Familienklassen an Grundschulen

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1 Familienklassen an Grundschulen

2 Familienklassen an Grundschulen Soziale Gruppe nach 29 SGB VIII Ansprechpartnerin: Karin Bracht familie e.v. Paul Lincke Ufer Berlin 030 /

3 Einleitung Unter dem Begriff Familienklasse ist die von Eia Asen in London entwickelte Multifamilienarbeit im Kontext Schule zu verstehen. Bereits seit 2010 wird das Konzept der Familienklasse vom Albert Schweizer Kinderdorf Wetzlar (ASK) in Kooperation mit der Grundschule Aßlar erfolgreich umgesetzt. Es besteht ein enger Austausch zwischen den Mitarbeiter*innen von familie e.v. und den Kolleg*innen des ASK aus Wetzlar, deren Erfahrungen in das Konzept der Familienklasse integriert und den Verhältnissen an Berliner Grundschulen angepasst wurden. Die Familienklasse ist ein Angebot im Rahmen der Hilfen zur Erziehung. Schüler*innen einer Grundschule, deren schulischer Erfolg dadurch gefährdet ist, dass sie die Anforderungen beim Einhalten von Regeln und Arbeitsstrukturen nicht ausreichend erfüllen können, sollen mit aktiver Unterstützung ihrer Eltern diese Kompetenzen in der Familienklasse erwerben. Dieses Ziel lässt sich nur erreichen, wenn Eltern aktiv in den Veränderungsprozess eingebunden werden und mitarbeiten. Mit der Teilnahme von Eltern und Kindern an der Familienklasse sollen eine positive Schulentwicklung ermöglicht werden, der Schulplatz gesichert bleiben und Schulersatzprojekte vermieden werden. Profil der Hilfeform Der Begriff Familienklasse bezeichnet ein besonderes Lernsetting, welches in den Lebensraum Schule integriert ist. Maximal acht Schüler*innen mit starken Verhaltensauffälligkeiten lernen in Begleitung mindestens eines Elternteils an einem festen Tag in der Woche in einem separaten Klassenraum. Die Kinder werden in diesem Rahmen von einer Sonderpädagog*in der Schule jahrgangsübergreifend unterrichtet. In der Familienklasse sind die Eltern der Kinder anwesend und dafür verantwortlich, dass ihre Kinder die Regeln des Unterrichts und der Schule akzeptieren. Die Eltern lernen eigenständig und angemessen auf schwierige Situationen im Umgang mit ihrem Kind zu reagieren. Dabei entwickeln sie ein Verständnis für die alltäglichen schulischen Anforderungen und Strukturen, die ihr Kind zu erfüllen hat. Sie unterstützen sich gegenseitig und erfahren eine positive Stärkung aus der anwesenden Elterngruppe. Die Unterstützung und Rückmeldung der Familien untereinander schafft Prozesse, in denen Familien voneinander lernen können. Neue Verhaltens- und Erziehungsmuster können gemeinsam eingeübt werden. Ziel ist es, die Familien zu befähigen, die begonnene Arbeit in ihrem familiären Alltag weiterzuführen. Gleichzeitig findet eine Vernetzung der Familien untereinander statt, so dass soziale Isolation im Herkunftsumfeld überwunden werden kann. Die Multifamilientrainer*innen haben die Verantwortung, diese Gruppen-prozesse so zu gestalten, dass immer wieder Kontexte hergestellt werden, in denen die Familien voneinander profitieren und lernen können. In der Gruppe lernen die Eltern, dass der liebevolle und wertschätzende Umgang mit den Kindern die Basis einer stabilen Beziehung bilden. Das Bestehen auf und das Durchsetzen von Regeln und Absprachen sind zudem die Grundlage elterlicher Autorität. Unter Einhaltung der Schweigepflicht kann das Umsetzen von konsequentem Verhalten in der Gruppe intensiv eingeübt werden.

