Branchen- Report. Die Chemieindustrie in Deutschland: Herausfordernde Zeiten brechen an trotz jüngster Erholung. Euler Hermes Economic Research

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1 Euler Hermes Economic Research Branchen- Report Die Chemieindustrie in Deutschland: Herausfordernde Zeiten brechen an trotz jüngster Erholung 15. April 2014 Marc Livinec (Branchen-Experte) Zusammenfassung Während Deutschland mit einem EU-Marktanteil von 29% im Jahr 2012 weiterhin Europas größter Produzent von Chemikalien war, fiel der europäische Anteil am weltweiten Umsatz deutlich von 31% in 2002 auf 18% in Auch Deutschland hat aufgrund des starken Wachstums in Asien, insbesondere in China (30% vom Weltumsatz / 9 % in 2002), Marktanteile verloren. Im Gegensatz zu rohstoffreichen Regionen wie dem Nahen Osten oder den Vereinigten Staaten trägt Deutschland die volle Last hoher Rohstoffpreise. Reduzierte Energiekosten, eine verbesserte Energieeffizienz sowie strategische Kooperationen, Innovationen und eine verstärkte Spezialisierung sollten es den deutschen Chemieunternehmen jedoch ermöglichen, weiterhin ein jährliches Wachstum von über 10% bei den operativen Margen zu erzielen. Eine strukturelle Verschiebung hin zu hochwertigen Spezialchemikalien ist richtungsweisend. Dafür stellen das deutsche Know-how, Innovationen und Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette einen Wettbewerbsvorteil dar. Deutschland weiterhin stark in Europa Die starke deutsche Chemiebranche muss vor dem Hintergrund des globalen Chemikalienmarkts beurteilt werden, ein Markt mit einem geschätzten Umsatz von $4.000 Mrd. (Pharmazie eingeschlossen). Mit seinen Beschäftigten (Stand Ende 2013) ist die Chemieindustrie der drittstärkste Industriesektor Deutschlands. Während BASF zur Top Liga der weltweiten Chemikalien produzierenden Unternehmen gehört, sind rund 80% der deutschen Chemieunternehmen (rund 2.000) aus dem Mittelstand. Die wichtigsten deutschen Chemieproduzenten (Tier 1 & 2) legen weiterhin sehr gute operative Margen vor, trotz des schwierigen volkswirtschaftlichen Klimas (siehe Abb. 1). Durch kontinuierliche Effizienzsteigerungen in den Fabriken, haben die Firmen dem Preisdruck der letzten Jahre standgehalten. Mit einem durchschnittlichen Wachstum von 5,4% pro Jahr zwischen 1960 und 2010 lag die Wachstumsrate für Chemikalien in Deutschland zudem genauso hoch wie das Wachstum der Weltwirtschaft über Jahrzehnte. Ausgehend von den Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) der deutschen Chemieindustrie in Abb. 1: Die größten deutschen Chemiunternehmen (Berechnung mit gerundeten Werten in US$Mrd) Durchschnittliche Wachstumsraten Umsatz (f) Tier 1 +9% -4% Tier 2 +6% 4% Total 8% -1% Durchschnittliche tliche Wachstumsraten bei der operativen Marge (f) Tier 1 +9% +14% Tier 2 +25% +12% Total +14% (Op. Marge 2013: 9.1%) Tier 1 : Basf ; Tier 2 : Bayer, Evonik, Lanxess, Wacker and K+S NB : Operative Marge = Betriebseinkommen / Umsatz Quellen: Bloomberg, Euler Hermes Prognosen +13% (Op. Marge 2013: 10.4%)

2 Höhe von 3,6 Mrd. sollte die Innovationskraft der Branche im Bereich neuer Materialien und Hochleistungskunststoffe positive Effekte für eine Reihe von weiteren Sektoren ausstrahlen. Der Umsatz der europäischen Chemieindustrie fällt f im weltweiten Vergleich weiter ab Deutschland bleibt zwar weiterhin der weltweit größte Exporteur von Chemikalien (siehe Abb. 2), Deutschlands Marktanteile sind in den letzten zwanzig Jahren jedoch gesunken im Gegensatz zu China. Die deutsche Chemikalienindustrie hat ihre Produktionsstätten ausgesprochen früh globalisiert, vor allem zugunsten Chinas. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch den anhaltend starken Euro. Trotzdem ist Deutschland nach wie vor Exportweltmeister von Chemikalien mit einem Anteil am Weltexport von 11%, gefolgt von den USA mit einem Anteil von 10%. Der Rückgang an weltweiten Marktanteilen kann analog für die gesamte EU beobachtet werden. Deren Anteil am Welthandel schrumpfte von 53,5% in 2009 auf 47,5% im Jahr Während die Staaten der nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA) eine relativ stabile Entwicklung ihres Anteils am Welthandel vorzuweisen haben, ähnlich wie Teile Osteuropas und Lateinamerika, konnte Asien seine Anteile von 22,9% im Jahr 2009 auf 28,5% in 2012 erhöhen. Diese Verlagerung hin zu Asien wird klarer wenn man anstatt des weltweiten Exports den Weltumsatz betrachtet. Laut des Verbands der Europäischen Chemischen Industrie (Cefic) halbierte sich der Weltmarktanteil der EU gemessen am Umsatz zwischen 1992 und 2012 von 35% auf 18%. In diesem Zeitraum stieg der weltweite Umsatz deutlich stärker als der europäischer Marktakteure: Der globale Umsatz kletterte von 800 Mrd. im Jahr 1992 auf den heutigen Stand von Mrd. Die europäischen Umsätze verdoppelten sich lediglich und führten in der Folge zu sinkenden Weltmarktanteilen. Die Umsätze der deutschen Chemieindustrie entwickelten sich vergleichbar zu denen im Rest Europas. Abb. 2: Weltweite Marktanteile (in %) Entwicklung der Chemieexporte in ausgesuchten Ländern Quellen: Chelem, Euler Hermes Abb. 3: Europäische Chemikalienumsätze nach Untersegment Kosten für Energie und natürliche Rohstoffe sind die größten Herausforderungen für deutsche Chemieunternehmen Da Deutschland sowohl mineralische als auch fossile Rohstoffe fehlen (44% der genutzten Ressourcen) und sogar zwischen 60% und 70% aller erneuerbaren Energien importiert werden müssen (6% der genutzten Ressourcen), ist das Land den Weltmarktpreisen vollständig ausgesetzt. Sowohl das hohe Niveau der Ölpreise in den letzten Jahren als auch der steigende Wettbewerbsdruck aus dem Nahen Osten (aufgrund der vertikalen Integration der dort wichtigsten Marktakteure) und den USA (durch die zunehmende Förderung von Schiefergas) haben deutsche Unternehmen Quellen: Cefic, Euler Hermes Prognosen Euler r Hermes Economic Research 2

3 gezwungen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Zwischen 1990 und 2010 wurden Abfälle um annähernd 80% reduziert. Mit einem annähernd ausgeschöpften Einsparpotenzial sowie steigendem Wettbewerbsdruck scheint die deutsche Wettbewerbsfähigkeit jedoch zunehmend gefährdet, vor allem im Bereich der Basischemikalien. Neben ihrem Bedarf an natürlichen Rohstoffen hat die chemische Industrie einen sehr hohen Energiebedarf. Gegenwärtig verzeichnet die energieintensive Industrie einen Jahresverbrauch von 50 Terrawattstunden (TWh) an Elektrizität. Im Durchschnitt stiegen die Energiekosten deutscher Chemiekonzerne zwischen 2002 und 2011 jährlich um 3,2%. Deutsche Chemieunternehmen haben auf die steigenden Energiepreise mit einer weiteren Verbesserung ihrer Energieeffizienz reagiert. Seit 1990 hat sich der Energiebedarf der Branche um ein Fünftel verringert, obwohl die Produktion im gleichen Zeitraum um fast 60% anstieg. Auch für die Zukunft erwartet der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), dass der Energieverbrauch weit weniger stark steigt als die Produktion (+40% in der Produktion bis 2030 aber nur +8% beim Energieverbrauch). Es sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass der Anstieg der Elektrizitätskosten trotz der Tatsache erfolgte, dass deutsche Chemieunternehmen neben anderen Industrien besonderen Schutz vor den Folgen der deutschen Energiewende durch Steuerermäßigungen und -befreiungen erhielten. Die radikale Änderung der deutschen Energiepolitik und der geplante Ausstieg aus der Atomkraft in der Folge des Reaktorunglücks von Fukushima im März 2011 ließ die Energiepreise stark ansteigen. Wären die Unternehmen dem gleichen Kostenanstieg ausgesetzt gewesen wie private Verbraucher (siehe Abb. 4), hätte dies bei vielen zu starken wirtschaftlichen Konsequenzen geführt. Insolvenzen wären vor diesem Hintergrund eine reelle Gefahr