Analyse und Handlungsempfehlungen anhand der tourismusintensiven Region Tirol

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1 EXECUTIVE SUMMARY Vernetzungspotenzial Tourismus: Wie können sich die Branchen erfolgreich untereinander vernetzen und eine Symbiose schaffen? Analyse und Handlungsempfehlungen anhand der tourismusintensiven Region Tirol Ass.-Univ.Prof. Dr. Birgit Pikkemaat

2 INHALTE 1.0 Relevanz und Ziel Vorgehensweise Ergebnisse Implikationen Fazit 25

3 1.0 RELEVANZ UND ZIEL Der hohe globale Wettbewerbsdruck, die Entwicklung neuer Technologien, veränderte Nachfragestrukturen und die Schnelllebigkeit betreffen alle Branchen. Eine isolierte Standortbetrachtung einzelner Branchen erscheint daher wenig zielführend. Es gilt die unterschiedlichen Branchen in den Regionen zu vernetzten und diagonale Kooperationen zu bilden um branchenübergreifend und langfristig erfolgreich die Wertschöpfung in einer Region zu erhöhen. Das quantitative Wachstum ist in vielen Branchen bei gesättigten Märkten schwierig, qualitatives Wachstum ist zu favorisieren. Heute zeichnen sich erfolgreiche Wirtschaftsregionen oft durch die Häufung vernetzter Unternehmen aus, wobei diese nicht notwendigerweise einer Branche angehören. Branchenübergreifendes Denken und Handeln wird als wichtiger Baustein der Wettbewerbsfähigkeit von Standorten, Regionen und Destinationen gesehen. 1 Aufgrund der unterschiedlichen Kompetenzen und Branchenerfahrungen entsteht durch Vernetzung und Kooperation eine klassische win- win Situation für alle Beteiligten. Eindeutig definiertes Ziel der Studie ist es, im Sinne der Institutionenökonomie empirisch zu erforschen, ob ein vernetztes Agieren zwischen den Wirtschaftsbranchen und Industrien eine höhere Wertschöpfung bedingt und Symbiosen zum Vorteil aller 1 Vgl. Bieger, T./Derungs, C./Riklin, T./ Widmann, F. (2006). Das Konzept des integrierten Standortmanagements Eine Einführung. In: Pechlaner, H./Fischer, E./Hammann, E. (Hrsg.): Standortwettbewerb und Tourismus Regionale Erfolgsstrategien (S ). Berlin: ESV. Pechlaner, H./Raich, F./Fischer, E. (2008). Management von Schnittstellen zu anderen Branchen als Basis eines integrierten Standortmanagements Das Beispiel Tourismus und Bierwirtschaft in Bayern. In: Freyer, W./ Naumann, M./Schuler, A. (Hrsg.): Standortfaktor Tourismus und Wissenschaft (S ). Berlin: ESV. 2

4 Branchen schafft. Branchenübergreifendes Denken und Handeln gilt heute als sine qua non der Wettbewerbsfähigkeit von Standorten, Destinationen und Regionen. 2 Auch im Bericht des Expertenbeirats Tourismus des bmwfj von 2012 wird dies explizit erwähnt:... zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit statt branchen- und sektorspezifischer Sichtweisen verstärkt prozess- und kundenorientierte Sichtweisen in den Vordergrund gestellt werden sollten. Dies erfordert eine entsprechende Förderung horizontaler, vertikaler und diagonaler Vernetzungen von Produkten, Dienstleistungen und Angeboten Vgl. Pechlaner, H./Raich, F./Fischer, E. (2008). Management von Schnittstellen zu anderen Branchen als Basis eines integrierten Standortmanagements Das Beispiel Tourismus und Bierwirtschaft in Bayern. In: Freyer, W./ Naumann, M./Schuler, A. (Hrsg.): Standortfaktor Tourismus und Wissenschaft (S ). Berlin: ESV. 3 Vgl. Lohmann, M., Müller, H., Pechlaner, H. Smeral, E. Wöber, K. (2012). Österreich Tourismus: Überwindung der Stagnation Chancen und Wege, Kurzfassung des Bericht des Expertenbeirats Tourismusstrategie des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend. Wien, S. 6. 3

