Start in den Beruf Eine Initiative der Chemie-Sozialpartner

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1 Start in den Beruf Eine Initiative der Chemie-Sozialpartner Dirk Meyer A. Ausbildungsmarkt im Umbruch Die eigene Ausbildung der benötigten Fachkräfte ist der zentrale Ansatz für die Nachwuchsgewinnung in der chemischen Industrie. So wie die Max Muster GmbH bilden rund 60 Prozent aller Chemie- und Pharmaunternehmen junge Menschen aus. Die Ausbildungsquote der Branche beträgt gut 5 Prozent. Gerade im Mittelstand wird eng am zukünftigen Bedarf des Unternehmens ausgebildet. Ob naturwissenschaftlicher, technischer oder kaufmännischer Beruf die Wahl der passenden Ausbildung richtet sich nach dem absehbaren Ersatz- oder Expansionsbedarf im Unternehmen. Nach erfolgreichem Abschluss werden die ausgebildeten Fachkräfte in der Regel übernommen. Im Normalfall bleiben diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für lange Zeit dem Unternehmen treu, die Identifikation ist hoch, die Fluktuation niedrig. Deshalb ist es für die Max Muster GmbH auch so wichtig, stets fachlich und persönlich geeignete Bewerber für die ausgeschriebenen Lehrstellen zu finden. Nur dadurch kann die bisher so erfolgreiche Nachwuchsgewinnung durch Ausbildung im eigenen Haus auch in Zukunft fortgesetzt werden. Ausbildungsmarkt im Umbruch, Mehr Chancen für junge Menschen mehr Probleme für Betriebe, Immer mehr Ausbildungsplätze unbesetzt, Jeder zweite Betrieb gibt Nachhilfe für Azubis so oder so ähnlich titelten Deutschlands Zeitungen zuletzt, als die jährliche Ausbildungsbilanz gezogen wurde. Der Ausbildungsleiter der Max Muster GmbH spürt selbst, dass in den kommenden Jahren bei der Azubi-Gewinnung Veränderungen auf sein Unternehmen zukommen werden. Auch sein Ausbildungsmarkt ist im Umbruch. Während zum Beispiel für den Ausbildungsplatz Industriekaufmann/-frau in den letzten Jahren ausreichend viele Bewerbungen eingegangen sind, war es beim Ausbildungsplatz Anlagenmecha niker/-in schon schwieriger, geeignete Kandidaten zu finden, denn die Zahl der Bewerbungen hat kontinuierlich abgenommen. Die Chemikanten-Lehrstelle ist eigentlich immer über einen direkten Kontakt aus der Belegschaft besetzt worden. Zum Glück, denn Bewerbungen hat es hier trotz Annoncen in der Lokalzeitung kaum gegeben. Wie lange diese MiKi-Stra- 92

2 Potenziale heben tegie (Mitarbeiter-Kinder) bei der Rekrutierung noch gut geht, steht allerdings in den Sternen. Doch gerade im naturwissenschaftlichen und im gewerblich-technischen Bereich wird der Ersatzbedarf in Zukunft steigen. Das zeigt der Blick in die Binnendemografie der Max Muster GmbH. Vielleicht ist es an der Zeit, auch andere Rekrutierungsoptionen und neue Zielgruppen ins Auge zu fassen. Gerade bei den schwächeren Jugendlichen schlummert ungenutztes Potenzial, das sich heben lässt. Berührungsängste hat der Ausbildungsleiter der Max Muster GmbH keine, ohnehin zielt er nicht darauf ab, stets die Olympioniken unter den Bewerbern auszuwählen, sondern die richtigen Kandidatinnen oder Kandidaten zu finden. Damit hat er bisher gute Erfahrungen gemacht. Vom Arbeitgeberverband HessenChemie hat er jüngst von der Sozialpartner-Initiative Start in den Beruf gehört. Ein Ansatz, der auch für seine Firma in Frage kommen kann. B. Start in den Beruf -Programm der Chemie-Sozialpartner I. Perspektiven schaffen Chancen nutzen Das Start in den Beruf -Programm in der Chemiebranche zielt auf die Förderung von Schulabgängern, die bisher keine Lehrstelle gefunden haben und denen die Voraussetzungen für die erfolgreiche Aufnahme einer Berufsausbildung noch fehlen. Gestartet wurde diese gemeinsame Initiative vom Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) im Jahr Bis heute sind in den beteiligten Unternehmen elf Durchläufe mit jeweils gut 200 Teilnehmern absolviert worden. Dabei ist es gelungen, dem größten Teil der Jugendlichen Zukunftsperspektiven für eine erfolgreiche berufliche Entwicklung zu eröffnen. Perspektiven schaffen, Chancen nutzen dieser Ansatz zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit hat in der Chemie eine lange Tradition. Bereits seit 1977 existierte in der chemischen Industrie der Tarifvertrag für Jugendliche ohne Hauptschulabschluss und ausländische Jugendliche, der auf die Vermittlung von Berufsfertigkeiten zielte, um Jugendliche zur Ausübung einer beruflichen Tätigkeit oder zur Aufnahme einer Ausbildung zu befähigen folgte der Tarifvertrag zur Förderung der Integration von Jugendlichen. 93

