Die Logik der Marktwirtschaft. 4. Makroökonomische Probleme und Krisen

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1 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 März 2015 Die Logik der Marktwirtschaft 4. Makroökonomische Probleme und Krisen 4.1 Makroökonomische Risiken und Ungleichgewichte 1. Konjunkturelle Risiken Über- und Unterbeschäftigung Inflation und Depression Makroökonomische Probleme und Staat 1. Expansive Fiskalpolitik Staatsverschuldung und Kapitalmarkt Grenzen der Staatsverschuldung 30 3.Schuldenkrisen 34 Literatur zu Kapitel 4 39

2 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel Makroökonomische Probleme und Krisen 4.1 Gesamtwirtschaftliche Risiken und Ungleichgewichte 1. Konjunkturelle Risiken 1. Die im vorigen Kapitel beschriebenen Risiken einer Marktwirtschaft beruhen darauf, dass ökonomische Entscheidungen mit gewissen Wahrscheinlichkeiten Verluste nach sich ziehen können. Dies ist insbesondere der Fall bei Kapitalanlagen, deren Erträge von zukünftigen Marktlagen abhängen, die man nicht mit Sicherheit prognostizieren kann. Die Folge ist, dass es neben Gewinnern auch Verlierer gibt. Bei breiter Risikostreuung muss dies nicht für die Gesamtwirtschaft gelten. Für diese überwiegen zumindest im langfristigen Durchschnitt, aber auch in den meisten Entwicklungsperioden die Gewinne, so dass in diesen Phasen zwar mikroökonomische, aber keine makroökonomischen Verlustrisiken auftreten. Von Zeit zu Zeit gibt es aber Phasen der Konjunktur mit gesamtwirtschaftlichen Einkommenseinbußen und Verlusten. In der Sprache der Statistik sind in diesen Phasen die einzelwirtschaftlichen Gewinn- und Verlustwahrscheinlichkeiten nicht mehr stochastisch unabhängig. Zum Teil lassen sich solche Einbrüche mit außerökonomischen Einflüssen erklären wie Kriegen oder Naturkatastrophen, zum Teil aber auch mit Veränderungen von ökonomischen Fundamentaldaten, von Präferenzen, Technologien und verfügbaren Produktionsfaktoren. Auf der Makroebene spielt sich dann im Prinzip das ab, was man auf partiellen Märkten immer beobachtet: Laufende Änderungen von Angebot und Nachfrage, die auf effizienten Märkten über Preisbewegungen zu neuen Gleichgewichten führen und Marktrenten an die veränderten Verhältnisse anpassen. Man kann diese Vorstellungen von gleichgewichtigen makroökonomischen Schwankungen mit einem einfachen Wachstumsmodell illustrieren. Höhe und Wachstum des Sozialprodukts werden durch die Entwicklung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital bestimmt. Der entsprechende Zusammenhang wird durch eine makroökonomische Produktionsfunktion Y=TNf(K/TN) beschrieben, mit konstanten Skalenerträgen 1 und f'>0, f''<0. Dabei bezeichnet Y das Sozialprodukt, N den Arbeitseinsatz (bei Vollbeschäftigung) und K den 1 Wenn beide Produktionsfaktoren mit dem gleichen Prozentsatz steigen, wächst auch das Sozialprodukt mit diesem Prozentsatz.

3 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 2 vorhandenen Kapitalstock. Der Faktor T gibt die Produktivität der Arbeit an. Im allgemeinen denkt man dabei an den jeweiligen Stand der Produktionstechnologie, aber man kann sich darunter z.b. auch die Verfügbarkeit von Rohstoffen oder die Qualität der herstellbaren Produkte vorstellen. Unter Wettbewerbsbedingungen werden die Produktionsfaktoren nach ihren Grenzproduktivitäten entlohnt. Der Zinssatz auf Kapital ist r= Y/ K und der Reallohn w= Y/ N. Bei konstanten Skalenerträgen entstehen dabei weder Gewinne noch Verluste, d.h. es ist Y-wN-rK=0. Ein treibender Faktor von Wachstum und Entwicklung ist die Kapitalbildung. Sie erhöht die Produktionsmöglichkeiten nicht nur einzelwirtschaftlich (über die Produktionsfunktion), sondern zusätzlich auch noch gesamtwirtschaftlich, wenn sie über externe Effekte auch Arbeitsproduktivität, Ressourcenverbrauch und Produkteigenschaften positiv beeinflusst. Auf besonders einfache Weise kann man diesen Einfluss als proportionalen Zusammenhang T= K/N beschreiben. Der technische Stand der Produktion steigt mit der Kapitalausstattung der Arbeitsplätze. Dann bestimmt der Parameter das Wachstum des Sozialprodukts und die Erträge der Produktionsfaktoren, und seine Variationen führen zu Schwankungen dieser Größen, die man als Konjunkturbewegungen einer gleichgewichtigen Entwicklung interpretieren kann. Mit der obigen Produktionsfunktion ergibt sich für das Sozialprodukt Y= f(1/ )K. Wird davon ein bestimmter Anteil s gespart und investiert, dann ist K=sY, und die Wachstumsrate von Kapitalstock und Sozialprodukt ist K/K= Y/Y=s f(1/ ). Der Zinssatz ist f'(1/ ), und der Arbeitslohn w=[ f(1/ )-f'(1/ )]K. Wachstumsrate, Zinssatz und Arbeitsentgelt hängen also direkt vom Produktivitätsparameter ab. So steigen Wachstum, Kapitalerträge und Entlohnung der Arbeit, wenn durch Kapitalbildung produktivere Verfahren entwickelt oder neue Märkte erschlossen werden, sie fallen, wenn sich Rohstoffverknappungen oder Sättigungstendenzen durch Kapitalbildung nicht oder nur teilweise neutralisieren lassen. Auf diese Weise wird das Auf und Ab des Wachstumsprozesses durch eine Kombination exogener und endogener Veränderungen von Technologien, Präferenzen und Verfügbarkeit von Ressourcen erklärt, an die sich die Ökonomie durch übliche Marktmechanismen gleichgewichtig anpasst. 2. Diese Erklärung erfasst zwar wichtige Bestimmungsgründe von Hochkonjunkturen und gesamtwirtschaftlichen Einbrüchen, aber sie verdeckt und übersieht reale Probleme, die mit solchen Veränderungen verbunden sein können. Einerseits gehen Wachstumsschwankungen oft mit erheblichen makroökonomischen Ungleichgewichten einher, und andererseits können

