Thomas Helfer. Bausteine der Wissensarbeit: Wissensmanagement - Vernetzung von Wissen - Interdisziplinäre Kommunikation

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1 Thomas Helfer Bausteine der Wissensarbeit: Wissensmanagement - Vernetzung von Wissen - Interdisziplinäre Kommunikation

2 Zusammenfassung In einer sich entwickelnden Informations- und Wissensgesellschaft werden Information und Wissen zu entscheidenden Ressourcen. Einerseits verlangen neue, komplexe Problemstellungen nach der Entstehung von neuem Wissen, andererseits ist es kaum mehr möglich, die vorhandenen Informationsfluten effektiv zu nutzen. Diese Entwicklung erfordet neue Methoden und Managementtechniken im Umgang mit Wissen. Die dafür notwendigen Organisationsformen und Koordinations- und Steuerungsmechanismen existieren jedoch bestenfalls erst schemenhaft und müssen noch entwickelt und gestaltet werden. Wissensmanagement, Vernetzung von Wissen und interdisziplinäre Kommunikation könnten wichtige Bausteine hierfür darstellen. 1. Information und Wissen Grundlegend für einen kompetenten Umgang mit den Ressourcen Information und Wissen ist eine Klärung der Begrifflichkeiten. Es stellt sich die Frage: Was ist Wissen, worin unterscheidet sich Wissen von der Information? Betrachtet man den Begriff Wissen, stellt man fest, dass viele verschiedene Definitionen und Betrachtungsweisen existieren. Besonders anschaulich nähern sich folgende Definitionen dem Begriff Wissen: Wissen bezeichnet das Netz aus Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die jemand zum Lösen einer Aufgabe einsetzt. 1 Wissen ist die Fähigkeit zum sozialen Handeln, als die Möglichkeit, etwas in Gang zu setzen. 2 Wissen entsteht als Ergebnis der Verarbeitung von Informationen durch das Bewusstsein. 3 Aus der letzten Definition wird deutlich, wie eine Unterscheidung zwischen Information und Wissen vorgenommen werden kann: Die Information ist an keinen Träger gebunden, sie kann nicht angepasst und weiterentwickelt werden, was für eine Problemlösung jedoch unabdingbar ist. Wissen ist davon abhängig, ob und wie die Information vernetzt wird, ist von der Person und deren Sozialisation, Lernprozessen, Erfahrungen, Fähigkeiten und dem jeweiligen Kulturkreis abhängig. Trotzdem ist die Information notwendig, damit Wissen entstehen kann. Die Information fungiert sozusagen als Rohstoff für die Entstehung von Wissen: 11 HERBST, D.2000, S. 9 2 STEHR; N. 2001, S NORTH, K. 1998, S. 23

3 Abb. 1: Von der Information zum Wissen Das so entstehende Wissen lässt sich einteilen in explizites und implizites Wissen, wobei sich die Handhabung von explizitem Wissen bei weitem einfacher darstellt, da dieses Wissen nicht an einen Träger gebunden ist. Explizites Wissen setzt sich hautsächlich aus Informationen zusammen, es lässt sich in Worte fassen und in Zahlen ausdrücken und problemlos mit Hilfe von Daten, wissenschaftlichen Formeln, festgelegten Verfahrensweisen oder universellen Prinzipien mitteilen. Die Arbeit mit dieser Art von Wissen ist also gleichbedeutend mit einem Computercode oder einer chemischen Formel. Dieses Wissen stellt jedoch nur die Oberfläche der Gesamtheit des Wissens dar, das für eine bestimmte Aufgabenbewältigung notwenig ist. Implizites Wissen lässt sich kaum fassbar machen, es ist auf eine Person bezogen und entzieht sich dem formalen Ausdruck. Es lässt sich nur schwer mitteilen. Diese Art von Wissen ist verankert in der Tätigkeit und in oft langjährigen Erfahrung eines Individuums und ist daher nur schwer darstellbar und weiterzugeben. Die Fülle und der Reichtum des impliziten Wissens jedes Einzelnen sind explizit nicht berechenbar, weil zu viele Faktoren zu berücksichtigen wären, die zum großen Teil nicht bekannt sind und auch nicht bekannt sein können. Das macht auch die Darstellung und den Austausch von implizitem Wissen so schwer. Implizites Wissen lässt sich am ehesten noch bildhaft oder handelnd vermitteln. Meist sind beide Wissensformen für die Bewältigung einer Aufgabe wesentlich, auf keine Form des Wissens können wir als Einzelne oder als Gemeinschaft verzichten Von der Notwenigkeit eines konzeptionellen Umgangs mit Informationen und Wissen Der Faktor Wissen hat im Laufe der Entwicklung von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft hin zur Wissensgesellschaft gegenüber den klassischen Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit beständig an Bedeutung hinzugewonnen. Mittlerweile steht die Bedeutung dieses vierten Produktionsfaktors außer Frage. Heute kann Wissen für eine Volkswirtschaft als wertvoller und wichtiger angesehen werden als alle Bodenschätze und Industrieprodukte. 5 Der explosive Zuwachs von Wissen und die Möglichkeit, an alle denkbaren Informationen zu kommen, sowie ständig neue technische Errungenschaften im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien verlangen jedoch nach Methoden und Konzepten beim Umgang mit Wissen. Während sich das Weltwissen im 18. Jahrhundert, statistisch gesehen, alle 100 Jahre verdoppelte, genügten hierzu im letzten Jahrhundert bereits die Jahre 1900 bis Mittlerweile hat sich diese Zeitspanne auf durchschnittlich 15 Jahre verringert, mit weiterhin stark abnehmender Tendenz. 6 Diese Dynamik lässt sich fassbar machen, wenn man beispielsweise betrachtet, dass sich die Zahl der allein in den USA arbeitenden Naturwissenschaftler rund alle dreizehn Jahre verdoppelt. Zeitlich und räumlich hochgerechnet heißt das, dass neun von zehn Naturwissenschaftlern, die je in der Geschichte der Menschheit tätig waren, in der Gegenwart forschen. Und alles, was sie 4 vgl. PÖPPEL, E. in MAAR, C./OBRIST, H.-U./ PÖPPEL, E.: Weltwissen-Wissenswelt, 2000, S vgl.haun, M., 2002, S. 5ff 6 vgl. GOEUDEVERT, D. 2001, S. 193