4 Ziele Das Kind lernt die Anforderungen des Schulalltages in der Klasse zu bewältigen: Verbesserung von sozialen Kompetenzen, Erlernen neuer Handlungsmuster, Akzeptanz von Regeln und Strukturen, Integration in die Schulklasse, positives Lern- und Sozialverhalten. Individuelle Arbeitsziele für jedes Kind: Jedes Kind entwickelt max. 3 individuelle Arbeitsziele, diese sind positiv formuliert und beschreiben das gewünschte Verhalten so konkret wie möglich, die Entwicklungsschritte sind für das Kind praktisch leistbar, die Ziele sind gemeinsam mit der Klassenlehrer*in, den Eltern und dem Kind bei Aufnahme in die Familienklasse festgelegt worden. Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern: Übernahme der elterlichen Erziehungsverantwortung, Erweiterung der Erziehungsmethoden, Stärkung elterlicher Autorität, Übertragung der Lernschritte der Eltern auf die häusliche Situation. Die Verbesserung der Beziehung zwischen Eltern und Kind:. Sichere Bindung zwischen Eltern und Kind, positive Erfahrungen im Miteinander, Klärung von Beziehungsfragen und Konflikten in der Familie. Förderung der Kooperation zwischen Schule und Eltern: Akzeptanz der Eltern von Anforderungen, Regeln und Abläufen der Institution Schule, gemeinsame Handlungsstrategien von Lehrkräften und Eltern im Umgang mit dem Kind, positive Vernetzung zwischen Lehrkräften und Eltern. Zielgruppe An der Familienklasse können max. acht Schüler*innen teilnehmen, von denen ein Elternteil sich bereit erklärt, regelmäßig und verbindlich an einem Tag in der Woche das Kind im Schulalltag zu begleiten und an den festgelegten Zielen mit zu arbeiten. Aufgenommen werden schulpflichtige Kinder, die durch auffälliges Verhalten in ihrer Klasse den Schulalltag für sich und andere gefährden. Die teilnehmenden Kinder zeigen im Schulalltag besonders auffälliges Verhalten, wie: - Verweigerung von Arbeitsstrukturen und Arbeitsaufträgen, - Regelverletzungen, - Aggressivität, - Grenzverletzungen, - Respektlosigkeit gegenüber Schüler*innen und Lehrer*innen. Das Aufnahmeverfahren(Hilfeplanverfahren) verläuft wie folgt: Die Klassenlehrer*in fragt bei den Mitarbeiter*innen der Familienklasse an, ob ein Platz frei ist. Die Klassenlehrer*in informiert die Eltern über das Angebot und lädt diese zum Gespräch.

5 Parallel dazu klärt eine Mitarbeiter*n der Familienklasse die Zuständigkeit beim Regional Sozialpädagogischen Dienst (RSD) bzw. die Frage, ob die Familie bereits beim Jugendamt bekannt ist. Die Eltern können bei Interesse als Gast an der Familienklasse teilnehmen, um sich ein Bild von diesem Angebot zu machen. Wenn die Eltern sich eine Teilnahme für ihre Familie an der Familienklasse vorstellen können, schickt die Klassenlehrer*in einen Bedarfsbericht an die zuständige Mitarbeiter*in des Jugendamtes. Diese lädt die Familie, die Klassenlehrer*in und eine Mitarbeiter*in der Familienklasse zur Schulhilfekonferenz. In diesem Gespräch werden die Ziele festgelegt, die das Kind im Rahmen der Familienklasse erreichen soll. Im Anschluss stellt die Familie entweder direkt in der Schule oder nach Absprache im zuständigen Jugendamt den Antrag auf Hilfe zur Erziehung. Beendigung der Hilfe Die Verabschiedung der Kinder und Eltern aus der Familienklasse findet immer im Rahmen der Hilfeplanung statt. Grundlage hierfür ist die positive Umsetzung der Ziele des Kindes. Die Verabschiedung eines Kindes wir gemeinsam von der Klassenlehrer*in, der fallführenden RSD-Mitarbeiter*in, den Mitarbeiter*innen der Familienklasse sowie den Eltern vorbereitet und gestaltet. Fehlende Bereitschaft der Eltern zur Mitarbeit in der Familienklasse führt zur Beendigung der Hilfe. Setting und Inhalt der Arbeit Die Familienklasse findet während der Schulzeit an einem Vormittag für 5 Zeitstunden statt. Der Ablauf des Vormittags ist klar strukturiert und sieht folgendermaßen aus: Beginn des Unterrichts mit einer Eingangsrunde, Festlegung der Tagesziele für die Eltern, Auswertung der Bewertungsbögen für die vergangene Woche. Unterricht in der Klasse. Die Lernziele für jedes Kind gibt die Klassenlehrer*in an die Lehrkraft der Familienklasse weiter. Die Eltern unterstützen ihre Kinder, die Lernanforderungen umzusetzen. Reflexion und Auswertung des Schultages, orientiert an den Tageszielen der Eltern. Ausblick auf die nächste Woche. Die Pausen für den Schultag in der Familienklasse werden in der Gruppe besprochen und liegen innerhalb der 5 Zeitstunden. Die mit der Familie entwickelten Bewertungsbögen und Konsequenzenpläne, die helfen Entwicklungsschritte des Kindes transparent und messbar zu machen, werden jede Woche in der Familienklasse und alle 6 Wochen in einem Gespräch mit der Klassenlehrer*in ausgewertet. Auf Einladung der Eltern finden Hausbesuche in der Familie statt, um die Eltern zu unterstützen, ihre neuen Erfahrungen und Kompetenzen in das häusliche Umfeld zu übertragen. Ein Hausbesuch wird den Familien angeboten, sofern die Eltern einen Gesprächsbedarf sehen, der nicht in der Gesamtgruppe erfüllt werden kann. Die Hausbesuche führen die Mitarbeite*innen der Familienklasse durch.