4 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 3 auch in Marktgleichgewichten Fehlentscheidungen stecken, die auf unvorhergesehenen Veränderungen beruhen. So brechen von Zeit zu Zeit ökonomische Krisen aus, die nicht oder zumindest nicht in diesem Ausmaß erwartet worden sind 2. Bernanke, Präsident der Notenbank der USA bis 2013, zählt dazu z.b. im vorigen Jahrhundert "the great depression" der dreißiger Jahre, "the great inflation" der sechziger und siebziger Jahre, und "the financial crisis and the great recession" zu Beginn dieses Jahrhunderts (Bernanke 2013). Auch wenn die ökonomischen Akteure die damit verbundenen Entwicklungen nicht von vornherein ausgeschlossen haben, hätten sie sich doch anders entschieden, wenn sie ihre Möglichkeit ernsthaft in Erwägung gezogen hätten. Sie haben sich in diesem Sinne bei ihren Entscheidungen von falschen Erwartungen leiten lassen 3. Makroökonomisch betrifft dies vor allem Ertragserwartungen von Investoren und Kapitalanlegern. Wie die Erfahrung zeigt, sind diese von Zeit zu Zeit durch Wellen von Optimismus oder Pessimismus geprägt, die sich später als unbegründet erweisen. So eröffnen z.b. neue Ressourcen und Absatzgebiete ebenso wie Verfahrens- und Produktinnovationen Gewinnchancen, die eine Flut von Investitionen und als Folge davon einen sich selbst verstärkenden Boom auslösen. Wenn dabei Produktionsmöglichkeiten und Marktchancen allgemein überschätzt werden, wird zu viel investiert 4. Umgekehrt bleiben bei großer allgemeiner Unsicherheit Investitionen aus, die rentabel gewesen wären. In beiden Fällen entstehen gesamtwirtschaftliche Verluste. Mit dem obigen Wachstumsmodell kann man auch diese Problematik illustrieren. Der Einfachheit halber wird dabei der Arbeitseinsatz bei Vollbeschäftigung auf N 1 normiert. Im Wettbewerbsgleichgewicht werden die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital nach ihrer Grenzproduktivität entlohnt, was bei der angegebenen Produktionsfunktion dazu führt, dass weder Gewinne noch Verluste entstehen. Beim Zinssatz r, dem Lohnsatz w und den Gewinnen Π ist also 2 "It is almost tautological that severe crises are essentially unpredictable, for otherwise they would not cause such a high degree of distress" (Caballero, 2010, S. 85). 3 Inzwischen wird auch im Rahmen der herrschenden neoklassischen Makroökonomie die Bedeutung von "Erwartungsschocks" erkannt und berücksichtigt. Es wird eingeräumt, dass Erwartungen über zukünftige Fundamentaldaten, über die es nur beschränkte Informationen gibt, die treibende Kraft ökonomischer Zyklen seien und dass dabei unbegründete Wellen von Optimismus oder Pessimismus über zukünftige Möglichkeiten eine zentrale Rolle spielen, weil sie Entscheidungen über Investitionen, Konsum und Beschäftigung bestimmen. Vgl. dazu Jaimovich und Rebelo (2009, S und 1099), Lorenzini (2009, S f.), Milani (2011, S. 379f., 400). 4 Gute Belege dafür sind z.b. wiederkehrende Immobilienkrisen, bei denen die Aufnahmefähigkeit des Marktes überschätzt worden ist.

5 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 4 r=f'(k/t), w= Tf(.)-Kf'(.), Y-w-rK=0. Dabei ist zu beachten, dass die Zinsgleichung hier die Nachfrage nach Kapital bei einem gegebenen Stand der Technik beschreibt, der durch T ausgedrückt wird 5. Entscheidend für die Bestimmung der Kapitalnachfrage ist die Erwartung über die Höhe dieses Parameters. Bei falschen Erwartungen kommt es zu Fehlentscheidungen mit unerwarteten Verlusten. Dies kann man besonders einfach erkennen, wenn man unterstellt, dass der Zinssatz konstant ist 6. Aus der Zinsgleichung folgt dann der Gleichgewichtswert von K/T, der die Entwicklung von Y und w bestimmt. Wenn T bei gegebenem K/T fällt (oder weniger stark steigt), wird entsprechend weniger Kapital gebildet, Sozialprodukt und Lohnsatz fallen, weil die Ertragsmöglichkeiten nachgelassen haben, aber ohne dass dadurch Verluste entstehen. Das ist anders, wenn die Investoren die Entwicklung falsch einschätzen, also ein technisches Niveau T E erwarten, das sich nicht bestätigt. Ist z.b. bei zu optimistischen Erwartungen T E >T, dann ist r=f'(k/t E ). Daraus folgt, dass zu viel Kapital gebildet wird, so dass bei der tatsächlichen technologischen Entwicklung Verluste in Höhe von [f'(k/t)-f'(k/t E )]K<0 entstehen. Können sich die Unternehmer aufgrund von Haftungsbeschränkungen oder fehlenden Mitteln ihren Verpflichtungen entziehen, so verlieren die Sparer, weil sie nicht die vereinbarte Verzinsung ihrer Anlagen erhalten 7. In beiden Fällen leidet der Kreditmarkt. Aus Angst vor Verlusten reduzieren Sparer ihre Anlagen und schränken so die Kreditvergabe von Banken und anderen Finanzinstituten ein. Auch Institute, die gar nicht betroffen sind, können in diesen Strudel geraten, wenn nicht bekannt ist, ob sie zu den Verlierern gehören. Es entsteht ein allgemeiner Vertrauensverlust, bei dem Kredite, die in normalen Zeiten unproblematisch wären, nicht mehr vergeben werden, weil man die Kreditwürdigkeit nicht mehr einschätzen kann. Ein solcher Einbruch des Kreditmarktes trifft in jedem Fall potentielle Investoren, die dann nicht mehr die Mittel erhalten, mit denen sich rentable Investitionen durchführen ließen. Aber es beeinträchtigt auch die normale Produktionstätigkeit, für die Unternehmungen ebenfalls auf Kredite angewiesen sind, weil sie Vorleistungen vorfinanzieren müssen, bevor sie selbst Erträge erzielen. 5 Der oben eingeführte Technologieparameter spielt bei der Entscheidung für die Höhe der Kapitalnachfrage keine Rolle, weil er durch einen externen Effekt (T= K) entsteht, der bei der einzelwirtschaftlichen Entscheidung nicht berücksichtigt wird. 6 z.b. wenn das Kapitalangebot aufgrund der Zeitpräferenz der Sparer bei diesem Zinssatz vollkommen elastisch ist. 7 Für eine Verbindung von Umverteilungen und Rentenverlusten kann man hier, wie bei den folgenden Erörterungen, nochmals den Abschnitt mit der Figur 2.6 heranziehen.

6 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 5 Zu optimistische Erwartungen können außerdem unrealistische Lohnvereinbarungen begünstigen, die zusätzliche Unternehmensverluste oder Arbeitslosigkeit verursachen. Bei Vollbeschäftigung ist der Lohnsatz w=tf(k/t)-r K. Wird der zu erwartende Stand der Technik überschätzt (T E >T), kann für alle Arbeitsanbieter ein höherer Lohn w E vereinbart werden. Beim tatsächlichen Stand der Technik kommt es dann bei den vereinbarten Löhnen zu Verlusten in Höhe der Lohndifferenz w E -w oder, wenn die Lohnvereinbarung nicht rückgängig gemacht werden kann, zu kostenbedingten Kündigungen, so dass die Lohnkosten w E N sinken. 3. Übertriebene Ertragserwartungen sind natürlich besonders problematisch, wenn sie zu realen Fehlinvestitionen führen. Sie können aber auch Verluste auslösen, wenn sie zunächst nur Kapitalanlagen auf Finanzmärkten, insbesondere an der Börse betreffen (so wie es ebenfalls im Abschnitt beschrieben wird). Wenn z.b. die Ertragswerte von Aktien besonders günstig eingeschätzt werden, kommt es zu Kurssteigerungen. Diese erhöhen die Nachfrage, weil potentielle Anleger auf zusätzliche Gewinnmöglichkeiten schließen, die in den laufenden Kursen vielleicht noch gar nicht enthalten sind. Auch wenn dies weitere Kurssteigerungen auslöst, die durch den wahren Wert der Papiere nicht mehr gerechtfertigt sind, kann sich die Entwicklung als spekulativer Prozess fortsetzen, weil sie die Erwartung auf Kursgewinne nährt, die sich realisieren lassen, wenn man sich (weiter) beteiligt, bevor man (rechtzeitig) aussteigt. Man kauft teuer in der Erwartung, noch teuerer verkaufen zu können. Auf diese Weise verselbständigt sich der Prozess, Kurssteigerungen ziehen weitere Kurssteigerungen nach sich, so dass eine immer größere Distanz zum wahren Wert der Papiere entsteht 8. Dieses Herdenverhalten, bei dem jeder einzelne der Strategie der anderen folgt, wird außerdem begünstigt, wenn Anleger nicht schlechter abschneiden wollen als andere. Das Vermögen der "Mitspieler" übt dann einen negativen externen Effekt auf den eigenen Nutzen aus, den man durch ein paralleles Verhalten zu neutralisieren sucht. Wenn man bei steigenden Kursen damit rechnet, dass Wettbewerber weiter spekulieren, besteht die 8 In Shiller (2003, besonders S. 91 ff.) wird dieser Ablauf als Feedback-Mechanismus einer irrationalen Übertreibung bezeichnet. In neueren Untersuchungen werden solche Prozesse mit "higher-order-expectations" erklärt, unter bezug auf die von Keynes vorgeschlagene Analogie zu einem Schönheitswettbewerbs, bei dem man sich nicht für die entscheidet, die man selbst für die Schönste hält, sondern für die, von der man glaubt, dass sie von den meisten anderen dafür gehalten wird. Ausführliche neuere Darstellungen von spekulativen Prozessen auf Wertpapier- bzw. Finanzmärkten allgemein finden sich bei Shiller (2000), sowie in einem Überblick von Hirshleifer und Teoh (2003).

