«Er denke wol der leidige Sadtan hab es ihmme allso in Sinn gegeben»

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1 Lizentiatsarbeit der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich «Er denke wol der leidige Sadtan hab es ihmme allso in Sinn gegeben» Selbst- und Fremdbilder jugendlicher Sexualstraftäter im Zürich des frühen 18. Jahrhunderts Referent: Prof. Dr. Bernd Roeck Verfasserin: Sylvie Fee Matter Oktober 2014

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3 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung Reizwort «Jugendkriminalität» Untersuchungsraum und -zeit Jugend, Kriminalität und Sexualdelikte Jugend im frühneuzeitlichen Zürich Wann endet die Jugend? Jugend und Sexualität Exkurs: Sozialdisziplinierung 10 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen Strafrecht im frühneuzeitlichen Zürich Der Strafprozess Die Bestrafung Die Rolle der Kirche Sexualstraftaten und ihre Bestrafung Quellen Gerichtsakten als Ego-Dokumente Quellensample Auswahlkriterien und Zusammensetzung des Sample Die einzelnen Fälle Fremdbilder Obrigkeiten Die Nachgänger Die Ratsherren Die Vögte i

4 ii Inhaltsverzeichnis 5.2 Geistliche Die Dorfpfarrer Die Geistlichen des Grossmünsters Zeugen Die Augenzeugen Die Leumundszeugen Selbstbilder Sonderfall Haagen: Der Fremde Warum er hier in verhafft? Ob er gewüsst was dis für ein grosse Sünd seye? Was ihn solches vorzunehmen veranlasset? Kein Erfolg bei Frauen Nicht ganz bei Sinnen Sexualverkehr von Tieren beobachtet Unzüchtige Reden Verführung durch den Teufel Schlusswort 90 Abbildungsverzeichnis 95 Bibliographie 96 1 Ungedruckte Quellen Gedruckte Quellen Darstellungen

5 1 Einleitung 1.1 Reizwort «Jugendkriminalität» Jugendkriminalität ist ein Reizwort, eine Schlagzeile die immer funktioniert. Ungeachtet ob die Zahl der jugendlichen Delinquenten zu- oder abnimmt, mit Artikeln über Jugendkriminalität lassen sich Zeitungen verkaufen. Insbesondere von Jugendlichen verübte Sexualdelikte lösen oft ein Medieninteresse weit über den Boulevard hinaus aus. Die Delinquenten, ihre Motive, Geschichte, Herkunft etc. stehen bei der Berichterstattung im Zentrum. Es werden Bilder der Delinquenten gezeichnet, von Prozessbeobachtern, Bekannten, Familienangehörigen. Oft gibt es auch «Jetzt rede ich»-artikel der straffälligen Jugendlichen selbst, in welchen sie ihr Selbstbild öffentlich darlegen können, sich erklären, verteidigen oder entschuldigen. In jüngster Vergangenheit hat der sogenannte Fall Seebach von 2006 ein solches Medieninteresse ausgelöst. Zu der angeblichen Massenvergewaltigung gab es Schlagzeilen in renomierten Tageszeitungen wie der «NZZ» 1 Berichte im Schweizer Fernsehen 2 und Interviews der Täter im «Blick» 3 Die Zitate der grossen griechischen Philosophen Platon, Sokrates und Aristoteles über das schlechte Verhalten der heutigen Jugend werden häufig aufgeworfen, doch auch aus anderen Epochen sind solche bekannt. Denn jede Gesellschaft hat ihre Normen und ihre Vorstellungen davon, welches Verhalten erlaubt, welches verboten ist und Jugendliche, die gegen diese Normen verstossen, geben in jeder Gesellschaft zu reden. In der «Enzyklopädie der Neuzeit» wird im Artikel über Jugendkriminalität festgehalten: «Städtische und territoriale Obrigkeiten verfolgten seit dem Spätmittelalter ein weites Spektrum : «13-Jährige von Jugendlichen mehrfach vergewaltigt»: ( ) und : «Jugendliche im Fall Seebach verurteilt»: ( ) : «Schweiz Aktuell: Fassungslosigkeit nach Vergewaltigung einer 13-jährigen»: ltigung-einer-13- jaehrigen?id=a277e8b9-51ae-44fa-8543-b6161cacb2db ( ) : «Miladin T. (19): So lief es wirklich ab»: -es-wirklich-ab-id html ( ) 1

6 2 1 Einleitung normabweichenden jugendlichen Verhaltens.» 4 Da stellt sich für mich die Frage, wie in der Frühen Neuzeit, der Zeit der Sozialdisziplinierung, mit jugendlichen Delinquenten verfahren wurde. Welche Bilder wurden von ihnen gezeichnet und an sie heran getragen? Wurden sie als abschreckendes Beispiel genutzt? Oder wurden die Delinquenten mit einer Aussenansicht auf sich und ihre Tat konfrontiert, um sie zu einem Geständnis zu bewegen? Welche Bilder zeichneten die jugendlichen Straftäter von sich selbst? Versuchten sie, sich selbst oder den Tathergang so zu schildern, dass die Strafe milder wird? Passten sie ihre Selbstbilder im Lauf des Prozesses an und wenn dem so war, was veranlasste sie zu einer solchen Anpassung? Auf diese Fragen möchte ich in meiner Untersuchung Anworten finden. Ich erwarte dabei zum Schluss zu kommen, dass sich die Selbstbilder der jugendlichen Straftäter, die sie als Verteidigungsstrategien verwendeten, relativ ähnlich sind. Dies, weil ich davon ausgehe, dass sie wussten, wie welches Verbrechen geahndet wird, bzw. wann ein Verbrechen die Todesstrafe nach sich zieht und wann nicht, und das Bild, dass sie von sich zeichneten, dementsprechend anpassten. Zudem nehme ich an, dass sich diese Selbstbilder durch die Zuschreibungen von Aussen veränderten und an die Fremdbilder angepasst wurden. Zum dritten erwarte ich dass sich die Fremdbilder, welche verschiedene Personengruppen von den Delinquenten zeichneten, gegenseitig beeinflussten. Ob ich mit diesen Thesen richtig liege, wird meine Untersuchung zeigen. 1.2 Untersuchungsraum und -zeit Der kleine Rat in Zürich war, in seiner Funktion als Malefizgericht, Gerichtsinstanz für die zwanzig, in der näheren Umgebung der Stadt gelegenen, inneren Obervogteien. Auch die Blutgerichtsbarkeit der Landvogteien, die beiden bedeutensten Landvogteien Kyburg und Grüningen ausgenommen, ging im Lauf des 16. und 17. Jahrhunderts an die Stadt Zürich über 5. Die Akten zu verhandelten Kapitaldelikten, sowohl Gerichtsbeschlüsse als auch Vernehmungsprotokolle und Briefe, sind fast für das ganze heutige Kantonsgebiet umfangreich und aus einer Hand überliefert, was das alte Zürich zu einem guten Untersuchungsraum für kriminalitätshistorische Fragestellungen macht. Der Umfang dieser Arbeit lässt es nicht zu, alle Akten aus der Frühen Neuzeit zu berücksichtigen und macht eine zeitliche Einschränkung notwendig. Da ich nach den Selbstbilder der Jugendlichen frage, ist es notwendig, möglichst direkte Aussagen ihrerseits zu haben. Auch wenn noch zu diskutieren sein wird, ob Gerichtsakten überhaupt als Quellen für solche Aussagen dienen können, steht fest, dass Vernehmungen, die in einem Frage-Antwort-Stil festgehalten werden, Aussagen direkter überliefern, als Vernehmungen, die nur als Zusammenfassung festgehalten sind. In den Zürcher Gerichtsakten hält der Frage-Antwort-Stil erst mit dem 18. Jahrhundert Einzug, ihre Analyse ist für meine Fragestellung daher erst ab 1700 sinnvoll. 4 Wettmann-Jungblut: Jugendkriminalität, S Vgl. Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S. 60.

7 1.3 Jugend, Kriminalität und Sexualdelikte 3 Ob eine Thematik in seiner Zeit von Relevanz ist, zeigt sich auch darin, wie oft etwas Erwähnung findet. Heute in Google-Suchbegriffen oder als Hashtag auf Twitter, früher auf Flugblättern oder, bei Straftaten, in Mandaten und Ordnungen. Wenn ein Verbot immer wiederholt wird, ist dies sowohl ein Anzeichen dafür, dass die Tat als besonders schlimm erachtet wird, als auch dafür, dass die Tat immer wieder vollzogen wird. In den Zürcher Mandaten tauchen von den Sexualdelikten hauptsächlich Unzucht und Blutschande auf. Nach 1739 wird die Blutschande in keinem Mandat mehr erwähnt; Unzucht wird bis 1785 erwähnt, danach auch nicht mehr. Die Häufigkeit der Erwähnungen betrachtend zeigt sich, dass von den insgesammt dreissig Erwähnungen von Unzucht im 18. Jahrhundert 24 aus den ersten 35 Jahren sind, und nur sieben aus der Zeit nach Die Thematik der Sexualdelikte scheint daher im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts von höherer Relevanz gewesen zu sein als danach, was für eine Untersuchung des frühen 18. Jahrhunderts spricht. Da ich erwarte bei einem Untersuchungszeitraum von 35 Jahren ein Quellensample von zehn bis fünfzehn Fällen zu erhalten, was für eine Arbeit dieses Umfangs angemessen ist, ergibt eine Einschränkung auf die Jahre Sinn. 1.3 Jugend, Kriminalität und Sexualdelikte Neben Untersuchungsraum und -zeitraum gilt es in einer wissenschatlichen Arbeit auch den Untersuchungsgegenstand näher zu definieren. Was ist Jugend in der Frühen Neuzeit? Welche Delikte sollen untersucht werden? Was galt als verbotenes sexuelles Verhalten? Durch welche Normen wurde festgelegt, was verboten ist? Waren diese Normen bekannt und wie wurde die Nichteinhaltung sanktioniert? Diese Fragen müssen vor der Beschäftigung mit den Quellen geklärt werden. Und auch bei den Quellen gilt es, wie bereits erwähnt, erst zu diskutieren, ob Gerichtsakten als Ego-Dokumente gelten können und welche Probleme berücksichtigt werden müssen. Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich mich mit der Jugend in der Frühen Neuzeit, so wie ihrem Verhältnis zur Sexualität, beschäftigen. Dass Jugend bereits im Mittelalter «und verstärkt in der Frühen Neuzeit als eigene Lebensphase (... ) wahrgenommen» 7 wurde, sich die Theorie ihrer Entdeckung zu Beginn der Neuzeit somit als unhaltbar erwiesen hat, gilt als unbestritten. Von welchem Alter wir bei Jugendlichen genau sprechen ist, wie das untenstehende Zitat von Maria Crespo erklärt, nicht definiert: Die Vorstellungen über die Altersphasen Kindheit und Jugendzeit und die Beziehungen, welche die Erwachsenen zu ihren Nachkommen pflegen, unterschieden sich je nach Gesellschaft und Zeitepoche. Sozialisation und Erziehung von Kindern sind historischen Veränderungen unterworfen und werden von 6 Einen Überblick über die Inhalte der Zürcher Mandate im 18. Jahrhundert findet sich bei: Schott-Volm: Orte der Schweizer Eidgenossenschaft, S Speitkamp: Jugend in der Neuzeit, S. 24.

8 4 1 Einleitung ethnospezifischen und soziokulturellen Faktoren beeinflusst. Innerhalb derselben Gesellschaft wiederum differiert die Kindheit des einzelnen Menschen je nach Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und Wohnort. 8 Darum ist es für meine Arbeit notwendig Jugendlich spezifisch für Zürich im 18. Jahrhundert zu definieren. Da die Definition für eine Untersuchung von Gerichtsakten verwendet wird, werde ich mich für die Definition auch an der Gerichtspraxis orientieren. Der zweite Teil meiner Arbeit wird den Fragen nach Delikten, Normen und Sanktionen nachgehen. Howard S. Becker schrieb in seiner berühmten Abhandlung über Aussenseiter: «abweichendes Verhalten ist Verhalten, das Menschen als solches bezeichnen.» Die Bezeichnung des Verhaltens, insbesondere wenn man nach Selbst- und Fremdbildern somit nach Bezeichnungen fragt, ist darum auch ein wichtiger Teil der Untersuchung. Daher halte ich mich bei der Bezeichung der Delikte an die Quellenbegriffe. 9 Da ich mich mit den Akten des Malefizgerichtes befasse, behandle ich nur Kapitalverbrechen und keine geringen Leichtfertigkeiten. Die untersuchten Delikte beschränken sich daher auf Sodomiterei (homosexueller Sexualkontakt) und Bestialität (Sexualkontakt mit Tieren), die oft auch gemeinsam als widernatürliche Unzucht bezeichnet werden, sowie Blutschande (Inzest), Notzucht (Vergewaltigung) und Unzucht (unerlaubter Sexualkontakt). Hurerei und Ehebruch habe ich aus unterschiedlichen Gründen nicht ins Sample aufgenommen. Bei der Hurerei ist in Zürich für das 18. Jahrhundert kein Fall überliefert, in den Jugendliche involviert gewesen wären. Ehebruch ist als Delikt ausgeschlossen, weil er nicht von Jugendlichen begangen werden kann. Denn: «Das Konzept von Jugend war (... ) in Europa stark mit dem Ledigen-status verbunden. Unabhängig vom Heiratsalter endete die Jugend mit dem Tag der Hochzeit.» 10 Laut des bereits zitieren Werkes von Becker wird deviantes Verhalten von der Gesellschaft dadurch geschaffen, dass «sie Regeln aufstellen, deren Verletzung abweichendes Verhalten konstituiert» 11 Darum muss die Betrachtung der Normen, ihrer Verbeitung und Sanktion teil einer Arbeit über deviantes Verhalten sein. Zürich kannte kein Strafrechtsbuch, die berühmte «Constitutio Criminalis Carolina» hat seit dem Westfälischen Frieden von 1648 in der Eidgenossenschaft formell keine Gültigkeit mehr. Die Normen orientierten sich einerseits an den bereits erwähnten Mandaten, die regelmässig im ganzen Herrschaftsgebiet verlesen wurden, und andererseits an der Bibel. Die Pfarrpersonen, die auch für das Verlesen der Mandate in den Gemeinden zuständig waren, hatten im Zürcher Rechtssytem eine tragende Rolle. Was die Verbreitung der Normen im speziellen in Bezug auf die Jugend betrifft, verlasen sie nicht nur die Mandate, sondern waren gemäss dem 25. Kapitel des zweiten helvetischen Bekenntnis auch für die Unterweisung der Jugend zuständig. Bei dieser Unterweisung galt es insbesondere in die zehn Gebote, das apostolische 8 Crespo: Verwalten und Erziehen, S Für die Erläuterung von Quellenbegriffen verwende ich das schweizerische Idiotikon und das Wörterbuch der Gebrüder Grimm. 10 Gestrich: Jugend, S Becker: Aussenseiter, S. 31.

9 1.3 Jugend, Kriminalität und Sexualdelikte 5 Glaubensbekenntnis, das Herrengebet, die Sakramente und die wichtigsten Hauptpunkte der Religion einzuweisen. Zu letzteren gehörte, wie auch die Briefe der Pfarrer in den Gerichtsakten belegen, der Katechismus. Die in diesen Schriften vermittelten Normen können für das alte Zürich als gültig angesehen werden. Den Pfarrpersonen kamen neben dem Verbreiten der Normen weitere Aufgaben im Strafprozess zu. Sie waren auch Auskunftsperson für den Rat, insbesondere was das Alter und bisherige Verhalten der Delinquenten anbelangte und die Geistlichen des Grossmünsters begleiteten die Gefangenen in ihrer Haftzeit. Um ihre Aussagen, diejenigen der Delinquenten und anderer in den Akten auftauchenden Personengruppen besser einordnen zu können, wird in diesem Teil der Arbeit auch der typische Ablauf eines Gerichtsprozesses in Zürich nachzuzeichen sein. Vor dem eigentlichen Hauptteil kläre ich im dritten Kapitel die Frage nach den Quellen. Gerichtsakten sind bei einer solchen Untersuchung die naheliegendsten Quellen, sie sind jedoch in ihrer Verwendung als Ego-Dokumente nicht unbestritten. Ich werde daher auf die Einwände gegen und Probleme mit dieser Quellengattung eingehen und erläutern, warum ich sie für meine Untersuchung als geeignet erachte. In diesem Kapitel werde ich auch auf die Auswahlkriterien und die Zusammensetzung meines Quellensample eingehen sowie die einzelnen Fälle kurz zusammenfassen. «Abweichung ist keine Qualität, die im Verhalten selbst liegt, sondern in der Interaktion zwischen einem Menschen, der eine Handlung begeht und jenen, die darauf reagieren.» 12 Dies ist ein Grund, warum es wichtig ist, in einer solchen Arbeit nicht nur die Selbstbilder und Verteidigungsversuche der Delinquenten anzuschauen, sondern auch die Fremdbilder. Neben den Straftätern kann man in den Gerichtsakten drei Personengruppen identifizieren, deren Bilder und Beschreibungen der Straftäter ich gesondert von einander betrachten werde. Dies sind als erste Gruppe die Vertreter der Obrigkeit: der als Gerichtsinstanz fungierende Rat, die Vögte und die Nachgänger zwei Ratsmitglieder welche die Befragungen durchführen. Die zweite Personengruppe sind die Geistlichen, welche, wie bereits erwähnt, für die Seelsorge zuständig in der Gemeinde und im Gefängnis aber auch Auskunftspersonen des Rates sind. Als eine letzte Gruppe können die Zeugen aufgefasst werden. Personen, welche die Straftäter im Akt überraschten oder Auskunft über ihr Verhalten geben. Letzteres können Familienangehörige sein, Arbeitsgeber, aber auch Nachbaren. Anschliessend betrachte ich die Selbstbilder der jugendlichen Sexualstraftäter bevor ich im abschliessenden Fazit zur Überprüfung meiner These komme. 12 Ebd., S. 36.

10 Jugend ist ein historisches Phänomen, einerseits ständigem Wandel unterworfen, andererseits selbst Motor von Wandel. Jugend ist insofern der Garant dafür, dass auch Gesellschaft wandelbar bleibt, dass es Geschichte gibt. 13 (Winfried Speitkamp) 2 Jugend im frühneuzeitlichen Zürich Crespo schreibt in «Verwalten und Erziehen», wie sich die Perzeption der Kindheit unbestrittener massen verändert hat, obwohl erwiesen ist, dass die «Entdeckung der Kindheit» nicht erst zu Beginn der Neuzeit gewesen war. In der «alten traditionalen Gesellschaft» seien Kinder früher Teil der Welt der Erwachsenen geworden. 14 Der heutige Begriff Kindheit wie folglich auch der heutige Begriff Jugend bzw. jugendlich kann somit nicht direkt auf die Frühe Neuzeit übertragen werden. Die Grenzen zwischen Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter waren andere als heute. Die Jugend hatte aber auch andere Funktion und Form, wie Speitkamp feststellt. Die Jugendlichen verliessen das Elternhaus früher als Heute; sie zogen für ihre Ausbildung aus und umher. Ziel der Jugend «war die Eingliederung in den Wirtschafts- und Arbeitsprozess, nicht, wie heute, die Ausreifung der Individuellen Persönlichkeit.» 15 Um über Jugendkriminalität in der Frühen Neuzeit zu schreiben muss daher zwingend zuerst über Jugend in der Frühen Neuzeit geschrieben werden. Dies soll nachfolgend spezifisch für Zürich geschehen, denn wie ich bereits einleitend festgehalten habe, unterscheiden sich die Dauer von Altersphasen «je nach Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und Wohnort.» Wann endet die Jugend? Da wir für das alte Zürich kein Strafrechtsbuch haben, wo festgelegt ist, in welchem Alter die Strafmündigkeit beginnt und bis wann jemand als jugendlich gilt, müssen andere Wege gesucht werden, um die Grenzen fest zu legen. Eine Festlegung der Untergrenze erübrigt sich, denn wer noch nicht Strafmündig ist, gegen den wird auch kein Prozess geführt. Darum beschränke ich mich auf die Festlegung der Obergrenze; auf die Frage, wann die Jugend endet. 13 Speitkamp: Jugend in der Neuzeit, S Vgl. Crespo: Verwalten und Erziehen, S Speitkamp: Jugend in der Neuzeit, S Crespo: Verwalten und Erziehen, S

11 2.2 Jugend und Sexualität 7 Heute gilt das Verlassen des Elternhauses als Indikator für das Eintreten ins Erwachsenenleben, weil die Mehrheit der Jugendlichen erst nach Beendigung der Berufslehre oder des Gymnasiums zu Hause auszieht. Wie zuvor erwähnt gilt dies für die Frühe Neuzeit nicht. Kinder und Jugendliche verliessen das Elternhaus früher, lebten oft bei ihrem Lehrmeister bzw. Arbeitgeber. Das Verlassen des Elternhauses kann daher nicht als Indikator für das Ende der Jugend gesehen werden. Jedoch war, wie einleitend bereits erwähnt, Jugend «stark mit dem Ledigen-status verbunden. Unabhängig vom Heiratsalter endete die Jugend mit dem Tag der Hochzeit.» 17 Das Heiratsalter dürfte uns daher eine grundsätzliche Idee für das Ende der Jugend geben. Speitkamp setzt dieses ähnlich hoch an wie heute, wenn er davon ausgeht, dass es im ausgehenden 17. jahrhundert für Frauen bei bis zu 25 Jahren und bei Männern zwischen 26 und 30 Jahren lag. 18 Diese Eingrenzung bestätigt und konkretisiert sich auch in der Gerichtspraxis, auch wenn da ebenso keine einheitlichen Regeln festgelegt sind. Die dennoch sehr allgemeine Formulierung von Andreas Gestrich, dass «das Volljährigkeitsalter (... ) in Preussen, Österreich und der Schweiz bei 24 Jahren» 19 lag lässt sich für Zürich durch die Gerichtsakten so bestätigen. Sowohl bei Meret Zürcher als auch bei Crespo ist festgehalten, dass das Gericht in Zürich seine Urteile auf die körperliche und geistige Reife abstellte, Kinder unter 14 Jahren nicht hingerichtet wurden, «ausser wenn Bösheit nach Meinung des Richters das Alter erfüllte,» 20 und das bis ungefähr 24 Jahren die Jugend strafmildernd berücksichtigt wurde. Dies hiess u.a. dass «die Todesstrafe durch Strafen an Haut und Haar, an Ehre oder Vermögen ersetzt wurden.» 21 oder zumindest dass an die Stelle von qualifizierten Todesstrafen die Enthauptung trat. 22 Ein Blick in die Gerichtsakten zeigt dass Jugendliche auch als Kinder bzw. Knabe oder Mädchen bezeichnet wurden. 23 Die Grenze zum Erwachsenenalter scheint somit nicht nur juristisch, sondern auch im alltäglichen Leben bei Mitte Zwanzig gelegen zu haben. 2.2 Jugend und Sexualität Die Jugend als Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein ist auch die Phase der Entdeckung der Sexualität, der persönlichen Reifung. Diese Zeit verbrachten in der Frühen Neuzeit viele «in einem fremden Haushalt, auf engstem Raum zusammenlebend mit 17 Gestrich: Jugend, S Vgl. Speitkamp: Jugend in der Neuzeit, S Gestrich: Jugend, S Crespo: Verwalten und Erziehen, S Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S Ganzer Abschnitt nach: Crespo: Verwalten und Erziehen, S. 64f. und Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S. 5, 25, Vgl. z.b. die Briefe des Pfarrers im Fall Maag (S.47), einen 20jährigen und eine 23jährige betreffend: Blutschande, A 11.

12 8 2 Jugend im frühneuzeitlichen Zürich anderen Jugendlichen beiderlei Geschlechts.» 24 Dies war auch dem Zürcher Rat nicht entgangen. Im «Regenten-Kräntzlein» von 1733, einer Art Leitfaden für Ratsherren, ist festgehalten: dass die Regenten so dem gemeinen Nutz wohl wollen vorstehen, die sollen fürnehmlich sehen, dass die Jugend in allen Tugenden wohl unterwiesen, und zu Arbeit und Mässigkeit gewöhnt, und wohl auferzogen werden 25 Um das Zürcher Volk zur Einhaltung der Sitten zu mahnen und die Jugend zu schützen, hatte der Rat in seinem «Mandat der Statt Zürich wider die Hurey und Ehebruch, unzeitigen Ehen, frühzeitigen Beyschläffe und andere Leichtfertigkeiten» unter anderem bestimmte: Ins gemein lassen wir ernstlich ermahnen und verwahrnen / dass alle vorsther der haushaltungen / vätter und müteren / meister und frauen / ihnen angelegen seyn lassen / ihre angehörigen / söhne und töchteren / knecht und mägd / nicht zusamen in ein gemach / kammer oder gaden / sonder das weibervolk absonderlich und an wol verwahrte / und beschlossene ohrte schlaffen legen. 26 Jugendliche lebten nicht nur in demjenigen Haushalt, in dem sie auch arbeiteten, sie waren auch unter der Hausherrengewalt, einerlei, ob der Hausvorstand der eigene Vater oder der Lehrmeister war. 27 Darum richtet sich das Zürcher Mandat in diesem Punkt an die Eltern und Dienstherren. Sie hatten für sittsames und ehrbares Leben in ihrem Haus zu sorgen und konntenbei Nichteinhaltung auch bestraft werden. Doch das Mandat, welches jeweils zwischen Ostern und Pfingsten «ab offner Kanzel verkündet» 28 werden sollte, richtete sich auch an «unser junges volk» 29 und stellte den nächtlichen Aufenthalt im Freien unter Straffe, «alss dadurch vil leichtfertigkeit und allerley ungutes veranlasset wird.» 30 Diese Bestimmungen zielten gegen das sogenannte Nachtfreien, d.h. nächtlichen Besuchen von Männer bei Frauen, was laut Richard van Dülmen in ländlichen Gesellschaften toleriert wurde, auch wenn es die Kirche und Obrigkeit kriminalisierte. 31 Als weitere verbotene Handlungen werden im Mandat das gemeinsame nackte baden von Knaben und Mädchen und das «zusamen lauffen des jungen volks von knaben und töchtern / und anderem jungen gesind in die hölzer und auf die allmenten» 32 Durch solche 24 Speitkamp: Jugend in der Neuzeit, S Heidegger: Regenten-Kräntzlein, S Mandat wider Leichtfertigkeiten, S Vgl. Dülmen: Das Haus und seine Menschen, S. 122f. 28 Mandat wider Leichtfertigkeiten, S Ebd., S Ebd., S Vgl. Dülmen: Das Haus und seine Menschen, S Mandat wider Leichtfertigkeiten, S. 7.

13 2.2 Jugend und Sexualität 9 Bestimmungen sollte nicht nur verhindert werden, dass «Gottes grosse straaff und ungnad über ein Land gezogen wird» 33 sondern auch, dass durch voreheliche Schwangerschaften die Ehe zwischen zwei Personen notwendig wird, welche beyderseits weder mit erdienten / noch ererbten unterhaltungsmitteln versehen / in der Religion wenig / ja etwann gar keine wüssnhaft haben: oft nur nicht recht betten / und also weder sich selbst nich eine haushaltung regieren und führen können 34 und dadurch dann «das Allmosenamt eben heftig überlestiget» Der Zweck dieses Mandates ist also auch ein wirtschaftlicher. Ehen sollten nur zwischen Personen geschlossen werden, die sich und ihre Familie selber ernähren können, um das Allmosenamt nicht so zu belasten «dass den rechtwürdigen armen daraus nicht mehr nach nohtdurft begegnet werden mag.» 35 Unter diesen Bedingungen ist klar: Weil Sexualverkehr zu einer Schwangerschaften führen kann, gehört er nur in die zuvor staatlich bewilligte Ehe, jegliche andere Möglichkeit dem anderen Geschlecht nahe zu kommen muss unterbunden werden. «Das Interesse an der Kontrolle der Jugend hatte nicht zuletzt mit der Steuerung von Familiengründung und Fortpflanzung zu tun.» 36 Diese Feststellung zeigt sich auch deutlich im zitierten Zürcher Mandat. Dass solche Mandate immer wieder erlassen und verlesen wurden 37 zeigt auch, dass sich nicht alle an diese Vorschriften hielten. Sowohl Speitkamp als auch Dülmen sprechen von einer zunehmenden Tabuisierung und Unterdrückung alles Sexuellen durch die «sozialdisziplinierende Moralpolitik des frühmodernen Staates.» 38 Sexualität sei auf die Fortpflanzung reduziert worden und alle ausser- und voreheliche Sexualität kriminalisiert. 39 Diese Auffassung der Entwicklung verweist auf die Theorie der Sozialdisziplinierung von Gerhard Oestreich, die in einem folgenden kurzen Exkurs umrissen werden soll. In Bezug auf die Jugend im Zürich des 18. Jahrhunderts lässt sich auf Grund des «Mandat der Statt Zürich wider die Hurey und Ehebruch, unzeitigen Ehen, frühzeitigen Beyschläffe und andere Leichtfertigkeiten» und der Theorie der zunehmenden Unterdrückung sagen, dass diese die Zeit der experimentellen und suchenden Sexualität in einem Umfeld erlebten, welches dieses Suchen und Experimentieren tabuisierte und gar kriminalisierte. 33 Ebd., S Ebd., S Ganzer Abschnitt nach: Ebd., S. 8f. 36 Speitkamp: Jugend in der Neuzeit, S Vgl. für die Jahre : Schott-Volm: Orte der Schweizer Eidgenossenschaft, S Dülmen: Das Haus und seine Menschen, S Vgl.Speitkamp: Jugend in der Neuzeit, S. 30f. und Dülmen: Das Haus und seine Menschen, S. 185, 196f.