4 erforschen, wird dokumentiert, auf mögliche Anwendungen hin überprüft, variiert, ergänzt, verworfen und wieder neu untersucht. So wachsen die Bibliotheken jedes Jahr um weitere 2 Regalkilometer. In den nächsten zehn Jahren wird mehr gedruckt werden, als in den ganzen Jahrhunderten zwischen der Erfindung des Buchdrucks und heute zusammengenommen. 7 Dabei werden die auf Papier gedruckten Informationen im Zuge der Digitalisierung jedweder Daten einen immer kleineren Teil des Weltwissens ausmachen, wodurch die Halbwertszeit des Wissens mit noch größerer Rasanz schrumpfen wird. 8 Gleichzeitig wird Wissen zunehmend zur Grundlage von Produktion und Dienstleistung und zur Bedingung für die Möglichkeit wirtschaftlichen Wachstums und wettbewerblicher Vorteile von Unternehmen und Gesamtgesellschaften. Nach Stehr gibt es in der heutigen Wirtschaft keinen nachhaltigeren Wettbewerbsvorteil für eine Firma, als ihren Vorrat an Wissensrohstoff, die Effizienz, mit der das Wissen praktisch umgesetzt wird, sowie das Tempo, mit dem neues Wissen produziert wird. 9 Für viele, ja fast alle Arbeitstätigkeiten reicht das einmal erworbene Wissen durch Erfahrung, Ausbildung und Professionalisierung erworben nicht mehr aus. Es muss ausgebaut, revidiert, ergänzt und optimiert werden. 10 Die Wissensgesellschaft ist eine Gesellschaft, in der Wissen immer zentraler wird als Voraussetzung für die Verständigung auf gemeinsame Ziele, für die Sicherung der wirtschaftlichen Entwicklung, für den Erhalt des Arbeitsplatzes, sowie für das soziale Handeln und die gesellschaftliche Position des Einzelnen. Die Wissensgesellschaft ist eine Weiterentwicklung der Informationsgesellschaft, indem der Mensch mit seinen individuellen Möglichkeiten, seinen Fähigkeiten und vor allem auch mit seinen Einstellungen und Werten die bloße Information ergänzt. Die Wissensgesellschaft muss Informationen unterscheiden, bewerten und entsprechend verantwortungsvoll mit Wissen umgehen. 11 Die Fähigkeit, sich in den Informationsfluten zurechtzufinden und Maßstäbe zu entwickeln, anhand derer sich Informationen bewerten und auswählen lassen, wird ebenso wichtig sowohl für den Einzelnen als auch für Organisationen verschiedener Art wie die Kompetenz zur eigenverantwortlichen Entwicklung seines persönlichen Wissens, einschließlich der Bereitschaft zur Teilhabe an Wissen und Erfahrung. 3. Zum Begriff der Wissensarbeit Der Begrifft Wissensarbeit beschreibt den aktiven, konzeptionellen und zielgerichteten Umgang mit Wissen und Information und ist damit die Antwort auf die neuen Anforderungen in einer Informations- und Wissensgesellschaft. Im Wissenszeitalter gewinnt der Umgang mit diesen Ressourcen eine zunehmende Bedeutung für Organisationen aller Ausrichtungen und Größenordnungen. Wissen wird zum Kapital und damit zu einer der wertvollsten Ressourcen überhaupt. Die Datenexplosion und der rasche Verfall vieler Wissensformen erschweren jedoch die gezielte Beschaffung des für eine bestimmte Aufgabe benötigten Wissens. Hinzu kommt, dass es durch die fortschreitende Spezialisierung des Wissens immer schwieriger wird, das Wissen der Organisationsmitglieder für alle verfügbar und nutzbar zu machen. 12 Der Managementberater und Buchautor Peter F. Drucker war einer der ersten, der den Begriff Wissensarbeit geprägt hat, in dem er darlegt, dass wir auf eine Gesellschaft zusteuern, in der Wissen die grundlegende Ressource darstellen wird. Vereinfacht gesagt bedeutet Wissensarbeit das Hantieren mit den Rohstoffen Daten, Informationen und Wissen. Dies verlangt nach einer nachhaltigen Veränderung des Wirtschaftens, Planens und Organisierens. Die klassische Industriearbeit, geprägt von den tayloristischen Arbeits- und Organisationsformen des 20. Jahrhunderts, ist im Rückzug begriffen, die dafür konzipierten Organisationsformen sind eher kontraproduktiv für einen effektiven Umgang mit Wissen. Der Umgang mit Daten, Informationen und Wissen verlangt 7 vgl. ebenda, S vgl. ebenda 2001, S vgl. STEHR, N. 2001, S vgl. BECK, U. 1999, S vgl. MANDL, H./REINMANN-ROTHMEIER, G. 2000, S vgl. ROEHL, H. 2002, S. 33

5 vielmehr nach neuen Formen der Kooperation, einschließlich der Gestaltung neuer, organisatorischer Lernmechanismen. 13 Die erforderlichen Organisationsmechanismen für eine effektive Koordination von Wissensarbeit existiert jedoch erst in schemenhafter Form. 14 Dabei geht es vor allem um folgende zwei Bereiche: Um die Organisation und um den Menschen. Die grundlegenden Probleme der Wissensarbeit fokussieren sich zu der Frage, wie das Zusammenspiel von personalem und organisationalem Wissen optimal und effizient gestaltet werden kann. Es reicht nämlich nicht aus, dass entweder die Person oder die Organisation wissensbasiert operiert. Mögliche Konzepte für eine funktionierende Wissensarbeit müssen beide Aspekte im Blick haben. 15 Nur dann werden die Rahmenbedingungen für Kommunikation, Interaktion und Transaktion geschaffen, ohne die Wissensarbeit nicht stattfinden kann. 16 Ein wichtiger Schritt für die Entwicklung von Wissensarbeitsmodellen könnte dabei die Integration der drei Komponenten Wissensmanagement, Vernetzung von Wissen und interdisziplinäre Kommunikation sein, da diese einen Rahmen bilden, in dem oben genannte Voraussetzungen für eine funktionierende Wissensarbeit geschaffen werden: Abb. 2: Bausteine der Wissensarbeit In diesem Modell versucht das Wissensmanagement, den heterogenen Berg an Information und Wissen aufzubereiten, zu strukturieren, zu systematisieren und zu präsentieren. Ziel dabei ist, Wissen verfügbar, kommunizierbar und nutzbar zu machen. Die Vernetzung von Wissen schafft die Strukturen für den Austausch von Wissen. 13 vgl. HAUN, M. 2002, S. 13 ff 14 vgl. ROEHL, H. 2002, S vgl. HAUN, M. 2002, S vgl. ebenda 2002, S.13

