PARMENIDES NR. 11 (September/Oktober 2013) Rundbrief an die Mitglieder und Freunde der

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1 PARMENIDES NR. 11 (September/Oktober 2013) Rundbrief an die Mitglieder und Freunde der PHILOPRAXIS NR. 1 FÜR RATIONALE ARGUMENTATION UND GEISTIGES WOHLSEIN E.V. Liebe Freundinnen und Freunde der Philosophie, sehr geehrte Damen und Herren! Unser zweites Sankelmark-Seminar hat uns so freundliche Kommentare eingebracht, dass wir nicht daran zu zweifeln brauchen: Es war ein voller Erfolg. Unter Nachgedacht finden Sie auf der nächsten Seite ein kleines Resümee, ebenso wie zur Mitleids -Sequenz der Gesprächsrunden im August. Das dritte Seminar dieser Art ist bereits terminlich fixiert im März Wir haben die zweite Folge unserer Garten- und Salonphilosophie absolviert, möglicherweise kann im Oktober ein zweiter, paralleler Intensivkurs starten. - Versäumen Sie bitte nicht, uns in Ihrem Freundeskreis bekanntzumachen! Herzliche Grüße, Helmut Stubbe da Luz, Tanja Trede-Schicker Inhalt: I. Nachgedachtes a) zum August-Thema Mitleid b) zum 2. Sankelmark-Wochenendseminar ( Scheitern ) II. Ausblick a) Intensivkurs Argumentation b) Das nächste Sankelmark-Seminar, im März 2014 III. Philo Start. Nützlichkeit Wahrheit - Folgerichtigkeit (II.) PHILOPRAXIS NR. 1 FÜR RATIONALE ARGUMENTATION UND GEISTIGES WOHLSEIN E. V. (VR 21485, AG HH; als gemeinnützig anerkannt v. FA HH-Nord, St.-Nr. 17 /451/08284) Vorstand: Priv.-Doz. Dr. phil. Helmut Stubbe da Luz, Tanja Trede-Schicker M.A. Bredenbekstieg 6 / Hamburg Tel / / Fachlicher Beirat: Dr. jur. Axel Enderlein; Dr. rer. pol. Carsten Kaven; Dipl-Phys. Dr. phil. Ulf Skirke

2 2 I NACHGEDACHTES Ia NACHGEDACHTES: ZUM AUGUST-THEMA IST MITLEID EIN SCHLECHTER R ATGEBER? - GEDANKEN ZU F ÜRSORGE UND SELBSTSORGE Bei Mitleid wird in der Regel (und ohne darüber großartig nachzudenken) nicht an ein Gefühl gedacht, an das Gefühl, das Leid anderer nachzuempfinden, sondern an die daraus entstehenden Handlungen. Die vorwurfsvolle Frage, ob jemand denn gar kein Mitleid habe, zielt nicht auf dessen innere Befindlichkeit, sondern auf sichtbare Handlungen: Ingrid ist an einem Bettler vorübergegangen; sie unterlässt es, einen anderen, von einem Unglück oder von einem Defizit betroffenen Menschen ausdrücklich zu bedauern; sie handelt in ihrer Rolle als Bürokratin rein vorschriftsmäßig, lässt mildernde Umstände nicht gelten. Legt sie die entgegengesetzten Verhaltensweisen an den Tag, ist ihre innere Verfassung eigentlich gleichgültig. Wer dem anderen tröstend auf die Schultern klopft, mag schauspielern; für ein unsichtbares Mitleid, das weder in Sprechakten oder handfesteren Handlungen zum Ausdruck kommt, kann sich niemand etwas kaufen. Das Gefühl ist Privatsache, die Handlungen werden ethisch beurteilt moralisch oder auch rechtlich, nach dem Grad ihrer (wie auch immer definierten) Nützlichkeit oder Schädlichkeit. Da gehen die Urteile oft weit auseinander. Wie sollte man sich gegenüber Bedürftigen, Kranken, Behinderten verhalten, gegenüber Afrika-Hilfsorganisationen, die an unser Fernmitleid appellieren? Das Mitleidsgefühl bringen wir im Keim wohl mit genetisch (durch die Funktion von Spiegelneuronen) veranlagt. Seit der Entdeckung jener Spiegelneuronen können Mitgefühl und Mitleid im Gehirn bis zu einem gewissen Grade lokalisiert werden: Wir können die Gefühlslage anderer Personen in uns abbilden, nachempfinden. Doch ist diese Fähigkeit zur Empathie nur eine notwendige, nicht aber hinreichende Voraussetzung für die Entwicklung von Mitleid im Einzelfall. Wir müssen demjenigen, der leidet, prinzipiell wohlgesinnt sein. Auch wird unser Vermögen zum Mitleid durch Sozialisation ausgeformt. Doch selbst dann ist Mitleid, sofern nicht durch Vernunft gefiltert, kanalisiert, situationsgemäß dosiert, nur ganz bedingt ein guter Ratgeber.