14 Sozialdisziplinierung ist ein säkularer Prozess, der durch religiöse Disziplinierung unterstützt, aber nicht bestimmt wird. 40 Exkurs: Sozialdisziplinierung (Winfried Schulze) In seinem Aufsatz «Strukturprobleme des europäischen Absolutismus» entwickelte Oestreich ausgehend von einem Vergleich zwischen absolutistischen und totalitären Staaten eine Disziplinierungstheorie. Der Absolutismus hätte nicht die gleichen Möglichkeiten zur «Meinungs- und Stimmungslenkung im Sinne einer einheitlichen offiziellen Staatsund Parteiideologie» 41 gehabt wie die totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts. Es hätte aber dennoch ein Eingriff ins private Leben statt gefunden, durch den Prozess der Disziplinierung. Seine Theorie einer Sozialdisziplinierung ordnete er der Rationalisierungstheorie Max Webers zu, wollte aber noch einen Schritt weiter gehen als dieser: Er begriff die «soziale Veränderungen von Staat, Gesellschaft und Volk» 42 als strukturelles Phänomen, das auch einen geistig-moralischen Wandel beinhaltet und nicht nur einen politsch-administrativen. 43 Verschiedene neue Bewegungen der Zeit, wie den Bürokratismus, den Militarismus und den Merkantilismus, sieht er als Erscheinungsformen dieser Sozialdisziplinierung. Hinter ihnen allen stünde letztlich eine strenge Ordnung und Disziplin. Diese hätte auch vor dem Alltag der einfachen Bürger keinen Halt gemacht, was man an den unzähligen Ordnungen und Anweisungen erkenne, welche in den Jahrhunderten des Früh- und Hochabsolutismus erlassen wurden. Hier sei festgelgt, wie man sich in der Öffentlichkeit, aber auch im Privaten Leben zu verhalten habe. 44 Der Mensch wurde in seinem Wollen und seiner Äusserung diszipliniert. Er suchte die Selbstbeherrschung als höchstes Ziel zu erreichen. Und er disziplinierte sogar die Natur in den kunstvoll beschnittenen Hecken und Bäumen der barocken Schlossparkanlagen und Gärten Schulze: Oestreichs Begriff Sozialdisziplinierung, S Oestreich: Strukturprobleme des europäischen Absolutismus, S. 180f. 42 Ebd., S Ganzer Abschnitt nach: Ebd., S Vgl. ebd., S Ebd., S

15 11 Für Schulze fasst Oestreich unter dem Begriff der Sozialdisziplinierung verschiedene bekannte Erscheinungen zusammen, die er als Varianten eines Gesamtphänomens betrachtet. 46 Die Sozialdisziplinierung beruhe «auf der Tatsache, dass bei Nichtbefolgung der Vorschriften nicht mehr gesellschaftliche Sanktionen, sondern rechtlich(-gesetzliche) Zwangsmassnahmen eintreten.» 47 Darum nehmen die in der Frühen Neuzeit aufkommenden Policey-Ordnungen eine wichtige Position in der Theorie ein. Oestreich geht in einem Artikel von 1974 von dieser Thematik aus und stellt fest, dass Policey soviel bedeute wie «Regiment, das ein gut geordnetes städtisches oder territoriales Gemeinwesen bewirken soll.» 48 Durch die Policey hätte man versucht, die Misstände, welche in den stark wachsenden Städten des 15. und 16. Jahrhunderts entstanden seien, zu ordnen, Regeln für das gesellschaftliche Verhalten festzulegen. Diese Entwicklung in den Städten bezeichnete Oestreich als Sozialregulierung, welche als Vorstufe der Sozialdisziplinierung zu verstehen ist. Leitend in beiden Entwicklungen sei «der Gedanke der Zucht und der Ordnung.» 49 Schulze zeichnet die Unterscheidung der beiden Begriffe wie folgt nach: Sozialregulierung will die negativen Umweltbedingungen durch Einübung überwinden helfen und das gesellschaftliche Leben ordnen. Sozialdisziplinierung will das geordnete Leben in der Gesellschaft im Blick auf den Staat stärken und hierfür das menschliche Verhalten in Beruf und Lebensmoral disziplinieren. 50 Quellen für diese Disziplinierungsbemühungen sind Ordnungen und Mandate, in welchen bis ins Private hinein das Leben der Menschen reguliert wurde. Mandate wie das auf Seite 8 angeführte, aber auch Mandate dazu, wie oft und in welcher Kleidung man den Gottesdienst besuchen sollte, darüber welche Geschenke zu einer Taufe schicklich sind und wen man dazu einladen darf. Ordnungen zum Münzwesen, zu Preisen und Warenqualität in verschiedenen Branchen. Mandate zum Kriegslaufen und Auswandern. Ordnungen und Mandate sind zu jedem Lebensbereich verfasst worden. Für das 16. Jahrhundert sind in Zürich 548 Mandate überliefert, für das 17. Jahrhundert 731 und für das 18. Jahrhundert noch immer Hier von einer sehr grossen Zahl zu sprechen ist durchaus berechtigt. Dass auch durch diese sehr grossen Bemühungen keine Gesellschaft geformt wurde, die absolut und bis ins kleinste Glied diszipliniert ist, versteht sich schon alleine dadurch, dass es zu Gerichtsverfahren, somit zu Verstössen gegen die festgelgeten Normen kam. Dies spricht jedoch nicht gegen Oestreichs Theorie, denn die Sozialsdisziplinierung ist als Prozess zu verstehen, in den verschiedene soziale Gruppen involviert waren als Disziplinierte, aber auch als Disziplinierende. 46 Vgl. Schulze: Oestreichs Begriff Sozialdisziplinierung, S Ebd., S Oestreich: Policey und Prudentia civilis, S Ebd., S Schulze: Oestreichs Begriff Sozialdisziplinierung, S Einen Überblick über alle Ordnungen und Mandate liefert:schott-volm: Orte der Schweizer Eidgenossenschaft, S

16 Kriminalität ist historisch variabel. 52 (Gerd Schwerhoff) 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen Was Verboten und was erlaubt ist wird über Normen definiert. Diese werden laufend an die Gesellschaft angepasst, die sich ihrerseits in einem ständigen Wandel befindet. In der Einleitung zu seinem Übersichtswerk «Historische Kriminalitätsforschung» stellt Schwerhoff fest: Jenseits der Geltungsbehauptung überzeitlicher, gleichsam anthropologischer Normen («Du sollst nicht töten!», «Du sollst nicht stehlen!») lassen sich kaum universeller gültige Regeln dafür aufstellen, ob ein bestimmtes Verhalten als kriminell gelten soll. 53 Für eine kriminalitätshistorische Arbeit ist es daher unumgänglich, die Handlungen zu benennen, die im Untersuchungszeitraum als kriminell galten und die Normen zu betrachten, die dieser Zuschreibungen zu Grunde liegen. Aber auch die Verbreitung und Umsetzung der Normen, der Ablauf eines Strafverfahrens und die Sanktionen dürfen nicht ausser Acht gelassen werden. Dies ist der Kontext, in welchem die Gerichtsakten, die ich als Quellen untersuchen möchte, entstanden sind und nach meiner Ansicht ist eine Untersuchung ohne diesen Kontext nicht zielführend. 54 In diesem Kapitel werde ich darum zuerst auf das Strafrecht im frühneuzeitlichen Zürich eingehen und anschliessend auf die Bestrafung von Sexualstraftaten. Dabei soll immer auch ein Augenmerk auf die Behandlung von Jugendlichen in Strafprozessen gelegt werden. 3.1 Strafrecht im frühneuzeitlichen Zürich Zürich besass, wie ich bereits in der Einleitung erwähnte, keine Strafgesetzbuch und auch die «Constitution Criminalis Carolina» hatte im 18. Jahrhundert in Zürich keine Gültigkeit mehr. Erich Wettstein geht sogar davon aus, dass sie, im Gegensatz zu Basel und der 52 Schwerhoff: Historische Kriminalitätsforschung, S Ebd., S Vergleiche hierzu: Schnabel-Schüle: Ego-Dokumente im frühneuzeitlichen Strafprozess, S

17 3.1 Strafrecht im frühneuzeitlichen Zürich 13 Fürstabtei St. Gallen, die «Strafrechtspflege nur in geringem Masse» 55 beeinflusste. Die Strafen wurden bei jedem Prozess durch den kleinen Rat, als zuständige Gerichtsinstanz, festgelegt, wobei meiner Ansicht nach durchaus eine gewisse Einheitlichkeit zu erkennen ist. Darauf werde ich im Abschnitt näher eingehen. Je nachdem ob eine Strafe an Haut und Haaren oder eine Todesstrafe verhängt wurde, waren der alte und der neue Rat 56 gemeinsam zuständig, oder nur der neue Rat. Das heisst bei Todesurteilen wurde von den beiden Räten kein Urteil gefällt, sondern der Fall für das Urteil an das Malefizgericht übergeben, welches das Urteil fällte und die Art der Todesstrafe festlegte. Für das Malefizgericht war ausschliesslich der neue Rat zuständig Der Strafprozess Eine Strafuntersuchung im alten Zürich wurde meistens durch eine Anzeige ausgelöst. Diese wurde beim Dorfpfarrer oder direkt beim Vogt erstattet, welche versuchten, den Delinquenten festzusetzen und nach Zürich zu überstellen. Oftmals wurden bereits vor Ort erste Verhöre vorgenommen und zusammen mit dem Verhafteten dem kleinen Rat zugestellt. 58 Bei mehreren Tätern aus verschiednen Vogteien war manchmal auch etwas mehr Schriftverkehr notwendig, bis alle Verdächtigen bei der gleichen Instanz in Haft sassen. 59 In Zürich angekommen wurden die Verdächtigen, je nach schwere der vorgeworfenen Tat, in eines der drei Gefängnisse gesperrt. 60 Wie die Akten zeigen, wurden Häftlinge auch, je nach Aussagen in den Verhören, in ein anderes Gefängnis verlegt. Zum Beispiel, wenn im Lauf der Untersuchung aus einer tentierten (d.h. versuchten) eine vollzogene Bestialität wurde, erfolgte die Verlegung in den Wellenberg 61 Die Folterung wurde im Wellenberg vorgenommen. Für die Folter, die als Teil des Verhörs vom Rat angeordnet werden konnte, war im Wellenberg eine Folterkammer eingerichtet. Laut Wettstein war in Zürich die Streckfolter diejenige, die am meisten vollzogen wurde. 62 Bei dieser Form der Folter werden dem Angeklagten die gestreckten Arme hinter dem Rücken gebunden und er an diesen mit einem Seil aufgezogen, so dass er frei und gestreckt hängt je nach Grad der Folter 55 Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S Der kleine Rat in Zürich setzte sich zusammen aus zwei Bürgermeistern, 24 Ratsherren und 24 Zunftmeister und teilte sich in zwei Ratsrotten, die ursprünglich für ein halbes Jahr im Amt waren. Der neu Rat, d.h. die amtierende Ratsrotte, zog für gewöhnlich den alten Rat zur Beratung bei, was ab 1654 auch im geschworenen Brief so festgehalten wurde. Weiterführendes hierzu kann in: Guyer: Verfassungszustände der Stadt Zürich, S nachgelesen werden. 57 Vgl. Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S Solche Verhöre finden sich unter anderem beim Fall Bär (S.44) und beim Fall Hess (S.45). 59 Ein Beispiel hierfür findet sich beim Fall Landis (S.45). 60 Das ehemalige Kloster Ötenbach, das auch als Zucht- und Waisenhaus diente, bei leichteren, der neue Turm und der Wellenberg bei schweren Verbrechen. 61 Zum Beispiel im Fall Vögeli (S.41). 62 Vgl. ebd., S. 113.

18 14 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen werden dem Delinquenten dabei verschieden schwere Gewichte an den Füssen befestigt. Zürcher fand keine Belege, dass Kinder unter zehn Jahren dieser Folter unterzogen wurden, der jüngste auf diese Weise gefolterte Verdächtige im Raum Zürich war 1565 der elfjährige Christian Knupp von Brütten. 63 In meinem Quellensample wird diese Folter nur bei einem verdächtigen Jugendlichen angewendet 64 Eine weitere Form der Folter war das Däumeleisen. Es werden der Daumen oder andere Finger in eine Zwinge gespannt und Druck darauf ausgeübt. Laut Franz Gut galt Däumeln als leichte Folter, die auch bei Schwangeren angewendet wurde. 65 Für Zürich ist in Bezug auf Jugendliche einzig der Fall des 14jährigen Hans Egg 66 bekannt, der 1735 dieser Folter unterzogen wurde. Als weitere, besonders bei Jugendlichen oft angewendete Folltermethode nennt Zürcher noch Rutenstreiche. 67 Diese kommt in meinem Sample jedoch bei keinem Fall als Folter vor, sondern nur als Bestrafung. Möglicherweise wurde sie lediglich bei geringeren Delikten als Folter eingesetzt. Eine Foltermethode die jedoch in den Fällen meines Samples vergleichsweise häufig angewendet wird und weder bei Zürcher, noch bei Gut und auch nicht bei Wettstein beschrieben ist, wird in den Anordnungen des Rates als Benklisetzen und binden bezeichnet. Höchst wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Foltermethode, die 1660 beim Hexenprozess gegen Catharina Bumann neu eingeführt wurde und wie folgt beschrieben wird: Nota: die neue Tortur sind zwei Bretter ungefähr drei Schuh lang, da auf beiden Seiten zwei hölzerne Nägel [sind], daneben beide Füsse mit Stricken hart zugebunden, die Knie auch mit einem Strick hart zugezogen, die Hände auf den Rücken gebunden und die Augen vermacht werden; und auf einem Stöckli sitzen lassen, bis der Krampf durch alle Adern grossen Schmerzen verursacht. Welches ohne Gefahr [des] Lebens und der Glieder zugeht, nur allein mit Geduld lange Obwart erfordert. 68 Laut Otto Sigg wurde diese Foltermethode eingeführt, nachdem die der Hexerei verdächtigte Elisabeth Bünzli 1656 beinahe zu Tode gefoltert worden wäre. 69 In meinem Sample wird diese Form der Folter in drei Fällen angeordnet 70 Als weitere Form der Folter wurde in Zürich auch ein Methode angewandt, die keine körperlichen Schmerzen verursachte. Der Verdächtige wurde in einem kleinen Holzhaus innerhalb des Wellenbergs eingesperrt und für eine festgelegte Zeitspanne allein gelassen. 63 Vgl. Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S. 201f. 64 Vergleiche hierzu den Fall Spillmann (S.40). 65 Vgl. Gut: Die Übeltat und ihre Wahrheit, S Vergleiche hierzu den Fall Egg (S.43). 67 Vgl. Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S Kundschaften und Nachgänge, A Vgl. Sigg: Hexenprozesse mit Todesurteil, S Vergleiche hierzu die Fälle Vögeli (S.41), Schmid (S.43) und Bär (S.44).

19 3.1 Strafrecht im frühneuzeitlichen Zürich 15 Auch die Geistlichen aus dem Grossmünster durften ihn in dieser Zeit nicht besuchen. Der 19jährigen Joseph Schmid 71 wurde so eine Woche allein gelassen. Eine oft verwendete leichte Massnahme war das «Schrecken». Der Scharfrichter war beim Verhör zugegen, zeigte seine Instrumente, fügte dem Delinquenten aber keine Schmerzen zu. In einigen Fällen 72 wurde diese vom Rat bereits als ausreichend betrachtet. In anderen Fällen war es nur die Vorstufe zu einer der bereits erwähnten Foltermethoden. In einigen Fällen 73 wurde vom Rat angeordnet jemanden auf den Tod vorzubereiten, dessen Delikt eigentlich nicht Todeswürdig war. Ob dies als Druckmittel, ähnlich dem Schrecken, gesehen werden muss, oder ob wirklich in Betracht gezogen wurde den Angeklagten hinzurichten und im letzten Moment eine andere Entscheidung fiel, ist wohl von Fall zu Fall unterschiedlich. Gewalt anzuwenden um jemanden zu einer Aussage zu bewegen scheint auch in der Bevölkerung nicht unüblich gewesen zu sein. In mehreren Fällen meines Samples wird von Zeugen oder Familienangehörigen noch vor der Anzeige Gewalt angewendet: Der 12jährige Caspar Franck wurde von seiner Mutter mit der Rute gezüchtigt, damit er ihr sagt was er mit den anderen Knaben und dem Bedtli gemacht hat 74 ; Regula Hasler, die Mutter von Heinrich Hoffmeister züchtigte ihren Lehrbuben Caspar Hess ebenfalls mit einer Rute, noch bevor sie die Obrigkeit informiert, dass sie die beiden zusammen erwischte. 75 Heinrich Weydmann, der Joseph Schmid bei der Tat überraschte, verprügelte diesen zusammen mit einem anderen Knecht, bis er sich habe «vernemmen lassen, er müsse bekennen, er habe im Sinn gehabt etwas böses mit dem Mudter-Pferdt vorzunemmen.» 76 Es ist darum anzunehmen, dass die Folter in der Bevölkerung nicht als etwas Falsches angesehen wurde. Die Verhöre mit den Verdächtigen und die Befragungen der Zeugen führten die Nachgänger durch. Das waren zwei Ratsmitglieder, welche diese Aufgabe jeweils für ein halbes Jahr übernahmen. In einem zwischen 1428 und 1443 verfassten Schreiben über die Rechtspflege in Zürich ist festgehalten, dass die Aussagen der Gefangenen bei den Verhören durch die Nachgänger sehr genau aufgeschrieben werden sollen, da sie als Entscheidungsgrundlage für den Rat diensten. Die Angeklagten standen nie direkt vor ihren Richtern. Der Rat fällte seine Entscheidungen nur auf Grund von Schriftstücken. Der Auftrag zur Befragung der Gefangenen wurde, obwohl auch die Nachgänger Ratsmitglieder waren, zumindest teilweise schriftlich erteilt. In der Akte zum Fall Landis 77 sind solche Anweisungen, wie auch diejenigen an den Diakon der Leutpriestertei des Grossmünsters, überliefert Vergleiche hierzu S zum Beispiel im Fall Merki (S.42) und beim Fall Hess (S.45) 73 Vergleiche hierzu die Fälle Egg (S.43) und Landis (S.45). 74 Vgl. S Vgl. S Vgl. S Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S Ganzer Abschnitt nach: Ruoff: Der Blut- oder Malefizrat in Zürich, S. 579 und Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S.106.

20 16 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen Für die Entscheidungsfindung ordnete der Rat oft die Einvernahme von Zeugen an. Als solche konnten Personen einvernommen werden, welche die Tat in irgend einer Weise mitbekommen hatten, oder Personen, die nähere Auskunft zu den Verdächtigen geben konnten. Laut Wettstein erfuhren Angeklagte nicht, wer gegen sie ausgesagt hatte und konnten die vorgebrachten Vorwürfe nicht entkräften. In meinem Sample kommte es jedoch zu Gegenüberstellungen, was dem widerspricht. Wahrscheinlich war es sehr Deliktund Fallabhängig, ob einem Verdächtigen mitgeteilt wurde, wer gegen ihn ausgesagt hatte. 79 Bereits einleitend erwähnte ich, dass der Rat auch bei den Geistlichen Informationen einforderte. Diesen Aspekt des Strafprozesses und die spezielle Rolle der Geistlichen in demselben behandle ich gesondert im Abschnitt Wenn der Rat der Ansicht war, dass alles gestanden ist, was es zu gestehen gibt, fällte er sein Urteil. Ausser in denjenigen Fällen, in welchen er zum Schluss kam, dass der Verdächtige ein Todeswürdiges Delikt begangen hatte. In diesen Fällen ordnete er ein Finalexamina an, bei welchem keine Folter angewendet werden durfte, sowie die Vorbereitung auf den Tod durch die Geistlichen. Dies geschah teilweise auch in Fällen, in welchen nachher kein Todesurteil ausgesprochen wurde. Nach dem Verlesen des Finalexamina wurde über das Weiterreichen des Falles an das Malefizgericht abgestimmt. Diese Abstimmungen waren in allen Fällen meines Samples einstimmig. Das Malefizgericht war im 15. Jahrhundert noch ein Schauprozess, in welchem der Bürgermeister als Ankläger auftrat und der Vogt den Vorsitz übernahm. Bis ins 18. Jahrhundert hatte es diverse Änderungen durchlaufen. Es gab keinen Vogt mehr, weil Zürich keine Reichsstadt mehr war und das Führen der Anklage im Stehen wurde als unwürdig für den Bürgermeister empfunden, um nur zwei zu nennen. Die Sitzung des Malefizgerichtes wurde so mit der Zeit ein Teil der Ratssitzung. Nach dem Entschluss, den Fall zu überweisen geht das Ratsprotokoll nahtlos zum Protokoll des Malefizgerichtes über. Als anwesend werden in den Ratsmanualen die neuen Räte und der Seckelmeister aufgeführt. Höchst wahrscheinlich verliess die andere Ratsrotte und der Bürgermeister den Saal für diese Zeit. Das Malefizgericht legte die Todesart fest, stimmte über die Todesstrafe ab, und die normale Ratssitzung nahm wieder ihren Lauf Die Bestrafung Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit kannte man viele Arten der Todesstrafe. Im 18. Jahrhundert und insbesondere bei Jugendlichen, ist jedoch nur noch die Enthauptung relevant. Laut Wettstein wurden im 17. und 18. Jahrhundert 88% der Todesstrafen durch Enthauptung oder Enthauptung mit anschliessendem Verbrennen bzw. anderer Strafschärfung wie öffentlichem Ausstellen des Leichnams, vorgenommen Vgl. Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S Vergleiche hierzu Ruoff: Der Blut- oder Malefizrat in Zürich, S. 578f., Vgl. Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S. 120.

21 3.1 Strafrecht im frühneuzeitlichen Zürich 17 Bei den Jugendlichen war der Anteil derjenigen, die zu einer sogenannt qualifizierten Todesstrafe verurteilt wurden, noch viel geringer. Von den über hundert Jugendlichen die zwischen 1400 und 1798 hingerichtet wurde, wurden lediglich sieben nicht enthauptet. 82 Keiner dieser Fälle ereignete sich im 18. Jahrhundert 83 Drei Fünftel der zur Enthauptung verurteilten wurde danach verbrannt. Bis auf einen, ein etwa 14jähriger Brandstifter, der 1560 verurteilt wurde, waren sie alle wegen widernatürlicher Unzucht verurteilt worden. Die Enthauptung vor dem Verbrennen ist in diesen Fällen als Gnadenstrafe, an Stelle des Lebendigverbrennens, zu werten. 84 «Es sollen auch neben der Gerechtigkeit solche Bestraffungen auf den gemeinen Nutz gerichtet syn: Also dass durch das Exempel der Straff andere gebesseret werden und abgeschreckt.» 85 Damit das Exempel der Straff auch gesehen wurde, wurden die Hinrichtungen öffentlich vollzogen. Den Verurteilten wurden vor dem Ratshaus ihre Verbrechen nochmals vorgelesen, bevor sie mit dem Scharfrichter ihren letzten Gang antraten. Die Strehlgasse hinauf, den Rennweg hinab zum Rennwegtor, wo der letzte Trunk gericht wurde, und von da zur Sihl an die jeweilige Richtstätte. Die Glocken läuteten zu Beginn des letzten Ganges drei Mal, damit jeder wusste, dass jetzt jemand hingerichtet wird und zur Hinrichtungsstätte eilen konnte, um zuzusehen. 86 Neben der Todesstrafe kannte man auch andere schwere Strafen. Zum Beispiel die körperliche Züchtigungen, die häufigste Strafe bei Kinder und Jugendlichen. Die Züchtigung war auch bei den jüngsten in Zürich verurteilten Straftätern angeordnet worden. Sie alle wurden wegen Verbrechen verurteilt, die zu den schwersten gehören. Unter anderem auch Blutschande, Sodomiterei und Bestialität. Die Züchtigung wurde in diesen Fällen angeordnet, weil nur die vollzogene Tat mit dem Tod bestraft wird und man bei Kindern von acht oder neun Jahren nicht davon ausgehen kann, dass diese die Geschlechtsreife bereits besitzen, sie die Tat somit nicht vollziehen konnten. Darum bestrafte man sie auch nicht mit dem Tod. In meinem Sample kommt diese Bestrafung auch in mehreren Fällen vor 87 Dabei handelt es sich jedoch immer um Fälle, in welchen die Tat nicht vollendet wurde, d.h. es zu keinem Samenerguss kam. Andere Strafen an Haut und Haaren, wie Verstümmelungen, waren in Zürich bei Jugendlichen nicht üblich. Überliefert ist nur ein einziger Fall aus dem 15. Jahrhundert. 88 Eine weitere Strafe, die bei schweren Verbrechen angewendet wurde, war die Verbannung. Sie gehört zu den verbreitetesten Strafen in der Frühen Neuzeit. Schwerhoff geht davon 82 Von diesen starb ein Knabe während der Folter, einer wurde bei lebendigem Leib verbrannt, zwei an der Stud erwürgt, zwei Mädchen ertränkt und ein Knabe, der eigentlich zum Schwert verurteilt worde wäre, jedoch in Graubünden im Kriegsdienst war und kein Scharfrichter zugegen, wurde arkebusiert. 83 Vier Fälle sind aus dem 17., drei aus dem 16. Jahrhundert. 84 Ganzer Abschnitt nach: Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S Heidegger: Regenten-Kräntzlein, S Ganzer Abschnitt nach: Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S Vergleiche hierzu die Fälle Schmid (S.43), Egg (S.43) Bär (S.44), Hess (S.45), Baumann (S.46) Haagen (S.48) und Franck (S.48). 88 Ganzer Abschnitt nach: Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S. 8, 15, 54f.

22 18 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen aus, dass in Augsburg in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts über 50% der Verurteilten einen Stadtverweis erhielten. In Frankfurt am Main seien im 18. Jahrhundert ein Viertel der ausgesprochenen Strafen Verbannungen gewesen. 89 Auch in Zürich war es eine beliebte Strafe, die oft gegen Kinder und Jugendliche ausgesprochen wurde, meist in Verbindung mit einer anderen Strafe. Rund ein Viertel aller verurteilten Jugendlichen im alten Zürich wurde verbannt. 90 Schwerhoff bezweifelt die Wirksamkeit dieser Strafe. Die Städischen Mauern seine in der Frühen Neuzeit durchlässig gewesen und «wie begrenzt die Möglichkeiten zur Durchsetzung einer Verbannung für ein ländliches Gebiet aussahen, wird man sich leicht ausmalen können.» 91 Seine Untersuchung der Kölner Turmbücher hat denn auch gezeigt, dass dort häufig Verstösse gegen die Verbannung eingetragen sind. 92 In meinem Sample werden in sechs Fällen Landesverweise ausgesprochen. Einzig im Fall Hiltebrand 93 gibt es keine zusätzlichen Strafen zur Verbannung, in allen anderen Fällen wird zusätzlich eine körperliche Züchtigung ausgesprochen und/oder eine Ehrenstrafe, auf die ich im Folgenden noch zu sprechen kommen werde. In drei Fällen 94 wurde die Verbannung für ewig ausgesprochen, in den anderen drei Fällen 95 wurde die Verbannung für einen begrenzten Zeitraum ausgesprochen. Nach diesem durfte der Verurteilte, bei gutem Führungszeugnis, wieder zurück kommen. Eine Varation der Landesverweisung war die Verdingung «an einen ehrlichen dienste» wie im Fall Baumann 96, wo bei Stiefgeschwistern wegen versuchter Blutschande angeordnet wurde, dass sie beide verdingt werden. Der 16jährige Knabe sofort, das 11jährige Mädchen sobald sie dazu im Stande sei. Eine solche Bestrafung zielte natürlich auch gegen die Eltern, da man diese offensichtlich nicht dazu in der Lage sah, ihre Kinder angemessen zu erziehen. Die vorhin erwähnten Ehrenstrafen gehörten zu den leichteren Strafen, die angeordnet werden konnten. Beim Stehen am Halseisen, am Pranger oder in der Trülle konnte man von den Verbeigehenden beschimpft werden, bespuckt oder schlimmeres. Das Vergehen wurde öffentlich, die Ehre dadurch verletzt. Oft wurde diese Strafe in Verbindung mit einer körperlichen Züchtigung ausgesprochen, meist bei Dieben und Landstreichern. In meinem Sample werden drei Ehrenstrafen verhängt. Eine davon gegen den Ortsfremden Johann Haagen, den man auch der Landstreicherei verdächtigte. 97 Dieser wurde am Pranger mit Ruten gezüchtigt, bevor er auf ewig des Landes verwiesen wurde. Auch in den anderen 89 Vgl Schwerhoff: Vertreibung als Strafe, S Vgl. Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S Schwerhoff: Vertreibung als Strafe, S Vgl ebd., S Vergleiche hierzu die Ausführungen zum Fall auf S Die Ewige verbannung wurde ausgesprochen in den Fällen Haagen (S.48), Egg (S.43) und Hess (S.45). 95 Bei den zeitlich Begrenzten Verbannungen handelt es sich um den bereits zitierten Fall Hiltebrand, sowie die Fälle Landis (s.45) und Schmid (S.43). 96 Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S.48.

23 3.1 Strafrecht im frühneuzeitlichen Zürich 19 zwei Fällen 98 wurde die Ehrenstrafe, beide Male das Stehen am Halseisen, mit einem Landesverweis zusammen ausgesprochen. Die letzte Strafart zu der Jugendliche verurteilt wurden, waren Freiheitsstrafen. Bei Freiheitsstrafen schwang immer auch der Gedanke mit, einen Delinquenten mit genügend geistiger Unterweisung und Arbeit bessern zu können und wieder zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft zu machen. Die mildeste Form der Freiheitsstrafe war der Hausarrest, wie sie auf Bitte des Pfarrers im Fall Bär 99 angeordnet wurde. Strenger war die Versorgung im Spital. Dort wurden die Verurteilten abgesondert von den anderen Personen verwahrt und erhielten geistigen Unterricht. 100 Zusätzlich mit körperlicher Arbeit verbunden war der Aufenthalt in einem Zuchthaus. Die Zucht- und Waisenhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts waren ein neuer Anstaltstyp, der nicht mehr allein der Versorgung und Absonderung diente. Die modernen Zwangsarbeitsanstalten hingegen verfolgten pädagogische, sozialpolitische und wirtschaftliche Ziele, die auf die Interessen des modernen, merkantilistischen Staates und des privaten, frühkapitalistischen Unternehmertums ausgerichtet waren. 101 Zürich eröffnete 1637 im ehemaligen Kloster Ötenbach das Erste Zucht- und Waisenhaus der deutschsprachigen Eidgenossenschaft. Der Ötenbach war Zwangsarbeitsanstalt, öffentliche Kinderfürsorge und Untersuchungsgefängnis. Es war der Ort, wo Personen, die gegen die Normen verstiessen, egal ob Erwachsene, Jugendliche oder Kinder, wieder auf den rechten Weg gebracht werden sollten. Durch die Züchtigung an der Stud, harter Arbeit, geistiger Unterweisung und bescheidene Ernährung. 102 In meinem Sample wird in zwei Fällen eine Versorgung im Ötenbach angeordnet. Im Fall Hess für acht Tage, 103 im Fall Baumann bis ein Dienstherr gefunden ist. 104 Zusammenfassend lässt sich zur Bestrafung von Jugendlichen sagen, dass die häufigsten Strafen gegenüber Jugendlichen, Zuchthausstrafen, Züchtigungen, Ehrenstrafen am Pranger und Landesverweise waren. Im allgemeinen wurden jugendliche Delinquenten milder bestraft als Erwachsene, gingen aber nicht Straffrei aus. Todesstrafen wurden auch gegenüber Jugendlichen ausgesprochen, wobei der jüngste zum Tode Verurteilte ein zehnjähriger war, der 1696 wegen Sodomiterei verurteilt wurde. Wie er, war der überwiegenden Teil der zum Tode verurteilten Jugendlichen wegen Bestialität oder Sodomiterei verurteilt worden. Der letzte Jugendliche wurde 1749 wegen mehrfacher Bestialität und Unzucht mit dem Tod bestraft. 98 Vergleiche hierzu die Fälle Egg (S.43) und Landis (S. 45) 99 Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S Vgl. Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S. 75, Crespo: Verwalten und Erziehen, S Ganzer Abschnitt nach: Ebd., S. 37f., Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S.46.

24 20 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen Das Todesurteil wurde aber nur ausgesprochen, wenn der Delinquent den tatsächlichen Vollzug der widernatürlichen Unzucht zugegeben hatte. Ohne das Geständnis, einen Samenerguss gehabt zu haben, wurde nicht hingerichtet. Insofern kann auch von einer gewissen Einheitlichkeit gesprochen werden. Auch was die Schwere der Strafen anbelangt, kann ein Stück weite eine Korrelation zur Schwere der zugegebenen Tag gesehen werden. So gestand beispielsweise Egg, zwei Mal versucht zu haben, sich einer Stute zu nähern, sei dabei entblöst gewesen und in das Tier eingedrungen. Er wurde ans Halseisen gestellt, an diesem mit Ruten gestrichen und auf ewig des Landes verwiesen. Die Strafe von Schmid war eine geringere. Er wurde drei Tage lange sechs mal mit der Rute geschlagen und danach für acht Jahre verbannt. Er hatte aber auch nur zugegeben, sich einmal einer Stute genähert zu haben, er sei dabei entblöst gewesen, hatte aber nicht eindringen können. Damit war auch sein Vergehen ein geringeres als dasjenige von Egg. Und vergleicht man dies noch mit dem Fall Hiltebrand, der ohne körperliche Züchtigung für sechs Jahre verbannt wurde, so hat dieser lediglich zugegeben, die Tat vorgehabt zu haben. Er sei nicht entblöst gewesen, somit konnte er auch nicht in die Stute eingedrungen sein. Natürlich trifft dieser Zusammenhang von Schwere der Tat und Härte der Strafe nicht auf jeden Fall zu. Auch haben Briefe von Pfarrpersonen und Angehörigen sowie das Verhalten in der Haft einen Einfluss auf das Urteil, aber vom Fehlen einer einheitlichen Beurteilung der Jugendlichen, wie dies Wettstein tut, würde ich auf Grundlage meines Samples nicht sprechen Die Rolle der Kirche «Der Pfarrer ist ein Glied des Staatskörpers» 106 notierte der Pfarrer Leonhard Brennwald 1795 in seinem Tagebuch. Geistliche und weltliche Obrigkeiten arbeiteten im frühneuzeitlichen Zürich eng zusammen. Weltliche und kirchliche Interessen, Einflusssphären und Strategien liessen sich im nachreformatorischen Zeitalter kaum mehr trennen. Als Gelenkstelle oder Verbindungsglied zwischen Kirche und Staat fungierte der einzelne Pfarrer, dem in diesem symbiotischen Verhältnis eine wichtige Machtposition zukam. 107 Pfarrer waren für die Angehörigen ihrer Kirchgemeinde zuständig wie Hirten für ihre Schäfchen. Wobei der Hirte als Wächter verstanden wurde. Ein Wächter über Sitte und Moral. Dem Pfarrer oblag jedoch nicht alleine «die Überwachung des sittlichen Zustandes der Gemeinde» 108 Dies war Aufgabe der Stillstände, einer Gemeindebehörde, welcher der Pfarrer vorstand und der alle Beamten angehörten, über welche die Gemeinde verfügte Ganzer Abschnitt nach: Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S. 40f. und Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S. 3, zitiert nach: Gugerli: Zwischen Pfrund und Predigt, S Ebd., S Kunz: Die Gemeindefreiheit im alten Zürich, S Ausführliche Informationen zu den Stillständen finden sich bei: ebd., S

25 3.1 Strafrecht im frühneuzeitlichen Zürich 21 Leichte Verstösse wurden von dieser Behörde in der Gemeinde geregelt. Da der Pfarrer nicht nur Wächter war, nicht nur lehren und trösten sollte, sondern auch «Irrende ermahnen und Lasterhafte strafen», 110 wurde die Kirche selbst zum Gerichtsort. Personen, die sich etwas hatten zu Schulden kommen lassen, wurden vor versammelter Kirchgemeinde gerügt. David Gugerli schliesst daraus, dass diese öffentliche Rüge «einen Sünder nicht nur von der religiösen Gemeinschaft, sondern auch und vor allem von der ganzen Gesellschaft aus[schloss], da beide Bereiche deckungsgleich waren.» 111 Schlimmere Vergehen wurden, wie bereits auf S.13 geschildert, nach Zürich gemeldet, die Delinqueten dorthin überstellt. In diesen Fällen wurden die Dorfpfarrer zu Auskunftspersonen für den Rat. Sie bestätigten das Alter der Delinquenten das heisst sie gaben an, wann diese getauft wurden meldeten ob sie die Schule und die Kirche besucht hatten, und wie ihr Betragen in der Gemeinde war. Diese Briefe werde ich im Abschnitt näher beleuchten. Den Geistlichen des Grossmünsters kam eine weitere Aufgabe zu. Sie wurden vom Rat jeweils gebeten, die Delinquenten zu besuchen und zu einem Bekenntnis zu bewegen. Die Anweisungen im Fall Merki lauten beispielsweise: Mithin solle derselbe von nun an durch die Herren Geistlichen fleissig besuchet, in dem Handel des Heils unterwisen,zu Bekantnuss der Wahrheit angetriben und zu einem seligen Reüen vorbereitet 112 Auch die Verurteilten auf den Tod vorzubereiten war Aufgabe der Geistlichen. Beim Fall Landis 113 sind, wie bereits erwähnt, Anweisungen an die Nachgänger und die Geistlichen überliefert. Diejenige für die Geistlichen ist adressiert an den «Leüthpriester Hottinger» und weist diesen an: Der annach gefangen Sitzende Peter landis soll von dennen Herren Geistlichen /: wie es Gott und meine gnädigen Herren leithen möchten:/ zum Tod vorbereithet, und auff nächstkünfftigen Sammstag den Thurm gewohnter weise bestellet werden 114 Der erwähnte Johann Jakob Hotting, an welchen der Rat seinen Auftrag richtete und von dem auch ein Grossteil der Briefe über das Verhalten der Verdächtigen in Haft verfasst sind, war Diakon in der Leutpriestertei des Grossmünsters. Laut Hans Rudolf von Grebel war aber nicht er selbst zuständig für eine «der allerschwersten seelsorgerischen Aufgaben (... ), die es überhaupt für einen Pfarrer geben kann: die Seelsorge an den Kriminellen und Malefikanten», 115 sondern die Exspektanten. 110 Heiligensetzer: Getreue Kirchendiener - gefährdete Pfarrherren, S Gugerli: Zwischen Pfrund und Predigt, S Ratsmanuale, B II 778, S Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S Bestialität und Sodomiterei, A Grebel: Kirche und Unterricht, S. 117.

