Auswirkungen des Rentenänderungsgesetzes - Rente mit 63?

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1 Auswirkungen des Rentenänderungsgesetzes - Rente mit 63? Rente nun doch schon mit 63 Jahren! Ein Traum scheint für viele Werktätige in Erfüllung zu gehen. Früher in Rente zu gehen bedeutet in der Erstwahrnehmung vieler Menschen, vor allem länger etwas von der eigenen Rente zu haben. Endlich Zeit für die Dinge, die man zu tun sich schon immer vorgenommen hat, sie aber aus Mangel an einer passenden finanziellen Ausstattung und/oder aus einem fehlenden eigenen Antrieb nie wirklich angepackt, geschweige denn umgesetzt hat. Kürzlich fragte mich ein Zehnjähriger: Was ist eigentlich Rente? Ich benötigte einige Augenblicke, um eine passende Antwort zu formulieren. Ich antwortete: Rente ist, wenn man genug Geld hat und nicht mehr arbeiten gehen muss. Mein junger und unbedarfter Gesprächspartner blieb beharrlich und fragte nach: Wo kommt denn das Geld her? Das bezahlt zum großen Teil der Staat, antwortete ich, aber dafür muss er das Geld den Leuten, die arbeiten gehen, wegnehmen. Ist das nicht unfair? fragte er weiter. Jeder möchte als Rentner ja auch selber wieder Geld erhalten. Solange der Staat also nicht übertreibt, ist das schon ok! Die neue Rentenreform könnte aber ein Schritt sein, den man durchaus als eine solche Übertreibung bezeichnen könnte verbunden mit einer großen Portion Sand in die Augen der Wähler. Zunächst zeigt das Rentenänderungsgesetz die Willkür mit der die jeweils handelnden Politikerinnen und Politiker Leistungsveränderungen für Versicherte beschließen können. Wenn Politiker etwas verschenken können, könnten Sie es später auch wieder zurück nehmen. Wenn nun das Gefühl der Unsicherheit gegenüber den Sozialversicherungssystemen weiter steigt, ist das nicht ganz unbegründet! Wie sehen die konkreten Regelungen aus? Für eine Gruppe von gesetzlich Rentenversicherten sind Vergünstigungen geplant: der vorzeitige Renteneintritt für langjährig Versicherte, die Mütterrente und die Verbesserungen in der Absicherung bei Erwerbsminderung.

2 Wer darf zukünftig früher in Altersrente gehen? Derzeit gilt: wer langjährig versichert war - das bedeutet mindestens 45 Jahre in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert - darf mit 65 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen. Dies soll zukünftig bereits mit 63 möglich sein. 45 Jahre klingen nach einer langen Zeit. Das relativiert sich aber ganz schnell, denn dazu zählen nicht nur die Jahre, in denen der Versicherte aktiv gearbeitet hat. Es gilt schon jetzt, dass ein ganzer Strauß an weiteren Zeiten mit angerechnet wird und dieser Strauß bleibt offensichtlich auch weiter erhalten bzw. wird sogar leicht erweitert. Nach der bisherigen Informationslage (Stand Mai 2014) werden in Zukunft die folgenden Zeiten bei der Bewertung der 45 Jahre berücksichtigt: Zeiten mit Pflichtbeiträgen aus Beschäftigung der geringfügigen, nicht versicherungspflichtigen Beschäftigung (finden anteilige Berücksichtigung) mit Pflichtbeiträgen aus selbstständiger Tätigkeit der Wehr- oder Zivildienstpflicht der nicht erwerbsmäßigen Pflege von Angehörigen der Kindererziehung bis zum zehnten Lebensjahr des Kindes in denen Arbeitslosengeld, Teilarbeitslosengeld, Leistungen bei Krankheit (Krankengeld, Verletztengeld, Übergangsgeld, u. a.) gewährt wurden des Bezugs von Leistungen bei beruflicher Weiterbildung des Bezugs von Kurzarbeitergeld, Schlechtwettergeld und Winterausfallgeld des Bezugs von Insolvenzgeld und Konkursausfallgeld bzw. Ersatzzeiten (Kriegsdienst, Kriegsgefangenschaft, Reichsarbeitsdienst, Vertreibung, Flucht, Internierung, Verschleppung, u. a.) Derzeitig finden keine Berücksichtigung: Anrechnungszeiten (wegen eines Schul-, Fachschul- oder Hochschulbesuchs) Zeiten der freiwilligen Versicherung Zeiten des Bezugs von Arbeitslosenhilfe oder Arbeitslosengeld II Zurechnungszeiten und zusätzliche Wartezeitmonate aufgrund eines Versorgungsausgleichs oder Rentensplittings Wer darf zukünftig wann in Rente gehen? Wer 63 Jahre oder älter ist und bislang noch keine Altersrente bekommt, soll ab 1. Juli 2014 die Altersrente für langjährig Versicherte abschlagsfrei erhalten.

