Dissoziale Jugendliche

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1 Dissoziale Jugendliche Werner Leixnering Abteilung Jugendpsychiatrie Landesnervenklinik Wagner-Jauregg Linz Amtsärztefortbildung, Linz, Zur Nomenklatur normabweichenden Verhaltens (nach Specht, 1983) Auffällig Verhaltensweisen, die den maßgeblichen Beziehungspartnern dadurch zuwiderlaufen, dass sich diese subjektiv beunruhigt fühlen und entsprechend reagieren Abweichend Auffällige Verhaltensweisen, die nach Meinung der Mehrheit innerhalb einer Gesellschaft oder innerhalb eines ihrer Subsysteme als unerwünscht missbilligt werden. Dissozial Diejenigen abweichenden Verhaltensweisen, die als sozialschädlich beurteilt werden und deswegen ein Eingreifen notwendig erscheinen lassen. Delinquent Handlungen, die von den offiziellen Kontrollinstanzen verfolgt werden (unabhängig davon, ob Gesetze dafür eine Bestrafung vorsehen oder nicht). Kriminell Handlungen, die nach den Gesetzen mit Strafe bedroht sind. 1

2 STÖRUNG DES SOZIALVERHALTENS (ICD 10) CHARAKTERISIERT DURCH EIN SICH WIEDERHOLENDES UND ANDAUERNDES MUSTER DISSOZIALEN, AGGRESSIVEN ODER AUFSÄSSIGEN VERHALTENS SOLL SCHWERWIEGENDER SEIN ALS GEWÖHNLICHER KINDLICHER UNFUG ODER JUGENDLICHE AUFMÜPFIGKEIT DURCHGÄNGIG ÜBER 6 MONATE BEOBACHTBAR STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS Auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des SV Störung des SV bei fehlenden sozialen Bindungen Störung des SV bei vorhandenen sozialen Bindungen Störung des SV mit oppositionellem und aufsässigem Verhalten STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS 2-4% der Volksschulkinder 4-8% der Jährigen 6-12% der Jugendlichen Burschen 2-4x häufiger als bei Mädchen 2

3 STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS - COMORBIDITÄT ADHS Kognitive Störungen affektive Störungen Suchterkrankungen STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS Reaktives aggressives Verhalten Instrumentelles aggressives Verhalten STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS Offenes antisoziales Verhalten Verdecktes antisoziales Verhalten 3

4 STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS DIAGNOSTISCHE KRITERIEN Aggressives VH gegenüber Mensch oder Tieren Zerstörung von Eigentum Betrug oder Diebstahl Schwere Regelverstöße IMPULSHAFTIGKEIT UND EXEKUTIVE FUNKTIONEN Willensbildung Planen Zielorientiertes intentionales Handeln Resistenz gegenüber Ablenkung Problemlösen und Konzeptentwicklung Flexibilität und Veränderung von Routinen je nach Situation Aufrechterhaltung v. Zielorientierung u. Selbstaufmerksamkeit auch unter Stress PSYCHOSOZIALE RISIKOFAKTOREN BEI STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS Persönlichkeitsmerkmale der Eltern (zb Depression, Erregbarkeit, emot. Distanzierung Psychiatrische Störungen bei den Eltern Delinquenz, Disharmonie mit offen ausgetragenen Konflikten u. Aggressivität Wiederholter Wechsel der Elternfiguren Misshandlung Niedriger sozialer Status Allein erziehende Elternteile Soziale Isolierung der Familie 4