26 22 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen Abbildung 3.1: Anweisung des Rates an Johann Jakob Hottinger vom 19. Oktober 1729.

27 3.1 Strafrecht im frühneuzeitlichen Zürich 23 Ordinierte Verbi Divini Ministri 116 die noch auf eine Pfarrstelle warteten und für die Leutpriestertei arbeiteten. Als besonders wichtig empfand man ihre Arbeit bei denjenigen Verdächtigen, die eine Todesstrafe zu erwarten hatten. Diese wollte man zu Reue und einem vollen Geständnis bewegen, weil man ihre Seelen dem Bösen entreissen wollte, sie «wenigstens für den Himmel zu retten, wenn auf Erden nichts mehr zu hoffen war.» 117 Dass die Bemühungen der Geistlichen manchmal mehr Geständnisse hervorzwingen konnten als die Folter, zeigt zum Beispiel der Fall Vögeli, 118 bei welchem der Verhaftete unter der Folter keine weiteren Eingeständnisse macht, im Gespräch mit dem Geistlichen jedoch plötzlich weitere Taten gesteht. Die Pfarrer waren aber nicht nur ein Glied des Staatskörpers weil sie bei Strafuntersuchung und Prozess Unterstützung leisteten, sie waren auch für die Verbreitung der Normen zuständig. Wie bereits auf S.8, in Bezug auf das Mandat wider Leichtfertigkeiten erwähnt, wurden die Mandate und Ordnungen von den Pfarrern während der Predigt verlesen. Sie waren aber auch für die Unterweisung der Jugendlichen zuständig, und somit dafür, ihnen die Normen des christlichen Glaubens zu vermitteln. Im «Bekanntnuss dess waaren Gloubens unnd einfalte Erlüterung der rächten allgemeinen Leer und Houptarticklen der reinen christlichen Religion» von Heinrich Bullinger heisst es dazu: So tuond die pfarrer in den kyrchen fast wysslich und wol / dass sy by guoter zyt und mit flyss / die jugend in ersten anfaengen unserer religion anfürend unn underrichtend / in dem sy die ersten gründ unseres gloubens rächt legend / und inen flyssig usslegend / und zuoverston gäbend / das gsatze Gottes / in zähen gebotten begriffen / die zwölff artickel unsers waaren uralten heyligen Christenlichen gloubens / das heylig gebätt unsers Herren Christi / das Vatter unser / und wie es mit den heyligen Sacramenten ein gstallt habe / sampt anderen derglychen stucken / die zuo den anfängen und houptstucken unseres waaren gloubens dienend. 119 Als eines dieser «anderen derglychen stucken» muss sicher der «Catechismus» gezählt werden. In dem aus Fragen und Antworten aufgebauten Werk heisst es: Koennen denn die nicht selig werden, die auch von irem undanckbaren unbussfertigen wandel zu Gott nicht bekehren? Keineswegs: denn, wie die schrifft saget: Kein Unkeuscher, Abgoettischer, Ehebracher, Dieb, Geiziger, Trunckenplotz, Lesterer, Rauber und dergleichen, wird das reich Gottes erben «Diener am Göttlichen Wort», Zürcher Titel für Pfarrpersonen. 117 Ruoff: Staat, Kirche und Strafrecht im Alten Zürich, S Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S Bullinger: Zweites Helvetisches Bekenntnis, S. 61f. 120 Johann Mayer (Hrsg.): Catechismus, S. 60.

28 24 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen Diese Antwort werden die Geistlichen aus dem Grossmünster den Verhafteten vermutlich auch öfters vorgelesen haben, wenn sie sie «in dem handel dess heils underwisen, zur bekentnus der wahrheit angetriben und zu einer seligen Reüen möglichst vorbereitet» 121 haben. Der Heidelberger Katechismus geht auch auf die Auslegung der Zehn Gebote ein, die Bullinger für die Unterweisung der Jugend ebenfalls fordert. Dabei heisst es in Bezug auf das für diese Untersuchung relevante Siebte Gebot (Du sollst nicht ehebrechen) : Was wil das siebende Gebot? Das alle unkeuscheit von Gott vermaledeyet sey, und dass wir darumb ihr von herzen feind sein, und keusch und züchtig leben, sollen es sey im heiligen Ehestandt oder ausserhalb desselben. Verbeut Gott in diesem gebot nichts mehr denn Ehebruch und dergleichen Schand? Dieweil beyde unser leib und seel tempel des heiligen Geistes sein, so wil er, dass wir sie beyde sauber und heilig bewaren. Verbeut derhalbe alle unkeusche thaten, geberden, wort, gedancken, lust, und was den menschen darzu reizen mag. 122 Die Pfarrer waren somit verpflichtet, die Jugendlichen in allen wichtigen Schriften des Christentums zu unterrichten und ihnen dabei auch die zehn Gebote auszulegen. Dabei mussten sie zwingender Massen auch über die verbotenen Unkeuschheiten reden. Eine der Bibelstellen, die im «Catechismus» dafür vorgeschlagen wird, ist Leviticus 18, wo unter anderem auf Sodomiterei, Bestialität, aber auch Blutschande eingegangen wird. Die Bestrafung für diese Taten nennt die Bibel ebenfalls, in Leviticus 20, worauf ich im folgenden Kapitel eingehen werde. Der Dorfpfarrer war für einen Jugendlichen im 18. Jahrhundert Lehrer, Polizist und Richter. Er lehrte, welches Verhalten das Richtige, sehligmachende ist und welche Taten verboten sind. Er bestrafte, wenn man sich nicht daran hielt, hatte das Recht, einen vor der ganzen Kirchgemeinde abzukanzeln im ursprünglichen Sinn des Wortes. Und er war es, der einen der Obrigkeit meldete, wenn das Vergehen zu gross war, um es in der Gemeinde zu strafen. Der Pfarrer war eine Respektsperson, eine Instanz. Da die hauptsächlichen Bezugspersonen der jugendlichen Straftäter, die sie teilweise mehrmals täglich besuchten, ebenfalls Geistliche waren, kann angenommen werden, dass sie diese ebenso wahr nahmen, wie die Dorfpfarrer. Die Aussagen der Kirchendiener des Grossmünster, ihre Bilder, die sie von den Delinquenten hatten und mit denen sie diese konfrontierten, um sie zu Reue zu bewegen, müssen daher auf die Jugendlichen grossen Einfluss gehabt haben. 121 Kundschaften und Nachgänge, A Johann Mayer (Hrsg.): Catechismus, S. 73f.

29 3.2 Sexualstraftaten und ihre Bestrafung Sexualstraftaten und ihre Bestrafung Bereits einleitend nannte ich die fünf Delikte die ich in meinem Sample berücksichtigt habe. Es sind diejenigen Sexualstraftaten, welche unter die Gerichtsbarkeit des kleinen Rates fallen und von Jugendlichen begangen werden können: Bestialität, Sodomiterei, Blutschande, Notzucht und Unzucht. Besonders Bestialität und Sodomiterei, zusammen als widernatürliche Unzucht bezeichnet, waren bei Jugendlichen sehr häufige Delikte. Laut Zürcher wurde rund ein Fünftel aller verurteilten Jugendlichen wegen diesen Delikten angeklagt, bei den hingerichteten Jugendlichen sind es gar zwei Drittel, die ein solches Vergehen zugegeben hatten. Alle Todesurteile betrachtend war die widernatürliche Unzucht gemäss Wettstein die dritt häufigste Ursache für eine Hinrichtung. Über die Hälfte der 1424 Todesurteile im alten Zürich wurden wegen Diebstahl ausgesprochen, 193 wegen Tötungsdelikte und 179 wegen widernatürlicher Unzucht. Somit wurde nur rund ein Achtel aller zum Tode verurteilten wegen Bestialität oder Sodomiterei hingerichtet. Diese Taten waren somit unter Jugendlichen verbreiteter, als bei Erwachsenen. 123 Eine der normativen Grundlagen für die Verurteilung von Notzucht und Unzucht ist das bereits aus Seite 8 zitierte Sittenmandat: Dann wofehrn in das künftig ein lediges mensch (... ) eine mannsperson zu ihr in ihre kammer kommen oder steigen (... ) oder gar zu ihro unter die decke (... ) sie aber einem solchen leichtfertigen gesellen nicht alsobald die aussweisung mit ernst geben (... ) um hülff anrüffe und schreyen thete / sollen ein solcher und eine solche nicht mehr für ehrliche menschen (... ) sondern für ein gesind / so die ehr vermuthwillet / gehalten 124 Für Unzucht ist in diesem Mandat somit keine Strafe gegen Leib und Leben oder Haut und Harr vorgesehen. Strenger sind die Bestimmungen bei Nothzucht: Fals aber einer so frech und leichtfertig were / und sich unversehens zu einer ledigen tochter / dienstmagd / oder wittfrauen / obvermelter massen verfüge / und dieselbige ihrer ehren verfellen wurde / dass sie sich seiner nicht erwehren / noch um hülff schreyen möchte / sol ein solcher gesell für einen rechten ehrenschänder und nothzwenger erkleret seyn / und um solchen nothzwang je nach beschaffenheit der sach / ohne alle gnad an ehr und gut / ja an leib und leben gar abgestraft werden. 125 Ansonsten ist im Mandat nur von «grobe Sünden,» von «vil übles und unheils» das erwache könnte und «Gottes grosse straaf und ungnad» nach sich ziehen die Rede. 123 Ganzer Abschnitt nach: Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S. 62 und Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S. 48, Mandat wider Leichtfertigkeiten, S Ebd., S. 6.

30 26 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen Im Vorangehenden Kapitel habe ich auf Leviticus 20 als weitere normative Grundlage verwiesen. Die Bibel kann, ja muss nach meiner Ansicht als normative Grundlage auch in rechtlichen Fragen gesehen werden, weil sich der Rat als «Christliche Obrigkeit» 126 definierte. Im «Regenten-Kräntzlein» ist die Regierung gar als Vertretung Gottes beschrieben: «Ein Regent und Oberer aber sitzt an Gottes statt, dessen ausdrucklichen Befehl er soll statt thun, und ins Werck richten.» 127 Die benannte Bibelstelle ist in Bezug auf die Bestrafung von Bestialität und Sodomiterei sehr deutlich: Und wenn jemand mit einem Mann schläft, wie man mit einer Frau schläft, so haben beide einen Greuel verübt. Sie müssen getötet werden, auf ihnen lastet Blutschuld Und wenn jemand eine Frau nimmt und ihre Mutter, so ist das eine Schandtat. Man soll ihn und die beiden Frauen im Feuer verbrennen, und es soll keine Schandtaten geben bei euch. Und wenn jemand mit einem Tier den Beischlaf vollzieht, muss er getötet werden, und auch das Tier sollt ihr töten. Und wenn eine Frau einem Tier nahe kommt, damit es sie begatte, sollst du die Frau und das Tier töten. Sie müssen getötet werden, auf ihnen lastet die Blutschuld. Und wenn jemand seine Schwester, die Tochter seines Vaters oder die Tochter seiner Mutter, nimmt und ihre Scham sieht, und sie sieht seine Scham, so ist das eine Schande, und sie soll vor den Augen der Angehörigen ihres Volkes getilgt werden. Er hat die Scham seiner Schwester entblösst, er muss seine Schuld tragen. 128 Für die widernatürliche Unzucht wird hier die Todesstrafe für alle am Akt beteiligten gefordert. Bei der Blutschande ist die Formulierung offener. Eine Schande zu tilgen und seine Schuld zu tragen heisst nicht zwingendermassen, dass die Blutschänder hingerichtet werden müssen. Dies war in Zürich, zumindest im 18. Jahrhundert, auch nicht der Fall, sondern wurde je nach Verwandtschaftsgrad und schwere der Tat entschieden. Um darauf genauer einzugehen, solle im Folgenden auf die einzelnen Taten und ihre Bestrafung in Zürich eingegangen werden. Widernatürliche Unzucht wurde im alten Zürich ursprünglich mit Verbrennen bei lebendigem Leib bestraft, jedoch kam man gegen Ende des 16. Jahrhunderts immer mehr davon ab und ging dazu über, die Delinquenten zu enthauptet, ihre Leichen zu verbrennen und die Asche in fliessendes Wasser zu werfen. Die Strafe des Lebendigverbrennens wurde nur noch bei sehr schweren Fällen ausgesprochen und auch dies nur noch bis Mitte 17. Jahrhundert Mandat wider Leichtfertigkeiten, S Heidegger: Regenten-Kräntzlein, S Leviticus 20, Ganzer Abschnitt nach: Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S. 82.

31 3.2 Sexualstraftaten und ihre Bestrafung 27 Wie ich bereits auf Seite 20 erwähnt habe, gab es Milderungsgründe bei widernatürlicher Unzucht, bei welchen die Todesstrafe nicht ausgesprochen wurde. Wenn Jugendliche ihre sodomitische oder bestialische Tat nicht vollenden konnten und es beim Versuch blieb, wurden sie nicht hingerichtet. Massgeblich war dabei nicht, ob sie die Tat aus eigenem Antrieb nicht vollendeten oder weil sie gestört worden waren, sondern lediglich der Umstand, dass die Tat nicht vollzogen wurde. Bei Sodomiterei wurde die Strafe desjenigen gemildert, der zur Tat verführt worden war, der sie nicht verübt, sondern erlitten hatte. Ein Beispiel für ein solches Urteil ist der Fall Landis. 130 Die gemilderte Strafe bestand in den meisten Fällen aus einer körperlichen Züchtigung im Innenhof des Ötenbach an der Stud, oder öffentlich am Pranger oder Halseisen und einem Landesverweise. 131 Von den jugendlichen Sodomiten war seit Ende des 17. Jahrhunderts keiner mehr hingerichtet worden, Todesurteile wurde nur noch wegen Bestialität ausgesprochen. Die letzte Hinrichtungen wegen widernatürlicher Unzucht überhaupt die letzte Hinrichtung eines Jugendlichen im alten Zürich war diejenige von Jacob Boller Neben der Tötung der menschlichen Beteiligten an einer widernatürlichen Unzucht wird in Leviticus auch die Tötung der beteiligten Tiere gefordert. Auch in Zürich wurde dies so gehandhabt. Dülmen schreibt dazu: «Bei Bestialität wurde das Tier, mit dem Unzucht getrieben wurde, ebenfalls verbrannt, um alle Schande auszulöschen.» 133 Neben der Auslöschung der Schande könnte hinter der Tötung der Tiere auch die Furcht stehen, dass aus der Vereinigung von Mensch und Tier ein Halbwesen entstehen könnte, das Unheil über die Menschen bringt. «Die Wickiana» enthält zwei Berichte über solche Halbwesen. Einerseits über ein Wesen halb Schwein halb Mensch, das im Dezember 1568 in Venedig geboren als Vorbote des Venezianischen Türkenkrieges und der Eroberung Zyperns gesehen wurde. 134 Andererseits ein Bericht «einer selzamer geburt von einem ross» aus dem Juli 1569: Wüss das im land Wirtenberg in einem closer ein ross zwey knäbli gebracht hatt; sind aller dingen gestaltet wie andere kind, onacht das sy uff dem ruggen gehaaret sind wie das ross. Darnoch sind ettlich uss dem closter gwichen, die in argwon kommen, als ob sy mitt dem ross sölliche unnatürliche ding zeschaffen ghept. 135 In diesem Bericht ist der Verdacht genannt, dass dieses Wesen entstanden, weil einige mit dem Pferd «unnatürliche ding zeschaffen ghept». Die Geburt eines solchen Monstrums konnte durch die Tötung des geschändeten Tieres verhindert werden. 130 Vergleiche herzu die Ausführungen auf S Ganzer Abschnitt nach: Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S. 159f. 132 Vgl. ebd., S. 47, Dülmen: Dorf und Stadt, S Vgl. Matthias Senn (Hrsg.): Die Wickiana, S. 182f. 135 Ebd., S. 152.

32 28 3 Sexualdelikte, Normen und Sanktionen Bei der Blutschande lässt Leviticus das Urteil offen. Es soll die Schande getilgt werden. Entscheidend für die Schwere der Strafe war hier die Schwere der Tat, wobei sich das nicht nur auf den tatsächlichen Vollzug des Sexualaktes bezieht wie bei der widernatürlichen Unzucht, sondern auch auf den Verwandtschaftsgrad. Der Begriff der Blutschande war ein sehr viel weiterer, als der heutige Inzuchtsbegriff. Er bezog sich auf alle sexuellen Kontakte zwischen Verwandten, unabhängig, ob sie blutsverwandt waren oder beispielsweise nur verschwägert. 136 Auch wenn zwei blutsverwandten Personen unabhängig von einander mit einer Drittperson Verkehr hatten, galt dies als Blutschande. So wurden im Februar 1729 die Schwestern Anna und Dorothea Huser verhaftet, weil sie beide von Caspar Fridrich Schrämmer schwanger waren. Verheiratet war keine der beiden mit ihm, auch wenn er es beiden versprochen hatte. Nachdem sie den Nachgängern jedoch in mehreren Verhören versichern konnten, dass sie jeweils nichts von der Beziehung der Anderen zu Schrämmer gewusst hatten, überwies der Rat den Fall ans Ehegericht. 137 Das Vergehen war zu wenig schwer, dass es eine Strafe an Leib und Leben oder Haut und Haar nach sich gezogen hätte. Mit dem Tod wurden nur noch die schweren Fälle bestraft: Die Unzucht zwischen direkten Blutsverwandten. Und auch bei diesen Fällen wurden die Hinrichtungen im 18. Jahrhundert seltener. Die 1734 als letzte wegen Blutschande hingerichtete Frau hatte neben ihrer Schandtat auch noch das von ihrem Bruder empfangene Kind abgetrieben. Und auch bei Veronica Maag 138 hat die Verheimlichung der Schwangerschaft sicher auch ihren Teil zum Todesurteil beigetragen. 139 In Bezug auf Jugendliche sind nur sehr wenig Todesurteile bekannt. Meistens wurden Ehrenstrafen verhängt, Knaben wurden oft wehrlos erklärt, das heisst sie durften als Erwachsene keine Waffe tragen, aber auch Geldstrafen konnten angeordnet werden. Die Unterbringung ausserhalb des Elternhauses wie es im Fall Baumann 140 angeordnet wird, erwähnt Zürcher nicht. 141 Im «Mandat wider Leichtfertigkeiten» ist festgelegt, dass die Notzucht an Leib und Leben gestraft werden kann. Todesstrafen wurden jedoch nur in schweren Fällen verhängt. Denn Notzucht galt als ehrliches Delikt, da sie mit offener Gewalt verübt wurde. Als schwerer Fall von Notzucht wurde zum Beispiel ein gewaltsamer Missbrauch einer unbescholteten Jungfrau oder von Kindern betrachtet. Wenn die Frau einen schlechten Ruf hatte, wurde das Verbrechen weniger schwer eingestuft. Analog zur widernatürlichen Unzucht fiel die Strafe milder aus, wenn die Notzucht nicht vollzogen werden konnte. Wenn es beim Versuch blieb, weil das Opfer sich stark genug wehrte, oder eine Drittperson dazwischen treten konnte Ganzer Abschnitt nach: Jarzebowski: Inzest, S Vergleiche hierzu: Kundschaften und Nachgänge, A und Ratsmanuale, B II 784 S. 28f. 33, Vergleich hierzu die Ausführungen auf S Ganzer Abschnitt nach: Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S. 84f. 140 Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S Ganzer Abschnitt nach: Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S. 168f. 142 Ganzer Abschnitt nach: Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S. 79f.

33 3.2 Sexualstraftaten und ihre Bestrafung 29 Jugendliche Notzüchter wurden meistens mit Geld- und Ehrenstrafen gebüsst, wobei in einzelnen Fällen auch Verbannungen ausgesprochen wurden. Der einzige Notzüchter, der in Zürich zum Tode verurteilt wurde, war der zwölfjährige Conrad Wirtz, der 1636 hingerichtet wurde, er soll jedoch neben einem achtjährigen Mädchen auch zwei Kälber missbraucht haben. Das Todesurteil wurde vermutlich wegen der widernatürlichen Unzucht ausgesprochen und nicht wegen der Notzucht. 143 Das geringste Delikt in meinem Sample ist die Unzucht, das heisst der ausser- oder im Fall von Jugendlichen voreheliche Sexualverkehr. Dies wurde üblicherweise mit Ruten bestraft, in schwereren Fällen auch mit Verbannung, Kriegsdienst oder Verdingung. Bei Unzucht zwischen jungen Mädchen und erwachsenen Männern wurde dies wie eine Notzucht behandelt und die Mädchen nicht bestraft Ganzer Abschnitt nach: Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S. 156f. 144 Ganzer Abschnitt nach: Wettstein: Die Geschichte der Todesstrafe im Kanton Zürich, S. 79 und Zürcher: Die Behandlung jugendlicher Delinquenten, S

34 Ungeachtet dieser Bedenken müssen die Aussagen dieser Dokumente unser Interesse erregen, weil sie - wenn auch verhüllt und durch administrative Formelsprache verfremdet - Menschen die Gelegenheit geben, sich überhaupt - in einem historischen konstatierbaren Sinne - zu äussern Quellen (Schulze) Wer nach Selbstbildern fragt, nach Bildern die andere sich von einem Straftäter gemacht haben, fragt nach Quellen, «die Auskunft über die Selbstsicht eines Menschen geben» 146 Natürlich denkt man dabei als erstes an autobiographische Texte. Als «egodocumente» bezeichnete Jacob Presser bereits 1958 Texte in welchen «ein ego sich absichtlich oder unabsichtlich enthüllt oder verbirgt.» 147 Die heutige Forschung versteht unter Ego- Dokumenten Quellen, «in denen ein Mensch Auskunft über sich selbst gibt, unabhängig davon, ob dies freiwillig (... ) oder durch andere Umstände bedingt geschieht» 148. So zumindest lautet die Definition von Schulze der die Debatte um diese Quellengattung entscheidend mitgeprägt hat. Gemeinsames Kriterium aller als Ego-Dokument definierten Texte ist für ihn, dass sie: über die freiwillige oder erzwungene Selbstwahrnehmung eines Menschen in seiner Familie, seiner Gemeinde, seinem Land oder seiner sozialen Schicht Auskunft geben oder menschliches Verhalten rechtfertigen, Ängste offenbaren, Wissensbestände darlegen, Wertvorstellungen beleuchten, Lebenserfahrungen und -Erwartungen widerspiegeln. 149 Dieser Definition von Schulze gemäss sind Gerichtsakten ebenso Ego-Dokumente wie klassische Selbstzeugnisse Tagebücher, Briefe und ähnliches aber auch Steuererhebungen, Kaufmannsbücher oder Testamente können so zu dieser Quellengattung dazu gezählt werden. Die Definition ist jedoch nicht unbestritten. Benigna von Krusenstjern beispielsweise bemängelt, dass dieser Begriff wegen seiner Nichtbegrenzbarkeit für eine systematische Quellenerfassung ungeeignet sei. 150 Die «Erweiterung der Quellenbasis» durch die viel offenere Definition von Ego-Dokumenten als von Selbstzeugnissen, begrüsst Kaspar von 145 Schulze: Ego-Dokumente, S Ebd., S Zitiert nach: Ebd., S. 14f. 148 Ebd., S Ebd., S Vgl. Krusenstjern: Buchhalter ihres Lebens, S

35 4.1 Gerichtsakten als Ego-Dokumente 31 Greyerz. Er verweist jedoch darauf, dass diese Erweiterung durch die seiner Ansicht nach «methodisch fragwürdige kategorielle Vermischung freiwilliger und unfreiwilliger Aussagen erkauft» 151 ist. Da es jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, alle Kritikpunkte an der Definition von Schulze zu behandeln, gehe ich in diesem Kapitel auf die Einwände gegen die Gerichtsakten als Ego-Dokumente ein und begründe, warum ich sie für meine Arbeit als die richtigen Quellen erachte. Im zweiten Teil des Kapitels stelle ich mein Quellensample vor die Auswahlkriterien, die Zusammensetzung und die einzelnen Fälle. 4.1 Gerichtsakten als Ego-Dokumente Gerichtsprotokolle enthalten neben Angaben zur Tat, zur Person, den Gründen und ähnlichem meistens auch Aussagen der verhörten Person zur Welt, in der sie lebt, zu ihren Erfahrungen, zeigt ihre Überlebensstrategien. In diesen Schriftstücken äussern sich, wenn auch gezwungener massen, diejenigen, deren Stimme sonst selten überliefert sind. Gerichtsakten sind eine sehr vielfältige Quellengattung. Sie enthalten nicht nur Verhörprotokolle mit den Verdächtigen, sondern auch Briefe von verschiedenen Personen, Zeugenaussagen, Anweisungen, Zusammenfassungen und teilweise auch medizinische, juristische oder religiöse Gutachten. Verschiedenartige Dokumente, die es erlauben Einsicht zu nehmen in die Art und Weise der Prozessführung, der Handlungsstrategien im Umgang mit Konflikten aber auch der Lebenswelten verschiedener sozialer Schichten. 152 Die Gerichtsakten sind aber nicht nur vielfälltig, sie bringen auch einige Problematiken mit sich, welchen Beachtung geschenkt werden muss. Die Problematiken lassen sich Grundsätzlich in zwei Gruppen einteilen: Einerseits sind dies die Probleme, die durch die Verhörsituation bedingt sind. Andererseits diejenigen, die durch die Produktion auftreten können. Diese beiden Problembereiche werde ich in diesem Abschnitt näher betrachten. Verhörprotokolle wirken wie Interviews, besonders wenn sie in einem Frage-Antwort-Stil notiert sind. Diese Ähnlichkeit ist aber nur eine oberflächliche. Zwischen Verhörenden und Verhörten besteht eine Kluft, wie sie bei Interviews nicht besteht. Die Verhörenden waren Teil der städtischen Oberschicht, Ratsmitglieder. Ihr Bildungs- und Erfahrungshorizont war ein ganz anderer als derjenige der Verhörten. Diese gehörten oftmals der Unterschicht an. In meinem Sample sind zudem alle aus ländlichen Gemeinden und bedingt durch das Thema meiner Untersuchung alle viel jünger als die Verhörenden. Doch nicht nur dieses Machtgefälle allein macht die Kluft zwischen ihnen aus. Den Verhördenden standen diverse Zwangsmittel zur Verfügung, was eine angstfreie Interaktion unmöglich machte. Alle getätigten Aussagen müssen vor diesem Hintergrund gesehen werden. 153 Martin 151 Greyerz: Deutschschweizerische Selbstzeugnisse ( ) als Quellen der Mentalitätsgeschichte, S Ganzer Abschnitt nach:schulze: Ego-Dokumente, S. 24, 27 und Schnabel-Schüle: Ego-Dokumente im frühneuzeitlichen Strafprozess, S Ganzer Abschnitt nach: Behringer: Gegenreformation als Generationenkonflikt, S. 282.

36 32 4 Quellen Scheutz vertritt die Ansicht, dass die Akten nur ein obrigkeitlich geprägtes Bild der Verhörten wiedergeben können, weil alle Angaben «unfreiwillig und in Reaktion auf gezielte Fragen des Protokollführers» 154 entstanden seien. Diese Fragen oder zumindest ein Teil von ihnen, waren vorbereitet und folgten dem immer gleichen Muster, was von Scheutz ebenfalls bemängelt wird. 155 Dadurch entstehen zum Teil stereotype Aussagen. Diese müssen aber nicht als Problem gesehen werden. Rollenspezifische, stereotype Aussagen sind ein Beleg dafür, dass es Rollenbilder gab und dass diese Rollenbilder bekannt waren. Wenn mehrere Bestiarier ihre Tat auf die gleiche Weise zu begründen versuchen, die gleiche Situation als Auslöser angeben, verweist das auch darauf, dass sie ihnen bekannten Handlungsstrategien folgten. Dass sie versuchten ein Bild von sich zu zeichnen, von dem sie annahmen, es könne ihnen das Leben retten. Diese teilweise erfundenen Selbstbilder um sich zu retten, diese Aussagen aus «gerichtsstrategischen Gründen» 156 sind das zweite «methodische Problem», dass Scheutz sieht: «Viele der Verhörten oder auch der Zeugen gaben bewusst unrichtige Angaben zu Protokoll und verweigerten damit den obrigkeitlichen Zugriff auf ihr Alltagsleben.» 157 Diese seien mit dem strategischen Interesse in die Verhöre gegangen, möglichst wenig über sich und ihre Tat auszusagen, möglichst wenig aus ihrer Lebenswelt preis zu geben. Daraus zieht er den Schluss:«Wirklichkeit wird vor Gericht bzw. in Gerichtsakten, anders als der wenig differenzierende Begriff Ego -Dokument zu implizieren scheint, nur sehr schemenhaft und verzerrt abgebildet.» 158 Abgesehen davon, dass auch klassische Selbstzeugnisse wie Tagebücher, Autobiographien und Briefe die «Wirklichkeit» nur verzerrt wiedergeben, da der Schreibende meist versucht, sich selbst so darzustellen, dass es ihm zum Vorteil gereicht, ist dies nur ein Problem, wenn nach eben dieser Wirklichkeit gefragt wird. Wenn es aber, wie in meiner Fragestellung, um die Bilder geht, welche von den Angeklagten gezeichnet wurden, durch sie selbst, oder durch andere, ist es zweitrangig, ob diese einer Wirklichkeit entsprechen oder nicht. Das heisst jedoch nicht, dass die Verhörsituation ausser acht gelassen werden darf. Diese beeinflusst ihrerseits das Selbstbild der Verhörten. Bereits der Haft- und Verhörort haben einen Einfluss auf die Aussagen, weil sie ihrerseits Ausdruck des Fremdbildes der Obrigkeit auf den Verhafteten sind, auf welches er, bewusst oder unbewusst, reagiert. Ebenso verhält es sich mit der Folter. Wie Lyndal Roper feststellt, war die «weit verbreitete Überzeugung, Schmerz löse die Zunge des Verbrechers (... ) ein Grundpfeiler (... ) des gesamten Rechtsgebäudes jener Zeit.» 159 Dies, obwohl sich die Obrigkeit bewusst war, dass die Folter Falschaussagen hervorbringen konnte. Dass sich die Obrigkeit dessen bewusst war, zeigt sich auch im «Regenten-Kräntzlein», das diesem Thema ein ganzes Kapitel 154 Scheutz: Frühneuzeitliche Gerichtsakten als Ego -Dokumente, S Vgl. ebd., S Ebd., S Ebd., S Ebd., S. 131f. 159 Roper: Hexenwahn, S. 73.