3 Die ursprüngliche Idee der Jugendförderung wurde im Laufe der Zeit immer weiterentwickelt. In Anlehnung an ein pädagogisches Konzept der BASF, mit dem bereits seit 1993 leistungsbereite Jugendliche für eine anschließende Berufsausbildung fit gemacht wurden, haben die Chemie- Sozialpartner BAVC und IG BCE schließlich im Jahr 2000 Start in den Beruf als Initiative für die gesamte Chemiebranche ins Leben gerufen. II. Konzeption und Zielsetzung Mit Start in den Beruf sollen Schulabgänger, denen die Voraussetzungen für die Aufnahme einer Ausbildung fehlen, durch ein sechsbis zwölfmonatiges Förderprogramm zur Ausbildung qualifiziert oder in das Berufsleben eingegliedert werden. Vorrangiges Ziel ist die Qualifizierung für eine anschließende Berufsausbildung. Entscheidend für die bisherigen Erfolge sind aus Sicht der Chemie-Sozialpartner und der beteiligten Unternehmen die Verbindung von betrieblicher Praxis und theoretischer Wissensvermittlung sowie eine intensive sozialpädagogische Betreuung. Damit können auch Defizite im Verhaltensbereich ausgeglichen werden. Der Aufbau sozialer Kompetenzen trägt zum Erlernen von Schlüsselqualifikationen und dem Erwerb von Handlungskompetenz bei. Die Teilnehmer einer Start-Maßnahme werden eng in die verschiedenen betrieblichen Abläufe eingebunden und erhalten damit zunächst die Möglichkeit der Orientierung. Später findet bei entsprechendem Leistungsnachweis und Motivation eine Intensivierung im vorschattierten Ausbildungsgang statt. Ergänzt werden die praktischen Aktivitäten mit einer umfassenden Betreuung durch die Ausbilder vor Ort und die Lehrer im begleitenden schulischen Unterricht (Umgang mit Sprache, Mathematik und Rechnen, naturwissenschaftliche Grundlagen, Umweltschutz und Arbeitssicherheit). Abgerundet wird das Engagement durch eine sozialpädagogische Begleitung, um mögliche Defizite im sozialen Bereich auszugleichen. Die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung hängt jeweils von den betrieblichen Gegebenheiten sowie von den Bedürfnissen der Jugendlichen ab. Die Jugendlichen sammeln im Start-Programm Erfahrungen in der Arbeitswelt und lernen je nach Angebot die betrieblichen Anforderungen und Abläufe in ganz verschiedenen Berufsfeldern kennen. Dies 94

4 Potenziale heben ermöglicht ihnen Berufsorientierung, zum Beispiel in naturwissenschaftlichen und gewerblich-technischen Berufen, im kaufmännischen Bereich oder bei Handwerks- oder Gastronomie-Berufen. Wir helfen den Teilnehmern, ihre Stärken zu entdecken und zu entwickeln und fördern notwendige Schlüsselqualifikationen. Zu unseren Zielen gehört auch, die Ausdauer der Teilnehmer zu verbessern sowie Genauigkeit und Sorgfalt zu schulen. Indem die Jugendlichen lernen, zielgerichtet zu arbeiten, wird ihre Motivation gefördert und die eigene Leistungsfähigkeit entdeckt, erklärt der Bildungsleiter eines langjährig beteiligten Unternehmens. III. Förderung durch den Unterstützungsverein der chemischen Industrie (UCI) Eine Besonderheit aus Sicht der am Start-Programm teilnehmenden Jugendlichen: Sie erhalten gemäß Tarifvertrag zur Förderung der Integration von Jugendlichen eine Eingliederungsvergütung von monatlich 430 Euro. Der Unterstützungsverein der chemischen Industrie (UCI) eine gemeinsame Einrichtung von BAVC und IG BCE gewährt auf Antrag eine Förderung als Zuschuss zum Lebensunterhalt für Jugendliche bis zum vollendeten 25. Lebensjahr. Derzeit beträgt die monatliche UCI-Förderung 205 Euro. Ein Anspruch auf Förderung besteht nicht. Die genauen Fördermodalitäten sind im Tarifvertrag über den Unterstützungsverein der chemischen Industrie geregelt. Bis heute wurden durch den UCI mehr als Jugendliche mit einem Gesamtvolumen von 5,2 Millionen Euro gefördert. Die am Start in den Beruf -Programm beteiligten Unternehmen zeigen ein hohes gesellschaftspolitisches und auch finanzielles Engagement. Dieser Einsatz auch der persönliche Einsatz der Ausbilderinnen und Ausbilder lohnt sich: Für eine Vielzahl von Jugendlichen ergeben sich so neue Perspektiven und gute Chancen auf eine berufliche Ausbildung und damit auf ein eigenständiges Leben. Und auch die Unternehmen profitieren. Sie erschließen sich neue Zielgruppen und Potenziale für die Nachwuchsgewinnung. IV. Bisherige Erfolgsbilanz Die bisherigen Erfolgsquoten von Start in den Beruf rechtfertigen das Engagement der Unternehmen und die finanzielle Förderung durch den UCI. 95

