Ich liebe dich, aber bin ich noch verliebt?

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1 Unverkäufliche Leseprobe des Krüger Verlages Andrew Marshall Ich liebe dich, aber bin ich noch verliebt? Preis 14,90 SFR 26, Seiten, gebunden ISBN Krüger Verlag Gattung: Ratgeber Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2007

2 Einführung Vor fünf Jahren erschienen in meiner Therapiepraxis hin und wieder Paare, bei denen ein Partner dem anderen gestanden hatte:»ich liebe dich aber ich bin nicht mehr in dich verliebt.«anfangs war ich überrascht. Der Satz schien zu einer Figur in einer gewitzten New Yorker Sitcom zu passen. Hier aber benutzten wirkliche Menschen ihn, um etwas Grundlegendes zu beschreiben, das mit ihrer Beziehung geschah. Wie konnte man jemanden lieben, ohne verliebt in ihn zu sein? Diese Paare beschrieben einander als beste Freunde oder sagten, ihre Beziehung gliche der zwischen Bruder und Schwester, nur dass die meisten von ihnen noch Sex hatten. Alles in allem ließ sich die Partnerschaft nicht länger durch Leidenschaft, sondern durch Kameradschaft definieren, und das genügte nicht mehr. Im Laufe der Zeit beklagten sich mehr und mehr Paare über dasselbe Problem. Nicht jeder benutzte spontan denselben Satz:»Ich liebe dich aber ich bin nicht mehr in dich verliebt«, doch alle erkannten diese Gefühle. Das Dilemma solcher Paare war besonders schmerzlich: Derjenige, bei dem die Verliebtheit vorüber war, mochte seinen Partner ja noch immer sehr gern und wollte ihm gewiss nicht wehtun, aber die Beziehung wollte er trotzdem beenden. Ein typisches Paar dieser Art waren Nick, ein 42-jähriger Handelsvertreter, und Anna, eine 39-jährige Lehrerin. Nick und Anna waren seit 15 Jahren verheiratet, und trotz einiger schwieriger Phasen, wie der Zeit von Nicks Arbeitslosigkeit, hatte sich ihre Beziehung gut entwickelt. Als Nick die Bombe platzen ließ und erklärte:»ich liebe 9

3 dich aber «, war Anna am Boden zerstört.»ich dachte, unsere Beziehung sei glücklich. Nicht perfekt natürlich, denn wer kann das schon von sich behaupten? Ich habe versucht, eine Erklärung zu bekommen, warum er mich nicht mehr liebt, aber er sagt nur immer wieder, er weiß es nicht. Das Beste, was er zustande gebracht hat, war: Ich höre ihm nicht zu. Aber er hat mir noch nie gesagt, dass er nicht glücklich ist.«nick erklärte, dass dieses Gefühl sich bei ihm über mehrere Jahre hinweg entwickelt hätte, dass er es nun den beiden Kindern im Teenageralter erklären müsse und eine Trennung auf Probe brauche.»er hat keine Ehre, kennt keine Treue«, klagte Anna.»Er ist total egoistisch. Ich habe das Gefühl, er verlässt mich für jemanden, den er überhaupt noch nicht kennengelernt hat.«konfrontiert mit Paaren wie Nick und Anna, zog ich Fachliteratur zurate, stieß dort aber hauptsächlich auf Paare, die einander nicht mehr mochten oder sogar hassten, ich hingegen benötigte Wissen über Paare, die sich nicht genug liebten. Noch schlimmer, ich konnte keine Forschungsergebnisse darüber finden, wie weit das Problem sich schon verbreitet hatte, warum es gerade jetzt auftrat und was für Behandlungsprogramme man vorschlagen könnte. Es gab nur eine Lösung: Ich musste diese Lücke selber schließen. Ich rief ein Forschungsprojekt ins Leben, bei dem ich alle nach Hilfe suchenden Paare bat, nach ihrer ersten Sitzung einen Fragebogen auszufüllen. Den Paaren wurde eine Anzahl von Problemen zur Auswahl angeboten, die sie zum Gang in die Paarberatung bewogen haben mochten. Die Ergebnisse waren verblüffend: 47 % beklagten sich, dass die»leidenschaft weg«wäre, und 43 % sagten:»ich liebe meinen Partner, aber bin nicht mehr in ihn verliebt / mein Partner liebt mich nicht mehr.«viele der traditionellen Gründe für eine Paarberatung erzielten weit niedrigere Ergebnisse. Geldprobleme kamen auf 24 %, eine Affäre auf 21 %. Widerstreitende Meinungen über die Kindererziehung erreichten 19 % und außer Kontrolle geratene Strei- 10