5 2.0 VORGEHENSWEISE Diese Pilotstudie analysiert das Vernetzungs- und Symbiosepotenzial der Branchen aus Sicht der Unternehmer. Die unternehmerische Meinung wird explizit dargestellt und es wird geprüft, ob Vorteile im Sinne einer höheren Wertschöpfung und wirtschaftspolitische Strategien zur Stimulierung des Vernetzungspotenzials abgeleitet werden können. Als Fallbeispiel dient der Standort Tirol, da Tirol das tourismusstärkste Bundesland Österreichs ist. Als geeignete Methode wurde ein Leitfadeninterview gewählt. Das Leitfadeninterview entspricht einer Mischung aus strukturierter und unstrukturierter Befragung. Vorteile des Leitfadeninterviews im Vergleich zu offenen Interviews ist u.a. die erhöhte Vergleichbarkeit der Daten. 4 Da Key Player unterschiedlichster Branchen befragt wurden, mussten die Schwerpunkte im persönlichen Interview unterschiedlich gesetzt werden je nach Branche und Tätigkeit des Unternehmens. Die ausgewählten Wirtschaftsvertreter wurden im Mai 2013 per mail über die Studie informiert und in einem zweiten Schritt persönlich kontaktiert und um Terminvorschläge gebeten. In der Zeit zwischen 5. Juni und 3. Juli 2013 wurden 25 persönliche Interviews mit Vertretern der Tiroler Wirtschaft durchgeführt. 4 Vgl. Mayer, H. O. (2013). Interview und schriftliche Befragung. Grundlagen und Methoden empirischer Sozialforschung. München: Oldenbourg, S. 37f. 4

6 Nr. Interview mit... Branche(n) Datum Dauer T I H/DL S 1. Johann Obermoser, Obermoser X :33 Architekten, Innsbruck 2. Jürgen Bodenseer, Alois Wild Gmbh, Textil X :43 Groß- und Einzelhandel, Neu Rum, Präsident der Wirtschaftskammer Tirol 3. Clemens Schirmer, Arge Baustahl, Eisen X :58 Blasy Neptun, Innsbruck 4. Harald Gohm, Standortagentur Tirol, X :23 Innsbruck 5. Michaela Thaler, best wellness Hotels X :22 Austria, Innsbruck 6. Roman Burgstaller, Österreichische X :15 Bundesforste, Forstwirtschaft, Hall i.t. 7. Oliver Schwarz, Ötztal Tourismus, Sölden X :03:05 8. Klaus Mark, MK illumination, Innsbruck X :34 9. Josef Gunsch, Physiotherm, Wärmekabinen, X :16 Thaur 10. Christian Bartenbach, Lichtplanung und X :08 labor Bartenbach, Aldrans 11. Reinhard Falch/Patrick Dierich, Tiroler X :48 Flughafen Betriebs Gmbh, Innsbruck 12. Sebastian Schneemann, Center Manager, kh X :50 Tyrol, Innsbruck 13. Matthias Schipflinger, Prokurist, X :18 Olympiaworld, Innsbruck 14. Wolfgang Schobersberger, Umit, Hall i. T. X :45 und Institut für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus, TILAK, Innsbruck 15. Hans Mauracher, Ayuveda Resort Sonnhof, X :01:15 Hinterthiersee 16. Markus Schröcksnadel, feratel media X :53 technologies, Telekommunikation und Reservierungssysteme, Innsbruck 17. Alexander Ploner, inn, Ingenieurbüro für X :53 Naturraum- Management, Innsbruck 18. Marcus Mühlberger, Signa Holding, Immobilien, Innsbruck X :38 5

7 19. Brunni Fröschl, Fröschl AG und Co KG, X :27 Hochbau, Hall i.t. 20. Hans Unterdorfer, Tiroler Sparkasse, X :24 Innsbruck 21. Hannes Erler, Vice President Idea and X :22 Innovation Management, Swarovski, Wattens 22. Dieter Toth, Eurotours Reiseveranstalter, X :01:11 Kitzbühel 23. Wendelin Juen, Agrarmarketing Tirol, X :22 Innsbruck 24. Herbert Empl, Fahrzeugbau, Kaltenbach X : Reinhard Schretter, Zementherstellung, Vils, Präsident der Industriellenvereinigung Tirol X :15 Tabelle 1: Zusammensetzung der Stichprobe/Liste der interviewten Personen Das kürzeste Interview dauerte knapp 18 Minuten und das längste Gespräch über eine Stunde und drei Minuten. Im Durchschnitt dauerte ein Interview ca. 37 Minuten. Die gesamte Interviewzeit lag bei 15 Stunden und 41 Minuten.Alle Interviews wurden persönlich durchgeführt, meist im Unternehmen der Interviewten. Von den ausgewählten 25 Unternehmen agieren sechs im Tourismus, sechs in der Industrie, vier im Handel- bzw. Dienstleistungssektor und neun in sonstigen Wirtschaftsbereichen (Architektur, Standortvermarktung, Forstwirtschaft, Lichtplanung und forschung, öffentlicher Veranstaltungsbereich, Gesundheitsmedizin, Naturraummanagement, Immobilien, Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte). Einige Unternehmen agieren in mehreren Branchen. Sie wurden nach Unternehmensschwerpunkten zugeordnet. Zusätzlich wurden die Präsidenten der Wirtschaftskammer bzw. der Industriellenvereinung Tirol miteinbezogen. 6