6 Hierbei wird das so aufgearbeitet Wissen miteinander verbunden und zueinander in Beziehung gesetzt. Dadurch soll einerseits ein Wissensaustausch möglich werden und andererseits ein Lernprozess beginnen, der zu einer zielgerichteten Weiterentwicklung von Wissen führt. Das Wissensmanagement und Wissensnetzwerke bilden die Plattform und eine Organisationsstruktur für eine mögliche interdisziplinäre Kommunikation und Kooperation. Dadurch kann neues Wissen entstehen und eine ganzheitliche Sichtweise entwickelt werden. 4. Das Wissensmanagement Das Wissensmanagement stellt den ersten und grundlegenden Baustein für Wissensarbeit dar. Es ist ein Konzept, mit dem eine Organisation ihr Wissen bewusst, aktiv und systematisch gestaltet. In diesem kontinuierlichen Prozess entwickelt eine Organisation ihre 17 Wissensbasis aus individuellem und kollektivem Wissen. Dabei wird das Wissensmanagement zur praktischen Umsetzung einer Lernenden Organisation. 18 Ein solches System muss dabei drei Ebenen berücksichtigen: Abb. 3: Die Ebenen des Wissensmanagements (Quelle: MANDL/REINMANN- ROTHMEIER 2000, S. 17) Diese drei Ebenen beschreiben in ihrer Gesamtheit den Menschen als Träger, Kommunikator, Gestalter und Entwickler von Wissen, eingebettet in eine wissensorientierte Organisationsstruktur und unterstützt von einer technischen Infrastruktur. Zu beachten ist dabei, dass eine Fokussierung auf die technische Ebene dem ganzheitlichen Ansatz des Wissensmanagements zuwiderläuft. Mit Hilfe der Informations- und Kommunikationstechnologie lässt sich hauptsächlich explizites Wissen handhaben, implizites Wissen bleibt so weitgehend nicht fassbar. Bei der Organisation von Wissen im Sinne des Wissensmanagements steht der Mensch im Mittelpunkt, mit seiner Bereitschaft Wissen zu erwerben und was keineswegs selbstverständlich ist Wissen zu teilen und weiterzugeben. Die Informations- und Kommunikationstechnologie und eine geeignete Organisationsstruktur unterstützen ihn lediglich dabei. Wenn diese Rahmenbedingungen gegeben sind, kann ein Wissensmanagementregelkreis entstehen, bestehend aus den Elementen Wissensrepräsentation, Wissenskommunikation, Wissensnutzung und Wissensgenerierung. 17 HERBST, D.: S.9 18 MANDL, H.: S. 13

7 Abb. 4: Die Prozesskategorien des Wissensmanagements (Quelle: MANDL/REINMANN- ROTHMEIER 2000, S. 20) Wissensrepräsentation Bei der Repräsentation von Wissen handelt es sich um die Identifizierung von Wissen, sowie um die unterschiedlichen Formen der Kodifizierung, Dokumentation und Speicherung. Ziel ist es, relevantes Wissen in einem Format darzustellen, das die Weitergabe und den Austausch, aber auch die Speicherung, Aktualisierung und Nutzung von Wissen ermöglicht. Durch die Identifizierung von Wissen und Nichtwissen soll eine (Wissens-) Transparenz geschaffen werden. Um dies zu erreichen, werden derzeit unterschiedliche Verfahren der Kodifizierung von Wissen herangezogen wie beispielsweise: 19 Wissenslandkarten (sog. Gelbe Seiten) Kognitive Karten (z.b. concept maps) Datenbank-Managementsysteme Visualisierung von Wissen (z.b. mind maps) Wissenskommunikation Unter der Kategorie der Wissenskommunikation lassen sich Prozesse wie das Verteilen von Informationen und Wissen, die Vermittlung von Wissen, das Teilen und die soziale Konstruktion von Wissen, sowie wissensbasierte Kooperationen zusammenfassen. Alle diese Aktivitäten machen es erforderlich, dass zwei oder mehrere Personen miteinander kommunizieren. Diese Kommunikation kann face to face oder über Medien stattfinden. Wissenskommunikation wird durch Computernetzwerke entscheidend erleichtert, aber auch die menschliche Komponente darf nicht außer Acht gelassen werden. Wissenskommunikation kann nur über die Schaffung einer Wissenskultur funktionieren. 19 vgl. REINMANN-ROTHMEIER G./MANDL, H.: 2000, S. 19

8 Gefördert kann diese werden z.b. durch Anreizsysteme, kooperationsfördernde Arbeitsumgebungen oder über spezielle Weiterbildungsmaßnahmen. 20 Wissensgenerierung Wissensgenerierung meint die Prozesse der Wissensbeschaffung. Dies kann sowohl extern als auch intern erfolgen. Extern durch Neueinstellungen, Kooperationen oder fremdes Expertenwissen, intern durch das Einrichten spezieller Wissensressourcen wie Entwicklungs-, Forschungs-, oder Weiterbildungsabteilungen. 21 Wissensnutzung Bei der Wissensnutzung geht es um die konkrete Umsetzung von Wissen in Entscheidungen und Handlungen bzw. um die Transformation von Wissen in Produkte oder Dienstleistungen. Diese Kategorie wird dann zur Evaluation für den Wissensmanagementprozess herangezogen Vernetzung von Wissen Wissensnetzwerke Die systematische Vernetzung von Wissen ist ein weiterer wichtiger Baustein für Wissensarbeit. Geht es beim Wissensmanagement vor allem um den systematischen Umgang mit Information und Wissen, werden bei der Vernetzung Organisationsstrukturen geschaffen, die für einen strukturellen Rahmen für Wissensarbeit sorgen. Netzwerk war ursprünglich ein rein technischer Fachausdruck. Als solcher begegnet er uns beispielsweise in der Informations- und Kommunikationstechnologie, aber auch in anderen Bereichen, wie beim Stromnetz oder beim Straßen- und Schienennetz. Dieses technische Netzwerk - Bild beschreibt anschaulich die Struktur eines Netzwerkes: Netzwerk als ein nicht völlig dezentrales, doch polyzentrisches Geflecht von teilautonomen Einheiten, die in ihrer Wechselwirkung einander voraussetzen und bedingen. 23 Der Begriff hat sich jedoch über die technischen Sichtweise hinausentwickelt, hin zu einer personalen Sichtweise. Netzwerk bedeutet hier, sich spontan organisierend und reorganisierend, basierend auf persönlichen Kontakten - real oder virtuell - einer lebendigen Gemeinschaft und einer vielfältigen Kommunikation eines jeden mit jedem Bereich, bei einem Minimum an zentraler Koordination. Netzwerke werden nicht autoritär geführt, sie beinhalten kein streng hierarchisches Beziehungsgeflecht zwischen Menschen, sondern ermöglichen selbstregelnde Kommunikations- und Entwicklungsprozesse. Ein weiterer Aspekt kommt aus der Organisationsforschung. Man war sich der Tatsache bewusst geworden, dass gerade große Organisationen durch die Regelung der förmlichen Funktionskompetenzen alleine noch lange nicht funktionieren. Hinter dem formalen Organigramm besteht eine zweite Ebene, ein verstecktes und unsichtbares, aber reales und sehr wirksames Geflecht von informellen und personengebundenen Beziehungen. Hierbei wird das lineare Denken abgelöst, welches Entwicklungen lediglich fortschreibt, jedoch die Interdependenzen verschiedener relevanter Bereiche nicht ausreichend berücksichtigt. Hier finden meist die eigentlichen Weichenstellungen statt. 20 vgl. REINMANN-ROTMEIER, G./MANDL, H. 2000, S vgl. ebenda, S vgl. ebenda, S vgl. HUBER, J.: Die Netzwerkidee. Rückblick und Ausblicke. In: BURMEISTER, K./CANZLER, W/ KREIBICH, R. (Hrsg.), S. 43

