Wenn du auferstehst, Wenn ich aufersteh, Passions- und Osterkonzert. Nr. 39

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1 Nr. 39 Wenn du auferstehst, Wenn ich aufersteh, Passions- und Osterkonzert Campus Muristalden AG Muristrasse 8, CH-3000 Bern 31 Tel , Fax Mail

2 Impressum "Momente" ist ein schriftliches Denk-, Sprach- und Kommunikationsforum am Gymnasium Muristalden in Bern. Am Muristalden Tätige und Gäste, präsentieren hier Gedanken, Reflexionen, Perspektiven, Aufsätze, Produkte. In ihrer Bedeutung sind Momente (lat. movere) kritische, ausschlaggebende, bewegende Augenblicke. Um solche geht es hier ansatzweise. Parallel zur DenkBar, dem mündlichen Denk- und Reflexionsforum am Muristalden, werden in "Momente" Fragen der Bildung, der Schulentwicklung, der Jugend, der Ethik, des Unterrichts, des Alltags, der Zeit besprochen. Es erscheinen hier sowohl Sonderabdrucke von publizierten als auch speziell für "Momente" geschriebene Texte. "Momente" wird als Print- und als Internetmedium produziert. Im Erscheinungsbild hat es Alltags- und Gebrauchscharakter. Die Sprachprodukte werden einer dem Gymnasium Muristalden nahe stehenden Leserschaft zugänglich gemacht, welche ausdrücklich bereit ist, sich lesend den "Menschen und Sachen" hier zuzuwenden.

3 In der Schriftenreihe "Momente" sind bisher erschienen: Nr Von Bildern, ihren Schatten und der Freiheit hinauszutreten (W. Staub) Nr Qualm (W. Staub) Nr Das Gymnasium steht (W. Staub) Nr Spiegelung mit anderen Gymnasien (B. Knobel) Nr Die neuen Lernenden (W. Staub) Nr Das geniale Rennpferd (Kathy Zarnegin, Basel) Nr Werten und Bewerten (Wilhelm Schmid, Berlin) Nr Reif und patentiert zwei Reden (A. Hohn / A. Struchen) Nr Weihnachtsfeier vom Versuchtwerden (A. Hohn / R. Radvila) Nr bau zeit (F. Müller) Nr Faszination Clown eine Matura-Arbeit (A. Michel) Nr SteinGut (C. Jakob / R. Radvila) Nr " Ich weiss, was gut für dich ist." (P. Zimmermann) Nr Matura 2003 Eine Rede Zwei Aufsätze (A. Rub / H. Bär / S. Steiner) Nr Öffentliche Schule Offene Schule (H. Saner, Basel) Nr Wer schreibt hat mehr vom Lesen (M. Michel / S. Boulila / T. Steiner) Nr Globaler Markt im ethikfreien Raum (T. Kesselring) Nr Über die Pflege verrückter Kühlschränke (N. Theobaldy) Nr Aufklärung und Weltveränderung Für Hans Saner eine Festschrift anlässlich seines 70. Geburtstages Nr Jean-Jacques Rousseau und Europas Moderne. (P. Blickle) Nr XY ungelöst Reflexionen über Sex und Gender (J. Schönenberger) Nr Kurt Marti und Polo Hofer und die Modernisierung der Mundartlyrik oder die Erzählbarkeit des Alltags (Bertrand Knobel) Nr Totalitarismuskritik bei Hannah Arendt und Dietrich Bonhoeffer (Wolfgang Lienemann) Nr Vom fragmentarischen Wissen und vom Willen zur Humanisierung des Lebens / Mozart, Ronaldinho und der Hang zur Perfektion (M. Baumann / B. Knobel) Nr Dem Wirklichen die Treue halten zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt (Hans Saner / Ina Praetorius) Nr W:ort & glück l:ich (José F.A. Oliver)

