Monographie Erich Kästner Dargestellt von Sven Hanuschek (Seiten 7 9 und )

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1 Leseprobe aus: Monographie Erich Kästner Dargestellt von Sven Hanuschek (Seiten 7 9 und ) Für alle jene, die mit ihm durch die Zeit schritten, ist Kästner Teil ihres emotionellen Inventars. Jean Amery in der Frankfurter Rundschau, 23. Februar by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.

2 Vom Kinderonkel zu den komplizierten Brüchen Erich Kästner ist einer der wenigen deutschsprachigen Weltautoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Anders als Thomas Mann, Hesse, Kafka oder Brecht ist er aber nur mit einem kleinen Werkausschnitt bekannt: Er hat das Kinderbuch nobilitiert, es recht eigentlich erst zum ernst zu nehmenden Genre gemacht. Seit den späten zwanziger Jahren sind alle Generationen mit Emil und die Detektive, dem Doppelten Lottchen, Pünktchen und Anton und dem Fliegenden Klassenzimmer aufgewachsen, wenn nicht mit den Büchern, dann mit einer der zahllosen Hör- oder Filmversionen. Inzwischen ist ein anderer Kästner wiederentdeckt worden. Der Romancier, Lyriker und Journalist war zwar nie ganz verschwunden, stand aber ganz im Schatten des Kästner für Kinder ein universeller Schriftsteller, unterhaltsam und nicht ohne Tiefgang, mit einem einzigartig prägnanten und klaren Stil, der sein gesamtes Werk charakterisierte; ein «voltairischer Geist», wie ihn Alfred Andersch genannt hat. Die Arbeiten von Bertolt Brecht, Kästners Lieblingskonkurrenten, haben seit Jahrzehnten ihren festen Platz im Kanon, dieser Autor ist biographisch wie interpretatorisch fest in der Hand der Lehrer und Literaturwissenschaftler. Echte Entdeckungen sind kaum noch zu machen: Wer bei Brecht Sensationen auftischen will, muss verbiegen, erfinden, blödeln. Bei Kästner dagegen sind ganze Kontinente neu aus den Archiven aufgetaucht: Sein publizistisches Werk hatte er nur zum kleinsten Teil in die Werkausgaben übernommen, derzeit werden mehr als 2000 Artikel gezählt, die zu einem großen Teil nie nachgedruckt wurden; im «Dritten Reich» war er längst nicht so abstinent gewesen, wie er sich dargestellt hatte, fortlaufend wurden neue Drehbücher und Lustspiele gefunden, die er mit Freunden unter verschiedenen Pseudonymen geschrieben hatte; das lyrische Werk war umfangreicher als bekannt, das erste gedruckte Gedicht wurde immer weiter rückdatiert. 7

3 I had come with a speech and my admiration for Erich Kästner, for all six Kästners the «neue Sachlichkeit» E. K. with the voice like shattered glass; and the Weihnachtsbaum Engelein E. K. whom the children adore; and the Hausapotheke; and the Duodecimo Mephisto E. K.... Thornton Wilder: Brief an Kästner vom 12. Oktober Kästner hat eine genialische Flexibilität im Umgang mit den neuen Medien seiner Zeit gezeigt, vor allem für Rundfunk und Film adaptierte er immer wieder lustvoll seine Stoffe. Damit zerstörte er die bis dorthin geläufigen Vorstellungen eines autonomen Werks und der hehren Aura der schreibenden Zunft. Stattdessen schuf er mit seinen Kollegen der Neuen Sachlichkeit andere Vorstellungen, die einer Gebrauchskunst für viele insofern ist er womöglich eher repräsentativ für das 20. Jahrhundert als ein Großschriftsteller mit dem Gebaren des ausgehenden 19. wie Thomas Mann. Überdies war er selbst sein sicherster Kritiker, wir fleißigen Forscher haben auch Arbeiten gefunden und zum Teil gedruckt, die er schon ganz absichtlich in der Versenkung gelassen hatte. Sein Nachlass wurde lange von seiner Lebensgefährtin und ersten Biographin Luiselotte Enderle gehütet, die ihn um siebzehn Jahre überlebt hat; nach ihrem Tod blieb er weiterhin nur selektiv zugänglich und von Intrigen umkämpft. Thomas Kästner, der Sohn, hat dem ein Ende gesetzt und ihn schließlich an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar gegeben, um ihn der Wissenschaft zugänglich zu machen. Auf lange Sicht wäre dies wohl auch im Interesse seines Vaters gewesen. Ein Nebeneffekt dieser Öffnung waren neue biographische Details nicht nur positiver Art. Das von Enderle beinahe ängstlich gehütete Standbild des Moralisten und launigen Kinderonkels ist in Bewegung geraten, plötzlich gab es private Katastrophen, Gerüchte, ja Tragik um den Schriftsteller in seinen letzten Lebensjahren. Diese Funde haben aber weder Kästners Person noch sein Werk beschädigt; im Gegenteil scheint es so, als machten komplizierte Brüche einen Autor weit interessanter als eine geglättete Biographie, selbst wenn die Glättungen in Teilen sein eigenes Werk gewesen sind. Kästner hat sich gern als Moralist gesehen und ist gelegentlich, bei einigen der jüngeren Enthüllungen, auch an diesem Be-