3 Wie wird die Regelung für ab 1953 geborene Versicherte umgesetzt? Für ab 1953 geborene Versicherte wird die Altersgrenze von 63 Jahren schrittweise auf 65 Jahre angehoben. Diese schrittweise Anhebung der Altersgrenze kennen wir bereits. Sie wurde nun ebenfalls für die Neuregelung unverändert übernommen. Hierzu die folgende Tabelle: Versicherte Geburtsjahrgang Anhebung um... Monate auf Alter und 2 Monate und 4 Monate und 6 Monate und 8 Monate und 10 Monate und 0 Monate und 2 Monate und 4 Monate und 6 Monate und 8 Monate und 10 Monate 1964 oder jünger Wie können ältere Arbeitslose vom Rentenänderungsgesetz profitieren? Ältere Arbeitnehmer erhalten seit 2008 zwei statt einem Jahr Arbeitslosengeld I. Die oben erwähnte Regelung, dass Arbeitslosigkeit jetzt auf die Mindest-Beitragsjahre angerechnet wird, bietet Arbeitgebern und Arbeitnehmern ganz neue Möglichkeiten. Durch den gezielten Einsatz von Kündigungen entsteht faktisch eine noch weiter vorgezogene Rente! Arbeitet ein heute 60-Jähriger (Juni 1953 geboren) durch, bis er 45 Beitragsjahre zusammen hat, erhält er als Durchschnittsverdiener mit 63 Jahren und zwei Monaten seine ungekürzte Rente. Wird ihm zwei Jahre vor Rentenbeginn gekündigt, verringert sich die Höhe seiner Rente um einen unwesentlichen Betrag. Nun werden Sie eventuell denken: abgesehen von der Kürzung fehlen ihm doch auch zwei Beitragsjahre. Aber das Arbeitslosengeld, das er für zwei Jahre bezieht, ist nur geringfügig niedriger als seine spätere Rente und aus dem Arbeitslosengeld werden weitere Rentenbeiträge geleistet. Da das Arbeitslosengeld I aus staatlichen Kassen fließt, finanzieren also andere Beitragszahler dem Arbeitslosen nicht nur seinen Unterhalt für die letzten zwei Jahre, sondern auch noch die letzten Rentenpunkte. Darüber hinaus gibt es dann nach 45 Beitragsjahren keine Abschläge mehr. Kündigung klingt also attraktiv? Sie ist attraktiv! Schon heute geht fast jeder zehnte Rentner vorzeitig in Rente. Die Zahl derjenigen, die aus der Arbeitslosigkeit in Rente gehen, könnte sich nun aber noch drastisch erhöhen.

4 Was bedeutet Mütterrente, wer erhält sie und in welcher Höhe? Der Begriff Mütterrente bezeichnet eine bessere Anerkennung von Erziehungszeiten für Kinder, die vor 1992 geboren wurden. Für sie wird bislang ein Jahr Kindererziehungszeit berücksichtigt. Es ist vorgesehen, ab dem 1. Juli 2014 für alle Mütter oder Väter, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, ein zusätzliches Jahr mit Kindererziehungszeiten anzurechnen. Bei einem Rentenbeginn vor dem 1. Juli 2014 wird die Rente für jedes vor 1992 geborene Kind pauschal um einen zusätzlichen Entgeltpunkt erhöht. Dies entspricht derzeit einer Erhöhung von 28,14 EUR (ab : 28,62) im Westen und 25,74 EUR (ab : 26,39) im Osten. Diese Leitungserhöhungen sind Bruttowerte. Sie unterliegen gegebenenfalls einem Abzug von Beiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung, sowie der Besteuerung. Die Erhöhung ist für die Zeit ab 1. Juli 2014 vorgesehen. Rentennachzahlungen für Zeiträume vor dem 1. Juli 2014 wird es nicht geben. Wurden die Kindererziehungszeiten für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, gegenüber der Rentenkasse bereits geltend gemacht, so ist kein gesonderter Antrag auf Rentenerhöhung notwendig. Die Rentenkassen übernehmen hier einen full-service und berücksichtigen die Erhöhung entsprechend. Dabei ist es unwichtig, ob die Rente zum bereits fließt oder noch nicht. Haben die Versicherten mit Kindern bislang noch keine Zeiten der Kindererziehung bei der Rentenversicherung geltend gemacht und wurden noch keine Kindererziehungszeiten im Rentenkonto gespeichert? Dann sollten sie die Berücksichtigung der Kindererziehungszeiten für ihre vor 1992 geborenen Kindern geltend machen. Die Berücksichtigung der Mütterrente wird dann automatisch überprüft. Wer erhält welche Verbesserungen in der Absicherung bei Erwerbsminderung? Zur Erinnerung: ist ein Versicherter erwerbsgemindert, so erhält er Erwerbsminderungsrente (ganz oder hälftig). Bis zu dem Beginn seiner Erwerbsminderung haben die meisten Arbeitnehmer aber noch nicht allzu viele Punkte auf der Uhr. Um das auszugleichen wird die Zeit, die der Versicherte bis zum 60. Lebensjahr noch hätte arbeiten können, einfach fiktiv mit Rentenpunkten bewertet und so das Rentenkonto für die Berechnung der Erwerbsminderungsrente aufgefüllt. Versicherte, die ab dem 1. Juli 2014 in Erwerbsminderungsrente gehen, erhalten nun eine um zwei Jahre verlängerte Zurechnungszeit - von 60 auf 62 Jahre. Das heißt: Erwerbsgeminderte werden so gestellt, als ob sie mit ihrem bisherigen durchschnittlichen Einkommen zwei Jahre länger als bisher gearbeitet hätten. Von dieser Verbesserung profitieren Rentenzugänge ab dem 1. Juli 2014 in die Erwerbsminderungsrente im Alter von unter 62 Jahren. Außerdem ändert sich auch die Ermittlung des Durchschnittsverdienstes, der die Grundlage zur Bewertung der Zurechnungszeit bildet. Künftig wird geprüft, ob gegebenenfalls die letzten vier Jahre bis zum Eintritt der Erwerbsminderung diese Bewertung negativ beeinflussen, etwa weil in dieser Zeit wegen Einschränkungen bereits Einkommenseinbußen zu verzeichnen waren. Mindern die letzten vier Jahre bis zum Eintritt der Erwerbsminderung die Ansprüche, fallen sie künftig aus der Berechnung heraus.