9 Aus diesem kommunikativen und interaktiven Umfeld heraus ergeben sich folgende Eigenschaften und Grundstrukturen von Netzwerken: 24 Dezentralität Selbstorganisation und Enthierarchisierung Verflechtung mit Rückkopplungsschleifen Partizipation Flexibilität 5.1 (Wissens-) Communities als praktische Umsetzung der Netzwerkidee Bei der Umsetzung der Netzwerkidee bietet sich das Community-Konzept an. Vereinfacht gesagt kann man Communities als Gemeinden beschreiben, mit einem Marktplatz, auf dem man sich trifft und sich austauscht. Dieser Marktplatz ist so gestaltet, dass Kommunikation und Austausch gefördert und unterstützt werden. Konkret stellt sich eine Community folgendermaßen dar: 25 informelle Personennetzwerke mit einem einflussreichen Vorreiter-Kern eine lose gekoppelte Peripherie als struktureller Rahmen gemeinsame Interessen und/oder Problemstellungen als Treiber Kommunikation, Kooperation, Erfahrungsaustausch, Wissensbeschaffung und wechselseitiges Lernen als zentrale Prozesse Eigenverantwortung, Selbstorganisation, eine gemeinsame Verständigungsbasis und geteilte Ressourcen und eine gemeinsame Identität als Gruppe Daraus ergeben sich folgende Eigenschaften von (Wissens-) Communities: Communities stellen ein Zentrum und den Knotenpunkt für Kommunikation dar. Sie geben Informationen und Wissen unbürokratisch weiter und vereinfachen damit die Verteilung von Erfahrung und Wissen. Dies führt zu Anwendungsnetzen, die ein wechselseitiges von einander Lernen ermöglichen. Der offene Austausch erzeugt Synergieeffekte und innovative Impulse, vor allem durch die mögliche Interaktion zwischen den verschiedenen Mitgliedern/Experten. Durch die strukturelle Offenheit lässt sich bereichs- und fächerübergreifendes Denken fördern. Dadurch stellen Communities Bedingungen her, die eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Wissensarbeit bilden. Dabei geht es auch um eine Kulturveränderung, hin zu einer Wissens- und Lernkultur, einer Kommunikations- und Kooperationskultur und um eine Innovationskultur. 26 Communties bilden sowohl ein Gegengewicht als auch eine Ergänzung zu den klassischen, bürokratischen und daher starren und unflexiblen hierarchischen Organisationsstrukturen. 5.2 (Wissens-) Communities in der Praxis In der Wirtschaft, besonders bei wissensbasierten Dienstleistungsunternehmen findet man immer häufiger informelle Zusammenschlüsse und Beziehungsnetzwerke, die sog. Service Communities. Hierbei stehen solche Erwartungen im Vordergrund, die sich auf Leistungsaspekte beziehen, um am Markt bestehen zu können. Synergieeffekte können 24 vgl. ebenda, S vgl. REINMANN-ROTHMEIER, G./MANDL, H.: Die Entwicklung von Learning Communities im Unternehmensbereich am Beispiel eines Pilotprojekts zum Wissensmanagement. Forschungs- Bericht Nr , S. 5 ff 26 vgl. WINKLER, K./REINMANN-ROTMEIER, G./MANDL, H.: Learning Communities und Wissensmanagement. FB , S

10 genutzt werden, so schaffen Service Communities die Fähigkeit, sich komplexen Anforderungen zu stellen, um diese rasch und termingerecht bewältigen zu können. 27 Bei Learning Communties hingegen steht weniger die Leistung und das Ergebnis im Vordergrund, d.h. konkrete Ziele werden nicht vorher formuliert. Es geht vielmehr um Kommunikation und um einen Austausch von Erfahrungen. Der gemeinsame Lernprozess und das Teilen von Wissen stehen hier im Vordergrund. Das kann aber durchaus auch dazu führen, dass sich die Mitglieder der Gemeinschaft durch das gemeinsame Lernen zu Experten im jeweiligen Gegenstand weiterentwickeln können. 28 Communities of Practise stellen eine Mischform aus den stärker innovationsorientierten Service Communties in der Wirtschaft und den stärker kommunikationsorientierten Learning Communties dar. Man findet keinen eindeutigen Schwerpunkt, da sie sowohl innovations- als auch kommunikationsorientiert sind, auch deshalb, weil es kaum Innovation ohne Kommunikation gibt und umgekehrt. Dennoch nehmen an einer Community of Practise vorwiegend Experten teil, welche die Synergieeffekte der gemeinsamen Zusammenarbeit nutzen wollen. 29 Deshalb eignet sich eine Community of Practise auch als Vernetzungsform im Bereich Wissenschaft und Forschung. Zur Schaffung einer funktionierenden (Wissens-) Community sind vor allem zwei Aspekte zu beachten: Eine Organisation, welcher Art auch immer, kann nie nur aus Communities/Netzwerken bestehen. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, eine klassische bürokratische Organisationsform durch Communties zu ergänzen, hin zu einer sogenannten Hypertextorganisation. Zum anderen ist zu beachten, dass eine Community dann besonders erfolgversprechend ist, wenn man eine geeignete Kombination zwischen einer face to face Kommunikation und einer virtuellen Kommunikation findet. Eine rein virtuelle Kommunikation hat nämlich den Nachteil, dass die so wichtige soziale Interaktion nur sehr schwer aufgebaut werden kann. 6. Interdisziplinäre Kommunikation Der Baustein interdisziplinäre Kommunikation bildet den dritten Teil des Wissensarbeitsmodells. Im Vordergrund steht hier vor allem die Entstehung von neuem Wissen. Selbstverständlich wird in unserer ausdifferenzierten Lebens- und Arbeitswelt noch lange auch die Ausbildung von sehr zielgenau qualifizierten Spezialisten erforderlich sein, deren Qualifikation mit ihrer späteren Tätigkeit auf einen klaren Nenner zu bringen sind: Sie tun genau das, wofür sie ausgebildet worden sind und sie wenden an, was sie gelernt haben. 32 Geht es jedoch darum, neues Wissen zu entwickeln, um komplexe, neuartige Fragestellungen zu bearbeiten, ist eine Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen unabdingbar. Dies kann sowohl bei der Entwicklung von neuen Industrieprodukten und Dienstleistungen oder beispielsweise auch bei politischen Entscheidungsprozessen der Fall sein. Exemplarisch sei dies am Thema Klimaschutz dargestellt: 27 vgl. ebenda 28 vgl. ebenda 29 vgl. ebenda 30 Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi beschreiben mit dem Begriff Hypertextorganisation ein Tandem aus nichthierarchischen, selbstorganisierenden Strukturen und traditionellen hierarchischen Strukturen 31 Vgl. NONAKA, I./TAKEUCHI, H. 1997, S. 188 ff 32 vgl. GOEUDEVERT, D. 2001, S. 40