4 Nr Umwege oder: Vom Suchen und Lernen, Fallen und Aufstehen (Lukas Bärfuss / Donna Sahiti) Nr Kultur am Muristalden Gedanken von Susanne Schmid Walder und Texte von Guy Krneta Nr Qualitätsentwicklung heisst Schulentwicklung (Andreas Graeser / Kathrin Altwegg / Thomas Schlag / Bertrand Knobel) Nr Grosse Fragen Maturaaufsätze 2009 (Samuel Kosewähr / Spicher Salome / Gil Müller / Stefanie Steiner / Lena Zinniker / Vera Spring) Nr Vor dem Flug: von der Sehnsucht nach Anfängen und der Furcht davor Zwei Reden anlässlich der Maturafeier 2010 (Šeherzada Paden / Walter Staub) Nr Vater sein bedeutet für mich... Hommage an Geppetto, den Schöpfer von Pinocchio (Alex Anderfuhren) Nr Verabschiedungsreden für Walter Staub (Beat Messerli / Regula Birnstiel / Bertrand Knobel) Nr Und als der Mensch ganz war, war es auch die Welt - Von der schwierigen Aufgabe in der Pädagogik, Musse, Freiheit, Zeit und Raum als Ganzes zu sehen (Martin Fischer) Nr Walter Staub 17. Juli Mai 2011 (Andreas Hohn / Bertrand Knobel / Hans Saner) Nr Weihnachtsgottesdienst 2011 (Andreas Hohn / Martin Fischer) Nr So oder So - Zwei Reden anlässlich der Maturafeier 2012 (Bertrand Knobel / Walter Däpp / Max Riedi und Chiara Demenga) Nr Oktoberbrief 2012 (Bertrand Knobel) Nr Passions- und Osterkonzert März 2013 (Andreas Hohn / Martin Pensa / Doris Tschumi) Redaktion dieser Ausgabe Andreas Hohn / Martin Pensa / Doris Tschumi Gymnasium Muristalden Bern März 2013 AHo

5 Liebe Leserin, lieber Leser In diesem Jahr findet das Osterfest wieder einmal während der Schulzeit statt, was die Möglichkeit eröffnet, in der Karwoche ein Konzert zum Thema Passion und Ostern aufzuführen. Dass unser Konzert sich von den im Rahmen der alljährlich in Bern stattfindenden Passionskonzerte unterscheiden soll, war uns von Beginn der Planung an klar. Wir wollen mehr als schöne Musik bieten, wir suchen die Auseinandersetzung mit den gesungenen Stücken. Denn die bekannten und populären Passionen stammen aus der Barockzeit, in der man theologisch doch in Vielem anders dachte als heute. Deshalb entstand der Wunsch, den klassischen Werken aus alter Zeit philosophische, theologische und literarische Texte der neueren Zeit gegenüber zu stellen. So soll in unserem Konzert eine Spannung zwischen Text und Musik entstehen: Johann Sebastian Bach und Friedrich Nietzsche, Anton Bruckner und Ingeborg Bachmann, Martin Luther und Kurt Marti und noch einige mehr. Sie alle kommen in diesen 80 Minuten miteinander ins Gespräch. Die gesprochenen Texte vertiefen und reflektieren also die gesungenen Glaubensbekenntnisse mit einer neuen Fragestellung: Wie kann man heute von Ostern reden? Welche Worte bleiben aus der Tradition, weil sie sich bewährt haben und wo müssen wir neu formulieren, wenn wir dem Geheimnis der Auferstehung auf die Spur kommen wollen? Wie denken Sie darüber?

6 Passions-/Osterkonzert Muristalden 27. März Programm Eröffnung 7 Gregorianik Friedrich Nietzsche Kyrie (Lux et origo) Dem unbekannten Gott G. Franc/M. Luther Psalmen (RG 14 und 83) Rainer Maria Rilke Duineser Elegien (Auszüge) Ankündigung der Verleugnung des Petrus/Jesus in Gethsemane 10 H. Schütz Matthäuspassion (Ausschnitt) J. S. Bach Choräle aus der Matthäuspassion: Erkenne mich mein Hüter Ich will hier bei dir stehen Spiritual Andreas Gryphius Menschliches Elende Sometimes I Feel Like a Motherless Child Das Kreuz: Die 7 Worte 12 Ingeborg Bachmann W.A. Mozart Lukas Kp. 24/Kurt Marti J.S. Bach L.v. Beethoven Friedrich Nietzsche Scherbenhügel Ave verum Das leere Grab Aus der Messe in h-moll: Crucifixus Marcia funebre aus der Sonate op. 26 für Klavier solo Gott ist tot Am dritten Tag 17 F. Schubert Aus der Messe in G-Dur: Et resurrexit Johann Christian Günther Trostaria A. Bruckner Aus der Messe in C-Dur : Sanctus/Benedictus Agnus Dei Ingeborg Bachmann Reklame/Lieder von einer Insel Gregorianik Da pacem domine M. Luther/ J.H. Schein Verleih uns Frieden M. Franck Da pacem domine Anonymus Dona nobis pacem Wislawa Szymborska Entdeckung Gospel Glory, Glory