7 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 6 beste Strategie darin mitzumachen, um nicht zurückzufallen. Die Gefahr, bei einem Einbruch zu verlieren, wird relativiert, weil zu erwarten ist, dass er (fast) alle trifft, so dass zumindest die relative Position nicht gefährdet ist 9. In einem solch spekulativen Prozess können sich erwartete Kurssteigerungen gewissermaßen selbst bestätigen. Als Beispiel kann man eine derartige Kursentwicklung am Aktienmarkt betrachten. Der Marktkurs q sei ein Aktienindex von Firmen, deren wahrer Wert q* beträgt. Die Kursbestimmung auf dem Markt ergibt sich aus dem Vergleich mit festverzinslichen Anlagen zum gegebenen Zinssatz r. Gleiche Erträge liegen vor, wenn eine zum Kurs q* gehandelte Aktie in jeder Periode eine Dividende in Höhe von rq* abwirft 10. Ein von q* abweichender Kurs kann bei gleicher Dividende durch eine erwartete Kursänderung ausgeglichen werden. Im Arbitragegleichgewicht der Periode t muss gelten: (1+r)q t =rq*+eq t+1, bzw. (1+r)(q t -q*)=eq t+1 -q*. Dabei ist Eq t+1 der erwartete Kurs, zu dem man die Aktie in der folgenden Periode wieder verkaufen könnte. Daran zeigt sich, dass sich ein Kurs q t über dem wahren Wert q* bildet, also q t >q*, wenn erwartet wird, dass dies für den zukünftigen Kurs gilt, also Eq t+1 >q* ist. Die Implikationen dieses Zusammenhangs werden deutlicher, wenn man z.b. annimmt, dass für die Folgeperiode korrekt der Kurs q* mit der Wahrscheinlichkeit π oder ein Kurs q t+1 mit der Wahrscheinlichkeit (1-π) erwartet wird, also Eq t+1 =πq*+(1-π)q t+1 ist. Bei solchen korrekten Erwartungen ergibt sich für t 0 die Kursentwicklung q t+1 =q*+(1+ )(q t -q*), bzw. q t -q*=(q 0 -q*)(1+ ) t. mit 1+ :=(1+r)/(1-π). Daran erkennt man, dass der Aktienkurs nur dann dauerhaft seinem wahren Wert q* entspricht, wenn er nie davon abgewichen ist. Sobald es zu einer Abweichung kommt, treiben steigende Kurserwartungen, die sich bestätigen, den tatsächlichen Kurs immer weiter nach oben, und die Abweichungen vom wahren Wert nehmen dabei von Periode zu Periode mit der Rate (1+ ) zu. Eine solche spekulative "Blase" verhindert eine effiziente Allokation von Kapital, weil zu viel Kapital in Anlagen gesteckt wird, die in Wirklichkeit weniger wert sind. Außerdem kann diese inhärente Wertlosigkeit der Blase nur ausgeglichen werden, solange sich die Kurssteigerungen fortsetzen. Das kann nicht unbeschränkt der Fall sein, weil eine wachsende Divergenz zum wahren Wert die Spekulation früher oder später beenden wird. Dann kommt es zu einem Kurseinbruch, weil die Anleger zum Teil panikartig versuchen, ihre Aktien 9 Vgl. dazu z.b. Clark und Oswald (1998). 10 Zur Konzentration auf die hier behandelte Thematik wird von einer Risikoprämie abgesehen, z.b. weil der Aktienindex eine hinreichende Risikostreuung gewährleistet.

8 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 7 loszuwerden 11. Allen, die hoch eingestiegen waren, bringt die Kurskorrektur entsprechend hohe Verluste, gegen die sie nicht abgesichert sind. Anleger, die ihre Käufe mit Krediten finanziert haben, können nach dem Kursverfall ihre Schulden nicht mehr begleichen. Kreditwürdigkeit geht verloren, insbesondere auch dann, wenn auch Unbeteiligte in Verdacht geraten können, weil die Verlierer nicht eindeutig identifizierbar sind. Spekulationsprozesse dieser Art können so die Funktion von Finanzmärkten, Kapitalanlagen gegen Risiken abzusichern, vorübergehend außer Kraft setzen und damit diese Märkte selbst zur Quelle neuer Risiken machen, die sich nicht über andere Märkte bewältigen lassen. Es kommt zu dem oben bereits beschriebenen Einbruch des Kreditmarktes, der auch den realen Sektor mit sich reißt Über- und Unterbeschäftigung 1. Als besonders problematisch erweisen sich makroökonomische Schwankungen, wenn sie mit Über- oder Unterbeschäftigung der Produktionsfaktoren verbunden sind, also von einem Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung abweichen. Einerseits beobachtet man Phasen einer Hochkonjunktur, in denen eine hohe Güternachfrage zu Überauslastung der Kapazitäten und zu Überbeschäftigung auf dem Arbeitsmarkt und als Folge davon zu inflationären Entwicklungen führt. Auf der anderen Seite gibt es anhaltende Konjunkturtiefs mit unterausgelasteten Kapazitäten und signifikanter Arbeitslosigkeit infolge fehlender Nachfrage. In beiden Phasen entstehen makroökonomische Verluste, einerseits durch Überauslastung und Inflation, andererseits durch Einkommensausfälle und Unterbeschäftigung. Um diese Abweichungen genauer zu erfassen, wird im folgenden das makroökonomische Güterangebot bzw. Sozialprodukt bei Vollauslastung der Ressourcen mit Y, die makroökonomische Güternachfrage bzw. das entsprechende Sozialprodukt bei Über- oder Unterauslastung der Ressourcen mit Y symbolisiert. Mit Variationen des Auslastungsgrades kann die Produktion bis zu einem gewissen Grad an Nachfrageschwankungen angepasst werden. Bezeichnet man den Auslastungsgrad mit a, so ist Y=aY. Makroökonomisches Gleichgewicht liegt vor, wenn das Sozialprodukt bei Vollbeschäftigung gerade nachgefragt 11 Der Kurs fällt abrupt auf seinen wahren Wert, wenn dies von allen erwartet wird, also π=1 ist. 12 Jüngstes Beispiel dafür ist die globale Finanzkrise nach Mit solchen Finanzkrisen hat der amerikanische Ökonom Minsky schon in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine tendenzielle Instabilität des Kapitalismus zu begründen versucht. Ein Überblick über seine Theorie findet sich in H. Minsky (2011). Zur Geschichte von Finanzspekulationen.Vgl. z.b. auch Galbraith (2010), und MacKay und de la Vega (2010).

