Wissensbasierte Stücklistenüberführung vom Engineering in die Produktion

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1 Wissensbasierte Stücklistenüberführung vom Engineering in die Produktion Martin Onus, Schopfloch; Andreas Kölbl, Saarbrücken; Noelle Voss, Walldorf Wie können Engineering- und Produktionsstücklisten im MtO/EtO-Umfeld miteinander kombiniert werden? Durch die Schaffung zweier unabhängiger Strukturen, die flexibel über eine Wissensbasis miteinander verknüpft werden, beschreitet der Maschinen- und Anlagenbauer HOMAG Group hier innovative Wege. Das Umfeld Die HOMAG Group ist der weltweit führende Hersteller von Maschinen und Anlagen für die holzbearbeitende Industrie. In den Absatzmärkten Möbelfertigung, Bauelementefertigung sowie Holzhausbau bietet die HOMAG exakt aufeinander abgestimmte Lösungen von der Einzelmaschine bis zur kompletten Fertigungsstraße. Die HOMAG ist ein Einzelfertiger, wobei sich die Auftragsabwicklung vom Make-to-Order mit standardisierter Konfiguration von Einzelmaschinen bis hin zum Engineer-to-Order hochindividueller Kundenanlagen erstreckt. Die Ausgangssituation Die Sicht auf eine Maschine durch das Engineering und durch die Produktion unterscheidet sich grundsätzlich. Während das Engineering einen Auftrag nach Funktionen oder Technik gliedert, betrachtet die Produktion den Entstehungsprozess vom ersten Einzelteil bis zur komplett montierten Maschine. So erfolgt im Auftragsfall für den Einzelfertiger die mechanische und anschließend die elektrische Bearbeitung in der Auftragskonstruktion getrennt voneinander, während diese Teile in der Montage jedoch gemeinsam in einem Arbeitsgang verbaut werden. Andererseits wird eine einzelne technische Baugruppe in mehreren Stufen montiert, wobei aus logistischer Sicht auch standardisierte Teilbaugruppen aus dem Lager verwendet werden. Um beiden Sichten gerecht zu werden, hat sich die HOMAG entschieden, sowohl Engineeringstücklisten als auch Produktionsstücklisten zu verwenden. Die Summe aller Einzelteile ist in beiden Sichten identisch, wobei jede Sicht ihre eigenen Baugruppen verwendet. Hieraus resultieren zwei zunächst unabhängige Produktstrukturen. Eine Voraussetzung hierfür ist, dass für jede Baureihe einer Maschine eine allgemeingültige Gliederung der jeweiligen Sicht definiert wird. Diese enthalten auftragsunabhängig die generellen Baugruppen, die zur Abwicklung eines künftigen Auftrags aus Sicht des Engineerings und der Produktion benötigt werden. Diese Baugruppen weisen jedoch noch keine Komponenten auf, da die Positionen erst im Auftragsfall individuell ermittelt werden. Es werden also auftragsunabhängig zwei leere Produktstrukturen mit hierarchischer Anordnung der allgemeingültigen Baugruppen angelegt. Diese wurden im Projekt als Engineeringskelett und Produktionsskelett bezeichnet.

