Amerikanische Verhältnisse Abhängigkeitsdiagnostik nach DSM 5 bei PatientInnen in der stationären Entwöhnungsbehandlung: Ergebnisse einer Pilotstudie

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1 Amerikanische Verhältnisse Abhängigkeitsdiagnostik nach DSM 5 bei PatientInnen in der stationären Entwöhnungsbehandlung: Ergebnisse einer Pilotstudie Wilma Funke und Johannes Lindenmeyer Kliniken Wied und salus klinik Lindow FVS Kongress Heidelberg 2014; Forum 3; Funke/Lindenmeyer DSM 5 für den Bereich der Suchtstörungen ICD 10 (WHO; demnächst ICD 11) ist in Deutschland das im Behandlungsbereich von RV und KV relevante System. DSM 5 (APA, 2013) findet Verbreitung v.a. in der klinisch psychiatrischen Diagnostik, in der (internationalen) Forschung sowie infolge auch in der klinisch psychotherapeutischen Ausbildung. Substanzgebrauchsstörungen (substance use disorders) in DSM 5: Aufgabe des dichotomen Kriteriums Abhängigkeit Missbrauch zugunsten eines Kontinuums von 0 11 (Merkmal vorhanden ja/nein) Schweregrad Bereits beim Vorliegen von 2 Symptomen innerhalb der letzten 12 Monate kann eine leichtgradige Substanz Gebrauchsstörung diagnostiziert werden. Wegfall des Merkmals der wiederkehrenden Probleme mit dem Gesetz (nicht ausreichend sensitiv) Hinzunahme des Merkmals Verlangen ( craving ), das in ICD 10 bereits berücksichtigt ist. Pathologisches Glücksspiel ( disordered gambling ): Aufnahme als erste nichtstoffgebundene Sucht Störung 1

2 Unsere Fragen zur Auswirkung für die medizinische Rehabilitation am Beispiel Alkohol Führt die Aufgabe der dichotomen Einteilung in abhängig nicht abhängig zugunsten eines dimensionalen Konstrukts des Schweregrads der Substanzgebrauchsstörung von 0 11 zu einer veränderten Einschätzung der Behandlungsbedürftigkeit? Ergibt sich durch die Anwendung der 11 Merkmale des DSM 5 eine relevante Verschiebung der Diagnosestellung gegenüber der Diagnose nach ICD 10? Ermöglicht die Einschätzung des Alkoholgebrauchs nach DSM 5 eine bessere Identifizierung von alkoholgefährdeten Patienten mit einer psychosomatischen Störung? Merkmale zur Einschätzung einer alkoholbezogenen Substanzgebrauchsstörung nach DSM 5 1. Wiederholter Konsum, der zu Versagen wichtiger Verpflichtungen führt 2. Wiederholter Konsum in Situationen, in denen es zu körperlichen Gefährdungen kommen kann 3. Wiederholter Konsum trotz ständiger/wiederholter sozialer und zwischenmenschlicher Probleme 4. Toleranzsteigerung (Dosissteigerung oder verminderte Wirkung) 5. Entzugssymptome und deren Vermeidung durch Konsum 6. Konsum länger und in größeren Mengen als geplant (Kontrollverlust) 7. Anhaltender Wunsch oder vergebliche Versuche der Kontrolle 8. Hoher Zeitaufwand für Beschaffung und Konsum sowie Erholung 9. Aufgabe oder Reduzierung von anderen Aktivitäten zugunsten des Konsums 10. Konsum trotz Kenntnis von körperlichen oder psychischen Problemen 11. Starkes Verlangen oder Drang zum Konsum (Craving) 2

3 Unser Vorgehen Stichtagsbefragung in fünf Kliniken des Fachverbands Sucht (Abt. Alkohol/Medikamente, z.t. mit Psychosomatik Abteilung) Erhebung der 11 Merkmale nach DSM 5 mithilfe eines Fragebogens durch behandelnde Therapeuten ICD 10 Behandlungsdiagnose vorhanden: F10.1 oder F10.2 oder keine F10 Diagnose Zusammenführung der Daten (N=970) in klinikanonymisierter Form über den Fachverband Sucht Auswertung mithilfe von SPSS in der salus klinik Lindow und den Kliniken Wied Anzahl DSM 5 F10.2 F10.1 Keine F10 Gesamt 0 Items 6 ( 0,1 %) 1 ( 2,6 %) 131 ( 94,3 %) Item 0 ( 0,0 %) 2 ( 5,3 %) 4 ( 2,9 %) 6 2 Items 0 ( 0,0 %) 14 ( 36,8 %) 1 ( 0,7 %) 15 3 Items 2 ( 0,3 %) 6 ( 15,8 %) 1 ( 0,7 %) 9 4 Items 7 ( 0,9 %) 8 ( 21,0 %) 1 ( 0,7 %) 16 5 Items 22 ( 2,8 %) 3 ( 7,9 %) 1 ( 0,7 %) 26 6 Items 40 ( 5,1 %) 2 ( 5,3 %) 0 ( 0,0 %) 42 7 Items 75 ( 9,6 %) 0 ( 0,0 %) 0 ( 0,0 %) 75 8 Items 107 ( 13,7 %) 1 ( 2,6 %) 0 ( 0,0 %) Items 135 ( 17,2 %) 1 ( 2,6 %) 0 ( 0,0 %) Items 152 ( 19,4 %) 0 ( 0,0 %) 0 ( 0,0 %) Items 238 ( 30,4 %) 0 ( 0,0 %) 0 ( 0,0 %) 238 Gesamt 784 (100 %) 38 (100 %) 139 (100 %) 961 3

