Zum Einfluss des Computers auf die Raumvorstellung eine differenzielle Analyse bei Studierenden von Computerwissenschaften

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1 Zum Einfluss des Computers auf die Raumvorstellung eine differenzielle Analyse bei Studierenden von Computerwissenschaften Claudia Quaiser-Pohl, Wolfgang Lehmann, Kirsten Jordan, Jörg R.J. Schirra Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg In verschiedenen Studien wurde nachgewiesen, dass räumliche Fähigkeiten durch computerunterstütztes Training gefördert werden können. Befunde deuten auch darauf hin, dass die Beschäftigung mit bestimmten Computeranwendungen, v.a. mit Computerspielen und das Lernen in multimedialen Umgebungen die Raumvorstellung und die räumliche Orientierung verbessern. Demzufolge lässt sich ein Zusammenhang zwischen Art und Ausmaß der Computererfahrungen von Personen und ihren Ergebnissen in Raumvorstellungstests sowie ihren Leistungen bei Orientierungsaufgaben vermuten. Diese Fragestellung wurde an einer Stichprobe von Studierenden verschiedener Computerwissenschaften (Informatik, Wirtschaftsinformatik, Computervisualistik 1 ) untersucht. Die Raumvorstellungsfähigkeit wurde mit dem Mental Rotation Test von Peters et al. (1995) und mit dem Test "Schnitte" (Fay & Quaiser-Pohl, 1999) erfasst. Die Orientierung in der realen Umwelt wurde über eine Zeige-Aufgabe operationalisiert. Darüber hinaus erfragten wir spezifische Vorerfahrungen (verschiedene Computerspiele, 3D-Würfel, 3D-Puzzle), Schulnoten und die individuelle Lösungsstrategie. Der Einfluss anderer Lernerfahrungen wurde über die gewählten Fächer im Kurssystem in der Schule, über das Studienfach und die Studiendauer kontrolliert. Stichprobe 1 Computervisualistik ist ein 1996 erstmals an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg eingeführter ingenieurwissenschaftlicher Studiengang zu digitalen Bildern. Zentral sind die methodisch-technischen Aspekten der Informatik; daneben wird in ihm auch die soziale Einbettung der informatischen und bildwissenschaftlichen Tätigkeit theoretisch reflektiert und die Kommunikation mit exemplarischen Anwendern praktisch vermittelt (siehe auch 1

2 Meßinstrumente Mental Rotation Test (Peters et al., 1995) Erfasst die Fähigkeit zum mentalen Rotieren durch gedankliches Drehen dreidimensionaler Würfelfigure (24 Items). Schnitte (Fay & Quaiser-Pohl, 1999) Aufgabenprinzip: Geometrische Körper werden mit einer Ebene geschnitten. Welche Schnittfiguren können dabei entstehen? Erfasst die Visualisierungsfähigkeit im oberen Leistungsbereich (17 Items). Skala Computerspiel-Erfahrung (Selbsteinschätzung) Wie oft spielen Sie folgende Computerspiele? Abenteuerspiele, Actionspiele, Sportspiele, Rollenspiele, Denk- und Logikspiele, Geschicklichkeitsspiele, Simulationsspiele, Fahrzeugsimulatoren Antwort als vierstufiges Rating von 1= nie bis 4 = sehr oft Skala Vorerfahrungen mit anderen Spielen (Selbsteinschätzung) Haben Sie folgende Spiele schon einmal gespielt? 3-D-Puzzle, 3-D-Würfel, Computerspiele Ein Vergleich der Studentengruppen ergab folgende Ergebnisse: Die Computerwissenschaftler schnitten auch unter Kontrolle der Variable Geschlecht in beiden Raumvorstellungstests signifikant besser ab als Studierende von Nicht-Computerwissenschaften (Psychologie, Sport, Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften). Es zeigten sich hingegen keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den einzelnen Computerwissenschaften, wohl aber Wechselwirkungen zwischen der Studienrichtung und dem Geschlecht. Ein Zusammenhang von Computererfahrungen auf verschiedenen Ebenen und Testleistungen war nachweisbar. Interindividuelle Leistungsunterschiede standen aber auch in Zusammenhang mit der Studiendauer und der schulischen Fächerkombination. Unter den Computerspielen waren es die Fahrzeugsimu-latoren, die den größten Effekt zeigten. Neben den bekannten in der Stichprobe aber geringer ausfallenden Geschlechtsunterschieden wurden hinsichtlich des Einflusses von Computererfahrungen differenzielle Effekte für Frauen und Männer beobachtet. Diese lassen sich in der Weise interpretieren, dass weibliche Studierende dieser Studiengänge ihr subjektiv empfundenes Fähigkeitsdefizit durch gezieltes Üben erfolgreich kompensieren können. Ferner kristallisierte sich eine größere Bedeutung der Computererfahrung für die Visualisierungsfähigkeit (Schnitte) als für die mentale Rotation (MRT) heraus. Fortgeschrittene Studentinnen der Computervisualistik erzielten im Test "Schnitte" sogar signifikant bessere Leistungen als ihre männlichen Kommilitonen. Bei der Orientierungsaufgabe ergaben sich hingegen keine Zusammenhänge zu Computererfahrungen. 2