8 Um die Validität der Ergebnisse zu gewährleisten wurden die Interviews von 2. Juli bis 19. August transkripiert und anschließend mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet 5. 5 Vgl. Mayring, P. (2008). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim, Basel: Beltz. 7

9 3.0 ERGEBNISSE Nachfolgend werden die wichtigsten Ergebnisse präsentiert. Vorab ist festzustellen, dass das Thema bei der überwiegenden Mehrheit der Befragten sehr positiv aufgenommen wurde und ein hohes Interesse für das Thema vorhanden ist. Außer zwei befragten Personen waren sich alle einig, dass in der Vernetzung der Branchen noch Wertschöpfungspotenzial liegt. Nachfolgende einige Statements: Vernetzung der Branchen ist ganz wichtig und gehört mit allen Mitteln forciert. Es braucht aber wen, der sich darum kümmert. Zusammenarbeit in der Vermarktung halte ich für wichtig. Dort kann man sicher viele Synergien herausholen. Wir haben ein Vernetzungsteam und haben für dieses Thema Leute gesucht und plötzlich sind super Sachen entstanden. ZUKÜNFTIGE BRANCHENEINSCHÄTZUNG Der Tourismus wird von der Mehrheit als die Branche mit dem höchsten Wachstumspotenzial gesehen. Insgesamt erwähnen 21 der 25 Befragten explizit das Wort Tourismus bei dieser Frage. Die Befragten sind sich auch einig, dass das Wachstum qualitativ sein wird. Anderen Branchen, wie Architektur, Gesundheit, Immobilien, Handwerk, Land- und Forstwirtschaft wird in Verbindung mit dem Tourismus ein hohes Entwicklungspotenzial zugesprochen. Betriebe mit 8

10 Innovationspotenzial oder in Nischen (6N) 6, der qualitativ hochwertige Dienstleistungssektor (5N), das Handwerk (5N), KMUs als Zulieferer und Familienbetriebe (3N) und das Gesundheitsthema (3N) werden auch mehrfach genannt. Besonders schwierig wird die Situation im Handel eingeschätzt (8N). Als Gründe werden die Dominanz der großen Konzerne, der steigende Onlineverkauf, fehlende Positionierungen und das Wegbrechen der Mitte genannt. Chancen werden dem Handel im Luxussegment in den großen Städten eingeräumt (bspw. in Wien in sehr guten Lagen). Auch der Industrie wird wenig Wachstumspotenzial bescheinigt (6N) aufgrund der hohen Lohnsituation in Europa bzw. dem Druck aus Fernost. Große Chancen werden jenen zugeschrieben, die Nischen am Weltmarkt bedienen und auf Hidden Champions wird von zwei Personen explizit hingewiesen. Die Baubranche befindet sich laut eigener Aussage (2N) seit Jahren im Verdrängungswettbewerb und arbeitet mit geringen Margen: Betriebe, die jetzt viel Fremdkapital brauchen, bekommen Schwierigkeiten. Nicht wachsen, sondern durchhalten ist angesagt, es wird schon wieder irgendwann. Allgemein werden jenen Probleme zugeschrieben, die sich in der Mitte befinden bzw. sich nicht positioniert haben (2N), die Preisführerschaft anstreben und keine Nische finden (2N). 6 Die Zahl in der Klammer bezieht sich auf die Anzahl der Nennungen, in diesem Fall sechs Nennungen. 9