4 griff gemessen worden. Vor der kleinbürgerlichen Schelte an einem Bohemien, der sich gern als Kleinbürger darstellte, sollte man sich vergegenwärtigen, was Kästner mit dieser Bezeichnung gemeint hat: Er hat die französischen «moralistes» von La Rochefoucauld und La Bruyère bis Chamfort gelesen, wache Registratoren typischer menschlicher Schwächen ihrer Zeit. Dass sie mindestens einige Schwächen ihrer Umgebung teilten, ist eine Trivialität, sie waren als subjektive, private aber nicht das primäre Erkenntnisinteresse. Oder, wie sich Kästner in einem Unsanften Selbstgespräch vor der Verbreitung des Selbstauslösers klar machte: Merk dir, du Schaf, weil es immer gilt: Der Fotograf ist nie auf dem Bild. (I, 273)

5 Zeittafel Februar: Geburt Erich Kästners in Dresden Nach der Volksschule Besuch des Freiherrlich von Fletcherschen Lehrerseminars, in der Schulzeitung erste Gedichtveröffentlichungen Einberufung zum Militär in den «einjährig-freiwilligen Dienst» zur Fußartillerie, Eintritt: 21. Juni; Stationierung in Dresden Herzneurose. Versetzung an die Artillerie-Messschule nach Köln-Wahn Januar: Entlassung aus dem Militärdienst. Besuch des König-Georg-Reformgymnasiums in Dresden, Kriegsreifezeugnis. Lernt Ilse Julius und Werner Buhre kennen. Aufnahme des Studiums in Leipzig: Germanistik, Geschichte, Philosophie, Zeitungskunde, Theaterwissenschaften Studium für jeweils ein Semester in Rostock und Berlin Fortsetzung des Studiums in Leipzig; Stelle als Famulus bei Albert Köster. Arbeit als Werkstudent Kästner publiziert zunehmend Gedichte und Feuilletons in Zeitungen und Zeitschriften Redakteur im Feuilleton der «Neuen Leipziger Zeitung» Nach einer abgebrochenen Arbeit über Lessings «Hamburgische Dramaturgie» am 4. August Promotion bei Georg Witkowski über Die Erwiderungen auf Friedrichs des Großen Schrift «De la littérature allemande» (gedruckt 1972) Wechsel ins politische Ressort der «Neuen Leipziger Zeitung»; Entlassung zusammen mit dem Zeichner Erich Ohser, nominell wegen eines Faschingsgedichts. Kästner bleibt freier Theaterkritiker für das Blatt. Trennung von Ilse Julius Erstes Buch: Edition eines Bandes Novellen und Märchen von Eduard Mörike. Übersiedlung nach Berlin. Gedichte und Feuilletons für alle bedeutenden Zeitschriften und Zeitungen, darunter die «Weltbühne» Erstes belletristisches Werk: Gedichtband Herz auf Taille. Zwei Jahre lang wöchentliches Kommentar-Gedicht für «Montag Morgen». Anstellung der Sekretärin Elfriede Mechnig (& Co) Lärm im Spiegel. Erster Kinderroman: Emil und die Detektive, illustriert von Walter Trier. Ursendung der Hörrevue Leben in dieser Zeit beim Breslauer Rundfunk, regelmäßige Beiträge für Kabaretts. «Ehrende Erwähnung» zum Kleist-Preis. Paris- Aufenthalt mit Ohser und Julius. Nach vielen Untermieterverhältnissen eigene Wohnung in der Roscherstraße, Berlin-Charlottenburg Ein Mann gibt Auskunft. Reise in die Sowjetunion mit Ohser, Hermann Kesten und Walter Mehring. Zweiwöchiger Urlaub am Lago Maggiore, zufällig gleichzeitig mit Kurt Tucholsky Fabian. Pünktchen und Anton. Erstes Filmdrehbuch, zusammen mit Emmerich Pressburger: Dann schon lieber Lebertran. Verfilmung des Emil nach einem Drehbuch von Billy Wilder. Wahl in den PEN-Club Gesang zwischen den Stühlen. Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee Das fliegende Klassenzimmer. Kästner gehört zu den «verbrannten Autoren» und kann in Deutschland nur unter Pseudonymen veröffentlichen; seine Bücher erscheinen im Ausland, im 143