6 Transfer zwischen Familienklasse und Regelklasse In der Familienklasse sind häufig Familien, deren Zugang zur Schule schwierig ist. Nicht selten ist das Verhältnis zwischen Klassenlehrer*in und Eltern mit Vorurteilen belastet. Mit Argwohn und Skepsis nehmen die Eltern die Rückmeldungen der Lehrer*innen zu ihren Kindern entgegen. Die Eltern erscheinen in den Augen der Lehrkräfte wenig präsent und entwicklungsfördernd für die Kinder. Der Kontakt und der Austausch zwischen den jeweiligen Lehrer*innen und den Eltern stehen von daher bei der Arbeit in der Familienklasse besonders im Fokus. Zunächst wird das Konzept allen Lehrkräften der Schule im Rahmen einer Auftaktveranstaltung bekannt gemacht. Die Lehrer*innen, die Schüler*innen für die Familienklasse vorschlagen, werden durch das Familienklassenteam auf ihre Aufgaben im Zusammenhang mit der Familienklasse zusätzlich vorbereitet. Die Wichtigkeit der Rückmeldebögen wird verdeutlicht und exemplarisch eine Entwicklungskurve vorgestellt. Jedes Kind führt einen Bewertungsbogen, auf dem die Erreichung seiner individuellen Ziele dokumentiert wird. Auf diesem Bogen gibt die jeweilige Klassen- oder Fachlehrerin zum Ende der Unterrichtsstunde eine Einschätzung bezüglich der Zielerreichung. Zu Beginn der Familienklasse, tragen die Kinder wöchentlich ihre Ergebnisse aus ihren Bewertungsböen vor. Die Familienklassenlehrer*in erfährt zudem von der jeweiligen Klassenlehrer*in wie sie die Entwicklung der Kinder in der vergangenen Woche in der Regelklasse einschätzt. Über diese Rückmeldungen und die Ergebnisse aus den Bewertungsbögen erfolgt in der Anfangsrunde ein Austausch mit den Eltern. Nach ca. 4 Wochen erfolgt der erste gemeinsame Austausch mit den Klassenlehrer*innen, dem Familienklassenteam und der Familie in der Familienklasse. Die Familienklassenlehrer*in schafft bei Bedarf regelmäßige Austauschmöglichkeiten zwischen den Klassenlehrer*innen und dem Familienklassenteam (ca. monatlich). Ebenso kommen die Klassenlehrer*innen bei Bedarf in die Familienklasse, um sich mit den Familien über aktuelle Entwicklungen und Themen auszutauschen. Dieser Austausch erfolgt immer in Absprache mit der Familienklassenlehrer*in. Wenn das Ende der Teilnahme eines Kindes in der Familienklasse in Sicht ist, findet ein abschließendes Auswertungsgespräch mit der Klassenlehrer*in, dem Familienklassenteam und der Familie statt, nach Möglichkeit in der Familienklasse, damit auch andere Familien die Gelegenheit bekommen eine Rückmeldung zu geben. Sind sich alle über die positive Entwicklung des Kindes einig und konnte geklärt werden, was noch getan werden muss, damit das Kind zum festgelegten Zeitpunkt in die Klasse zurückkommen kann, haben Eltern und Lehrkräfte noch einmal die Möglichkeit zum Feedback über den Verlauf der Familienklasse. Ab ca. 8 Wochen vor Ende der Familienklasse begleiten die Eltern ihr Kind für einzelne Sequenzen bei der Rückkehr in die Stammklasse. Das Kind wird zum vereinbarten Zeitpunkt mit Zertifikat entlassen. Nach ca. 6 Wochen findet ein Auswertungsgespräch mit der Klassenlehrer*in, dem Familienklassenteam und der Familie statt, wie sich das Kind nach Ende der Familienklasse weiterentwickeln konnte. Zwei mal im Halbjahr besucht das Familienklassenteam die Lehrer*innenkonferenzen um über die Entwicklung der Familienklasse zu berichten. Veränderungswünsche von beiden Seiten können in diesem Rahmen besprochen werden. Dadurch, dass die Familienklasse in den Schulalltag integriert ist, treffen sich die Lehrer*innen und das Familienklassenteam