7 Eröffnung Gregorianik Kyrie (Lux et origo) Kyrie eleison. Christe eleison. Kyrie eleison. Herr, erbarme Dich. Christus erbarme Dich. Herr, erbarme Dich. (9. Jh) Friedrich Nietzsche: Dem unbekannten Gott Noch einmal, eh ich weiterziehe und meine Blicke vorwärts sende, heb ich vereinsamt meine Hände zu dir empor, zu dem ich fliehe, dem ich in tiefster Herzenstiefe Altäre feierlich geweiht, dass allezeit mich deine Stimme wieder riefe. Darauf erglüht tief eingeschrieben das Wort: Dem unbekannten Gotte. Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte auch bis zur Stunde bin geblieben: Sein bin ich - und fühl die Schlingen, die mich im Kampf darniederziehn und, mag ich fliehn, mich doch zu seinem Dienste zwingen. Ich will dich kennen, Unbekannter, du tief in meine Seele Greifender, mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender, du Unfassbarer, mir Verwandter! Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

8 Renaissance Psalmen Psalm 22 (RG 14) 1. Mein Gott, mein Gott, warum verlässt du mich? Warum, mein Gott, warum entfernst du dich? Du hilfst mir nicht, da ich so jämmerlich und angstvoll klage. Nach dir, mein Helfer, rufe ich am Tage. Du hörst mich nicht. Nachts finde ich keine Ruhe; Denn du verbirgst, wie weh es mir auch tue, dein Angesicht. (G. Franc, 1542) Psalm 130 (RG 83) 1. Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott erhör mein Rufen. Dein gnädig Ohr neig her zu mir Und meiner Bitt es öffne. Denn so du willst das sehen an, Was Sünd und Unrecht ist getan, Wer kann, Herr, vor dir bleiben? (M. Luther, 1524)

9 Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien (Auszüge) (Die erste Elegie) WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich. [ ] (Die zweite Elegie) JEDER Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir, ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele, wissend um euch. [ ] Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sternen eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochaufschlagend erschlüg uns das eigene Herz. Wer seid ihr? Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung [ ] Und wir, wo wir fühlen, verflüchtigen; ach wir Atmen uns aus und dahin.

10 Ankündigung der Verleugnung des Petrus/Jesus in Gethsemane H. Schütz Matthäuspassion (Ausschnitt) gesungen oder gelesen Und da sie den Lobgesang gesprochen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg. Da sprach Jesus zu Ihnen: In dieser Nacht werdet ihr euch alle ärgern an mir. Denn es stehet geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen. Wenn ich aber auferstehe, will ich für euch hingehen in Galiläam. (1) Petrus antwortete und sprach zu ihm: Wenn sie auch alle sich ärgerten, so will ich mich doch nimmermehr ärgern. Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: in dieser Nacht, ehe der Hahn krähet, wirst du mich dreimal verleugnen. Petrus sprach zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste, so will ich dich nicht verleugnen. Des gleichen sagten auch alle Jünger. J. S. Bach Choräle aus der Matthäuspassion: Erkenne mich mein Hüter Ich will hier bei dir stehen

11 Andreas Gryphius Menschliches Elende Was sind wir Menschen doch? ein Wohnhauß grimmer Schmertzen Ein Ball des falschen Glücks / ein Irrlicht diser Zeit. Ein Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharffem Leid / Ein bald verschmeltzter Schnee und abgebrante Kertzen. Diß Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Schertzen. Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid Vnd in das Todten-Buch der grossen Sterbligkeit Längst eingeschriben sind / sind uns aus Sinn und Hertzen. Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt / Vnd wie ein Strom verfleust / den keine Macht auffhält: So muß auch unser Nahm / Lob / Ehr und Ruhm verschwinden / Was itzund Athem holt /muß mit der Lufft entflihn / Was nach uns kommen wird / wird uns ins Grab nachzihn Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starcken Winden. Spiritual Sometimes I Feel Like a Motherless Child Sometimes I feel like a motherless child A long ways from home. True believer, A long ways from home. Sometimes I feel like I m almost gone Way up in the heavenly land. True believer, Way up in the heavenly land. (20. Jh.)