11 Betriebswirtschafts- / Volkswirtschaftslehre Physik Chemie Biologie Ingenieurswissenschaften Klimaschutz Meteorologie Soziologie Rechtswissenschaft Politikwissenschaft Informatik Abb.5: Am Klimaschutz beteiligte Disziplinen 6.1 Zum Betriff der Interdisziplinarität Bis heute gibt es für Interdisziplinarität kein einheitliches Grundverständnis. Es existieren Begriffe wie z.b. Multidisziplinarität, Transdisziplinarität oder Interdisziplinarität. 33 Dabei gestaltet sich die begriffliche Grundlegung von Interdisziplinarität auch deswegen schwierig, weil es zwei verschiedene Betrachtungsebenen gibt: Interdisziplinarität kann sowohl fächerübergreifendes Arbeiten meinen, als auch eine fächerübergreifende Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen. 34 Eindeutig ist jedoch, dass Interdisziplinarität mehr meint, als das bloße Nebeneinanderstellen verschiedenartiger Theorien zu selben Thema. Nichts wäre kontraproduktiver für ein erfolgversprechendes interdisziplinäres Arbeiten als die Vorstellung, man müsse davon abgehen, in einzelne wohldefinierte Wissensgebiete tief einzudringen, sondern interdisziplinäres Arbeiten könne sich nur in undefinierbaren, schemenhaften Allgemeinheiten bewegen. Nur wenn die einzelnen Akteure einer interdisziplinären Arbeit eine fachliche Kompetenz in ihrem Fachgebiet aufweisen, kann von interdisziplinärem Arbeiten Wesentliches erwartet werden. 35 Folglich besteht der Hauptansatzpunkt für die Bearbeitung eines komplexen Gegenstands in der Förderung, nicht in der Auflösung wissenschaftlicher Disziplinen. Vielmehr geht es um einen disziplinenübergreifenden Dialog zwischen den Vertretern der einzelnen Disziplinen, sowie der Schaffung von Querverbindungen. 36 Die einzelnen Disziplinen müssen sich dabei öffnen, verändern, weiterentwickeln und sich wechselseitig ergänzen. 33 vgl.hartmann, Y.E. 1998, S vgl. ebenda, S vgl. Traupel In: HARTMANN, Y.E. 1998, S.3 36 vgl. HARTMANN, Y.E. 1998, S. 3

12 6.2 Interdisziplinäre Projekte als soziale Systeme: Projektgruppen sind weitgehend anerkannte Organisationselemente zur Lösung komplexer Aufgabenstellungen. Daraus folgt die Erkenntnis, dass sich das Konzept der Projektarbeit, sei es nun in Teams oder in Netzwerken, auch optimal für die Durchführung interdisziplinärer Kommunikation eignet. Dies hängt auch damit zusammen, dass Projektgruppen besonders bei komplexen, neuartigen und schlecht strukturierten Problemlagen oftmals in der Lage sind, besser und effektiver zusammenzuarbeiten. 37 Dabei ergeben sich drei Merkmalsdimensionen bei der interdisziplinären Zusammenarbeit in Projekten: Generelle Merkmale der Gruppenarbeit 38 Arbeitsteilung Gruppendynamik Unterschiedliche Qualifikation Individualpsychologische Aspekte, z.b. Motive und Einstellungen Generelle Merkmale von Projekten 39 Komplexität und Neuartigkeit der Aufgabe Große Unsicherheit über Zielerreichungsmöglichkeiten Ressourcenknappheit Zeitliche Begrenzung des Projekts Spezifische Aspekte interdisziplinärer Projekte 40 Unterschiedliche Prägung der Sprach- und Denkwelt Aufeinandertreffen unterschiedlicher (Begriffs-) Systeme Unterschiedliche Methoden und Instrumente zur Zielerreichung bzw. des wissenschaftlichen Arbeitens Unterschiedliche Regeln und Normen Erhöhte Relevanz der Sozialisation 37 vgl. ebenda, S vgl. BIRKER G./BIRKER K.: Teamentwicklung und Konfliktmanagement 2000, S. 12ff. 39 vgl. BAGULEY, P. 1999, S. 8 ff 40 vgl. HARTMANN; Y. E. 1998, S. 12

13 6.3 Merkmale und Einflussfaktoren interdisziplinärer Projekte Durch die höhere Komplexität muss eine Projektarbeit auf die spezifischen Merkmale von interdisziplinären Projekten erweitert werden. Dabei weisen interdisziplinäre Projekte folgende Merkmale auf: Abb.6: Merkmale interdisziplinärer Projekte (Quelle: HARTMANN 1998, S. 10) Die Komplexität, Einmaligkeit und Neuartigkeit eines interdisziplinären Projekts sind vor allem durch die Teilnahme der unterschiedlichen Disziplinen bedingt. Ablaufvorgänge sind dadurch mit einem hohen Risiko und mit einer großen Unsicherheit verbunden. Selbst Routineprozesse sind umso schwerer zu steuern, je mehr unterschiedliche Disziplinen daran teilnehmen. 41 Neben den klassischen Einflussfaktoren, wie den personenbedingten Einflussfaktoren (z.b.: Einstellungen, Werte, Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit oder Interessen und Individualziele usw.) und den projektbedingten Einflussfaktoren (z.b.: zeitliche Vorgaben, Gruppengröße, Projektdesign oder dem Finanzierungskonzept usw.), kommen noch disziplinenbedingte Einflussfaktoren hinzu. 42 Im Einzelnen sind dies: unterschiedliche Theorien und Erklärungsansätze unterschiedliche Methoden und Instrumente unterschiedliche Sprach- und Begriffswelten unterschiedliche Regelungen und Normen 41 vgl. HARTMANN, Y.E. 1998, S vgl. ebenda S