3 3 Schopenhauers Diktum, grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen sei der festeste und sicherste Bürge für das sittliche Wohlverhalten und bedürfe daher keiner Kasuistik, ist schon in seiner Formulierung (und Logik) als All-Satz, als unbedingt, von Leichtsinn geprägt; gar fährt Schopenhauer in romantisierender Weise fort: Wer davon erfüllt ist, wird zuverlässig keinen verletzen, keinen beeinträchtigen, keinem wehe tun, vielmehr mit jedem Nachsicht haben, jedem verzeihen, jedem helfen, so viel er vermag, und alle Handlungen werden das Gepräge der Gerechtigkeit und Menschenliebe tragen." Das Mitleidsvermögen des Homo sapiens ist gewiss eine Chance, sozialverträgliches, solidarisches Verhalten zu fördern; als Emotion ist es aber definitionsgemäß nicht-rational, potentiell irrational, möglicherweise schädlich sofern es sich in Handlungen konkretisiert. Der Bettler mag keiner sein; dem Armen wäre vielleicht durch Lehre und Arbeit mehr geholfen als durch Passivität erzeugende Gaben; die Hilfsorganisation müsste erst einmal nachweisen, dass es ihr nicht in erster Linie um den Selbsterhalt als Organisation geht. Mancher Kranke oder Behinderte verlangt nach Respekt, nicht aber nach Mitleid. Dies auseinander zu halten ist eine zutiefst menschliche Aufgabe und eine Herausforderung zur Entwicklung einer ethische Haltung des Mit- und füreinanders. Ib NACHGEDACHTES ZUM 2. SANKELMARK-WOCHENENDSEMINAR: ERFOLGREICH SCHEITERN Wenn der paradox anmutende Titel mehr sein soll als ein Aufmerksamkeitserreger, muss Scheitern, müssen sämtliche Sorten des Schiffbruchs (Naufragium) im Verlauf eines bestimmten Unternehmens, soweit dies möglich ist, als Prozess verstanden werden. Es geht hier bei erfolgreich Scheitern nicht darum, aus Scheitern in dem Sinne zu lernen, dass entsprechende Unternehmen künftig unterlassen werden, oder zu lernen, sich von Misserfolgen nicht unterkriegen zu lassen, gewissermaßen Stehaufmännchen-Qualität zu beweisen. Erfolgreich scheitern heißt den Scheiternsprozess im konkreten Fall so abzuwickeln, dass Schaden begrenzt wird, dass die Niederlage mit fliegenden Fahnen, in geordnetem Rückzug oder mit ehrenhafter Kapitulation, also irgendwie gesichtswahrend mit-gestaltet wird, dass

4 4 diese Mitgestaltung anderen zum Vorbild gereichen kann, dass Neuanfänge sich ermöglicht, gar erleichtert finden. Unsere Sprache scheint dafür bisher vor allem martialische Redewendungen bereitzuhalten. Wir scheitern mit unseren Vorhaben, Unternehmungen, Lebensentwürfen, Projekten, Zielen, an der Realität (erstens) subjektiv, in unseren eigenen Augen, (zweitens) intersubjektiv (in den Blicken der anderen), (drittens) objektiv (unter Anwendung übergeordneter, wissenschaftlicher Maßstäbe, sofern damit ein nennenswertes Maß an Objektivität erreicht werden kann). Theorie dient als Probehandeln dazu, praktische Scheiternsfälle im Rahmen bestimmter Unternehmen an Zahl und Intensität zu verringern. Scheitern gehört zum Leben dazu, und die Existenzphilosophie hat dies mit besonderer Schärfe erkannt. Scheiternstheorie muss den Verlauf des Scheiterns (immer in konkreten Abläufen), seine Phasen, begreifen, hervorheben mit dem Ziel, rechtzeitig Anfänge und frühe Stadien zu erkennen, ferner die Möglichkeit schaffen, das endgültige, totale Scheitern zu vermeiden und sich auf einer pränaufragialen Stufe oder in einem frühnaufragialen Stadium über Wasser zu halten in der Hoffnung, Boden unter die Füße zu bekommen. Für manche Scheiternsprozesse sind gesellschaftliche, rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen worden, mehr oder weniger geglückt, stets verbesserungsfähig - die Ehescheidung, die Insolvenz beispielsweise. Individuelles Scheitern soll in seinen schädlichen Auswirkungen auf die Gesellschaft, aber auch auf den betroffenen Akteur, beschränkt werden. Wo das nicht der Fall ist, wo ungebremster Schiffbruch eintritt, ist möglicherweise sein Prozesscharakter nicht erkannt worden, sind die Anfänge nicht aufgefallen. Dann bleibt nur noch die Möglichkeit, sich als Phönix aus der Asche zu erheben; das aber wäre kein erfolgreiches Scheitern, sondern ein erfolgreicher postnaufragialer Neuanfang. II. AUSBLICK II a) Intensivkurs Das ist doch kein Argument Beginn: Voraussichtlich im November 2013 Unverbindliche, kostenfreie Vorbesprechung am Montag, 14. Oktober 2013 in der KunstKate um Siehe auch weiter unten Philo-Start -