3 Leistungen im MRT Die Testergebnisse der ComputerwissenschaftlerInnen liegen weit über denen anderer Stichproben (vgl. Lehmann, Quaiser-Pohl, Jordan & Jüling, 2001). Es zeigen sich signifikante Leistungsunterschiede zwischen den Studienfächern. Weibliche Studierende weisen in den meisten Studienfächern schlechtere Ergebnisse im MRT auf als männliche. Bei den CVlerInnen fällt der Geschlechtsunterschied gering aus. Wirtschaftsinformatikerinnen erzielen sogar besser Leistungen als ihre männlichen Kommilitonen. Auch bei der schwierigen Form C des MRT schneiden CVlerInnen und Informatiker-Innen besonders gut ab. Mit zunehmender Studiendauer verschwindet der Geschlechtsunterschied bei den CVlerInnen, während er sich bei den InformatikerInnen vergrößert. 3

4 Leistungen im Test Schnitte Computervisualistinnen erzielen bereits im Grundstudium signifikant bessere Ergebnisse als Diplompsychologinnen. Der Geschlechtsunterschied ist auch hier bei den CVlerInnen etwas geringer ausgeprägt als bei den Diplom-PsychologInnen. Mit der Studiendauer verbessern sich die Testleistungen der CVlerinnen noch. Sie liegen dann weit über allen anderen Normstichproben (vgl. Fay & Quaiser- Pohl, 1999). Der Geschlechtseffekt kehrt sich im Hauptstudium (5.-7. Semester) sogar um. 4

5 Computerspiele und Testleistungen Vorerfahrungen mit anderen Spielen und MRT-Leistung (*) p * p <.05 ** p <.01 N=120 Studierende von Computerwissenschaften (2. Semester) Mögliche Schlussfolgerungen beziehen sich auf die Raumvorstellung als Schlüsselqualifikation für computerwissenschaftliche Studiengänge und auf die Möglichkeit einer gezielten Förderung des räumliche Vorstellungsvermögens durch bestimmte Computeranwendungen. Literatur: Die in den Raumvorstellungstests beobachteten hohen Leistungsniveauunterschiede - gerade bei weiblichen Studierenden - und der Verlauf der Geschlechtsunterschiede weisen das räumliche Vorstellungsvermögen und insbesondere die Visualisierungsfähigkeit als Schlüsselqualifikation für diesen Studiengang aus. Offen bleibt, ob es sich dabei um Selektionseffekte handelt oder um durch die Inhalte des Studiums bedingte Übungseffekte. Ein fördernder Einfluss von Computerspielen auf die Raumvorstellung zeigt sich besonders bei Personen mit wenig Computererfahrung. Die differentielle Bedeutung von bestimmten Spielformen weist darauf hin, dass Spiele, bei denen mit 3-D-Objekten und räumlichen Konstellationen konstruktiv dynamisch umgegangen werden muss, hier besonders förderlich sind. Beide Befunde sollten durch systematische Längsschnittanalysen und gezielte Trainingsstudien weiter untersucht werden. Fay, E. & Quaiser-Pohl, C. (1999). Schnitte - Ein Test zur Erfassung des räumlichen Vorstellungsvermögens. Frankfurt/M.: Swets Test Services. Peters, M., Laeng, B., Lathan, K., Jackson, M., Zaiouna, R. & Richardson, C. (1995). A redrawn Vandenberg and Kuse Mental Rotations Test: Different versions and factors that affect performance. Brain and Cognition, 28, Lehmann,W., Quaiser-Pohl, C., Jordan, K. & Jüling, I.(2001). Räumliche Vorstellunsgfähigkiet bei unterschiedlioch befähigten Schülergruppen. In: Abstractband zur 6. Arbeitstagung der Fachgruppe für Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, September 2001 Universität Leipzig.(ISBN ), Leipzig: Leipziger Univ.-Verl., 2001, S

6 In: Abstractband zur 6. Arbeitstagung der Fachgruppe für Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, September 2001 Universität Leipzig. (ISBN ), Leipzig: Leipziger Univ.-Verl., 2001, S

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