14 6.4 Forderung nach einer Schnittstellenkompetenz Besonders die disziplinenbedingten Einflussfaktoren verlangen von den Teilnehmern, aber vor allem auch vom Leiter eines interdisziplinären Projekts, nach einer so genannten Schnittstellenkompetenz. Sie stellt eine Schlüsselkompetenz bei der Verständigung zwischen den sich immer mehr spezialisierenden Wissenschaften dar. Die Aufgabe dabei ist, über das Betrachten der Teile das Ganze zu verstehen und daraus dann ein verständigungsorientiertes Handeln abzuleiten. Dazu ist eine Betrachtung der Teilsysteme notwendig und zwar bezüglich ihrer Begriffe, Theorien, Methoden, Zielsetzungen und Bedingungen. Jede Disziplin beinhaltet systemspezifische Interessen und Codes 43. Systeme verarbeiten nach Luhmann ihre Teilrationalitäten 44 und orientieren sich primär nicht von vornherein an Gemeinwohlinteressen 45. Die Schnittstellenkompetenz versucht durch eine so genannte Intersystem-Kommunikation Austausch und Verständigung zu schaffen. Das erfordert das Verstehen der unterschiedlichen Denk- und Handlungsweisen bezüglich der einzelnen Systeme, einschließlich ihrer Codes. Das beginnt mit dem Respektieren der unterschiedlichen Systeme und der Bereitschaft für ein gegenseitiges Verstehen. Daran schließt sich dann die Bereitschaft zur Entgrenzung an. 46 Die Konsequenz daraus ist die Aneignung der unterschiedlichen Interessen und Codes, also das Sich - Beschäftigen mit den unterschiedlichen Begriffen, Theorien, Methoden und Motiven der einzelnen Disziplinen. Schnittstellenkompetenz lässt sich nicht für alle Zeiten erlernen, sondern erfordert je nach Situation, Teilnehmer und Zielsetzung ein Sich neu - Auseinandersetzen. Eine solche Schnittstellenkompetenz verlangt vor allem auch nach einer Methodenkompetenz und nicht den vergeblichen Versuch, sich das Wissen sämtlicher Teilnehmer anzueignen. 6.5 Durchführung und Steuerung von interdisziplinären Projekten Natürlich besteht ein Unterschied darin, ob man ein gesellschaftliches Problem interdisziplinär bearbeiten möchte oder ob die F&E - Abteilung eines Industrieunternehmens ein neues Produkt entwickelt und dabei die Mitarbeit unterschiedlicher Disziplinen in Anspruch nimmt. Auch die Frage nach den teilnehmenden Disziplinen nimmt Einfluss auf den Ablauf eines interdisziplinären Projekts. Es ist beispielsweise ein Unterschied, ob ein solches Projekt von Sozial- und Geisteswissenschaften oder von den Natur- und Technikwissenschaften bestimmt wird. Dennoch lassen sich folgende grundsätzliche Handlungsempfehlungen für die Durchführung interdisziplinärer Projekte geben: Handlungsfeldzerlegung Aufgrund der unterschiedlichen fachlichen Kompetenzen und der unterschiedlichen zeitlichen Ressourcen und Verfügbarkeiten der einzelnen Teilnehmer bei einem interdisziplinären Projekt und dem zusätzlichen Einfluss der finanziellen Rahmenbedingungen erscheint eine so genannte Handlungsfeldzerlegung für ein Projekt sehr hilfreich. Diese Zerlegung in Handlungsfelder kann in folgender Form stattfinden: Luhmann bezeichnet Codes als Form zur Erzeugung von Differenzen oder Unterscheidungen (vgl. Krause: Luhmann-Lexikon 1999, S Beispiele für Teilrationalitäten (nach Luhmann): Politik (Macht haben/ keine Macht haben), Wirtschaft (Zahlung/Nichtzahlung, Sozialarbeit (Hilfe/Nichthilfe), Recht (Recht/Unrecht).vgl. ebenda. 45 Vgl. MILLER, T.: Brückenbauer im Meer der Systeme. In: Erwachsenenbildung 2/2000, S vgl. ebenda, S vgl. HARTMANN, Y. E. 1998, S. 15

15 Abb. 6: Die Handlungsfeldzerlegung bei interdisziplinären Projekten Eine verrichtungsmäßige Zerlegung tritt beispielsweise auf, wenn die Projektteilnehmer mit unterschiedlichen Methoden und Instrumenten versuchen, jeweils eine Teilaufgabe des Projekts zu lösen. Ist ein komplexer Projektauftrag nur durch mehrere verschiedene Teilprojekte zu lösen, ist eine objektmäßige Zerlegung angezeigt. Eine zeitliche Zerlegung ist beispielsweise gegeben, wenn die Entscheidung, ein Projekt zu vergeben oder anzunehmen, zu Folgeaufträgen oder künftigen Publikationen usw. führen kann. Schließlich kann eine rangmäßige Zerlegung erfolgen, d.h. dass von mehreren möglichen Projekten nur dasjenige realisiert wird, das gemäß sachlich nachvollziehbaren Kriterien übergeordnete Prioritäten besitzt. 48 Aufteilung in Ablaufphasen Eine geeignete Handhabung der Komplexität bei einem interdisziplinären Projekt kann durch eine Strukturierung im Ablauf erreicht werden Abb. 7: Die Ablaufphasen bei einem interdisziplinären Projekt Die Hauptaktivitäten in der Anbahnungsphase liegen in der Kontaktaufnahme, der Kommunikation zwischen möglichen Beteiligten (z.b. Auftraggeber, Forschungsträger, Mitarbeiter), ersten Verhandlungen über mögliche Konditionen, Methodeneinsatz, Vorgehensweise und Zielsetzung. Dabei spielt der Informationsaustausch eine tragende Rolle, da sowohl der Träger/Auftraggeber als auch die in Frage kommenden Mitarbeiter sich in der Regel gegenseitig über Vorhaben, wissenschaftliche Herkunft und Erwartungen informieren müssen. Wie schon angesprochen ist zu erwarten, dass die Vertreter der unterschiedlichen Disziplinen aufgrund ihrer Prägung durch Theorien, Konzepte usw. 48 vgl. ebenda, S

