Die Stromtrasse im Blick. Wie weit weg ist weit weg genug?

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1 Die Stromtrasse im Blick. Wie weit weg ist weit weg genug? Peter M. Wiedemann und Frank Claus Wer Stromtrassen baut, dem ist heutzutage Ärger sicher. Strom aus der Steckdose, ja bitte! Aber Höchstspannungsleitungen vor der Haustür Nein, danke! Dieses Dilemma zu überwinden, ist ein wichtiger Meilenstein der Politik bei der erfolgrei- chen Umsetzung der Energiewende. Die Politik setzt dabei auf eine Reihe von Maßnahmen, vor allem auf Information und frühzeitige Einbindung der Bürgerschaft, auf ökonomische Anreize sowie auf striktere Grenzwerte, um den Sorgen der Anwohner zu begegnen. Die Frage ist, ob die zum Schutze der Gesundheit vorsorglich vorgeschlagenen zusätzlichen Abstandsregelungen auch der Akzeptanzverbesserung dienen. Die vorliegende experimentelle Studie mit 430 Personen aus der Normalbevölkerung spricht gegen diese Annahme. Somit existiert genügend wissenschaftliche Evidenz, um diese Praxis der Akzeptanzverbesserung zu überdenken. Zu der Frage, ob striktere Grenzwerte dazu führen, dass eine Höchstspannungsleitung eher vor der eigenen Haustür akzeptiert wird, haben wir 2013 eine Studie durchgeführt [1]. Als Maß für die Akzeptanz von Stromleitungen wurde dabei die Entfernung von der eigenen Wohnung genutzt. Wir haben damit statt der üblicherweise verwendeten qualitativen Zustimmungs-/Ablehnungsskala eine quantitative Skala mit einem allgemeinverständlichen Maßstab eingesetzt. Unsere Ergebnisse aus 2013 zeigen, dass ein strikterer Grenzwert, zumindest in der zumeist vorgeschlagenen Größenordnung (etwa 350 Meter Abstand), nicht zu einer höheren Akzeptanz von Stromtrassen in der eigenen Nachbarschaft führt [1] Üblicher- weise stehen solche wissenschaftlichen Befunde solange unter Vorbehalt, bis sie durch eine zweite Studie bestätigt werden. Deshalb wurde die vorliegende Studie durchgeführt. Die folgenden drei Fragenkreise stehen im Mittelpunkt: Lassen sich die Ergebnisse der Studie aus 2013 bestätigen? Ist zu erwarten, dass einfacher aufgebaute Informationen zum Thema Grenzwerte und Vorsorge anders wirken als in unserer ersten Studie, in der den Versuchsteilnehmern fachlich komplexe Informationen vorgegeben wurden? Gibt es Alternativen zur Kommunikation mittels Grenzwerten, wenn es darum geht, die Akzeptanz von Stromtrassen zu verbessern? Beeinflusst eine Information, die verdeutlicht, welchen Anteil eine Höchstspannungsleitung an der häuslichen EMF-Exposition hat, die Entfernung, in der eine Stromtrasse akzeptiert wird? Inwieweit beeinflussen auch Persönlichkeitseigenschaften wie Ängstlichkeit sowie die Einstellung zur Technik das wahr- Der Verweis auf Grenzwerte beim Leitungsausbau reicht nicht aus, um die Ängste und Bedenken der Bürger auszuräumen Foto: carloscastilla Fotolia.com genommene Risiko und die Akzeptanz von Stromtrassen? Methodischer Ansatz der Studie In der vorliegenden Studie wird experimentell geprüft, ob (1) der Vergleich mit anderen EMF-Quellen, die zur Gesamtexposition beitragen, die Distanz beeinflusst, in der man bereit ist, eine Stromtrasse in der eigenen Nachbarschaft zu akzeptieren. Weiterhin soll (2) untersucht werden, ob diese Distanz durch die Information über das Einhalten eines strikteren Vorsorge-Grenzwertes beeinflusst wird. Die Studie wurde im Juni 2014 als Online- Studie durchgeführt. Die Versuchsteilnehmerinnen und -nehmer wurden per Zufallswahl vier verschiedenen Gruppen zugeteilt. Die Gruppen erhielten jeweils unterschiedliche Informationen zur Vorsorge und zur Gesamtexposition (siehe Textbausteine 1-4 in der Tabelle). Durch einen Vergleich der Antworten zwischen den Gruppen kann zuver- lässig ermittelt werden, ob eine Stromtrasse eher in der eigenen Nachbarschaft akzeptiert wird (oder nicht), wenn die Menschen wissen, dass zusätzliche Vorsorgemaßnahmen durchgeführt und/oder Informationen zum Anteil an der häuslichen Gesamtexposition gegeben werden. In der Studie wur- den die folgenden abhängigen Variablen ausgewählt: In welcher Entfernung sind ihrer Auf- fassung nach Gesundheitsrisiken für Sie ausgeschlossen? (DIST GES); 75