37 4.1 Gerichtsakten als Ego-Dokumente 33 widmet. Dabei wird dem guten Ratsherren geraten, die Folter mit Vorsicht anzuwenden und sich Zeit zu lassen beim Urteil, um nicht Schuld auf sich selbst zu laden. 160 Laut Gut stand derselbe Ratschlag auch bereits im «Regenten-Kräntzlein» von Obwohl sich die Ratsherren der Problematik dieser Verhörpraxis bewusst waren, liessen sie foltern. Die so entstandenen Protokolle berichten, wie Roper festhält, keine historischen Fakten, aber sie «helfen uns zu verstehen» 161, weil sie das wiedergeben, was der damalige Zuhörer hören wollte. Gerichtsakten können trotz der Situation in der sie entstanden sind Ego-Dokument sein, man muss sich jedoch bewusst sein, unter welchen Bedingungen sie entstanden sind, weshalb ich im Abschnitt 3.1 auf die Umstände und die Zwangsmittel näher eingegangen bin. Zudem muss man bedenken, welche Informationen man durch diese Quellengattung erhalten kann und welche nicht. Zu den Problematiken bei der Produktion von Verhörprotokollen schreibtwolfgang Behringer: Schliesslich muss man sich auch darüber im klaren sein, dass Verhörsprotokolle allein schon formal und in Bezug auf die verschiedenen Zeitebenen eine hochkomplexe Quellengattung darstellt. Was der Leser als scheinbar einheitliches Schriftstück im Archiv vorfindet, beinhaltet mindestens vier Zeitebenen: Die der Vorformulierung der Fragen, die des Verhörbeginns mit der Niederlegung der äusseren Umstände, die der Verschriftlichung des Gehörten, die eines anschliessenden Kommentars. 162 Weiter verweist er darauf, dass möglicher Weise mit einer fünften Zeitebene, der Reinschrift, gerechnet werden müsse. Diese fünfte Ebene kann in Zürich für die Protokolle ausser Acht gelassen werden, da die vielen Streichungen und Einfügungen, die immer wieder anzutreffen sind, 163 gegen Reinschriften sprechen. Auch der vierten Ebene, dem anschliessenden Kommentar bin ich in den Zürcher Akten, zumindest innerhalb der Protokolle im Frage-Antwort-Stil, nicht begegnet. Jedoch bleiben die Ebene der Vorformulierung der Fragen, oder zumindest eines Teiles der Fragen, sowie die Zeitebenden von Verhörbeginn und Verschriftlichung. Wobei die Verschriftlichung selbst auch ihre Problematiken mit sich bringt. Wie bereits erwähnt, wurden die Fragen nach vorgefertigten Rastern gestellt. So bildeten die Frage nach Name, Alter, Herkunft, Arbeitsort und Grund der Verhaftung im Normalfall den Anfang des ersten Verhörs. Aber auch im Verlauf des Verhörs wurden zentrale Fragen jedes Mal gestellt, teilweise in jedem Verhör. Dies waren zum Beispiel diejenigen Fragen, die über Todesstrafe oder nicht entschieden, das heisst die Frage nach dem Eindringen und die Frage nach einem erfolgten Samenerguss. Auch die Frage wer ihn oder sie dazu 160 Vgl. Heidegger: Regenten-Kräntzlein, S Roper: Hexenwahn, S Behringer: Gegenreformation als Generationenkonflikt, S Vergleiche zum Beispiel Abbildung 4.1.

38 34 4 Quellen Abbildung 4.1: Auszug aus der Zeugenbefragung mit Rudi Lüti vom 19. Oktober 1718

39 4.1 Gerichtsakten als Ego-Dokumente 35 verleitete kam bei jedem Prozess. Die Antworten auf diese Frageraster können ebenso stereotyp sein wie die Raster, oder sie können aus dem Rahmen fallen. Und beides, der Versuch einem Rollenbild zu entsprechen, wie auch das Brechen dieser Rolle, sind Möglichkeiten der Selbstdarstellung, welche die Delinquenten hatten. Die Feststellung von Behringer dass der Schreiber die äusseren Umstände wie Datum, Anwesende oder besondere Vorfälle zu Beginn der Vernehmung festhielt, 164 lässt sich für Zürich so bestätigen. Die Vernehmungsprotokolle, sowohl von Tatverdächtigen wie auch von Zeugen, beginnen immer mit dem Datum, den Namen der anwesenden Nachgänger und einer kurzen Einleitung, auf Grund welches Befehls wer in welchem Gefängnis über welches Delikt befragt werden soll und ob vorgesehen ist, die Folter anzuwenden, eine Gegenüberstellung geplant ist oder andere Besonderheiten. Über die Schreibenden, ihre Ansichten und Lebensumstände, die sie möglicherweise in die Zusammenfassungen einfliessen liessen, weiss man relativ wenig. So sind wohl die Unterschreiber bekannt, welche jene Kanzlei leiteten, die Kirchen-, Rechts-, Polizei-, und Militärsachen ausfertigten, und einer von ihnen, Johann Jacob Leu, hinterliess uns auch einen autobiographischen Text, was jedoch nicht mehr Licht ins Dunkel bringt. Denn erstens leiteten die Unterschreiber die Kanzlei und verfassten nicht jedes Verhörprotokoll selbst, weshalb seine Lebensumstände zu kennen noch nicht heisst, diejenigen derer zu kennen, welche die Protokolle schrieben. Und zweitens schweigt sich Leu über seine Tätigkeit in diesem Amt aus. Er berichtet lediglich über drei kleinere Dienstreisen. 165 Behringer nimmt nicht nur an, dass eine Reinschrift der Verhöre zu einem separaten Zeitpunkt vorgenommen wurde, sondern auch, dass die Verschriftlichung des gehörten eine eigene Zeitebene darstellt. Dies trifft meiner Ansicht nach nur bei zusammenfassenden Darstellungen der Befragungen zu und nicht bei den Protokollen im Frage-Antwort-Stil. Mit ihren Streichungen, Einfügungen und Flüchtigkeitsfehlern scheinen diese zumindest direkt beim Verhör entstanden zu sein. Als Beispiel sei hier auf den Auszug aus der Zeugenbefragung mit Rudi Lüti vom 19. Oktober 1718 verwiesen (Abbildung 4.1). Aber dennoch gilt zum Gesagten und dessen Verschriftlichung einige Punkte zu bemerken. Carried out under the threat of torture, in council territory, the language men and women use in criminal trials is clearly forced discourse. In other contexts, men and women would have spoken differently about sexuality 166 Die Feststellung von Roper, dass in einem anderen Kontext nicht in der gleichen Weise über Sexualität und vor allem sexuelle Handlungen gesprochen wurde, wie vor Gericht, ist sicherlich korrekt. Jedoch ist kaum festzustellen, wie von Jugendlichen in anderen Kontexten der Familie, den Arbeitskollegen, dem Dorffest über Sexualität gesprochen wurde. Gudrun Piller, die Selbstzeugnisse auf ihre Aussagen zu Körpern erforscht hat, 164 Vgl. Behringer: Gegenreformation als Generationenkonflikt, S Vgl. Vogt: Johann Jacob Leu, S Roper: Oedipus and the Devil, S. 55.

40 36 4 Quellen stellt fest, dass «das Schreiben über den Körper sprachlich codiert und an zeitspezifische Diskurse gebunden ist.» 167 Eine Form dieser Codierung zeigt sich zum Beispiel im Tagebuch von Johann Rudolf Huber, einem siebzehnjährigen Gymnasiasten aus Basel, das er zwischen 1783 und 1784 verfasste. Das Tagebuch enthält an verschiednen Stellen Zeichenabfolgen wie: « !!» welche, laut Piller als Zeichen für Onanie zu lesen sind. 168 Wir haben hier nicht andere Worte für sexuelle Handlungen, sondern gar keine Worte. Noch schwerer die herauszufinden welche Worte ausserhalb des Gerichts benutzt wurden, ist es bei bei Personen, die eine Sexualität ausserhalb der Norm ausgelebt haben. Bernd Roeck verweist darauf, dass bei diesen Randgruppen «meist nur die Funken, die aus Streit und Konflikt stieben, ihre Schlaglichter in ein fast undurchdingliches Dunkel» 169 werfen. Womit wir als Quellengrundlage wieder bei den Gerichtsakten wären. Da die Suche nach Quellen für das Sprechen von Jugendlichen über Sexualität ausserhalb der Möglichkeiten dieser Arbeit liegen, muss es an dieser Stelle bei der Feststellung bleiben, dass die verwendeten Worte beim Bezeichnen der sexuellen Handlungen nicht Alltagssprache waren und dementsprechend gelesen werden müssen. Doch es wurden nicht nur von den Sprechenden andere Worte gewählt, als sie sonst im Alltag benutzen wurden, die in Mundart gesprochenen Aussagen wurden von den Schreibern auch in eine Schriftsprache übersetzt. Wie können wir uns da sicher sein, dass das, was geschrieben steht, auch das ist, was gesagt wurde, was gemeint war? Wie Behringer richtiger Weise feststellt, war und ist die Qualität des Protokolls abhängig vom Protokollführer. Wie wir jedoch bereits im Abschnitt auf Seite 15 gesehen haben, wurden die Protokollanten angewiesen, das gehörte möglichst genau zu verschriftlichen, weil diese Schriftstücke Grundlage für den Gerichtsentscheid waren. Die Protokolle der Kundschafter, die Zeugenbefragungen in den Gemeinden durchführten, betreffend hält Francisca Loetz fest, dass wir, weil diese dem Rat «als schriftliche und rechtsverbindliche Grundlage für ein Urteil dienten (... ) davon ausgehen [können], dass sich die Kundschafter eng an die Aussagen der Befragten hielten, um alles Rechtsrelevante festzuhalten.» 170 Diese Feststellung gilt auch für die Verhörprotokolle, da auch sie Grundlage für die Entscheidung des Rates waren. Kommt hinzu, dass die Schreiber vereinzelt die wörtliche, mundartliche Rede übernahmen und dies im Text kennzeichneten. Einerseits durch eine Art Klammer, wie wir sie auch in der auf Seite 21 zitierten Anweisung an Hottinger sehen wobei diese Klammer teilweise auch wirklich als Klammer mit einer Anmerkung zu verstehen ist andereseits durch Abkürzungen wie rev., s.v. oder s.h. David Warren Sabean zeigt in seinem Aufsatz «Soziale Distanzierungen», dass die Protokollanten die Gewohnheit hatten «abscheuliche, skurrile, unflätige, blasphemische oder auch nur unfeine Ausdrücke besonders zu kenn- 167 Piller: Private Körper, S Vgl. dies.: Private Körper, S. 190f. 169 Roeck: Aussenseiter, Randgruppen, Minderheiten, S Loetz: Sexualisierte Gewalt, S. 24.

41 4.1 Gerichtsakten als Ego-Dokumente 37 zeichnen». Dies geschah, um «den zukünfigten Leser schon im vorhinen um Erlaubnis und Entschuldigung [zu]bitten, es in den Text einfügen zu können.» 171 Von den von ihm angeführten Abkürzungen sind in den Zürcher Akten vor allem die Folgenden zu finden: rev. = reverenter «ehrerbietig, achtungsvoll» auch synonym zu cum venia «mit ihrer Erlaubnis» verwendet s.v. = salva Venia «bitte um Entschuldigung» oder sit venia «mit Verlaub» s.h. = salvo honore «ohne die Ehre zu verletzen» Diese Übernahme von wörtlicher Rede zeigt meiner Ansicht nach, dass die Schreiber bemüht waren, das tatsächlich Gesagte wieder zu geben. Aber dennoch begegnen uns in den Akten Stellen, von welchen wir annehmen müssen, dass die Schreiber die Worte geändert haben wenn zum Beispiel der sechzehnjährige Rudi Lüti gesagt haben soll: «es habe Herr Pfarrer den Spillmann gleich darüber Examiniert» 172 ist es doch eher fraglich, ob ein Ausdruck wie Examiniert tatsächlich von ihm stammt, oder ob der nicht vom Schreiber eingesetzt wurde. 173 Auf diese Veränderungen gilt es zu achten, wobei davon auszugehen ist, dass der Sinn der Aussage durch sie nicht verändert wurde. Die Annahme von Loetz, dass die Protokolle in der Regel nach den Verhören vorgelesen und von den Verhörten bestätigt wurden, 174 zeigt sich auch in den vielfach vorkommenden Streichungen und Einfügungen, wie wir sie beispielsweise bei den Aussagen des eben erwähnten Rudi Lüti im Fall Spillmann sehen. 175 Eine weitere Auffäligkeit, die vor allem die Briefe und zusammengefassten Aussagen betrifft, aber auch in Protokollen im Frage-Antwort-Stil vorkommen kann, ist eine sehr formalisierte Sprache. In vielen Schriftstücken kommen die immer gleichen Formulierungen vor, wie zum Beispiel: «Bedte Godt um verzeihung seiner schweren und grossen Sünden, Euch aber meine gnädigen Herren um ein gnädig Urteil und Gnaad.» 176 Abbildung 4.2: Gandenformel im Extract der Verhöre von Hans Caspar Vögeli, erstellt am 15. März Sabean: Soziale Distanzierung, S Kundschaften und Nachgänge, A Vergleiche zu dieser Problematik auch Schwerhoff: Historische Kriminalitätsforschung, S Vgl. Loetz: Mit Gott handeln, S Vergleiche Abbildung Hier zitiert aus der Akte Vögeli Kundschaften und Nachgänge, A , siehe auch Abbildung 4.2.

42 38 4 Quellen Mit dieser Formel schliessen die meisten Verhöre, insbesondere die Endexamina die zur Vorbereitung auf ein Todesurteil durchgeführt wurden. Doch auch diese Formel wird in einzelnen Fällen durchbrochen und dieses Brechen der Formel ist für mich ein Zeichen für eine individuelle Aussage. Auf solche Brüche gilt es in der formalisierten Sprache zu achten. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Gerichtsakten eine Vielzahl verschiedener Schriftstücke umfassen können, bei welchen wir uns wie bei jeder Quelle fragen müssen, von wem es für welchen Zweck und unter welchen Bedingungen angefertigt wurden. Bei Verhörprotokollen muss zusätzlich bedacht werden, dass sie keine Interviews sind, sondern Befragungen, die in einem Akt der Herrschaftsausübung entstanden sind, bei welchen zwischen den Akteuren ein grosses soziales Gefälle bestand und bei welchen zum Teil Zwangsmassnahmen eingesetzt wurden. Zudem wurden sie bei der Verschriftlichung in eine Schriftsprache übersetzt, teilweise auch zusammengefasst und dadurch verändert. Auch wenn die Schreiber verpflichtet waren, das Gesagte möglichst genau wieder zu geben, wir Anzeichen für diese Bemühungen haben und die Protokolle von den Befragten abgenommen wurde, dürfen diese Punkte bei der Arbeit mit diesen Quellen nicht vergessen werden. Man muss sich bewusst sein, auf welche Fragen diese Quellen Antworten geben können und auf welche nicht. So wird einem keine dieser Quellen die Wirklichkeit wiedergeben, wir werden bei keinem der Fälle je erfahren, ob die Verurteilten das, was sie in den Verhören zugaben, wirklich getan hatten. Aber wir bekommen unter anderem Einblicke in Lebenswelten, in Ansichten über richtiges und falsches Verhalten und wir können nachvollziehen, welche Strategien die Verurteilten verfolgten, um sich zu retten, sich zu erklären. Diese Quellen können Antworten liefern über die Selbst- und Fremdbilder jugendlicher Sexualstraftäter, darum sind sie als Quellen für meine Untersuchung geeignet. 4.2 Quellensample Auswahlkriterien und Zusammensetzung des Sample Ein Teil der Auswahlkriterien für mein Quellensample sind durch meine Fragestellung bedingt. Selbstverständlich kommen nur Fälle zu einer der gewählten Straftaten in Frage, wobei ich versuchte, von jedem Delikt einen Fall ins Sample aufzunehmen. Die Fälle müssen innerhalb des festgelegten Zeitraum liegen und die Täter müssen, bzw. mindestens ein Täter muss, unter Vierundzwanzig Jahre alt und unverheiratet sein, um als jugendlich gelten zu können. Da ich, wie mehrfach erwähnt, davon ausgehe, dass die Aussagen in Protokollen im Frage-Antwort-Stil besser das tatsächlich gesagte wiedergeben als Zusammenfassungen, habe ich nur Akten ins Sample aufgenommen, in welchen mindestens ein Verhör in dieser Art und Weise festgehalten ist. Des weiteren habe ich darauf geachtet, dass die Akten nicht nur die Protokolle umfassen, sondern auch noch weitere Schriftstücke, wie Briefe von Vögten und Pfarrpersonen, enthalten, die mir als Quellen für die Fremdbilder nutzen können. Dies war leider bei einzelnen Delikten nicht

43 4.2 Quellensample 39 möglich, da bei diesen für den gewählten Zeitraum nur ein Fall in Frage kam. Darum sind auch einzelne Fälle im Sample bei welchen es keine Dokumente ausser den Befragungen durch die Nachgänger gibt. Durch diese Kriterien konnte ich ein Sample mit vierzehn Fällen bilden. Darin enthalten sind acht Fälle von Bestialität, je zwei Fälle von Sodomiterei und Blutschande und je ein Fall von Notzucht und Unzucht. Von den zwanzig in diese Fälle involvierten Jugendlichen waren lediglich drei weiblich und nur einer stammte aus dem Ausland. Die Verurteilten sind zwischen sechs und dreiundzwanzig Jahre alt, wobei knapp die hälfte zwischen sechzehnund neunzehnjährig ist. Die Angeklagten unter zwölf jahren waren selten die treibende Kraft hinter den Vergehen. Die Fälle sind über den ganzen Untersuchungszeitraum verteilt, wobei sich gut die Hälfte der Fälle in den 1720er Jahren ereignete. Im Folgenden Abschnitt gebe ich zu jedem Fall eine kurze Zusammenfassung zu den angeklagten Personen, dem Fallverlauf, dem Urteil und den in der Akte enthaltenen Schriftstücke. Bei der Arbeit mit diesen Fällen hat sich die Schreibweise der Namen als besondere Schwierigkeit erwiesen. Diese scheint in der Frühen Neuzeit nicht festgelegt gewesen zu sein. Namen können, vom selben Schreiber, am gleichen Tag, teilweise sogar im gleichen Verhör, unterschiedlich geschrieben werden. Ich habe daher bei jedem Fall versucht, die häufigste Schreibweise ausfindig zu machen und mich, in meinen Ausführungen über die Fälle, an diese zu halten. Bei Quellenzitaten übernehme ich jeweils die Schreibweise wie sie in der Quelle auftaucht. Die Nachgänger, aber auch Pfarrer und andere Vertreter der Obrigkeit sind oft nur mit Nachnamen genannt. So weit möglich, habe ich diese mit den verfügbaren, editierten Listen abgeglichen, die zu den jeweiligen Personengruppen verfügbar sind. Dies sind: «Die Zürcher Ratslisten », das «Zürcher Pfarrerbuch » und das «Verzeichnis der zürcherischen Land- und Obervögte » sowie die Liste zu den Untervogtswahlen im Kanton Zürich während des 18. Jahrhunderts, die Erwin W. Kunz seiner Dissertation als Anhang beigefügt hat. Da sich jedoch auch hier die Schreibweisen teilweise unterscheiden (Joh./Johann/Hans; Fries/Friess/Frieß), orientiere ich mich auch hier an der häufigsten Die einzelnen Fälle Die Fälle sind im Folgenden nach Delikten, entsprechend ihrer Häufigkeit und Schwere in der Reihenfolge wie ich sie auch bisher aufgezählt hatte: Bestialität, Sodomiterei, Blutschande, Notzucht und Unzucht und anschliessend chronologisch geordnet. Bei den Fällen sind jeweils die Fundstellen in den Ratsmanualen sowie die einzelne Archivkiste aus dem untersuchten Quellenbestand genannt, in welcher die Akte zu finden ist. Bei der Anschliessenden Quellenanalyse werde ich, der Lesbarkeit halber, diese Hinweise nicht bei jedem Quellenzitat nochmals wiederholen.

44 40 4 Quellen Der Fall Hiltebrand Der etwa achzehnjährige Hans Heinrich Hiltebrand wurde im Sommer 1703 von seinem Meister dabei überrascht, wie er versuchte, mit einer Stute sexuelle Handlungen vorzunehmen. Er war dabei jedoch nicht entblöst, sondern hatte sich lediglich, mit Hilfe von Melchstuhl und Türschwelle, hinter der Kuh aufgestellt. Der Meister meldete die Vorkommnisse rund acht Wochen später dem Vogt. Hiltebrand wurde nach Zürich gebracht und dort zwei Mal verhört, ohne geschreckt oder gar gefolter zu werden, bevor der Rat sein Urteil fällte. Beim Urteil argumentierte der Rat, dass er ihn mit mehreren Leibesstrafen hätte belegen können, dies jedoch nicht tue, weil Hiltebrand grosse Reue zeige. Er wurde daher mit einem sechsjährigen Landesverweis bestraft. 177 Die Akte zum Fall umfasst den Brief des Vogtes von Eglisau, Hans Heinrich Hirzel, mit einer Zusammenfassung dessen, was ihm Hiltebrands Meister eröffnete und Hiltebrand selbst ihm gestanden hatte, so wie die zwei Verhöre mit Hiltebrand, das erste im neuen Turm, das zweite im Wellenberg durchgeführt. Zum Fall gehört ausserdem ein Brief von Diakon Wilhelm Hofmeister, der zwischen 1698 und 1706 Diakon der Leutpriestertei war. 178 Der Fall Spillmann Im Oktober 1718 verhandelte der Rat den Fall des siebzehnjährigen Hans Jakob Spillmann. Dieser war von Rudi Lüti dabei überrascht worden, wie er in einer Hohlgasse sexuelle Handlungen mit einer Kuh vollzog. Lüti meldete ihn bei seinem Meister, welcher den Pfarrer informierte. Spillmann wurde nach Zürich überführt. Bereits in der ersten Beratung beschloss der Rat, ihn der Streckfolter zu unterziehen, was jedoch nicht direkt vollzogen wurde. Erst beim dritten Verhör, nach der zweiten Anweisung des Rates, die Folterung vorzunehmen, wurde Spillmann ein Mal ohne Stein aufgezogen. Auch für das vierte Verhör war die Folter vorgesehen, Spillmann gab jedoch weitere Vergehen zu, ohne dass sie zur Anwendung kam. Am 27. Oktober fällte der neue Rat unter Vorsitz des Seckelmeisters Hans Conrad Escher das Todesurteil. Bis dahin hatte sich der Rat fünf Mal mit dem Fall befasst. 179 Die Akte zum Fall Spillmann ist sehr umfangreich. Dennoch ist anzunehmen, dass von Johann Jacob Zimmermann, dem Pfarrer von Egg, ursprünglich zwei Briefe verfasst worden waren. Überliefert ist nur einer, der jedoch einen Hinweis auf den anderen enthält. Diesem zu Folge war der erste Brief das übliche Begleitschreiben bei der Gefangenenüberstellung, mit einer Zusammenfassung des bisher Bekannten. Die Akte umfasst neben dem Brief des Pfarrers zu Egg ein Schreiben von Wilhelm Frey, dem Pfarrer von Uster, und zwei Briefe von Johann Jacob Hottinger, dem Diakon der Leutpriesterei Zudem sind in 177 Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 683 S. 65f., 72, Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 742 S. 89, 95, 99,

45 4.2 Quellensample 41 der Akte zwei Zeugenaussagen von Ruedi Lüti überliefert und fünf Verhöre mit Spillmann. Eines im Ötenbach, vier im Wellenberg. Das dritte wie erwähnt mit Streckfolter. Das fünfte Verhör ist das Endexamina. Auffällig in der Akte sind die sehr umfangreichen Streichungen in der Befragungen, insbesondere bei den Zeugenaussagen von Lüti. 180 Der Fall Stolz Hans Stolz wurde Ende Juni 1725 von einem Knecht gesehen, wie er aus dem Stall kam, wo er die Kuh mit einem Bein angebunden stehen liess. Daraufhin wurde er vom Meister befragt und weil man aus seiner Antwort «nichts guthes [hätte] schliessen können», wurde er verwahrt und Hartmann Heidegger, der Vogt von Andelfingen, informiert. Stolz wurde nach Zürich in den neuen Turm gebracht, wo er bereits im ersten Verhör zugab, die Tat zwei Mal vollzogen zu haben. Nach der Verlegung in den Wellenberg gab er das selbe zu Protokoll, worauf der Rat das Endexamina ansetzte, ohne die Folter anzuordnen. Am 7. Juli verurteilte ihn das Malefizgericht, unter Vorsitz des Seckelmeisters Johannes Friess, zum Tod. 181 Die Akten zum Fall Stolz umfassen die erwähnten zwei Verhöre und das Endexamina, sowie ein Extract eine Zusammenfassung der ersten zwei Verhöre. Dieses wurde vermutlich dem Rat als Übersicht vorgelegt um zu entscheiden, ob weiter verhört, oder das Endexamina vorgenommen werden soll. Weiter sind drei Breife in dieser Akte enthalten, einer vom Andelfinger Vogt mit einer Zusammenfassung des bis dahin Bekannten, und zwei von Johann Jacob Hottinger. Vogt Heidegger erwähnt in seinem Brief ein Protokoll der Befragung, die er in der Vogtei vorgenommen hat. Dieses ist jedoch nicht überliefert. 182 Der Fall Vögeli Der siebzehnjährige Hans Caspar Vögeli wurde Ende Februar 1727 vom gleichaltrigen Heinrich Meyer gesehen, wie er sich im Stall hinter einer Kuh auf eine Taufe 183 stellte. Meyer lief sogleich zu seiner Mutter, welche nachsehen wollte, Vögeli jedoch nicht mehr im Stall antraf. Sie informierte den Patenonkel ihres Sohnes, Heinrich Schmid, und ihren Mann. Heinrich Schmid versuchte, mit Vögeli zu reden, der ihm gegenüber nichts zugeben wollte. Junghans Meyer eröffnete die Sache am nächsten Tag Heinrich Maag, dem Amtsweibel von Niederglatt, welcher dann wohl das Verfahren einleitete. Vögeli wurde nach Zürich überstellt. Im ersten Verhör gab er zu, sich entblöst zu haben, jedoch nicht in die Kuh eingedrungen zu sein. Beim zweiten Verhör wurde er vom Scharfrichter geschreckt und gab zu, dass er in die Kuh eingedrungen sei und einen Samenerguss gehabt hätte. Gegenüber dem Hartmann Wäber, dem Geistlichen aus dem Grossmünster, 180 Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 770 S. 7, 12, Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A Die Taufe ist ein Trog für (Regen-)Wasser.

46 42 4 Quellen der ihn besuchte, gab er zwei Tage später zu, er hätte bereits zuvor mit einer Geiss zu schaffen gehabt. Dieses Geständnis wiederholte er im nächsten Verhör, bei welchem er auf das Benkli gesetzt und gebunden wurde. Vier Tage später gab er, wiederum gegenüber Hartmann Wäber zu, dass er bereits zwei Jahre früher mit einer Stute und einer Kuh sexuelle Handlungen vorgenommen hätte, dabei aber nie einen Samenerguss gehabt habe. Einen Tag nach diesem letzten Geständnis, am 15. März, überwies der Rat den Fall an das Malefizgericht, welches unter dem Vorsitz des Seckelmeisters Hans Jacob Ulrich die Todesstrafe ausprach. 184 Neben den fünf Verhören mit Vögeli, eines im Neuen Turm, die anderen im Wellenberg durchgeführt, ist in der Akte auch ein Extract mit der Zusammenfassung der ersten drei Verhöre enthalten, die Aussagen von fünf Personen aus Niederhasli und zwei Befragungen mit Hartmann Wäber. Weiter sind in der Akte fünf Briefe zu finden. Einen von Heinrich Vögeli, dem Amtsundervogt von Metmenhasli, und Heinrich Maag, dem Amtsweibel von Niederglatt, mit der Anzeige und einer Zusammenfassung der bis dahin bekannten Geschehnisse. Zudem ein Brief des Dorfpfarrer Johann Heinrich Wolff zu Vögelis Verhalten in der Gemeinde und drei Briefe von Diakon Hottinger. 185 Der Fall Merki Der etwa achzehnjährige Jacob Merki wurde Anfang September 1727 von der Dienstmagd Regula Kräb erwischt, als er hinter einer Kuh auf einem Melkstuhl stand und sich an dieser zu schaffen machte. Kräb meldete es am nächsten Morgen dem gemeinsamen Dienstherren. Als Jacob Merki dies merkte, versuchte er zu fliehen, wurde von seinem Dienstherren erwischt und zum Vogt gebracht. In der Vogtei gab Merki lediglich eine tentierte Bestialität zu, jedoch bereits beim ersten Verhör im Ötenbach, gestand er die Tat vier mal innerhalb der letzten drei Wochen vollzogen zu haben. Beim zweiten Verhör Merki war unterdessen in den Wellenberg verlegt worden wurde er durch den Scharfrichter geschreckt, gestand aber nicht mehr als davor. Am 8. September überwies der Rat das Geschäft an das Malefizgericht, das unter dem Vorsitz des Seckelmeisters Johannes Friess das Todesurteil aussprach. 186 In der Akte zu Merki finden wir die Protokolle von drei Verhören die beiden erwähnten sowie das Endexamina ein Extract mit der Zusammenfassung der beiden ersten Verhöre und die protokollierte Zeugenaussage von Regula Kräb. Zudem den Brief von Ludwig Meyer von Knonau, dem Vogt von Regensperg, mit der Schilderung der Umstände, die zur Verhaftung Merkis führten und einer Zusammenfassung von dessen erster Einvernahme. Auch in der Akte enthalten ist ein Brief von Diakon Hottinger Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 776 S. 45, 49, 56f., 59, 61f. 185 Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 778 S. 51, 53, Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A

47 4.2 Quellensample 43 Der Fall Schmid Mitte Februar 1730 wurde der gut neunzehnjährig Joseph Schmid von seinem Nebenknecht Heinrich Weydmann erwischt, wie er sich am Abend im Stell an einer Stute zu schaffen machte. Nach dem Nachtessen stellte dieser den Schmid zusammen mit einem weiteren Knecht zur Rede und verprügelte ihn, bis er zugab, «er habe im Sinn gehabt etwas böses mit dem Mudter-Pferdt vorzunemmen.» Weydmann informierte Hans Conrad Ritzmann, ihren Arbeitgeber. Dieser veranlasste die Verhaftung von Schmid und informierte Hartmann Heidegger, den Landvogt von Andelfingen. Beim ersten Verhör im Ötenbach, wie bereits zuvor in der Vogtei, gestand Schmid eine tentierte Bestialität. Beim zweiten Verhör, nun im Wellenberg, das mit Benklisetzen und Binden durchgeführt wurde, sagte er das Gleiche aus, worauf der Rat beschloss, ihn eine Woche in einem Häuslin innerhalb des Wellenbergs allein zu lassen und danach wieder zu befragen. Als er auch danach nur eine tentierte Bestialität zugabe, verurteilte ihn der Rat zu einer körperlichen Züchtigung 3 Tage hinter einander 6 Rutenstreiche an der Stud und verbannte ihn für acht Jahre. 188 Die Akte zum Fall Schmid umfasst neben dem Protokoll der Zeugenaussage von Weydmann und denjenigen der drei Verhöre mit Schmid zwei Briefe. Einen von Hartmann Heidegger, mit der Zusammenfassung des bei der Verhaftung bekannten und eines ersten Verhörs mit Schmid, sowie einen von Johann Heinrich Lavater, dem Pfarrer von Glattfelden. Dieser wurde aber nicht auf Forderung des Rates verfasst, sondern auf Bitten des Vaters, der für seinen Sohn um Gnade bittet. 189 Der Fall Egg Der vierzehnjährige Hans Egg wurde Ende Mai 1735 von Jacob Zollinger beim Schützenhaus und von Heinrich Fischer in einer hohlen Gasse gesehen, wie er versuchte, sexuelle Handlungen mit einer Stute vorzunehmen. Beide meldeten es seinem Dienstherren, worauf dieser den Vogt Melchior Wolf in Greiffensee informierte. Egg wurde nach Zürich in den neuen Turm gebracht, wo er zwei Mal verhört wurde. Der Rat beschloss dann seine Überführung in den Wellenberg, wo er einmal mit Schrecken und Benklisetzen mit Binden verhört wurde und einmal mit Daumenschrauben. Egg gab bei jedem dieser Verhöre zu, zwei Mal versucht zu haben, sexuelle Handlungen mit dem Pferd zu vollziehen, es sei aber beide Male nicht gelungen. Daraufhin liess ihn der Rat auf den Tod vorbereiten und zwei Endexamina durchführen. Dennoch gab Egg weiterhin nur die Versuche zu und keine vollzogene Tat. Der Rat entschied darum, ihn ans Halseisen zu stellen, mit Ruten schlagen zu lassen und auf ewig zu verbannen. 190 In der Akte zum Fall Egg enthalten sind die vier Verhöre und zwei Finalexamina, die mit ihm in Zürich durchgeführt wurden. Im ebenfalls überlieferten Brief von Melchior 188 Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 788 S. 56, 60, 69, Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 808 S. 167, 170, 175, 184 und B II 810 S. 8.