16 teilweise unter gleichen Begriffen Unterschiedliches verstehen. Es ist deshalb wichtig, zu Beginn eines Projekts Begrifflichkeiten klar und sauber zu definieren. 49 Bei der Vorbereitungsphase stehen vor allem eine genaue Zieldefinition, die Regelung organisationaler Rahmenbedingungen, sowie die Erstellung eines Grobkonzepts im Vordergrund. In der Vorbereitungsphase sind intensive Gespräche notwendig, da die Zielfestlegung nicht nur auf das Projektziel ausgerichtet sein darf, sondern auch die Individualzielsetzung der Projektbeteiligten zu berücksichtigen hat. Dies fördert sowohl die Motivation als auch die Koordination und den Einsatz von Kontrollinstrumenten. Je nach Aufbau des Projekts können außerdem Personal- bzw. Mitarbeiterauswahlgespräche notwendig sein und eine Methoden-Schulung der beteiligten Mitarbeiter erfolgen. 50 In der Durchführungsphase wird die disziplinenübergreifende Zusammenarbeit organisiert. Durch den Wissensfortschritt innerhalb der Projektgruppe sind Plananpassungen notwendig, außerdem werden die Teilergebnisse der Projektbeteiligten regelmäßig evaluiert. Für die Planung und Konzeptionierung von Lösungsvorschlägen ist ein hoher Informationsstand notwendig, der auch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien erfordert. 51 Die Abschlussphase ist in aller Regel dadurch gekennzeichnet, dass die Projektergebnisse abschließend evaluiert, dokumentiert, präsentiert und ggf. publiziert werden. 52 Einsatz von Koordinationsinstrumenten Um den dynamischen Prozess eines interdisziplinären Projekts zu steuern, wird der Einsatz von Koordinationsinstrumenten erforderlich: Abb. 8: Die Koordinationsinstrumente bei interdisziplinären Projekten (Quelle: in Abänderung von HARTMANN 1998, S. 24) Das Koordinationsinstrument Organisationssystem beinhaltet die Standardisierung der technischen Werkzeuge und Methoden, die Einrichtung einer Kommunikations- und Vernetzungsstruktur, eine Verteilung der Aufgaben und Kompetenzen und die Benennung der Koordinationsorgane. Beim Informationssystem geht es vor allem um den Einsatz eines Berichtssystems, um jederzeit den aktuellen Stand des Projekts ermitteln zu können. Um ein Projekt durchzuführen, braucht man auch ein abgeschlossenes Planungssystem. Hilfreich dabei sind beispielsweise die sog. Netzplantechnik oder das Balkendiagramm. Das 49 vgl. HARTMANN, Y. E. 1998, S vgl. ebenda, S vgl. ebenda, S vgl. ebenda, S. 28

17 Planungssystem muss während des Projektablaufs ständig auf alle Teile des Projekts abgestimmt werden. Bei Veränderungen (z.b. im zeitlichen Ablauf) muss eine Plananpassung vorgenommen werden. Die Auswahl der geeigneten Projektmitarbeiter stellt eine der wichtigsten Aufgaben des Projektleiters dar. Ist dieser Teil abgeschlossen, muss eine gemeinsame Zielvorgabe für alle Projektmitglieder formuliert und verinnerlicht werden. Dies geht einher mit der Schaffung einer gemeinsamen Erwartungsbildung, unterstützt durch gemeinsame Wertvorstellungen und der Schaffung positiver sozio-emotionaler Beziehungen. Durch den Einsatz von Anreizsystemen kann dies verstärkt werden. Der finanzielle Background ist das Rückgrad und das Lebenselixier eines jeden Projekts. Ablauf und Erfolg hängen maßgeblich von den finanziellen Ressourcen ab. Das finanzielle Engagement kann so einen entscheidenden Einfluss auf die Zielerreichung ausüben und wird damit ebenfalls zu einem Koordinationsinstrument. Beim Kontrollsystem ist der Einsatz von Überwachungsinstrumenten gemeint, beispielsweise durch das Controlling. Auch die Evaluation am Ende eines Projekts fällt darunter und ist von einer nicht zu unterschätzenden Wichtigkeit für zukünftige Projekte Schlussfolgerungen und Ausblick Die wachsende Bedeutung der Wissensarbeit erfordert hauptsächlich zweierlei: Zum einen muss noch mehr als bisher in Wissensarbeit investiert werden, konkret bedeutet das die Forderung nach größeren finanziellen Mitteln für den Bereich Bildung, Forschung und Wissenschaft. Zum anderen müssen die Rahmenbedingengen für eine funktionierende Wissensarbeit geschaffen und ausgebaut werden und zwar in Gesellschaft und Arbeitwelt, bei Wissenschaft und Forschung und in den Bereichen Schule, Hochschule und Weiterbildung. Die Menschen müssen sich zu Wissensarbeitern entwickeln und dafür ausgebildet und trainiert werden. Dies erfordert auch eine Abkehr vom Einzelkämpferdasein in Bildung und Arbeit, da Wissen die erstaunliche Eigenschaft besitzt, dass es sich im Gegensatz zu anderen Ressourcen durch Teilen vermehrt. Das verlangt die Bereitschaft zu Kooperation und Teamarbeit Fähigkeiten, die in unserem Bildungssystem oft wenig gefördert werden. Die Grundlage hierfür muss in der Schule gelegt werden. Fächer dürfen nicht nur isoliert voneinander unterrichtet werden. Vernetztes Denken, fächerübergreifende Projektarbeit im Rahmen eines Teams und ein verantwortungsvoller, selbstständiger Umgang mit Wissen müssen in den Lehrplan mit einfließen. Der Lehrer wird hierbei zum Moderator, der zu selbstgesteuertem und eigenverantwortlichem Umgang mit Wissen anleitet. Auch bei der Hochschulbildung muss mehr Wert auf eine interdisziplinäre Ausbildung gelegt werden, beispielsweise durch die Vernetzung der Naturwissenschaften, mit den Sozial- und Geisteswissenschaften. Jeder Student sollte in der Lage sein, eigenverantwortlich, selbstgesteuert und systematisch aus allen Fachgebieten das Wissen zusammenzutragen, das er für eine bestimmte Problemstellung benötigt. Dieses Denken muss sich auch zu den Wissenschaft- und Forschungseinrichtungen fortpflanzen. Die Welt der Wissenschaften besteht heute aus einem komplizieren Netz von Forschungseinrichtungen, die sich immer mehr ausdifferenzieren. Die dabei entstehenden Abgrenzungen sind jedoch häufig künstlich. Die Entwicklungen in den Bereichen Technik, Arbeitswelt und Gesellschaft passen jedoch nicht in diese künstlich festgelegten Wissenschaftsgrenzen. Fächerübergreifende Kooperationsformen in Forschung und Lehre sollten die Antwort auf diese Entwicklung sein. Besonders wird die Entwicklung hin zur Wissensarbeit auch die Arbeitswelt verändern. Tayloristische Arbeitskonzepte werden immer mehr der Vergangenheit angehören, eine gesicherte und lebenslange Stellung im Hierarchiegefüge einer Arbeitsorganisation wird zur Ausnahme werden. Fließbandarbeit und Einzelarbeit werden von zeitlich befristeter Projektarbeit und Teamarbeit abgelöst. Dies erfordert vielfältige Flexibilität und die ständige Bereitschaft zur Wissensarbeit, was auch die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen und zur 53 ebenda, S. 24