11 ZUKÜNFTIGE HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE UNTERNEHMEN Aus Sicht der Tourismusbranche liegen die größten Herausforderungen für die Betriebe im Personal- und Mitarbeitermanagement (4N). Fehlende Qualifizierungen, Urbanisierungstendenzen, die demografische Entwicklung und Burn Out Krankheiten verschärfen die Situation am Arbeitsmarkt. Schwachstellen werden auch in fehlenden Positionierungen von Betrieben und Destinationen (2N), Qualitätsdefiziten (2N) und Vertriebsschwierigkeiten (2N) gesehen. Die Industrie sieht Ihre Herausforderungen weniger in der Kostenführerschaft als in der Spezialitätenführerschaft und der Technologieführerschaft (3N). Energiekosten werden eine entscheidende Rolle spielen (2N) und internationale Märkte (2N). Die Entwicklung neuer Geschäftsfelder und Märkte, das Halten der Marktführerschaft, eine solide Eigenkapitalbasis um bei Rückgängen durchzuhalten, female power und eine Intensivierung des Kundenkontakts sind weitere Einzelnennungen. Der Handel sieht die Herausforderung darin den richtigen Mix zwischen stationärem und Online Handel unter Einsatz von Smartphones und Tablets zu finden (2N). Auch muss dem Kunden heute mehr Erlebnis, mehr Experience, mehr Rahmenprogramm im Handel geboten werden und in Einkaufszentren ist der Branchenmix entscheidend. Qualifizierte Mitarbeiter fehlen auch im Handel. Aus der Dienstleistungsbranche wird auf die Mobilität verwiesen (2N): einmal in Verbindung mit der hohen Wichtigkeit eines Regionalflughafens und einmal in Verbindung mit den Transferstrukturen für die Gäste. 10

12 Auch die sonstigen Branchen bemängeln in erster Linie das Fehlen qualifizierten Personals (4N). Quer durch alle Fragen und Interviews werden auffallend oft als Chancen und Zukunftshemen genannt: Regionalität (10N), Entschleunigung (8N), Convenience für den Kunden (6N), Echtheit/Authentizität (4N) und Mobilität (4N). Zwei Befragte betonen zudem, dass die Zukunft oft in der Vergangenheit liegt: im kulturellen Erbe und Traditionen. ZUKÜNFTIGE CHANCEN FÜR DIE UNTERNEHMEN Als Wachstumspotenziale bzw. Chancen für das eigene Unternehmen wurden die nachfolgenden Bereiche mehrfach genannt. Chancen für das eigene Unternehmen Innovationen Tourismus Qualität und Regionalität Entschleunigung und Gesundheit Nischen besetzen Qualität durch professionelles Personal sichern Mobilitätslösungen Kosten- und Energieeinsparungen Individuelle Kundenlösungen Internetshopping Immobilienverwertung und Projektentwicklungen N Tabelle 2: Zukünftige Chancen für Unternehmen Viele Befragte sehen Wachstumspotenziale durch Innovationen, wobei es immer schwieriger wird Wettbewerbsvorteile zu erhalten, da die Produktlebenszyklen immer schneller werden auch aufgrund der Technologisierung und Globalisierung. 11

13 Wir setzen hier in Tirol voll auf die Innovationskraft und bekennen uns auch zu diesem Standort. Die Kombination mit der verlängerten Werkbank in der Welt ist die Globalisierungsherausforderung. (Industrie) Wir möchten ein Feinkostladen sein. Unsere Richtung geht in hochqualitative und innovative Entwicklungen mit gutem Preis. (sonstige Branche) Neben Innovationen wird vor allem der Tourismus als die Branche mit Wachstumspotenzial für das eigene Unternehmen gesehen, meist in Verbindung mit Regionalität, Entschleunigung, Gesundheit, Convenience und Qualität. Die Entwicklung des eigenen Unternehmens wird größtenteils positiv gesehen. Nur in der Baubranche und den davon direkt mitbetroffenen Branchen ist eine gewisse Skepsis derzeit erkennbar (2N). Die meisten Unternehmen entwickeln sich über dem Branchendurchschnitt. ARBEITSMARKT Bei der Qualifizierung und Quantifizierung der Mitarbeiter ergibt sich folgender Eindruck. Über alle Branchen hinweg fehlen qualifizierte Mitarbeiter (16N). Entscheidend ist die Reputation des Unternehmens (8N). Wir sind alteingesessen und bekommen derzeit genügend qualifizierte Mitarbeiter, aber bei uns arbeiten oft auch Generationen von Familien. In der Industrie spielt die Lehrlingsausbildung eine größere Rolle als in den anderen Branchen. 12