4 tigkeiten 15 %. Wenn Paare gebeten wurden anzugeben, welches Problem ihnen den größten Kummer bereitete, kam:»ich liebe meinen Partner, aber bin nicht mehr in ihn verliebt / mein Partner liebt mich nicht mehr«mit 24 % auf den dritten Platz, dicht hinter»schwierigkeiten, die Standpunkte des anderen zu verstehen«mit 26 % und»zu viel Streit«mit 25 %. Die Umfrageergebnisse untermauerten zudem etwas, das ich bereits in meiner Beratungspraxis beobachtet hatte: Menschen, die»ich liebe dich aber «ankreuzten, kreuzten mit geringerer Wahrscheinlichkeit auch»wir streiten zu viel«an. Das neutrale»es fällt uns schwer, den Standpunkt des anderen zu verstehen«wurde von diesen Paaren dagegen mit größerer Wahrscheinlichkeit angekreuzt. Anna mochte zweifellos keine Streitigkeiten:»Meine Eltern schrien sich den ganzen Tag lang an, und ich habe mir geschworen, dass ich meinen Kindern so etwas niemals zumuten würde.«wenn es zum Schlimmsten kam, ging sie einfach weg. Nick seinerseits war so rücksichtsvoll und so geübt darin, auch ihre Seite zu betrachten, dass er sich jede Meinungsverschiedenheit ausredete.»ich wünschte, Anna würde nicht so früh nach oben ins Bett gehen. Ich komme erst spät nach Hause und muss dann allein auf Zehenspitzen im Haus herumschleichen. Aber das ist wirklich nicht ihre Schuld, denn nach 10 Uhr kann sie kaum die Augen offen halten.«tatsächlich gingen sie beide so aufmerksam miteinander um, dass es nur einen einzigen offenen Spannungspunkt zwischen ihnen gab: Beide erledigten gern Bügelarbeiten und wollten sie selbst tun. Das mag sich nach dem siebten Himmel anhören, aber wenn man seinen Gefühlen nicht wirklich Ausdruck verleihen kann sei es auch nur über geringfügige Dinge, dann kühlt sich die Beziehung ab. Allmählich, über Jahre hinweg, Stück für Stück werden all die Emotionen dumpf. Letzten Endes ist es genauso schädlich, sich zu selten zu streiten, wie ständig zu streiten. 11

5 Eine zweite Beobachtung bei meinen»ich liebe dich aber «-Klienten (im Folgenden»ILDA«-Klienten, für»ich liebe dich aber «, genannt) bestand darin, dass dieser Mangel an Streitigkeiten die Tendenz zweier Partner, einander ähnlicher zu werden, verschärft. Der moderne Trend, zugleich Freunde und Liebende zu sein, übt weiteren Druck aus denn wir wählen für gewöhnlich Freunde aus, die uns ähnlich sind. Das mag wundervoll erscheinen, aber Beziehungen brauchen auch Spannung. Es ist der Staub in der Auster, der die Perle hervorbringt, und der Unterschied, der für das Interesse in der Liebe sorgt. Noch wichtiger, wenn ein so großer Druck besteht, einander alles zu sein, die Freunde und sogar die Vorlieben zu teilen, bleibt wenig Raum, auch noch Individuum und nicht nur Teil eines Paares zu sein.»ich bekam mit der Zeit das Gefühl, ich könne nicht mehr ich selbst sein«, erklärte Nick.»Ich saß in der Falle der Erwartungen, die andere Leute an mich stellten.«die dritte Schlüsselbeobachtung bestand darin, dass die meisten Partner, die sich nicht länger verliebt fühlten, vor kurzem eine Erfahrung durchgemacht hatten, die ihr Leben veränderte. In Nicks Fall war das der Tod seines Vaters:»Ich erinnere mich, dass ich am Fuß seines Bettes stand und mich fragte: Sollte ich nicht etwas aus meinem Leben machen? Und noch schlimmer, mir wurde klar, wie wenig Zeit ich hatte.«während Nick mit abstrakten Fragen über den Sinn des Lebens kämpfte, zog sich auch Anna in sich selbst zurück:»nicks Vater stand mir nahe er war fast ein zweiter Vater für mich, aber ich dachte mir, ich könnte am meisten helfen, indem ich Trost anbot. Also unterdrückte ich meine Tränen, indem ich Nick nicht auch noch mit meinem Schmerz belastete.«sie also nahm an, stark für Nick zu sein, er hingegen fand ihre Reaktion auf den Tod seines Vaters gefühllos und fühlte sich allein gelassen. Statt ihre Empfindungen zu teilen, schwiegen beide aus Angst, den anderen zu verletzen. Erst recht spät in der Therapie brach Nicks Ärger aus ihm heraus. Andere Ereignisse, wie 12