48 44 4 Quellen Wolf, dem Vogt von Greiffensee, mit der Anzeige, ist von einem weiteren Verhörprotokoll die Rede, das nicht erhalten ist. Überliefert sind jedoch die Aussagen der beiden Zeugen so wie eine seines Meisters. Auch in der Akte zu finden ist ein Brief von den «Kirchendienern zum Grossen Münster», vermutlich von Johannes Müller verfasst, der Diakon der Leutpriesterei war. 191 Der Fall Bär Ende Juli 1735 wurde der etwa fünfzehnjährige Heinrich Bär von einem anderen Knaben gesehen, wie er den Stall von dessen Meister verliess und seine Hände reinigte. Dieser etwa dreizehnjährige Knabe rief daraufhin seinen Meister Jacob Guntert, Bär versuchte zu flüchten, Guntert setzte ihm nach und versuchte herauszufinden, was er im Stall getan hatte. Als Bär nichts dazu sagte, nahm er ihm seinen Sack weg, um ihn zu zwingen mit dem Vater wieder zu kommen. Dies tat Bär aber nicht, darum passte er ihn das nächste Mal ab, als er am Hof vorbei ging und hielt ihn fest, bis Bär in der Küche anderen Angestellten von Guntert erzählte, dass er versucht hatte, an einer Kuh sexuelle Handlungen vorzunehmen. Er sei jedoch gestürzt, bevor er etwas hätte verrichten können, und habe sich die Hände schmutzig gemacht. Bär wurde zum Landvogt gebracht und dort ein erstes Mal verhört wo er zugab, bereits vor einem Jahr die gleiche Tat versucht zu haben, es sei jedoch auch da misslungen. Bär wurde in den Ötenbach gebracht, vom Rat aber noch vor der ersten Befragung durch die Nachgänger in den Wellenberg verlegt. Dort wurde er drei Mal verhört, beim zweiten Mal mit Schrecken, beim dritten Mal mit Benklisetzen und Binden. Er blieb bei allen Verhören bei seiner Aussage. In dem vom Rat angeforderten Bericht über den Verhafteten bat der Rifferschweiler Pfarrer Johann Jakob Hartmann, dass die Zucht von Bär in der Gemeinde vollzogen wird. Der Rat entsprach dieser Bitte. Er verurteilte Bär zu dreimaliger Züchtigung an der Stud, ohne Zuschauer, und anschliessendem dreijährigen Hausarrest, wo er vom Pfarrer fleissig besucht werden soll. 192 Bei der Akte Bär ist nicht nur das Schreiben des Knonauer Landvogt Hans Jacob Scheuchzer überliefert, sondern auch das in der Landvogtei gehaltene Verhör. Weiter finden sich in der Akte die drei im Wellenberg gehaltenen Verhöre und die Zeugenaussage von Jakob Guntert. Weiter überliefert sind der erwähnte Brief des Dorfpfarrers so wie ein Schreiben der «Kirchendienern zum Grossen Münster», das ich wie im Fall Egg Johannes Müller zuschreibe Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 810 S. 38, 40, 46, Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A

49 4.2 Quellensample 45 Der Fall Hess Regula Hassler erwischte an Pfingsten 1725 ihren sechzehnjährigen Lehrbuben Caspar Hess, wie er ohne Hemd auf ihrem achtjährigen Sohn Heinrich Hoffmeister lag. Sie informierte einen Stillständer, die Knaben wurden befragt und Hess, nachdem er gestand, die Tat drei Mal mit dem Hoffmeister verübt zu haben, ins Waschhaus des Wirtshauses gesperrt. Der Obervogt von Männedorf, Johann Rudolf Lavater, wurde informiert und die Mutter sowie die zwei Knaben noch in Männedorf von Obervogt und Nachgängern befragt. Hess und Hoffmeister sagten beide aus, dass Hess drei Mal versucht hatte von hinten in Hoffmeister einzudringen, es aber nicht gelang und er auch keinen Samenerguss hatte. Daraufhin wurde Hoffmeister in den Ötenbach und Hess in den Wellenberg gebracht. Dort wurden sie beide noch zwei Mal befagt; Hess wurde beim zweiten Mal durch den Scharfrichter geschreckt. Da Hess angab, ein Gewisser Caspar Brennwald hätte ihm «Unkeusches» erzählt, wurde auch dieser noch zu einem Verhör geholt. Am 24. Juni beschloss der Rat, dass Hess acht Tage im Ötenbach bleiben muss, während dieser Zeit drei Mal an der Stud gezüchtigt wird und vom Pfarrer besucht. Danach soll er für ewig verbannt werden. Hoffmeister soll ein Mal gezüchtigt werden, jedoch nur durch den Schulmeister. Auch wurde eine Unterredung der Eltern mit den Nachgängern angeordnet. 194 In der Akte überliefert sind die Protokolle der drei Verhöre aus Männedorf, so wie die Verhörprotokolle aus Zürich: Je zwei mit Hess und Hoffmeister und eines mit Brennwald. Briefe sind in dieser Akte keine überliefert. Bei diesem Fall ist auffällig, dass bei den Nachgängern Ratmitglieder von beiden Ratsrotten dabei sind und nicht nur von der amtierenden, wie sonst üblich. Da das Amtshalbjahr jeweils am 24. Juni und am 24. Dezember wechselte, ist anzunehmen, dass Fälle, die in diese Zeit fallen, von Mitgliedern beider Rotten behandlet wurden, um den Wissenstransfer zu gewährleisten. 195 Der Fall Landis Anfang Oktober 1729 informiert der Ehegaumer Heinrich Huber 196 Johann Heinrich Zeller, den Pfarrer von Hirzel, dass er gesehen hat, wie sich der neunzehnjährig Peter Landis und den 42jährigen Heinrich Sudter auf offenem Feld die Hosen anzogen, was vermuten liesse, dass sich die beiden mit Sodomiterei versündigt hätten. Zeller bestellte Landis zu sich und informierte Hans Jakob Esslinger, den Pfarrer von Kappel, dass er dasselbe mit Sudter tue dieser wohnte in der Kirchgemeinde Kappel. Auch schrieb er an den Obervogt Hans Leonhard Greuter, um ihn ins Bild zu setzten. Esslinger wiederum schrieb nach der Befragung von Sudter, bei welcher dieser alles leugnete, an den Landvogt Johann Heinrich Friess. Zeller fügte diesem Brief eine Notiz bei, dass Landis ihm die Tat 194 Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 729 S. 211, 213, Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A Gaumer ist die substantivierte Form von gaumen, gäumen und meint Wächter oder Aufpasser. Der Ehegaumer ist Teil des Stillstandes. Näheres zum Amt des Ehegaumers kann nachgelesen werden bei: Kunz: Die Gemeindefreiheit im alten Zürich, S. 67.

50 46 4 Quellen gestanden hätte. Sudter wurde, mit den beiden Briefen, zum Landvogt gebracht. Weil Landis jedoch von Zeller zum Obervogt geschickt worden war, schrieb der Landvogt dem Obervogt und überstellte ihm Sudter, bevor beide nach Zürich gebracht wurden. Dort wurden beide fünf Mal befragt. Die erste Befragung von Landis fand im Ötenbach statt, danach wurde er in den neuen Turm gebracht. Beim letzten Verhör ist kein Ort angegeben. Da jedoch der Schrafrichter anwesend war und der Rat angeordnet hatte ihn aufs Benkli zu setzten und zu binden, was nicht gemacht wurde, ist anzunehmen, dass das fünfte Verhör im Wellenberg statt fand. Landis gestand vom ersten Verhör an mehrfach von Sudter zu sexuellen Handlungen verführt worden zu sein. Namentlich zu oraler und manueller Befriedigung. Sudter habe auch versucht in ihn einzudringen. Sudter gestand beim ersten Verhör im neuen Turm nichts. Auch beim zweiten Verhör im Wellenberg leugnete er alles, was ihm vorgeworfen wurde, bis man ihn mit Landis konfrontiert. Danach sagte er, dass alles wahr sei, was Landis sage. Beim dritten Verhör von Sudter wäre vom Rat die Streckfolter angeordnet gewesen. Jedoch war der Scharfrichter nur anwesend beim Verhör, hat aber nicht gefoltert. Dies tat er erst beim vierten Verhör, dafür sowohl mit Benklisetzten als auch mit der Streckfolter. Nach der Streckfolter gestand Sudter einen Samenerguss gehabt zu haben, als er versuchte in Landis einzudringen. Die Folter wurde im fünften Verhör fortgesetzt, wo Sudter diese Aussage wiederholte. Bei beiden ordnete der Rat an, die Endexamina vorzunehmen und sie auf den Tod vorzubereiten. Die Todesstrafe wurde jedoch nur bei Sudter ausgesprochen. Landis wurde eine Stunde ans Halseisen gestellt und für zehn Jahre verbannt. 197 In den Akten überliefert ist der ganze erwähnte Schriftverkehr zwischen den Pfarrer und Vögten, sowie die Protokolle der je fünf Verhöre die mit Sudter und Landis durchgeführt wurden. Zudem sind in der Akte Extracte zu den Aussagen von beiden zu finden und ihre Endexamina. Neben dem Brief von Diakon Hottinger sind zudem zwei schriftliche Anweisungen an den Nachgänger Hans Caspar Hess, jeweils mit dem Auftrag das Endexamina vorzunehmen, sowie die schriftliche Anweisung an Hottinger (Vgl. Abbildung 3.1), Landis auf den Tod vorzubereiten, überliefert. 198 Der Fall Baumann Im Mai 1723 bat Johann Heinrich Heidegger, der Vogt der Landvogtei Grüningen, den Zürcher Rat um Hilfe. Grüningen hatte selber die Blutgerichtsbarkeit inne, wollte aber im Fall der Geschwister Baumann nicht selbst entscheiden. Die Mutter, bzw. Stiefmutter der Kinder hatte den Grüninger Pfarrer informiert, dass sich ihr sechzehnjähriger Stiefsohn Jacobli Baumann an ihrer elfjährigen Tochter Magdalena vergangen hätte. Der Vogt befragt beide Kinder. Magdalena sagte sofort aus, dass der Bruder vier Mal auf ihr gelgen sei. Jacobli gestand dies erst im dritten Verhör, spricht jedoch nur von zwei sexuellen 197 Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 786 S. 76f., 79f., 82-84, 86f. 198 Die Akten finden sich in: Bestialität und Sodomiterei, A 10.

51 4.2 Quellensample 47 Kontakten, nicht von vier. Wobei das zweite Mal auf Aufforderung Magdalenas geschehen sei. Der Rat liess den Knaben nach Zürich in den Ötenbach bingen, das Mädchen soll in der Landvogtei verwahrt und verhört werden. Bevor er sein Urteil fällt, fordert der Rat jeweils ein zweites Verhör, überliefert ist jedoch nur das Verhörprotokoll aus dem Ötenbach. Ob Magdalena ein weiteres Mal in Grüningen verhört wurde, kann nicht gesagt werden. Protokolle oder Briefe liegen keine mehr vor. Elf Tage nach dem Hilferuf aus der Landvogtei beschliesst der Rat, dass Jacobli durch den Profossen drei Mal gezüchtigt werden soll und danach vom Landvogt von Grüningen an einen guten Dienst ausserhalb von Grüningen verdingt werden soll. Auch Magdalena soll drei Mal gezüchtigt werden und verdingt, sobald sie dazu in der Lage sei. Den Eltern soll das «Erforderliche» nachdrücklich gesagt werden. 199 Die Akte zum Fall Baumann ist von geringem Umfang. Sie enthält das Schreiben aus Grüningen, die zwei Verhöre mit Jacobli im Ötenbach und ein Verhörprotokoll aus Grüningen von Magdalena. 200 Der Fall Maag Am 20. März 1731 wandte sich der Bülacher Pfarrer Salomon Fäsi «in höchster eil» an den Bülacher Obervogt Hans Heinrich Landolt. Die ledige, dreiundzwanzigjährige Veronica Maag hatte ein Kind geboren und den eignen Bruder als Vater genannt. Dieser war geflohen, als die Wehen einsetzten. Fäsi bat den Landolt um Anweisungen. Veronica sei verwahrt, das Kind noch nicht getauft. Wie wir dem zweiten Brief von Fäsi an den Vogt entnehmen, konnte er dann doch den Befehl nicht abwarten und taufte das Kind. Magdalena wurde nach Zürich gebracht, jedoch in das Spital und nicht in eines der Gefängnisse. Im Spital wird sie ein erstes Mal befragt, wo sie angibt, der Bruder, mit dem sie sich wegen fehlender Betten ein Strohsack teilen müsse, sei «ihro teilhaft worden», aber nur einmal. Die Schwangerschaft habe sie, bis zur Niederkunft, vor allen geheim gehalten. Auch die Eltern wurden nach Zürich beordert und befragt, vorallem die Mutter, welcher von Pfarrer und Zeugen ein sehr schlechter Leumund ausgestellt wurde. Veronica wurde ein zweites Mal im Spital verhört, bevor sie, für ein weiteres Verhör, in den Wellenberg gebracht wurde. Sie blieb die ganze Zeit über bei ihrer Aussage. Die Mutter wurde ebenfalls verhaftet, im Ötenbach untergebracht und zwei Mal verhört. Am 18. April ordnete der Rat das Endexamina mit Veronica an, am 21. April überwies er den Fall ans Malefizgericht, das unter dem Vorsitz von Seckelmeister Hans Rudolf Ulrich das Todesurteil aussprach. Die Mutter wurde nochmals verhört, bevor der Rat beschloss, sie im Ötenbach zu züchtigen und sie für zwei Jahre unter Hausarrest zu stellen Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 760 S. 96, 100, 103f. 200 Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 792 S. 81, 88, 95, 98, 103, 105f., 112.

52 48 4 Quellen Beim Fall Maag sind drei Briefe des Pfarrer Fäsi an den Obervogt überliefert, so wie jeweils ein Brief vom Pfarrer und ein Brief vom Obervogt mit Zeugenaussagen an den Rat. Weiter finden sich in der Akte die erwähnten drei Verhöre und das Endexamina mit Veronica, sowie das Verhör beider Eltern und zwei Verhöre mit der Mutter. 202 Der Fall Haagen Der Fall des zwanzigjährigen Johann Adam Haagen war dem Rat nicht von einem Vogt, sondern vom Ehegericht gemeldet worden. Dieses bat am 13. Juni 1724 um Hilfe, weil sie nicht weiter wussten mit dem Metzgersknecht, der seinen Kleidern nach zu urteilen mehr wie ein «verdechtiger landtsreicher» aussah und im Ötenbach sass, weil er an einigen Frauen «Frechheiten» verübt hätte. Unter anderem an der achzehnjährigen Lisabeth Boshardt. Der Rat liess Haagen in den Wellenberg verlegen und sowohl ihn, als auch Zeugen, einvernehmen. Haagen gab mehrfach an, dass sein Verhalten den Frauen gegenüber bei ihnen normal sei, er habe nur Kurzweil mit ihnen haben wollen. Erst nach mehrmaligem Nachhaken sagt er in Bezug auf Lisabeth dass er «sein willen mit dem menschen thun wollen», wenn er nicht gestört worden wäre. Bereits zwei Tage später beschliesst der Rat Haagen am Pranger mit Ruten zu schlagen und danach auf Ewig zu verbannen. 203 Neben dem erwähnte Brief des Ehegerichts und dem Verhörprotokoll zur Aussage von Haagen ist in der Akte lediglich noch die Zeugenaussage von Jacob Schleiffer enthalten, der die Notzucht verhindert hatte. 204 Der Fall Franck Am 8. November 1724 beauftrage der Rat Ester Rüpschin und ihren zwölfjährigen Sohn Caspar Franck zu verhören, die zu dieser Zeit schon im Ötenbach sassen. Auf wessen Befehl hin sie dort verwahrt wurden ist leider nicht bekannt. Ester Rüpschin gab in ihrem Verhör an, dass sich ihr Sohn, zusammen mit Jacobli Schmid und Wilhelm Kraut, beide etwa zehnjährig, an Wilhelms Schwester, der sechsjährigen Bedtli vergangen hätte. Dazu seien sie von David Lindinner verführt worden. Dies hätte er ihr unter Züchtigungen offenbart. Anschliessend wurde Caspar Franck verhört, der gestand, dass er, Jacobli und Wilhelm ihr «Glid in des Kindes gehalten». David Lindinner hätte ihnen gezeigt wie das gehe. Zwei Tage nach ihm wurden auch die beiden anderen Knaben verhört, die das selbe aussagten, nur war es bei jeder Aussage ein anderer, der sich als erster auf das Mädchen gelegt hatte. Lindinner wurde ebenfalls einvernommen und gab zu, den Jacobli Schmid am Glied berührt zu haben. Am 15. November entschied der Rat, Caspar Franck und David Lindinner im Ötenbach vier Mal durch den Schulmeister züchtigen zu lassen, die anderen zwei Knaben und das Mädchen sollen ebenfalls zwei Mal mit Ruten gezüchtigt 202 Die Akten finden sich in: Blutschande, A Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 764 S. 139, Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A a.

53 4.2 Quellensample 49 werden, den Ort durften jedoch die Obervögte Johannes Friess und Hans Heinrich Meyer bestimmen. 205 Die Akte zu diesem Fall von Unzucht umfasst lediglich die erwähnten Verhöre mit der Mutter und den vier Knaben Die Beratungen im Rat zu diesem Fall finden sich in: Ratsmanuale, B II 766 S. 95f., Die Akten finden sich in: Kundschaften und Nachgänge, A a.

54 Aller Weisheit Fundament und Anfang ist Gottesforcht und Beschirmung der wahren Religion, daraus dann Fromkeit und gehorsame Unterthanen erfolgt Fremdbilder (Hans Conrad Heidegger) Ich begründete bereits in der Einleitung, dass Fremdbilder, also die Aussagen von Drittpersonen über die Delinquenten, auch darum interessant sind, weil abweichendes Verhalten als solches definiert wird und nicht von sich aus ein solches ist. Die Abweichung entsteht durch die Zuschreibung anderer, durch ihre Reaktion auf das Verhalten. 208 Diese anderen, welche in den Gerichtsakten in Erscheinung treten, können in drei Gruppen eingeteilt werden, die ich gesondert voneinander betrachten werde: Die Vertreter der Obrigkeit der Rat, die Vögte und die Nachgänger die Geistlichen und die Zeugen. Als Zeuge kann vernommen werden, wer etwas zur Tat oder zum Delinqueten aussagen kann, wie zum Beispiel der Arbeitgeber oder auch ein Ehegaumer 209. Die Dorfpfarrer sind bei dieser Aufteilung nur schwer einzuordnen. Wie ich im Abschnitt gezeigt habe, vertreten sie die Obrigkeit in ihrer Gemeinde, vollziehen Bestrafung und stehen dem Stillstand vor, dem eigentlichen Aufsichtsorgan der Gemeinde. Betrachtet man nur diese Funktion, sollte man sie zur Gruppe der Obrigkeit zählen. Gleichzeitig geben sie dem Rat Auskunft über die Delinquenten, ihr Verhalten, ihren Bildungsstand, ihren familiären Hintergrund. Diese Aufgabe lässt sie ein Teil der Zeugen werden, wobei sie diese Funktion nur übernehmen können, weil sie in der Gemeinde Teil der Obrigkeit sind, Hausbesuche machen, Taufbuch führen und ähnliches und darum über die geforderten Informationen verfügen. Zu guter Letzt sind sie aber auch Pfarrer, Geistliche, wie die Geistlichen des Grossmünsters, welche die Gefangenen besuchen und zu einem Bekenntnis bringen wollen. Ein Teil der Dorfpfarrer war sicher in ihrer Zeit als Exspektanten in der Leutpriesterei des Grossmünsters beschäftigt und somit Seelsorger der Häftlinge. Ich habe mich entschieden, die Dorfpfarrer den Geistlichen und nur den Geistlichen zuzuordnen, weil sie auch die Tätigkeiten, welche sie für diejenigen Rollen ausüben, die eine Zuteilung in eine andere Gruppe erlauben würde, vor dem Hintergrund ihrer Ausbildung und ihres Standes, ausüben und dieser Hintergrund in ihre Stellungnahmen einfliesst. 207 Heidegger: Regenten-Kräntzlein, S. 5f. 208 Vgl. Becker: Aussenseiter, S Der Ehegaumer ist das Mitglied der Gemeindeobrigkeit, das über Zucht und Sitte in der Gemeinde wacht. 50

55 5.1 Obrigkeiten 51 Für dieses wie auch das folgende Kapitel ist zudem festzuhalten, dass die Fremd- und Selbstbilder, welche ich aufspüren will, nicht alle Folge einer bewussten Handlung sind. Es kann die Absicht dahinter stehen, sich selbst oder jemand anderen in einem bestimmten Licht darzustellen, eine solche Darstellung kann aber auch Produkt eines unbewussten Prozesses sein. Es geht mir nicht darum zu sagen, was wirklich war und was die richtige, wahre Darstellung der Delinquenten ist oder wer sich hier anders zeigt, als er ist ich glaube auch nicht, dass dies möglich ist sondern nur darum festzuhalten, welche Fremdund Selbstbilder der jugendlichen Sexualstraftäter gezeichnet wurden. 5.1 Obrigkeiten Die Briefe der Vögte an den Rat, die Erkenntnisse des Rates in den Ratsmanualen des Unterschreibers die keine Diskussionen der Ratsherren, sondern nur ihre Beschlüsse festhalten und die Fragen der Nachgänger an die Delinquenten und Zeugen, sie alle sind meist sachlich und knapp gehalten. Nur an einigen Stellen lässt sich hinter den Worten das Bild der Vertreter der Obrigkeit auf die jugendlichen Sexualstraftäter vermuten. Je nach dem in welchen Schriftstücken sich diese Stellen befinden, muss man sich jedoch fragen, für welchen Adressaten das in diesen Stellen vermittelte Bild bestimmt ist Die Nachgänger Auch bei den Verhörprotokollen im Frage-Antwort-Stil gibt es, vor allem am Anfang der Verhöre und bei der Anwendung der Folter, manchmal kurze Zusammenfassungen und Anmerkungen nicht nur darüber, was ausgesagt wurde, sondern auch darüber, wer dies in welcher Art und Weise tat. Im Gegensatz zu Bemerkungen in den Fragen, die als Konfrontation der Delinquenten mit ihrem Fremdbild verstanden werden können und auf die ich anschliessend zu sprechen komme, sind die Anmerkungen in den Zusammenfassungen wohl an den Rat und nicht an die zu verhörende Person gerichtet. Die Bemerkungen zur Folterung betrachtend, zeigen sich nicht nur Unterschiede in der Beschreibung der Reaktion auf die Folter, sondern auch, dass bei einigen Delinquenten die Reaktion nicht vermerkt wurde. So ist beispielsweise beim Verhör mit Hans Egg vom 10. Juni 1735, bei welchem er geschreckt und gebunden wurde, keine Reaktion seinerseits auf die Folterung vermerkt. Beim nächsten Verhör acht Tage später wurde angemerkt, dass er «auch würklich unter heftigem weinen und rufen / könne niemahl mehres nichts sagen / durch den Scharfrichter hingsetzt und mit dem Däumeleysen ersucht» wurde. Nach diesem Verhör fällt der Rat sein Urteil. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Fall Schmid. Beim zweiten Verhör, dass mit Benklisetzen durchgeführt wurde, ist keine Reaktion auf die Folter erwähnt. Der Rat ordnete die früher bereits erwähnte Woche im Häuslein innerhalb des Wellenbergs und ein weiteres Verhör an, bei welchem der Scharfrichter anwesend sein, aber nicht foltern soll. Im Protokolle dieses Verhörs vom 11. März 1730 ist notiert, dass

56 52 5 Fremdbilder Schmid «nebst vilem weinen anders nichts gestehen wollen, als was allbereit beschahen» nach diesem Verhör fällte der Rat sein Urteil. Ebenso wird vom Rat der Termin des Endurteils bei Vögeli und bei Landis festgesetzt, nachdem die Nachgänger dem Rat Beschreibungen von Gefühlsausdrücken schickten. Vögeli habe beim dritten Verhör «so wol vor als wehrend und auch nach beschechnem benckli sezen und Hand binden folgendes mit vilem weinen und bezeügtem leidwesen verdeütet». Bei Landis ist im Verhör vom 13. Oktober 1729, bei welchem der Scharfrichter anwesend war, bemerkt, dass er «folgende Expression in forcht und schrecken» machte. 210 Im Gegensatz dazu wird bei Spillmann, bei welchem bei der Folterung vom 19. Oktober Abbildung 5.1: Auszug aus dem Verhör mit Peter Landis vom 13. Oktober über keine Gefühlsregung berichtet wird, vom Rat drei Tage später eine zweite Streckfolter mit mehr Gewicht angeordnet. Auch wenn der Fall Bär, bei welchem das Urteil gefällt wurde, obwohl keine Reaktion auf die Folter notiert ist, hier aus der Reihe tanzt, können wir folgendes festhalten: Das Bild des weinenden, schreienden, erschreckten Knaben, des Knaben der weint, weil er nichts Weiteres mehr beifügen kann, als er bereits zugegeben hat, scheint dem Rat Anlass gewesen zu sein anzunehmen, dass die Wahrheit entdeckt wurde und der Fall abgeschlossen werden kann. Die Nachgänger hielten sich bei ihren Fragen, wie bereits erwähnt, an eine vorbereitete Liste. In mehreren Fällen wird in der Einleitung zum ersten Verhör erwähnt, dass dieses nach Anleitung des anzeigenden Berichts verfasst ist. So zum Beispiel im Fall Merki, wo beim Verhör vom 1. September 1727 im Ötenbach festgehalten ist: Auf gutachten und geheiss Ihro Gnaden (... ) haben eingangs wolehren gedachte Herren Nachgänger, den (... ) jungen Knaben von Schöfflistorff, nach anleitung des von dem Junker Landvogt Meyer von Rägensperg abgelassenen bericht-schreibens des näheren examiniert. Es kann daher angenommen werden, dass ein Teil der Fragen jeweils auf Grund der Informationen, die der Rat bei der Überstellung nach Zürich erhielt, vorbereitet wurde. Ein weiterer Teil der Fragen gehörte zum Standard: Die Fragen nach Name, Alter, Herkunft, Eltern, Dienststellen und ähnlichem. Jedoch kommen auch Abweichungen von diesen vorbereiteten Fragen vor, etwa wenn die Nachgänger glauben, dass die verhörte 210 Vgl. Abbildung 5.1.

57 5.1 Obrigkeiten 53 Person lügt bzw. dieser das Gefühl geben wollen, dass sie als Lügnerin gesehen wird. So auch im eben erwähnten Verhör mit Spillmann. Dieser will oder kann nicht sagen, was ihn auf die Idee brachte, sexuelle Handlungen mit einer Kuh vorzunehmen, trotz mehrmaligen Nachfragen. Die Nachgänger machen ihm klar, dass sie ihn als Lügner sehen und drohen mit der Folter: Es scheine er wolle die Wahrheit hinderhalten, er sehe wohl das der Scharfrichter hier, wan er nicht bekenne werde er an die Folter müssen er solle ihme selbsten vor Pein sein, es könne nicht anderst sein den es habe ihne etwas dazu getrieben oder er habe solches auch schon gesehen. Spillmann bleibt jedoch bei seiner Aussage. Dennoch wiederholen die Nachgänger diese Art der Frage, jedoch bleibt es diesmal nicht bei der Androhung der Folter: «Weillen er die Wahrheit nicht bekennen wolle solle er aber auff das Folterbänkli sitzen, den man könne ihme seine aussagen nach nicht abnemmen.» Auch Vögeli werfen die Nachgänger mehrfach vor ein Lügner zu sein. Er versucht sich beim ersten Verhör am 3. März 1727 damit zu erklären, dass ihm der böse Geist in Gestalt eine Mannes erschienen sei und die Bestialität befahl eine Erklärungsstrategie, auf die ich bei den Selbstbildern noch eingehen werde worauf ihm die Nachgänger antworteten: 6.Q. Es seye ungläüblich und nur eine erdichtete Sach, das ihmme ein Mann erschinen; solle desswegen mit der Wahrheit umgehen, und nichts mehr auch nicht weniger /: als was an der Sach :/ eröffnen? Rx. Er Vögeli müsse bekennen dass ihme nichts erschinen; auch niemanden gehört reden, sondern der böse Geist habe ihmme (... ) dergleichen zu thun in Sinn gegeben, habe aber gedacht, die Sach werd ihmme dann besser und glinder ablauffen, wenn er vorgebe der böse sey ihmme erschinnen bedthe allso dises faltschen und erdichtete vorgaben ihmme Vögeli nicht in üblen aufzunemmen 7.Q. Er solle denn hinkönfftig Godt die Ehr geben, die Wahrheit bekennen, sein gewüssen entladen und wie alles her und zugegangen eigentlich eröffnen? Das Bild des Delinquenten als Lügner, das die Nachgänger zeichneten um den Jugendlichen damit zu konfrontieren, welches Fremdbild sie durch seine Aussagen von ihm haben und ihn dadurch zu weiteren Geständnissen zu bewegen, ist eines der wenigen Bilder dass sich aus den Fragen der Nachgänger hinaus kristallisieren lässt. Ein weiteres finden wir im Fall Haagen. Diesem wird neben der vorgeworfenen Tat zusätzlich unterstellt ein Landstreicher zu sein. So wird er in der Einleitung zum Verhör als frömder Kerl bezeichnet und als er auf die Frage, was er genau mit dem Mädchen gemacht habe, nachdem er es zu Boden warf, antwortete: «Das mensch werd selbst vorhanden seyn, und solches am besten verdeüten können» wurde er zurecht gewiesen: «Er habe sich bis dato bey seiner verantwortung frech und unverschammt aufgeführt, solle nun

58 54 5 Fremdbilder mehr mit der wahrheit umgehen». Neben dem Vorwurf ein Lügner zu sein, wird hier das Bild eines frechen, unverschämten Fremden gezeichnet, das am Ende des Verhörs in der Vermutung mündet: Man sehe theils aus seiner frechen aufführung und verandtwortung, theils aber aus seinen schlechten kleidern, dass er nicht ein solcher Handwerks Gesell für den er sich ausgebe sondern etwas anderes. Dieser Vermutung scheint auch der restliche Rat gefolgt zu sein. Am 14. Juni 1724, nach der Überweisung vom Ehegericht, wird Haagen in den Ratsmanualen als Strolch 211 bezeichnet. Im Beschluss zum Urteil heisst es: «Auf die angehörte Aussagen Hans Adam Hagen von Mayla aus dem Bareitischen eines Lanstreichers (... )». Diesen Verdacht äusserten schon die Eherichter, die ihn überstellt hatten: «Er [Haagen] der in zerfätzten kleidern allen an schein nach kein handtwerchs gesell, sondern ein verdechtiger landtstreicher [sei]» Haagen verweist mehrfach auf seinen Lehrbrief und «zwey ehrliche abscheid von meistern» die er mit sich führe um zu beweisen, dass er ein Handwerksgesell sei. Doch die Zürcher Obrigkeit schenkt diesem Bild, das er von sich zeichnet, keinen Glauben und konfrontiert ihn mit demjenigen, das sie von ihm haben: Der zerlumpte, freche Landstreicher Die Ratsherren Die Bezeichnung von Franck als Strolch bei der ersten Besprechung seines Falles im Rat sticht hervor. Eine solche kommt in keinem anderen Fall vor. In der Hälfte der Fälle wird bei der ersten Nennung das vermutete Delikt explizit genannt. So zum Beispiel bei dem «wäg verdachts begangener greülen der Bestialität (... ) gefangen ligende Hans Heinrich Hiltebrand» oder auch dem «wegen Bestialischen Greülen gefangen gesetzte Hans Jagli Spielmann». Ebenso die Tat benannt wird bei Vögeli, bei Bär und bei der «Blutschänderin Veronica Maagin». Bei Hess und Hoffmeister wird das Delikt genannt, jedoch nicht, wie man ewarten würde, als Sodomiterei bezeichnet, sondern als «ohnflättiges Unterfangen». Nicht direkt genannt wird das Delikt bei Landis und Sudter, diese seien «beyde aus denne in den acti enthaltenen ursachen hirhergebracht worden». Nicht genannt wird das Delikt in den übrigen fünf Fällen. Diese werden beispielsweise als der «eingeschikte», der «im Wellenberg verhafte» oder auch als der «gefänglich hergesandte» bezeichnet. Ein Muster, wie etwa, dass das Delikt bei denjenigen genannt wird, die länger verhört und gefoltert wurden, oder bei denjenigen die mit dem Tod bestraft wurden, ist nicht zu erkennen. Relativ einheitlich sind die Anweisungen an die Geistlichen des Grossmünsters gehalten. Meist soll der Gefangene fleissig besucht und «in erkantnuss und bereüung vorghabter greüel-that verleitet» 212 sowie im «Handel des Heils best möglich unterrichte[t]» Strolch wird synonym zu Bezeichnungen wie Landstreicher, Vagant, Nichtsnutz und Schurke verwendet. 212 Vgl. Ratsmanuale, B II 683 S Vgl. ebd., B II 792 S. 88.