12 Das Kreuz: Die 7 Worte Ingeborg Bachmann SCHERBENHÜGEL Vom Frost begattet die Gärten das Brot in den Öfen verbrannt der Kranz aus den Erntelegenden ist Zunder in deiner Hand. Verstumm! Verwahr deinen Bettel, die Worte, von Tränen bestürzt, unter dem Hügel aus Scherben, der immer die Furchen schürzt. Wenn alle Krüge zerspringen, was bleibt von den Tränen im Krug? Unten sind Spalten voll Feuer, sind Flammenzungen am Zug. Erschaffen werden noch Dämpfe beim Wasser- und Feuerlaut. O Aufgang der Wolken, der Worte, dem Scherbenhaufen anvertraut. W.A. Mozart Ave verum

13 Das Evangelium nach Lukas Das leere Grab Am ersten Tag der Woche aber kamen sie noch im Morgengrauen zum Grab und brachten die wohlriechenden Öle mit, die sie zubereitet hatten. Da fanden sie den Stein weggewälzt vom Grab. Als sie aber hineingingen, fanden sie den Leichnam des Herrn Jesus nicht. Und es geschah, während sie ratlos dastanden, dass auf einmal zwei Männer in blitzendem Gewand zu ihnen traten. Voller Furcht neigten sie das Gesicht zur Erde, und die Männer sagten zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferweckt worden. Denkt daran, wie er zu euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss in die Hände von sündigen Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen. Da erinnerten sie sich an seine Worte. Und sie kehrten vom Grab zurück und berichteten alles den elfen und allen andern. Es waren dies Maria aus Magdala und Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, und die anderen Frauen, die mit ihnen waren. Sie sagten es den Aposteln; denen aber erschienen diese Worte wie leeres Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht. Kurt Marti: Das leere Grab Ein Grab greift tiefer als die Gräber gruben denn ungeheuer ist der Vorsprung Tod am tiefsten greift das Grab das selbst den Tod begrub denn ungeheuer ist der Vorsprung Leben.

14 J.S. Bach Crucifixus Crucifixus etiam pro nobis: sub Pontio Pilato passus et sepultus est. Er wurde auch für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden. (1748) L.v. Beethoven Marcia funebre aus der Sonate op. 26 für Klavier solo (1801)

15 Friedrich Nietzsche - Gott ist tot Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!" Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat - und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!" Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh", sagte er dann, "ich bin noch nicht an der Zeit.

16 Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne - und doch haben sie dieselbe getan!" - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: "Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?"

17 Am dritten Tag F. Schubert Et resurrexit Et ressurrexit tertia die, secundum Scripturas Et ascendit in coelum: sedet ad dexteram Patris. Et iterum venturus est cum gloria, judicare vivos et mortuos: cujus regni non erit finis. Am dritten Tage ist er auferstanden gemäss der Schrift. Und ist aufgefahren in den Himmel: Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten: Seiner Herrschaft wird kein Ende sein. (1815)

18 Johann Christian Günther, Trostaria Endlich bleibt nicht ewig aus: Endlich wird der Trost erscheinen; Endlich grünt der Hoffnungs-Strauß; Endlich hört man auf zu weinen; Endlich bricht der Thränen-Krug; Endlich spricht der Tod: Genug! Endlich wird aus Wasser Wein, Endlich kommt die rechte Stunde; Endlich fällt der Kercker ein; Endlich heilt die tieffe Wunde; Endlich macht die Sclaverey Den gefangnen Joseph frey. Endlich, endlich kann der Neid, Endlich auch Herodes sterben; Endlich Davids Hirten-Kleid Seinen Saum in Purpur färben, Endlich macht die Zeit den Saul Zur Verfolgung schwach und faul. Endlich nimmt der Lebens-Lauff Unsres Elends auch ein Ende, Endlich steht der Heiland auf, Der das Joch der Knechtschafft wende; Endlich machen viertzig Jahr Die Verheissung zeitig wahr. Endlich blüht die Aloe; Endlich trägt der Palm-Baum Früchte, Endlich schwindet Furcht und Weh, Endlich wird der Schmertz zu nichte, Endlich sieht man Freuden-Thal, Endlich, Endlich kommt einmahl.