14 Die Urbanisierung betrifft alle Branchen (5N). Je weiter man ins Tal kommt desto schwieriger wird s. Unser Problem sind die Distanzen. Die in Frage kommenden Mitarbeiter haben zwar zum Teil die Ausbildung, gehen dann aber lieber nach Wien oder München. Eigene Ausbildungsprogramme und eine aktive Vernetzung mit den Lehranstalten werden als Strategien zur Mitarbeitergewinnung genannt (5N). Wir machen Vorträge und Schulungen auf der Villa Blanka und in der Tourismusfachschule St. Johann. Das ist zwar eine Belastung für uns, aber es ist wichtig. Wie sollen wir sonst Nachwuchs bekommen? Außerdem machen wir alle 14 Tage Betriebsbesichtigungen, wo sich Schulabgänger und Interessenten ein Bild über uns machen können. In allen Branchen wird betont, dass eine hohe Qualität nur mit qualifiziertem Personal zu erreichen ist. Quereinsteiger werden in den meisten Betrieben gerne eingestellt, nur in wenigen nicht: drei Betriebe setzen Studien voraus und zwei zu hohes Branchenwissen. Die positiven Eindrücke überwiegen aber bei weitem. Bei uns ist alles vertreten: von den Technikern bis zu den Naturwissenschaftlern bis hin zu den Juristen und Psychologen. Eine große Herausforderung ist die Schwierigkeit mit den verschiedenen Sprachregelungen, weil ein Techniker eine andere Sprache verwendet als ein Jurist. Es sollte aber jeder alle anderen verstehen. (sonstige Branche) Wir haben keine Scheu vor Quereinsteigern. Wenn man fleißig und mit Herz und Hirn bei der Sache ist, dann ist es ganz egal, aus welcher Ecke man kommt. (Industrie) Man muss endlich diesen Tunnelblick ablegen, der ist schlimm. Ich versuche Menschen anzustellen, die mit Tourismus überhaupt nichts zu tun gehabt haben. Aus dem einzigen Grund, weil diese einen anderen Blick auf die Dinge haben. Für mich braucht jemand nur ein Gehirn im Kopf und ein Bauchgefühl und alles andere richte ich mir schon. (Tourismus) 13

15 KOOPERATIONEN Allgemein werden Kooperationen als nützlich und zielführend für alle Unternehmen angesehen. Bei den KMUs (vor allem im Tourismus) wird ein erhöhter Kooperationsbedarf gesehen. Es wird angemerkt, dass die großen Betriebe Kooperationen gegenüber offener sind. Insbesondere kleine Tourismusbetriebe wollen oder können oft nicht kooperieren. Es wird zwar ein Bedarf geortet aber auch Bedenken, dass Kooperationen oft schwierig zu realisieren sind auf touristischer KMU Ebene, da der Konkurrenzkampf und Neidfaktor in vielen Fällen immer noch überwiegt. Viele betonen, dass Ziele und Strategien wichtig sind, damit Kooperationspartner Vorteile sehen. Kooperation um der Kooperation willen ist Zeitverschwendung. Es wird zwar auch eine gezielte Stimulierung angesprochen aber auch, dass man keinen, der nicht will von der Ofenbank hervorholen kann. Kategorie Erhöhter Bedarf bei KMUs im Tourismus Stichworte Wäre gerade bei Entwicklung, Mitarbeiter und Schulungen wichtig, dass stärker branchenübergreifend zusammengearbeitet wird; insbesondere Mikrobetriebe vernetzten sich wenig; je größer je offener; KMUs müssen sich horizontal und vertikal zusammentun, passt alles: Lebensmittel, Textildruck, Landwirtschaft; Miteinander macht stark; Große vernetzten sich eher als Kleine, obwohl Bedarf da ist; Bedarf da, aber es geschieht nichts; branchenfremde Vernetzung leichter als brancheninterne; Kleinen muss geholfen werden; Standards vorgeben; Mit Branchenfremden, nicht Tourismus mit Tourismus; mit Soziologen und Zukunftsforschern; vernetzte Wertschöpfungskette im Tourismus; im Ort kleine Hotels vernetzen; KMUs müssen sich auf gemeinsame Entwicklung verständigen: auf Zielgruppe oder Standard; Vernetzungspotenzial muss in Destinationen vorhanden sein und einer muss Verantwortung tragen und Geld haben; eine gute Idee, aber fehlt Kompetenz bei Industriepartnern (Sport) Tabelle 3: Kooperationsbedarf bei KMUs 14

