Noch bei Trost? Alternative Gedanken zur Jahreslosung 2016 ICH WILL EUCH TRÖSTEN, WIE EINEN SEINE MUTTER TRÖSTET Jesaja 66, 13

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1 Noch bei Trost? Seite 1 Noch bei Trost? Alternative Gedanken zur Jahreslosung 2016 ICH WILL EUCH TRÖSTEN, WIE EINEN SEINE MUTTER TRÖSTET Jesaja 66, 13 Ein fünfzigjähriger Mann in beruflich verantwortlicher Position berichtet in einem persönlichen Gespräch: Mir geht es furchtbar schlecht seit ich diese Andacht zur neuen Jahreslosung gehört habe. Dabei war sie gar nicht für mich bestimmt. Die Schulleiterin hatte sie in der ersten Schulwoche für die Kinder vorbereitet. Und ich war irgendwie dabei und hörte das mit. Sie schilderte in Beispielen und Details aus ihrer eigenen Kindheit, wie Mütter ihre Kinder trösten. Anfangs hörte ich verwundert zu. Dann merkte ich wie Unverständnis in mir aufstieg. Schließlich kippten meine Gefühle in Trauer und Wut gegen meine eigene Mutter. So eine liebevolle, tröstende Mutter hatte ich nie erlebt. Ich hatte meine Mutter unbarmherzig, egoistisch, lieblos, ja hart strafend erlebt. Sie hat mich permanent bloßgestellt und gedemütigt. Entmutigende Betitelungen hatte ich von ihr gehört wie Linksdetsche dummer August oder Tapps. Schließlich übertrug die Lehrerin während ihrer Andacht das Verhalten der tröstenden Mütter auf Gott. Damit kam ich gleich gar nicht zurecht. Ich hatte Gott erst als Erwachsener kennen gelernt und mich ihm anvertraut. Nach anfänglichen Identifikationsproblemen war er für mich endlich zum liebenden Vater geworden. Ein Vater, der mich versteht, der sich um mich kümmert und der meinen Liebestank füllen konnte. Durch den Vergleich mit der Mutter aber wurde Gott nun zu jemandem, der fähig ist, mich bloß zu stellen und zu demütigen!? Ich war überrascht und verunsichert zugleich. Gott ein mütterlicher Tröster? Gegenüber meiner Mutter kenne ich nur Gefühle von Wut und Abneigung. In manchen Situationen sogar Hass. Welche Erfahrungen haben sie mit ihrer Mutter gemacht? Ist dieser Mann ein Einzelfall? In einem folgenden ISB-Seminar machte ich eine Umfrage. Wer kann sich gut daran erinnern, von seiner

2 Noch bei Trost? Seite 2 Mutter getröstet worden zu sein? Von 13 Teilnehmern bejahten das lediglich drei. Lediglich 23 % (!) der Seminarteilnehmer konnten sich spontan an eine tröstende Mutter erinnern. Der Vergleich, Gott sei wie eine tröstende Mutter, beinhaltet offenbar für viele Menschen eine große Irritation. Wer seine Mutter nicht verständnisvoll, liebevoll, erbarmend oder tröstend erlebt hat, bekommt mit diesem Bibelwort möglicherweise große seelische Nöte wie der Mann zu Beginn. Ich kann ihn gut verstehen. Damit bekam die Jahreslosung 2016 für mich einen neuen Fokus. Vielleicht muss es für Menschen wie meinen Gesprächspartner noch einen anderen Zugang zu diesem Bibelwort geben?! Vielleicht will uns Gott trösten anstatt (!) unserer Mutter, die das nicht vermochte. Vielleicht will Gott selbst die überforderte Mutter ersetzen und an ihrer statt trösten. Das kann für Menschen, die ihre eigene Mutter nicht schützend und tröstend erlebt haben, wahren Trost bedeuten. Gott selbst will uns trösten und er kann das auch. Gott selbst will trösten, wo die Mutter nicht trösten konnte. Er will verstehen, weil sie nicht verständnisvoll war. Vielleicht fragen sie sich, wie das gehen kann. Wie können wir von Gott getröstet werden? Wie können wir uns bei ihm Trost holen? Ein paar Erfahrungen habe ich selbst machen können. Wir können... - In seine Nähe kommen und ihm unsere Bedürftigkeit hinhalten. - Lieder hören oder (noch besser) selbst singen, in denen Gottes Trost zum Ausdruck kommt. - Ihn bitten, nicht nur unser gütiger Vater zu sein, sondern auch unsere tröstende Mutter. - Suchen sie sich Menschen, mit denen sie offen über ihre Trostlosigkeit sprechen können Menschen, von denen sie möglicherweise getröstet werden. - In Rembrandts Gemälde von der