9 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 8 wird, also a=1 und Y =Y ist. Beschäftigungsschwankungen, die sich im Auslastungsgrad niederschlagen, entstehen, wenn die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage um das Angebot bei Vollbeschäftigung schwankt 13. Der Auslastungsgrad bezieht sich dabei sowohl auf den vorhandenen Kapitalstock als auch auf Einsatz und Zahl der Beschäftigten. Nach klassischer Auffassung können Schwankungen des Beschäftigungsgrades durch den Lohnsatz verhindert werden. Beim Gleichgewichtslohn auf dem Arbeitsmarkt stellen die Unternehmungen alle Arbeitsanbieter ein, so dass Vollbeschäftigung herrscht. Ein Blick auf die Realität zeigt aber, dass der Lohnsatz in erster Linie nicht die Höhe der Beschäftigung, sondern die Zahl der Arbeitsplätze bestimmt, die von den Unternehmungen geschaffen werden. Wenn die Güternachfrage ausreicht, können alle Arbeitsplätze besetzt werden, andernfalls bleibt ein Teil unterausgelastet oder frei. Im folgenden wird angenommen, dass ein Reallohn vereinbart wird, bei dem die Unternehmungen Arbeitsplätze für alle Arbeitsanbieter schaffen. Wie stark diese Arbeitsplätze ausgelastet oder besetzt sind, also wie hoch die Beschäftigung des Faktors Arbeit ist, hängt von der Konjunkturlage ab. Abweichungen des Reallohns von seinem Gleichgewichtswert werden vernachlässigt, um die Rolle der Nachfrage für die Höhe der Beschäftigung herauszustellen 14. Im folgenden wird mit K der vorhandene Kapitalstock und mit N das Arbeitsangebot bezeichnet. Bei der beschriebenen Lohnbildung gibt es in jeder Periode auch N Arbeitsplätze, von denen jeder mit Kapital in Höhe von K/N ausgestattet ist. Je nach Höhe der Güternachfrage ist jeder dieser Arbeitsplätze mehr oder weniger ausgelastet, manche können auch unbesetzt sein. Die tatsächliche Höhe der Beschäftigung von Kapital und Arbeit wird durch ak und an gegeben. Bei a=1 sind Arbeit und Kapital vollbeschäftigt. Bei Überauslastung, a>1, werden normale Laufzeiten der Anlagen verlängert und Überstunden angesetzt. Bei a<1 bleibt der Kapitalstock unterausgelastet, Arbeitskräfte werden (betriebsbedingt) entlassen, ihre Arbeitsplätze bleiben unbesetzt oder es gibt Kurzarbeit. Bei Vollbeschäftigung wird das Sozialprodukt durch die makroökonomische Produktionsfunktion Y =f(tn /K)K erfasst, in der T den jeweiligen Stand der Technik bezeichnet. Die tatsächliche Höhe der Produktion ergibt sich aus Y=aY =f(tan /ak)ak=f(tn /K)aK. Im Zeitablauf wächst das Sozialprodukt durch Kapitalbildung und technischen Fortschritt, so dass sich die Beschäftigungsschwankungen um einen Wachstumspfad vollziehen, den sie 13 Die Differenz Y-Y wird auch als Outputlücke (output gap) bezeichnet. 14 Im Unterschied zur "klassischen", d.h. lohnbestimmten Arbeitslosigkeit geht es hier also um eine nachfragebestimmte "keynesianische" Arbeitslosigkeit.

10 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 9 auch beeinflussen können. Dieser Pfad kann auf einfachste Weise beschrieben werden, wenn man wieder unterstellt, dass der technische Fortschritt durch Kapitalbildung entsteht und durch T= K/N beschrieben werden kann. Dann beträgt das Sozialprodukt bei Vollbeschäftigung Y =f( )K= K mit :=f( ) als Kapitalproduktivität. 2. Die Höhe der Beschäftigung wird durch die makroökonomische Güternachfrage Y bestimmt. Diese setzt sich zusammen aus der Nachfrage für Konsumgüter C und für Investitionsgüter I, so dass Y=C+I ist. Es ist zweckmäßig, diesen Zusammenhang mit der geplanten Ersparnis S auszudrücken, die durch S=Y-C definiert ist, so dass man die Gleichung für Güternachfrage und Beschäftigung durch die Gleichung I=S, also die Übereinstimmung von geplanten Investitionen und Ersparnissen ausdrücken kann. Der Einfachheit halber wird unterstellt, dass die geplante gesamtwirtschaftliche Ersparnis einem festen Anteil des Sozialprodukts Y entspricht, dass also S=sY ist, mit s als einer konstanten Sparquote 15. Mit Y=aY erhält man die Sparfunktion S=s ak. Dabei ist s die Wachstumsrate bei I=S und Vollbeschäftigung. Schwankungen des Auslastungsgrades entstehen vor allem durch Variationen der Investitionsnachfrage. Diese werden hauptsächlich durch Zinsbewegungen und Konjunkturerwartungen ausgelöst. So steigt die Investitionsnachfrage, wenn der Zinssatz sinkt. Eine einfache Erklärung dafür ist, dass es unterschiedliche Investitionsprojekte gibt, die mit Kosten in Höhe von jeweils c unterschiedliche erwartete Renditen 1+R abwerfen. Bei einem Kapitalmarktzins in Höhe von r beträgt die Rente eines solchen Projekts also (1+R)c- (1+r)c=(R-r)c. Offensichtlich sind alle Projekte rentabel, für die R r ist. Angefangen von den rentabelsten Projekten werden Investitionsmittel solange nachgefragt, bis keine Rente mehr erzielbar ist. Daraus kann man schließen, dass die gesamte Investitionsnachfrage I mit fallendem Zinssatz steigt. Eine entsprechende Investitionsfunktion ist I=g(r)K, in der g die Wachstumsrate des Kapitalstocks mit g'(r)<0 ist. Ein weiterer Bestimmungsfaktor ist die erwartete Konjunkturentwicklung. Bei positiven Erwartungen wird beim gleichen Zinssatz mehr nachgefragt als bei negativen Erwartungen. Am einfachsten kann man diesen 15 In den DSGE-Modellen der modernen Makroökonomie, die im abschließenden Literaturüberblick kurz skizziert werden, nimmt die Ableitung einer makroökonomischen Sparfunktion aus intertemporaler Nutzenmaximierung bei Unsicherheit den bei weitem größten Raum ein. Abgesehen von der zweifelhaften empirischen Relevanz dieses Ansatzes erscheint der damit verbundene Aufwand für eine Erklärung der Höhe der Beschäftigung aber schon deshalb nicht sinnvoll, weil diese eher von Investitionsentscheidungen bestimmt wird, die von den Sparentscheidungen unabhängig sind.

