Leben ist vom Wesen her, weil wir zur gefallenen Schöpfung gehören, aufs Sterben gerichtet. Es ist wie ein Zug, der nun mal abwärts fährt. Auch wenn du im Zug nach hinten läufst, der Zug bleibt deshalb nicht stehen, und fährt erst recht nicht zurück. Da muss eine fundamentale Veränderung passieren, ein Wunder, und zwar ein Totales! Da geht es tatsächlich nicht mehr um diese Hochzeit, sondern eben um das Ganze, um das Wunder der neuen Schöpfung: Und das erste Zeichen dafür geschieht an einer Hochzeit, wo dieses schöns-

6 6 te, und eben auch ambivalenteste aller Geschöpfe gefeiert wird. Aber das Wunder der neuen Schöpfung geschieht nicht in einem Mirakel hier und einem dort. So sehr wir uns das wünschen würden. Es geschieht durch den Tod Jesu, in welchem er all dieses Scheitern, alle verlorene Freude und Liebe, alle Enttäuschung, alles Böse und Schlimme auf dieser Welt diesen ganzen unaufhaltsamen Zug in den Tod auf sich genommen und überwunden hat. Und jenseits dieses totalen Todes Jesu geschieht es in seiner Auferstehung: Da geht der Himmel auf über dir und über dieser Welt! Pfingsten ist, wenn in deinem Herz Auferstehung passiert. Wenn diese Auferstehungskraft Gottes, der Heilige Geist, in dein Innerstes hineinkommt und das in dir, was in den Tod läuft, packt, und da drin in deinem Herz das Feuer des Lebens angefacht wird, sodass die Hoffnung, die Freude, die Angst vor dem Dunklen und dem Tod überwindet. Das ist jetzt sehr gross gesagt. Es bedeutet, dass wir so vor Gott stehen: Herr, ich bringe dir all diese Bemühungen. All dieses sorgfältige Tun und Wirken. Es läuft in den Frust hinein und verliert sich letztlich im Nichts. Bei aller Qualität, es bleibt dann eben doch wieder leer. Darum bin ich vor dir mit allem Perfekten und allem Unperfekten, dem Reinen und dem Schmutzigen, dem Schönen und dem Wüsten und Verletzten, mit allem Bemühen um ein gesundes Leben und allem Scheitern und Versagen. Komm du mit deiner Auferstehungskraft da hinein, mit deinem Heiligen Geist, der aus Wasser Wein macht, der belebt, der neue Freude schafft, wahre, tiefe umfassende Freude. Nicht nur Freude am Reinen, Perfekten, Harmonischen. Nein, Freude am Ganzen, an mir, so wie ich bin und zuerst an dir, der stärker ist als der Tod, meinem Erlöser.

7 7 Das ist das Pfingst-Gebet. Er verwandelt mein gewöhnliches, mittelgraues Leitungswasser-Leben, indem er es unterlegt mit Freude von unten her. Das ist der Heilige Geist: Wenn ganz zu unterst die Gewissheit ist: Mein Leben ist von Gott grundsätzlich bestätigt und bejaht. Der Himmel ist offen über mir. Gnade Gottes mitten im Leben drin. Alles, jede Faser des Lebens wird grundsätzlich vom Tod ins Leben gezogen. Man könnte sagen: Jede Zelle und jede Faser bekommt anstelle des Minus- ein Pluszeichen draufgesetzt: Angenommen ; Bejaht ; Auf ewig fürs Leben bestimmt. Darum ist das erste Zeichen für Gottes Herrschaft, das Jesus tut: Wasser wird zu Wein: Das Gewöhnliche wird Grund zur Freude, weil Gott sich dazu stellt. Das ist nicht Kosmetik und kein Psychotrick, das ist Auferstehung mitten im Leben. Auferstehungskraft Gottes in jeder Zelle meines Lebens. Der Heilige Geist: Gottes ganzes Ja zu mir heute, so wie ich bin, voller Kraft und voller Hoffnung, und daraus mein ganzes Ja zu Gott. denn Gottes Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist Römer 5,5. Herr, gib mir mehr von diesem Heiligen Geist! Amen. ST. ANNA-GEMEINDE ZÜRICH St. Anna-Kapelle, St. Annagasse 11, 8001 Zürich Gottesdienste: Sonntag Uhr, Bibelstunden: Mittwoch Uhr Sekretariat St. Anna, Grundstrasse 11c, 8934 Knonau, Telefon

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