2 Die Kernforderungen Zur Abwicklung eines Kundenauftrags entsteht zunächst die auftragsspezifische Engineeringstruktur (ebom). Die Einzelteile, die aus einer Grundkonfiguration der einzelnen Maschine und einer technischen Bearbeitung durch das Engineering resultieren, werden in eine auftragsspezifische Ausprägung des Engineeringskeletts einsortiert. Diese wird sukzessive in eine auftragsspezifische Produktionsstruktur (mbom) auf Basis eines neutralen Produktionsskeletts überführt (s. Abb. 1). Für die HOMAG ergaben sich folgende Kernforderungen: Die kundenspezifischen Produktionsstücklisten werden nicht manuell geschrieben, sondern sollen automatisiert aus der Engineeringstruktur generiert werden. Die Basis hierzu soll eine Wissensdatenbank bilden, in der die Beziehungen zwischen den beiden Strukturen abgelegt werden. Sofern für ein Einzelteil aus der kundenspezifischen Engineeringstruktur noch kein Zusammenhang existiert und somit keine automatische Zuordnung in die Produktstruktur erfolgen kann, soll die Zuordnung manuell erfolgen. Die dabei erstellte Beziehung soll vom System gelernt und für spätere Aufträge als automatisch ausführbare Regel zur Verfügung stehen können. Beide Strukturen sollen synchron sein. Die Änderungen in der auftragsspezifischen Engineeringstruktur z.b. aufgrund geänderter Kundenanforderungen sollen konsistent in die Produktstruktur übernommen werden. Die Auswirkungen in der Produktionsstruktur hinsichtlich neuer, entfallender und geänderter Positionen sollen erkennbar sein. Abb. 1: Entstehung der Produktionsstruktur (mbom) Der Projektverlauf Das Projekt zur Einführung der Stücklistenüberführung verlief parallel zur Neugliederung der Systemlandschaft und einer standortübergreifenden Einführung von SAP ECC 6.0. Das Projektteam für das Teilprojekt wurde aus der HOMAG Group, der Scheer Management GmbH und der SAP Deutschland AG und Co. KG gebildet. In der ersten Projektphase wurde ein lösungsunabhängiges Konzept erstellt, in dem alle Datenobjekte, deren Beziehungen sowie der Prozess zur Überführung der Engineeringstruktur auf die Produktionsstruktur beschrieben wurden. Dieses Konzept bildete die Grundlage zur Auswahl einer softwaretechnischen Lösung. Dabei waren die folgenden Rahmenbedingungen zu beachten:

3 Die technische Konfiguration und Bearbeitung eines Auftrags erfolgt in vorgelagerten Systemen. Diese liefern für jeden Auftrag die ausgeprägte Engineeringstruktur. Die Abwicklung der Produktion, bestehend aus Fertigung und Montage, erfolgt über projektkontierte Fertigungsaufträge im SAP ERP. Diese bedingen für jede einzelne Baugruppe eine vollständige Baukastenstückliste (Projektstückliste). Nach der Prüfung verschiedener Realisierungsmöglichkeiten wurden folgende Entscheidungen getroffen: Zur operativen Überführung der auftragsgebundenen Engineeringstruktur in die Produktionsstuktur wird das SAP-Produkt Product Structure Synchronisation (SAP PSS) eingesetzt. SAP PSS wird als Bestandteil von SAP PLM 7 mit dem ERP Enhancement Package 5 ausgeliefert. Die neutralen Produktionsskelette werden als Produktstrukturen in der SAP ippe modelliert. Die Integration zwischen dem vorgelagerten Konfigurations- und Engineeringsystem sowie dem SAP wird mittels einer Middleware durchgeführt. Da das SAP PSS die Kernforderung nicht vollständig abdeckte und somit eine Erweiterung des Produkts notwendig war, hat die HOMAG sich entschieden, die Implementierung zusammen mit SAP Custom Development durchzuführen. SAP Custom Development bietet Beratung und erfahrene Software-Architekten für die Entwicklung von Individuallösungen an, wobei diese mit der SAP Standardentwicklungs- und Wartungsmethode abgestimmt sind. Als Grundlage eines SAP Custom Development Projekts steht zu Beginn die gemeinsame Erarbeitung eines Solution Proposals, welches als Vertragsbestandteil den Umfang der Kundenentwicklung festlegt. Unter den beschriebenen Umständen wurde die Entscheidung getroffen, das Projekt in drei unabhängige Phasen zu unterteilen. Neben Erweiterungen zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit bestanden die einzelnen Phasen aus folgenden Hauptbestandteilen: In Phase 1 wurden die Grundvoraussetzungen geschaffen, um SAP PSS nutzen zu können. Diese beinhaltete die Erweiterung der Anwendung um Projektstücklisten und die Implementierung des mehrstufigen Synchronisierungsumfangs. Phase 2 umfasste die Integration der neutralen Produktionsskelette in die auftragsgebundene Struktur Die Implementierung der Wissensdatenbank erfolgte mit Phase 3. Jede Phase wurde mit umfangreichen Tests abgeschlossen, bevor die nächste Phase gestartet wurde. Parallel zur Entwicklung wurden die neutralen Engineering- und Produktionsstrukturen definiert und die Daten der Wissensdatenbank erhoben. Nach der dritten Phase folgte die Produktivsetzung im ersten Pilotwerk. Der gesamte Projektverlauf wurde durch die Scheer Management GmbH fachlich und konzeptionell in enger Kooperation mit der HOMAG IT begleitet. Die Umsetzung mit SAP PSS Für die Abbildung der wissensbasierten Stücklistenüberführung der Engineering- in die Produktionsstruktur mit SAP PSS wurden Erweiterungen im SAP Backend und auch im ABAP WebDynpro User Interface durchgeführt. Der erste Prozessschritt innerhalb der Anwendung SAP PSS ist die Planung einer Stücklistenüberführung. Hierzu wird eine Synchronisierungseinheit angelegt, in der Quell- und Zielstruktur, sowie einige Übertragungsparameter definiert werden. In der PSS Standardanwendung