18 Weiterbildung mit einschließt. Dabei muss es für den einzelnen Mitarbeiter möglich werden, Arbeit und Lernen miteinander zu integrieren. 8. Literatur Baguley, Philip: Optimales Projektmanagement. Niederhausen 1999 Bendt, Antje: Wissenstransfer in multinationalen Unternehmen. Wiesbaden 2000 Birker, Klaus: Einführung in die Betriebswirtschaftslehre. Grundbegriffe, Denkweisen, Fachgebiete. Berlin 2000 Birker, Klaus: Führungsstile und Entscheidungsmethoden. Berlin 2000 Birker, Klaus: Projektmanagement. Berlin 2000 Bürgel, Hans Dietmar: Wissensmanagement. Schritte zum intelligenten Unternehmen. Berlin 1999 Büssig, André: Lernen mit neuen Medien in Organisationen. In: Erwachsenenbildung,1/ Jahrgang, S Burmeister, Klaus/Canzler, Wert: Zukunftsgestaltung durch Netzwerke. In: Burmeister, Klaus/ Canzler, Wert/Kreibich, Rolf (Hrsg.): Netzwerke. Vernetzung und Zukunftsgestaltung. Weinheim und Basel 1991 Corsten, Hans/Reiß, Michael (Hrsg.): Betriebswirtschaft. München 1996 Davenport, Thomas H./Prusak, Laurence: Wenn Ihr Unternehmen wüsste, was es alles weiß. Das Praxisbuch zum Wissensmanagement. Landsberg 1998 Felt, Ulrike/Nowotny, Helga/Taschner, Klaus: Wissenschaftsforschung. Eine Einführung. Frankfurt am Main 1995 Gentsch, Peter: Wissen managen mit innovativer Informationstechnologie. Wiesbaden 1999 Gibbons, Martin/Nowotny, Helga: The New Production of Knowledge. London 1994 Goeudevert, Daniel: Der Horizont hat Flügel. Die Zukunft der Bildung. München 2001 Haasis, Hans-Dietrich/Kriwald, Thorsten (Hrsg.): Wissensmanagement in Produktion und Umweltschutz. Berlin 2001 Haun, Matthias: Handbuch Wissensmanagement. Berlin Heidelberg 2002 Hartmann, Yvette E.: Controlling interdisziplinärer Forschungsprojekte. Theoretische Grundlagen und Gestaltungsempfehlungen auf der Basis empirischer Erhebungen. Stuttgart 1998 Herbst, Dieter: Erfolgsfaktor Wissensmanagement. Berlin 2000 Huber Josef: Die Netzwerk-Idee. Rückblick und Ausblicke. In: Burmeister, Klaus/ Canzler, Weert/ Kreibich, Rolf (Hrsg.): Netzwerke. Vernetzung und Zukunftsgestaltung. Weinheim und Basel Issing, Ludwig J./Klimsa, Paul (Hrsg.): Information und Lernen mit Multimedia. Weinheim 1997 Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann. Stuttgart 1999 Laszlo, Ervin: Das dritte Jahrtausend. Zukunftsvisionen. Frankfurt am Main, 1998 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main 1985

19 Maar, Christa/Obrist, Hans-Ulrich/Pöppel, Ernst (Hrsg.): Weltwissen-Wissenswelt. Köln 2000 Mainzer, Klaus (Hrsg.): Natur- und Geisteswissenschaften. Perspektiven und Erfahrungen mit fachübergreifenden Ausbildungsinhalten. Berlin; Heidelberg 1990 Mainzer, Klaus: Computernetze und virtuelle Realität. Leben in der Wissensgesellschaft. Berlin 1999 Mandl, Heinz/Reinmann-Rothmeier, Gabi: Individuelles Wissensmanagement. Bern 2000 Mandl, Heinz/Reinmann-Rothmeier, Gabi (Hrsg.): Wissensmagement. München 2000 Miller, Tilly: Brückenbauer im Meer der Systeme. In: Erwachsenenbildung 2/2000, 46. Jahrgang, S Nonaka, Ikujiro/Takeuchi, Hirotaka: Die Organisation des Wissens. Frankfurt am Main; New York 1997 North, Klaus: Wissensorientierte Unternehmensführung. Wertschöpfung durch Wissen. Wiesbaden 1998 Novotny, Helga: Es ist so. Es könnte aber auch anders sein. Frankfurt am Main 1999 Probst, Gilbert /Raub, Steffen/ Romhardt, Kai: Wissen managen Wie Unternehmen ihre Wertvollste Ressource optimal nutzen. Frankfurt am Main 1997 Radermacher, Franz Josef: Wissen: Information und Kommunikation. In: Breuel, Birgit (Hrsg.): Agenda 21. Frankfurt am Main 1999 Rebel, Karlheinz (Hrsg.): Wissenschaftstransfer in der Weiterbildung. Der Beitrag der Wissenssoziologie. Weinheim und Basel 1989 Reinmann-Rothmeier, Gabi/Mandl, Heinz: Die Entwicklung von Learning Communities im Unternehmensbereich am Beispiel eines Pilotprojekts zum Wissensmanagement. Forschungsbericht Nr München 1999 Rhode, Markus/Rittenbruch, Markus/Wulf, Volker: Auf dem Weg zur virtuellen Organisation. Fallstudien, Problemfelder, Lösungskonzepte. Berlin 2001 Roehl, Heiko: Organisation des Wissens. Anleitung zur Gestaltung. Stuttgart 2002 Rötzer, Florian (Hrsg.): Megamaschine Wissen. Frankfurt am Main 1999 Spinner, Helmut F.: Die Architektur der Informationsgesellschaft. Bodenheim 1998 Stehr, Nico: Wissen und Wirtschaften. Die gesellschaftlichen Grundlagen moderner Ökonomie. Frankfurt am Main 2001 Torn, Ishida (Hrsg.): Community Computing and Support Systems. Social Interaction in Networked Communities. Berlin 1998 Vester, Federic: Leitmotiv vernetztes Denken. Für einen besseren Umgang mit der Welt München, 1992 Wenger, Etienne: Communities of Practice. Learning, Meaning and Identity. Cambridge 1999 Willke, Helmut: Systemtheorie I - III. München Wilson, Edward O.: Die Einheit des Wissens. München 2000 Winkler, Kurt/Reinmann-Rothmeier, Gabi/Mandl, Heinz: Learning Communities und Wissensmanagement. Forschungsbericht Nr München 2000

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