2 Abb. 1 Durchschnittlich erforderliche Entfernung für den Gesundheitsschutz, in Abhängigkeit von den vier Informations-Vorgaben im Experiment mit 95 % Konfidenzintervall (CI) Abb. 2 Durchschnittliche Entfernung, in der eine Höchstspannungsleitung akzeptiert wird, in Abhängigkeit von den Informationsvorgaben im Experiment mit 95 % Konfidenzintervall (CI) In welcher Entfernung würden Sie dem Bau einer Höchstspannungsleitung zustimmen? Wie viele Meter von Ihrer Wohnung muss die Stromtrasse entfernt sein? (DIST AKZ); Reicht für Sie die Einhaltung des Grenzwertes aus, um mögliche Bedenken und Ängste auszuräumen? (AUSR); Reicht für Sie die Einhaltung des Grenzwertes aus, um dem Bau der Höchstspannungsleitung in Ihrer Nachbarschaft zuzustimmen? (ZUST). Die Antworten auf die beiden ersten abhängigen Variablen DIST GES und DIS AKZ wurden in Metern abgefragt. In Bezug auf die abhängigen Variablen AUSR, PROT und ZUST hatten die Versuchsteilnehmer ihre Antworten auf einer 7-stufigen Rating-Skala zu geben, mit den Endpunkten 1 = in sehr hohem Maße und 7 = gar nicht. Stichprobe Die Datenerhebung wurde Online mithilfe der Software SurveyMonkey im Juni 2014 von der Respondi AG durchgeführt. An der Studie nahmen 430 Personen aus Deutschland teil, die überwiegend auf dem Land oder in kleineren Ortschaften leben. Zwei Versuchsperson wurde wegen extremer Distanzangaben aus der Analyse ausgeschlossen. Das Durchschnittsalter beträgt 49 Jahre, das Geschlechterverhältnis ist weitgehend ausbalanciert (53 % männlich, 47 % weiblich). Über 25 % der Befragten haben einen Fachhochschul- oder Universitätsabschluss. Etwa 10 % von ihnen besitzen einen Hauptschulabschluss oder sind ohne Schulabschluss. Die übrigen Untersuchungsteilnehmer liegen dazwischen. Erhoben wurde auch, ob die Befragten Hausbesitzer sind und ob sie in der Nähe einer Stromtrasse wohnen. Befunde Experimentelle Variation Die mittlere Entfernung, in der eine Stromtrasse in der eigenen Nachbarschaft akzeptiert wird, beträgt 943 Meter. Fragt man jedoch nach dem Abstand, in dem die Gesundheit geschützt ist, so wird eine mittlere Entfernung von 668 Metern angegeben. Diese Differenz ist im statistischen Sinne signifikant (t=3.61, p<.001) und weist darauf hin, dass die Akzeptanz einer Stromtrasse vor der eigenen Haustür nicht nur vom Gesundheitsschutz abhängig ist. Allerdings variieren die Entfernungsangaben in beiden Fällen sehr. Abb. 1 zeigt, dass der zum Gesundheitsschutz für erforderlich gehaltene Abstand (DIST GES) je nach vorgegebenem Textbaustein unterschiedlich ausfällt. Wird keine Information über einen strikteren Vorsorgewert gegeben aber über den Anteil der EMF von Stromtrassen an der häuslichen Gesamtexposition informiert (Textbaustein 2), so beträgt dieser Abstand im Mittel 417 Meter. Wird keinerlei Zusatzinformation gegeben (Textbaustein 1) so beläuft sich diese Distanz auf 660 Meter. In Bezug auf die experimentelle Variation lässt sich folgendes feststellen: Vorsorgeinformationen (Textbausteine 3 und 4) erhöhen den für den Gesundheitsschutz erforderlich gehaltenen Abstand statistisch signifikant (Kruskal Wallis Test, p<.001). Dagegen finden sich keine signifikanten Unterschiede bezüglich dieses Abstandes, wenn über den Anteil der Gesamtexposition informiert