5 Erziehungsverhalten der Eltern bei Störungen des Sozialverhaltens der Kinder Zu viele oder zu wenige soziale Regeln Mangelnde Konsequenz in der Beachtung sozialer Regeln Duldung oder Verstärkung von sozial störendem und aggressivem Verhalten der Kinder Oft sind Eltern selbst Modell für aggressives Verhalten Abbildung 9.3: Entwicklung von Störungen des Sozialverhaltens (Übersichten bei Patterson et al., 1991; Cichetti & Toth, 1992; Hirschberg, 1994) Kind-Faktoren -Temperament -Unruhe, Impulsivität, Problemkreis Schule -Leistungsmisserfolg -Soziale Anpassungsprobleme -Aufmerksamkeitsstörung -Soziale Regelübertretung -Sprachentwicklungsstörung Eltern- Faktoren -Emotionale Vernachlässigung -Elterlicher Erziehungsstil Störung der Entwicklung von Selbst und Selbstwert Negatives Selbstbild, negative Zukunftserwartungen, Abwehrmechanismen mit Verzerrung der sozialen Wahrnehmung Adoleszente Risikoverhaltensweisen, Anschluss an deviante Gruppen -Rigider Erziehungsstil -Elterliche Verhaltensstörungen -Soziale Regelübertretungen -Sexueller Missbrauch Bedeutsame Phänomene für das Auftreten und Beibehalten von Delinquenz Motorische Ebene Hyperkinetische Störung Neurologische Ebene Diskrete neurologische Zeichen oder mögl. andere Marker 5

6 Kognitive Ebene Generelle intellektuelle Defizite sowie kognitive Teilleistungsstörungen Nachreifung Entwicklung von Coping-Mechanismen Umgang mit bisheriger Delinquenz Persistieren deliktspezifischer Persönlichkeitszüge Aufbau von Hemmungsfaktoren Folgeschäden durch Institutionalisierung Psychopathologische Ebene Affektive und emotionale Auffälligkeiten sowie Mangel an Bindungsfähigkeit Prädiktoren für die Gefährlichkeitsprognose bei Jugendlichen (ORLOB, 1997; kumulierte Tabelle nach Vorautoren) 1. Günstige Prognostische Kriterien Hohe Therapiemotivation Gutes Intelligenzniveau Nicht allzu starre Abwehrmechanismen Prädiktoren für die Gefährlichkeitsprognose bei Jugendlichen (ORLOB, 1997; kumulierte Tabelle nach Vorautoren) 2. Ungünstige Prognostische Kriterien Fehlende Therapiemotivation Niedrige Intelligenz Ausgeprägte Gemütsdefizite Reizbarkeit und Explosibilität Haltlosigkeit und Geltungsbedürfnis Starre Abwehrmechanismen Dissozialität/ Erziehungsschwäche der Eltern Orientierung an dissozialen Gleichaltrigen Schulisches und berufliches Versagen Zahl der Verurteilungen Gebrauch psychotroper Substanzen Lange Hospitalisierung 6

7 Prädiktoren für die Gefährlichkeitsprognose bei Jugendlichen (ORLOB, 1997; kumulierte Tabelle nach Vorautoren) 3. Postdeliktische Persönlichkeitsentwicklung Anpassung Nachreifung Entwicklung von Coping-Mechanismen Umgang mit bisheriger Delinquenz Persistieren deliktspezifischer Persönlichkeitszüge Aufbau von Hemmungsfaktoren Folgeschäden durch Institutionalisierung 4. Sozialer Empfangsraum Prädiktoren für die Gefährlichkeitsprognose bei Jugendlichen (ORLOB, 1997; kumulierte Tabelle nach Vorautoren) Arbeit Unterkunft Soziale Beziehungen Kontrollmöglichkeiten Konfliktbereiche, die rückfallgefährdende Situationen wahrscheinlich machen Verfügbarkeit von Opfern Behandlungsziele und ansätze bei Störungen des Sozialverhaltens Aggressivitätskontrolle Entspannungstraining Stärkung der defizitären Selbst-Strukturen Kommunikationstraining Aufbau und Verstärkung positiver Beziehungserfahrungen Aufbau prosozialer Verhaltensweisen 7

8 Trainingsziele in der Behandlung aggressiver Kinder Abbau von Spannungen und motorischer Unruhe Förderung der differenzierten Selbst- und Fremdwahrnehmung Einüben angemessener Selbstbehauptung Erlernen kooperativer und unterstützender Verhaltensweisen Verbesserung der Selbstkontrolle Aufbau positiven Einfühlungsvermögens 8

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