5 5 IIb) Sankelmark-Seminar III, 14. bis 16. März PERSÖNLICHE ERFÜLLUNG? GESELLSCHAFTLICHER FORTSCHRITT? - WAS UNSER PHILOSOPHIEREN BEWIRKEN KANN Heraus aus dem Elfenbeinturm soll die Philosophie. Doch was wird mit kritischer Nachdenklichkeit und vernünftigem Argumentieren im wahren Leben zu erreichen sein? Wie können wir durch Denken Denken unser persönliches geistiges Wohlsein fördern und in unserem gesellschaftlichen Umfeld etwas verändern? Welche Weisheiten lagern in der philosophischen Schatzkiste, welche Denkwerkzeuge stellt die philosophische Toolbox zur Verfügung? Anmeldungen werden ab sofort entgegengenommen! Die ersten sind schon eingetroffen! III. PHILO START. Nützlichkeit Wahrheit Folgerichtigkeit. Bemerkungen zu Grundproblemen der Philosophie (II.) Einführungen in die Philosophie sind selbst ein Stück Philosophie. Die Zahl solcher Einführungen in Buchform ist kaum mehr übersehbar. Unsere Philopraxis No. 1 bietet unter dem Programmpunkt Philo Start selbstverständlich auch solche Einführungen. Hier wird schrittweise eine davon vorgestellt. In Folge I ist gezeigt worden, dass es beschreibende und vorschreibende Sätze gibt und das es erforderlich ist, sie auf korrekte logische Art und Weise miteinander zu verbinden. Wir bleiben ein bei der Logik. Wenn ein deskriptiver oder präskriptiver Satz im Raum steht, weil ihn jemand geäußert hat, gibt es zwei Möglichkeiten: Der Autor des Satzes hat gescherzt oder es ist ihm ernst mit seiner Äußerung. Im zweiten Fall ist damit dann entweder der Anspruch verbunden, der Satz beschreibe zutreffend

6 6 ein Stück Realität oder aber der Anspruch, der Satz fordere Nützliches. Jetzt treten erneut zwei Möglichkeiten auf: Der Satz von anderen Menschen ignoriert oder akzeptiert, oder aber er stößt auf Skepsis. Im letztgenannten Fall wird eine Verteidigung des Satzes verlangt, er gelangt in die Rolle einer These. Eine These muss mit Argumenten verteidigt werden. Der Satz und sein Autor sehen sich mit der Warum - oder mit der Wozu -Frage konfrontiert, und diese beiden Fragen können auch wie folgt formuliert werden: Wie kommen Sie darauf? Mit der Frage Wie kommen Sie darauf? werden Prämissen angefordert, Voraussetzungen, Sätze, aus denen sich die umstrittene These ergeben muss. Die These wird auf diese Weise zugleich zu einer Konklusion, zu einem logischen Schluß. Der Autor sucht sich seine Prämissen zusammen. Er braucht mindestens zwei, eine allgemeine und eine besondere. Meist kommt ein ganzes Gebäude von Prämissen zusammen. Schematisch sieht das so aus: 1. Prämisse 2. Prämisse Konklusion Die Reihenfolge Prämissen > Konklusion ist die logische; die zeitliche Reihenfolge ist meist die umgekehrte. Sowohl im Denken als vor allem auch im Kommunizieren kommt der Satz, der dann unter Umständen zur These und Konklusion wird, zuerst zur Sprache. Die Prämissen werden spontan oder auf Nachfrage nachgeschoben. Fortsetzung folgt Helmut Stubbe da Luz

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