4 sind als Quellstrukturen Materialstücklisten oder ippe-strukturen vorgesehen, als Zielstrukturen Materialstücklisten. Da die HOMAG Engineeringstückliste aus Projektstücklisten ergänzt mit Materialstücklisten besteht, die auftragsspezifische Produktionsstückliste dagegen aus reinen Projektstücklisten, wurde eine neue Ausprägung der Synchronisierungseinheit mit einer eigenen ABAP WebDynpro Benutzungsoberfläche umgesetzt. In dieser HOMAG-spezifischen Synchronisierungseinheit kann das auftragsneutrale Produktionsskelett ausgewählt werden. Zudem kann die Engineeringstruktur mehrstufig aufgelöst werden. Hierbei werden alle relevanten Stücklisten ermittelt und Informationen des auftragsneutralen Engineeringskeletts in alle untergeordnete Strukturstufen vererbt. Alle ermittelten Stücklistenköpfe werden im Anschluss immer gemeinsam überführt. Bei der initialen Stücklistenübertragung einer Synchronisierungseinheit werden alle Komponenten der Quellstücklisten in die Zielstücklisten übertragen. Als kundenspezifische Anpassung wird das ausgewählte Produktionsskelett aus der SAP ippe ausgelesen und als Projektstückliste in der Zielstruktur angelegt (s. Abb. 2) Abb. 2: Ablauf der Stücklistenüberführung ebom nach mbom Zunächst werden alle Komponenten, die noch nicht in die Produktionsstruktur einsortiert wurden, in einem Arbeitsvorrat angezeigt. Der Anwender hat dann die Aufgabe, die Komponenten in die Produktionsstruktur einzuordnen. Während der Zuordnung der Komponenten in die Produktionsstruktur entsteht Wissen. Dieses Wissen kann der Anwender beim Einfügen der Komponente in die Zielstruktur abspeichern. Hierzu werden im Vorfeld Regeltypen gecustomized. Der Regeltyp beinhaltet die prinzipiellen Komponentenattribute, mit der eine Beziehung zwischen der Engineering- und Produktionsstruktur hergestellt werden kann. Ordnet der Anwender eine Komponente aufgrund eines vordefinierten Regeltyps zu, wählt er den Regeltyp aus und betätigt für die Umstrukturierung den Button Einfügen. So wird die konkrete Regelausprägung z.b. Maschinenständer ist Komponente der