5 Wird durch die Belastung die Rentensteigerung geringer ausfallen? Kommen wir nun zurück auf die eingangs gestellte Frage des 10-jährigen Jungen. Wie wird die Rente finanziert? Da gibt es grundsätzlich eine Masse, die es zu verteilen gilt. Gespeist aus Beiträgen und auch jetzt schon zu 25 % aus Steuerzuschüssen; dieses Geld fließt in ein großes Sparschwein. Wenn nun für die vorgezogene Rente, die Mütterrente und die verbesserte Erwerbsminderungsrente Geld aus dem Sparschwein genommen wird, dann bleibt für die übrigen Renten weniger Geld übrig. Den Rentnern werden also mögliche Rentenerhöhungen vorenthalten, die ihnen eigentlich zustehen sollten und die für den Inflationsausgleich wichtig wären. Das Ganze zugunsten einiger weniger. Alternativ könnte man die arbeitende Bevölkerung mit höheren Steuern oder Rentenbeiträgen beglücken. So z. B. den 10-jährigen Jungen, der noch viel Vergnügen bei der Ausfinanzierung unseres Rentensystems haben wird. Ist das dann eine faire Lösung? Was bedeutet dies für uns als Beraterinnen und Berater? Als Fazit kann man feststellen: Für die jüngeren Leute, die ihre Rente planen, verändert sich faktisch nichts. Sie dürfen auf Renten hoffen die zwar früher und ungekürzt fließen können, dafür dann aber entsprechend geringer ausfallen werden. Es bleibt also bei den alten Versorgungslücken! Zusätzlich ist zu bedenken: bei einem früheren Rentenbeginn fehlen auch für die private Altersvorsorge die Beiträge! Dort springt aber kein Gesetzgeber helfend hinzu und füllt die letzten Jahre auf. Ganz im Gegenteil! Ein Hinzuverdienst durch den die Lücke ausgeglichen werden könnte, führt in den ersten Jahren zu einer Kürzung der gesetzlichen Rente. Jeder, der mit dem EINSeitenplaner arbeitet, kennt dieses Dilemma eines zu früh erhofften Rentenbeginns! Das ist oft nicht finanzierbar. Die Finanzierung der geplanten Gesetzesänderung baut bestehende Ungerechtigkeiten weiter aus und die Bürgerinnen und Bürger sind nun gefordert, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Dafür benötigen sie natürlich den Rat guter Anlage- und Vorsorgeberater denn von der Politik kann dieser gute Rat nicht erhofft werden. Autoren: Stefan Reuter, Fachwirt für Finanzberatung (IHK), Dozent und Trainer der GOING PUBLIC! Akademie für Finanzberatung AG Dr. Wolfgang Kuckertz, Fachwirt für Finanzberatung (IHK), Vorstand der GOING PUBLIC! Akademie für Finanzberatung AG

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