gewesen. Unter Einbeziehung der Ermäßigungen lagen Elektrizitätspreise für deutsche Industriekonsumenten tatsächlich unter dem EU- Durchschnitt im Jahr Gaspreise dagegen überstiegen den EU-Durschnitt um 15% im Jahr 2013 (siehe Abb. 5). Diese besondere Behandlung für ausgewählte Industrien (insgesamt erhielten Unternehmen Ermäßigungen in Höhe von 5,1 Mrd.) erzeugte sowohl Missfallen bei deutschen Privathaushalten, die weitaus höhere Preise für Elektrizität bezahlen müssen als industrielle Verbraucher, als auch auf der Seite der EU, die die Frage aufwarf, ob das deutsche Vorgehen als unerlaubte Subvention betrachtet werden müsste. In Folge dessen waren die Industrierabatte während des Wahlkampfs 2013 ein großes Thema und eine Überarbeitung des Systems wurde im Koalitionsvertrag schließlich festgeschrieben. Diese Turbulenzen und die entstandene Unsicherheit erschwerten die Vorausplanung und Umsetzung von angepassten Strategien deutscher Chemiekonzerne. Wären Firmen in Zukunft mit Konsumentenpreisen konfrontiert worden, hätte Abb. 4: 4 : Elektrizitätspreise in Deutschland für Haushalts- und Industriekunden (in /kwh) Household Industry Quellen: Eurostat, Euler Hermes Abb. 5: Elektrizitäts- und Gaspreise für Industriekonsumenten in ausgewählten Laendern, 2013 Quellen: Eurostat, Euler Hermes Euler r Hermes Economic Research 3

4 dies kleine und mittelständische deutsche Chemieunternehmen hart getroffen, da diese weniger Möglichkeiten besitzen, um auf höhere Energiekosten zu reagieren. Die Erleichterung war daher groß, als die deutsche Regierung und die EU- Kommission am 8. und 9. April 2014 bekannt gaben, dass das bestehende Tarifsystem weitgehend unangetastet bleiben würde. Die Chemieindustrie wurde als eine der Industrien eingestuft, der eine Sonderstellung zusteht. Die Ermäßigungen liegen künftig bei insgesamt rund 5 Mrd. Geschätzte 400 Unternehmen (die meisten von ihnen jedoch mutmaßlich nicht in der Chemiebranche) profitieren jedoch nicht mehr von den Industrie-Rabatten. Diese Neuigkeiten waren eine große Erleichterung nicht nur für den Chemiesektor sondern für die gesamte deutsche Industrie. Abb. 6: Chemieparks in Deutschland Kooperationen en,, Innovationen und Spezialisierung sind künftige Schlüsselfaktoren der Chemieindustrie Neben einer Effizienzsteigerung sind drei Trends auszumachen, die voraussichtlich die deutsche chemische Industrie in der Zukunft (beg)leiten werden: (i) Kooperationen sind schon seit längerem ein Grundpfeiler für den Erfolg deutscher Chemieunternehmen, sowohl hinsichtlich der Vernetzung von Chemieunternehmen untereinander als auch in Bezug auf Kooperationen mit Kunden. Mehr als 30 Chemiezentren, in denen verschiedene Chemieunternehmen eng zusammenarbeiten und von Synergien profitieren, unterstützen diese Entwicklung. Über ein Plug & Play -Konzept stellen solche Parks Leistungen zur Verfügung wie beispielsweise den Zugang zu Versorgungsketten für Rohmaterialien und Zwischenprodukten, Unterstützung für den Erhalt von Genehmigungen und Zugang zu Betriebsmitteln. Dadurch ermöglichen sie die Bündelung der Industrie in sogenannten Clustern. Die Hauptabnehmer, vor allem in der Automobilund Kunststoffbranche verlangen nach immer anspruchsvolleren Produkten. Auch in Sektoren wie der Elektrotechnik oder dem Bauwesen ist diese Tendenz vermehrt zu beobachten. Über Kooperationen mit ihren Chemiezulieferern können diese Branchen ihre Anforderungen spezifizieren und Chemieunternehmen dorthin leiten, wo Innovationen am meisten benötigt werden. Quelle: VCI Abb. 7: Ausgaben für f r Forschung und Entwicklung (in % des Produktionswerts) ts) Quellen: VCI, Euler Hermes (ii) Innovationen sind der zweite Grundpfeiler für die Stärke der Industrie. Mit einem Anteil von 17% war Deutschland die Nummer drei in Bezug auf globale chemische Patentanmeldungen in 2011, hinter den USA und Japan. F&E Ausgaben im deutschen Chemiesektor werden auf 3,6Mrd. für 2013 geschätzt (7% der gesamtdeutschen F&E Ausgaben). Aufgrund von branchenübergreifenden Kooperationen dürften Forschungsausgaben teilweise auch anderen Branchen zugerechnet worden sein. Die tatsächlichen chemierelevanten Euler Hermes Economic Research online Kontakt t Euler Hermes Economic Research Team Publication Director Ludovic Subran, Chef-Ökonom 4