16 Fünf befragte Unternehmer, drei aus der Industrie, einer aus dem Handel und einer aus dem Tourismus fehlen die richtigen Kooperationspartner bzw. teilweise auch die Möglichkeiten in ihrer spezifischen Branche (Bau). Wie nachfolgende Stichwörter aus der Tourismusbranche und der Industrie zeigen, wird der Kooperation mit Branchenfremden viel Potenzial zugeschrieben. Branche Tourismus Industrie und Produktion Stichworte zu Kooperation mit Branchenfremden In anderen Branchen kann man sich viel Wissen abholen, die Hotellerie zum Beispiel im Bereich Personalmanagement; wir suchen laufend Kooperationen mit der Industrie: adidas, Barilla, BMW, Salomon, Red Bull (leider wenig passende österreichische Firmen); Offenes Unternehmen: Kooperationen mit Sport und Industrie; Kooperation mit Industrie viel Potenzial, arbeiten viel zusammen; groß geworden durch Kooperationen mit Branchenfremden, Beirat mit Branchenfremden, Blick von außen wichtig; Schwierig, aber Kooperationen mit guter Industrie (Riedel, Swarovski) wären interessant; Kooperation Tourismus mit DL, Handwerk und Landwirtschaft muss landesübergreifend initiiert werden; viel Potenzial, aber fehlen mir Ideen; Branchenfremde liefern Mehrwert; Branchenfremde bringen neue Ideen und Sichtweisen, workshops mit anderen Unternehmen: cross innovation; Kooperationen mit Hotellerie und Gastronomie, machen bis Nächtigungen im Jahr; Brauchen Branchenwissen; Keine Kooperationen mit Branchenfremden; Tabelle 4: Kooperationen mit Branchenfremden in Stichworten Tourismus und Industrie 15

17 STÄRKEN UND SCHWÄCHEN DER BRANCHEN UND LERNFELDER Neben einer schönen Landschaft und Natur als wichtigste natürliche Ressourcen, deren nachhaltige Nutzung vor allem in Kombination mit dem Trend zur Entschleunigung und Regionalität als sehr hoch eingeschätzt wird, werden dem Tourismus die folgenden Stärken zugeschrieben. Tourismus Stärken Natur und Landschaft Geographische Lage Familiengeführte Betriebe und gewachsene Strukturen Krisenresistentes Produkt Vielfalt an Positionierungsmöglichkeiten und Angeboten Entschleunigung und Gesundheitstourismus Qualitätstourismus Emotionales Produkt Traditionen und Regionalität Individualisierung Schwächen Mitarbeiter und Personalmanagement Hardwaredominanz Unprofessionelle Unternehmer Fehlender Kooperationswille Fehlende Tourismusgesinnung für indirekte Wertschöpfung Fehlende Qualitätsstandards Investitionsintensives Geschäft Fehlende Positionierungen Fehlende Kundenorientierung Fehlende Strategien auf Betriebs- und Destinationsebene Größenwachstum statt qualitatives Wachstum Fehlende Internationalisierung und globales Denken Vertriebsschwächen Tabelle 5: Stärken und Schwächen des Tourismus 16

18 Nachfolgende Tabelle fasst die Stärken und Schwächen der Industrie zusammen. Industrie Stärken Globales strategisches Management und Denken Produktentwicklung Innovation Forschung Personalentwicklung und - management Ganzjahresarbeitsplätze Internationale Märkte Nischenstrategien und hidden champions Leitbetriebe Schwächen Hohe Lohnkosten Druck aus Fernost und Preiskampf Hohes Investitionsvolumen Krisenanfälligkeit Energiekosten Transport Tabelle 6: Stärken und Schwächen der Industrie In der Industrie wird vor allem eine globalere, internationalere und strategischere Ausrichtung als Vorteil gesehen. Schwächen stellen vor allem die hohen Lohnkosten und in Zukunft auch die Energiekosten dar. Die Energiekosten werden verstärkt zu einem entscheidenden Standortfaktor. Die großen Herausforderungen der Industrie liegen in Tirol aber weniger in der Kostenführerschaft als in der Technologie- und Spezialitätenführerschaft. Nischen müssen gesucht und besetzt werden. Aus den Stärken und Schwächen der Branchen ergeben sich die folgenden Lernfelder für den Tourismus bzw. Bereiche, in denen von der Industrie gelernt werden könnte: Produktentwicklung ( hat die Industrie Vorteile ), Strukturen und Management ( abschauen wie man plant und zusammenhängend in Strukturen denkt ), Finanzcontrolling ( Kostenpotenzial vorhanden ohne Qualitätsverluste, Industrie macht das sehr professionell ), Personal und Einkauf ( Einkauf und Personalmanagement professionell planen ), Yield Management ( von den Airlines kann man sich hier viel abschauen ), Marketing 17