11 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 10 Zusammenhang mit einem Parameter z erfassen, der bei normalen (durchschnittlichen) Konjunkturerwartungen Null, bei günstigen positiv und bei ungünstigen negativ ist, und mit dem I=g(r-z)K ist. Mit der Spar- und Investitionsfunktion kann der Einfluss des Zinssatzes auf den Auslastungsgrad a bzw. auf die damit verbundene Höhe der Beschäftigung mit der IS- Gleichung (IS) g(r-z)= sa mit g'(r-z)<0 beschrieben werden. Sie zeigt, dass der Auslastungsgrad mit steigendem Zinssatz fällt. Bei Vollbeschäftigung (a=1) ist g(r-z)= s, Kapitalstock und Sozialprodukt wachsen mit der Rate s. Bei normalen Konjunkturerwartungen (z=0) ergibt sich dabei ein mittlerer Zinssatz r aus g(r )=s, bei positiven Erwartungen (z>0) ein höherer Zinssatz r H >r aus g(r H -z)=s, und bei negativen Erwartungen (z<0) ein niedrigerer Zinssatz r N <r aus g(r N -z)=s, mit entsprechenden Folgen für die jeweilige Investitionsnachfrage Die IS-Gleichung zeigt, wie die Höhe der Beschäftigung bei gegebenen Nachfrageerwartungen vom Zinssatz abhängt. Um dessen Bestimmungsgründe zu verstehen, ist es sinnvoll, den makroökonomischen Geldmarkt einzubeziehen, auf dem er sich bildet oder von der Notenbank durchgesetzt wird. Auf diesem Markt wird das nominelle Geldangebot M von der Notenbank und (in Form von Buchgeld) von den Geschäftsbanken zur Verfügung gestellt. Die Nachfrage nach Geld folgt aus unterschiedlichen Motiven. In erster Linie benötigt man Zahlungsmittel zum Erwerb von Gütern und Diensten, für die eine Kreditnahme zu aufwändig wäre. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Transaktionskasse, die zur Abwicklung laufender Geschäfte erforderlich ist. Eine sogenannte Spekulationskasse erleichtert den schnellen und unkomplizierten Erwerb günstiger Finanzanlagen. Schließlich dient Geld zumindest bei Preisstabilität auch der Wertaufbewahrung, wenn es mögliche Verluste bei riskanten Anlagen bis zu einem gewissen Grad ausgleicht. Diesen Vorteilen der Kassenhaltung stehen ihre Alternativ- oder Opportunitätskosten entgegen, die darin bestehen, dass man auf mögliche Zinserträge einer Geldanlage verzichtet. Mit einer Abwägung solcher Nutzen und Kosten der Geldhaltung lässt sich eine Liquiditätspräferenz L= (r)py 16 Man kann eine Verbindung dieser Investitionsnachfrage zur makroökonomischen Produktionsfunktion Y =f(tn /K)K=f( )K herstellen, wenn man annimmt, dass der Zinssatz in einem Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung und bei normalen Erwartungen der Grenzproduktivität des Kapitals entspricht, dass also r=r =f( )- f'( ) ist, mit g(r )=s.

12 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 11 begründen, nach der die makroökonomische Geldnachfrage bei gegebenem Wert von dem Wert des nominellen Sozialprodukts PY proportional ist, mit P als Preisniveau und '(r)<0. Hinter der Funktion stecken die skizzierten Nutzenvorteile der Liquidität, die mit steigendem Zinssatz r abnehmen, weil die Geldhaltung dann teuerer wird. Gleichgewicht auf dem Geldmarkt liegt vor, wenn das nominelle Geldangebot der Liquiditätspräferenz entspricht, wenn also M=L= (r)py ist. Beim Auslastungsgrad a ist die entsprechende Bedingung mit Y=aY (LM) M/PY = (r)a. Bei gegebenem realem Geldangebot nimmt der Zinssatz mit steigendem Auslastungsgrad zu. 4. Mit der IS-Gleichung für den Gütermarkt und der LM-Gleichung für den Geldmarkt lassen sich makroökonomische Ungleichgewichte in Figur 4.1 veranschaulichen. Für alternative Werte von Zinssatz und Auslastungsgrad sind alternative IS-Kurven und eine LM-Kurve eingezeichnet. Eine IS-Kurve gibt alle Kombinationen von Zinssatz und Auslastungsgrad an, bei denen der Gütermarkt bei bestimmten Konjunkturerwartungen im Gleichgewicht ist. Die IS -Kurve beschreibt mögliche IS-Gleichgewichte bei normalen Erwartungen (z=0) mit einem Gleichgewichtszinssatz r bei Vollbeschäftigung. Die IS H -Kurve illustriert den Gütermarkt bei einer (erwarteten) Hochkonjunktur (z>0) mit dem Gleichgewichtszinssatz r H bei Vollbeschäftigung, während die IS N -Kurve ein (erwartetes) Konjunkturtief (z<0) mit einem Gleichgewichtszinssatz r T bei Vollbeschäftigung widerspiegelt. Eine steigende LM-Kurve gibt alle Kombinationen von Zinssatz und Auslastungsgrad an, bei denen der Geldmarkt im Gleichgewicht ist. Der Kurvenverlauf LM ergibt sich z.b., wenn die Notenbank das Geldangebot so steuert, dass bei einem gegebenen Preisniveau P und Zinssatz r das Geldangebot durch M/P Y = (r ) bestimmt ist, also in Form einer akkomodierenden Geldpolitik der Entwicklung von Y folgt Im Standardmodell der Neo-Keynesianischen Makroökonomie wird häufig die sogenannte Taylor-Regel verwendet, nach der die Notenbank anstelle der Geldmenge den Geldzinssatz festlegt.

13 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 12 r r H IS H LM r IS N T N H r T IS 1 a FIGUR 4.1 Die Figur zeigt schematisch drei alternative ISLM-Gleichgewichte. N steht für ein Gleichgewicht mit Vollbeschäftigung bei Normalkonjunktur, H für ein Gleichgewicht mit Überbeschäftigung bei Hochkonjunktur und T für ein Gleichgewicht mit Unterbeschäftigung in einem Konjunkturtief. In allen drei Fällen ist der Gütermarkt ausgeglichen, weil sich das Angebot über Variationen des Auslastungsgrades an die Nachfrage und ihre Schwankungen anpasst. Das ist nicht unbegrenzt möglich, weil der Auslastungsgrad der Kapazitäten sowohl nach oben als auch nach unten beschränkt ist. Auf der einen Seite stoßen Laufzeiten von Maschinen und Überstunden auf Obergrenzen, auf der anderen Seite muss eine gewisse Mindestauslastung gewährleistet sein, um die Existenz einer Unternehmungen nicht aufs Spiel zu setzen. So ist es denkbar, dass ein ISLM-Gleichgewicht bei Überbeschäftigung (wie das in H) scheitert, weil der dafür erforderliche Auslastungsgrad jenseits der Kapazitätsgrenze läge. Die laufende Nachfrage kann dann trotz Überauslastung der Kapazitäten nicht befriedigt werden. Sie übersteigt das Angebot, d.h. es ist ay <C+I bzw. I>S. Auftragsbestände und Lieferfristen steigen, geplante Lagerbestände werden abgebaut. In diesem Fall kann nur ein Teil der geplanten Investitionen durch freiwillige Ersparnisse finanziert werden, für den restlichen Teil wäre ein Überschuss des Geldangebots über die Liquiditätswünsche in Höhe von (M/P)-L=I-S>0 erforderlich. Wenn ein ISLM-Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung (wie das in T) scheitert, weil die Nachfrage niedriger ist als die Mindestproduktion, dann ist ay >C+I bzw. S>I. In diesem Fall würde ein Teil der freiwilligen Ersparnis aus Mangel an Sachinvestitionen in Form von liquiden Mitteln verbleiben, die das Geldangebot übersteigen, so dass L-(M/P)=S-I>0 wäre. In jedem Fall würde gelten I-S=(M/P)-L 0, mit jeweils entgegengesetzten Ungleichgewichten auf Güter- und Geldmarkt. Die Gleichung I-S=(M/P)-L beschreibt dabei das Gleichgewicht eines makroökonomischen Wertpapier-