wird oder nicht (Kruskal Wallis Test, p>.10). Abb. 2 beschreibt die Effekte der experimentellen Variation der Information (Textbausteine 1-4) auf die Distanz, in der eine Höchstspannungsleitung vor der eigenen Haustür akzeptiert wird unabhängig von den dahinterliegenden Motiven (DIST AKZ). Bezogen auf die Akzeptanz einer Höchstspannungsleitung zeigt sich ein statistisch signifikanter Effekt. Wird über Vorsorge informiert (Textbausteine 3 und 4), so beträgt die mittlere Entfernung, in der eine Stromtrasse akzeptiert wird, Meter. Ohne diese Information (Textbausteine 1 und 2) sind es 830 Meter. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant (Kruskal Wallis Test, p< 0.05). 76

3 Abb. 3 Durchschnittliche Bewertung mit 95 % Konfidenzintervall der Frage, ob die Einhaltung der Grenzwerte ausreichte, um Ängste auszuräumen. Angaben auf einer siebenstufigen Rating-Skala mit den Endpunk- ten 1= in sehr hohem Maße und 7 = gar nicht. Abb. 4 Durchschnittliche Bewertung der Frage, ob die Einhaltung der Grenzwerr te ausreicht, um dem Bau einer Höchstspannungsleitung zuzustimmen (Mit 95 % Konfidenzintervall (CI). Angaben auf einer siebenstufigen-rating Skala mit den Endpunkten 1= in sehr hohem Maße und 7 = gar nicht.) Ein anderes Bild ergibt sich für den Fall, dass über den Anteil der Hochspannungsleitung an der häuslichen Gesamtexposition informiert wird. Bei Vorlage der Information ist die mittlere Distanz für die Akzeptanz 914 Meter, gegenüber 973 Meter bei Nichtvorlage. Allerdings ist diese Differenz im statistischen Sinne nicht signifikant (Kruskal Wallis Test, p>.10). Abb. 3 lässt erkennen, welche Effekte die experimentelle Variation der Textbausteine 1-4 auf die Einschätzung der Befragten hat, inwieweit die Einhaltung des Grenzwertes ausreicht, um Ängste und Bedenken auszuräumen (AUSR). Es zeigt sich, dass alle Bewertungen, gleich wie informiert wird, in die negative Richtung tendieren. Nur für die Bedingung, dass zugleich Informationen über den Vorsorgegrenzwert und über den Anteil an der häuslichen Gesamtexposition gegeben werden (Textbaustein 4) liegt die durchschnittliche Bewertung bei 3,9 und damit unterhalb des Skalenmittelpunkts von 4,0. Ein Kruskal Wallis Test ergibt eine statistisch signifikante Differenz (p<.05), wenn der 1. und der 4. Textbaustein verglichen werden. Wird also über Vorsorge und den Anteil der EMF der Stromtrasse an der häuslichen Gesamtexposition informiert, so wirkt sich das nach Ansicht der Befragten tendenziell angstverringernd aus. Ausgeräumt werden Ängste und Bedenken aber nicht. Für die Frage, ob die Einhaltung des Grenzwertes ausreicht, um dem Bau einer Höchstspannungsleitung zuzustimmen (ZUST), findet sich ein ähnliches Bild (siehe Abb. 4). Im Durchschnitt liegen alle Bewertungen ober- halb des Skalenmittelpunkts von 4,0 und damit im Ablehnungsbereich. Es findet sich jedoch eine statistisch signifikante Differenz zwischen dem 1. und dem 4. Textbaustein. Die Information über Vorsorgegrenzwerte und den Anteil an der Gesamtexposition hat einen tendenziell akzeptanzfördernden Effekt (Kruskal Wallis Test, p < 0.05). Die Bewertung wird damit allerdings nicht positiv, sondern verbleibt im Ablehnungsbereich. Einflussfaktoren auf die Distanzangaben Um zu ermitteln, welche Faktoren die Entfernungsangaben für die Akzeptanz einer Höchstspannungsleitung beeinflussen, wur- den lineare Regressionen gerechnet. Geprüft wurde der Einfluss der folgenden Faktoren: (1) Risikowahrnehmung bzgl. Höchstspannungsleitungen, (2) Einstellung zur Technik, (3) Wohneigentum, (4) Wohnen in der Nähe einer Stromtrasse, (5) Einschätzung der eigenen Gesundheit sowie (6) Einschätzung der eigenen Ängstlichkeit. Nur die Risikowahrnehmung (Beta=.233, p<.001) und die Einstellung zur Technik (Beta=.111, p<.05) beeinflussen die Distanz, die für den Gesundheitsschutz als erforderlich angesehen wird. Alle anderen Faktoren üben keinen Einfluss auf die angegebene Distanz aus. Das gilt sowohl für die Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes, für die Ängstlichkeit sowie für die Fragen, ob man Immobilieneigentümer ist und ob man in der Nähe einer Hochspannungsleitung wohnt. Allerdings ist die Erklärungskraft des Regressionsmodells gering. Es erklärt nur 7 % der Varianz. Anscheinend gibt es weitere bedeutsame Fak- toren für den Wunsch nach Abstand zur Stromleitung. Ein ähnliches Resultat erbringt eine Regression auf die Variable Erforderlicher Abstand für den Gesundheitsschutz, die auf einem Regressionsmodell mit den gleichen Faktoren basiert. Auch hier sind nur die Risikowahrnehmung und die Einstellung zur Technik statistisch signifikante Einflussfaktoren. Die Risikowahrnehmung und die Technikeinstellung beeinflussen also wesentlich die für den Gesundheitsschutz und die für die Akzeptanz erforderlich erachteten Entfernungen einer Stromtrasse zur eigenen Haustür. Individuelle Unterschiede Es macht Sinn, sich auch die individuellen Bewertungen der Versuchsteilnehmer genauer anzusehen. Abb. 5, die die Entfer- 77

4 neren Ortschaften leben. Damit haben an dem Experiment Personen teilgenommen, die für die Fragestellung relevant sind. Die Zuteilung der Versuchsteilnehmer zu den vier Versuchsbedingungen (siehe Tabelle) erfolgte über einen Zufallsgenerator. Somit sind die interindividuellen Unterschiede der Versuchsteilnehmer ausbalanciert. Die vorliegende Studie liefert klare Belege dafür, dass die Einhaltung des Grenzwerts gleichgültig ob Gefahren- oder Vorsorgegrenzwert nicht dazu führt, dass eine Stromtrasse Akzeptanz findet. Denn der Verweis auf Grenzwerte reicht nicht aus, um die Ängste und Bedenken der Bürger auszuräumen. Abb. 5 Entfernung, in der eine Stromtrasse akzeptiert wird. Dargestellt sind kumulativen Prozentwerte, d. h. wie groß ist die Gruppe (in % der aller Befragten), die in einer bestimmten Entfernung eine Stromtrasse akzeptiert nungen für die Akzeptanz von Stromtrassen anzeigt, macht die Spannweite der Distanzangaben deutlich. Auf der X-Achse sind die Entfernungen in Meter aufgetragen, auf der Y-Achse der Prozentsatz der Befragten. Die Linie im Koor- dinatensystem von X- und Y-Achse zeigt jeweils den Prozentsatz der Befragten an, die eine Höchstspannungsleitung in einer bestimmten Entfernung akzeptieren würden. Nur 3 % der Befragten sind mit einem Abstand von 20 m (was etwa der Einhaltung des Grenzwertes entspricht) zufrieden; 37,5 % sind mit einer Entfernung von 350 Metern einverstanden. Ein Abstand von 600 Metern findet die Zustimmung von 66 % und 88 % der Befragten sind mit einem Abstand von Metern zufriedenzustellen. Zusammenfassung und Diskussion Die vorliegende Studie erfüllt die Qualitätsanforderungen, die an Experimente gestellt werden. Die verwendete Stichprobe ist groß genug, um einen Effekt, wenn er vorhanden ist, mit ausreichender Wahr- scheinlichkeit auch finden zu können. Die Stichprobe der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wurde außerdem per Zufall aus einem Online-Panel von Personen ausgewählt, die auf dem Lande oder in klei- Informationen über Vorsorge-Grenzwerte und Anteile der EMF-Exposition der Stromtrassen an der häuslichen Gesamtexposition haben tendenziell einen positiven Effekt, jedenfalls, wenn man allgemein nach Effekten fragt. Erfasst man jedoch die Akzeptanz genauer, d. h. als metrische Abstandsangabe, so zeigt sich ein anderes Bild: Striktere Vor- sorgegrenzwerte helfen nicht, Akzeptanz zu fördern. Im Gegenteil: Die