5 F&E Ausgaben sind demnach also sicherlich höher. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI ) schätzt die Ausgaben auf über 5 Mrd. und rechnet mit einem Zuwachs in den kommenden Jahren (siehe Abb.7). (iii) Spezialisierung ist der dritte prognostizierte Trend. Mit steigendem Kostendruck wird sich margenschwache Massenchemie zunehmend in ressourcen-/energiereichen Ländern konzentrieren. In diesem Bereich werden deutsche Unternehmen nur dann wettbewerbsfähig sein, wenn die Transportkosten und die regionale Nähe zu Verbrauchern die Kostennachteile von Energie- und Rohstoffkosten überwiegen. Basischemikalien, besonders Petrochemikalien, Standardpolymere und Düngemittel könnten daher relativ gesehen an Bedeutung verlieren. Spezialchemikalien, wie u.a. Chemikalien für Verbraucher, sollten dagegen an Bedeutung gewinnen, vor allem für High-Tech Produkte in geringen Volumina und mit hohen Margen. Es ist zu erwarten, dass die Stärke der deutschen Chemieindustrie mit ihrem Fokus auf Know-how, Kooperationen und Innovationen auf eine steigende Nachfrage für innovative Chemieprodukte trifft. Laut einer kürzlich erschienenen VCI Studie (siehe Abb. 8) ist eine Verschiebung der Produktion von Basischemikalien hin zu Spezialchemikalien ebenso zu erwarten wie eine höhere Wertschöpfung. Abb. 8: Erwartete Konzentration auf die Spezialchemikalien (Produktionsvolumen) Sources: VCI, Euler Hermes Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die deutsche Chemieindustrie, vor allem in Hinblick auf die Entwicklung von Rohstoff- und Energiepreisen, einige Herausforderungen zu meistern hat. Eine Konzentration auf die Eckpfeiler ihrer Wettbewerbsfähigkeit (Effizienz, Kooperationen, Innovationen und Spezialisierung) sollte es der Branche allerdings erlauben, weiterhin eine gewichtige Rolle auf dem Weltmarkt zu spielen. DISCLAIMER Die Einschätzungen stehen wie immer unter den nachfolgend angegebenen Vorbehalten. Vorbehalt bei Zukunftsaussagen: So weit wir hierin Prognosen oder Erwartungen äußern oder unsere Aussagen die Zukunft betreffen, können diese Aussagen mit bekannten und unbekannten Risiken und Ungewissheiten verbunden sein. Die tatsächlichen Ergebnisse und Entwicklungen können daher wesentlich von den geäußerten Erwartungen und Annahmen abweichen. Neben weiteren hier nicht aufgeführten Gründen ergeben sich eventuell Abweichungen aus Veränderungen der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und der Wettbewerbssituation, vor allem in Allianz Kerngeschäftsfeldern und -märkten, aus Akquisitionen sowie der anschließenden Integration von Unternehmen und aus Restrukturierungsmaßnahmen. Abweichungen resultieren ferner aus dem Ausmaß oder der Häufigkeit von Versicherungsfällen, Stornoraten, Sterblichkeits- und Krankheitsraten beziehungsweise - tendenzen, und insbesondere im Bankbereich aus dem Ausfall von Kreditnehmern. Auch die Entwicklungen der Finanzmärkte und der Wechselkurse, sowie nationale und nternationale Gesetzesänderungen, insbesondere hinsichtlich steuerlicher Regelungen, können einen Einfluss ausüben. Terroranschläge und deren Folgen können die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß von Abweichungen erhöhen. Die Gesellschaft übernimmt keine Verpflichtung, die hierin enthaltenen Aussagen zu aktualisieren. Copyright 2014 Euler Hermes. Alle Rechte vorbehalten. Euler Hermes Economic Research online Kontakt t Euler Hermes Economic Research Team Publication Director Ludovic Subran, Chef-Ökonom 5

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