5 Endmontage gespeichert. Bei der Stücklistenüberführung des nächsten Projekts besteht die Möglichkeit, die gelernten Regeln für die Positionen im Arbeitsvorrat anzuwenden (s. Abb. 3). Abb. 3: Kundenspezifisch angepasste Oberfläche der PSS Für die laufende Stücklistenüberführung ist die Integration des Änderungsmanagements in die Anwendung SAP PSS von besonderer Bedeutung. Bei der Übertragung wird jeder SAP- Änderungsnummer der Quellstückliste eine SAP-Änderungsnummer für die Zielstückliste zugewiesen. Ändert sich eine bereits synchronisierte Quellstückliste, wird der Status der Stücklistenüberführung geändert. Diesen Status kann der Anwender auswerten, um dann die Stücklistenüberführung für diese Aufträge zu aktualisieren. Änderungen in der Stückliste werden als Konflikte dargestellt. Sie können analysiert und mit alternativen Strategien gelöst werden. So kann der Anwender z.b. entscheiden, ob eine Komponentenänderung noch in der laufenden Produktion berücksichtigt werden soll. Der Nutzen Durch die wissensbasierte Stücklistensynchronisierung von Engineering- und Produktionsstücklisten im MtO/EtO-Umfeld kann eine deutliche Reduktion der Gesamtkomplexität erzielt werden, vor allem da die technische Konfiguration im Engineering zur Ermittlung einzelner Komponenten nicht mehr mit der mehrstufigen logistischen Produktionsstruktur kombiniert werden muss. Vielmehr erfolgt dieser Prozess in zwei aufeinanderfolgenden Stufen. Jede dieser Stufen verfügt über eigenes Beziehungswissen, das unabhängig voneinander durch die zuständige Organisationseinheit verwaltet werden kann. Diese Entkoppelung bietet zugleich die Möglichkeit, das Ergebnis der Konfiguration zu bearbeiten und zu ergänzen, bevor es an die Produktionsvorbereitung freigegeben wird. Die Vollständigkeit der Beziehungen zwischen der Engineering- und der Produktionsstruktur ist durch diese Zweiteilung nicht notwendig, da die Wissensbasis als Lernendes System bei fehlenden Regeln sukzessive erweitert werden kann. Die Pflege von abstraktem Beziehungswissen entfällt. Für MtO-Maschinen konnte bereits kurz nach der Produktivsetzung eine nahezu vollständig automatisierte Überführung der Strukturen erreicht werden.

6 Durch die Trennung der Produktstrukturen wird ein fixer Übergabepunkt zwischen Engineering und Produktion definiert. Änderungen im Engineering sind somit nicht unmittelbar für die Produktion wirksam, sondern werden von der Produktionsvorbereitung in Form von Konflikten erkannt. Je nach Fortschritt der Produktion können die Änderungen in spezifische Baugruppen des Prozesses eingesteuert werden. Auch die Ablehnung der Änderung durch die Produktionsvorbereitung ist möglich, sofern diese nicht mehr in der Produktion realisierbar ist. Die Aufteilung der Produktstrukturen entspricht zielgruppengerichtet dem jeweiligen Produktverständnis der an der Auftragsabwicklung beteiligten Bereiche von Engineering und Produktion. Ausblick Die vorliegende Lösung konzentriert sich derzeit auf die Abwicklung innerhalb eines einzelnen Werks. Um der standortübergreifenden Verflechtung der Fertigung und Montage innerhalb der HOMAG gerecht zu werden, soll eine Intercompany-Abwicklung integriert werden. Für die Werke mit intensiver EtO-Abwicklung ist zudem eine Flexibilisierung der Produktionsskelette vorgesehen. Zusammenfassung Die Stücklistensynchronisierung mit SAP PSS schlägt die Brücke zwischen Engineering und Produktion. Durch die integrierte Wissensbasis, die als lernendes System permanent aktualisiert und erweitert wird, kann die Überführung der beteiligten Strukturen weitgehend automatisiert werden. Änderungen im Engineering werden als Konflikte dargestellt und können gezielt in den Produktionsprozess eingesteuert werden. Hierdurch werden Strukturen und deren Beziehungen vereinfacht und die Sicht des Anwenders auf das Produkt optimal unterstützt. Martin Onus HOMAG Holzbearbeitungsmaschinen GmbH Andreas Kölbl Scheer Management GmbH Noelle Voss SAP Deutschland AG & Co. KG

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