vorliegende Untersuchung erbringt Hinweise auf einen kontraproduktiven Effekt. Wenn über einen Vorsorgegrenzwert informiert wird, erhöht sich die Distanz, in der eine Stromtrasse akzeptiert wird. Damit bestätigt und ver- schärft die vorliegende Studie die Befunde der ersten Studie von 2013 [1]. Die durchschnittliche Distanz, in der eine Höchstspannungsleitung akzeptiert wird, stimmt mit der aus unserer früheren Studie überein. In dieser Studie betrug die mittle- Tabelle: Textbausteine des Online Experiments Stellen Sie sich bitte vor, dass Sie in einer Gemeinde wohnen, durch die eine 380-kV-Höchstspannungsleitung gebaut werden soll. Stellen Sie sich weiterhin vor, dass Sie eine Wohnung in einem Haus bewohnen, in dessen Nähe jetzt die Höchstspannungsleitung gebaut werden soll. Überall, wo Strom vorhanden ist, gibt es auch elektrische und magnetische Felder, die einen Einfluss auf das Wohlbefinden und die Gesundheit haben können. Das trifft für Höchstspannungsleitungen zu, aber auch für die Stromleitungen innerhalb eines Hauses. Auch bei der Nutzung elektrischer Geräte Baustein 1 im Haushalt entstehen solche Felder. Zum Schutz der Gesundheit ist deshalb gesetzlich ein Grenzwert festgelegt, der vor nachgewiesenen gesundheitlichen Wirkungen der elektrischen und magnetischen Felder schützt [3]. Dieser Grenzwert wird bereits eingehalten, wenn die Höchstspannungsleitung einen Abstand von 20 m zu Ihrer Wohnung hat. Baustein 1 + Baustein 2 Je weiter entfernt die Höchstspannungsleitung von ihrer Wohnung ist, desto schwächer wird deren Einfluss. Ist die Höchstspannungsleitung mehr als 100 m entfernt, dann stammen die in der Wohnung messbaren Felder fast ausschließlich von den Stromleitungen im Haus und von den dort genutzten elektrischen Geräten. Baustein 3 Baustein 1 + Aus Gründen der Vorsorge wird aber der erforderliche Abstand zu Ihrer Wohnung auf 350m festgelegt. Baustein 4 Kombination von Baustein 1, 2 und 3 78

5 re Entfernung 827 Meter für den Fall, dass über einen strikteren Vorsorge-Grenzwert informiert wurde. Wurde darüber nicht informiert, so waren es 829 m. In der vorliegenden Studie ergeben sich für diese Fälle 1050 Meter (Information über einen Vorsor-r gegrenzwert) und 831 Meter (keine Infor- mation über Vorsorgegrenzwert). Die neu eingeführte Variable Erforderlicher Abstand für den Gesundheitsschutz lässt erkennen, dass die Gesundheitsschutz-Entfernung statistisch signifikant geringer ist als die Akzeptanz-Entfernung. Akzeptanz ist also nicht nur eine Frage des Gesundheitsschutzes. Weiterhin bestätigt sich auch in Bezug auf den Gesundheitsschutz, dass Infor- mation über einen Vorsorgegrenzwert dazu führt, dass die für den Schutz der Gesundheit erforderlich gehaltene durchschnittliche Entfernung anwächst. Auch hier wirkt die Vor- sorge-information kontraproduktiv. Die akzeptanzreduzierende Wirkung von Vorsorge-Informationen wird verständlich, wenn man sich vor Augen hält, dass wie schon von der WHO [2] befürchtet durch Vorsorge-Informationen das Vertrauen in Grenzwerte untergraben werden kann. Es ist schwer vorzustellen, dass Menschen glauben, dass in einem Abstand von 20 Metern die Gesundheit geschützt ist, wenn gleichzeitig vorsorglich ein Abstand von 350 Metern festgelegt wird. Mit dem Blick auf die Akzeptanz von neuen Stromtrassen gibt es daher erhebliche Zweifel an der Wirkung der vom Land Niedersachsen mit dem Landesraumordnungsprogramm eingeführten Abstände von 400 Metern zu Wohngebäuden im beplanten Innenbereich und 200 Metern im Außenbereich, die in ähnlicher Art und Weise auch im Entwurf des Landesentwicklungsplanes für Nordrhein-Westfalen zu finden sind. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie legen den Schluss nahe, dass diese Abstandsregelungen eher zu verstärkter Besorgnis und zu geringerer Akzeptanz führen werden. Wer die Akzeptanz des Netzausbaus fördern möchte, kann als Alternative zur Information über Vorsorgegrenzwerte den Anteil der Hochspannungsleitung an der häuslichen Gesamtexposition mit EMF beschreiben. Insbesondere wenn es um das Ausräumen von Gesundheitssorgen geht, kann diese Referenz helfen, ein ausgewogeneres Bild von den möglichen Risikopotenzialen von Höchstspannungsleitungen zu vermitteln. Offenbar wirkt der Hinweis die Tatsache, dass umso weiter entfernt eine Höchstspannungsleitung ist, die in der Wohnung messbaren Felder fast ausschließlich von den im Haus verlegten Stromleitungen und den dort genutzten elektrischen Geräten stammen, entlastend auf die Einstellung der Befragten. Zukünftige Forschung sollte diese Variante der Information für die Kommunikation von Sicherheit genauer untersuchen. Literatur [1] Wiedemann, P. M., Claus, F.: Helfen striktere Grenzwerte, Akzeptanz zu gewinnen? Energiewirtschaft 12(2013), S [2] WHO Fact-Sheet: Electromagnetic fields and public health cautionary policies. O. O. 2000; who.int/docstore/peh-emf/publications/facts_press/ EMF-Precaution.htm [3] Vgl. Bundesamt für Strahlenschutz: de/de/elektro/netzausbau) Prof. Dr. P. M. Wiedemann, University of Wollongong, Australien; Dr. F. Claus, Ge- schäftsführender Gesellschafter, IKU-Die Dialoggestalter GmbH, Dortmund Olpe Die vorliegende Studie wurde von der Amprion GmbH gefördert. Seit 20 Jahren im Einsatz für wahre Preise Am feierte das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) seine Gründung vor 20 Jahren. Mit der Gründung des Fördervereins Ökologische Steuerreform am wurde eine parteiübergreifende Initiative gestartet, um in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für die Idee der Ökologischen Steuerreform zu werben. Zu den Vereinsgründern gehörten die damaligen Wissenschaftler des Wuppertal Instituts, Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker und Kai Schlegelmilch, sowie die Manager und Unternehmer, Dr. Henner Ehringhaus und Dr. Anselm Görres. Ihnen ging es um eine pragmatisch gestaltete Ökologische Steuerreform, welche die ökologische Zukunftsfähigkeit ebenso nachhaltig verbessern sollte wie die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit. Keine viereinhalb Jahre nach der Vereinsgründung konnte das FÖS einen großen Erfolg feiern: Die sog. Ökosteuer wurde zum gesetzlich eingeführt. Die Idee der Reform ging auf: Der Umgang mit Energie wurde sparsamer, gleichzeitig konnten, durch die Absenkung der Lohnnebenkosten, rund Arbeitsplätze erhalten oder geschaffen werden. In den vergangenen zwei Dekaden hat sich das FÖS stetig weiterentwickelt: Von einer Ein-Themen-Organisation hin zum innovativen Think Tank. Die Themenpalette reicht dabei von der Kernkompetenz ökologisch motivierter Steuern über den Abbau umweltschädlicher Subventionen bis hin zu vielerlei Aspekten einer Ökologisch-Sozialen Marktwirtschaft. In den vergangenen Jahren wurde das FÖS von allen im Bundestag vertretenen Fraktionen als Sachverständige zu Anhörungen geladen. Auch nach 20 Jahren erfolgreicher Arbeit gibt sich das FÖS mit den aktuellen politischen Entwicklungen nicht zufrieden: Demnach wird es auch in Zukunft ausreichend Anlässe geben, um immer wieder deutlich zu machen, wie sinnvoll eine Umweltpolitik ist, die intelligente Anreize mit einer angemessenen Finanzierung von Zukunftsaufgaben verbindet. Ausgestattet mit derartigen Leitplanken kann und muss eine Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft zum Leitbild des 21. Jahrhunderts werden. Weitere Informationen: 79

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