14 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 13 bzw. Kreditmarktes, auf dem Mittel aus Kassenhaltung und Ersparnissen angeboten und für Investitionen und Liquidität nachgefragt werden 18. Dieses Gleichgewicht wird durch den Zinssatz hergestellt, zu dem Ersparnisse angeboten und Investitionsmittel und Liquidität nachgefragt werden. Es impliziert nur dann ein ISLM-Gleichgewicht auf dem Güter- und Geldmarkt, wenn Ungleichgewichte durch Anpassungen des Auslastungsgrades verhindert werden 19. Wenn dies nicht der Fall ist, verstärken sich die Probleme einer Über- bzw. Unterbeschäftigung. 5. Anhaltende Phasen von Über- oder Unterbeschäftigung können makroökonomische Krisen auslösen, einerseits in Form eine Inflation, andererseits als Depression mit jeweils gravierenden volkswirtschaftlichen Verlusten. Ob es zu solchen Krisen kommt, hängt zunächst davon ab, wie schnell und wie nachhaltig Abweichungen von Vollbeschäftigung von den Märkten selbst korrigiert werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei Änderungen des Preisniveaus, die über die Geldnachfrage (über LM) den Zinssatz beeinflussen, der ja (über IS) eine wesentliche Determinante der Güternachfrage ist. So sind bei Überbeschäftigung und insbesondere bei einer Übernachfrage Preissteigerungen zu erwarten, die zu einer höheren Geldnachfrage und damit auch einem höheren Zinssatz führen, der die Güternachfrage verringert. Den gegenteiligen Effekt könnten Preissenkungen bei Unterbeschäftigung hervorrufen. Um diese Preiseffekte zu erfassen, ergänzt man das ISLM-Modell durch eine Preisgleichung, die auch als Philipskurve bezeichnet wird. Sie gibt die Inflationsrate p:= P/P in Abhängigkeit vom Auslastungsgrad an, mit der wesentlichen Eigenschaft (P) sign(p)=sign(a-1). Die Inflationsrate ist positiv bei Über-, negativ bei Unterbeschäftigung. Im ersteren Fall sinkt der Realwert des nominellen Geldangebots. Dadurch entsteht eine Übernachfrage nach Geld, 18 Man kann diesen Wertpapiermarkt im einzelnen folgendermaßen beschreiben. Das Angebot an Wertpapieren kommt durch Verkauf aus dem vorhandenen Bestand und durch die geplanten Investitionen zustande. Die Nachfrage nach Wertpapieren entspricht dem Abgang aus dem vorhandenen Geldbestand, zuzüglich Ersparnisse und Geldschöpfung. Die Liquiditätspräferenz ergibt sich aus dem vorhandenen Geldbestand abzüglich der daraus erwünschten Abgabe und zuzüglich geplanter Verkäufe von Wertpapieren aus dem vorhandenen Bestand. Das Gleichgewicht des Wertpapiermarktes entspricht dann der oben angegebenen Bedingung. 19 Makroökonomische Ungleichgewichte auf dem Gütermarkt führen zu Rationierungen. Bei I>S wird die Nachfrage rationiert, bei S>I das Angebot. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat man versucht, solche Rationierungen mikroökonomisch zu beschreiben und daraus makroökonomische Folgen für die Beschäftigung abzuleiten. Diese Versuche haben sich aber als Sackgasse erwiesen, vgl. dazu Flemmig (1995, S. 24), und Vogt (1979).

15 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 14 damit ein Anstieg des Zinssatzes, der die Übernachfrage verringert. In Figur 4.1 verschiebt sich die LM-Kurve bei der gegebenen IS-Kurve nach oben, bis ein ISLM-Gleichgewicht bei r=r H und a=1 erreicht ist. Bei Unterbeschäftigung erhöhen Preissenkungen den Realwert des Geldangebots, so dass der Zinssatz sinkt. Die LM-Kurve verschiebt sich nach unten, bis auch hier bei der gegebenen IS-Kurve Vollbeschäftigung bei r=r T und a=1 vorliegt. Dieser Darstellung vernachlässigt allerdings, dass die Geldnachfrage nicht vom Realzins abhängt, sondern vom Geldzins, der die Alternativkosten der Geldhaltung angibt. Durch Ausnutzung von Arbitragemöglichkeiten übersteigt dieser den Realzins r um die Inflationsrate, weil dadurch der Wertverlust des Geldes gegenüber Realanlagen gerade ausgeglichen wird. Unter Berücksichtigung dieser Abhängigkeit ist (LM') M/PY = (r+p)a, mit '<0. Dies ist bedeutsam, weil dann z.b. eine Inflation nicht nur den Realwert des Geldangebots, sondern gleichzeitig die Geldnachfrage senkt, also eine gegenläufige Wirkung ausübt. In den folgenden Abschnitten wird auf der Grundlage von (IS), (LM') und (P) ausgeführt, dass der angedeutete Stabilitätsmechanismus aus diesem, aber auch aus anderen Gründen auf Schwierigkeiten stoßen kann, die eine reibungslose Anpassung an Vollbeschäftigung verzögern oder verhindern und dadurch makroökonomische Krisen verursachen, Inflationen bei Über- und Depressionen bei Unterbeschäftigung. 3. Inflation und Depression 1. Ein ISLM-Gleichgewicht mit Überbeschäftigung (a>1) wird in Figur 4.1 durch den Punkt H symbolisiert, der im Schnittpunkt der LM - und der IS H -Kurve liegt und mit der Lage dieser Kurven erklärt werden kann. So kann die Lage der IS H -Kurve z.b. im Vergleich zur IS -Kurve auf besseren Absatz- und Gewinnerwartungen der Unternehmungen beruhen, oder auch auf niedrigeren Ersparnissen der Haushalte, weil diese bei günstigen Erwartungen ebenfalls mit höheren zukünftigen Einkommen rechnen, oder weil Ärmere versuchen, verschlechterte relative Einkommenspositionen durch Konsumkredite (also negative Ersparnisse) zu verbessern. Der zugehörige Gleichgewichtszins r H würde eine entsprechend höhere LM-Kurve erfordern, die von der Notenbank nicht unterstützt wird, wenn diese z.b. zur Finanzierung von Staatsschulden ein hohes Geldangebot aufrecht erhält (vgl. dazu Abschnitt 4.2). Dagegen läge Vollbeschäftigung bei der LM -Kuve vor, wenn die IS -Kurve die tatsächliche Entwicklung beschreibt, wenn also die bei IS H geltenden Absatz und

16 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 15 Ertragserwartungen zu optimistisch oder eine Verschuldung der Haushalte durch Konsumkredite nicht haltbar wäre. Wenn, aus welchen Gründen auch immer, das ISLM-Gleichgewicht im Schnittpunkt H von IS H und LM liegt, dann ist die Güternachfrage höher als das Güterangebot bei Vollbeschäftigung. Würde H noch über der Kapazitätsgrenze liegen, so würden Lagerbestände abgebaut, Auftragsbestände wachsen und Lieferfristen steigen. Nach dem oben beschriebenen Stabilitätsmechanismus kommt es wegen der Überauslastung der Kapazitäten zu Preissteigerungen, die mit der Philipskurve (P) beschrieben werden. Wenn das Geldangebot diesen nicht folgt, sinkt M/PY, so dass sich die LM-Kurve nach oben verschiebt und der Auslastungsgrad entlang der IS H -Kurve bei steigendem Zinssatz sinkt, bis er beim Zinssatz r H auf a=1 gefallen ist. Dieser Gleichgewichtsmechanismus kann aber insbesondere bei größeren Abweichungen gestört sein. So ist es bei hohen Absatz- und Ertragserwartungen nicht sicher, dass Preissteigerungen rechtzeitig zu einem höheren Zinssatz führen, weil es dann zu gegenläufigen Reaktionen bei der IS- und bei der LM-Kurve kommen kann. So ist es denkbar, dass die LM-Kurve nicht steigt, sondern sinkt, weil M zu- und L abnimmt. Einerseits versprechen günstige Ertragsaussichten auch Geschäftsbanken gute Erträge und damit einen Anreiz zur Ausweitung ihres Kreditangebots 20, so dass das Geldangebot steigt. Andererseits reduzieren Preissteigerungen die Liquiditätspräferenz, weil sie den Geldzinssatz r+p erhöhen, so dass die Geldnachfrage abnimmt. Dieser Effekt wird verstärkt, wenn eine echte Übernachfrage auf dem Gütermarkt vorliegt, wenn also das Gleichgewicht in H aufgrund von Kapazitätsbeschränkungen nicht erreichbar ist. Dann sind die geplanten Investitionen höher als die freiwilligen Ersparnisse (I>S). Das Pendant zu dieser Übernachfrage ist ein Überhang des Geldangebots über die Geldnachfrage, (M/P)-L>0. Es entstehen ungeplante Kassenbestände, einerseits bei den Haushalten in Form von Zwangsersparnissen, weil sie den erwünschten Konsum nicht voll realisieren können, andererseits bei den Unternehmungen durch Lagerverkäufe, die ihre geplanten Investitionen reduzieren, oder schließlich auch bei Geldanbietern, wenn z.b. nicht benötigte Investitionskredite vorzeitig zurückgezahlt werden. Der Wunsch, die überschüssigen Kassenbestände zu reduzieren, kommt einer sinkenden Liquiditätspräferenz gleich, d.h. L bzw. nimmt bei jedem gegebenen Zinssatz ab. Überschüssige Liquidität fließt selbst bei niedrigeren Zinsen zum Erwerb von zinsbringenden Anlagen auf den Finanzmarkt, erhöht 20 Wie Schularick und Taylor (2012) für die Zeitspanne von 1870 bis 2008 zeigen, steigen Bankkredite in solchen Phasen regelmäßig deutlich stärker an als das Geldangebot der Notenbanken. Die Autoren zitieren Schumpeter, der in diesem Zusammenhang von "reckless lending" gesprochen hat (S.1032).