3 Noch bei Trost? Seite 3 Heimkehr des verlorenen Sohnes, ist die rechte Hand (!) des Vaters eine weibliche Hand. Stellen sie sich Gottes mütterliche Hand auf ihrer Schulter vor! - Legen sie, ebenso wie in diesem Gemälde, ihre Stirn an die Brust des Vaters und hören sie darauf, was der Vater ihnen Tröstendes zuspricht. Schreiben sie das Gehörte unbedingt auf und halten es fest! - Oder welche eigenen Erfahrungen haben sie bereits selbst mit dem Trost Gottes gemacht? Nutzen sie diese Möglichkeiten erneut! Wenn uns jemand im Straßenverkehr riskant überholt oder sich unverantwortlich und risikoreich benimmt, dann sagen wir manchmal: Der ist doch nicht bei Trost! Wir drücken damit eine interessante Wahrheit aus. Nicht bei Trost zu sein, macht aggressiv. Das erlebte auch der Mann vom Anfang. Er wurde von seiner Mutter nie getröstet. Im Gegenteil, er wurde gedemütigt und bloß gestellt. Er war nicht bei Trost. Darum spürte er diese innere Aggression gegen seine Mutter. Hass ist ein Gefühl der totalen Ablehnung, unfähig zu differenzieren. Darum wird Hass vorwiegend negativ bewertet. Im Laufe unseres Gespräches aber konnte mein Gesprächspartner erkennen, dass Hass eine Schutzreaktion der Seele darstellt. Mit Hass schützt sich die bereits verletze Seele gegen Gefühle, die weitaus schlimmer sind. Der Hass, den die Seele aus Angst hervorbringt, schützt z. B. gegen das ohnmächtige Gefühl, von der Mutter verlassen worden zu sein. Von der Mutter gedemütigt oder bloßgestellt worden zu sein. Somit war der Hass gegen die eigene Mutter für meinen Gesprächspartner plötzlich kein unmoralisches Verhalten mehr, sondern eine nachvollziehbare Schutzreaktion seiner Seele. Dem unfreiwilligen Zuhörer der Andacht war diese Erkenntnis eine große Hilfe. Er konnte seinen Hass gegen die eigene Mutter neu einordnen und verstehen. Das hat ihn entlastet.

4 Noch bei Trost? Seite 4 Doch wie geht es Ihnen möglicherweise, wenn sie diese Zeilen lesen und selbst Mutter sind? Eine sensible Mutter fragt sich an dieser Stelle vielleicht: Wie muss ich denn sein, wenn ich meinen Kindern auf ihrem Lebensweg etwas Gutes mitgeben will? Wenn ich will, dass meine Kinder mein Trösten verinnerlichen? Es mag sein, dass manch Leser die folgende Antwort zu einfach findet: Eine Mutter, die ihren Kindern ihren Trost mitgeben will, sollte warmherzig sein! Wenn sie ihren Kindern im Herzen bleiben will, sollte sie ihnen ihr warmes Herz mitgeben. Warmherzigkeit ist eine Eigenschaft, die über ihren Tod hinaus geschätzt wird. Eine fünfzigjährige Frau hat im Januar dieses Jahres ihre Mutter mit 85 Jahren verloren. Sie erzählt: Es geht mir gut, auch wenn ich traurig bin bei dem Gedanken, dass ich meine Mutter nun nie mehr besuchen werde. Gleichzeitig bin ich aber auch von großer Dankbarkeit erfüllt, dass ich sie so lange hatte und dass ich von ihr so viel Liebe und Gutes erhalten habe. Wir Geschwister waren uns am Beerdigungstag einig, dass wir wirklich großes Glück hatten mit unseren Eltern, besonders auch mit einer solch warmherzigen und frommen Mutter. Täglich fällt mir etwas ein, sehe ich Bilder vor mir. Wenn wir krank waren, hat sie uns umsorgt. Hat Eierflockensuppe ans Bett gebracht, hat Äpfel geraspelt oder vorgelesen. Und wie nebenbei der Haushalt, die Türklingel, die anderen Geschwister... Ich erinnere mich, dass wir sie oft ans Bett gerufen haben, auch in der Nacht. Und sie ist immer gekommen. Wenn wir hingefallen sind und das Knie blutete, gab es ein Pflaster und ein Trösterle. (Das hab ich bei unseren Jungs später beibehalten.) Man bekam was Süßes in den Mund geschoben und sofort wurde es besser. Obwohl sie schon jahrelang nur noch für uns alle beten konnte, habe ich mich dadurch von ihr beschützt gefühlt. Konnte immer noch ihr Kind sein. Dass das jetzt wegfällt, hat mich am meisten getroffen. Es ist so ein Gefühl von verwaist zu sein. Und mir fehlt ihre Stimme, ihre Freude am Telefon. Wie sehr die abendlichen Telefonate über Jahre hinweg unsere Beziehung und meinen Alltag geprägt haben, merke ich nun sehr deutlich. Dass ich und all meine Geschwister zuvor noch Abschied nehmen konnten, ist ein großes Geschenk. Darüber bin ich froh. Diese drei Tage im Januar sind mir sehr kostbar...

5 Noch bei Trost? Seite 5 Die Warmherzigkeit ihrer Mutter macht diese erwachsene Frau im Nachhinein so dankbar. Die Warmherzigkeit der Mutter vermittelte das Gefühl, auch als Erwachsene noch ihr beschütztes Kind zu sein. Wenn sie als Mutter ihrem Kind etwas Bleibendes mit auf den Lebensweg geben möchten, seien sie warmherzig. Ihr warmes Herz wird in ihrem Kind nie erkalten. Es wird warm bleiben, selbst wenn ihrem Kind der eisige Wind des Lebens um die Nase bläst. Es wird besonderen Trost spenden, wenn ihr Kind mit kaltherzigen Menschen konfrontiert werden wird. Es wird über den Tod hinaus warm bleiben. Selbst in der kalten Erde des Friedhofs wird ihr warmes Herz ihrem Kind in Erinnerung bleiben. Wie gut, dass der unfreiwillige Hörer der Schulandacht vom Anfang die Warmherzigkeit Gottes des Vaters bereits erlebt hatte. So konnte er mit einiger Mühe die Kaltherzigkeit seiner Mutter beiseite stellen, seinen Hass an Gott abgeben und an Gottes Warmherzigkeit festhalten. An Gottes Warmherzigkeit festzuhalten, an seine Warmherzigkeit zu glauben... Das wünsche ich gerade jenen, die keine guten Erfahrungen mit ihrer eigenen Mutter machen konnten. Bleiben sie mit Gottes Hilfe bei Trost! Matthias Unger

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