6 ein runder Geburtstag, die Geburt eines Kindes oder die Scheidung der Eltern, können ebenso eine Krise oder eine Selbstbefragung auslösen, die dann plötzlich zur Infragestellung der Beziehung wird. Über eine Anfangsperiode von zwölf Monaten hinweg habe ich mit diesen frühen ILDA-Klienten einige Behandlungsprogramme im Experimentierstadium durchgeführt und begonnen, mich durch eine breitere Palette von Literatur zu lesen. Ich habe Bücher zurate gezogen, die von Geschäftsleuten, Philosophen, Sozialbiologen und Marketing-Gurus verfasst wurden. Ich habe mich mit alternativen Beziehungen beschäftigt und stieß auf einige wenige Forschungsergebnisse über erfolgreiche Paare. Manche dieser Ideen konnte ich geradewegs in mein Beratungszimmer übernehmen, andere bedurften erst der Bearbeitung. Allmählich entdeckte ich etwas, das Beziehungen nicht nur zu retten vermochte, sondern ILDA-Paaren außerdem zu einer tieferen Intimität und einer wahrhaft befriedigenden Bindung verhalf. Ich habe mich aus drei Gründen entschieden, dieses Buch zu schreiben. Zum Ersten wollte ich ein Programm, das wirklich funktioniert, gern sowohl mit Menschen in der Krise als auch mit anderen Therapeuten teilen. Zum Zweiten hatte ich den Eindruck, dass es schwierig ist, eine Menge Informationen, die eine Beziehung deutlich verbessern können, in einer Therapiesitzung zu vermitteln. In der Beratung geht es darum, sich die Probleme von Menschen anzuhören, nicht, sie zu lehren. Mit diesem Buch könnten Paare und Einzelpersonen die Ideen in ihrem eigenen Tempo aufnehmen. Der dritte und wichtigste Grund ist mein Wunsch, diese Botschaft zu verbreiten: Das Ende der Verliebtheit zieht nicht zwingend das Ende der Beziehung nach sich. 13

7 14 Wie funktioniert das Programm? Dieses Buch will keine Lektion darin erteilen, wie man sich mehr anstrengt oder von der Liebe nicht zu viel erwartet solche Bücher gibt es bereits jede Menge. Meine Mission ist es, Menschen dabei zu helfen, die Liebe zu begreifen und die täglichen Gewohnheiten aufzuzeigen, von denen wir glauben, sie würden unsere Beziehungen schützen, während sie diese in Wahrheit untergraben. Wenn Menschen von meiner Arbeit hören, dann nehmen sie mich für gewöhnlich zur Seite und fragen:»ist es denn wirklich möglich, sich wieder ineinander zu verlieben?«meine Antwort ist immer die gleiche: Ein rückhaltloses»ja«. Und mehr noch: Paare können daraus mit einem verbesserten Verständnis für sich selbst und füreinander und mit einer gestärkten Bindung hervorgehen. Dieses Buch erklärt Ihnen, wie und auf welche Weise das möglich ist. Die Sieben Schritte, um Ihrer Partnerschaft die Leidenschaft zurückzugeben, werden Ihnen helfen, besser miteinander zu kommunizieren, produktiver zu streiten und Ihr Sexualleben auf eine Ebene größerer Intimität zu führen. Sie helfen Ihnen, das Gleichgewicht zu finden zwischen einem erfüllten Leben als Individuum und als Teil einer Paarbeziehung. Der Teil Wenn Ihre Beziehung bereits das Krisenstadium erreicht hat gibt Ihnen eine Strategie an die Hand, um die Streitpunkte durchzusprechen und mit den unmittelbaren Auswirkungen umzugehen. Nach der Krise zeigt auf, wie Sie einander wieder näher kommen und Ihre Liebe neu entdecken können. Als Alternative, für den Fall, dass Sie sich bereits getrennt haben, wird dieser Teil Sie bei Ihrem Weg in eine lebenswertere Zukunft unterstützen. Das gesamte Buch enthält Illustrationen aus meinen Fallstudien, auch wenn ich Namen und Einzelheiten natürlich verändert habe. Hin und wieder habe ich zwei oder drei Fälle zu einem zusammengefasst, um die Identität der Paare zu schützen und ihre Geschichte vertraulich zu be-

8 handeln. Am Ende jedes Kapitels finden Sie eine Reihe von Übungen. Diese können allein oder falls Sie dieses Buch mit Ihrem Partner durcharbeiten gemeinsam durchgeführt werden.

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