59 5.1 Obrigkeiten 55 werden oder, bei geplantem Todesurteil, «einem seligen Tod zugerüstet» 214 bzw. «einem seligen Reüen vorbereitet» 215 werden. Eine Ausnahme bildet hier der Fall Spillmann. Hans Jacob Spillmann, bei welchem der Rat bereits in der ersten Behandlung im Rat die Tortur anordnet, soll nicht «verleitet» oder «unterrichtet» werden, er soll: «zu raumung seines gewüssens durch die Herren Geistlichen nachtruksam angemannet werden». 216 Es scheint, als hätten ihm die Ratsherren von Beginn weg vermitteln wollen, welches Bild sie von ihm haben, dass er ein Schwerverbrecher sei und als solcher behandelt wird. Dazu passt auch, dass der Rat bei der nächsten Beratung am 22. Oktober 1718 beschliesst, «der in dem Wellenberg verhaffte Jagli Spillmann solle durch die Herren Geistlichen hinkönfftig täglich 2 mahl besucht, zur bekentnus eingemannet» werden. Dass diese Aufträge nicht nur auf diese Weise im Ratsmanual festgehalten, sondern auch den Geistlichen mit diesen Worten aufgetragen wurden, zeigt der Brief von Johann Jacob Hottinger vom 22. Oktober, in welchem er bestätigt, dass der in dem Wellenberg verhaffte Hans Joggeli Spilmann von Riedikon, von dem Kirchendieneren zum grossen Münster besucht, ihme seine begangen greüel beweglich 217 vorgehalten, und er zu runder bekantnuss derselbigen und entladen seines gewüssens nachtrüklich angemahnet worden. 218 Die nachdrückliche Anmahnung zeigte ihre Wirkung. Nach den Besuchen der Geistlichen gestand Spillmann den Nachgängern neben der bisher bekannten Tat drei weitere und gab zu, dass er bei allen vier einen Samenerguss gehabt hatte. Auch bei der Urteilsverkündung sticht Spillmann hervor. Seine Tat wird nicht wie bei Vögeli als «Greüel der Bestalitet» oder noch einfacher wie bei Stolz als «begangene Bestalitet» bezeichnet. Bei Spillmann erkennt der Rat nach der Verlesung des Endexamina «wormit der Abscheülichen That der Bestialite er bekennet, dass er sich mit begehung der Abscheülichen That der Bestialitet schwerlich versündiget». Die Schwere der Tat wird bei ihm stärker heraus gestrichen als bei allen anderen Verurteilten. Das Bild, welches der Rat von ihm hatte, scheint ein schlechteres gewesen zu sein, als dasjenige der anderen Sexualstraftäter. 214 Vgl. ebd., B II 770 S Vgl. ebd., B II 778 S Vgl. ebd., B II 742 S Beweglich ist hier Synonym zu eindringlich, nachdrücklich oder inständig. 218 Dieses Übernehmen der Worte aus dem Ratsbeschluss in den Brief des Diakons der Leutpriesterei sieht man auch in anderen Fällen. So zum Beispiel bei Merki. Der Rat beschliesst am 3. September 1727: «Mithin solle derselbe von nun an durch die Herren Geistlichen fleissig besuchet, in dem Handel des Heils unterwisen, zu Bekantnuss der Wahrheit angetriben und zu einem seligen Reüen vorbereitet.» Im Brief von Diakon Hottinger vom 5. September 1727 heisst es: «der (... ) Jacob Merki von Schöfflistorf ist auf der hohen befehl gestern und heüt von dem Kirchendieneren zum grossen münster besucht, in dem handel dess heils underwisen, zur bekentnus der wahrheit angetriben und zu einer seligen Reüen möglichst vorbereitet worden.» Die Wiederholung ist so augenfällig, dass der Auftrag mit den im Ratsmanual festgehaltenen Worten erteilt worden sein muss.

60 56 5 Fremdbilder Eine auffällige Bezeichnung der Tat ist auch bei Merkis Urteil zu finden, wo der Rat erkennt, er habe «widerhohlet den Greüel der Stummen Sünden begangen». Mit der stummen Sünde ist meist die Sodomiterei gemeint, 219 da jedoch auch beim ersten Verhör von Joseph Schmid in der Einleitung steht: «(... ) mit dem wegen tentirter Stummer Sünd mit einem Mudter-Pferd (... )» ist anzunehmen, dass in Zürich beide widernatürlichen Unzuchtsarten damit bezeichnet wurden. In Bezug auf meine Fragestellung ist jedoch die Bezeichnung der Tat im Urteil derjenigen, die nicht zum Tode verurteilt wurden, interessanter. Mit ihr wird ihnen nochmals ein Spiegel vorgehalten, gezeigt, welches Bild die Zürcher Obrigkeit von ihnen hat. So wird bei Hiltebrand, dessen Strafe, wie ich auf Seite 40 gezeigt habe, wegen «seines hierüber bezeügenden grossen reüwens» gemildert wurde, das Delikt im Urteil nicht genannt. Es heisst lediglich, dass er «wägen vorgehabten ohnchristlichen Actus» verurteilt werde. Auch ist seine Verbannung auf Zeit die einzige, die mit dem Satz abgeschlossen wird: «Ihme der gnadenthür nicht gänzlich verschlossen sein solle.» Das hier gezeichnete Bild ist ein ganz anderes, als dasjenige von Spillmann. Hiltebrand wird vermittelt, dass sein Verbrechen so schlimm nicht war und er mit genügend Reue und gutem Verhalten wieder ein Teil der Gesellschaft werden kann. Die Tat von Hess und Hoffmeister wird, wie bereits in der ersten Beratung der Tat im Rat, im Urteil als «ohnflättig Unternehmungen» bezeichnet. Auch sind neben der körperlichen Züchtigung und, im Falle von Hesse Verbannung, weitere Belehrungen durch Geistliche vorgesehen. Das vermittelte Bild zeigt sich auch hier: Die Tat ist nicht ganz so schlimm, ihre Seele nicht für immer verloren. Notwendig ist das Bereuen des Fehlers, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen. Bei Landis lautet das Urteil ebenfalls nicht auf Sodomiterei, sondern auf «sodomitische Geilheiten» im Gegensatz zu Sudter, der wegen dem «greüel der Sodomiterey» verurteilt wurde. Die Milderung in der Bezeichnung kommt hier jedoch vermutlich dadurch zustande, dass die sexuellen Handlungen nicht von Landis ausgingen, was, wie ich im Abschnitt 3.2 aufzeigte, weniger hart bestraft wurde. Wie bei Hoffmeister und Hess ist auch bei den anderen Fällen mit jüngeren Jugendlichen und Kindern eine abgemilderte Bezeichnung für die Tat zu erkennen. Die versuchte Blutschande der Geschwister Baumann wird als «unzüchtigen Wessen» 220 bezeichnet, die sexuellen Handlungen von Franck und seinen Kollegen mit dem Bethli Kraut als «leichtfertige Unternehmungen». Die Bezeichnungen generieren ein anderes Bild als Blutschande und Unzucht und geben den Verurteilten dadurch mehr Hoffnung auf Vergebung und Resozialisierung. 219 Die Bezeichnung stammt aus der Bibelübersetzung von Luther. Dort findet sich im Buch der Weisheit eine Aufzählung von Sünden und anderem Übel: «(14,25) und gehet bei ihnen unter einander her Blut, Mord, Diebstahl, Falsch, Betrug, Untreue, Pocken, Meineid, Unruhe der Frommen, (26) Undank, der jungen Herzen Ärgernis, stumme Sünden, Blutschande, Ehebruch, Unzucht.» 220 Wessen wurde auch im Sinne von (anstössigem) Benehmen oder Unfug verwendet.

61 5.2 Geistliche Die Vögte Wie erwähnt schickten die Vögte bei der Überstellung eines Gefangenen meist einen Brief und, wenn vorhanden, Verhörprotokolle mit nach Zürich. Auch in diesen Briefen finden sich ein paar wenige Anmerkungen zu den Delinquenten. Es wird ein erstes Bild gezeichnet, das für den Rat, als Adressaten des Briefes, gedacht ist. Besonders ausführlich ist diese Anmerkung im Fall Baumann. Der Landvogt, der selbst über den Fall urteilen durfte, bittet den Rat von Zürich um Hilfe, weil «der Knab annoch impotens und unwüssend, zu gleich kleiner {starken} 221 statur, und das Meitlin annoch jung und sehr klein» sei. Dem eigentlich schweren Verbrechen steht das Erscheinungsbild der Geschwister gegenüber: klein und ungebildet. Der Rat folgt mit seinem Urteil dem Bild des Vogtes, das Verbrechen wird im Urteil, wie vorangehend gezeigt, nicht einmal benannt. Eine solch ausführliche Beschreibung finden wir sonst in keinem der Fälle. Meist beschränken sich die Vögte auf die Nennung des Namens, nur selten, zum Beispiel bei Bär, wird das Alter genannt oder der Verhaftete als Knabe oder Bub bezeichnet. Bei Stolz findet sich die Anmerkung, dass er ein elender Mensch sei, wobei elend hier wohl in der Bedeutung von sittlich schlecht oder charakterlos verstanden werden kann. Eine ähnliche Anmerkung findet sich im Brief zu Merki vom Regensberger Vogt Ludwig Meyer von Knonau. Dieser bezeichnet Merki erst als Verbrecher und anschliessend als unglücklichen Menschen. Unglücklich war, wie im Schweizerischen Idiotikon nachgelesen werden kann, ein «Epitheton eines Malefikanten vor und besonders nach der Hinrichtung». 222 Mit dieser Anmerkung zeigt der Vogt dem Rat bereits bei der Überstellung von Merki, wo er diesen enden sieht. Die Analyse der Briefe, Beschlussprotokolle und Anmerkungen in Verhören hat gezeigt, dass diese, trotz ihrer knappen und sachlichen Darstellung, Hinweise auf die Bilder der Obrigkeit auf die jugendlichen Delinquenten enthalten. Wie ich insbesondere an der sehr unterschiedlichen Darstellung von Hiltebrand und Spillmann gezeigt habe, ist dieses Bild kein einheitliches, sondern unterscheidet sich je nach Fall und Täter stark. 5.2 Geistliche Die Dorfpfarrer Wortbildungen mit Unglück findet man nicht nur im Brief von Meyer von Knonau, sondern auch bei Geistlichen. Sehr häufig kommen sie im Brief des Bülacher Pfarrer Salomon Fäsi vor, der 1731 insgesamt vier Briefe zum Fall Maag schrieb und in diesen kein gutes Haar an Veronica, ihrer Mutter und ihrem Bruder lässt. 223 Veronica nennt er in den Briefen zwei 221 Mit {xy} werden Einschübe in den Text erkenntlich gemacht. 222 Schweizerisches Idiotikon, Band 2, Spalte Einen Auszug aus einem der Briefe zeigt die Abbildung 5.2.

62 58 5 Fremdbilder Mal einen «ohnglückaften 224 Menschen» und ein Mal die «ohnglückhafte Tochter». Sie und ihren Bruder bezeichnet er als «ohnglückhafte Kinder» bzw. «Geschöster», wie auch die «höchst ohnglükhafte Hausshaltung Johannes Maagen». Doch nicht nur ohnglückaft ist die Familie Maag-Morschin, sowohl Eltern als auch Kinder bezeichnet Fäsi weiter als «ohnglücksellige» 225, die «Zweyen Kinderen» auch als «verunglükete». Veronica bezeichnet er zudem als «ellende Schwöster», «ellende Tochter» und «ellende[n] mensch», den Bruder als der «böse Bub» und die Mutter als «leichtfertige». Die ganze Famile als «ellende Leüthen», die Eltern hätten ein «ohnfriedliches Eheleben» gehabt und die Haushaltung ist nicht nur ein ohnglückhafte, sondern auch eine «verböste». Etwas das verböst ist, macht nicht zwingend selbst Böses, sondern kann auch etwas böse oder schlimm machen. Somit nimmt Fäsi in seinem Brief vom 9. April 1731 den Kindern einen Teil der Schuld ab, und bürdet ihn den Eltern auf. Die Kinder seien böse wegen der schlechten Haushaltführung und den Streitgkeiten zwischen den Eltern. Dies sei ihm jedoch von den Nachbaren «erst jetz bey diseren Trauer-Fahl eröfnet worden». Das vernichtende Bild, das er von dieser Familie zeichnet, rundet Fäsi damit ab, dass wohl bei dem alten Mann und den Jungen ein «wüssenschafft in Religions und glaubens sachen» vorhanden wäre, sagt zu diesem Wissen jedoch: «Also wol etwas wüssens, aber darbey kein gewüssen!» Bei der Mutter, so macht Fäsi den Rat glauben, ist keine «wüssenschafft in Religions und glaubens sachen» vorhanden. Auch schiebt er explizit ihr die den Eltern angelastete Schuld zu. Fäsi nennt Anna Maria Morschin ein «gewüssen lose[s] Weib» und sagt, die Kinder seinen «durch Mudter Schuld» verunglückt. Sie hätte den Mann schlecht behandelt und die Kinder in einem Bett schlafen lassen. Morschin hätte sich von der Schuld «nur mit der Armudth excuhieren 226 wollen». Das vom Dorfpfarrer gezeichnete Familienbild nahmen die Ratsherren auf. Wie ich bereits auf Seite 47 bei der Beschreibung des Falles geschrieben habe, wurde die Mutter ebenfalls verhört und auch bestraft im Gegensatz zum Vater, der nach einem Verhör wieder nach Hause durfte. Nicht nur Veronica und ihr Bruder wurden vom Dorfpfarrer als elend bezeichnet. Auch Johann Heinrich Lavater schreibt als Pfarrer von Glattfelden am 24. Februar 1730 den Joseph Schmid betreffend: «Godt und eine Gnädige Hohe Landes-Obrigkeit wolle sich dises elenden {Menschen} in Gnaden erbarmen!» Auch Johann Jacob Zimmermann, der Pfarrer von Egg, bedient sich am 18. Oktober 1718 bei der Beschreibung von Hans Jagli Spillmann dem Wort elend. Er beschreibt diesen als diser ellende junge knab der sonsten jederman die beste zeugnuss gehäbt, und in seiner jugent ellend und gebrochen 227 {ge}wesen, und bey seinem gedenken soll geschanten 228 worden sein, mit solcher erschrokenlicher that übereilt worden. 224 Unglückhaft meint sowohl vom Unglück verfolgt als auch Unglück bringen. 225 Unglücksellig meint Unglücklich, bedauernswert oder verhängnisvoll. 226 Excuhieren ist gleichbedeutend mit exkludieren und meint ausschliessen. 227 Gebrochen meint hier Hodenbrüchig. 228 Geschanten meint vermutlich Geschändet.

63 5.2 Geistliche 59 An diesen beiden Stellen kann elend nicht mit der im letzten Abschnitt beigezogenen Definition 229 erklärt werden. Elend meint hier eher arm, verlassen, verloren oder hilflos. Abbildung 5.2: Auszug aus einem Brief von Salomon Fäsi vom 22. März 1731, der seine Benutzung des Wortes elend zeigt. Im Gegensatz zur Bedeutung z.b. bei Johann Heinrich Lavater im Brief vom 24. Februar 1730 (Siehe dazu Abbildung 5.3). Das Bild, welches die Dorfpfarrer von diesen beiden Delinquenten zeichnen, ist ein ganz anderes als dasjenige von Pfarrer Fäsi zur Familie Maag-Morschin, auch wenn sie sie mit den gleichen Worten beschreiben. 230 Sowohl bei Schmid als auch bei Spillmann gibt es weitere Beschreibungen in den Briefen der Dorfpfarrer. Bei Spillmann (von dem ich im Abschnitt 5.1 beschrieben habe, welches Bild der Rat von ihm zeichnet) ist neben dem Brief von Zimmermann auch ein Brief von Wilhelm Frey, dem Pfarrer von Uster, überliefert. Diesen hatte der Rat am 22. Oktober 1718 angefordert, weil die Ratsherren nach der Information, dass Spillmann einen Hodenbruch gehabt hatte, wissen wollten, ob er «geschnitten» 231 sei, da dies für die Frage nach der vollzogenen oder nur versuchten Bestialitet von zentraler Bedeutung ist. Frey beschreibt in diesem Brief, unter Berufung auf Informationen des Vaters, «dass da er [Spillmann] 3 bis 4 jahr alt gewesen, habe sich bey ihm eim steinbruch 232 erzeigt», der Vater brachte ihn zu einem Meister, der ihn «ein jahr lang midt allerhand midtlen und einen bruchband tractirt» und «under hunden» gehalten habe. Die Eltern hätten ihn dann einem «Bruchschnider» 233 übergeben, «der 229 Elend in der Bedeutung von sittlich schlecht oder charakterlos. 230 Die Abbildungen 5.2 und 5.3 zeigen jeweils einen Auszug der Briefe von Fäsi und Lavater, mit der Benutzung des Wortes elend im Kontext. 231 Geschnitten wird bei Tieren für kastriert verwendet und kann hier wohl ebenso verstanden werden. 232 Steine ist eine Bezeichnung für Hoden, so dass Steinbruch einen Hodenbruch bezeichnet. 233 Bruchschnider bezeichnet ein Chirurg, der die Erlaubnis hat, Unterleibsbrüche zu operieren.

64 5.2 Geistliche 61 Trotz der Bitte um Erbarmen, trotz des Bildes des lernbegierigen, wenn auch etwas zu aufgestellten Knaben, trotz des sehr guten Zeugnisses, welches Lavater der Familie ausstellte, hatte der Rat zwei weitere Verhöre, eines davon mit Benklisetzen und Binden, angeordnet. Auch in diesem Fall scheint der Brief des Dorfpfarrers wenig Einfluss auf die Ratsbeschlüsse gehabt zu haben. Wie mehrfach erwähnt, schickten die Dorfgeistlichen die Mehrheit der Briefe nicht, weil sie von Familienangehörigen darum gebeten wurden, sondern um einem Befehl des Rates nachzukommen. Wie zum Beispiel Hans Heinrich Wolff, der am 6. März 1727 an den Rat schrieb: demnach von Euch (... ) an mich ein schriftlichen Befehl vom Frütig dato ergang und durch eine expresse überbracht auch desswegen des (... ) verhaffteten Hans Caspar Vögelis, alter so wol als bisherig verhalten einen schriftlichen und gründlichen bericht, durch gedachte expressen einhänden soll Im Folgenden bestätigt Wolff, dass Vögeli ehelich gezeugt und geboren wurde und gibt das Taufdatum an. Anschliessend beschreibt er Vögelis Verhalten in der Gemeinde, wobei er ihm kein gutes Zeugnis ausstellt. Schon früh hätte sich «eine böse wurtzen des ungehorsams, und muthwillens an ihm» gezeigt. Wenn er ihm «seine Jugendtthorheiten und bosheiten» vorgehalten habe, habe Vögeli «mich zwar angehört besserung versprochen aber nit ghalten». Ebenfalls einen Bericht einreichen musste Johann Jakob Hartmann am 18. August 1735, um über Heinrich Bär zu berichten. Hartmann meldet, Bär sei «von Christlichen Ehrlichen und Hauslichen Eltern» ehelich gezeugt und geboren und auch das Taufdatum gibt er an. Zudem sei er «fleissig zur Schul, beten, arbeiten, uffsagen in der Cathechisationen von seinen Eltern gehalten worden». Im Unterschied zu Vögeli erhält Bär ein gutes Leumundszeugnis. Der Pfarrer gibt an, «von dem auch niemahl nichts bösses oder verdächtiges (also was insgemein von einem frischen jungen bueben geredet wird) vernohmen» zu haben. Eine Gemeinsamkeit, neben der Erfüllung des obrigkeitlichen Befehls, haben die beiden Briefe dennoch. In beiden wird die Schuld an der Tat dem Teufel zugesprochen. Hartmann stellt diese Thematik an den Anfang seines Schreibens: Dass der aller Orten un der welt herumlauffende höllische böse feind, denen menschen auch den under dem Volk Gotes gebohrnen und ufferzognen Sohn uffsätzige Seye, die in Schwehre Sünden zuverfällen und in seine mordklauwen zuerhaschen, zeigt sich leider auch an dem uss hiesiger gemeind Ober Rifferschweil in hochoberkeitlichen verhafft von hohem Herren Landvogt zu Knonau, eingeschikten armen Knaben, heinrich Bär 236 Nach dem Bericht über Herkunft, Taufe und Verhalten ergänzt Hartmann: «sein unglük nicht vom müssigang, oder vorher an ihme verpührter veruchtheit, sondern von verborgnen 236 Siehe auch Abbildung 5.4

65 62 5 Fremdbilder Abbildung 5.4: Einleitung des Briefes von Pfarrer Johann Jakob Hartmann zu Heinrich Bär vom 18. August versuchungen des Satans an sein noch unwüssend jugend herrührende erachtet». Hartmann bittet um Gnade für Bär, die «bus und lebens verbesserung ihme auch wol gonnen mochte» und ersucht darum, dass er die Zucht in der Gemeinde verlesen darf, denn «bei deren underlassung und ohngescheüten daherfahren, vil schande Ärgernusse by jungen Leüthen und kindern aufstehen thun». Bär soll ihm wohl in der Gemeide als Beispiel dienen, dass auch ein guter Junge von Satan verführt werden kann, durch die Kirche aber auch wieder errettet wird. Abschreckung und Vorbild in einem. Wie bereits erwähnt, kam der Rat dieser Bitte nach. Bär wurde mit Hausarrest bestraft. Wolff kommt erst gegen Ende seines Briefes zu Vögeli auf Satan zu sprechen. Er vermutet, dass es dieser war, der dem «elenden jüngling» ohr und hertz von der wahrheit abgewendet, und seinen eigenen bösen begierden gefolget, in mehr und mehr in lügen und irrweg zuverwilen, aus einer sunden in die andere zustürzen bis er ihne endtens zu abscheülichen dingen verleitet Anders als bei Hartmann führt bei Wolff die Vermutung, dass Vögeli vom Teufel verführt wurde, jedoch nicht zu einer Bitte um Gnade. Wolff wünscht, «ihm einen mit der grösse seiner sünden proportionnierten schmertzen». Für Vögelis Seele hofft er auf Rettung durch Gottes Gnade und dass Jesus sie «aus des Satans stricken loos machen» könne, aber «den sündhaften leib dieseres miserablen Jünglings überlaste billig der gerechten Züchtigung meiner Hochgeehren Herren nach befindtniss der Schuld». Nur die Seele muss für ihn von Satan befreit werden, wofür die himmlischen Mächte zuständig sind, die körperliche Existenz von Vögeli auf Erden muss, nach Wolffs Ansicht, gezüchtigt werden. Das durch den Dorfpfarrer gezeichnete Bild von Vögeli ist eindeutig: Vögeli ist verdorben und verkommen, verspricht Besserung und bessert sich nicht. Errettet werden kann nur noch die Seele.

66 5.2 Geistliche Die Geistlichen des Grossmünsters Einen Tag nach Wolff verfasst auch Diakon Hottinger einen Brief an den Rat. Vögeli hätte «den greüel Sünden mit vilen Trähnen beweinet». Die Briefe lagen wahrscheinlich beide an der Ratssitzung vom 10. März vor, als der Rat beschloss, dass Vögeli unter Benklisetzen und Binden nochmals befragt wird. Nicht das Bild Hottingers, das des reumütigen, weinenden Knaben, hatte sich durchgesetzt, sondern das Bild, welches Wolff gezeichnet hatte. Auch nach dem Verhör unter der Folter besuchen die Geistlichen Vögeli wieder, Hottinger schreibt am 11. März einen zweiten Brief. Sie hätten ihm «den greüel seiner Sünden zu gemüth geführet, welchen er auch erkennet, und mit vilen Trähnen beweinet» und versichert, «dass ihme nunmehr in senem Hertzen besser seye, nach dem Er selbiges völlig geraumet und seye ihme nicht das geringste mehr in wüssen». Zudem reue ihn, dass «er sein junges leben so früh endigen müsse». Hottinger zeichnet wieder das Bild des reumütigen, weinenden Knaben, der zugab, was er zugeben kann und weiss, welche Strafe ihn nun erwartet. Dieses Bild zeichneten, wie auf Seite 52 gezeigt, auch die Nachgänger im Protokoll des Verhörs unter der Folter. Der Rat folgte offenbar diesem Bild und ordnete das Endexamina an. Doch Hottinger musste das von ihm gezeichnete Bild revidieren, noch bevor das abschliessende Verhör durchgeführt werden konnte. «Gleich er denn auch mit Worten und vilen Trähnen solcher dermassen bezeüget, dass man allerseits die Hoffnung gehabt er habe sein hertz völliglich geraumt», habe er nun doch noch mehr Greueltaten bekannt und auf die Frage, warum er dies nicht schon unter der Folter gestanden habe, geantwortet, «dass er noch allezeit vermeint sein leben zueredten, wann er biss dahin verschwigenes fehrner hinderhalte». Die Tränen Vögelis waren kein Beweis dafür, dass er alles gesagt hatte, zumindest hat er danach noch mehr gestanden. Aber auch wenn in diesem Fall nach dem Weinen noch mehr Taten zugegeben wurden, kann man den Worten Hottingers doch entnehmen, dass sie wegen der vielen Tränen annahmen, er habe alles bekannt. Dieses Schema, das ich bereits bei den Folterungen festgestellt hatte, zeigt sich auch im Fall Hiltebrand. Wilhelm Hofmeister, Diakon in der Leutpriesterei , schreibt in seinem Brief vom 29. August 1703 an den Rat, dass «der arme iunge mensch (... ) mit vielem weinen und reühen die Wort gebrummet (... ) er kenn die lag seines leben». Bei der nächsten Beratung des Falles fällte der Rat das bekannte, sehr milde Urteil. Doch nicht nur wenn der Delinquent weinte, auch sonst berichteten die Geistlichen des Grossmünsters darüber, ob ihre Belehrungen und Unterweisung angenommen wurden. Schliesslich war es zentral, dass die Seele der Delinquenten gerettet werden konnte. Bei Spillmann berichtet Hottinger im zweiten zu diesem Fall verfassten Brief, dass der verhaftete alles willig, und mit begird angenommen, so dass er verhoffendlich mit gedult, die heilige verhängnuss Godtes, und Eüer unser Gnädig Herren gnädige Urtheil über Ihn, darum Er denmuthig bidtet, erwarten wird, bezeüget auch, dass ihm, sint dem Er sein gewüssen entladen, gantz wol seye.

67 64 5 Fremdbilder Die Vorbereitung auf den Tod, zu «einem selligen reüwen und end», wie es der Rat angeordnet hatte, war damit abgeschlossen, die Hinrichtung wurde noch am gleichen Tag beschlossen und vollstreckt. Ebenfalls am Tag des Urteils schreibt der jeweilige Diakon der Leutpriesterei die Briefe in den Fällen Egg und Landis. Bei beiden hatte der Rat die Vorbereitung auf den Tod angeordnet und nachher ein milderes Urteil gesprochen. Im Brief zu Landis schreibt Hottinger dazu, er sei «allen fahls zu einem seligen End vorbereitet worden». Ein solches «allen fahls» findet sich sonst in keinem von Hottingers Briefen vor Todesurteilen, er wusste, dass die Tat von Landis nicht für ein Todesurteil reicht und das Ansetzen von Endexamina und Vorbereitung auf den Tod nur ein Mittel war, um mögliche letzte Geheimnisse offen zu legen. Im Brief zu Egg schreibt der «Kirchendiener zum grossen Münster», von dem ich annehme, dass es der Diakon Johannes Müller ist, nichts über die Vorbereitung auf den Tod. Er schreibt, Egg erkenne «ins besonders die grösse und schwehre seiner Sünden» und zeige sich ihretwegen «demüthig und zerschlagen». Er sei willig sich dem von seinen hohen gnädigen Richten über ihn zuergehendem urtheil in standhafter buss und gehorsam zuunterwerffen, nur saufzet und bidtet er denmuthigst um ein gnädiges wozu er auch Eure gnädigen herren in aller unter thänigkeit wird empfohlen Müller empfiehlt Gnade walten zu lassen beim Urteil über Egg, da er dieser wisse, welche schwerwiegende Tat er hatte vollziehen wollen und dies bereue. Interessant an diesem Brief ist, dass Müller schreibt, Egg habe nach den Belehrungen «von den hauptwahrheiten des sehligmachenden glaubens einen ziemlich guten begriff (... ) so viel es nemlich seines stands und alters fähigkeit zugiebt». Er verweist darauf, dass ein Knabe von 14 Jahren noch nicht dieselben Begriffe und das gleiche Verständnis von Glauben haben kann wie ein Erwachsener. Auf diesen Umstand hatte er bereits in seinem ersten Brief zu Egg hingewiesen. In diesem hatte er festgehalten, dass Egg «in den Anfängen der christlichen religion so gar unwissend nicht» sei, er jedoch in der «erkäntnis seines fehlens (... ) von dem gefühl der grösse desselbigen so viel nicht wisse». Er lasse «sich aber dennoch nach und nach in desselbigen einleiten und zeiget sich nach der sehligkeit seines alters und verstands darüber auch zimlich reüend». Müller beschreibt Egg als einen Jugendlichen, der bereits in den Anfängen der Religion unterwiesen wurde und fähig ist, sich in das Wissen darüber einführen zu lassen, was er falsch gemacht hat. Er kann belehrt und somit gebessert werden, jedoch nur im Rahmen der durch sein junges Alter bedingten Fähigkeiten. Auch Hottinger beschreibt in einigen Briefen das bereits vorhandene Wissen bzw. die Fähigkeit, sich in neue Erkenntnisse einführen zu lassen. So schreibt er, bei Stolz «befindet sich (... ) eine feine wüssenschafft und gibet er auch das so mit ihme geredete wird gute achtung». Er zeigt Stolz nicht nur als intelligenten, sondern auch wissbegierigen Jungen, der bereuen und auf sein Ende vorbereitet werden will. Denn Stolz sei, auf

68 5.3 Zeugen 65 Befehl des Rates, «von den Kirchendienern zu dem grossen Münster täglich, und zwahr seit vergangenen Montag auf sein begehren des tags zwei mahl besucht» worden. Noch am gleichen Tag wie Hottinger seinen Brief schrieb, setzte der Rat den Termin für das Endurteil fest. Zu Spillmann, zu welchem wir von den Dorfpfarrern das Bild einer unschönen Kindheit vermittelt bekommen haben, schreibt Hottinger: «Übrigens ist er ein armer, unwüssender und einfaltiger Mensch, welcher die underichtungen sehr gemach 237 fasset». Er malte dem Rat das Bild des schlichten, ungebildeten Jugen, der etwas schwer von Begriff ist. Ebenfalls im Brief vom 22. Oktober schreibt Hottinger, dass Spillmann «denn anfänglich sich damit in etwas zu entschuldigen vermeint, dass er nichts gewüsst, dass dises eine so schwehre Sünd seye». Er beschreibt einen naiven Versuch Spillmanns, seinen Kopf zu retten und rundet damit das Bild, das er von ihm zeichnet ab. Dieses Bild, wie die Bemerkung in Hottingers Brief, Spillmann bezeuge sein Gewissen und Herz geräumt zu haben, beeindruckte die Ratsherren nicht. An diesem Tag ordneten sie die Streckfolter mit mehr Gewicht an, auf welche dann doch verzichtet wurde, wie ich vorangehend beschrieben habe. Einen Versuch, den eigenen Kopf zu retten, beschreibt Hottinger auch im Brief vom 5. September 1727 zum Fall Merki. Dieser sei «in etwas bestürzt(... ) und zimlich erschroken», was jedoch, wie der Diakon in einer Klammer anmerkt, «bey dergleichen umständen zugeschehen pflegt». Trotz dieses Zustandes gebe er «vernügliche 238 antworten», wobei er «die Schuld seiner greulen auf den Teuffel [wirft,] der Ihne verführet.» Wie wir bereits auf Seite 53 im Ausschnitt aus dem ersten Verhör mit Vögeli gesehen haben, ist diese Verteidigungsstrategie mehrfach vorgekommen. Ich werde im Kapitel 6, in welchem ich mich mit den Selbstbildern befasse, näher auf diese Strategie eingehen, komme nun jedoch zuerst noch auf die Bilder zu sprechen, die in den Zeugenaussagen vermittelt werden. 5.3 Zeugen Als Zeugen konnten sehr verschiedene Personen, aus unterschiedlichen Gründen, einvernommen werden. Befragungen von Augenzeugen erfolgten, um mehr über die Tat und den Tathergang aufzudecken, zum Beispiel ob der Delinquent die Hosen runter gelassen hatte, ob der Zeuge das Glied gesehen hatte und ähnliches. Familienangehörige oder Amtspersonen der Gemeinde wurden befragt um mehr über das allgemeine Verhalten der Angeklagten zu erfahren. 237 Gemach versteht sich in diesem Zusammenhang als gemächlich, langsam und nicht als zahm, zutraulich. 238 Vernüglich meint zufrieden, vergnügt.