7 regelmäßig in der Schule. Somit besteht immer die Möglichkeit des Austauschs auf kurzem Weg. Personal In der Familienklasse arbeiten eine Lehrer*in der Schule und zwei Multifamilientrainer*innen von familie e.v. als Team zusammen. Sie bilden ein gleichberechtigtes Team. Die Lehrer*in ist für die Lerninhalte in der Familienklasse zuständig. Im Rahmen der Familienklasse ist die Lehrer*in für die einzelnen Schüler*innen präsent, unterstützt sie bei den Arbeiten und bindet die Eltern in den Lernprozess mit ein. Die Eltern erfahren von der Lehrer*in sowohl Lerninhalte als auch Schulregeln, die eingehalten werden müssen. Die Multifamilientrainer*innen gestalten den Kontext mit den verschiedenen Familien. Ihre Aufgabe ist es, die Eltern dabei zu unterstützen, die Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Sie gestalten einen Kontext, in dem Eltern in die Rolle der Expert*innen kommen können. Sie selbst bleiben auf der Metaebene und gehen immer nur punktuell in die Intervention. Sie bringen die Familien miteinander in Kontakt, sodass Eltern die gegenseitige Beratung übernehmen können. Diese Haltung ist für die Lehrer*in wie für die MFT-Trainer*in von zentraler Bedeutung. Nur wenn die Profis vom Rücksitz aus agieren, können Eltern tatsächlich die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Die Lehrer*in der Familienklasse sollte eine Sonderpädagog*in sein, die Multifamilientrainer*innen sind Sozialpädagog*innen, die über eine entsprechende Zusatzqualifikation verfügen. Finanzierung Die Finanzierung erfolgt nach 29 SGB VIII Soziale Gruppenarbeit (10 Wochenstunden). In den 10 Stunden ist ein Gruppentermin mit 5 Stunden wöchentlich enthalten, ebenso Zeit für begleitende Eltern- und Familiengespräche, Vor- und Nachbereitung der Gruppentermine sowie Dokumentation der Arbeit. Die Teilnahme an der Gruppe ist in der Regel auf die Dauer von max. 6 Monaten angelegt. Kooperation: Schule Träger Die Sonderpädagog*in, die in der Familienklasse mitarbeitet, die Räumlichkeiten sowie die Lernmaterialen für die Familienklasse werden von der Schule zur Verfügung gestellt. Eine entsprechende Kooperationsvereinbarung zwischen Träger und Schule wird geschlossen. Qualitätssicherung Die MitarbeiterInnen der Familienklasse haben das Angebot von regelmäßiger Intervision sowie externer Supervision. Die Entwicklung der Arbeit wird dokumentiert. Dabei wird der Veränderungsprozess der Schüler*in festgehalten. Die Dokumentationen sind Grundlage für die Entwicklungsberichte an das Jugendamt. Berlin, Oktober 2015

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