19 A. Bruckner Sanctus/Benedictus Agnus Dei Sanctus, sanctus, sanctus Dominus Deus Sabaoth. Pleni sunt coeli et terra gloria tua. Hosanna in excelsis. Benedictus Qui venit in nomine Domini. Hosanna in excelsis. Heilig, heilig, heilig Gott, Herr aller Mächte und Gewalten. Erfüllt sind Himmel und Erde von Deiner Herrlichkeit. Hosanna in der Höhe. Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe. Agnus Dei, qui tollis peccata mundi: miserere nobis. Agnus Dei, qui tollis peccata mundi: misere nobis. Agnus Dei, qui tollis peccata mundi: dona nobis pacem. Lamm Gottes, Du trägst die Sünden der Welt: erbarm Dich unser. Lamm Gottes, Du trägst die Sünden der Welt: erbarm Dich unser. Lamm Gottes, Du trägst die Sünden der Welt: Gib uns Deinen Frieden. (1842)

20 Ingeborg Bachmann REKLAME Wohin aber gehen wir ohne sorge sei ohne sorge wenn es dunkel und wenn es kalt wird sei ohne sorge aber mit Musik was sollen wir tun heiter und mit musik und denken heiter angesichts eines Endes mit musik und wohin tragen wir am besten unsre Fragen und den Schauer aller Jahre in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge was aber geschieht am besten wenn Totenstille eintritt LIEDER VON EINER INSEL (Ausschnitt) Wenn du auferstehst, wenn ich aufersteh, ist kein Stein vor dem Tor, liegt kein Boot auf dem Meer. Morgen rollen die Fässer sonntäglichen Wellen entgegen, wir kommen auf gesalbten Sohlen zum Strand, waschen die Trauben und stampfen die Ernte zu Wein, morgen am Strand. Wenn du auferstehst, wenn ich aufersteh, hängt der Henker am Tor, sinkt der Hammer ins Meer.

21 Gregorianik / M. Franck Da pacem Da pacem domine in diebus nostris. M. Luther/J.H. Schein Verleih uns Frieden Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine. (1529) Anonymus Dona nobis pacem Dona nobis pacem. (1629)

22 Wislawa Szymborska ENTDECKUNG Ich glaube an die grosse Entdeckung. Ich glaube an den Menschen, der die Entdeckung macht. Ich glaube an die Angst des Menschen, der die Entdeckung macht. Ich glaube an die Blässe seines Gesichts, an seinen Brechreiz, den kalten Schweiss auf der Lippe. Ich glaube an das Verbrennen der Niederschriften, an ihr Verbrennen zu Asche, zur letzten. Ich glaube an das Verschütten der Zahlen, ein reuloses Verschütten. Ich glaube an die Eile des Menschen, an die Genauigkeit seiner Bewegungen, an seinen unbezwungenen Willen. Ich glaube an das Zerschlagen der Tafeln, an das Vergiessen der Flüssigkeiten, an das Erlöschen der Flamme. Ich meine, dass das gelingen wird und dass es dann nicht zu spät sein wird und dass sich die Sache ganz ohne Zeugen abspielen wird. Niemand wird es erfahren, ich bin dessen sicher, weder die Ehefrau noch die Wand, der Vogel nicht, denn er könnte es sonst verpfeifen. Ich glaube an die verweigerte Hand, ich glaube an die verpfuschte Karriere, ich glaube an die vertane Arbeit von vielen Jahren. Ich glaube an das ins Grab genommene Geheimnis. Mir kreisen diese Worte über den Regeln. Sie suchen keine Stütze bei den Exempeln. Mein Glaube ist fest, blind und ohne Begründung.

23 Gospel Glory, Glory Glory, Glory, Hallelujah, since I laid my burdens down. Burdens down Lord, since I laid my burdens down. Friends don t treat me, like they used to, since I laid my burdens down. I feel better, so much better, since I laid my burdens down. Glory, Glory, Hallelujah! (20. Jh.)

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