5 Von den insgesamt Jugendlichen der Jahrgänge 2000/2001 bis 2010/2011, die durch den UCI gefördert wurden, haben laut UCI-Angaben rund 80 Prozent im Anschluss entweder eine Ausbildung begonnen (70 Prozent), eine weiterführende Schule besucht (6 Prozent), direkt einen Arbeitsplatz angetreten (3 Prozent) oder eine sonstige Anschlussmaßnahme begonnen (1 Prozent). Etwa 20 Prozent der Teilnehmer haben das Programm vorzeitig abgebrochen beziehungsweise ihr anschließender Verbleib ist unbekannt. Durch die hohen Übergangsquoten in eine anschließende Ausbildung ist das Start -Programm ein direkter Kanal für die Gewinnung von Auszubildenden. Mehr als 50 verschiedene Berufsbilder sind von den erfolgreichen Start-Absolventen bisher gewählt worden. Die TOP 5 der Ausbildungsberufe im Anschluss an das Start -Programm sind: Chemikant/in, Industriemechaniker/in, Anlagenmechaniker/in, Produktionsfachkraft Chemie sowie Elektroniker/in. Es überwiegen damit klassische Facharbeiterberufe, die in der chemischen Industrie etabliert und nachgefragt sind. C. StartPlus Unterstützung für den Mittelstand Mit dem Tarifabschluss vom März 2011 haben die Chemie-Tarifparteien ihr Engagement bei der Nachwuchssicherung nochmals verstärkt. Das bereits seit dem Jahr 2000 bewährte Start in den Beruf -Programm soll als Mittelstands-Initiative StartPlus ausgebaut werden. StartPlus zielt dabei auf die organisatorische und auch finanzielle Unterstützung kleiner und mittlerer Betriebe (bis 500 Beschäftigte) der Chemiebranche, welche die umfassende pädagogische Betreuung der Jugendlichen nicht selbst leisten können. Die finanzielle Förderung durch den Unterstützungsverein der chemischen Industrie wird im Rahmen von StartPlus ausgeweitet. Der UCI erhöht die monatliche Förderung von bisher 205 Euro pro Teilnehmer auf bis zu 430 Euro. Für die von einem externen Dienstleister übernommene sozialpädagogische Betreuung können durch den UCI zudem weitere Zuschüsse gewährt werden. 96

6 Potenziale heben Seit Herbst 2011 wurden in einigen Regionen von den regionalen Chemie-Sozialpartnern erste Pilotmaßnahmen zu StartPlus initiiert. Hierzu wurden entsprechende Dienstleister als Kooperationspartner für Auswahlverfahren, Bildungsangebote und sozialpädagogische Betreuung gewonnen. Mit den interessierten Betrieben wurden von den beteiligten Chemie-Arbeitgeberverbänden die organisatorischen, rechtlichen und pädagogischen Fragen geklärt. Die Chemie-Sozialpartner gehen davon aus, dass StartPlus den Unternehmen einen zusätzlichen Weg zur Nachwuchsgewinnung eröffnet und zugleich den Mittelstand in die Lage versetzt, die Ausbildungschancen benachteiligter Jugendlicher wesentlich zu erhöhen. Von diesem Ansatz kann auch die Max Muster GmbH profitieren, indem sie sich zusätzliche Potenziale für die eigene Ausbildung erschließt und einer bisher nicht angesprochenen Zielgruppe von jungen Menschen die Perspektive für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben eröffnet. Weitere Informationen zu Start in den Beruf und zu StartPlus finden Interessierte unter 97

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