4 Prozent Vergleich der diagnostischen Einschätzung ICD 10 und DSM-5 bzgl. Alkoholkonsumstörung Nebenanalyse: Ist der Schweregrad einer Substanzgebrauchsstörung Alkohol nach DSM 5 eindimensional? Faktorenanalyse nach dem Hauptkomponentenmodell 4

5 Ergebnisse der Faktorenanalyse Faktorenanalyse: Hauptkomponente mit 58 % erklärter Varianz Eigenwertverlauf: erster Faktor 6,34 Weitere Faktoren < 1,0 nächster Faktor bringt weitere 7,5 % Varianz = Dimension Schweregrad wurde bestätigt. Höchstladende Items 1. Toleranzsteigerung (Dosiserhöhung oder verminderte Wirkung) 2. Konsum länger oder mehr als geplant (Kontrollverlust) 3. Starkes Verlangen/Drang zu konsumieren (Craving) 4. Anhaltender Konsumwunsch oder erfolglose Kontrollversuche = klassische Symptome nach Jellinek (1952) Komponentenmatrix Faktor 1 DSM-5 1,685 DSM-5 2,536 DSM-5 3,765 DSM-5 4,865 DSM-5 5,778 DSM-5 6,843 DSM-5 7,801 DSM-5 8,619 DSM-5 9,787 DSM-5 10,777 DSM-5 11,830 5

6 Fazit Das dimensionale Konzept der Alkoholabhängigkeit nach DSM 5 bietet gegenüber der dichotomen Kategorisierung nach ICD 10 zumindest für die stationäre medizinische Rehabilitation keine erkennbaren Vorteile. Die Diagnose des schädlichen Konsums von Alkohol unter Psychosomatik Patienten gelingt nach DSM 5 Kriterien nicht deutlich genauer als mit der ICD 10 in Einrichtungen mit Sucht und Psychosomatikpatienten. Das Konstrukt Substanzkonsumstörung nach DSM 5 bezogen auf Alkohol ist in der untersuchten Stichprobe eindimensional, so dass eine Schweregradeinteilung anhand der 11 Items möglich scheint. Die am höchsten ladenden Items sind die klassischen Alkoholabhängigkeitsmerkmale einschließlich des Kontrollverlusts, des Verlangens und der Unfähigkeit zur Abstinenz. Verwechslung von Landschaft und Landkarte Landkarten dienen einem Zweck. Sie akzentuieren hierfür relevante Aspekte der Landschaft und lassen alle anderen weg DSM 5 akzentuiert den Schweregrad von Substanzgebrauchsstörung durch Addition von 11 Items, ohne dass etwas über die Relevanz für den Zweck der Diagnose bekannt ist 6

7 Offene Fragen zum Schweregrad von Substanzgebrauchsstörungen nach DSM 5 Unklar, ob jedes Item gleich wichtig für den Schweregrad der Störung ist DSM-5 4 DSM-5 3 DSM-5 2 DSM-5 1 DSM-5 8 DSM-5 7 DSM-5 6 DSM-5 5 DSM-5 7 DSM-5 8 Unklar, welche Relevanz der durch die Anzahl der 11 Items definierte Schweregrad hat (Prognose, Mortalität, Behandlungsbedarf, Behandlungsaufwand, Behandlungssetting, Behandlungsziel?) Danke für die Aufmerksamkeit! Wilma Funke & Johannes Lindenmeyer 7

8 Literatur Deister, A. (2014) DSM 5 Die Klassifikation von Krankheitszuständen. Notwendig oder gefährlich? Psychotherapie im Dialog, 13 (2), Heinz, A. & Friedel, E. (2014) DSM 5: wichtige Änderungen im Bereich der Suchterkrankungen. Nervenarzt, 85 (5), Jellinek, E.M. (1952) Phases of alcohol addiction. Quarterly Journal oj Studies on Alcohol, 13, Rumpf, H. J. & Kiefer, F. (2011) DSM 5: Die Aufhebung der Unterscheidung von Abhängigkeit und Missbrauch und die Öffnung für Verhaltenssüchte. Sucht, 57 (1),

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