17 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 16 dort die Kurse und drückt den Zinssatz. Das Ungleichgewicht der Geldversorgung wird dadurch aber nicht beseitigt, weil die überschüssige Liquidität im Kreislauf nicht verschwindet. Sie kann zwar zunächst bei Verkäufern von zinsbringenden Anlagen ankommen, die damit Käufe tätigen oder Schulden zurückzahlen, aber bei den Empfängern taucht das Problem erneut auf. Im Ergebnis verstärken sinkende Zinsen das Ungleichgewicht. Mit (M/P)-L steigt auch I-S, d.h. statt zu verschwinden nimmt mit dem unerwünschten Bestand an Liquidität die Übernachfrage auf dem Gütermarkt weiter zu. Auf der IS-Seite kommt dazu, dass Kapazitätsengpässe Anreize für zusätzliche Investitionsprojekte schaffen. Außerdem tendieren private Haushalte dazu, bei günstigen Marktverhältnisse weniger zu sparen und sich dafür stärker zu verschulden 21. Schließlich ist es bei anhaltenden Preissteigerungen vorteilhaft, geplante Käufe vorzuziehen, so dass die laufende Nachfrage auch deshalb steigt. Eine resistente Überbeschäftigung wie im ISLM-Gleichgewicht H ist Quelle einer akzelerierenden Inflation. Aus M/Y = (r+p)p folgt, dass eine Preiserhöhung P>0 bei gegebenem M/Y und r steigende Inflationsraten auslöst, denn es ist p=- / 'p>0. Die Inflation wird dabei nicht durch eine steigende Geldmenge getrieben, die ja (bei Konstanz von M/Y ) nur der realen Entwicklung folgt, sondern durch eine fortlaufende Abnahme der Liquiditätspräferenz. Letztere ist nichts anderes als eine entsprechende Zunahme der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes, die durch 1/ definiert ist. Die gleiche Geldmenge wird immer schneller umgeschlagen. Jeder einzelne Anbieter kann in dieser Lage sogar versuchen, seinen Preis etwas mehr zu erhöhen als die Konkurrenz, weil ihm ein Rückgang der Nachfrage nicht schadet und er insbesondere bei Übernachfrage nicht befürchten muss, Kunden zu verlieren. Wenn z.b. allgemein ein Preisniveau P E erwartet wird, aber jeder Anbieter einen höheren Preis setzt, ist auch das tatsächliche Preisniveau höher als erwartet, P>P E. Das gilt dann auch entsprechend für das Verhältnis von tatsächlicher und erwarteter Inflationsrate p:= P/P, bzw. p E :=(P E - P)/P, d.h. es ist p>p E. Da die Inflationsrate unterschätzt worden ist, werden die Erwartungen nach oben korrigiert. Wegen p>p E treibt diese Erwartungskorrektur auch die tatsächliche Inflationsrate nach oben, so dass eine akzelerierende Inflation mit stets unterschätzten Inflationsraten entsteht 22. Die Möglichkeit, Verteilungspositionen zu verteidigen oder zu verbessern, breitet sich dabei über den Gütermarkt auch auf die Faktormärkte aus, weil auch 21 Vgl. dazu z.b. Garon (2011). 22 Eine solche adaptive Anpassung der Erwartungen an vergangene Entwicklungen ist naheliegend, wenn kein Gleichgewicht erkennbar ist, auf das die Entwicklung zuläuft.

18 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 17 diese überausgelastet sind. Eine besondere Rolle spielt dabei der Verteilungskonflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, bei dem sich Preise und Löhne gegenseitig in die Höhe treiben (vgl. dazu Abschnitt 5.3.1). Anstatt zu stabilisieren, verursacht eine solche Inflation einzel- und gesamtwirtschaftliche Kosten. Geldbesitzer verlieren, wenn sie sich gegen die inflationäre Entwertung ihrer Anlagen nicht mehr schützen können. Das ist der Fall, wenn Inflationserwartungen auf die schon beschriebene Weise systematisch überschätzt werden, wenn also p>p E ist, weil jede erwartete eine noch höhere Inflationsrate nach sich zieht. Es ist dann nicht mehr möglich, sich gegen Wertverluste durch entsprechend höhere Geldzinssätze zu schützen, denn jeder Versuch, sich mit einem Geldzins r+p E vor einer erwarteten Inflation p E abzusichern, bleibt hinter der tatsächlichen Entwicklung zurück. Unter diesen Umständen ist es sinnvoll, Geld so weit wie möglich durch Güter zu substituieren. Dies führt insbesondere bei höherer Inflation zu der bekannten Flucht in Realwerte, vor allem in langlebige Konsumgüter und Immobilien, aber auch in Aktien, Gold, Rohstoffe etc., mit der Folge besonders starker spekulativer Preissteigerungen, so wie das oben am Beispiel des Aktienmarktes geschildert worden ist. Schließlich besteht das Hauptproblem der Inflation darin, dass sie die Funktionsweise des Geldes beeinträchtigt und aufs Spiel setzt. Sie verteuert die Wertaufbewahrungsfunktion, die dazu dient, sich gegen Verluste bei risikobehafteten Anlagen abzusichern. Laufende finanzielle Transaktionen, die in liquider Form erfolgen müssen, können nicht mehr effizient abgewickelt werden, weil niemand die dafür benötigten Mittel halten möchte. Mit steigender Inflation wird der Zahlungsverkehr zunehmend erschwert, bei einer Hyperinflation würde er schließlich zusammenbrechen, weil Geld seine Zahlungsmittelfunktion verliert. Auch wenn sich jede akzelerierende Inflation aus diesen Gründen früher oder später selbst zerstört, würde sie doch durch Verzerrungen der Geld- und Güterstruktur und die Demontage der Währung erhebliche volkswirtschaftliche Verluste hinterlassen. Verlierer sind auf alle Fälle die Gläubiger, die ihre Ersparnisse in Geld und Krediten angelegt haben. Gewinnen können zunächst Schuldner, die in Realanlagen investiert haben. Aber auch diese verlieren, wenn für ihre Investitionen die Märkte wegbrechen 23. Ein Musterbeispiel sind Bauinvestitionen, die durch die Flucht in Realwerte begünstigt wurden. Darüber hinaus schaffen die Folgen einer Inflation unklare Vermögensverhältnisse, die Anlass für 23 Ein gutes Beispiel für Gläubigergewinne, die durch Fehlinvestitionen verloren gehen, ist Hugo Stinnes, der sich in der Hyperinflation nach dem ersten Weltkrieg durch günstige Kredite ein Industrieimperium aufbauen konnte, dieses aber nach dem Zusammenbruch der Inflation aufgrund von Fehleinschätzungen über die Märkte wieder verlor.