19 ( International schauen wie es die anderen machen ), Internationalisierung ( arbeiten weit internationaler ), Feedback Kultur ( Gast ist zentrale Innovationsquelle ) und Vertrieb ( Industrie stärker als Handel und Handel frisst Tourismus auf ). Die Bereiche, in denen die Industrie vom Tourismus lernen kann, sind überschaubar und beschränken sich auf mehr Kundennähe und Individualisierung/Flexibilität aufgrund der kleineren Betriebsgrößen. Zwei Befragte meinen auch, dass die Großen einfach zu groß sind und die Kleinen zu klein und dass es sich um völlig andere Welten handelt. Beim Thema Emotion meint ein Befragter, dass der Tourismus von der Automobilindustrie lernen kann, ein anderer umgekehrt, dass der Tourismus ein stark emotionales Produkt ist, bei dem sich die Industrie was abschauen kann. VERNETZUNGSMÖGLICHKEITEN Befragt nach Möglichkeiten der Vernetzung von Industrie und Tourismus im Sinne gemeinsamer Symbiosen und Synergieeffekte wird das Potenzial einer branchenübergreifenden Zusammenarbeit für die Wertschöpfung am Standort von der überwiegenden Mehrheit als sehr hoch eingeschätzt: In jeder Branche braucht es spezifisches Wissen. Stichwort: Open Innovation, der Zug der Zeit. Viele sagen sich noch: das erzähle ich niemanden, wie wir das machen, das ist streng geheim. Das Streng geheim ist aber vorbei. Wichtig ist jetzt Offenheit. Im Endeffekt ist das Hotel wenn man die Ausstattungsmerkmale hernimmt - eine Ausstellungsfläche. Kooperiert man mit branchenfremden Unternehmen, dann bekommt man oft viele gute Inputs, weil sie einen anderen Blickwinkel haben. 18

20 Lernen kann man durch andere Branchen und andere Länder, wenn man für das offen ist. Man kann von verschiedenen Ländern extrem viel mitnehmen. Dadurch dass Europa so unterschiedlich aufgestellt ist und so unterschiedlich denkt, kann man aus jedem Land bzw. aus jeder der vier Großregionen etwas mitnehmen. Es wird aber auch deutlich, dass einige Branchen beschränktere Möglichkeiten haben als andere. Nachfolgend die konkret genannten Ideen und Anregungen zur diagonalen, horizontalen und vertikalen Vernetzung: 1 Bewusstseinsbildung für indirekte Wertschöpfung der Branchen ( als gemeinsame Wertschöpfungskette auftreten, das ist förderungswürdig, Modell transferieren, regionale Betrachtung; exportfähig ; Branchen gar nicht abgrenzbar ; ist immer Geben und Nehmen ) 2 Vernetzungsmanagement ( braucht jemand, der Vernetzung im Open Space vorantreibt, eine gemeinsame Projektentwicklung ; Vernetzung muss wer als Mittler vorantreiben, sehe hier sogar privatwirtschaftliches neues Geschäftsfeld für Vernetzungsmanager zwischen Branchen ;) 3 Preise und Förderungen zur Stimulation ( Vernetzungsmöglichkeiten sind nicht ausgeschöpft ; Anreize schaffen ;) 4 Branchenübergreifende Plattform zur Vernetzung und strategischen Entwicklung der Region ( muss abgehoben von Basis sein ; Regionale Player holen und Strategien entwickeln und verfolgen ; fehlt Verknüpfung zwischen Hotellerie und Seilbahnen: es gibt Inventar und Benutzerprofil und daraus wird Masterplan für Destinationsentwicklung abgeleitet; Innovationszentrum mit Querdenkern ;) 19

21 5 Regionalität fördern und vermarkten ( Lebensmittelhandeltaugliche regionale Produkte sind noch nicht gastronomietauglich, Dialog mit Gastronomie da, mit Industrie nicht ; in der Regionalität und der Entschleunigung liegt unsere große Chance ; das Spezifische der Regionen vermarkten ;) 6 Gesundheit und Tourismus ( Die Gesundheit ist unser Wachstumspotenzial ; sinnvolle Verknüpfung von Wellness, Gesundheit und Tourismus ; Hotels als Lernwelten für Ernährung und Gesundheit ; Entschleunigung und Regionalität auf allen Ebenen, das ist die Zukunft ;) 7 Neue Mobilität gemeinsam entwickeln ( geht um kurze Wege für den Kunden ; An- und Abreise mehr strukturieren ; Flughafen mehr miteinbeziehen ; neue Mobilitäten, bspw. e- bikes ;) 8 Event- und Veranstaltungsbereich gemeinsam nutzen ( kann man besser machen als win- win Situation für Tourismus und Industrie ; liegt noch viel Potenzial brach; ) 9 Cross Marketing ( haben wir in Amerika gemacht, funktioniert wunderbar ; Schiproduzenten und Hotels zum Beispiel ; Riedel könnte auf Verpackung Region Kufstein bewerben ;) 10 Industriekunden für Tourismus nutzen ( verbinden ausländische Kundenbesuche immer mit Arbeitsteil und Freizeitteil, zeigen Tirol um sie emotional abzuholen und zu binden ; viele Kunden kommen wegen Besprechung nach Tirol, hängen paar Tage an oder kommen mit Familie wieder in Urlaub zurück ; Industrie kann touristische Attraktionen bei Geschäftskontakten einbauen ;) 20