6 Inland sind sie bis auf Emil offiziell verboten. Dezember: Erste Verhaftung durch die Gestapo. Verhältnis mit der Schauspielerin Herti Kirchner Drei Männer im Schnee. Theaterfassung Das lebenslängliche Kind zusammen mit Buhre unter dem Pseudonym «Robert Neuner», Uraufführung in Bremen Emil und die drei Zwillinge Die verschwundene Miniatur. Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke Erstes Boulevardstück zusammen mit Eberhard Keindorff unter dessen Pseudonym «Eberhard Foerster»: Verwandte sind auch Menschen. Zweite Verhaftung durch die Berliner Gestapo. August: Dreiwöchiger Arbeitsaufenthalt mit Walter Trier in Salzburg Georg und die Zwischenfälle (nach dem Krieg u. d. T. Der kleine Grenzverkehr). Reise nach London zu Walter Trier, Besprechung der ersten Nacherzählung: Till Eulenspiegel Tod Herti Kirchners. Verhältnis mit Luiselotte Enderle Letztes von vier «Foerster»- Stücken mit Keindorff: Seine Majestät Gustav Krause Kästner führt Kriegstagebuch in Steno, auch noch 1943 und Goebbels genehmigt inoffiziell Münchhausen; Niederschrift des Drehbuchs im Sommer Offizielle Sondergenehmigung der Reichsschrifttumskammer: Arbeiten für die UFA, u. a. Drehbuch für Der kleine Grenzverkehr, Exposé für Das doppelte Lottchen. Dreharbeiten Münchhausen. Niederschrift Zu treuen Händen. In Schweizer Tageszeitungen erscheinen fälschlicherweise Nachrufe auf Kästner Januar: Endgültiges Verbot 144 schriftstellerischer Betätigung im In- und Ausland. März: Erstaufführung Münchhausen / 16. Februar: Kästners Wohnung wird bei einem Bombenangriff vollständig zerstört; er zieht zu Enderle in die Sybelstraße. Hinrichtung Erich Knaufs, Selbstmord Ohsers März bis Juni: Kästner und Enderle überwintern das Kriegsende mit einem UFA-Filmteam in Mayrhofen / Tirol. Feuilletonchef der amerikanischen «Neuen Zeitung» in München (erste Nummer: 18. Oktober), Herausgeber des «Pinguin» (Stuttgart). Mitarbeit am Kabarett «Schaubude» Bei Durchsicht meiner Bücher. Möblierte Wohnung, zusammen mit Enderle: Fuchsstraße 2 in München-Schwabing Internationaler PEN-Kongress in Zürich April: Niederlegung der «NZ»-Redakteursstelle; fortan freier Schriftsteller. Der tägliche Kram. Kurz und bündig Die Konferenz der Tiere. Das doppelte Lottchen. Niederlegung der «Pinguin»-Herausgeberschaft. Uraufführung Zu treuen Händen, in Düsseldorf, Pseudonym: «Melchior Kurtz». Eröffnung der «Internationalen Jugendbibliothek». Münchner Sekretärin: Liselotte Rosenow. Kästner lernt Friedhilde Siebert kennen Synchronfassung von Alles über Eva /All about Eve Premiere des Films Das doppelte Lottchen nach Kästners Drehbuch. Präsident des westdeutschen PEN-Zentrums (bis 1962, dann Ehrenpräsident). Mitgründer des Kabaretts «Die kleine Freiheit». Tod der Mutter in Dresden Die kleine Freiheit.

7 1953 Umzug an den Münchner Herzogpark, Flemingstraße Nacherzählung Die Schildbürger, erstmals von Horst Lemke illustriert. Drehbuch für Die verschwundene Miniatur und Das fliegende Klassenzimmer Die dreizehn Monate. Niederschrift Die Schule der Diktatoren. Drehbuch zu Drei Männer im Schnee. Materialsammlung zu Als ich ein kleiner Junge war Die Schule der Diktatoren erscheint. Drehbuch zu Salzburger Geschichten (nach Der kleine Grenzverkehr) Uraufführung Die Schule der Diktatoren in München. Als ich ein kleiner Junge war erscheint. Verleihung des Büchnerpreises. Geburt des gemeinsamen Sohnes mit Friedhilde Siebert, Thomas. Silvester: Tod des Vaters in Dresden Aktivitäten gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr Gesammelte Schriften in sieben Bänden Die erste Biographie erscheint im Kindler Verlag, Autorin: Luiselotte Enderle Notabene 45. Engagement für die Ostermarsch-Bewegung. Kollaps, mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt Lungensanatorium in Agra / Tessin Düsseldorfer Filmpremiere Liebe will gelernt sein, Drehbuch nach Zu treuen Händen. Im Sommer wieder in München. Der kleine Mann Erneut in Agra. Ab Jahresmitte offiziell installiertes Doppelleben mit Wechsel im Fünfwochentakt zwischen München (mit Luiselotte Enderle) und Berlin (mit Friedhilde Siebert und Thomas Kästner), fünf Jahre lang Große Kästner-Ausstellung in Stockholm Der kleine Mann und die kleine Miss Gesammelte Schriften für Erwachsene, 8 Bände. Trennung von Friedhilde Siebert Am 29. Juli stirbt Kästner im Neuperlacher Krankenhaus an Speiseröhrenkrebs.

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