19 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 18 Vertrauenskrisen auf den Kreditmärkten geben. Günstige Absatz- und Ertragserwartungen haben sich in ihr Gegenteil verkehrt. Um solche Verluste zu verhindern, ist es sinnvoll, wenn Notenbanken eine andauernde Überbeschäftigung als Nährboden einer Inflation von vornherein durch eine restriktive Geldpolitik eindämmen. Erfahrungsgemäß ist eine solche Politik immer erfolgreich, wenn sie entschieden genug betrieben wird, weil eine Notenbank die Geld- und Kreditversorgung im Extremfall auch zum Erliegen bringen könnte. Sie reduziert das Geldangebot, auf dem letztlich auch die Geldschöpfungsmöglichkeiten des privaten Bankensystems beruhen, und beseitigt damit über einen entsprechenden Anstieg des Zinsniveaus auf r H das Überangebot auf dem Geldmarkt und die Übernachfrage auf dem Gütermarkt. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass eine restriktive Geldpolitik über das Ziel hinausschießt und einen Zinssatz über dem Gleichgewichtswert r H erzeugt. Dazu trägt bei, dass der erwünschte Rückgang der Inflationsrate den Geldzins drückt und damit die Liquiditätspräferenz erhöht, so dass sich der Anstieg der LM-Kurve verstärkt. Die Folge wäre eine Unterauslastung und damit eine Unterbeschäftigung. Eine solche Entwicklung ist erst recht zu befürchten, wenn die Überbeschäftigung durch falsche, nämlich zu optimistische Erwartungen hervorgerufen wurde, die sich zunächst zu bestätigen scheinen, weil als Reaktion auf die Erwartungen die Nachfrage gestiegen ist. Sobald sie fällt, stellt sich heraus, dass gar keine Hochkonjunktur vorliegt. Durch die Anpassung der Erwartungen an die tatsächlichen Verhältnisse verschiebt sich die IS-Kurve nach links, z.b. auf ihr Normalniveau IS. Dann bricht bei dem höheren Zinssatz (r>r ) die Beschäftigung ein, es kommt zu Unterbeschäftigung. 2. Unterbeschäftigung entsteht vor allem dadurch, dass sich die Unternehmer mit Investitionen zurückhalten, weil sie ein Konjunkturtief mit ungünstigen Absatzchancen erwarten. Figur 4.1 illustriert diesen Sachverhalt mit der IS T -Kurve und dem ISLM- Gleichgewicht T bei der LM -Kurve. Vollbeschäftigung würde bei dieser IS-Kurve einen Zinssatz in Höhe von r T erfordern, der niedriger ist als der Zinssatz in T. Bei diesem ist die Güternachfrage niedriger als das Angebot bei Vollbeschäftigung, die Kapazitäten sind unterausgelastet, es herrscht Unterbeschäftigung. Würde T noch unterhalb der nötigen Mindestauslastung liegen, so würden außerdem ungeplante Lagerbestände auf- und Auftragsbestände und Lieferfristen abgebaut. Im Idealfall würde die Unterauslastung Preissenkungen verursachen, die über eine sinkende Geldnachfrage zu fallenden Zinsen und dadurch zu einer Erhöhung der Güternachfrage führen, so dass der Auslastungsgrad steigt. Die LM-Kurve würde sich nach unten verschieben

20 Winfried Vogt Marktwirtschaft Kapitel 4 19 und entlang der IS T -Kurve über die damit verbundene Zinssenkung zu einem höheren Auslastungsgrad führen, bis beim Zinssatz r T Vollbeschäftigung erreicht wäre. Die Erfahrung zeigt, dass man sich auf diese endogene Stabilisierung nicht immer verlassen kann, weil die dafür notwendigen Preissenkungen ausbleiben oder zu schwach ausfallen. Während eine allgemeine Übernachfrage unweigerlich inflationäre Entwicklungen auslöst, kann man bei einer Unterbeschäftigung nicht unbedingt mit einer ausreichenden Deflation rechnen 24, weil Preise nach unten nicht so flexibel sind wie nach oben. Trotz Überangebot sind Preissenkungen für Unternehmungen riskanter als Preiserhöhungen bei einer Übernachfrage. Während die Konkurrenz von letzteren nicht bedroht ist, sind Preissenkungen ein Signal für verschärften Wettbewerb um die zu knappe Nachfrage, dem sich Anbieter nicht unbedingt aussetzen wollen 25. Anstelle eines funktionierenden Gleichgewichtsmechanismen sind im Zustand einer ausgeprägten Unterbeschäftigung eher destabilisierende Effekte zu befürchten. So kann eine steigende Liquiditätspräferenz zu einer sogenannten Liquiditätsfalle führen, ein Rückzug der Geschäftsbanken aus dem Kreditgeschäft kann eine Kreditklemme verursachen, und schlechte Absatzerwartungen können eine sogenannte Investitionsfalle bewirken, bei der die Investitionsnachfrage auch bei einem Zinssatz von Null nicht für Vollbeschäftigung ausreicht. Die Liquiditätspräferenz steigt, wenn die Ertragsaussichten von Kapitalanlagen als besonders ungünstig erscheinen, was bei Unterauslastung der Kapazitäten nicht fernliegend ist. Es kommt zu einer Umstrukturierung von Kapital- zu Geldanlagen, Vermögensbesitzer stoßen Wertpapiere ab, so dass die Wertpapierkurse fallen und die Realzinsen steigen. Im Extremfall entsteht die genannte Liquiditätsfalle, bei der die Nachfrager jede Erhöhung des realen Geldangebots beim gleichen Zinssatz aufnehmen, so dass die LM-Kurve und mit ihr der 24 Es hat sogar Phasen gegeben, in denen das Preisniveau trotz Unterbeschäftigung inflationär gestiegen ist, z.b. bei der sogenannten "Stagflation" in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ausschlaggebend dafür waren intensive Verteilungskonflikte zwischen Arbeit und Kapital, so wie sie im Abschnitt beschrieben werden. 25 Aus diesen Gründen kann man auch nicht auf den sogenannten Pigou- oder Realkasseneffekt vertrauen, nach dem eine Deflation die Güternachfrage erhöht, weil der Realwert des vorhandenen Geldvermögens steigt. Dieser Effekt wäre allerdings selbst bei einer ausreichenden Deflation zweifelhaft. Erstens wird bei einer erwarteten Deflation Nachfrage eher auf später verschoben wird, um dann billiger einzukaufen. Zweitens wird bei dieser Sichtweise vernachlässigt, dass jedem Geldvermögen an irgendeiner Stelle des wirtschaftlichen Kreislaufs eine entsprechende Verschuldung gegenüber steht, wenn dieses Vermögen wie üblich nur über Kredite in den Kreislauf gekommen ist. Damit wird jede Wertsteigerung von Geldvermögen gewissermaßen durch Verluste im Wert der korrespondierenden Verbindlichkeiten ausgeglichen, so dass der Nettoeffekt auf die Nachfrage zumindest unklar ist. Die Begründung dafür findet sich schon bei Fisher (1933).

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