22 11 Hotelgäste für Wirtschaft interessieren ( Bieten Kurhotels in der Region Führungen und Vorträge in unserem Unternehmen an, so kommen wir oft zu Entscheidungsträgern ; legen Flyer in ausgewählten Hotels auf und suchen diese aktiv aus ;) 12 Branchenübergreifende Führungskräfteschulungen ( ohne fachliche Kompetenzen muss das sein, bspw. soziale Fähigkeiten, bringt Vernetzung ;) 13 Schulungen und Meetings außer Haus ( Industrie und auch Handel und Dienstleistungen könnten Schulungen wieder nach außen verlagern, beidseitige win- win Situation, da Mitarbeiter mehr motiviert ; warum müssen meetings immer in Büros stattfinden? ;) 14 Gemeinsame Mitarbeiterschulungen für KMUs im Tourismus ( kann man vielleicht alternierend in den Betrieben machen; fördert Kooperationen ;) 15 Internationale Kontakte der Universität nutzen ( Universität bringt viele internationale Forscher und macht Tagungen, Tourismus mehr einbinden ;) 16 Ausstellungsfläche Hotel ( Hotel kann Ausstattung verkaufen, bei uns fragen viele wer das gemacht hat, aber für KMUs schwieriger ;) 17 Hotelsymbiosen bilden zur Erweiterung des Angebots für Kunden ( Jedes Hotel bietet seine Spezialisierung an, Tirol noch zu wenig offen ;) 18 Unterstützung bei Messeauftritten ( Internationale Betriebe können das positive Image Tirols repräsentieren ; sind immer mit Tirol Logo unterwegs ; Tirol Sakko tragen ) 19 Gemeinsame Akquisen ( treten auf Messen gemeinsam mit Mitbewerber auf; Zeitaufwand und finanzielle Mittel werden reduziert ; Branchen mehr verknüpfen und Sommer und Winter und gemeinsame Auftritte ;) 21

23 20 finanzielle Begünstigungen für Standortbewerbung ( Steuererleichterung oder Kostenbeiträge für Unternehmen wäre wünschenswert für Bewerbung des Standortes, bspw. mit Prädikat, nach außen ;) Es gibt auch vereinzelt kritische Meinungen, die sich bspw. bei Industriekunden auf die Zeitpläne bei Meetings und Flugpläne beziehen und generell auf fehlende Vernetzungsmöglichkeiten der eigenen Branche. Auch von diesen wird betont, dass sich prinzipiell gerne vernetzen, im eigenen Bereich aber leider wenig Möglichkeiten sehen. 22

24 4.0 IMPLIKATIONEN Das Vernetzungspotenzial des Tourismus mit anderen Branchen wird als sehr hoch eingeschätzt. Es werden Möglichkeiten der Vernetzung zwischen Industrie und Tourismus aufgezeigt, aber insbesondere auch mit dem Handel- und Dienstleistungsbereich, mit der Architektur oder mit dem Immobilienbereich bieten sich Möglichkeiten an. Aus wirtschaftspolitischer Sicht gilt es das hohe Interesse der Branchen zu nutzen und zu stimulieren, was von den Wirtschaftsvertretern teils auch explizit gefordert wird. Es scheint, dass die Zeit für das Thema reif ist und die folgenden acht Maßnahmen können als Impulsgeber für die Unternehmen in Tirol und zum Ziel einer erhöhten Wertschöpfung für die ganze Region abgeleitet werden. 1 Bewusstseinsbildung für indirekte Wertschöpfung der Branchen (Beispiele aufzeigen) 2 Branchenübergreifende Themen (bspw. Entschleunigung, Convenience, Regionalität, Authentizität, Mobilität) aufgreifen und diskutieren (Vorträge, internationale Konferenzen) 3 Branchenübergreifende Workshops zur Ideenfindung und Projektentwicklung ( cross innovation ) 4 Branchenübergreifende Exkursionen zu Best Practice Beispielen auch in andere Länder und Kulturen 23

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