69 66 5 Fremdbilder Die Augenzeugen Wie bereits bei den Fremdbildern der Obrigkeit sticht auch hier der Fall Haagen heraus. Als Zeuge wird am 15. Juni 1724 Jacob Schleiffer befragt, der Augenzeuge, der die Tat unterbrochen und Haagen von dem Mädchen weggezerrt hat. Die Aussage ist nicht im Frage-Antwort-Stil überliefert, sondern als Zusammenfassung. Laut dieser beschreibt Schleiffer, wie er im Wald durch Schreie von der Schwester der Überfallenen auf die Tat aufmerksam wurde und sah, dass da «ein unbekanter frömder kerli vorhanden». Er hätte ihn vom Mädchen weggezerrt, verprügelt und angesprochen: du Lump, du Schelm, was machst du mit dem Menschen? (... ) der Kerlin aber habe zur Antwort geben, ach mein lieber Landsmann lass mich gehen, es ist ja nichts böses, schleiffer hingegen geandtwortet, du Schelm, du bernheüter 239 ich bin nit dein Landsmann und du nicht der meinig, und harauf selbigem eins ins Maul geschlagen. Wie schon bei dem Fremdbild der Obrigkeit spielt auch bei dieser Zeugenaussage das Alter von Haagen keine Rolle. Im Zentrum des Bildes steht, dass Haagen ein Fremder ist, kein Landsmann. Ebenfalls in flagranti erwischt wurde Hans Jagli Spillmann. Rudi Lüti, selber erst sechzehnjährig, sah ihn, wie er hinter einer Kuh stehend «sein gemäch widerum in die Hossen stossen». In beiden Zeugenaussagen gibt er an, er hätte ihn zur Rede gestellt, aber Spillmann habe drei mal geleugnet, die Tat begangen zu haben. Erst als er ihm gesagt habe, dass er es gesehen hätte und «das solches eine himmelschreyende Sünd seye», habe er gestanden. Als Lüti fragte, wer er sei, hätte er ihm einen falschen Namen genannt und als er ihn doch bei seinem Meister aufspühren konnte, hätte er versucht sein Schweigen mit einem Schilling zu erkaufen. 240 Weiter schildert Lüti, wie er Spillmanns Arbeitgeber, während dieser in der Kirche war, informierte und Spillmann nach der Predigt abgefangen und vor versammeltem «Haussvolcks wie auch Schulmeister Bachoffners» durch den Pfarrer befragt wurde. Dabei hätte er wiederum die Tat geleugnet und erst gestanden, als er mit ihm, Lüti, konfrontiert worden sei. Lüti zeichnet hier das Bild eines Lügners, der erst Zugeständnisse macht, wenn er merkt, dass er der Lüge überführt ist. Der aber auch dann noch versucht, mit Lügen und Bestechung, seinen Kopf zu retten. Diese Beschreibung könnte ein Grund sein, weshalb die Ratsherren bei Spillmann sehr schnell die Folter anordneten und von ihm ein sehr negatives Bild hatten. Auch von einem etwa Gleichaltrigen erwischt wurde Vögeli. Er wurde vom siebzehnjährigen Heinrich Meyer gesehen, wie er im Stall «von hinden zu an das Rind wie es die Hünd machind gestossen». Dabei habe Vögeli «zum Maul aus recht geschaumet» 241. Mehr 239 Die Bezeichnung Berneuter kommt in Verbindung mit Ausdrücken wie Memme oder forchtsamer Hase vor und hat wohl eine ähnliche Bedeutung. 240 Im Herbst 1718 kostete ein Brot 3 Schilling und 4 Haller (Vgl. Sarah Biäsch (Hrsg.): Die Beder-Chronik, S. 138). Das Bestechungsgeld war somit nicht sehr hoch. 241 Vergleiche hierzu den Auszug aus der Befragung in Abbildung 5.5.

70 5.3 Zeugen 67 Abbildung 5.5: Auszug aus der Zeugenbefragung mit Heinrich Meyer vom 3. März als dieses Bild des sich wie ein geiferndes Tier aufführenden Bestiarier ist an Angaben zu Vögelis Person dieser Zeugenaussage vom 3. März 1727 nicht zu entnehmen. Jedoch zeigen die beiden Aussagen von Meyer und Lüti, dass Jugendliche durchaus über das Verbot von Sexualverkehr mit Tieren informiert waren bzw. sein konnten. Etwas älter als Meyer und Lüti war der als gegen dreissigjährig bezeichnete Heinrich Weydmann, der Mit-Knecht von Joseph Schmid, der nachsehen wollte, was dieser so lange im Stall machte, statt zum Abendessen zu kommen. Das Alter ist nur bei ihm und den beiden erwähnten Knechten angegeben. Bei den anderen Tatzeugen gibt es dazu keine Angaben. Anzunehmen, dass nur bei den jüngeren Zeugen das Alter genannt wurde, um zu zeigen, dass sich diese trotz ihres Alters der Schwere der gesehenen Tat bewusst waren, und bei den älteren Zeugen nicht, wäre auf Grund von drei Fällen rein spekulativ. Diese These müsste man durch den Zuzug von weiteren Quellen überprüfen. Sowohl aus der Zeugenaussage von Weydmann zu Schmid, als auch aus derjenigen von Regula Kräb, die Jacob Merki bei der Tat erwischte, ist wenig über die Delinquenten zu erfahren. Kräb gibt an, Merki beschimpft zu haben, als sie ihn hinter de Kuh auf einem Stuhl stehend vorfand. Er hätte kein Wort gesagt und sei zuerst nur still da gestanden, bevor er weggerannt sei. Einzig der Nebensatz, dass er danach «mit allen wie zuvor zu nachtgessen» habe, ist eine kleine Information zu seiner Person und vermittelt das Bild eines Jungen, der sich keiner Schuld bewusst ist und weiter macht, als sei nichts gewesen. Fast identisch ist die Information von Weydmann zu Schmid. Als er diesen im Stall vorfand, dachte er erst, «verhafftetr habe wollen daselbst sein nothdurfft verrichten, dessnahen er ihn mit disen worten angeredt und gesagt, du wüester g sell». Dieser sei wortlos zwischen die Tiere geflohen und er habe erst da, als er das Brett und den Holzblock hinter der Kuh liegen sah, gemerkt, was Schmid vorgehabt habe. Da hat auch er ihn beschimpft: «darüberhin sey Schmid in die Stuben zum Nachtessen gegangen; und nach dergleichen gethan als wenn ihn die Sach nichts angienge.» Im Gegensatz zu Kräb ging Weydmann danach aber nicht zum Meister, sondern hat Schmid erst zusammen mit einem zweiten Knecht verprügelt um zu erfahren, was er genau getan hat. Das Motiv des schweigenden Jungen, der versucht zu tun, als sei nichts gewesen, ist das gleiche wie zuvor. Der Ablauf ist auch bei den zwei Malen, bei denen Hans Egg in flagranti erwischt wurde der gleiche. Beide Male wird die Tat unterbrochen durch jemanden, der vorbei

71 68 5 Fremdbilder kommt, beide Male beschmipft der Zeuge den Delinquenten. Von diesem wird jeweils nicht angegeben, ob er eine Reaktion gezeigt hat, oder nicht. Auch geben beide Zeugen an, dass die selbst «in entsetzlichen schrecken gerathen» seien bzw. «vor forcht und entsetzen gleich einem betrunkenen gewässen seye.» Die Zeugen verdeutlichen so, dass sie sich der Schwere der Tat bewusst waren. Mehr über das Fremdbild des Täters ist jedoch diesen Aussagen nicht zu entnehmen Die Leumundszeugen Mitteilsamer sind hier die Angehörigen, die auch als Zeugen vernommen wurden. Ester Rüpschin erwähnt gleich am Anfang der Befragung, dass ihr Sohn Caspar Franck ein «noch minder jährigen Knab» sei und von Dövelin Lindinner zur Tat verführt worden sei. Sie zeichnet das Bild eines kleinen, verführten Jungen und betont «selbiger köne bedten, lesen und schreiben». Gleichzeitig zeigt ihre Vernehmung, dass sie als Mutter eines verhafteten Kindes unter Verdacht stand, ihre Pflicht als Mutter verletzt zu haben. Die Aussage über den Wissensstand des Sohnes kann auch als Selbstverteidigung ihrerseits verstanden werden: Sie hat ihre Pflicht erfüllt und den Sohn in die Schule geschickt. In die gleiche Richtung läuft ihre Antwort auf die Frage, was sich zugetragen hätte. Sie sagt nicht direkt aus, was ihr Sohn ihr erzählte, sondern erwähnt erst, dass er dies unter der «Ruthen-Züchtigung» tat. Auch auf die Frage, ob sie dies auch dem Pfarrer bekannt habe, antwortet sie, dass sie diesem erzählt hätte, «was ihr Knab unter der Züchtigung geoffenbahret.» Das vermittelte Bild ist klar: Sie als Mutter ist eingeschritten, hat den Knaben gezüchtigt und die Wahrheit ans Licht gebracht. Ihr ist nichts vorzuwerfen. Am Ende des Verhörs wiederholt sie, dass sie froh sei, dass die Sache ausgekommen sei und nun «sammtliche Kinder dergleichen fehrners zu thun kömen durch ernstliche Züchtigung abgehalten werden; wie sie denn solches ihres Knaben halbben zu beschehen anhalte». Sie drückt damit nicht nur aus, dass sie die Züchtigung für die richtige, als Abschreckung gedachte Strafe für die Kinder erachtet, sondern auch, dass sie ihren Knaben bereits bestraft hat und dies weiterhin tut. Sie bittet eigentlich um Gnade für den Sohn - die Strafe würde er durch sie empfangen. Bekanntermassen wurde der Bitte nicht stattgegeben: Alle Kinder wurden zu Rutenschlägen verurteilt, auch ihr Sohn. Das Urteil schliesst aber auch sie mit ein. Die Ratsherren scheinen zum Schluss gekommen zu sein, dass sie als Mutter eine Mitschuld trägt, darum wurde ihr «die nothdurfft untersagt». Notdurft ist hier wohl im Sinne von das zum Überleben notwendige zu verstehen, was heisst, dass ihr der Gang zum Almosenamt verboten wurde. Eine schwerere Strafe erwartete am Ende des Verfahrens die Mutter von Veronica Maag. Anna Maria Morschin beschreibt ihre Tochter bei ihrer ersten Aussage am 2. April 1731 sehr ausführlich. Diese hätte jeder zeit einen stillen und eingezogenen wandel geführet; auch zu keinen

72 5.3 Zeugen 69 liechtstubeten 242, oder zu jungen g sellen gegangen, und keine dergleichen zu iohro jns haus kommen, so dass als die sach auskommen, sich jedermann dessen verwunderet. Sie beschreibt ihre Tochter als ein braves, züchtiges Mädchen, das sich nie liederlich verhalten hätte. Durch den Verweis, dass jedermann verwundert gewesen sei, betont sie, dass nicht nur sie als Mutter ihre Tochter für gut und brav hält, sondern auch alle anderen in der Gemeinde. Veronica habe aber auch «sonsten fleissig gearbeitet so wol tags als nachts, wie nicht weniger den Elteren gehorsamm, folgsamm jeder Zeit ein liebes und treüwes Kind gewesen; auch fleissig gebedtet, und die Kirch besucht». Das Bild, das die Mutter von ihrer Tochter zeichnet, könnte nicht besser sein. Das Bild, das die Gemeindeoberen von der Mutter zeichnen, nicht schlechter. Nach den erwähnten Briefen des Pfarrers 243 über diese «ellenden Leüthen» forderte der Rat weitere Berichte aus der Gemeinde über die Familie an. Diese werden erstattet von Dorfmeyer, Kirchenmeyer und Ehegaumer. Es «sey ihnen leyd dass sie mehr böses als guts von diser Maagischen Haushaltung, sonderheitliche der alten Frauen und ausgetredtenen buben des Heinrich Maagen halben eröffnen müssen». Diese beiden hätten dem Vater übel mitgespielt und weil die Frau so zänkisch sei, hätte niemand in der Gemeinde sich mit der Sache befassen wollen. Dem Mädchen stellen aber auch die Gemeindeoberen ein gutes Zeugnis aus. Man könne «nichts (... ) von ihro böses nachreden, angesehen selbige immerhin, so will ihnen in wüssen ganz still und eingezogen verhalten; auch fleissig die kirchen besuchet». Die Tat wog bei ihr schlussendlich für die Ratsherren schwerer als die guten Zeugnisse, die ihr ausgestellt worden waren. Die Mutter wurde wie erwähnt ebenfalls bestraft, mit Rutenschlägen und zweijährigem Hausarrest. Ob der Umstand, dass sie keine Einheimische war, sondern, wie sie selbst angab, «eigentlich von Esslingen, auss einem 2 Stund ob Stuggart gelegenen ohrt» kam, zu ihrem negativen Ruf beitrug, kann nicht gesagt werden. Sicher wäre aber auch dies eine Spur in den Zürcher Gerichtsakten, die zu verfolgen interessant wäre. Den Zeugenaussagen sind nur wenige Fremdbilder zu entnehmen. Neben den sachlichen Angaben zur Tat wird meisten nur angegeben, wie man sich selbst verhalten hat. Die Zeugen zeichnen ein Bild von sich selbst und nur selten von den Delinquenten. Es wird gezeigt, dass man wusste, wie schlimm die Tat ist, dass man entsetzt war, dass man handelte. Bei diesen Aussagen schimmert immer auch eine Verteidigungsstrategie durch, die daher kommen kann, dass die Zeugen für die Aussagen oft in die Stadt gerufen wurden und vor den Nachgängern, also vor zwei Ratsherren, aussagen mussten. Der Unterschied des sozialen Standes, den man auch bei den Verhören mit den Delinquenten nicht ausser Acht lassen darf, ist auch hier gegeben. 242 Bei Liechtstubeten trafen sich die Jugendlichen nach dem Nachtessen, was der Obrigkeit, wie alle Zusammenkünfte von Jugendlichen ohne Trennung nach Geschlecht, ein Dorn im Auge war. 243 Vergleiche die Ausführungen auf Seite 57.

73 Er habe von solcher greüelthat sein lebtag nichts gehört reden, noch von jemandem etwas dergleichen gesehen, sondern sein bös hertzs und bös gemüth habe ihne zu solch unchristlicher Sündenthadt verleithet. 244 (Hans Jagli Spillmann) 6 Selbstbilder Zu den Bildern der Obrigkeit, der Zeugen und der Geistlichen hinzu kommen die Selbstbilder der Delinquenten. Sie ergänzen die Fremdbilder, widersprechen ihnen und manchmal gleichen sie sich im Laufe des Prozesses an. Im Frageraster der Nachgänger gab es einige Fragen, die uns heute Einblick in Selbstbild bzw. Selbstdarstellung der Delinquenten geben. Diese Fragen geben die Struktur für das Kapitel vor, welches nunmehr die Selbstbilder ins Zentrum rückt. Da sich der Fall Haagen auch hier als Sonderfall zeigt, gehe ich zuerst auf diesen ein, bevor ich mich den anderen Fällen zuwende. 6.1 Sonderfall Haagen: Der Fremde Ich habe im vorangehenden Kapitel gezeigt, dass Haagen von Obrigkeit und Zeugen als frömder Kerli, Schelm und Landstreicher dargestellt und ihm von den Nachgängern eine freche Aufführung vorgeworfen wurde. Er selbst gab sich bei seiner Befragung als Unschuldiger. Auf die Standardfrage, warum er in Haft sitze, antwortete er: Dis wüsse er nit, bewundere sich selbst, das er in diesen Kerker kommen müssen, da er doch weder ein schelm, dieb, nach mörder, sondern jeder zeit, so lang er von Haus, sich ehrlich und redlich verhalten, auch seiner Profession nach gereiset. Viele Jugendliche gaben bei dieser Frage die ihnen zur Last gelegte Tat zumindest teilweise zu, darauf werde ich im nächsten Abschnitt näher eingehen doch Haagen bezeichnete sich als ehrlichen und redlichen Arbeitssuchenden. Dies, obwohl er in flagranti erwischt wurde, wie er versuchte, sich an einem Mädchen zu vergehen. Die Tat jedoch, bei der er erwischt wurde, ist für ihn keine, oder er sagt zumindest, dass sie für ihn kein Verbrechen ist: 244 Endexamina vom : Kundschaften und Nachgänge, A

74 6.1 Sonderfall Haagen: Der Fremde 71 9.Q. Was er mit selbigem Mensch wollen vornemmen? Rx. Er habs nit aus ernst gethan 10.Q. Was dann nit aus ernst gethan? Was er so nenne? Rx. Er habs nit wollen ermorden oder um das Leben bringen 11.Q. Was er dann eigentlich willens gewesen mit ihmme zu thun? Rx. Man nenne solches si er zu thun in vorhaben gehabt in seinem Vadterland ein wenig kurzweilen, oder vexieren 245 und spass anstellen 12.Q. Was dis sagen wolle, und wie er es mit dem Menschen gemacht? Rx. Er habs zwahr auf den boden nidergelegt, aber er habe ihme kein leid wollen an thun. 13.Q. Was beschehen da er selbiges am boden gehabt? (... ) Rx. Er sey auf das Mensch gelegen, darzu aber seye ein baur kommen der ihnne von dem Mensch herunter geschmeissen und geschlagen, wann selbiger nit kommen were so hedte er sein willen mit dem menschen thun wollen. Obwohl er bei der letzten Frage zugibt, dass er das Mädchen vergewaltigen wollte (seinen willen mit dem Menschen thun), argumentiert er, dass dies in seinem Vaterland etwas Lustiges sei, ein Spass. Er wollte sie nicht ermorden, ihr somit kein Leid antun, es war nichts ernstes. Ebenso argumentiert er bei einem zweiten sexuellen Übergriff, der ihm zur Last gelegt wurde: 15.Q. Ob er nit eben an dem Montag, und auch um selbiger gegen oder nit weit darvon, ein ander weibsbild angetastet? Rx. Er hab sich nur zu selbigem Menschen gesetzt und mit ihme geredet. 16.Q. Was er mit ihmme geredet, und begehrt zu thun? Rx. Er könne sich anjetzo nicht besinnen, man heiss es nur bey ihmme spässig und kurzweilen 17. Q. Was er dem mensch anerbodten, und geben wollen Rx. Nichts, als, er habe selbigem ein lustiges Lied gewisen 18.Q. Ob nit gelt anerbodten, damit er mit ihro zuhalten könne? Rx. Er habe zu dem Menschen g sagt, solle bey ihmme verbleiben, woll ein wenig spässig mit ihm seyn; auch hab er Ihro gelt geben wollen damit er auch sein willen vollführen könne, sey aber nichts aus der Sach worden Haagen zieht sein Bild des lustigen Wandersmann auf der Suche nach Arbeit, der nur etwas Spass haben und eine lustige Zeit verbringen will, durch. Auch bei diesem Vorwurf gibt er zu, dass es ihm schlussendlich um den Sexualverkehr ging er wollte dafür auch zahlen aber da auch immer wieder das Motiv Spass haben mit einfliesst, zeigt er, dass er dies nicht für ein Verbrechen hält. Es sei nichts Ernstes gewesen. 245 Vexieren bedeutet spassen, scherzen, nur dergleichen tun.

75 72 6 Selbstbilder Ob es sein Äusseres war, das zuvor von Zeugen und dem Ehegericht übermittelte Bild oder ob seine Selbstdarstellung anders bei den Nachgängern ankam, als er vermutlich dachte: Die Nachgänger empfanden ihn nicht als lustigen Arbeitssuchenden, der etwas Spass haben will, sondern als frechen Landstreicher, der sich an mehreren Frauen zu vergreifen versucht hatte. Als solchen verurteilten sie ihn auch. 6.2 Warum er hier in verhafft? Wie bereits erwähnt, gehörte die Frage, warum die verhaftete Person hier sei, zu den Standardfragen. Der Befragte sollte selber die Tat benennen, die Nachgänger wollten nicht etwas vorsagen, das dann nur wiederholt wird. Deutlich wird dies im Fall Merki gesagt. Merki ziert sich im ersten Verhör, die Tat zu benennen, sagt, «wüss nit wie er die Sach fürbringen solle». Darauf hin wird er von den Nachgängern angewiesen: «Er solle sein Hertz und gewüssen raumen und offenbahren wie alles her und zu gegangen, dann man ihmme nicht das geringste auf den Mund legen werde sondern sole selbst die Sach eröffnen». 246 Ob es nur darum ging, sich abzusichern und vor dem Vorwurf zu schützen, man hätte dem Delinquenten etwas vorgesagt oder auch darum, eine unchristliche Tat nicht benennen zu müssen, ist auf Grund dieser einen Aussage nicht beurteilbar. Klar ist, dass die Befragten bereits direkt nach der Verhaftung ein erstes Mal verhört worden waren und darum wussten, was ihnen zur Last gelegt wird. Oder sie waren, wie die Mehrheit der Bestiarier in meinem Sample, in actu erwischt worden und wussten daher, dass ein totales Leugnen der Tat nicht mehr förderlich ist. So ist erklärbar, warum fast alle Verhafteten in meinem Sample bei dieser Frage eine Straftat zugeben wenn auch nicht zwingendermassen diejenige, für die sie schlussendlich verurteilt werden. Neben Haagen, der jedoch die Meinung zu vertreten scheint, dass die versuchte Nothzucht keine Straftat war, ist der einzige, der verscuht die Tat zu leugnen Heinrich Sudter, der mit Peter Landis Sexualverkehr hatte. Er leugnet zwei Verhöre lang, bis es zur Gegenüberstellung mit Landis kommt. Dann beginnt er zuzugeben, was Landis den Nachgängern bereits erzählt hat. Sudter ist aber nicht nur der einzige, der bei dieser Frage jegliche Tat abstreitet, er ist auch der einzige erwachsene Täter im Sample. Ob tatsächlich das Alter hier den Unterschied macht, ob jemand versucht, die ihm vorgeworfenen Tat abzustreiten oder von Anfang an etwas gesteht, kann aufgrund dieser Auffälligkeit in meinem Sample nicht gesagt werden. Dafür müssten mehr Akten aus den Zürcher Gerichtsquellen untersucht werden. Landis seinerseits leugnet die Tat nicht, er benennt sie im ersten Verhör vom 5. Oktober 1729 aber auch nicht gleich bei der ersten Frage: 5.q. Warum er hier im Ödtenbach im Verhafft? Rx. Weilen einer aus dem so genannten Ammt kommen, und etwas mit ihmme 246 Vergleiche hierzu den Auszug aus dem Verhör mit Merki in Abbildung 6.1.

76 6.2 Warum er hier in verhafft? 73 gemacht, welches /: wie ihmme Landis sein Herr Pfarrer im Hirzel hernach gesagt :/ ein grosse Sünd seye. 6.q. Wer aber der jennige si zu ihmme Landis kommen? Rx. der Heinrich Sudter von Äbertschweil 7.q. Was selbiger dann mit ihmme verübet? Rx: Er seye verschinen Freytag Abends wol bereüscht zu ihmme kommen (... ), und harauf geheissen seinen Hosenknopf auf thun, welches er Landis gethan, Sudter harauf sein dess Landissen Sach erstlich in die Hand genommen, harauf aber ins maul und darmit hindersich und fürsich gemacht, und ihmme Landis die Sach wol gethan Nach dem ersten Zögern und Umschreiben gesteht Landis auf relativ sachliche Art, dass Sudter ihn oral befriedigt habe und gesteht dabei auch eine Mitschuld ein. Er hat den Knopf aufgemacht und es hat ihm wohl getan. Landis zeigt sich einsichtig, reumütig und kooperativ. Durch den Einschub wie ihmme Landis sein Herr Pfarrer im Hirzel hernach gesagt unterstreicht er, dass er nicht gewusst hat, dass Sünde ist, was Sudter mit ihm machte. Bereits sein erstes Verhör endet mit einem Teil der Gnadenformel: «bezeügte herzlichen reüen bidtet Godt um verzeihung, Eüch aber meine gnädigen Herren um Gnad». Er bittet nicht um ein gnädiges Urteil, wie dies bei todeswürdigen Verbrechen üblich ist, sondern nur um Gnade. Dass die Tat nicht gleich benannt wird, sondern erst eine Umschreibung wie ein grosse Sünde, ein grosser Fehler oder etwas böses ist nicht unüblich. Bereits in der Einleitung zu diesem Abschnitt erwähne ich, dass Merki im Verhör vom 1. September 1727 die Tat zuerst nicht klar benennen wollte. 247 Er sagt er sei hier, «[w]eil er leider! Einen grossen fehler begangen und so zu reden unchristlich gehandelt». Auf die Nachfrage, was er getan habe, antwortet er: «Er dörff es schier nit sagen, und wüss nit wie er die Sach fürbringen solle». Erst nach der oben angeführten Zurechtweisung, dass man ihm nichts in den Mund legen wolle, wird er klarer: «Es habe ihn verschienen Samstag abends des meisters magdt im Stahl bey einer Kuh erwüschet, mit welch letzteren er sen Sach verrichten wollen.» Danach gesteht er sogleich, dass er die Tat insgesamt vier Mal begangen hat und jedesmal einen Samenerguss hatte. Dieses anfängliche Zögern, welches, eine Verteidigungsstrategie sein kann, aber auch mit Scham zu tun haben könnte, weil ihm nicht wohl dabei war, mit erwachsenen Würdenträger über diese verbotene, unchristliche Tat zu sprechen, lässt ihn schüchtern, schamhaft, fast kindlich erscheinen er weiss nicht recht, wie er über sexuelle Themen sprechen soll. Auch sein Verhör endet mit der Gnadenformel. Im Gegensatz zu derjenigen von Landis ist sie komplett, das heisst, er bittet nicht nur um Gnade, sondern auch um ein gnädiges Urteil. Da er, wie er sagte, wusste, welches Urteil bei seiner Tat ausgesprochen wird, ist es möglich, dass das schnelle und umfassende Geständnis ihn nicht als kooperativen, reumütigen Knaben zeigen soll, sondern, dass er den ganzen Prozess so schnell und mit so wenig Folter wie möglich hinter sich bringen wollte. 247 Vergleiche hierzu den Auszug aus dem Verhör in Abbildung 6.1.

77 74 6 Selbstbilder Abbildung 6.1: Auszug aus dem Verhör mit Jacob Merki vom 1. September Ähnlich zögerlich antwortete Hiltebrand am 25. August 1703 auf die Frage, warum er verhaftet worden sei: Rx: (... ) weil er wollen aus der Christenheit handeln (... ) Q: Wan es geschehen, umd wie ers gemacht habe? Rx: Geschen seye es 8 Wochen gsyn, wie er aufkommen seye er in dem Stahl rv: gangen, umd dan vieh für gebe, die Studt s:v: gestrigelt und unbegestellt, ein Stühlin genommen, mit dem einten beyn darauff und mit dem anderem auf de Schwellen gestanden {wollen auf der Christlichkeit handlen} habe aber das Thier nit angerührt noch sich entblösst, den der Meister darzu kommen, und gfraget, was er mache, dann er umb den hals gefallen, Godt lob und dank gseidt, und bedten niemanden zu sagen, den er ihme alles bekannt. Hiltebrand benennt die Tat auch nicht wirklich, als er sagt, was er getan hat. Er bleibt bei der Umschreibung aus der Christenheit handeln. Jedoch nutzt er gleich die Gelegenheit nicht nur zu sagen, was er Böses getan hat, sondern auch um zu unterstreichen, wie froh er war, als er unterbrochen wurde. Er zeigt, dass er eigentlich ein guter Junge sei. Dies zeigt sich auch bei der Antwort auf die Frage nach den bisherigen Arbeitsstellen. Die Nennung der Arbeitgeber ergänzt er mit dem Zusatz: «verhofte er habe sich aller orthen wolen verhalten, man stelle nachfragen, er seye so lieb gseye als die gut Stund.» Obwohl

78 6.2 Warum er hier in verhafft? 75 er weiss, was ihm vorgeworfen wird und er die versuchte Bestialität auch bereits in der Landvogtei Eglisau zugegeben hat, bezeichnet er sich als lieb als die gute Stund. Er stellt sich so gut dar, wie in dieser Situation möglich. Da seine Strafe sehr mild ausfiel und bei ihm betont wurde, dass die Gnadentür nicht verschlossen sein soll, kam dieses Bild offenbar auch so bei den Geistlichen und Ratsherren an. Auch Schmid beantwortet im ersten Verhör vom 24. Februar 1730 die Frage nach der Ursache seiner Verhaftung nur sehr wage: «dass er leider ein trauriges Exempel und gar leidiges wesen müssen erfahren!» Erst auf die Nachfrage «was denn?» antwortet er: «Habe leider heüt 8. Nächt ein Sach thun wollen, die nicht christlich wenn selbige geschehen were, und dis mit einer Studt». Er betont in seiner ersten Antwort, dass er hatte erfahren müssen, was er für ein leidiges Wesen sei und beantwortet die eigentliche Frage erst auf nachhaken. Und auch da verdeutlicht er, dass er die Tat nicht begangen hat. Er zeichnet von sich das Bild des Unschuldigen, der von sich selbst enttäuscht ist, weil er eine solche Tat hatte begehen wollen. Alle anderen Verhörten sagen auf die erste Frage nach dem Haftgrund zumindest mit wem sie etwas hatten tun wollen, auch wenn die Tat selbst auch bei ihnen nicht immer gleich klar benannt wird. So zum Beispiel von Jacobli Baumann. Bei seinem ersten Verhör im Ötenbach sagt er zuerst nur: «Das er mit seinem Stiff-Schwösterlein etwas gethan» und erst auf Nachfrage konkretisiert: «Sey {nach} letzteren Ostern am ersten Sonntag /: auf sein des Stiffschwösterlis geheiss:/ auf selbiges gelegen, sein {Gmächtli} in die Hand gnommen, und zwüschent des Kinds bein nur ä kli in sein Scham gethan.» Obwohl er klar sagt, dass er etwas getan hat, betont er auch, dass es auf Aufforderung der Schwester war. Im zweiten Verhör bezeichnet er die Elfjährige als «ein muthwilliges und meisterlosiges Kind, thühe was es wolle, und habe niemand nichts auf ihmme denn es zenne 248 so zu reden alle Leüth an. Er hingegen seye verachtet, wenn man ihnne wüss nit wohin bringen könnte wurde man solches nicht spahren.» Diesen Aussagen ist zu entnehmen, dass sich Jacobli eigentlich als Opfer sieht: Seine Stiefschwester, die sich alles erlauben kann, der niemand etwas übel nimmt, wollte, dass er auf sie liegt und darum ist er nun im Zuchthaus. Er ist derjenige, den niemand will, der verachtet ist, den man loswerden will. Ob er dieses negative Selbstbild schon vor dem Prozess hatte, oder ob dieses durch die nicht überlieferten Verhöre in der Landvogtei beinflusst wurde, kann auf Grund der fehlenden Akten nicht gesagt werden. Bemerkenswert ist auch die Antwort auf die Haftgrund-Frage und die anschliessende erste Schilderung der Tat von Bär am 16. August 1735: Warum hier in Verhaft seye? Er seye letsten Samstag vor 3 wochen in einem Stahl bey einer Kuh gewäsen Was er da selbst verrichten wolle? Er habe ein Stöklin 249 genommen hinter die Kuh drauf hin gestanden weilen 248 Zennen heisst reizen, locken oder necken. 249 Ein Stöcklin ist ein Holzblock nicht ein Stecken.

79 76 6 Selbstbilder aber die Kuh aussgangen habe er von dam stöcklin herunter fallen müssen, und (sich mit) 250 seinen Händ übel besudelt. Deswegen er unverrichteter sachen widerum aus dem Stahl raus hin gegangen um die Hände zu waschen, (... ) Ob Er hinter der Kuh stehend entblösst gewäsen? Nein habe die Hosen (zu gehabt) nicht runter gelassen Ob sein glid hart gewäsen seye? (Nein) Ja Abbildung 6.2: Auszug aus dem Verhör mit Heinrich Bär vom 16. August Die Fragen sind jeweils auf der linken, die Antworten auf der rechten Seite aufgeführt. Sowohl das zugehabt bei der ersten Antwort als auch das Nein in der zweiten sind durchgestrichen. Interesannt ist bei dieser Aussage nicht nur das erste, sehr unschuldig klingende in einem Stahl bey einer Kuh gewäsen, sondern auch, dass er die weiteren Tatbeschreibungen immer revidieren muss dies implizieren zumindest die Streichungen. Auf die Frage, ob er entblöst war, antwortet er zuerst mit «Nein habe die Hosen zu gehabt» und ändert dieses zu gehabt auf nicht runter gelassen. 251 Und auch die Antwort auf die Frage, ob er eine Erektion hatte, passt er an. Das erste, noch fast unschuldige Bild muss er korrigieren. Was zu diesen Streichungen und Neubeantwortungen geführt hat, kann dem Protokoll nicht entnommen werden. Als Anwesende werden neben Bär nur die Nachgänger Hans Conrad Meyer und Adrain Ziegler genannt. Das Verhör fand ohne Scharfrichter statt. Ob Meyer und Ziegler weitere Fragen stellten, ihn zum Bekennen der Wahrheit anmahnten oder ob Bär von sich aus sein Selbstbild anpasste, kann nicht mehr eruiert werden. Ein ähnlicher Bruch ist im Verhör von Egg zu erkennen. Als Antwort auf die Frage: «Warum hier in Gefangenschaft gekommen?» ist als Antwort notiert: «Wüsse es selber nicht : Habe vor 3 oder 4 wochen hinden an dem Schützenhaus zu Muhr mit des Müllers zu Üesikon seinem Muterpferd disern schwehren Sünd begangen (... ).» Wie es vom Nicht wissen zum diese Sünde begangen gekommen ist, oder anders gesagt, was der Doppelpunkt 252 meint, kann nicht (mehr) gesagt werden. Vielleicht hat er auch tatsächlich so geantwortet, weil er nicht wusste, wie es so weit kommen konnte, dass er nun im 250 Mit (xxx) wird innerhalb der Transkription eine Streichung angezeigt. 251 Vergleiche hierzu den Auszug aus dem Verhör in Abbildung Vergleich hierzu den Auszug aus dem Verhör in Abbildung 6.3.

80 6.2 Warum er hier in verhafft? 77 Abbildung 6.3: Auzug aus dem Verhör mit Hans Egg vom 1. Juni 1735 mit auffälliger Änderung in der Aussage, getrennt durch einen Doppelpunkt. Gefängnis sass und selbst nicht begreifen konnte, was er getan hat. Vielleicht merkte er auch einfach, dass es zu spät zum Leugnen ist und gab nach einer kurzen Denkpause, symbolisiert durch den Doppelpunkt, alles zu. Möglich wären verschiedene Varianten. Ebenfalls zu bemerken ist die erste Antwort von Hess zur Tat. Er wird nicht gefragt, warum er in Haft sitze, sondern direkter: Q: Was er mit seines Meisters Knaben dem heinrichli verrichtet? R: Er habe vergangenen Auffahrt, den Heinrichli auf den bauch heissen liggen, und darauf sich auf ihne gelegt. Um sein glid selbigem s:v: per posteriora in den leib zu stossen, aber vor diss malen nichts gethan. Den Sontag darnach habe er gleiches zu thun underfangen allein allein wider unverrichteter sachen sich von selbigen gemachet. Verwichenen Pffingsten aber seye er nachmalen auf ihm gelegen, und habe sein Membrum selbigen s:v: Per pedem eines gleiches lang in den Leib gestossen. Jedoch ohne verschüdtung des Saamens, der Heinrechli auch nie kein schmerzen zu empfinden von sich spüren lassen. Auffällig sind hier die beiden lateinischen Ausdrücke per posteriora und per pedem. Dass ein siebzehnjähriger Verdingbub die beiden Ausdrücke kannte, halte ich für fraglich. Entweder wurden sie durch den Schreiber eingefügt - wogegen das jeweils davor stehende s:v: 253 sprechen würde oder die beiden Ausdrücke wurden von Hess tatsächlich genannt, weil er sie bereits aus der ersten Befragung mit Züchtigung durch die Lehrmeisterin gekannt hatte und übernommen hat. Auch in diesem Fall kann nur spekuliert werden, wobei ich, wegen des eingefügten s:v:, zur zweiten Variante tendiere. Da uns meist die ersten Befragungen fehlen, ist es schwer zu sagen, wie sehr die Verhafteten bei der Befragung in Zürich bereits ihr Selbstbild angepasst hatten. 253 Vergleiche hierzu die Ausführungen auf S. 37.

81 78 6 Selbstbilder Zu Beginn dieses Kapitels erwähnte ich, dass die Verhafteten bei der Frage, warum sie im Gefängnis seien, nicht zwingendermassen das Verbrechen zugaben, für welches sie letzten Endes verurteilt wurden. Meistens lag der Unterschied darin, ob die Tat wirklich vollzogen worden war, oder nur versucht einer Frage, die über Leben und Tod entschied. Sehr gross ist der Unterschied zwischen der ersten und der letzten Aussage bei Vögeli. Zu Beginn sagt er, dass er «etwas böses mit einem 2 Jährigen Kühli begehen wollen; doch sey nichts thädtliches aus der Sach worden». Dass nicht geschehen sei, betont er auch immer wieder während des ersten Verhörs und erzählt, dass er nach der versuchten Tat erst auf Zürich zugegangen sei, um im Krieg zu dienen, aber er «habe der Sach recht nachgedacht, man möchte etwann meinen er thühe diss auss Forcht weil er etwas böses begangen da er aber desshalben ein gudtes gewüssen gehabt, als sey er widerum zurück nacher Haus gekehrt». Er zeichnet von sich das Bild eines Unschuldigen, der kein schlechtes Gewissen haben muss, weil nichts geschehen ist. Bereits beim zweiten Verhör, das uns leider nur als Zusammenfassung vorliegt und bei welchem der Scharfrichter anwesend war, gibt er zu: «dass sein Glid im Leib dess Kühlis gewesen, ja nach mehr, und zwahren, es seye ihmme damahls als sein Glid im Leib dess Kühlis gewesen etwas entgangen, wüss aber nit eigentlich was es gewesen.» Am Ende dieses Verhörs bittet er noch nicht, wie bei todeswürdigen Verbrechen üblich, um ein gnädiges Urteil, sondern um Gnade und Barmherzigkeit, was zu dem von ihm vermittelten Bild des unwissenden, unerfahrenen Jungen passt, der glaubt, dass er der Todesstrafe entgeht. Auch dass er, nachdem er erst eine versuchte Tat mit einer Geiss und später noch je ein Versuch mit einer Kuh und einer Stute zugibt, dem Pfarrer gegenüber sagt, er hätte gedacht, er könne sein Leben noch retten, wenn er nicht alle Taten zugibt, passt in dieses Bild. Dass er geglaubt hat, er werde nicht hingerichtet und der Umstand, dass er angibt, er hätte von einem gehört, der «dergleichen verübter böser that willen in verhafft gethan und an Leben gestrafft worden» sei, widersprechen sich. Ob er seine Lage so falsch einschätzte oder tatsächlich hoffte, sich durch das Bild des naiven, unwissenden Jungen zu retten, kann nicht gesagt werden. Auch Spillmann streitet anfangs ab, einen Samenerguss gehabt zu haben. Zudem sei sein Glied nicht hart gewesen. Auch im dritten Verhör vom 19. Oktober 1718 bleibt er erst bei dieser Aussage: Q: Wie sein glid den auch gsein R: Das wüsse er nicht wie es gsein (... ) Q: Weillen er das glid mit seinen Händen in die Kuh gethan so werde er wohl wüssen wie es gsein R: Es seye lind gsein wie zuvor Q: Wie es ihme auch gsein da er das glid in der Kuh gehabt. Ob er nichts gespührt R: Nein es habe nichts gespührt seye ihme gewesen wie zuvor

82 6.3 Ob er gewüsst was dis für ein grosse Sünd seye? 79 Anschliessend werfen ihm die Nachgänger wie ich bereits in Abschnitt gezeigt habe vor, ein Lügner zu sein und erinnern ihn daran, dass er ja auch schon als er erwischt wurde, erst drei Mal log, bevor er die Tat zugab. Als er noch immer nicht mehr zugibt, wird er aufgezogen. Spillmann gesteht, dass sein Glied hart gewesen sei, einen Samenerguss gibt er jedoch noch immer nicht zu. Diesen, sowie drei weitere vollzogene Taten, gesteht er erst nach dem Besuch der Geistlichen die ihrerseits den Nachgängern berichtet hatten, «das der im Wellenberg gefangen sitzende Jagli Spillmann den völligen Actum der Greüllthadt gestehe». 254 Dieses vierte Verhör, in welchem er alles zugibt, was er soll, endet mit dem Satz: «Er befinde sein gewüssen nun gants erleichter das er bekannt, verhoffe das er nun mehrs auch ein Kind der hälligkeit werden könne, den die hoh. Geistlichen unterweisind ihne sehr wohl.» Diesen Wunsch wiederholt er im Endexamina: «Er verhoffe in dennen er sein gewüssen durch bekanthuns seiner schwehren sünden entleichteret, auch an nach ein kind der seeligkeit zu werden, bethe meine gnädigen Herren um ein gnädig urtheil.» Den Begriff des Kindes der Helligkeit, bzw. Kindes der Seligkeit wird von den Geistlichen sehr oft verwendet. Spillmann hat den Begriff übernommen. Mit dem Begriff übernahm er möglicherweise auch den Wunsch, diesen Zustand zu erreichen, indem er zugibt, was er zugeben soll. Dass das vollständige Geständnis mit der Übernahme dieses Begriffes und nicht mit der Folterung zusammenhängt, spricht für diese Möglichkeit. 6.3 Ob er gewüsst was dis für ein grosse Sünd seye? Obwohl gleichaltrige Zeugen wissen, dass die gesehenen Taten verboten sind, obwohl die Ordnungen und Mandate in den Kirchen verlesen wurden und obwohl in allen Fällen, in denen ein Bericht des Dorfpfarrers vorliegt, bestätigt wird, dass der Delinquent mit dem Katechismus vertraut ist, behaupteten die meisten geständigen Verdächtigen, sie hätten nicht gewusst, dass ihre Tat eine Sünde sei. Diese Aussage macht unter anderem auch Egg. Er beantwortet im ersten Verhör die Frage: «Ob er nicht auss Gottes worth und der natur gelehrt das solches sein That sündlich seye?» ganz klar: Wüsse nicht wie ihm solches zu thun in den Sinn gekommen, habe von diser Sünd sein Lebtag nichts gehört, auch nie gewüsst dass es Sünd seye, Ach dass Er gewusst oder ihm der Erstere gesagt hädte dass solches schwehre Sünd seye häte er es wohlen underlassen. Bemerkenswert ist hier, dass er Jacob Zollinger, der ihn beim Schützenhaus von Maur mit dem Pferd erwischt hatte, eine Mitschuld an der zweiten Tat zuschreibt. Wenn dieser es ihm gesagt hätte, dann hätte er es unterlassen. Zollinger gibt in seiner Aussage vom 3. Juni 1735 an, dass er Egg hinterher gerufen hätte «du bist ein schöner Beckersbub, will es 254 Dass ein zusätzliches Geständnis erst gegenüber den Geistlichen gemacht wird und diese die Nachgänger darüber informieren, ist auch im Fall Vögeli zu sehen. Es scheint nicht unüblich gewesen zu sein, dass die Belehrungen der Geistlichen mehr erreichen konnten als die Folter des Scharfrichters.

83 80 6 Selbstbilder deinem Meister sagen». Gesagt, dass die Tat, bei der er ihn unterbrochen hat, Sünde ist, hat er demnach tatsächlich nicht. Dennoch scheint Eggs Bild des unwissenden, reumütigen Jungen keinen Einfluss auf die Ratsherren gehabt zu haben. Wie bereits erwähnt wird er als einziger mit Daumenschrauben gefoltert. Zudem wird er zwei Finalexamina unterzogen und auf den Tod vorbereitet, obwohl er danach keine Todesstrafe erhält. «Ob er nicht gwüsst, dass diss Sünd, und nicht recht gethan?» wird auch Baumann in seinem Verhör vom 20. Mai 1723 gefragt. «Das Godt erbarm! Diss hab er wol nicht gwüsst, sonst wolt er es lang nicht gethan haben», lautet auch seine Antwort. Da in diesem Fall die Eltern die Kinder nicht mit zur Kirche genommen hatten den Angaben Jacoblis zufolge, weil er keine Schuhe anzuziehen hatte könnten die Ratsherren bei ihm dem Argument Glauben geschenkt haben. Dass der Rat bei beiden Kindern eine Verdingung als das Richtige erachtete und auch beschloss, dass Jacobli aus dem Almosenamt die notwendigen Kleider erhalten soll, zeigt, dass sie die Eltern als nicht fähig erachteten, ihre Kinder ordentlich zu erziehen und zu versorgen. Im Falle von Landis betont dieser mehrmals, dass er Sudter gefragt habe, ob es denn nicht Sünde sei, dieser habe aber immer mit «Nein» geantwortet: «Sudter habe ihmme wie schon verdütet verführt, und gsagt sey nit sünd, und thü einem wol.» Mit der Angabe, dass er bei jedem Sexualkontakt gefragt und Sudter jedesmal verneint habe, verdeutlicht er das Motiv des guten Jungen, der verführt wurde. Dieses unterstreicht er auch in seiner Bitte um Gnade nach dem fünften Verhör, bei welchem der Scharfrichter anwesend war: Was er Landis aber übels gethan, darfür bedte er Godt um verzeihung, und diss von eingrund seines Herzens; Euch aber meine gnädigen Herren um ein gnädig Urtheil und gnaad, denn er noch ein junger verführter Bub seye. Einen solchen Zusatz zur Gnadenformel findet sich sonst in keinem Fall meines Samples. Dieser Bruch mit der sonst üblichen Formel weist darauf hin, dass er das tatsächlich so formuliert hat und es nicht nur das formelle Ende des Verhörs ist, dass der Schreiber möglicherweise von sich aus hinzugefügt hat. Beim Lesen der Befragungsprotokolle im Fall Stolz scheint es, dass dieser sich verhält, als hätte man ihn bei einer Lüge ertappt. Bei der ersten Vernehmung fragen ihn die Nachgänger erst, ob er lesen könne. Er bejaht die Frage. Sie fragen, ob er gewusst habe, dass es Sünde sei, was er getan hat. Er verneint, ohne weiteren Zusatz und Ausführungen, wie dies sonst die meisten machen. Danach fragen die Nachgänger: «Ob er aber niemahlen gelesen, dass solches ein grosse und schwere Sünd seye?» und als Reaktion auf diese Frage ist notiert: «Hierüber erstunete und seüffzete er; endtliche sagte er, dis sey ihmme von Grund seines Hertzens leid, bedte den erzürnten Godt um verzeihung seiner grossen und schwehren Sünd so er begangen.» Die Frage beantwortet er nicht. Die Bemerkung endtliche sagte er verweist darauf, dass er länger schwieg, nachdachte, bevor er sein Bedauern ausspricht und Gott um Verzeihung bittet. Der Verdacht liegt nahe, dass er überlegen musste, ob er weiterhin versuchen soll zu sagen, er hätte nicht gewusst, dass man keinen Sexualkontakt zu Tieren haben darf. Nach dieser Antwort wird das Verhör beendet.

84 6.3 Ob er gewüsst was dis für ein grosse Sünd seye? 81 Vögeli und Merki behaupten gar nicht erst, nicht gewusst zu haben, was sie Schlimmes tun. Vögeli wird interessanter weise die Frage, ob er nicht gewusst habe, dass es Sünde sei, nicht gestellt. Jedoch erzählt er in seinem zweiten Verhör, dass «Leüthen, und unter anderem von seiner eignen Mudter gehört sagen, wann man der gleichen mit einem Viech mache, so müsse einer sterben». Im dritten Verhör erzählt er genauer: «Man habe zu vor von der gleichen Sachen in einer so genannten hofstubeten zu dielstorff geredt, und unter anderem verdeütet, wie dass unlengst einer von Rümlingen um dergleichen verübter böser that willen in verhafft gethan und an Leben gestrafft worden.» Er wusste somit nicht nur, dass verboten ist was er tut, er wusste auch, welche Strafe ihn erwartet. Indem er dies zugibt, macht er die Tat schlimmer: Er tat es trotz dieses Wissens. Er erfüllt damit für den Rat das Bild, das der Pfarrer von ihm gezeichnet hat: der verdorbene, verkommene Junge, der sich nicht bessert, der nicht mehr gerettet werden kann. Auch wenn er aus seiner Sicht wohl eher der arme, unschuldige Junge ist, der durch diese Reden verführt wurde. Nach diesem dritten Verhör wird das Endexamina angeordnet. Im Gegensatz zu Vögeli wird Merki im ersten Verhör die Frage nach dem Wissen über die Sünde gestellt: 17.q. Ob er auch wüsse was diss für ein grosse und schwehre Sünd; und wormit sie auszuruefen und ab zu straffen? Rx. Ja diss wüss er sol, nammlich mit Feür; sy ihmme von Grund seines Hertzens leid was er gethan, bädte Godt um verzeihung seiner schwehren und grossen Sünd, Eüch aber meine gnädigen Herren um ein gnädig Urtheil und Gnaad Merki hatte bereits in seinem ersten Verhör vier vollendete Bestialitäten zugegeben, dennoch lassen ihn die Ratsherren ein weiteres Mal befragen, bevor sie das Endexamina anordnen. Bei diesem zweiten Verhör ergänzt er seine Aussage nur in einem Punkt: «und aber gehört das der Vögeli von dielstorff auch dergleichen gethan, und gedacht, wols leider auch probieren.» Wie Vögeli gibt er an, dass die Kenntnis über einen anderen Fall ihn auf die Idee brachte, die Tat zu versuchen. Von der Tat gehört zu haben ist eines von mehreren Motiven, die bei der Frage auftauchen, was der Anlass zur Tat gewesen sei. Diese Motive werden Gegenstand des nächsten Abschnittes sein. Die Aussagen von Vögeli und Merki zeigen aber auch, dass die Information über Straffälle durchaus verbreitet waren. Dies kann man unter anderem auch der vor kurzem veröffentlichten «Beder-Chronik» entnehmen. Wenn auch das Interesse der Familie Beder mehr bei Finanz- und Kirchenfragen lag, so finden sich doch zwischen den laufend festgehaltenen Brotpreisen und vereinzelten Anekdoten Hinweise wie denjenigen vom Januar 1717: «In dissem monat hat man ein kerli gehenckt von 25 Jahren (... ). Hat 111 einbrüche begangen.» 255 Dies zeigt, dass das Wissen darüber, was verboten ist und wie es geahndet wird, durchaus vorhanden und landläufig bekannt war. 255 Sarah Biäsch (Hrsg.): Die Beder-Chronik, S. 136.

85 82 6 Selbstbilder 6.4 Was ihn solches vorzunehmen veranlasset? Was oder wer die Tat veranlasst hat, war ebenfalls eine regelmässig gestellte Frage, die immer wieder mit den gleichen Motiven beantwortet wurde Kein Erfolg bei Frauen Kein Erfolg bei Frauen ist ein Motiv, das in meinem Sample bei zwei Fällen von Bestialität genannt wird. Hiltebrand gibt an, er hätte die Tat vorgehabt, weil «[d]ie Meitlin haben ihn veracht, und er wollen lugen ob ers auch könne, habe vermeint es seye kein Sünd» Auf die Nachfrage, ob er denn auch bei Mädchen gewesen sei, antwortete er: «Er habe einmahlen zu Nacht einem Meitlin gerüfft, welches ihme geantwortet, was es bey ihm thun wolle, er habe ja nichts.» Hiltebrand hatte in diesem Verhör vom 25. August 1703, wie ich im Abschnitt 6.2 gezeigt habe, von Anfang an ein sehr gutes Bild von sich selbst präsentiert. Er verwies darauf, dass man Zeugnisse einholen könne und betonte, wie froh er war, dass sein Meister ihn erwischte. Das Bild des guten Jungen wird nun ergänzt, durch dasjenige des armen Jungen, der keine Braut findet, weil er nichts hat; dem Jungen, welcher von den Mädchen verachtet wird. Auch als erfolglos bei den Frauen zeigt sich Schmid bei seiner dritten Vernehmung. Jedoch hat er, gemäss seiner Darstellung, nicht versucht einem Mädchen zu rufen, sondern vergeblich versuchte sie zu brauchen: dass als er zuvor bekanntermassen bey einigen bauern wein getrunken, harauf heim kommen ein Weiber Volck angetroffen, die er brauchen wollen, und als er solches nit verrichten können, sey er in Stahl gegangen; und als die Studt ihr Wasser lauffen lassen, sey ihmme leider ein glust ankommen etwas mit der Studt zu thun Dass er betrunken war, hatte er bereits in seinem ersten Verhör erwähnt und auch dies ist ein Motiv, auf das ich nachfolgend noch eingehen werde. Jedoch erwähnt er hier relativ beiläufig, dass er ein Weibervolk hatte brauchen wollen, dieses jedoch nicht verrichten konnte. Warum dieser Sexualkontakt nicht geklappt hat und ob er die Frau nur angesprochen hat, oder ob er versuchte, sie zu vergewaltigen, ist nicht erwähnt. Diesbezüglich wurde nicht nachgefragt und später auch nicht weiter untersucht. Das Urteil 18 Rutenstreiche und acht Jahre Verbannung wurde noch am gleichen Tag ausgesprochen. Diese neue Schattierung in seinem Bild scheint keinen Einfluss mehr gehabt zu haben Nicht ganz bei Sinnen Wie eben angemerkt, war auch das Berauschtsein eine Erklärungsstrategie für eine Straftat. Schmid erklärt nicht erst im dritten Verhör, dass er betrunken war, sondern bereits im ersten:

86 6.4 Was ihn solches vorzunehmen veranlasset? q. Was ihn solches vorzunemmen veranlaaset? Rx. Habe ein Räuschli gehabt 12.q. Wo er so getrunken? Rx. Bey verschiedenen Bauern zu berg, denen er Meehl bringen müssen. Wie ich in Abschnitt 6.2 gezeigt habe, vermittelt Schmid durch seine Aussagen das Bild von sich als ein Unschuldiger, der von sich selbst enttäuscht ist, weil er eine solche Tat begehen wollte. Mit dieser zusätzlichen Angabe liefert er die Erklärung, wie es dazu hatte kommen können. Er hatte zu viel getrunken, war nicht bei Sinnen. Mit dem Zusatz, dass er bei den verschiedenen Bauern, denen er das Mehl gebracht hat, getrunken habe, vermittelt er das Bild des jungen Knechts, der von Hof zu Hof geht, die Lieferungen bringt, jedesmal einen Schnaps oder sauren Most angeboten bekommt und nie nein sagen kann. Der höfliche Junge, der die Gastfreundschaft nicht ablehnen will und dadurch auch für seinen Rausch letzten Endes nichts kann. Auch bei Sudter und Landis spielt der Alkohol eine Rolle, auch wenn Landis dies nur am Rande erwähnt. Den ersten Kontakt der beiden hat, gemäss seiner Schilderung vom 5. Oktober 1729, stattgefunden, weil er bei Sudter und einem anderen Knecht im Bett schlief und nicht in der Kammer des Vaters. 28.q. Warum er denn nicht auch diss mahlen in seines Vadter Kammer gegangen? Rx. Habe nicht mehr dörffen, denn es zimmlich spaht gewesen und sie 2 nebst anderen jungen gsellen zu vor im wirthshaus getrunken, hernach sie beyde mit einanderen nacher haus gegangen. Der Grund, weshalb er sich überhaupt zu Sudter legte, war das gemeinsame Trinken. Dass sie zumindest angetrunken waren liegt nun wie ein Filter auf dem von ihm vermittelten Bild des verführten Jungen. Und dies mussten sie gewesen sein, wenn sie so spät aus dem Wirtshaus kamen, dass er nicht mehr in die Kammer des Vaters gehen konnte. Dass der doppelt so alte Sudter mit drei jungen Knechten trinken ging, wirft ein noch schlechteres Licht auf ihn. Bär wiederum sagt, dass er berauscht war, jedoch wird der Fünfzehnjährige im Gegensatz zum neunzehnjährigen Schmid nicht gefagt, wo er getrunken hat. Bär erzählt bei seiner ersten Befragung in Zürich, dass er bereits zuvor schon einmal versucht hatte, sich einer Kuh zu nähern, jedoch auch da erfolglos. Die Nachgänger fragen: Von wem er harzu so in ersteen als zweiten mahl veranlaast worden? Von dem ersten Mahl her, habe er einen Stier im Kuh besteigen gesehen, von welchen Zeit es ihm öffters zu Sinn gekommen, jedoch habe er disern Gedanken alle Zeit wider stehen können aussert disern letzten mahl, da er etwas beraüscht gleichsam wie bezaubert, dem Stahl haben zu gehen müssen Er hatte diese Gedanken, konnte ihnen jedoch widerstehen, solange er nüchtern war. Doch nun wurde er von dem Stall wie magisch angezogen. Wir haben von ihm bisher

87 84 6 Selbstbilder gesehen, dass er seine Aussagen mehrfach anpassen musste auch wenn der Grund für diese Anpassungen nicht erkennbar ist. Dass er nun sagt, er sei berauscht gewesen eröffnet eine weitere Erklärungsmöglichkeit: Er weiss nicht mehr genau, wie alles ablief, er war berauscht, verzaubert, nicht ganz bei Sinnen Sexualverkehr von Tieren beobachtet Bär nennt neben dem Rausch noch einen weiteren Auslöser für die Tat: Er hatte einen Stier eine Kuh besteigen sehen. Verkehr zwischen Tieren beobachtet zu haben, wird auch von anderen Bestiariern als Auslöser der Tat genannt. Jugendliche, die sozusagen keine Sexualität haben dürfen, sehen, dass Tiere diesen haben und kommen so auf die Idee, dass dies der Weg sein könnte, sich auszuprobieren im Sinne des lugen wollen ob ers auch könne, das Hiltebrand, wie anfangs dieses Kapitels zitiert, als ein Motiv nennt. Die Begegnung mit dem Mädchen ist aber nicht der einzige Auslöser, den Hiltebrand erwähnt. Zum Schluss des ersten Verhörs in Zürich erzählt er: Bloss 3. oder 4. Tag eh er die Unzhat verzieten wollen seye er mit dieser Studt s.v. Auf der Weid gewesen und sollen hüeten. Selbe aber weile sie Rössig rev: war zu einem Lybhengst gelofen, welcher auf ihro umen gridten; und dieses seye auch der gröste Anläss zu seinem verfluchten vorhaben gewesen. Der gute Junge, der von den Mädchen verachtet wird, der nichts hat und darum nicht darf, sieht, wie der Hengst und die Stute dürfen. Dieses Bild hat Hiltebrand am Ende des ersten Verhörs von sich gezeichnet und schliesst dieses mit den Worten: Danke Godt höchlich, das solches vermeidten bleiben, habe ein gut gwüssen können nichts anderes sagen, mann möge mit ihm machen wa mann wolle; das begangene seye ihme hertzlich leid, bedte Godt umd ein hohe Obrigkeit dermüthig umb Gnad und verzeihung. Er bittet nicht um ein gnädiges Urteil, wie dies bei todeswürdigen Verbrechen üblich ist - es ist somit durchaus möglich, dass er weiss, dass ihm nicht die Todesstrafe droht, weil er die Tat nicht ganz vollzogen hat. In seiner zweiten Befragung bringt er noch ein weiteres Motiv ins Spiel, so dass der Fall uns zu einem späteren Zeitpunkt nochmals beschäftigen wird. Dass Beobachten von Sexualverkehr zwischen Tieren offenbar ein bekanntes Motiv war, um eigene sexuelle Lust zu begründen, zeigt das dritte Verhör mit Egg. Dieser wird gefragt, «Ob Er den irgendwo von solchen sachen gehört?» und verneint: «auch seye ihme der sinn nie dran gekommen». Die Nachgänger haken nach, weil sie wissen wollen, wer oder was ihn auf die Idee brachte, diese Tat begehen zu wollen: «Ob Er denn irgendwo ein solches von menschen oder Veeh gewahret?» Egg antwortet darauf: «Einmahl habe er ein Kuh und Stiern beysammen gesehen /:( ):/ doch seye ihm damahls der Sinn nicht dran gekommen.» Leider kann nicht mehr gelesen werden, was in der /: :/ -Klammer

88 6.4 Was ihn solches vorzunehmen veranlasset? 85 der Antwort beigefügt war, die drei Worte sind so gut gestrichen, dass man sie nicht mehr entziffern kann. Möglicherweise ist es eine Konkretisierung dessen, was Kuh und Stier gemacht haben. Interessant ist auch der letzte Satz: Es habe ihn damals nicht auf die Idee gebracht. Dieser Satz sagt uns, dass er weiss, dass mit Beobachten von Sex zwischen Tieren die Idee, sexuellen Handlungen auszuführen, begründet werden kann. Egg kannte somit dieses Motiv. Auch Stolz nimmt dieses Motiv auf, auch wenn man beim Lesen seiner zwei Verhöre das Gefühl bekommt, dass er mit diesem Motiv von jemandem ablenken wollte. Die Frage der Nachgänger zielt nicht nur darauf ab, was einen Täter auf die Idee brachte, sondern mehr auf das wer. Denn hat jemand einen anderen zu einer solchen Sünde verführt, so muss auch dieser bestraft werden. Bereits im ersten Verhör bei dem er sofort zwei vollzogene Bestialitäten gesteht antwortet Stolz auf die Frage «Woher er den Anlas genommen die zu thun?», die mehr auf eine Situation denn auf eine Person bezogen scheint: «Er habe es aus ihmme selbsten, ohne veranlassung anderer gethan.» Er antwortet somit, dass keine Person ihn dazu veranlasst hat, nicht keine Situation. Aufgrund der Stresssituation, die er bei diesem Verhör ausgesetzt ist, könnte diese Antwort aber auch Zufall sein. Die Frage kommt im zweiten Verhör vom 2. Juli 1725 nochmals auf: Abbildung 6.4: Auszug aus dem Verhör mit Hans Stolz vom 2. Juli 1725 mit deutlich unterstrichenem nichts. 1.Q. Wie es ihmme in Sinn kommen disere Unthat zu begehen? Rx. Es hab ihnne nichts 256 niemand nichts darvon gesagt 2.Q. Wie er gewüsst ein solche Schandthat zu thun? Rx. Er wüss es selbsten nit 3.Q. Wo er dergleichen Sachen gesehen? Rx. Vom viech und nit von Leuthen 4.Q. Ob er denn dem Viech gehütet? Rx. Nein, sondern denn zu mahlen wenn man zu Acker gesehen (... ) 7.q. ob ihmme niemand Anlaas darzu gegeben? Rx. Nein nicht ein Mensch Stolz hat das nichts offenbar derart stark betont, dass es der Gerichtsschreiber unterstrichen hat 257. In Zusammenhang mit der leichten Auffäligkeit im ersten Verhör sticht hier 256 Unterstreichung gemäss Gerichtsschreiber. 257 Vergleiche hierzu den Auszug aus dem Verhör in Abbildung 6.4.

89 86 6 Selbstbilder zudem hervor, dass er nicht nur sagt, er habe es bei den Tieren gesehen, sondern auch noch ein nit von Leuthen anhängt. Ich hatte im Abschnitt 6.3 bezüglich der vermutlich eingelegten Denkpause den Schluss gezogen, dass er möglicherweise darüber nachdenken musste, ob er weiterhin behaupten soll, er habe nicht gewusst, dass es Sünde ist, oder eingestehen, dass er es wusste. Vielleicht musste er aber auch über den Anlass zur Tat nachdenken. Die Akten zeigen uns das Bild eines Knaben, der den Prozess möglichst schnell hinter sich bringen will, sehr schnell alles zugibt und nach dem zweiten Verhör selbst darum bittet, dass die Geistlichen ihn zweimal täglich besuchen. Da Hottinger, wie ich im entsprechenden Kapitel gezeigt habe, ihn als intelligent und wissbegierig darstellt, ist anzunehmen, dass er wusste, was einen Bestiarier erwartet, aber auch, dass er gefoltert wird, wenn er leugnet. Dies wäre Grund genug, um einen Abschluss des Falles voranzutreiben. Ob er um mehr Besuche von den Geistlichen gebeten hat, um in dieser Zeit nicht alleine zu sein, oder weil er etwas nicht gestehen wollte und sich quälte, entzieht sich unserer Kenntnis. Das Bild, dass er von sich durch seine Anworten zeigt, hinterlässt jedoch Fragezeichen Unzüchtige Reden Wie ich in Abschnitt 6.3 erwähne, geben Vögeli und Merki an, dass sie durch Gespräche über das von ihnen später auch vollführte Verbrechen, auf die Idee zur Tat gekommen sind. Ähnlich ist das Motiv, das Hess bereits bei seinem ersten Verhör in der Vogtei heran zieht. Wohl hat er nicht Reden über die Tat gelauscht, aber ein anderer Knabe hat ihm Dinge erzählt, die für ihn Anlass zur Tat waren: Er seye mit einem gewüssen buben in dass holtz gegangen, der ihme erzelt, dass ein mal ein Knab u. ein Meidli bey einanderen gewesen da habe das Meidli gesagt rühred es mir an und ich will es dirs angreifen thu du mir es in mein Ding, da habe es beyde wohl gethann, dardurch seye er disseres zu underfangen bewegt worden. Überführt in den Wellenberg konkretisiert er das Gehörte und nennt den Namen desjenigen, der ihm die «unzüchtigen Reden» erzählt haben soll: dass der Casperli Brenwald, (... ), als sein verwichenen Generalmusterungstags zu Meilen, mit einanderen in das Holz gegangen, ihne erzellet wie dass ein Knab und ein Meidtlin bey einaderen gewesen, der Knab das Meidteli angeredt ob es nicht sein ding behauen möcht er welte ihne dass seinige auch besichtigen, der auf das Meidtlin, mit dermelden er soll es ihme in sein ding thun mit ja beantwortet, da habe sich dass Meidtlin von grund seines bauchs gefreut. Ein anderes Kind habe die Jüppen aufgehabt und der Mudter gesagt es wachsen ihme Haar an dem bauch, darauf die Mudter versetzt es solle schweigen seye so Godt will, hernach habe das Meidtlin dem schneider gesagt es wachsen

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